{"id":1617,"date":"2017-03-21T00:00:00","date_gmt":"2017-03-20T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/was-kann-die-soziologie-von-der-ethnologie-lernen\/"},"modified":"2020-07-07T17:21:25","modified_gmt":"2020-07-07T15:21:25","slug":"was-kann-die-soziologie-von-der-ethnologie-lernen","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/was-kann-die-soziologie-von-der-ethnologie-lernen\/","title":{"rendered":"WAS KANN DIE SOZIOLOGIE VON DER ETHNOLOGIE LERNEN?"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1617?pdf=1617\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1617?pdf=1617\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>In der Debatte in diesem Blog ist im Prinzip das Wichtigste schon gesagt. Es geht der Ethnologie nicht darum, Praktiken zu legitimieren, die aus einem modernen menschenrechtlichen Perspektive als unmenschlich und gewaltsam abzulehnen sind, wie z.B. brachiale k\u00f6rperliche Eingriffe. Vielmehr geht es darum, solche Praktiken aus dem Sinnzusammenhang heraus zu verstehen, in dem sie als notwendig erscheinen. Das braucht nicht wiederholt zu werden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Wichtig ist aber noch etwas anderes. Wir Nachbardisziplinen, wie etwa die Soziologie, k\u00f6nnen von der Ethnologie lernen \u2013 die Distanz zur modernen Gesellschaft. Nur eine solche Distanz erm\u00f6glicht n\u00e4mlich die Erkenntnis unserer Gesellschaft. Ich verdeutliche dies anhand des Lernprozesses, in den mich die Auseinandersetzung mit Maurice Leenhardt gest\u00fcrzt hat. Seine Ethnographie \u00fcber Neukaledonien ist ein sch\u00f6nes Beispiel, wie weit man sich von dem modernen Zugang zur Welt entfernen kann.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Maurice Leenhardt, einer der gro\u00dfen Vergessenen des Faches Ethnologie, war f\u00fcr 25 Jahre auf Neukaledonien und hat dort als ein ethnologisch reflektierter Missionar gewirkt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>\u201eAls ich einmal den im Denken der Kanaken, die ich lange Jahre unterrichtet hatte, erreichten Fortschritt ermessen wollte, wagte ich eine Suggestivfrage:<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>Im gro\u00dfen und ganzen ist es doch die Vorstellung vom Geist, die wir in euer Denken getragen haben?<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>Und er erwiderte:<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>Der Geist? Bah! Ihr habt uns nicht den Geist gebracht. Wir kannten schon das Vorhandensein des Geistes. Wir verfahren nach dem Geist. Aber was ihr uns gebracht habt, das ist der K\u00f6rper\u201c (Leenhardt 1947\/1983: 215f).<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Das ist ein Dialog aus der Ethnographie \u201eDo Kamo\u201c des Ethnologen und Missionars Maurice Leenhardt, der ca. 25 Jahre auf Neukaledonien verbracht hat. Dieser Dialog bezieht sich darauf, wie die Person in Neukaledonien verstanden und gelebt wird.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Leenhardt zufolge gab es auf Neukaledonien vor der franz\u00f6sischen Missionierung und Beschulung keine individuelle Personen in einem modernen Verst\u00e4ndnis. Vielmehr waren die leiblichen Akteure in ein Geflecht von Beziehungen eingebunden, in dem nicht einzelne miteinander in Kontakt traten, sondern Replikate von Gruppenelementen die mit den Replikaten von anderen Gruppen in Beziehung traten. Die Gruppe der Vettern steht etwa mit der Gruppe der Basen in einer durch die Gruppenzugeh\u00f6rigkeit definierten Beziehung. Demzufolge identifizieren sich leibliche Akteure mit der Struktur von Beziehungen, in die sie durch ihre Gruppenzugeh\u00f6rigkeit geh\u00f6ren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Diese Ordnung erf\u00e4hrt einen dramatischen Wandel durch Missionierung und Beschulung, d.h., die Konfrontation mit einem modernen Wissen \u00fcber die kontinuierlich dreidimensionale Ausdehnung des Raums, die Ordnung der messbaren Zeit und damit zusammenh\u00e4ngend \u00fcber den europ\u00e4isch-nat\u00fcrlichen dreidimensional ausgedehnten K\u00f6rper. Das neue Wissen er\u00f6ffnet f\u00fcr leibliche Akteure eine neue Identifikationsm\u00f6glichkeit. Statt die leiblichen Vollz\u00fcge als Vollz\u00fcge von dauernden Beziehungen zu erleben, k\u00f6nnen sie nun als Vollz\u00fcge eines individuellen K\u00f6rpers erlebt werden. Wenn leibliche Akteure beginnen, sich mit ihrem K\u00f6rper zu identifizieren, identifizieren sie sich bzw. werden identifiziert mit einem isolierten Gegenstand im Raum. Damit geht die M\u00f6glichkeit verloren, sich als Teil von Beziehungen zu erleben. Vielmehr werden die leiblichen Akteure zu solchen, die einen K\u00f6rper haben und deshalb ein Individuum sind. Leenhardt zufolge war die Identifikation mit dem dreidimensional ausgedehnten K\u00f6rper, der isoliert eine Stelle im Raum einnimmt, die Bedingung der Individualisierung auf Neukaledonien.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Bezug auf die Ethnologie lehrt, dass es Vergesellschaftungsformen gibt, die dividualisierend verfahren und solche, n\u00e4mlich unsere eigene, die individualisierend verfahren. Dividualisierung hei\u00dft, die Beteiligten erleben sich als Elemente von Beziehungen. Individualisierung hei\u00dft, die Beteiligten erleben sich als getrennte Individuen, die in Beziehungen eintreten k\u00f6nnen. Beides ist m\u00f6glich. Was man als Soziologin von der Ethnologie lernen kann, ist also: Wir m\u00fcssen Konzepte entwickeln, die es erlauben, Dividualisierung und Individualisierung in gleicher Weise als m\u00f6gliche Formen des Sozialen zu analysieren. Das tun aber die wenigsten KollegInnen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Stattdessen herrscht in meinem Fach das Vorurteil vor, wonach Menschen eigentlich Individuen sind. In einigen Gesellschaften wird dies nur nicht richtig bemerkt, deshalb bed\u00fcrfen sie der Aufkl\u00e4rung und dann werden sie auch nat\u00fcrliche Individuen, die ihren eigenen Nutzen verfolgen. Die wissenschaftlich anspruchsvollere Haltung besteht darin, die eigenen Grundkonzepte herausfordern zu lassen \u2013 etwa durch die Ethnographie von Leenhardt \u2013 und zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wenn man sich darauf einl\u00e4sst, wird ein neuer Blick auf den modernen Individualismus m\u00f6glich. War es auch in Europa der Bezug auf den K\u00f6rper, der die Menschen in einer modernen Weise individualisierte? Wenn man eine solche Fragestellung riskiert, stellt sich der \u00dcbergang in die Moderne in Europa in der Sattelzeit (1750-1850) in einer anderen Weise dar. Man kann n\u00e4mlich feststellen, dass es einen \u00dcbergang von einem christlichen Seelenindividualismus hin zu einem modernen K\u00f6rperindividualismus gab (Lindemann 2014: Kap. 5). Die Seelen waren unsterblich, hatten einen freien Willen, der z.B. auch durch die Folter nicht grunds\u00e4tzlich kompromittiert werden konnte. Nur deshalb war die Folter im vormodernen Europa ein anerkanntes Mittel der Wahrheitsfindung (Lindemann 2014: 312ff). Erst im \u00dcbergang zu Moderne, also in der Sattelzeit wandelte sich der Seelenindividualismus hin zu einem K\u00f6rperindividualismus. Ab jetzt war nicht mehr die unsterbliche Seele die Bedingung des freien Willens, vielmehr steckte der freie Wille im K\u00f6rper und wurde dadurch zu einem nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine solche Einsicht ist zentral f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der modernen Ordnung. Diese ist nicht nur eine soziale Ordnung, sondern auch eine Ordnung von Raum und Zeit. Dass es einen K\u00f6rper im Sinne unseres modernen Verst\u00e4ndnisses gibt, ist ein Ph\u00e4nomen, welches das Verst\u00e4ndnis des Sozialen pr\u00e4gt. Der K\u00f6rper im modernen Sinn ist aber nicht m\u00f6glich, ohne eine passende Ordnung von Raum und Zeit. Wenn wir uns dar\u00fcber lustig machen, dass andere so abergl\u00e4ubisch sind, dass sie etwa an Geister glauben, setzen wir automatisch ein modernes Verst\u00e4ndnis von Raum und Zeit voraus, d.h. ein Verst\u00e4ndnis, das nur einen messbar ausgedehnten Raum und eine messbare Zeit kennt. Bislang ist es noch niemandem gelungen die GPS-Daten von Geistern bzw. reinen Seelenwesen anzugeben. Mit der Durchsetzung der neuen Ordnung von Raum und Zeit wurde allen Geistwesen ihr Existenzraum genommen. Wenn man sich genauer auf die Ethnologie einl\u00e4sst, stellt man fest, dass dies nicht die einzigen m\u00f6glichen Formen sind, in denen Raum und Zeit geordnet sein kann. Es gibt Formen qualitativer Ausdehnung des Raums, bzw. Formen der zeitlichen Dauer, die eine Ordnung charakterisieren, in der problemlos Geister und Seelenwesen erfahren werden k\u00f6nnen. Die darin gemachten Erfahrungen sind \u00e4u\u00dferst real. Sie halten z.B. kriegf\u00fchrende Gruppen davon ab, in diejenigen Gegenden vorzudringen, in denen die Geister der Erschlagenen erwartet werden (Lindemann 2014: 305f). Erneut stellt sich die Herausforderung allgemeine Konzepte von Raum und Zeit zu entwickeln, die auch andere Ordnungen verst\u00e4ndlich machen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die moderne Ordnung ist nicht nur eine Sozialordnung mit K\u00f6rperindividuen, sondern auch eine Ordnung von Raum und Zeit. Wenn man dies erkannt hat, kann man ermessen, welche Ver\u00e4nderungen uns durch die modernen Netztechnologien bevorstehen. Die leiblichen Akteure, die Leenhardt begegneten, waren keine Individuen, weil sie aufgel\u00f6st waren in ein Geflecht von Gruppenbeziehungen. Die Herausl\u00f6sung aus solchen Beziehungsgeflechten erfolgte auch in Europa \u00fcber den K\u00f6rper \u2013 wir wurden zu K\u00f6rperindividuen. Die gegenw\u00e4rtige Technologisierungswelle f\u00fchrt uns nun in eine Situation, in der die leiblichen Beteiligten mit der Zumutung konfrontiert werden, sich nicht mehr mit ihrem dreidimensional ausgedehnten K\u00f6rper zu identifizieren, sondern mit den technisch hergestellten Datenrelationen, die im Netz von ihnen gespeichert werden. Leibliche Akteure identifizieren sich nicht mehr bzw. nicht mehr nur mit dem K\u00f6rper, sondern mit ihrer gespeicherten Existenz im Netz, mit ihrer \u201eNexistenz\u201c (Lindemann 2015). Das f\u00fchrt auf eine gespaltene Situation. Zum einen ist die Bedingung f\u00fcr die digitalen Steuerungstechnologien, dass die messbare Raumzeit, die \u201edigitale Raum-Zeit\u201c allgemein durchgesetzt ist. Ohne diese k\u00f6nnten weder Computer noch das Internet der Dinge funktionieren. Andererseits werden die leiblichen Akteure auf ihre Nexistenz bzw. auf die online zug\u00e4nglichen Angebote hin orientiert. Man muss sich nicht mehr im Raum orientieren k\u00f6nnen, wenn man sich strikt auf den Nahraum und google-maps fokussiert. Ich werde dar\u00fcber informiert, welche Spuren es im Netz von mir gibt und mit wem ich dadurch in ein Verh\u00e4ltnis gesetzt bin. \u201eLeute wie ich besuchen in dem Stadtteil, durch den ich gerade gehe, diese und jene Orte.\u201c So werde ich anhand der Datenrelationen gef\u00fchrt und ohne Zwang verlasse ich meine individualistische Position zugunsten meiner an Datenrelationen orientierten Nexistenz. Vielleicht wird diese neue Ordnung frei sein von den zerst\u00f6rerischen Ausw\u00fcchsen des Individualismus \u2013 etwa dem massenhaften individuellen Autoverkehr -, vielleicht wird die neue Ordnung schrecklich sein, weil die Idee individueller Freiheit keinen Raum mehr hat. Ganz unabh\u00e4ngig von einer moralischen Bewertung ist es jedoch wahrscheinlich, dass diese Ordnung eine andere sein wird als die Ordnung der K\u00f6rperindividuen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Auseinandersetzung mit der Ethnologie hilft, um sich von unserer Gegenwart so weit zu entfernen, dass wir sie erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<p>Leenhardt, Maurice (1947\/1983) <em>Do kamo. Die Person und der Mythos in der melanesischen Welt<\/em>, Frankfurt\/Main, Berlin, Wien<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Lindemann, Gesa (2014) <em>Weltzug\u00e4nge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen<\/em>, Weilerswist: Velbr\u00fcck Wissenschaft<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Lindemann, Gesa (2015) Die Verschr\u00e4nkung von Leib und Nexistenz, S. 41-66, in: S\u00fcssenguth, Florian (Hg.) <em>Die Gesellschaft der Daten &#8211; \u00dcber die digitale Transformation der sozialen Ordnung<\/em>, Bielefeld: transcript (im Druck)<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[151],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1617","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-gesa-lindemann"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1617","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5022,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1617\/revisions\/5022"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1617"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}