{"id":1614,"date":"2017-02-28T00:00:00","date_gmt":"2017-02-27T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/denn-alles-fleisch-es-ist-wie-gras\/"},"modified":"2020-07-07T15:31:59","modified_gmt":"2020-07-07T13:31:59","slug":"denn-alles-fleisch-es-ist-wie-gras","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/denn-alles-fleisch-es-ist-wie-gras\/","title":{"rendered":"DENN ALLES FLEISCH, ES IST WIE GRAS!"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1614?pdf=1614\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1614?pdf=1614\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: Marpurg uff Fastnacht 2017<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Dieser Blog verdankt sein Entstehen einem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">Feuilleton-Aufsatz<\/a>, doch um den geht es hier inzwischen kaum noch, sondern allgemein um ethnologischen Kulturrelativismus. Den m\u00f6chte ich aber auch noch einmal auf jenen Aufsatz anwenden. Ich nehme ihn zum Beispiel einer von vielen widerspr\u00fcchlichen Facetten unserer uneinheitlichen Kultur: Der Feindschaft gegen sch\u00f6ne Bilder.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Die Hauptkritik des Aufsatzes an den Fotos des britischen Starfotografen Jimmy Nelson ist, sie seien nicht echt, sondern gestellt, und sie verschwiegen, was hinter der B\u00fchne geschieht, was \u201enicht zu sehen ist\u201c, n\u00e4mlich:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<blockquote><p>\u201e[&#8230;] dass die Lebenserwartung in indigenen V\u00f6lkern mangels ordentlicher Gesundheitsversorgung in der Regel niedrig ist, dass Hexenglaube und Gewalt in all ihren Formen sehr stark verbreitet sind, soziale Beziehungen wie Freundschaften sehr viel zweckorientierter sind\u201c \u2013 all das verkn\u00fcpft mit \u201eeiner schlechteren Ern\u00e4hrung\u201c und \u201eunn\u00f6tigen \u00c4ngsten\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<div align=\"justify\">\n<p>Nehmen wir einmal die Pauschalisierungen hin, die ja in einem Feuilletonaufsatz ebenso wenig vermeidbar sind wie in meinem Blogbeitrag. Und fragen wir also nicht weiter, auf welcher empirischen Grundlage ein Satz wie der beruht, dass bei jenen V\u00f6lkern \u201eFreundschaften sehr viel zweckorientierter sind\u201c. Aber ich habe zwei Anmerkungen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>1.) Ich w\u00fcrde bestreiten, dass diese Misere nur daher kommt, dass jene V\u00f6lker indigen sind. Vielmehr hat sie auch viel mit dem Doppelgesicht der Moderne zu tun: Einerseits medizinischer und humanit\u00e4rpolitischer Fortschritt, andererseits Verelendung und die vom Autor zwar genannte \u201eGewalt in allen ihren Formen\u201c, die aber gerade im Zielgebiet moderner Raketen und Kalaschnikows zu finden ist. Die Gesundheitsversorgung wurde keineswegs \u00fcberall dort massiv verbessert, wo der Westen gesiegt hat. Denn mit dem Sieg kamen eben nicht nur die wundervollen Fortschritte der Pharmazie und die von Missionaren gepredigte christliche N\u00e4chstenliebe, sondern auch das Leiden in den neuen Elendsvierteln der Welt und die Vergrausamung der Waffentechnik. Fakt ist, dass die Lage der Nachkommen der sog. Stammesv\u00f6lker heute oft schrecklich ist, nicht weil sie in Traditionen verharren, sondern weil sie zu Opfern der Globalisierung wurden. Dass ihre \u00c4ngste \u201eunn\u00f6tig\u201c seien, w\u00fcrde ich daher nicht sagen, auch wenn sie oft fremdartige Formen annehmen. \u201eHexenglaube\u201c, ja, den gibt es, aber er nimmt zu, ist ein zunehmend modernes Ph\u00e4nomen gerade auch in den urbanen Zentren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>2.) \u201eUnn\u00f6tige \u00c4ngste\u201c, meint der Autor, m\u00fcssen sichtbar gemacht, entlarvt und dadurch geheilt werden. Da ist es ihm ein schlimmes \u00c4rgernis, wenn Menschen sich von ihrer Schokoladenseite fotografieren lassen, ohne ihre \u00c4ngste, ihren Hexenglauben und ihre schlechte Ern\u00e4hrung zu zeigen. Und wenn der Fotograf da auch noch mitmacht, ja sich nicht entbl\u00f6det, zuzugeben, dass es ihm um das W\u00fcrdigen von Stolz und Selbstbewusstsein, ja gar um eine \u201eaesthetic, romantic, subjective, iconographic representation of people\u201d geht (der Fotograf Jimmy Nelson in <a href=\"http:\/\/www.thetimes.co.uk\/tto\/news\/uk\/article4107546.ece\"><em>The Times<\/em><\/a>, UK News, 03.06.2014 gegen den Vorwurf, seine Bilder seien zu sch\u00f6n) &#8211; \u201eaesthetic\u201d, welch schreckliches Wort, welche Nichtbeachtung des Weltschmerz-Gebotes! S\u00fcnde! S\u00fcnde!<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Aber d\u00fcrfen die das nicht vielleicht doch, wenn sie sich so zeigen wollen, selbstbewusst, \u00e4sthetisch? Gewiss ist es sinnvoll, Fotos von hungernden Kindern aus dem Jemen zu zeigen. Gewiss ist es die Aufgabe von Fotojournalisten, das Elend dieser Welt offenzulegen. Aber soll deshalb keine \u00e4sthetische oder gar theatralische Fotografie mehr m\u00f6glich sein? Ist alles, was nicht \u201eecht\u201c, nicht \u201eauthentisch\u201c und noch nicht einmal leidend ist, verboten?<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das passt zu der Kultur des Grauschleiers, die sich bspw. in der evangelischen Reformation zeigte. Deren unmittelbarer Anlass waren ja zwei Dinge: Dass die Kirche Geld f\u00fcr einen wundersch\u00f6nen Prachtbau (den Petersdom) sammelte, und dass sie daf\u00fcr den Ablasshandel nutzte, eine leicht durchschaubare L\u00fcge. Zwar steckten hinter der Reformation auch tiefgreifende theologische Differenzen und Umbr\u00fcche, aber die Verdammnis von Prunk und L\u00fcge war doch besonders wirksam und mobilisierte fromme Massen. Du sollst keinen Spa\u00df haben! Du sollst dich nicht stolz und geschm\u00fcckt pr\u00e4sentieren!<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Du sollst traurig sein! Und wenn du ein Indigener bist und mit einer stolzen Pose dein allt\u00e4gliches Elend \u00fcberspielst: Pfui, wei\u00dft du nicht, dass Stolz und Pose S\u00fcnde sind? Sei gef\u00e4lligst traurig, nimm dir ein Vorbild an den verhungernden Kindern im Jemen! Sei ein Skelett wie die, sonst bist du ein S\u00fcnder, der keine Bu\u00dfe tut!<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><em>Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen.<\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><em>Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen<\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><em>(Brahms: Ein deutsches Requiem, nach 1. Petrus 1, 24).<\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das ist wunderbar poetisch, aber ist es ein Verbot der Sch\u00f6nheit? Nein, ich meine, dass ein Fotograf auch einmal Menschen zeigen darf, die posieren. Er darf auch sch\u00f6nen Schein zeigen, Illusionen, so lange er damit nicht die Absicht derjenigen, die sich ihm zeigen, verf\u00e4lscht. Wenn diese Indigenen sich stolz und sch\u00f6n zeigen wollen, dann kann es gerade die Pflicht des Fotografen sein, ihnen dabei zu helfen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Fotos von Jimmy Nelson stehen in einer gro\u00dfen Tradition des Fotografierens und des Posierens f\u00fcrs Foto. Schon in den ber\u00fchmten Portr\u00e4ts nordamerikanischer Indianer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeigten sich diese bewusst w\u00fcrdevoll und federgeschm\u00fcckt. Verfolgung und Entrechtung wurden dar\u00fcber nicht vergessen, aber die Verfolgten setzten dem eine bildliche Gegenwelt entgegen, die bis heute ihren Stolz und ihre Gr\u00f6\u00dfe bewahrt und ihren Nachkommen ein Vorbild ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Ethnologie, um auf sie zur\u00fcckzukommen, schildert nat\u00fcrlich auch das Elend. Aber sie nimmt auch die Inszenierungen und Posen der von ihr Erforschten ernst und tut sie nicht b\u00fc\u00dferfr\u00f6mmelnd als unecht und nicht elend genug ab.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[98],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1614","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-mark-muenzel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5016,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1614\/revisions\/5016"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1614"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}