{"id":1609,"date":"2017-01-24T00:00:00","date_gmt":"2017-01-23T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/alle-kultur-ist-prekaer-die-relativistische-ethnologie-als-aufklaerung\/"},"modified":"2019-09-23T17:33:51","modified_gmt":"2019-09-23T15:33:51","slug":"alle-kultur-ist-prekaer-die-relativistische-ethnologie-als-aufklaerung","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/alle-kultur-ist-prekaer-die-relativistische-ethnologie-als-aufklaerung\/","title":{"rendered":"ALLE KULTUR IST PREK\u00c4R. DIE RELATIVISTISCHE ETHNOLOGIE ALS AUFKL\u00c4RUNG"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1609?pdf=1609\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1609?pdf=1609\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p>Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil, sagt der junge Alte Martin Walser. Also: Aufkl\u00e4rung ist immer auch Verkl\u00e4rung, insbesondere wo sie sich dem alles beanspruchenden Fortschrittsmythos verpflichtet zeigt. Und Kulturrelativismus verabsolutiert die kulturelle Kreativit\u00e4t, gerade wo diese, wie so oft, in Wahn und Grauen ausschl\u00e4gt oder, wie noch \u00f6fters, fremdbestimmt ist. Die beiden im Widerstreit stehenden Weltsichten gleichen sich, wo sie Heterogenes gleichmachen m\u00f6chten, sie trennen sich, wenn es um Bescheidenheit und Zur\u00fcckhaltung im Urteil &#8211; bei Cicero hie\u00df diese schon damals seltene Tugend epoch\u00e4 &#8211; geht. Die Moral, die in einer wieder einmal endzeitlichen Verkrampfung diesmal des 21. Jahrhunderts sich erneut auf der Siegerstra\u00dfe w\u00e4hnt, muss den z\u00f6gerlichen und abw\u00e4genden Geist bek\u00e4mpfen, weil sie mit jeder Erh\u00f6hung ihrer Rigorosit\u00e4t und Reichweite sich verbesserte Durchschlagskraft verspricht, ohne danach zu fragen, was dahinter kommt.<\/p>\n<div align=\"justify\"><!--more-->Die Ethnologie, die sich seit ihren Anf\u00e4ngen im 18. Jahrhundert kulturellen Unterschieden nicht nur nivellierend, sondern auch verstehend oder gar affirmativ ann\u00e4hern wollte, ist heutzutage unter so massiven Beschuss geraten, dass viele hervorragende Fachvertreter das Schweigen w\u00e4hlen. Der internationalistisch sich gebende Globalismus wirft der Wissenschaft von der kulturellen Differenz vor, die Fremden, denen sie sich mit Neugier und Ehrfurcht zugleich zu n\u00e4hern wagt, \u00fcberhaupt erst erfunden zu haben. Damit reihe sie sich ein unter die apokalyptischen Reiter der Neuzeit, also Nationalismus, Rassismus, Sexismus oder die noch schlimmerer Antismen, die allesamt von Differenzen leben und deswegen mehr an ihrer Pflege als an ihrer Abschaffung Interesse zeigten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ganz gewiss ist die Ethnologie ein Kind des Kolonialismus, dieses Dominanzstrebens im interkulturellen Kontakt, das sicher mit der Entdeckung der Ungleichheit von Menschengruppen im Neolithikum aufkam und seither die Kulturgeschichte ganz wesentlich strukturiert. Der \u00dcberlegene belehrt den Unterlegenen, so geht es bei Individuen, Verwandtschaftsverb\u00e4nden, Ethnien, Kultb\u00fcnden, Nationen, Religionen und Geostrategen zu. Binnenideologisch handelt es sich um F\u00fchrung, altgriechisch agog\u00e4, von anderen, von schw\u00e4cheren, die ge- oder gar verf\u00fchrt werden m\u00fcssen. Der Lehrer f\u00fchrt den Sch\u00fcler als P\u00e4d-agoge ins Erwachsenendasein, der (verantwortungsbewu\u00dfte, nicht der kritische) Journalist f\u00fchrt den Leser zum richtigen Bewusstsein als Volksp\u00e4dagoge, als Dem-agoge (Volksf\u00fchrer) w\u00e4re er denunziert. Nur der Geistliche ist hier in der Selbstbezeichnung ehrlicher: Als Pastor geht er einer Schafherde voran und wird dabei selbst von &#8222;Hirtenbriefen&#8220; angeleitet; eine Nivellierung der Differenzen ist dabei nicht angedacht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ethnologen sind von ihrem Selbstverst\u00e4ndnis her Kritiker von Hierarchien, antiautorit\u00e4re Kulturologen, die jede Suprematie auf wirtschaftlichem, gesellschaftlichem oder religi\u00f6sem Gebiet kritisch hinterfragen. Das ist die Essenz ihres heute wieder im Namen der Vernunft, der Menschenrechte, des aufgekl\u00e4rten und vereinheitlichten Geschichtsziels herausgeforderten Kulturrelativismus. Es geht nicht um Rechtfertigung von Unsinn, Barbarei, Ressourcenvergeudung, sexistischer Gewalt und was es noch alles an Abscheulichkeiten in jeder kollektiven Daseinsbew\u00e4ltigung geben kann.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Niemand wei\u00df \u00fcber Intensit\u00e4t und Verbreitung gesellschaftlicher Irrwege besser Bescheid als kulturvergleichende Ethnologen mit ihrer Expertise f\u00fcr Kollektiv-Irrg\u00e4rten. Es geht einzig um das Bestreiten des Richteramts, das sich heute wieder eine wachsende Schar von Moralisten, Ethikkommissaren, Wahrheitsh\u00fctern, Demokratiew\u00e4chtern oder &#8222;Kirchenr\u00fcgern&#8220; (so hie\u00dfen fr\u00fcher Ehrenamtliche, die w\u00e4hrend des Gottesdienstes durch die H\u00e4user gingen und Predigtverweigerer aufsp\u00fcrten) anzuma\u00dfen erdreistet.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die heutige Ethnologie besch\u00e4ftigt sich l\u00e4ngst nicht mehr nur mit Differenzen zwischen Indigenen und Nichtindigenen (also &#8222;Entwurzelten&#8220;, wie die V\u00f6lkerkundler des interbellum tats\u00e4chlich die Assimilierten und Akkulturierten in aller Welt gern nannten). Heute geht es um Differenzen aller Art, um Vielfalt im Kulturgeschehen, f\u00fcr deren Verst\u00e4ndnis die ethnologischen Methoden des Relationismus und Perspektivismus ebenso Voraussetzung sind wie f\u00fcr die Akzeptanz zivilisatorischer Unterschiede, die mit der Globalisierung ja keineswegs &#8211; auch nicht konzeptionell &#8211; verschwunden sind. Es bedurfte vieler Dekaden intensiver Feldforschung, bis die Gebrochenheit auch der vermeintlich geschlossenen Gesellschaften und traditionalen Kulturen erkannt war und damit jede Kultur &#8211; ob stammesgebunden, \u00fcberregional oder maschinenbasiert &#8211; als die kollektive Gew\u00f6hnung an Wechselzust\u00e4nde begriffen werden konnte, die immer auch interne Differenzen aufweist &#8211; sie in aufw\u00e4ndigen Synthesen schlie\u00dft und dann wieder aufrei\u00dft. Es sind immer m\u00fchsam gefundene und stets reparaturbed\u00fcrftige Kompromisse, etwa wenn sich zwei &#8211; oft ungleiche &#8211; Familienverb\u00e4nde auf ein exogames Eheband verst\u00e4ndigen konnten, oder wenn eine expansive Weltreligion sich in einer \u00fcberalterten und ratlos gewordenen \u00dcberflussgesellschaft selbstbewusst einrichtet. Es h\u00e4ngt vom Objektiv des Betrachters (und seiner Geduld) ab, wie viel Risse und Divergenzen er innerhalb einer kulturellen &#8222;Einheit&#8220; ausmachen kann. Dabei erscheint die &#8222;gezeigte Kultur&#8220; immer einheitlicher als die &#8222;verborgene&#8220;, und die Konflikte, die beim Erscheinen eines Fremden unter den Teppich gekehrt werden, geh\u00f6ren &#8211; wie Goethes &#8222;Fl\u00f6he und Wanzen&#8220; &#8211; eben auch &#8222;zum Ganzen&#8220;.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das ist &#8222;ganzheitliche&#8220; Ethnologie, wie sie trotz der massiv gewordenen Verurteilungen durch Globalisten, Internationalisten, Okzidentalisten und Philanthropen immer noch gebraucht wird, weil die Differenzen zwischen den Menschen und Menschengruppen zwar ideologisch weggeredet werden k\u00f6nnen, damit aber nicht faktisch aufgehoben sind. Alle Konsensgruppen sind das nur relativ, alle Kultur ist prek\u00e4r, das Individuum wandert in jeder Gemeinschaft oder Gesellschaft von einer Sinndom\u00e4ne zur anderen und passt sich dabei immer neuen Gegebenheiten an. Was verlassen wurde, ger\u00e4t oft unter die F\u00fc\u00dfe, um in neuer Drapierung und zu anderer Gelegenheit wieder begr\u00fc\u00dft zu werden Die Vielfalt der Kulturen im Weltganzen wiederholt sich in jeder einzelnen Kultur, in ihren Maskenspielen und Kulissenwechseln, in ihren Umschreibungen und Verheimlichungen. Die einzelnen Sinnprovinzen, aus denen sich auch die am geschlossensten erscheinende Kultur zusammensetzt, ignorieren sich gegenseitig, wenn sie nicht in harten Revierk\u00e4mpfen ineinander verhakt sind wie die endemischen Dualismen zwischen Invasoren und Platzhaltern oder &#8211; wie der scheidende Bundespr\u00e4sident sich ausgedr\u00fcckt hat &#8211; zwischen hell und dunkel gesinnten Landsleuten. Auch solche immer neu sich bildende Lager besitzen nur eine begrenzte Sinnhaftigkeit, eben nur solange wie man sich kollektiv dar\u00fcber verst\u00e4ndigen kann. Werden die Sinndeuter aber schwach oder unterliegen sie ihren Widersachern, \u00e4ndert eine (Sub)kultur rasch ihr Gesicht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ethnologen konnten solche Wandlungsprozesse an den fluktuierenden Einflusszonen von Magiern studieren. Der bekannte Satz des Philosophen Karl Jaspers: &#8222;Alles Sein ist ausgelegt sein.&#8220; verweist auf den Prozess des Auslegens, des Interpretierens. Das ist die Tugend der interpretativen Ethnologie, die nicht nur am Verst\u00e4ndnis kultureller Vielfalt und ihrer ad\u00e4quaten \u00dcbersetzung arbeitet, sondern auch die Vorg\u00e4nge des sinnhaften Auslegens studiert, die Erringung, die Verteidigung und den Verlust von Deutungshoheit, also insbesondere der Frage nachgeht: wer sagt wann was wem?<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der moralisch \u00dcberlegene weist den Unterlegenen dann zurecht, wenn er eine Differenz entdeckt hat, die seiner Meinung nach ausger\u00e4umt werden muss. So r\u00fcckte die ethnologische Besch\u00e4ftigung mit Indigenen in die Kritik des Globalisten Christian Weber, weil solche Studien den Prozess der Homogenisierung zu behindern scheinen, der f\u00fcr die Erreichung des sozialstaatlich begr\u00fcndeten Weltfriedens f\u00fcr unverzichtbar gehalten wird. Die heute medial und politisch gef\u00f6rderte Eine-Welt-Ideologie hat f\u00fcr ihr Endziel eine leicht verst\u00e4ndliche Werteskala aufgestellt, nach der Offenheit zu bevorzugen ist gegen\u00fcber der Geschlossenheit, ebenso wie Internationalismus gegen\u00fcber Nationalismus und transatlantische Orientierung gegen\u00fcber einer eurasischen. F\u00fcr Ethnologen ist das eine interessante Denke, weil sie Einstimmigkeit vorschreibt und zugleich Buntheit als Lockmittel anbietet. Doch auch sie hat das irdische Feld zu teilen mit vielen anderen Entw\u00fcrfen, Sinnprovinzen, Kulturen und Endzeitvisionen. Unsere &#8222;Neuzeit&#8220; begann vor 500 Jahren mit dem Entwurf von Thomas Morus&#8216; Insel der Gl\u00fcckseligkeit, aber auch mit Martin Luthers Untergangsszenario in seinen Schriften &#8222;wider die T\u00fcrken&#8220;. Seither ist die Arena der Weltgeschichte keinesfalls eindeutiger geworden. Wer sich einen \u00dcberblick verschaffen m\u00f6chte, muss relativistisch und perspektivistisch wahrnehmen und begreifen. Wahre Aufkl\u00e4rung kann nur kulturrelativistisch argumentieren und ist so offen wie die Evolution der Arten oder die Entwicklungsgeschichte der Sterne.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[44],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1609","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-bernhard-streck"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1609\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1856,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1609\/revisions\/1856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1609"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}