{"id":1610,"date":"2017-01-31T00:00:00","date_gmt":"2017-01-30T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/mimetische-praktiken-in-der-begegnung-von-eigenem-und-fremdem-hegemoniale-imaginationen-und-ihre-subversion\/"},"modified":"2020-07-07T14:18:01","modified_gmt":"2020-07-07T12:18:01","slug":"mimetische-praktiken-in-der-begegnung-von-eigenem-und-fremdem-hegemoniale-imaginationen-und-ihre-subversion","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/mimetische-praktiken-in-der-begegnung-von-eigenem-und-fremdem-hegemoniale-imaginationen-und-ihre-subversion\/","title":{"rendered":"MIMETISCHE PRAKTIKEN IN DER BEGEGNUNG VON EIGENEM UND FREMDEM. HEGEMONIALE IMAGINATIONEN UND IHRE SUBVERSION"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1610?pdf=1610\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1610?pdf=1610\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Die Selbstvergessenheit von \u201cKulturkritikern\u201d\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Immer wieder einmal wird der Ethnologie vorgeworfen, sie idealisiere abstruse kulturelle Praktiken bei \u201cindigenen\u201d nichteurop\u00e4ischen Gesellschaften. Impliziert wird in der Kritik, dass Ethnographien in ihrem Methodenkanon in der Tat die Logik der Praxis anderer Kulturen durch ethnographisches Schreiben autorisieren und legitimieren, indem sie vor allem die Stimmen der Beteiligten und deren Interpretationen zur Sprache bringen. Dabei wird jedoch leicht vergessen, dass Ethnographien auch immer die Positionierung der Forscherinnen als reflexive Folie \u2013 und damit ihr eigenes gesellschaftliches Umfeld einschliesslich der dort herrschenden Vorurteilsstrukturen &#8211; in ihre Texte einfliessen lassen. Unangemessen ist daher der Vorwurf, dass der dadurch angeblich vorgezeichnete Relativismus es verhindere, universal anwendbare Standards von Menschenrechten zu etablieren, die, so wird in der Kritik als selbstverst\u00e4ndlich angenommen, auf unhinterfragten philosophischen Vorgaben einer westlichen \u2013 daher universalen \u2013 Vernunft aufbauen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Wenn dem so w\u00e4re, m\u00fc\u00dfte der Kritiker sich selber an die Nase fassen ob seines flachen historischen Verst\u00e4ndnisses nicht nur der europ\u00e4ischen Ideengeschichte, in der die Ethnologie und das ethnographische Schreiben ihren Ursprung haben, und ob seines selbstvergessenen kollektiven Ged\u00e4chtnisses \u00fcber genau die Gr\u00e4uelpraktiken, die er den \u201cIndigenen\u201d vorwirft, deren Aus\u00fcbung jedoch durch europ\u00e4isch-amerikanische Welteroberer in der eigenen und unter fremden Gesellschaften zur Verw\u00fcstung der Natur auf globaler Ebene wie zur genozidalen Entv\u00f6lkerung auf allen Kontinenten gef\u00fchrt haben. Bastian, der \u201cGr\u00fcnder\u201d der deutschen Ethnologie, hat sich zeitlebens (1823-1904) mit dem Problem von Universalem und Kulturspezifika herumgeschlagen und ein ganzes Arsenal von hypothetischen Konzepten erarbeitet, die allerdings heute zum Teil als \u00fcberholt angesehen werden. Sein L\u00f6sungsversuch des Widerspruchs, der die europ\u00e4ische Episteme seit zwei Jahrtausenden durchzieht, war ein rein szientistischer, auf Empirie aufbauender Ansatz, der zumindest insofern noch beeindruckt, als er es vermeidet, einer Melancholie anheimzufallen, die Levi-Strauss bei dieser Fragestellung \u00fcberkam. Beide haben jedoch klar ihr Entsetzen \u00fcber die Resultate kolonialer Verw\u00fcstungen an Natur und Menschen durch europ\u00e4ische Gier und Arroganz zum Ausdruck gebracht (K\u00f6pping 1983, Adolf Bastian and the Psychic Unity of Mankind, Brisbane; Neudruck 2004, Berlin; Claude Levi-Strauss, 1954, \u201cLes Tristes Tropiques, Paris). Bastian h\u00e4tte den Kritiker wahrscheinlich unter seiner Rubrik eines Produzenten \u201cd\u00fcnner geistiger Wassersuppen\u201d eingestuft (Bastian 1871, in einer Rezension von Darwin\u2019s \u2018Descent of Man\u2019 in der Zeitschrift f\u00fcr Ethnologie, zu deren Gr\u00fcndern er geh\u00f6rte, Band 3, S. 133 ff.).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Den Kommentaren von Claus Deimel in seinem Beitrag vom 17.1.17, der die Sicht des Zeitungskritikers an der Ethnologie treffend als eine an Absurdit\u00e4t grenzende Grotske kennzeichnet, kann ich nur einige Fu\u00dfnoten hinzuf\u00fcgen, einmal durch kursorische Verweise auf europ\u00e4ische Praktiken der Intoleranz seit der Zeit der \u201cEntdeckungen\u201d um 1500 in einer historischen Sicht einer \u201clongue duree\u201d oder als Teil eines \u201ckulturellen Kapitals\u201d, das, wie Stephen Greenblatt (Bourdieu folgend) es umschrieb, manchmal an die Oberfl\u00e4che kommt (wie in der Kritik an der angeblich moralischen Relativierung aller Ma\u00dfst\u00e4be durch die Ethnologie), um ab und zu abzutauchen, ohne jedoch v\u00f6llig verloren zu gehen (Stephen Greenblatt, \u201cMarvellous Possessions\u201d, 1991). Bevor ich zu diesen Beispielen der europ\u00e4ischen Sichtweisen auf die Bewohner au\u00dfer-europ\u00e4ischer R\u00e4ume zu sprechen komme, m\u00f6chte ich den Kritiker auf seine offensichtliche Verwechslung von Konzepten, n\u00e4mlich von \u201cIdealisierung\u201d hinweisen, die etwas anderes umfasst als das Beharren auf der \u201cEinzigartigkeit\u201d kollektiver kultureller Lebenswege, die Kernpunkt allen ethnographischen Berichtens und der ethnologischen Theoriebildung seit Johann Gottfried Herder\u2019s Schriften von 1774 (\u201cAuch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit\u201d) und von 1784-1791 (\u201cIdeen zur Philosophie der Geschichte\u201d) geblieben sind.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Von Herder zu Zygmunt Bauman\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In den angef\u00fchrten Schriften stellt Herder einmal die rhetorisch-theatral formulierte Frage, wo denn endlich ein neuer Montesquieu zu finden sei, der hinter den unendlich vielen jeweils einzigartigen kulturellen Gebilden ein gemeinsames Konzept beibringen k\u00f6nne. Er meint nicht Konzepte zur Bezeichnung einzelner Gesetzesformen, sondern er fragt nach dem \u201cGeist der Gesetze\u201d. Aber Herder \u2013 in seiner der franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rung gegen\u00fcber skeptischen Sicht \u00fcber die Verschubf\u00e4cherung von Wissen \u2013 winkt sogleich ab: Nein, das w\u00e4re ein falscher Ansatz, denn kein einziges Konzept passe auf die Vielfalt von kulturellen Sch\u00f6pfungen von Gruppen. Solche uniformen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu suchen k\u00e4me dem Versuch gleich, f\u00fcr alle K\u00f6rperformen ein einziges Kleid zu entwerfen. Das w\u00e4re aber genau dann das Kleid, das keinem passen w\u00fcrde. F\u00fcr Herder ist es wichtig, einen Standpunkt zu finden, der jede Kultur aus ihren eigenen Rahmenbedingungen und Wertehaltung her zu beurteilen imstande w\u00e4re. Er veweigert sich damit wissenschaftlichen wie eurozentrischen Sichtweisen. Die logischen und interpretativen Widerspr\u00fcche, die seine Forderung ausl\u00f6sen, haben bis in die moderne Hermeneutik hinein keine schl\u00fcssige Antwort gefunden. Gadamer gibt einmal den Hinweis, dass wir uns durch Reflektion von jenen Vorurteilsstrukturen befreien k\u00f6nnten, die uns sonst unbewu\u00dft zu beherrschen drohen. F\u00fcr Habermas ist es die Forderung nach einer von kommunikativem Interesse geleiteten Vernunft, die zur Emanzipation f\u00fchren k\u00f6nne. Eine epistemologische Begr\u00fcndung f\u00fcr eine solche Forderung kann aber nach Zygmunt Bauman nicht gefunden werden. Das ist eine in der Praxis jeweils zu treffende Entscheidung, wenn man sich f\u00fcr relativierende Diversit\u00e4t und den gleichberechtigten Dialog einsetzt, anstatt sich der monologischen Hegemonie der Setzung durch eine dominante Partei zu verschreiben (Bauman 1992: \u201cIntimations of Postmodernity\u201d, S. XXI ff. und 35 -38). In einer radikal pluralistischen Gesellschaft gibt es keine Verteidigung eines dominanten Standpunktes mehr: \u201cReason cannot legislate for discoursive formation\u201d (Bauman, S.70).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>F\u00fcr den neuseel\u00e4ndischen Dichter und Ethnographen der Kuranko Kultur gibt es daher nur einen Weg f\u00fcr ethnologische Forschung:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>\u201cAn anthropology which reflects upon the interplay of biography and tradition and makes the personality of the anthropologist a primary datum entails a different notion of truth than that to which a scientistic anthropology aspires. It is a notion of truth based less upon epistemological certainties than upon moral, aesthetic, and political values\u201d (Michael Jackson, \u201cPaths Toward a Clearing\u201d, 1989:167). Es gibt aus dem Aktivismus indigener Gruppen in der politischen Gegenwart vielleicht doch zwei erw\u00e4hnenswerte Beispiele, bei denen die Ziele eines universal zu sch\u00fctzenden Gutes und die partikul\u00e4ren Interessen zusammenfielen: zum einen in dem Dauerstreik der Ureinwohner Amerikas, die Fracking und das Legen einer Pipeline verhindern wollen; hier treffen die Interessen des \u00dcberlebens der Dakota V\u00f6lker auf die Interessen der internationalen Gemeinschaft, die sich um Raubbau in der Natur sorgen und gegen eine industrielle Ausbeutungen wehren, die globale Sch\u00e4den im Klima hinterlassen w\u00fcrden. Ein anderer Fall sind die M\u00e4rsche indigener Frauen in Peru, die auf die Verletzung ihrer k\u00f6rperlichen Unversehrtheit aufmerksam machten, die durch unerlaubte und in den Folgen unabsehbare medizinische Eingriffe durch die vorhergehende Regierung ausschliesslich an K\u00f6rpern der Autochthonen vorgenommen wurden. Weltgesundheitsregeln und universale Frauen-Rechte wurden hier durch partikul\u00e4ren regionalen Widerstand umgem\u00fcnzt, der nicht nur die Wahlen in Peru beeinflusste, sondern auch weltweit auf das Problem aufmerksam machte, dass diese und \u00e4hnliche Praktiken (Verkauf und Versklavung der Arbeitskraft von Frauen subalterner oder wirtschaftlich schwacher Regionen, wie den Philippinen, Malaysia oder Nigerien) von hegemonialen wirtschaftlichen und politischen Interessen geleitet sind, die einer Rendite-Vernunft wie einer Degradierung von Autochthonen als verachteten oder verfemten Fremden, als \u201cNicht-Menschen\u201d geschuldet ist (in Japan genauso wie in Frankreich oder den Vereinigten Staaten). Es ist bemerkenswert, hier anzumerken, dass Herder, was die Auswahl der Sinneskan\u00e4le f\u00fcr empathische Affektivit\u00e4t betrifft, sich eher vom Ohr leiten liess als vom Auge, das in der mit Medien besch\u00e4ftigten akademischen Diskussion der Gegenwart eine gro\u00dfe Rolle spielt. Er verweist einmal auf das Mitleid, dass die Schreie eines fr\u00fcheren Gef\u00e4hrten, der auf einer Insel verwundet gestrandet ist, die Gef\u00e4hrten des Odysseus, als sie vorbeisegeln, tief bewegt. Herder vertraute also dem H\u00f6ren als direktem Zugang zum Empfinden mehr als dem von uns favorisierten Sehorgan, das als eine ubiquit\u00e4re Zugangsweise zur Weltwahrnehmung gesehen wird, und als eine prim\u00e4r auf Beherrschung zielende Form der Weltsicht (zumindest in der europ\u00e4ischen Episteme; ob generalisierbar f\u00fcr bestimmte interactive Beziehungen, in der eine Partei sozusagen die Augen abwendet, oder nur f\u00fcr bestimmte Bereiche medialer und medialisierter Wahrnehmung, die nicht isoliert betrachtet werden sollte, siehe die Kontroverse, die sich seit der Ver\u00f6ffentlichung von Laura Mulvey\u2019s einflu\u00dfreichem Essay \u201cVisual Pleasure and Narrative Cinema\u201d, in: Screen, vol. 16:6-18, 1975, \u00fcber die skopische Hegemonie, den \u201cmale gaze\u201d und ihre Kombination im \u201cimperial gaze\u201d entwickelt hat; ein hervorragendes Beispiel f\u00fcr ihre These, die den m\u00e4nnlichen beherrschenden Blick mit dem kolonialen besitzergreifenden Blick zusammenbringt, sind die f\u00fcr afrikanische Frauen erniedrigenden Filme \u00fcber die von Citroen veranstaltete Expedition mit Raupenfahrzeugen von der Mittelmeerk\u00fcste bis zum Indischen Ozean, die \u201cCroiziere Noire\u201d in der Mitte der 1920-er Jahre, wobei die Film mit Abbildungen von Mangbetu Frauen mit Lippenpfl\u00f6cken gezeigt werden, mit dem unglaublich erscheinenden Titulierung \u201cCine-Zoologie\u201d).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Die Spektakularisierung des Naturmenschen\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es sind nicht die Ethnographen, die den imagin\u00e4ren \u201cbon sauvage\u201d in die Welt gesetzt haben, es sind in unserem Jahrhundert vielmehr die immer schneller sich abwechselnden spektakul\u00e4ren \u201cevents\u201d eines privilegierten Marktes, der den Massenjahrmarkt der explodierenden Gro\u00dfst\u00e4dte des 19. Jahrhunderts mit seinen Zirkus-Sensationen neu erfindet oder in anderer Form wieder aufleben l\u00e4\u00dft. Ich gehe im folgenden einigen Beispielen der Spektakularisierung von Bildern des imaginierten \u201cNaturmenschen\u201d nach, wie sie in der europ\u00e4ischen Literatur zur Zeit der Entdeckungen seit 1500 erschienen sind, um dann die Parallelen zu dieser Spektakel-Kultur im modernen Kunst- und Ausstellungsbetrieb aufzuzeigen (f\u00fcr den Begriff \u201cSpektakularisierung\u201d siehe Guy Debord, \u201cDie Gesellschaft des Spektakels\u201d, Berlin 1996). Die Vorrangstellung des Spektakels in der Beschreibung und Visualisierung des Fremden ergibt sich nach Bauman daraus, dass Repression als Form gesellschaftlicher Kontrolle in der Moderne nunmehr, im Zeitalter der Postmoderne, durch Formen der \u201cVerf\u00fchrung\u201d, durch M\u00e4rkte und Medien, ersetzt werden (Bauman, S. 35). Die Sichten von Debord und Bauman erg\u00e4nzen sich hier und verweisen auf eine Spur, die meiner Meinung nach bis auf das 16. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgt werden kann und die seit dem Zeitalter des Modernismus, zwischen 1900 und 1930, auch von der Avantgarde des Kunst- und Kulturbetriebs unterst\u00fctzt oder sogar radikalisiert, auf jeden Fall akzetabel gemacht wurde (der bis heute in der franz\u00f6sischen Philosophie ausgesparte Hintergrund der angeblich vorherrschenden \u201cnegrophilie\u201d im Paris der Jahre 1910-1930 innerhalb der k\u00fcnstlerischen und akademischen Avantgarde und im breiten B\u00fcrgertum; siehe K\u00f6pping, \u201cColonial Erasure \u2013 Post-colonial Recovery: Identity\/Alterity in Faustin Linyekula\u2019s Choreographies\u201d, in Anja Dreschke, Ilham Huynh, Raphaela Knipp, David Sittler (Hg.), Reenactments, 2016, pp. 43-l06).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Spektakularisierung als Mimesis\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Solche Erscheinungen m\u00f6gen mit dem sogenannten mimetischen Begehren in Verbindung gebracht werden, das allen Menschen sowohl durch die Altersschichten hindurch \u2013 wenn Kinder das Verhalten von \u00c4lteren mokierend oder anverwandelnd &#8211; wie \u00fcber die Grenzen von Kulturen hinweg als Nachahmungs-\u201cTrieb\u201d zugeschrieben wird. Ob diese performativen Ent\u00e4u\u00dferungen als eine blosse \u201cNachahmung\u201d im Sinne einer \u201cMimikrie\u201d zu bezeichnen sind, oder ob sie nicht vielmehr zu den innovativen Kulturtechniken der als sch\u00f6pferisch angesehenen \u201cMimesis\u201d geh\u00f6ren, bleibt von Fall zu Fall zu erforschen. Welche Bedeutung solche mimetischen Handlungen haben, h\u00e4ngt davon ab, ob solche Handlungen als positive Anverwandlung von den Aus\u00fcbenden verstanden werden oder als eine Parodie auf die Personen, die dargestellt werden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Beides, die Anverwandlung und \u201c\u00dcbernahme\u201d zum Beispiel der Position der Macht als auch die distanzierende Parodie \u00fcber diese Position, k\u00f6nnen in derselben Performanz, im gleichen K\u00f6rpermodus stattfinden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Wer sind die Wahnsinnigen bei Jean Rouch?\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Daf\u00fcr ist der viel diskutierte Film von Jean Rouch ein hervorragendes Beispiel: in \u201cLes Maitres Fous\u201d von 1955 \u00fcber den Besessenheitskult der \u201cHauka\u201d in der Hauptstadt Accra der damaligen Kolonie Ghana, bewegen sich die Besessenen in grotesken K\u00f6rperverrenkungen. Dies sind die Formen, durch die sie sich die Macht der Kolonialherren aneignen k\u00f6nnen, indem sie von deren Geistern besessen werden, um vor allem die \u201cmechanischen Maschinenkr\u00e4fte\u201d zu bekommen, auf deren Grundlage die Macht der Kolonialherren basiert. W\u00e4hrend viele europ\u00e4ische Zuschauer den Eindruck bekommen k\u00f6nnten, dass die Besessenen die \u201cVerr\u00fcckten\u201d seien oder spielten, ist f\u00fcr die Aus\u00fcbenden klar, das die \u201cMeister des Wahnsinns\u201d die Europ\u00e4er sind. Die K\u00f6rperverrenkungen sind n\u00e4mlich gleichzeitig ein Kommentar, eine Parodie, auf die Verhaltensweisen der kolonialen Truppen und Beamten und ihrer rituellen Ordnung, wie sie von den Kolonialisierten wahrgenommen werden. Man k\u00f6nnte hier vermuten, das zwei Kulturpraktiken aufeinandersto\u00dfen, die sich gegenseitig nicht verstehen, zwischen denen es auch keinen Dialog gibt, sondern nur eine Unterordnung der einen Gruppe unter die andere, w\u00e4hrend in der Performanz der Hauka beide Praktiken miteinander in Verbindung gesetzt werden, damit aber auch die bestehende Rangordnung in Frage gestellt wird. Wie ethnographische Berichte \u00e4hnlicher ritueller Bewegungen gezeigt haben, sind solche mimetischen Ritualformen fast immer die Vorl\u00e4ufer von Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfen, die in dem Augenblick verschwinden, wenn die Trennung von der Kolonialherrschaft vollzogen und die politische und kulturelle Autonomie erreicht sind (zu mokierenden Praktiken \u00fcber die Kolonialverwaltungen durch westafrikanische K\u00fcnstler \u00fcber die letzten zwei Jahrhunderte siehe die Beitr\u00e4ge in Jens Jahn (Hg.), \u201cColon. Das schwarze Bild vom wei\u00dfen Mann\u201d, 1983; ein satirischer Beitrag aus j\u00fcngster Zeit stammt von dem Dichter Yambo Ouologuem von 1968, in seinem \u201cLe Devoir du violence\u201d, in dem er unter anderem eine Persiflage des Ethnologischen Sammlers \u201cShrobenius\u201d benutzt, um die Interessenverkn\u00fcpfung mit korrupten einheimischen Eliten, auch Akademikern der Dakar Universit\u00e4t, an den Pranger zu stellen; f\u00fcr eine Diskussion dieser Gegenstrategie siehe den Kommentar von Anthony Kwame Appiah von 1991, \u201cIs the Post- in Postmodernism the Post- in Postcolonial?\u201d, in Critical Inquiry, vol. 17:336- 357. Es sei angemerkt, dass bereits der Westindische Schriftsteller Rene Maran in seinem aus seiner eigenen Kolonialpraxis gewonnenen Einsichten komponierten Roman \u201cBatouala\u201d, der den Prix Goncourt als erster schwarzer Schriftsteller 1921 bekam, davon sprach, dass die Gewalt der Kolonialisten, auf der der Westen seine \u201cK\u00f6nigreiche\u201d errichtet habe, diese bald zu Hause heimsuchen werde; siehe dazu K\u00f6pping, \u201cFrom Curse to Cure through Performing the Contagious Body: Colonial and Postcolonial Dis\/Continuities from Jean Rouch to Ousmane Sembene\u201d; im Druck 2017).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Avantgarden und die Negierung des Fremden\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Bei spektakul\u00e4ren Inszenierungen stehen auf der einen Seite die K\u00fcnstler der Avantgarde, deren Vorliebe f\u00fcr das, was den Bourgeois \u00e4rgern w\u00fcrde, eindeutig jenseits des \u201cmainstream\u201d anzusiedeln ist, sonst w\u00fcrde es nicht immer wieder zu \u201cSkandalen\u201d gekommen sein, jenen Aufgeregtheiten, bei denen die vermutete Mehrheit, das sogenante \u201cman\u201d, abgest\u00fctzt durch die staatlichen Organe der \u201cObrigkeiten\u201d, die sich um den \u201cAnstand\u201d zu k\u00fcmmern vorgeben, von den Medien noch affektiv angefeuert wird.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Andererseits goutierten die guten B\u00fcrger zwischen 1890 und 1904, mehrmals auch in Deutschland, einen Bill Cody und seine fake-shows des \u201cBuffalo Bill\u201d; beide Gruppen, die Avantgarde und ein Massenpublikum fielen gleichermassen auf diese Dramatisierungen von imaginierten Zust\u00e4nden bei der brutalen Landnahme herein, die nach 1870 westlich des Mississippi vor sich ging. Beide Gruppen solidarisieren sich in der Gegenwart \u00fcber die Phantasien von \u201cWinnetou\u201d oder \u201cPandora\u201d als tragischen Heldinnen, was zugleich auch erm\u00f6glicht, sich als \u201csozialkritische\u201d Zuschauerschaft f\u00fchlen zu k\u00f6nnen, wenn man die \u00dcberfrachtung der Narrativen mit einer Schein-Kritik an den Herrschenden wie an kolonialen Ausbeutungspraktiken ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Diese Spektakularisierung kommt zustande durch ein kaum mehr durchschaubares Zusammenspiel von gewitzten (\u201csavvy\u201d) public relations Managern, von vielen Avantgarde K\u00fcnstlern, von Kunsth\u00e4ndlern und Vermarktungsstrategen, nicht zu vergessen von Kunstkritikern, die f\u00fcr eine reiche Elite schreiben, welche die Erwartung hegt, als Gruppe von \u201cgebildeten Connoiseuren\u201d im ihrem sozialen Umfeld anerkannt zu werden. Dabei ist sogar der Horizont der Erwartungshaltungen des Publikums, oder verschiedener Publikumssegmente, bereits im voraus durch Spezialisten der Meinungsumfragen mit einbezogen, um in einer Endlosschleife zwischen Erwartungen auf der Rezeptionsebene und diesen zuarbeitenden Produzenten zu zirkulieren (zu dieser Kategorie geh\u00f6ren Dutzende spezialer Berufssparten, von Regie und Kameratechnik bis zum Kuratieren).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Hier finden wir den \u201cbon sauvage\u201d (oder eben sein Pendant, den \u201cKannibalen\u201d), den \u201cNaturmenschen\u201d in doppelter Ausf\u00fchrung, wobei dem Kannibalen eine ambivalente Wahrnehmung durch die Jahrhunderte seit dem Zeitalter der Entdeckungen zuteil wird. W\u00e4hrend ein Pariser Massenpublikum die Amazonen-Kriegerinnen aus Dahomey (in den 1890-er Jahren von Frankreich in einem zweij\u00e4hrigen blutigen Unterwerfungskrieg gerade annektiert) begafft, begutachtet ein betuchtes Publikum zwei Dekaden sp\u00e4ter die \u201cwilde Frau\u201d in erotisch aufgeladener Erwartungshaltung in der Person von Josephine Baker. Avantgarde K\u00fcnstler wie Artaud hingegen versprachen sich eine Vitalisierung des als vermottet wahrgenommenen Theaters durch Imitation von Ritualen, die man auf<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Welt- oder Kolonialausstellungen gesehen hatte (f\u00fcr Bataille waren diese Vitalisierungsphantasien in blutigen Ritualen wie in Marter-und Strafpraktiken aufzufinden, f\u00fcr Leiris war es der f\u00e4lschlicherweise als \u201carchaisch\u201d angesehene spanische Stierkampf, den der Maler Masson dann mit einem Verwischen von Gender- Zuschreibungen erotisierend ins Bild setzte, w\u00e4hrend Picasso seinen Prostituierten jene Fang-Masken aufmalte, die seit 1907 unter den Konzepten von Kubismus und Primitivismus als Marksteine des europ\u00e4ischen Modernismus gelten).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Der Kannibale als Denkfigur der Kritik am Eigenen in der Fr\u00fchen Neuzeit\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>F\u00fcr die kosmopolitische Elite des 16. Jahrhunderts hingegen blieb der \u201cKannibale\u201d in der europ\u00e4ischen Imagination immer nur eine Metapher, um die eigene Gesellschaftskonventionen subversiv zu hinterfragen: f\u00fcr Shakespeare wurde Caliban (der Karibische Kannibale, den Kolumbus in seinen Tageb\u00fcchern vom H\u00f6rensagen beschrieb) zum wahren Helden im \u201cSturm\u201d, denn er f\u00fchrt den Lug und Trug der dominanten Klasse vor, w\u00e4hrend er sich zu seinem Appetit bekennt und die Enteignung seiner Insel r\u00e4chen will; f\u00fcr Montaigne ist der Kannibale in den \u201cEssais\u201d der 1580-er Jahre eine Metapher f\u00fcr die viel schlimmeren Gr\u00e4ueltaten der franz\u00f6sischen Religionskriege zwischen Monarchisten und Hugenotten; der Sch\u00fctzling des Hugenotten-Admirals Colbert, der Seereisende de Lery, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts bei den als Kannibalen betitelten Einwohnern der Brasilianischen K\u00fcste landet, beschreibt in seinen Erinnerungen \u00fcber vier Jahrzehnte sp\u00e4ter, dass er beim pers\u00f6nlichen Erleben ihrer Ritualges\u00e4nge ein an Ekstase grenzendes Staunen versp\u00fcrte.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Subversive Einverleibungen\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Im 20. Jahrhundert adoptieren K\u00fcnstler Brasiliens seit den 20-er Jahren den literarischen Topos des Kannibalen, um sich als alles fressende Anthropophagen zu positionieren, indem sie die europ\u00e4ische Zuschreibung zu den Ureinwohnern &#8211; subversiv und emanzipatorisch &#8211; zum Teil des Nationalcharakters stilisieren: aus der mit Sicherheit vom Manifest des Surrealismus eines Breton abgeschauten Vorbild geht das \u201cManifesto Antropofagico\u201d von 1928 von Oswald de Andrade hervor, das als Geburtsurkunde des eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen und kulturellen Ausdrucks des \u201cTropikalismo\u201d oder des brasilianischen \u201cmodernismo\u201d gilt; auf den alle Konventionen brechenden Schandtaten des \u201ctrickster-artigen\u201d kannibalischen Helden der \u201cTupi\u201d Gruppen des Amazonas bauen dann der Roman \u201cMacunaima\u201d von 1928 durch den Namensvettern des Manifest- Autoren, den Schriftsteller Mario de Andrade, sowie der Film \u201cMacunaima\u201d des Regisseurs Pedro de Andrade von 1969 auf. Der Roman tr\u00e4gt den Untertitel \u201cDer Held ohne jeden Charakter\u201d, womit der Autor den \u201cBrasilianer\u201d meinte.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das kannibalische Manifest beginnt mit der \u00dcberschrift \u201cTupi \u2013 Not Tupi\u201d, als Referenz zur Frage nach Leben und Tod und dem Bezug zu den beinahe ausgerotteten Tupinamba Gruppen Amazoniens. Hier finden wir die subversive und gleichzeitig sich \u00fcber das Eigene als Kollektivit\u00e4t mokierende Haltung, die die Zuschreibungen von Kannibalismus, wie sie in \u00fcber 300 Kupferstichen des Verlegers Theodor de Bry in vierzehn Amerika B\u00e4nden zwischen 1590 und 1634 in ganz Europa zirkulieren,nicht annulliert, sondern zum Markenzeichen erhebt Damit werden aber auch alle europ\u00e4ischen Vorstellungen vom \u201cWilden\u201d ad absurdum f\u00fchrt. Die europ\u00e4ischen Imaginationen als mythisierende Verschleierungen jener Realit\u00e4t entlarvt, \u00fcber die sich Europ\u00e4er nicht Rechenschaft ablegen m\u00f6chten, n\u00e4mlich durch den Kolonialismus ausgel\u00f6sten Zerst\u00f6rungen. Bis heute gibt es in diesem Genre des kulturellen Einverleibens als ideologischer Strategie brasilianische Performance Auff\u00fchrungen, die, wie die des jetzt \u00fcber 80-j\u00e4hrigen Ze Celso, immer einen gegen autorit\u00e4re Regierungen wie gegen euro-amerikanische Hegemoniebestrebungen gerichtete Tendenz aufweisen, mit einer Partizipation der Zuschauer, die sich auch unter dem Einfluss von Hallucinogenen dann nackt auf der B\u00fchne gerieren, f\u00fcr Celso ein typischer Schelmenstreich, den er als eine Art \u201cInitiation\u201d einer j\u00fcngeren Generation versteht, die zugleich eine gewisse Subversion ihres bildungsb\u00fcrgerlichen Hintergrundes beinhaltet. Abgesehen davon, dass diese Form der Einbeziehung des Publikums in die Performance nur in Deutschland zu einem Aufschrei \u00fcber die \u201cUnanst\u00e4ndigkeit\u201d gef\u00fchrt hat, erinnert Celso nat\u00fcrlich auch an die von Schechner abgebrochenen Versuche von \u201cDionysos 69\u201d, da er die Reaktionen aus dem Ruder zu laufen f\u00fcrchtete (das Theater der Bourgeoisie und der Akademiker ist wohl im Westen immer noch mit puritanischen Anstandsregeln verbandelt, von deren zunehmendem restriktivem Einfluss zwischen 1500 und 1900 bereits Norbert Elias 1939 im Exil zun\u00e4chst auf Englisch ver\u00f6ffentlichte Studie \u201cDer Prozess der Zivilisation\u201d handelt).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Die Kontinuit\u00e4t des hegemonialen Blickregimes\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>De Bry\u2019s Illustrationen \u00fcber s\u00fcdamerikanische Kannibalen, die die europ\u00e4ische Schaulust anregten und die imagin\u00e4ren Figuren des \u201cWilden\u201d in das kollektive Ged\u00e4chtnis oder das kulturelle Kapital der Imagination Europas eingruben, beruhen auf dem fiktiven Bericht von Hans Staden, in dem er \u00fcber seine Gefangenschaft bei den Tupi zwischen 1548 und 1550 berichtet, mit dem in 1557 in Marburg ver\u00f6ffentlichten eindr\u00fccklichen und bereits auf das Sensationelle gerichteten Titel: \u201cWarhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser- Leuthen in der Newenwelt America gelegen\u201d (zu den Bildwerken von de Bry siehe Gereon Sievernich (Hg.), \u201cAmerica de Bry. 1590-1634\u201d, 1990).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Buch und Kupferstiche bilden einen zentralen Aspekt der exzessiven Schaulust des Europ\u00e4ers, der Besessenheit mit der Kontrolle durch den Blick, also jener skopophilen erotischen Schaulust, den Laura Mulvey dem einen \u201cmale gaze\u201d befriedigenden cinematischen Apparat zuschreibt (Mulvey 1975). Denselben kontrollierenden Blick in ein vorhandenes Paradies, das durch die eigene europ\u00e4ische Zukunftsvision zerst\u00f6rt wird, identifiziert Louise Pratt als den \u201cimperialen\u201d Blick in der Reiseliteratur von Afrika- Entdeckern. Als typisch zitiert sie aus den Schriften von Paul Du Chaillu\u2019s \u201cExplorations in Equatorial Africa\u201d von 1861, wo dieser, nach dem Erklimmen eines Berges von 1500 m mit ungehindertem Blick \u00fcber immense, sogenannte \u201cjungfr\u00e4uliche\u201d Regenw\u00e4lder, von einer Zukunft zu tr\u00e4umen beginnt, in der in diese \u201cWildnis\u201d zu den \u201cschwarzen Kindern Afrikas\u201d das \u201cLicht der Zivilisation\u201d gebracht werden w\u00fcrde, begleitet von Kaffee- oder Baumwollplantagen, auf denen die \u201cfriedlichen Schwarzen\u201d ihrer t\u00e4glichen Arbeit nachgehen k\u00f6nnten, mit Farmen, Schulen, Kirchen. Die \u201cVision\u201d verschwindet, als die Realit\u00e4t in Form einer Schlange seine Tr\u00e4umereien unterbricht (Pratt, \u201cImperial Eyes\u201d, 1992: 216-7). Mit dem Tr\u00e4umen \u00fcber das Entstehen von Plantagen, Fabriken und St\u00e4dten imaginiert du Chaillu die \u201ccivilizing mission\u201d, die konkret die Z\u00e4hmung von Natur und Menschen beinhaltet, aber auch Rendite verspricht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Kosten f\u00fcr die \u201cNaturmenschen\u201d hat vor kurzem \u2013 in Bezug auf die Verh\u00e4ltnisse am Amazonas \u2013 der fiktionalisierte Dokumentarfilm des Kolumbianers Ciro Guerra einer breiteren \u00d6ffentlichkeit in seinem \u201cEl Abrazo de la Serpiente\u201d (\u201cDer Schamane und die Schlange\u201d) von 2015 visuell nahegebracht. Ein Schamane, dem zwei Ethnologen (der deutsche Koch-Gruenberg 1909, und der amerikanische Ethnobotaniker Evan Schultes 1940 begegnen) beginnt im Laufe der Erz\u00e4hlzeit \u201csein Ged\u00e4chtnis\u201d zu verlieren, so dass er am Ende nur noch Schatten seiner selbst ist, der nicht einmal mehr den Weg auf den heiligen Berg der Sch\u00f6pfungsg\u00f6tter finden kann, w\u00e4hrend der sonst mit vielstimmigen Ger\u00e4uschen \u201csprechende\u201d Regenwald nur noch im dunklen Schweigen liegt. Dem Regisseur ist hier eine elegante Metaphorisierung von Vernichtung von Leben in Natur und Kultur gelungen, die mehrere Sinneskan\u00e4le affiziert. W\u00e4hrend er keine Plantagen oder Minen zeigt (wohl aber eine Missionsstation, in der der \u201cPadre\u201d das \u201cindigene Sprechen und Denken\u201d aus Waisen herauszupr\u00fcgeln versucht), verweist er auch auf ein Mitverschulden der Ethnologen, die hier einmal dem Schamanen das \u00dcberlassen eines Kompass verweigern mit der Begr\u00fcndung, das w\u00fcrde die authentische Kultur unwiderbringlich ver\u00e4ndern (die fiktiven Direktiven der Serie \u201cStartrek\u201d vorwegnehmend?). Daraufhin erwidert der Schamane \u00e4rgerlich, das Kulturtechniken allen Menschen geh\u00f6rten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ich habe absichtlich die Visualisierungen durch Bilder und Filme in die Debatte gebracht, da diese Formen eng mit den europ\u00e4ischen Kontrollfunktionen durch den Besitz ergreifenden Blick im Kolonialismus verbunden sind, andererseits aber auch als Hauptmittel bei der modernen Spektakularisierung der Imagination \u00fcber den \u201cNaturmenschen\u201d in Ausstellungspanoramen geblieben sind.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die andere Seite dieser im \u201cAugenschmaus\u201d verbundenen Metapher des verzehrenden Blicks ist die des Eindringens des Bildes in die \u201cEinbildungskraft\u201d der gedanklichen Imaginationen, welcher sich dann der kinematische Apparat zunutze zu machen versteht, und zwar durch die bereits von Walter Benjamin diesem zugeschriebene Kraft der Einschreibung \u2013 in die Neuronenbahnen, w\u00fcrden heute die Neurowissenschaften formulieren -, also durch die Metapher den Bezug zur Keilschrift wie zur T\u00e4towierung evozierend, die Benjamin als \u201cImmersions- oder Innervationsmaschinerie\u201d verstanden wissen wollte (so die Filmtheoretikerin Miriam Bratu Hansen in ihrer bahnbrechenden akribische Benjamin-Textforschung, siehe Hansen 1987: Benjamin, Cinema and Experience\u201d. In: New German Critique, vol. 40:179-224).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Konquistadoren und Avantgarden\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Nicht die Ethnologen, sondern die Konquistadoren\/Eroberer\/Entdecker haben als Vorhut kolonialer und sp\u00e4ter imperialer Weltherrscher Fakten f\u00fcr eine Landnahme geschaffen, indem sie jene Entv\u00f6lkerung von ganzen Landstrichen bewerkstelligten, die dann der legalistischen Fiktion von \u201cunbewohnten Gebieten\u201d der \u201cterra nullius\u201d-Doktrin durch staatliche wie kirchliche Edikte Vorschub leistete. Die p\u00e4pstliche Bulle von Tordesillas von 1494, nur zwei Jahre nach der \u201cEntdeckung\u201d Indien-Amerikas durch Kolumbus, enth\u00e4lt neben der Aufteilung des Globus zwischen spanischen und portugiesischen Besitz-Anspr\u00fcchen die Aussage, dass \u201cIndigene\u201d nur dann als Menschen zu betrachten seien, wenn sie getauft w\u00e4ren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die europ\u00e4ischen intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Eliten des europ\u00e4ischen Modernismus, die sich von den Kolonial- und Weltausstellungen angeregt f\u00fchlten, trugen auch bis in die 1930-er Jahre entscheidend zur Etablierung einer derartigen imaginierten und v\u00f6llig irrealen imagin\u00e4ren Wirklichkeit des \u201cNaturmenschen\u201d bei, ohne die grauenhaften genozidalen Realit\u00e4ten der Kolonialpraktiken europ\u00e4ischer M\u00e4chte zu problematisieren. So sind die Anh\u00e4nger einer Bewegung, die sich im Paris der ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts als \u201cnegrophil\u201d stilisierte (unter ihnen Jean Cocteau, Pablo Picasso), indem sie ihre eigenen Kunstproduktionen \u201cals afrikanisch\u201d deklarierten &#8211; wie z.B. durch das erste so genannte \u201cballet negre\u201d, \u201cLa Creation du Monde\u201d, eine kubistische Sch\u00f6pfung von Milhaud, Leger und Cendrars (siehe K\u00f6pping, 2016) &#8211; ,die jedoch dadurch die afrikanische Kunst v\u00f6llig ausradierten, vergleichbar mit der spanischen Ausl\u00f6schung der Kultur von Tenochtitlan.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Greenblatt geht einen Schritt weiter in seiner Interpretation, als er darauf aufmerksam macht, dass die Spanier es nicht ertrugen, bei den Azteken jenen religi\u00f6sen Opferpraktiken zu begegnen, die ihnen die Protestanten f\u00fcr ihr spanisches Verst\u00e4ndnis der Wandlung im Abendmahl als \u201ckannibalistisches\u201d statt eines symbolischen Verstehens der Praxis vorwarfen Das imaginierte Paradies als konkrete Wirklichkeit ist nicht vorgesehen, es muss Phantasie bleiben, und jeder Hinweis auf konkrete \u201cWunder\u201d, von Nicht-Europ\u00e4ern und Nicht-Christen geschaffen, k\u00f6nnen als Anathema nicht geduldet werden: dies sind auch die wahrscheinlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Desavouierung der Schriften von Marco Polo \u00fcber den Glanz und die Reichweite der mongolischen Herrschaft unter dem Gro\u00dfkhan Kubilai um das Jahr 1200 als \u201cL\u00fcgenm\u00e4rchen\u201d.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>\u201cGenesis\u201d und der wieder aufgelegte Exotismus<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es ist unter diesen historischen Umst\u00e4nden \u00fcberraschend, das Bild des \u201cedlen Wilden\u201d in der postkolonialen Zeit wieder aufleben zu sehen, und zwar in der Photo-Strecke \u201cGenesis\u201d von Sebastiao Salgado, die auf Welttouren bei Millionen von MenschenAnklang fand und 2016 auch in Berlin gefeiert wurde. Die spektakul\u00e4re Ausstellung machte \u2013 inmitten von hunderten von Gro\u00dfprojektionen der globalen Natur, von W\u00fcsten, Eisbergen und Urw\u00e4ldern, das Bild jener \u201cNaturmenschen\u201d zum Zentrum der Aufmerksamkeit, die als Yanomam\u00f6 zu Ikonen vom \u201cgl\u00fccklichen Eingeborenen\u201d f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit geworden sind (hier liegt eine gewisse Ironie darin, dass der umstrittene Bericht des Ethnographen Chagnon sie als \u201cfierce people\u201d betitelt; der weniger umstrittene Film von Timothy Ash erl\u00e4utert dagegen die Streitrituale in didaktischer Form).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In einer humorvollen Vignette \u00fcber das Exotische schreibt die afro-amerikanische Kolumnistin Andrea Lee im New Yorker vom 3. November 2014, dass das Bild des Exotischen leicht durch eine Kokosnuss und eine H\u00e4ngematte zwischen zwei Palmen evoziert werden k\u00f6nne. Sie hat nur den \u201cNaturmenschen\u201d vergessen, der jedoch mit voller Intensit\u00e4t von Salgado in die manipulierte photographische \u201cRealit\u00e4t\u201d hineingeholt wird, mit halbnacktem K\u00f6rper, fast schneeweisser Haut, ein Bein aus der H\u00e4ngematte baumelnd: die ideale Imagination eines Europ\u00e4ers vom paradiesischen Leben als \u201cdolce far niente\u201d, im tropischen Regenwald, ohne Sorgen f\u00fcr \u00dcberleben und ohne einen Hinweis auf existierende Drohung der Ausrottung beider, des Regenwaldes und der Bev\u00f6lkerung. Sch\u00f6ner oder schlimmer ideologisch aufgeladen h\u00e4tte es auch Sergej Eisenstein in seinem unvollendeten Meisterwerk von 1930 \u201cQue Viva Mexico\u201d nicht zeigen k\u00f6nnen, wo ein Liebespaar in einer H\u00e4ngematte flirtet, w\u00e4hrend er es schaffte, durch Schnitte auf folgende Szenen die Dialektik der Einbettung dieses \u201cunschuldigen Paars\u201d in die grausamen Unterwerfungsriten kirchlicher Prozessionen einerseits, in die Brutalit\u00e4t der Latifundien-Wirtschaft andererseits einzubinden, die einen Landarbeiter f\u00fcr ein kleines Vergehen in den bis zum Hals eingraben, um ihm dann durch berittene Pferde mit Hufen den Sch\u00e4del zertr\u00fcmmern zu lassen. Salgado erhielt dann f\u00fcr diese Photoserie noch den \u201cRitterschlag\u201d eines Weltstars unter den Regisseuren durch die bewundernde Verfilmung seiner Arbeiten durch Wim Wenders in \u201cDas Salz der Erde\u201d von 2014.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In Anbetracht der Tatsache, dass Salgado eine fr\u00fchere Photo Strecke \u00fcber die Gold sch\u00fcrfenden Garimpeiros angefertigt hat, best\u00e4tigt nur die Vermutung, von Susan Sontag ge\u00e4u\u00dfert, dass es sich hier um eine Stilisierung, \u00c4sthetisierung und Fetischisierung der Schaulust \u201c, und zwar \u201cam Leiden anderer\u201d handelt (Susan Sontag, \u201cThe Pain of Others\u201d, 2003). Salgado\u2019s visuelle \u00dcberw\u00e4ltigungsspektakel passen in diese Tradition der \u00c4sthetisierung des Nostalgischen, um zugleich \u2013 in seinen Photo-Strecken \u00fcber die mit Schlamm \u00fcberkrusten K\u00f6rper von Arbeitern in offenen Goldminen \u2013 eine Spektakularisierung von Subalternit\u00e4t zu evozieren, die eher eine affektive Resonanz der Bewunderung f\u00fcr die Bild\u00e4sthetik und die in Nahaufnahmen herausgefilterten Bein- Muskeln der Garimpeiros zu erreichen scheint, als eine empathische Reaktion \u00fcber die Bedingungen des abjekten Lebens selbst zu affizieren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Antworten zum Verh\u00e4ltnis von relativierender Autonomie und universalen Regeln?\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Ethnologie kann sicherlich kaum eine Antwort auf die universalen Fragen nach einer Menschheits-Charta geben, und das ist im Herder\u2019schen Paradigma angelegt. Bauman weist darauf hin, dass man sich immer von neuem auf dieses riskantes Unterfangen einlassen m\u00fcsse, wirklich tolerante Dialogik in der Praxis zu erm\u00f6glichen, in der man dem anderen die Autonomie der abweichenden Meinung zugestehen muss. Auch Edward Said \u00e4u\u00dferte sich skeptisch \u00fcber eine Relativierung aller Werte und Interessen, da er sich ja selbst in der Tradition eines kosmopolitischen Menschen der Renaissance sah. Jedoch wies er auf das praktisch negative Resultat hin, das in einem \u201cdin of civil wars\u201d bestehen w\u00fcrde, wenn alle Partikularinteressen in einer globalen Gesellschaft sich nur selbst behaupten wollen (Edward Said, \u201cRepresentations of the Intellectual\u201d 1994).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Michael Jackson\u2019s erw\u00e4hnte Vorgabe f\u00fcr ethnologische Forschung, die den Ideen von Bauman wie von Habermas \u00e4u\u00dferst kongenial folgen, wird von Kurt Wolf in eine andere Metaphern-Kette verwoben, die ph\u00e4nomenologisch und existentiell f\u00fcr ethnographisches Arbeiten von Belang sein d\u00fcrfte. Wolff fordert, dass man sich dem Feld, dem Fremden oder einer Begebenheit wie einer Begegnung \u201chingeben\u201d m\u00fcsse (\u201cto surrender to\u201d), nicht mit dem Ziel, sich zu verlieren, sondern mit dem Ziel eines \u201cFangs\u201d (\u201ccatch\u201d), der entweder darin besteht, reflexive-kritisch zu sich selbst zu finden, oder eben ein \u201cKonzept\u201d, eine Idee, eine Reflektion anzustossen (Kurt Wolff, \u201cSurrender and Catch\u201d, 1976, S. 25, 77, 168, 197; als Heilmittel f\u00fcr die Einsicht in die Findung ethischer Selbst- Identit\u00e4t durch ethnographische Praxis empfehle ich dem Kritiker, mal einen Blick auf die letzten Seiten des autobiografischen Ethno-Tagebuch-Romans von Laura Bohannan \u201cReturn to Laughter\u201d von 1954 zu werfen).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[157],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1610","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-klaus-peter-kopping"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1610\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5008,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1610\/revisions\/5008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1610"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}