{"id":1618,"date":"2017-03-28T00:00:00","date_gmt":"2017-03-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/ein-leichtsinniges-spiel\/"},"modified":"2019-09-23T17:30:27","modified_gmt":"2019-09-23T15:30:27","slug":"ein-leichtsinniges-spiel","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/ein-leichtsinniges-spiel\/","title":{"rendered":"EIN LEICHTSINNIGES SPIEL"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1618?pdf=1618\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1618?pdf=1618\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Es scheint, als ob SZ-Journalist Christian Weber, als er beschloss, das rostige Perpetuum Mobile der Kritik an der &#8218;M\u00e4r vom edlen Wilden&#8216; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">erneut anzuwerfen<\/a>, nichts besseres zu tun hatte. Okay, okay \u2013 in der unwirtlichen Welt des Berufsjournalismus mag es weiterhin angebracht sein, \u00fcber Themen, denen die heimische Nestw\u00e4rme fehlt, vorsichtshalber so massiv dr\u00fcber zu b\u00fcgeln, dass am Ende nichts als eine M\u00e4r \u00fcbrig bleibt. Und vielleicht kann man sogar ein bisschen Verst\u00e4ndnis zeigen, wenn Journalist_innen auf diese Weise ihrem Broterwerb nachgehen m\u00fcssen. Die Frage ist allerdings, ob ein wissenschaftlich informierterer und sich selbst reflektierender Journalismus nicht die bessere Alternative w\u00e4re.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\"><!--more-->Ganz seltsam ist n\u00e4mlich, dass Christian Webers Artikel den mahnenden Fingerzeig auf die &#8218;M\u00e4r vom edlen Wilden&#8216; zum Anlass nimmt, dem Leser jene &#8218;Exotika&#8216; und vermeintlichen kulturellen Absonderlichkeiten explizit vor Augen zu f\u00fchren, vor deren Unheil er vorderhand warnen m\u00f6chte. Mit dieser doppelb\u00f6digen Rhetorik, die genau das in den gesellschaftlichen Imaginationsraum ejakuliert, was sie vorgeblich aus ihr exorzieren m\u00f6chte, steht Christian Weber in einer langen Tradition. Schon in den bildenden Darstellungen der sieben Tods\u00fcnden im Mittelalter, wie etwa bei Hieronymus Bosch oder bei Pieter Brueghel dem \u00c4lteren, hatte die Versinnbildlichung immer auch eine sinnliche, wenn nicht pornographische Komponente. Sie verlieh der S\u00fcnde ein Gesicht und einen K\u00f6rper, f\u00fchrte den Menschen in graphischem Detail diejenigen Handlungen vor, die von ihnen <em>nicht <\/em>ausgef\u00fchrt werden sollten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Hierin liegt das Paradoxon des Artikels von Christian Weber. Zu Recht merkt er an, dass die Exotisierung des Fremden den Blick verstellt und nicht dazu f\u00fchren darf, dass die Urteilskraft verloren geht. Doch durch die Art der Darstellung eignet sich Christian Weber eine aus der westlichen Ideengeschichte altbekannte Funktion der &#8218;M\u00e4r vom (edlen) Wilden&#8216; an \u2013 den moralischen Lustschmerz. Die Kritik am Exotismus bietet ihm hier n\u00e4mlich einen schl\u00fcpfrigen Vorwand, die von Lustschmerz getragenen Imaginarien der Leser_innen zu Hexerei, Sexualit\u00e4t, Unreinheit, Gewalthandlungen und K\u00f6rpermodifikationen zum Schwingen zu bringen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Man kann von Jimmy Nelsons Fotografien halten, was man will, und ihre Entstehungsgeschichte ist zweifelsohne einer kritischen Betrachtung w\u00fcrdig. Doch w\u00e4hrend die Dargestellten auf den Fotografien als selbstbewusste Personen mit ihrer je eigenen menschlichen W\u00fcrde erscheinen, werden sie in Christian Webers Artikel zur &#8218;M\u00e4r vom edlen Wilden&#8216; in einen Kontext geworfen, der holzschnitzartig das Gegenbild evoziert und sie in das lustvolle Spiel des Autors mit der M\u00e4r vom barbarischen Wilden verstrickt. Ein leichtsinniges Spiel im doppelten Sinne des Wortes. Sicherlich h\u00e4tte es besseres zu tun gegeben.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[150],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1618","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-thomas-kirsch"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1847,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1618\/revisions\/1847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1618"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}