{"id":1615,"date":"2017-03-03T00:00:00","date_gmt":"2017-03-02T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/von-unterschieden-unterscheidungen-und-politisch-motivierten-relativierungen\/"},"modified":"2020-07-07T16:07:02","modified_gmt":"2020-07-07T14:07:02","slug":"von-unterschieden-unterscheidungen-und-politisch-motivierten-relativierungen","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/von-unterschieden-unterscheidungen-und-politisch-motivierten-relativierungen\/","title":{"rendered":"VON UNTERSCHIEDEN, UNTERSCHEIDUNGEN UND POLITISCH MOTIVIERTEN RELATIVIERUNGEN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1615?pdf=1615\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1615?pdf=1615\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Worum geht es hier und warum lohnt es sich, dar\u00fcber zu diskutieren? Ein uninformierter Wissenschaftsjournalist, der an anderer Stelle<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> von sich behauptet, den akademischen Betrieb als eine Art Dolmetscher kritisch zu beobachten, und gerne \u201egro\u00dfe, tiefe Geschichten\u201c schreiben m\u00f6chte, wie sie bei der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung <\/em>noch m\u00f6glich seien, ver\u00f6ffentlicht einen oberfl\u00e4chlichen, uninformierten und verquasten Artikel. In diesem vermischt er seine Kritik an dem exotisierenden Bildband eines britischen Foto- Journalisten, der anhand bewusst inszenierter Portr\u00e4ts von J\u00e4gern und Kriegern vor dem Aussterben \u201eindigener V\u00f6lker\u201c warnen will, mit einer Kritik am akademischen Wirken der Ethnologie, die immer noch recht gut darin sei, \u201esolche Praktiken\u201c aus der inneren Logik dieser Gesellschaften zu erkl\u00e4ren. Mit \u201esolchen Praktiken\u201c meint der Autor \u201eabscheuliche Gewohnheiten\u201c wie das Tragen von Lippentellern, vor allem aber traditionslegitimierte Gewalthandlungen wie die Altent\u00f6tung oder die Genitalverst\u00fcmmelung. Da das eine, der kitschige Fotobildband, nichts mit dem anderen, der Ethnologie, zu tun hat, k\u00f6nnte man die ganze Angelegenheit schnell in der Schublade \u201aunprofessioneller Journalismus\u2018 ad acta legen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Aus mindestens zwei Gr\u00fcnden ist die bisher gef\u00fchrte Diskussion jedoch durchaus interessant, denn sie verweist, wie schon <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/ethnologie-und-oeffentlichkeit-oder-die-kunst-zwischen-den-stuehlen-zu-sitzen\/\">Matthias Krings vor zwei Wochen<\/a> in seinem Beitrag zu diesem Blog vor Augen f\u00fchrte, auf zwei empfindliche Stellen, an denen die Fachvertreter_innen das Selbstverst\u00e4ndnis des Faches in Frage gestellt sehen. Ich folge hier seiner Argumentation und erweitere diese um eigene \u00dcberlegungen. Zum einen reagieren Ethnolog_innen \u00e4u\u00dferst sensibel auf jene mediale Aufmerksamkeits\u00f6konomien, in denen die Ethnologie f\u00fcr Darstellungen von Traditionalismen und R\u00fcckst\u00e4ndigkeiten herhalten muss, ohne dass man sich mit den eigentlichen Forschungsfeldern des Faches befassen w\u00fcrde. Hinter dem \u00e4u\u00dferst problematischen popul\u00e4ren Bild der Ethnologie in der \u00d6ffentlichkeit liegt meines Erachtens ein tiefergehendes Kommunikationsproblem zwischen Ethnolog_innen, die anhand ihrer Forschungen auf die Komplexit\u00e4t kultur- und gesellschaftsspezifischer Zusammenh\u00e4nge verweisen m\u00f6chten, und jenen Medienexpert_innen, die im Kontakt mit Ethnolog_innen eine Best\u00e4tigung primitivistischer und populistischer Imaginationen des Fremden suchen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Erst vor Kurzem wurde ich von einem franz\u00f6sischen Journalisten angefragt, der f\u00fcr eine arte-Dokumentarfilmreihe \u00fcber \u201atraditionelle Liebe\u2019 in verschiedenen Weltregionen auf der Suche nach wissenschaftlicher Begleitung war. Neben zeit\u00f6konomischen Gr\u00fcnden f\u00fchrte vor allem seine l\u00e4ngst getroffene Fokussierung auf \u201avormoderne\u2019 Paarkonstellationen im traditionellen, l\u00e4ndlichen Raum zu meiner Absage. Da Wissenschaft kein Dogma sein kann, ist anzunehmen, dass der Journalist, der immerhin f\u00fcr eine \u00e4u\u00dferst renommierte Fernsehanstalt arbeitet, an anderer Stelle f\u00fcndig werden wird, um seine Darstellung durch \u201awissenschaftliche\u2019, evtl. sogar ethnologische Begleitung absegnen zu lassen. In dieser Hinsicht ist tr\u00f6stlich, dass \u201adie Anderen\u2019 durchaus in der Lage sind, sich zu artikulieren. Der eingangs erw\u00e4hnte Bildband von Jimmy Nelson, der Anlass zu der hier gef\u00fchrten Diskussion gab, wurde schon vor drei Jahren deutlich von Indigenen-Organisationen kritisiert, weil er lediglich die exotistischen Fantasien des Fotografen abbildete.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der zweite Grund f\u00fcr die empfindliche Reaktion des Faches ist komplexer. Er h\u00e4ngt mit den \u201aabscheulichen Gewohnheiten\u2019 zusammen, die der Journalist anprangern m\u00f6chte. Und vielleicht trifft er ja damit einen Nerv. Wie gehen wir eigentlich damit um, wenn jene, \u00fcber die und mit denen wir arbeiten, gewaltt\u00e4tig handeln und damit Menschenrechtsverletzungen begehen? Der Autor nennt einige Beispiele, und daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer Konstellationen, in denen Ethnolog_innen als \u201aKulturexperten\u2019 aufgefordert sind, sich zu so genannten \u201aKulturdelikten\u2018 zu \u00e4u\u00dfern. In Zeiten wie jetzt, in denen \u201adas Fremde\u2019 anderer Lebensweisen politisch aufgeladen wird, um rechtspopulistische Xenophobien zu untermauern, f\u00e4llt es mitunter schwer, abw\u00e4gende, komplexit\u00e4tssteigernde Er\u00f6rterungen einer Problemkonstellation durchzusetzen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Versuchshalber sei hier auf ein \u00e4u\u00dferst sensibles Thema verwiesen, das in dem betreffenden (und eigentlich kaum erw\u00e4hnenswerten) Artikel genannt wird \u2013 die operative Ver\u00e4nderung der weiblichen Genitalien (siehe auch Passagen im <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/das-gespenst-des-kulturrelativismus\/\">Beitrag Cora Benders<\/a> zu diesem Blog). Richtig: In den 1970er Jahren waren es vorwiegend die Vertreterinnen einer feministischen Ethnologie, in Arbeitsteilung mit zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die sich ausf\u00fchrlich mit diesem vor allem, aber keineswegs nur, in muslimischen L\u00e4ndern<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> verbreiteten Ph\u00e4nomen befassten und sich darum bem\u00fchten, die ihm zugrundeliegenden geschlechter- und generationenspezifischen Machtbeziehungen oder ihre sozio-symbolische Bedeutung zu verstehen und mit ihren Arbeiten zu einem kritischen Bewusstsein beizutragen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ging es auch damals nicht darum, ein solches Handeln zu verteidigen oder gar zu rechtfertigen. Letzten Endes f\u00fchrten jedoch auch massiver internationaler Druck und nationale Verbote sowie umfangreiche Gesundheits- und Aufkl\u00e4rungskampagnen keineswegs zum R\u00fcckgang der Praxis, im Gegenteil: Heute wird die Genitalmodifikation, -beschneidung oder -verst\u00fcmmelung<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> auf allen f\u00fcnf Kontinenten durchgef\u00fchrt und dies in einigen Regionen mit steigender Tendenz.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Mitnichten handelt es sich dabei, wie in dem schon zuvor kritisierten Artikel erw\u00e4hnt, ausschlie\u00dflich um \u201akleine isolierte V\u00f6lker\u2019. Auch in Europa oder Nordamerika sieht sich das medizinische Personal von Sch\u00f6nheitskliniken immer h\u00e4ufiger mit Anfragen nach einer irreversiblen Genitalmodifikation konfrontiert. Dabei wird jedoch unterschieden, und zwar nicht nur zwischen einzelnen Varianten der \u00e4sthetischen Genitalchirurgie, sondern vor allem zwischen zwei unterschiedlichen Klienteltypen: Zum einen suchen Migrant_innen, in deren Herkunftsl\u00e4ndern die Genitalbeschneidung g\u00e4ngig ist, die Kliniken auf, um eine Operation \u2013 an sich selbst oder ihren Kindern \u2013 unter angemessenen hygienischen Standards durchf\u00fchren zu lassen. Zum anderen gibt es auch unabh\u00e4ngig von vorausgegangener Migration immer mehr Menschen, M\u00e4nner wie Frauen, die ihre Genitalien, die sie als ambivalent, \u201aunnat\u00fcrlich\u2019 oder un\u00e4sthetisch empfinden, im Zuge einer medizinischen Operation anpassen lassen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Vor allem im Zusammenhang mit physisch diagnostizierter Geschlechterambiguit\u00e4t sind chirurgische Eingriffe schon seit langem \u00fcblich. Lange Zeit geschah dies in aller Regel im S\u00e4uglingsalter \u00fcber die K\u00f6pfe der Betroffenen hinweg, wenn Eltern und \u00c4rzte ihnen zu mehr \u201aEindeutigkeit\u2019 verhelfen und damit ihr anzunehmendes psychisches Leiden lindern wollten. Im Zusammenhang mit einem allgemeinen Trend zu K\u00f6rpermodifikationen, der sich auch an T\u00e4towierungen, Skarifizierungen, Piercings oder Implantaten \u00e4u\u00dfern kann, suchen \u00fcberdies zunehmend mehr Frauen einen Chirurgen auf, um sich die Schamlippen, die Klitoris oder den Anus operativ anpassen zu lassen. Ein solcher Eingriff, auch als \u201eNymphoplastie\u201c bezeichnet, wird mitunter auch von Minderj\u00e4hrigen erw\u00fcnscht.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Vergleichbar mit einer Brustvergr\u00f6\u00dferung oder -verkleinerung unterst\u00fctze er den Bef\u00fcrwortern zufolge das Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein dieser Frauen, die ihren K\u00f6rper als unzureichend empfinden und sich eine h\u00f6here sexuelle Attraktivit\u00e4t w\u00fcnschen. Die spanische Rechtsanthropologin Maria Catarina La Barbera schreibt hierzu:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>\u201eAlthough it is believed that African women undergo ritual female genital cuttings because of their low level of education, Western women increasingly undergo painful and health hazardous cosmetic surgery in spite of their high level of education and their \u2018liberated\u2019 way of life. Cosmetic genital surgery, such as hymen repair, vaginal tightening, clitoral hood removal (clitorodomy), lifting, and reduction of the labia, are increasingly performed for non-therapeutic reasons. Substantially, they do not differ from ritual female genital cuttings, apart from being performed in hospitals and being performed for enhancing sexual pleasure, rather than for celebrating a traditional rite\u201d (La Barbera 2009: 495).<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Versuch, die verschiedenen Varianten voneinander zu unterscheiden, konzentriert sich vor allem auf zwei Kriterien: die M\u00f6glichkeiten der Einwilligung und die Folgen f\u00fcr die Sexualit\u00e4t der beschnittenen Person. Mittels eines systematischen Vergleichs zeigt Th\u00e9odore Bennett, dass anhand dieser Kriterien keine eindeutige Unterscheidung m\u00f6glich sei. Beide Varianten, kosmetische Chirurgie und Genitalbeschneidung, enthalten ihm zufolge sowohl Indizien f\u00fcr eine unfreiwillige Unterwerfung unter normative K\u00f6rperstandards und m\u00f6gliche negative Folgen f\u00fcr die sexuelle Empfindsamkeit als auch Indizien f\u00fcr ein h\u00f6heres Ma\u00df an sexueller Identit\u00e4t und Befreiung.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Sch\u00e4digend seien sie jedoch eindeutig auf gesellschaftlicher Ebene, da die Akteurinnen zu Komplizinnen disziplinierender Handlungen werden, indem sie die Normativit\u00e4t einer \u201epatriarchal cultural machinery\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> best\u00e4tigen und damit fortschreiben (siehe hierzu ebenfalls den <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/das-gespenst-des-kulturrelativismus\/\">Blog-Beitrag von Cora Bender<\/a>).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine Reihe weiterer Arbeiten beleuchtet den doppelten Standard, mit dem beide Formen der \u00e4sthetischen Genitalmodifikation auch auf politischer und rechtlicher Ebene wahrgenommen und behandelt werden. Die rechtlichen Verbote, die in zahlreichen L\u00e4ndern seit den 1980ern durchgesetzt wurden, unterscheiden nicht zwischen Motiven, Risiken, Umst\u00e4nden, dem Alter oder der Reife der Person, deren Einverst\u00e4ndnis oder Autonomie. Daher w\u00fcrden eigentlich auch Praktiken wie die Entfernung der Vorhaut bei Muslimen und Juden oder die Nymphoplastie unter dieses Verbot fallen \u2013 de facto werden werden diese jedoch als Ausnahmen markiert, damit sie nicht strafrechtlich verfolgt werden m\u00fcssen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Obwohl die verschiedenen Varianten der K\u00f6rpermodifikation in ihrer medizinischen Praxis vergleichbar sind und mit \u00e4hnlichen medizinischen Komplikationen einhergehen k\u00f6nnen, obwohl sie einem vergleichbaren anatomischen Konformismus entsprechen, der kulturelle, normative und hegemoniale Konzeptionen des K\u00f6rpers und Sexualit\u00e4t fortschreibt, wird die Nymphoplastie als Ausdruck einer evtl. skurrilen, in jedem Fall aber individuellen Autonomie und die Genitalbeschneidung bei \u201aFrauen mit Migrationshintergrund\u2019 als Ausdruck patriarchaler Unterdr\u00fcckung gewertet.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es geht mir an dieser Stelle weder darum, gewaltt\u00e4tiges Handeln zu banalisieren und das Recht von M\u00e4dchen, Frauen oder auch M\u00e4nnern zu hinterfragen, sich gegen Eingriffe in ihre K\u00f6rper zur Wehr zu setzen, noch geht es mir darum, k\u00f6rper\u00e4sthetische Bed\u00fcrfnisse, egal wo sie sich artikulieren, zu diffamieren. Es geht mir vielmehr darum, auf die widerspr\u00fcchlichen Bewertungsstandards hinzuweisen. Eine gr\u00fcndliche Lekt\u00fcre der einschl\u00e4gigen Literatur, die nicht nur von Ethnolog_innen, sondern auch von anderen Sozialwissenschaftler_innen angeboten wird,<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> verdeutlicht, dass wir es hier vor allem mit einer rassistischen Unterscheidung zwischen den Handlungen am K\u00f6rper der Migrantin zu tun haben, die als Opfer vor der Barbarei ihrer Kultur zu sch\u00fctzen sei, und der aufgekl\u00e4rten westlichen Frau, die ihren eigenen K\u00f6rper selbstbewusst entsprechend ihrer eigenen Ideale zu gestalten wei\u00df. Angesichts der hier diskutierten Frage, wie wir uns gegen\u00fcber den \u201aabscheulichen\u2019 Praktiken \u201aprimitiver V\u00f6lker\u2019 zu verhalten haben, wird deutlich, dass irrationales Handeln besonders gerne in der geographischen oder kulturellen Ferne gesucht und gefunden wird, obwohl Unterscheidungen zwischen \u201ahier\u2019 und \u201adort\u2019, \u201atraditionell\u2019 und \u201apostmodern\u2019 nicht funktionieren.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Wenn substanziell \u00e4hnliche Praxen g\u00e4nzlich unterschiedlich klassifiziert werden, muss letzten Endes reales Leid daf\u00fcr herhalten, die ideologische Unterscheidung zwischen unserer eigenen \u201awestlichen Kultur\u2018 und der \u201abarbarischen Tradition\u2019 der Anderen und damit die Differenz zwischen Eigenem und Fremden aufrecht zu erhalten.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es stimmt ja: Menschliches Verhalten ist nicht immer nur komplex, sondern h\u00e4ufig auch kompliziert, widerspr\u00fcchlich, manchmal skurril, \u201aabscheulich\u2019 und irritierend und oft schwer verst\u00e4ndlich. Vor allem ist es jedoch eins: erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Eine (selbst)kritische und reflexive Disziplin wie die Ethnologie ist daher unerl\u00e4sslich, um plurale Perspektiven auf \u201eeingeknotete Prozesse der Wirklichkeitsherstellung\u201c (Guido Sprenger in diesem Blog) zu erreichen, die sich mitunter schwer lokalisieren lassen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Letzlich k\u00f6nnen wir auf diese Weise auch uns selbst den Spiegel vorhalten, um das Zusammenspiel von K\u00f6rpernormen und Geschlechtlichkeit, deren institutionelle und gesundheits\u00f6konomische Rahmungen, die entsprechenden medialen Repr\u00e4sentationen und unterschiedliche politische und rechtliche Bewertungsstandards zu durchschauen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftskommunikation.de\/im-profil-christian-weber-2505\/\">https:\/\/www.wissenschaftskommunikation.de\/im-profil-christian-weber-2505\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/2014\/oct\/29\/jimmy-nelson-indigenous-people-survival-international\">https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/2014\/oct\/29\/jimmy-nelson-indigenous-people-survival-international<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Bennett 2012: 55.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Die Bezeichnung der Praxis ist hoch umstritten und Teil ihrer politisierten Siehe hierzu bspw. La Babera 2009: 487-489 oder Boddy 2007.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Bader 2016: 582, Bennett 2012: 53, Shell-Duncan &amp; Naik 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Danelzik 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Bader 2016: 583, Boddy 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Bennett 2012: 56-68.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> ebd: 66.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Danelzik 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ahmadu 2007, Bader 2016, Bennett 2012, Boddy 2007, 2016, Coulter 2005, Danelzik 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Siehe zum Kontinuum ritueller Verst\u00fcmmelung Boddy 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> La Barbera 2009: 486.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Zitierte Literatur<\/strong><\/h2>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>Ahmadu, F. 2007: Ain\u2019t I a woman, too? Challenging myths of sexual dysfunction in circumcised women. In: Hernlund, Y. und Shell-Duncan, B. (Hg.) 2007: Transcultural Bodies. Female Genital Cutting in Global Contexts. New Brunswick: Rutgers University Press: 278-310.<\/p>\n<p>Bader, D. 2016: Nationalisme sexuel: le cas de L\u2019excision et de la chirurgie esth\u00e9tique g\u00e9nitale dans les discours d\u2019experts en Suisse. In: Swiss Journal of Sociology 42 (3): 573-591.<\/p>\n<p>Bennett, T. 2012: Beauty and the Beast: Analogising Between Cosmetic Surgery and Female Genital Mutilation. In: Flinders Law Journal 14 (1): 49-68.<\/p>\n<p>Boddy, J. 2007: Gender Crusades. The Female Circumcision Controversy in Cultural Perspective. In: Hernlund, Y. und Shell-Duncan, B. (Hg.) 2007: Transcultural Bodies. Female Genital Cutting in Global Contexts. New Brunswick: Rutgers University Press: 46-66.<\/p>\n<p>Boddy, J. 2016: The normal and the aberrant in female genital cutting. Shifting paradigms. In: HAU. Journal of Ethnographic Theory. DOI: <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.14318\/hau6.2.008\">http:\/\/dx.doi.org\/10.14318\/hau6.2.008<\/a><\/p>\n<p>Coulter, C. 2005: Reflections from the Field: A Girl\u2019s Initiation Ceremony in Northern Sierra Leone. In: Anthropological Quarterly 78 (2): 431-441.<\/p>\n<p>Danelzik, M. 2014: Racialized body modifications \u2013 framing genital mutilation, cosmetic surgery and gender assignment surgery. In: Networking Knowledge 7 (3): 21-39.<\/p>\n<p>LaBarbera, M. C. 2009: Revisiting the anti-female genital mutilation discourse. In: Diritto Questioni Pubbliche (2009): 485-507.<\/p>\n<p>Shell-Duncan, B. and R. Naik 2016: A state-of-the-art synthesis on female genital mutilation\/cutting: What do we know? New York: Population Council.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[153],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1615","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-heike-drotbohm"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5018,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1615\/revisions\/5018"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1615"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}