{"id":1613,"date":"2017-02-21T00:00:00","date_gmt":"2017-02-20T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/ethnologie-und-oeffentlichkeit-oder-die-kunst-zwischen-den-stuehlen-zu-sitzen\/"},"modified":"2020-07-07T15:02:09","modified_gmt":"2020-07-07T13:02:09","slug":"ethnologie-und-oeffentlichkeit-oder-die-kunst-zwischen-den-stuehlen-zu-sitzen","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/ethnologie-und-oeffentlichkeit-oder-die-kunst-zwischen-den-stuehlen-zu-sitzen\/","title":{"rendered":"ETHNOLOGIE UND \u00d6FFENTLICHKEIT: ODER DIE KUNST, ZWISCHEN DEN ST\u00dcHLEN ZU SITZEN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1613?pdf=1613\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1613?pdf=1613\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p>Warum reagieren deutsche Ethnologinnen und Ethnologen derart d\u00fcnnh\u00e4utig auf ein paar journalistische Seitenhiebe auf ihr Fach? Auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten: Der Journalist, dessen Artikel diesen gelehrten \u201aShitstorm\u2018 ausl\u00f6ste, hat einen wunden Punkt getroffen, sonst w\u00fcrden sich nicht so viele von uns bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlen, Repliken zu verfassen. Er trifft das Fach und seine Vertreterinnen und Vertreter in zweifacher Hinsicht, freilich anders als beabsichtigt, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge. Es bietet sich deshalb an, weniger die Anw\u00fcrfe des Journalisten, zu denen ohnehin bereits alles Nennenswerte geschrieben wurde, als vielmehr die teils heftigen Reaktionen darauf zum Anlass zu nehmen, um \u00fcber die Verwundbarkeit der Ethnologie nachzudenken, die darin zum Vorschein kommt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Erstens: Die Ethnologie befindet sich gegenw\u00e4rtig \u2013 zumal in Deutschland \u2013 in einer paradoxen Situation. Einerseits ist der Bedarf an ethnologischen Kommentaren zu aktuellen \u00f6ffentlichen Debatten, die sich aus einer zunehmenden kulturellen Diversifizierung unserer Gesellschaft ergeben, heute gr\u00f6\u00dfer denn je. Auch im \u201alangen Sommer der Migration\u2019 des Jahres 2015, als sich angesichts neuer Zuwanderungstrends neue Fragen und Probleme ergaben, waren Ethnologinnen und Ethnologen jedoch \u2013 bis auf einige Ausnahmen \u2013 kaum zu h\u00f6ren. Andererseits sieht sich die Ethnologie einer wachsenden identit\u00e4tspolitisch motivierten Kritik durch postkoloniale Aktivistinnen und Aktivisten gegen\u00fcber, die sich in Debatten um museale Praxis und Repr\u00e4sentationsfragen niederschl\u00e4gt (Claus Deimel und Bernhard Streck haben in ihren Beitr\u00e4gen bereits darauf verwiesen). Die Dinge sind also in mehrfacher Hinsicht komplizierter geworden als sie es vielleicht noch vor kurzem waren: \u201aDas\u2018 Fremde steht in Gestalt von leibhaftigen Fremden vor der eigenen Haust\u00fcr (und begn\u00fcgt sich nicht l\u00e4nger damit, ein \u00fcberseeisches Dasein an der globalen Peripherie zu fristen, um dort von Zeit zu Zeit heimgesucht zu werden und als Kontrastfolie globaler Metropolen zu dienen), sondern fordert uns \u2013 Ethnologinnen, Ethnologen und alle anderen, die hierzulande leben \u2013 zu einem angemessenen Umgang mit ihm auf. Gleichzeitig sprechen selbsternannte Stellvertreterinnen und Stellvertreter der ehedem \u00fcberseeisch Ethnografierten qua rassifiziert gedachter (Nicht-)Zugeh\u00f6rigkeit \u201awei\u00dfen\u2018 Ethnologen (und wohl auch Ethnologinnen) die Berechtigung ab, weiter wie bisher zu forschen. Die abf\u00e4llige Floskel von \u201awei\u00dfen alten M\u00e4nnern\u2018 macht als Chiffre f\u00fcr unreflektierten Rassismus die Runde. Und als w\u00e4re das nicht schon genug, wird es im <em>savage <\/em><em>slot <\/em>(Trouillot), in dem sich die Ethnologie Jahrzehnte lang eingerichtet hat (in Deutschland deutlich l\u00e4nger als andernorts), auch noch zunehmend enger. Spezialisten f\u00fcr das Fremde allenthalben \u2013 Journalisten, Aktivisten, K\u00fcnstler, diverse Nachbarwissenschaften, von den ehemaligen Nationalphilologien bis zur Volkskunde\/Kulturanthropologie: die Ethnologie hat ihre alleinige Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr das exotische Andere schon lange eingeb\u00fc\u00dft, au\u00dferhalb des akademischen Betriebs konnte sie sie ohnehin nie ganz f\u00fcr sich beanspruchen (siehe den Beitrag von Klaus-Peter K\u00f6pping).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dieser Befund muss nun keineswegs frustrieren, sondern stellt eine Chance dar, das Profil der Ethnologie \u2013 bzw. der Sozial- und Kulturanthropologie, wie das Fach an einigen Universit\u00e4ten im deutschsprachigen Raum bereits konsequenterweise genannt wird \u2013 zu sch\u00e4rfen. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Feld des Akademischen, als vielmehr um das der \u00d6ffentlichkeit. Hier zirkulieren offensichtlich Vorstellungen \u00fcber unser Fach, die mit den Dingen, mit denen sich Ethnologinnen und Ethnologen befassen und der Art und Weise, wie sie dies tun, kaum noch etwas gemein haben. Das popul\u00e4re Bild des Ethnologen ist mindestens genauso \u00fcberaltert und imagin\u00e4r wie das Bild des edlen Wilden \u2013 und daher obsolet.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Situation, die durch verst\u00e4rkte kulturelle Verflechtungen, die Begegnung, Verschmelzung oder auch Konfrontation heterogener kultureller Horizonte und Praktiken gekennzeichnet ist, ist die Ethnologie dazu aufgefordert, ihre zentralen methodischen und epistemischen Errungenschaften \u2013 Reflexivit\u00e4t, Relativismus, (Multi-)Perspektivismus \u2013 in die \u00f6ffentliche Debatte einzubringen. Thomas Hylland Eriksens Befund, wonach die Sozial- und Kulturanthropologie einfachen Antworten auf komplexe Fragen generell skeptisch gegen\u00fcbersteht, hat auch nach \u00fcber zwanzig Jahren nichts an G\u00fcltigkeit verloren. Uns muss daran gelegen sein, die \u00f6ffentliche Debatte, in der oft einfache, normativ aufgeladene Fragen dominieren und in dieser Form auch an Ethnologinnen und Ethnologen herangetragen werden (Ist das Logo einer Dachdeckerfirma rassistisch? Ist der Hijab ein Zeichen weiblicher Unterdr\u00fcckung?), durch komplexe, differenzierende Antworten zu bereichern. Dabei gilt es, kritische Distanz gegen\u00fcber allen eingenommenen Perspektiven zu bewahren und sich nicht leichtfertig einer einzigen \u2013 moralisch opportunen \u2013 anzuschlie\u00dfen. Vielmehr beruht Ethnologie auf der Kunst, den Standpunkt beweglich zu halten, und der Bereitschaft, sich dadurch auch \u2013 zumal in \u00f6ffentlichen Debatten \u2013 zwischen alle St\u00fchle zu setzen. Sie sollte in erster Linie n\u00fcchterne Wissenschaft sein, die einen Beitrag zur \u00f6ffentlichen Debatte liefern kann, nicht politisches Projekt. Bisweilen lugt zwar das Bem\u00fchen um die \u201eRehabilitation des Primitiven\u201c (Streck), das in der ethnologischen Fachgeschichte eine wichtige Rolle gespielt hat, auch heute noch aus ethnologischen Wortmeldungen hervor. Man m\u00f6ge uns diesen F\u00fcrsprachereflex als \u00fcberkommene <em>d\u00e9formation professionelle <\/em>nachsehen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Zweitens: Kulturrelativismus ist in erster Linie ein methodologisch-epistemisches R\u00fcstzeug und als solches kann er \u2013 zun\u00e4chst einmal \u2013 nicht hoch genug gesch\u00e4tzt werden. Wer die Welt aus den Augen Anderer verstehen m\u00f6chte, sollte deren Haltungen und Praktiken m\u00f6glichst unvoreingenommen gegen\u00fcbertreten bzw. \u00fcber seine intuitiven Wertungen reflektieren, um nicht von vornherein Scheuklappen zu tragen. Dabei ist das Bem\u00fchen um Verstehen, darauf hat u.a. bereits Christoph Antweiler in seinem Beitrag hingewiesen, keineswegs mit Verst\u00e4ndnis (im moralischen Sinne) zu verwechseln. Zu den Aufgaben von Ethnologinnen und Ethnologen geh\u00f6rt es, die Bedeutung (oder je nach Ansatz auch die Funktion) spezifischer sozialer Praktiken im Kontext kultureller Logiken nachzuvollziehen, was selbstredend auch den Nachvollzug interner Kontroversen \u00fcber eben diese oder jene einschlie\u00dft. Insbesondere bei gewaltf\u00f6rmigen Praktiken muss es Ethnografinnen und Ethnografen jedoch schwer fallen, in konkreten Forschungssituationen zwischen professioneller, relativistischer Haltung und spontaner Mitmenschlichkeit zu differenzieren. An dieser Stelle zeigt sich das Verh\u00e4ltnis von Kulturrelativismus und Aufkl\u00e4rung als konkretes ethisches Dilemma: Wegblicken bzw. n\u00fcchtern zuschauen, wenn jemand betrogen, geschlagen, beschnitten, gesteinigt (die Reihe lie\u00dfe sich fortsetzen) wird, oder Kritik formulieren und gegebenenfalls auch beherzt eingreifen? Wie ist es um den \u201epraktischen Humanismus\u201c (Sung Joon Park in seinem Beitrag) in solchen Situationen bestellt? Zugespitzt formuliert k\u00f6nnte man von der professionellen Schizophrenie Ethnografierender sprechen: wertneutrale Ganzk\u00f6rperrekorder und mimetische Anverwandler w\u00e4hrend der Arbeitszeit, Humanisten und ethisch Anteilnehmende nach Feierabend. Sp\u00e4testens hier offenbart der Kulturrelativismus dann auch sein anst\u00f6\u00dfiges Erbe, das auf die koloniale Herrschaftssituation verweist, die durch die Forschenden in ein Nebeneinander verschiedener Kulturen \u00fcbersetzt wurde. Ethnologinnen und Ethnologen erkannten die Andersartigkeit der Kultur der \u201aEingeborenen\u2018 zwar mit Wohlwollen an, dachten sich selbst und die von ihnen Erforschten aber nicht in einer Welt zusammen. Das ist zwar heute nicht mehr der Fall, das Verh\u00e4ltnis von Kulturrelativismus und Aufkl\u00e4rung als eines von professioneller Haltung und privater Aktion zu \u00fcbersetzen, steht jedoch in dieser Tradition.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Insofern verweist der Feuilletonartikel, der diesen Blog ausl\u00f6ste, dann doch auf ein Grundproblem, wenn auch nicht eines des Faches per se, so doch zumindest derer, die es als Forschende betreiben. Dieses Dilemma ist im \u00dcbrigen auch anderen Berufsgruppen bekannt, nicht zuletzt Journalistinnen und Journalisten, die aus Krisenregionen berichten. In der vorvergangenen Woche mussten sich zwei Journalisten vor einem schwedischen Gericht wegen eines Aktes praktischer Humanit\u00e4t verantworten, weil sie sich 2014 in Athen \u2013 im Rahmen einer Berichterstattung \u00fcber wachsenden Nationalismus in Folge der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise \u2013 dazu entschlossen hatten, die Kamera beiseite zu legen und einen 14-j\u00e4hrigen Syrer, der sie um Hilfe gebeten hatte, illegal nach Schweden zu bringen. Die <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Prozess-gegen-schwedische-Journalisten\/!5380164\/\"><em>taz <\/em><\/a>(vom 10.2.2017) zitiert einen der beiden mit den Worten: \u201eSoll ich einen moralischen Kompass als Mitmensch und einen anderen als Journalist haben? Das funktioniert nicht\u201c.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[154],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1613","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-matthias-krings"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1613","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1613\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5014,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1613\/revisions\/5014"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1613"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}