{"id":1611,"date":"2017-02-07T00:00:00","date_gmt":"2017-02-06T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/was-tun-mit-ketzerischen-fragen-ein-plaedoyer-fuer-den-praktischen-humanismus\/"},"modified":"2020-06-18T19:53:18","modified_gmt":"2020-06-18T17:53:18","slug":"was-tun-mit-ketzerischen-fragen-ein-plaedoyer-fuer-den-praktischen-humanismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/was-tun-mit-ketzerischen-fragen-ein-plaedoyer-fuer-den-praktischen-humanismus\/","title":{"rendered":"WAS TUN MIT \u201eKETZERISCHEN FRAGEN\u201c? EIN PL\u00c4DOYER F\u00dcR DEN PRAKTISCHEN HUMANISMUS"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1611?pdf=1611\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1611?pdf=1611\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Artikel <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\"><em>Die M\u00e4r des edlen Wilden <\/em><\/a>erscheint heute wie eine Polemik, doch zur Hochzeit des Kolonialismus w\u00fcrde Christian Webers Argumentation die g\u00e4ngige Geisteshaltung widerspiegeln. Kolonialismus definierte sich nicht nur durch die Landnahme oder die Ausbeutung von Arbeitskr\u00e4ften, sondern auch durch die Beherrschung des Bewusstseins und Denkens. Die Mittel hierf\u00fcr waren nicht physische Gewalt, sondern die Sprache der Kolonialherren und die Einf\u00fchrung von kolonialen Bildungseinrichtungen. Diese Rechtfertigungsfigur des Kolonialismus als wohlfahrtsstaatliche Mission \u00e4hnelt den rhetorischen Fragen mit denen der Artikel beginnt:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Und vielleicht darf man sogar ein bisschen Verst\u00e4ndnis zeigen, wenn traditionsbewusste Inuit-V\u00f6lker in der Arktis oder die San in der Kalahari zumindest fr\u00fcher ihre Alten aussetzten und verhungern lie\u00dfen; das Essen war halt knapp. Die Frage ist allerdings, ob nicht ein staatliches Gewaltmonopol oder eine allgemeine Rentenversicherung die freundlichere Art der Daseinsvorsorge ist, zumindest dann, wenn man in einem westlichen Industriestaat lebt, der sich solche Institutionen leisten kann.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Und es klingt auch heute nicht viel anders, wenn Forderungen nach der Anerkennung kolonialen Unrechts entgegnet wird, der Kolonialismus sei ja nicht nur schlecht gewesen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Autor des Artikels w\u00fcrde sich vermutlich derartige Vergleiche verbieten. Aber ohne eine Antizipation dieses Vergleichs\u2014er kann keinesfalls nur Zustimmung erwartet haben\u2014versteht man nicht so recht wie er seine Leser_innen mit einer Argumentation konfrontieren kann, die sich zu der \u201eketzerischen Frage\u201c zuspitzt, ob es denn \u00fcberhaupt w\u00fcnschenswert sei, wenn jede \u201emenschliche Gesellschaftsform als bewahrenswert\u201c gelte. Genau f\u00fcr diese Enttabuisierung erwartet der Artikel Zustimmung. Nicht alle Gesellschaftsformen k\u00f6nnten \u00fcber einen Kamm geschert werden, wie der Autor zugibt. Aber das Fazit ist, dass man es NGOs zu verdanken habe, dass Praktiken wie die Genitalverst\u00fcmmelung zur\u00fcckgedr\u00e4ngt w\u00fcrden, w\u00e4hrend alle diejenigen Ethnolog_innen zu kritisieren sind, die das Wegschauen verinnerlicht h\u00e4tten. So einfach ist es nat\u00fcrlich nicht mit der moralischen Pflicht des wei\u00dfen, heterosexuellen Mannes. Weder zur Zeit des Kolonialismus noch heute.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dies alles w\u00e4re m\u00f6glicherweise ein bedauerlicher Fall von schlechtem Journalismus, wie verschiedene Beitr\u00e4ge in diesem Blog bereits festgestellt haben. Dar\u00fcber hinaus sind derartige Artikel, ob sie von der SZ oder einem anderen Blatt gedruckt werden, f\u00fcr viele Ethnolog_innen nichts Neues. Vielleicht w\u00e4re man besser beraten, den Sturm der Erregung an sich vorbeiziehen zu lassen, anstatt von ihm mitgerissen zu werden \u2013 w\u00e4re die Form des Tabubruchs nicht zu einem festen Bestandteil rechtspopulistischer Rhetorik geworden. Wenn ich die vehemente Kritik der Beitr\u00e4ge in diesem Blog richtig verstehe, dann geht es auch um diese Form der Enttabuisierung, die die entw\u00fcrdigende und menschenfeindliche Rede als vermeintlichen Bruch mit sozialen Konventionen legitimiert.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Diese Enttabuisierung als ein \u00f6ffentlicher Sprechakt ist vielerorts ausf\u00fchrlich diskutiert worden. Ich \u00fcberspringe diese Diskussion und folge einer der zentral gewordenen Einsichten, dass wir den Raum des Nehmens und Gebens von Gr\u00fcnden verlassen haben. Das sind keine Auseinandersetzungen in denen unbegr\u00fcndete Behauptungen zur\u00fcckgenommen oder gar Missverst\u00e4ndnisse einger\u00e4umt werden. Daher meine ich, dass eine Richtigstellung der Fakten oder die Verteidigung der Ethnologie allein auf wenig Verst\u00e4ndnis sto\u00dfen wird.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Vielmehr muss es darum gehen, den praktischen Humanismus zu st\u00e4rken, der uns von kulturrelativistischen Perspektiven zu einer Auseinandersetzung mit Rassismus und Nationalismus f\u00fchrt. Wenn die Beobachtung richtig ist, dass seit Sarrazins Auslassungen vor etwa sieben Jahren die Inszenierung von rassistischen Vorurteilen als Enttabuisierung immer mehr Zustimmung erf\u00e4hrt, dann trifft Herr Webers ketzerische Frage den Nerv der Zeit. Wir m\u00fcssen vielmehr diskutieren, ob und in welchem Sinne Artikel wie M\u00e4r des edlen Wilden zum Diskurs des neuen Nationalismus geh\u00f6ren, der von Journalisten genauso wie von Philosophen gef\u00fchrt wird.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Um zu verstehen, ob wir es \u00fcberhaupt mit einem neuen Nationalismus zu tun haben, k\u00e4men wir aber nicht umhin, die ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Klassiker zum Nationalismus zu lesen. Neben den einschl\u00e4gigen Arbeiten von Benedikt Anderson und Eric Habsbawm w\u00e4re auch eine Re-lekt\u00fcre von Michael Herzfelds The production of social indifference lohnenswert, dessen Untersuchung nationalstaatlicher Verwaltungen mit der Frage beginnt, \u201cWhy do kindly friends and amiable neighbors become racists and bigots when they discover, or (more accurately) decide, that others do not &#8222;belong&#8220;?<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Und selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde die Re-lekt\u00fcre ethnologischer Arbeiten zum Nationalismus uns direkt zu Franz Boas f\u00fchren, der wie kein anderer Gr\u00fcnder*vater* der Ethnologie sich dem wissenschaftlichen Rassismus und dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegenstellte (siehe Beitrag Cora Bender). Da auch die Ethnologie selbst zutiefst im wissenschaftlichen Rassismus verwurzelt ist, w\u00e4re auch die fachgeschichtliche Reflexion des kolonialen und nationalsozialistischen Erbes der Ethnologie eine hilfreiche Quelle der Inspiration.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Schlie\u00dflich m\u00fcssten wir uns die postkoloniale Kritik vergegenw\u00e4rtigen, der wir die wichtigsten Impulse verdanken, um den methodischen Nationalismus in den Sozial- und Humanwissenschaften zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Konjunktiv ist hier nat\u00fcrlich v\u00f6llig falsch. Ich will lediglich sagen, dass wir statt dem Versuch die \u00f6ffentliche Meinung \u00fcber Ethnologie zu korrigieren, vielmehr diejenigen Arbeiten hervorheben sollten, die nicht aufgeh\u00f6rt zu fragen haben, was Rasse, Nationalismus und Rassismus in der heutigen Welt machen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Gleichwohl glaube ich, dass es noch mehr zu tun gibt. Im Sinne von Etienne Balibar m\u00fcsste die Ausbreitung des internationalen Nationalismus in den Vordergrund der ethnologischen Forschung r\u00fccken.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Eine Besch\u00e4ftigung mit dem internationalen Nationalismus w\u00e4re eine unerl\u00e4ssliche Erg\u00e4nzung zu dem vielseitigen Engagement von Ethnolog_innen in der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise, an der sich dieses Jahr noch weitaus schrillere Tabubr\u00fcche festmachen werden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dies alles w\u00e4re keinesfalls ein Versuch auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Es w\u00e4re Teil einer l\u00e4ngeren empirischen und systematischen Auseinandersetzung mit gelebten Wirklichkeiten, die von Indifferenz und Ablehnung einer \u201ecommon humanity\u201c gekennzeichnet ist, wie Michael Herzfeld es ausdr\u00fcckt. Ethnolog_innen verkl\u00e4ren mit ihrer Kritik an dem Artikel Die M\u00e4r des edlen Wilden nicht die Wirklichkeit, die dem Autor vorschwebt, wenn er \u00fcber Genitalverst\u00fcmmelung sprechen will. Sie erg\u00e4nzen das Bild dieser Wirklichkeit um die wichtige Frage was es bedeutet Mensch zu sein; und anders als der Autor tun wir es im Wissen, dass trotz jeder m\u00fchsam erarbeiteten Erg\u00e4nzung, das Bild stets partiell bleiben wird.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Am Ende meines Kommentars muss ich leider wieder zum Konjunktiv wechseln. Es w\u00e4re unglaublich wichtig, w\u00fcrden Journalist_innen dazu gelangen, \u00fcber die Arbeit von Ethnolog_innen zum neuen internationalen Nationalismus zu berichten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Ein aufschlussreiches Beispiel ist die Peter Sloterdijks Interview \u201eEs gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzuerst\u00f6rung im Siehe dazu auch die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2016-03\/peter-sloterdijk-replik-armin-nassehi\">Kritik von Armin Nassehi.<\/a><\/div>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>Herzfeld, Michael The social production of indifference: exploring the symbolic roots of Western bureaucracy. New York: Berg: Distributed exclusively in the U.S. and Canada by St. Martin&#8217;s Press.<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><\/a><\/div>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>F\u00fcr die deutschsprachige Ethnologie z.B. die Sammelb\u00e4nde von Bernhard Streck (Hrsg.) Ethnologie und Nationalsozialismus (Gehren: Escher, 2000) und von Thomas Hauschild (Hrsg.) Lebenslust und Fremdenfurcht: Ethnologie im Dritten Reich (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995).<\/div>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>Siehe z.B. die Special Issue von Amade M\u2019Charek, Katharina Schramm und David Skinner zu \u201eTopologies of Race: Doing territory, population and identity in Europe\u201d (Science, Technology &amp; Human Values, 2014). Siehe auch Hage, Ghassan 2003. Against paranoid nationalism. Searching for Hope in a Shrinking Society (Pluto Press Australia, 2003).<\/div>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>Balibar, Etienne \u201eRassismus und Nationalismus\u201c. In Etienne Balibar und Immanuel Maurice Rasse, Klasse, Nation: Ambivalente Identit\u00e4ten. Argument, 1990.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[156],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1611","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-sung-joon-park"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4939,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1611\/revisions\/4939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1611"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}