{"id":1608,"date":"2017-01-17T00:00:00","date_gmt":"2017-01-16T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/voellig-losgeloest-nichts-gelernt-und-nicht-gewillt-zu-lernen\/"},"modified":"2019-09-23T17:34:07","modified_gmt":"2019-09-23T15:34:07","slug":"voellig-losgeloest-nichts-gelernt-und-nicht-gewillt-zu-lernen","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/voellig-losgeloest-nichts-gelernt-und-nicht-gewillt-zu-lernen\/","title":{"rendered":"V\u00d6LLIG LOSGEL\u00d6ST, NICHTS GELERNT UND NICHT GEWILLT ZU LERNEN!"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1608?pdf=1608\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1608?pdf=1608\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p>\u201eOkay, okay &#8211; an einigen unwirtlichen Orten dieses Planeten mag es immer noch angebracht sein, fremde Menschen, die einem unangemeldet \u00fcber den Weg laufen, vorsichtshalber zu erschlagen &#8230;\u201c Mit diesen Worten leitet Christian Weber seinen Artikel \u00fcber die \u201eedlen Wilden\u201c ein, an dessen Ende eine generalisierende Diskreditierung der Ethnologie steht, mit herausgepickten angeblichen Argumenten verschiedener Forscherinnen und Forscher vergangener Zeiten als Belege f\u00fcr die Antiquiertheit einer Wissenschaft. Sich tarnend mit dem kumpelhaften, pseudocoolen und fast spie\u00dfig gewordenen \u201eokay, okay\u201c webt sich Herr Weber eine Textur zurecht, die bei Demagogen und Demagoginnen gemeinhin am Anfang jedes Pamphlets stehen muss. Ganz seltsam etwa sei, dass in den USA und in Europa (warum blo\u00df dort?) \u201egar nicht wenige\u201c Menschen glauben w\u00fcrden, dass in den sogenannten Stammesgesellschaften noch alles in Ordnung sei? Woher hat das Herr Weber blo\u00df? Das klingt ja wie bei Trump! Glaubt wirklich \u201ejeder\u201c Tourist, der gemeinhin in seinem heimischen Wohnzimmer um die Welt reist, dass in anderen Gesellschaften noch alles in Ordnung sei? Wo lebt heute in den K\u00f6pfen von Touristen und Gro\u00dfst\u00e4dtern \u201eder Mythos vom edlen Wilden\u201c? Wahrscheinlich ist es eher eine Minderheit, die an so etwas noch glaubt. Touristen und Gro\u00dfst\u00e4dter suchen nach Erholung, nach einem Ausgleich mit der Natur, nach unber\u00fchrten Str\u00e4nden, Landschaften und Meeren, nach historischen Sites, aber eher nicht nach Edlen Wilden. So doof, wie sie Herr Weber konstruiert, sind Gro\u00dfst\u00e4dter, Nicht-Gro\u00dfst\u00e4dter und Touristen in der Mehrheit sicherlich nicht. Im \u00dcbrigen m\u00f6gen Touristen und Gro\u00dfst\u00e4dter usw. denken was sie wollen, ihre vermeintlichen Meinungen aber auf eine ganze Wissenschaft zu \u00fcbertragen ist postfaktische Anma\u00dfung, ist das, was man als modische journalistische Hinwendung zum Trumpismus bezeichnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<div align=\"justify\"><!--more-->Der Unterstellungsjournalismus und das zusammengebastelte Konstrukt, die in die Reihe der fakes geh\u00f6ren w\u00fcrden, die jenseits von jeder ernsthaften soziologisch- ethnologischen Analyse stehen und blo\u00df gemeinte Meinung darstellen, stehen wie gesagt am Anfang des Textes von Herrn Weber und ziehen sich folgerichtig durch diesen hindurch. Dass dabei neue fakes herauskommen, ist diesem in seinem Bem\u00fchen, Wissenschaftsgeschichte zu schreiben, blo\u00df Mittel zum Zweck. Doch inzwischen hat er sich wahrscheinlich l\u00e4ngst anderen Themen zugewandt, schreibt etwa \u201e\u00fcber Margarine\u201c oder so und lacht sich eins \u00fcber die besorgten Reaktionen der Ethnologen. Doch m\u00f6chte ich annehmen, dass er es f\u00fcr sich genommen ernst meint mit seiner Meinung, die er hier als Realit\u00e4t pr\u00e4sentiert, geh\u00f6rt er doch zu jenen bedauerlichen Zeitgenossen, die m\u00fchevoll ihre Brosamen verdienen mit einem medienwirksam aufgepumpten Text, der sich einer Syntax und L\u00fcge der fr\u00fchen sechziger Jahre bedient. In der New York Times, die ich als Beispiel eines herausragenden Journalismus auch in diesen trumpischen Zeiten ansehe, h\u00e4tte sein provinzielles Gepl\u00e4nkel sicherlich keine Chance zur Ver\u00f6ffentlichung. Herrn Webers Satz: \u201eTats\u00e4chlich sind in indigenen V\u00f6lkern Gewalt, Hexenglaube und sorgloser Umgang mit der Umwelt verbreitet\u201c w\u00fcrde ich gern einmal dem gegen\u00fcberstellen, was wir bei uns jeden Tag an offener und versteckter Gewalt, an esoterischem Quark und sorglosem Umgang mit der Umwelt erleben und erleiden m\u00fcssen. Wer das wei\u00df, kann so einen Satz, der sogenannten Indigenen unterstellt wird, und wer erkennt, dass wir selbst auf eine Weise ebenfalls indigen sind, nicht mehr schreiben. Herr Weber und seine verantwortliche Redaktion sind von diesen Einsichten weit entfernt. Sie glauben offenbar selbst noch an den \u201eedlen Wilden\u201c und geben sich als Aufkl\u00e4rer, denen man zurufen m\u00f6chte: Seht doch auch auf Euch selbst, wenn wir schon \u00fcber Relativismus sprechen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wie sooft m\u00fcssen als \u201eindigen\u201c geoutete Menschen, Gruppen, V\u00f6lker herhalten, um abzulenken, von dem heruntergekommen Zustand, in dem wir uns journalistisch bez\u00fcglich des Verh\u00e4ltnisses zu anderen Kulturen offenbar befinden. Kann \u00fcber \u201eHexenglauben\u201c in anderen Kulturen gesprochen werden, ohne in dialektischer Korrelation zum Hexenglauben und mystizistischen fakes bez\u00fcglich von Fl\u00fcchtlingen und fremd erscheinenden Riten auf uns selbst zu schauen? Wann hat jemals ein ernstzunehmender Ethnologe Beschneidungspraktiken, Kindest\u00f6tungen, Unterdr\u00fcckung von Frauen, T\u00f6tung von Alten f\u00fcr rechtens erkl\u00e4rt? Sicher, es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass es da verschrobene Ansichten gibt, aber eine ganze Wissenschaft damit zu identifizieren &#8230; ? Wenn ich beispielsweise gewisse bayerische Praktiken von Nepotismus und Parteienwirtschaft als kulturtypisch f\u00fcr eine Region beschreibe, wie wohl jeder B\u00e4cker beispielsweise eines kleinen Ortes in Bayern wei\u00df, der nicht einer regional bedeutenden Partei beigetreten ist, rechtfertige ich damit eine derartige Kultur noch lange nicht. Ethnologie ist eine beschreibend-analytische Wissenschaft und nicht prim\u00e4r Meinungspolitik. Jedoch: Der Entwurf, den Herr Weber als Meinung \u00fcber die Ethnologie vorstellt, hat Gro\u00dfes im Sinn: den Rundumschlag gegen eine Wissenschaft, die gerade durch ihren seit Langem gef\u00fchrten offenen Diskurs \u00fcber das Eigene und das Fremde bequem angreifbar zu sein scheint. Dabei geh\u00f6rt gerade dieser Diskurs und die damit verbundene methodische Selbstkritik zu den St\u00e4rken der Ethnologie.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Sicherlich ist Herr Weber kein b\u00f6ser Mensch, er k\u00e4mpft nur, wie alle anderen auch, ums \u00dcberleben in seinem Job. Abh\u00e4ngig von Redakteuren, die m\u00e4keln und launisch sind, die, was gut sei und was schlecht sei, \u201eganz objektiv\u201c zur Ver\u00f6ffentlichung freigeben, muss der freie Autor sich nach der Decke strecken und sich t\u00e4glich \u201eneu erfinden\u201c. Will man zum Thema Ethnologie und Relativismus in der Ethnologie \u201eetwas machen\u201c, so ist das Feld bereits bestellt, da muss man gar nicht mehr \u201esooo viel arbeiten\u201c. Will sagen, Herr Weber befindet sich in guter Gesellschaft von Dilettanten und Hetzern gegen die Ethnologie. Ans\u00e4tze zu populistischem Niedermachen der \u201eDeutungshoheit\u201c von Wissenschaftlern, von Fachleuten mit soziologisch-ethnologisch-kulturhistorischer Ausrichtung, liegen bereits seit L\u00e4ngerem vor. Hier eine kleine Auswahl aus dem Bereich der Museen:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In einer ausf\u00fchrlichen Analyse am Beispiel einer Ausstellungsbesprechung in der S\u00fcddeutschen (16.4.2012) beschreibt Michael Kraus (in: Quo Vadis, V\u00f6lkerkundemuseum? (Transcript, Bielefeld 2015: 228ff) wie mittels einer \u201etypisch koloniale(n) Diskursfigur\u201c (230) Pseudokritik an einer \u201ean sich schon\u201c problematischen Institution ge\u00fcbt wird. Ein Per-Se-Denken zur Diskreditierung dieses Museumstyps und seiner WissenschaftlerInnen wurde auch im Weltkulturen-Museum in Frankfurt am Main unter der \u00c4gide seiner fr\u00fcheren (inzwischen entlassenen) Direktorin Cl\u00e9mentine Deliss gef\u00f6rdert: So hielt es Frau Deliss in ihrer Ausstellung \u201eObjektatlas \u2013 Feldforschung im Museum\u201c (2012) f\u00fcr v\u00f6llig ausreichend, ein Foto, das Mark M\u00fcnzel w\u00e4hrend einer seiner Feldforschungen mit viel Gep\u00e4ck vor einem Kleinflugzeug zeigt, als Beleg f\u00fcr die Fragw\u00fcrdigkeit, ja \u201eL\u00e4cherlichkeit\u201c von Forschungen in anderen Kulturen zu \u201edokumentieren\u201c. In diesem Stil fortfahrend bediente sich Frau Deliss im reichhaltigen Archiv des Frankfurter Museums in einer sp\u00e4teren Ausstellung einer oberfl\u00e4chlichen Auswahl von Nacktbildern, vornehmlich \u201ePenisbildern\u201c die Anthropologen im fr\u00fchen 20. Jahrhundert von Afrikanern angefertigt hatten, um kommentarlos anthropologische Forschungen fr\u00fcherer Zeiten vorzuf\u00fchren, ohne zu bemerken, dass Sie die erste war, die diese Bilder \u00fcberhaupt ausgestellt hat und mit ihrer \u201eVorf\u00fchrtechnik\u201c fr\u00fchere Vorurteile blo\u00df in die Jetztzeit transportiert, statt sich dezidiert damit auseinanderzusetzen. Die Dialektik des Zeigens, die nat\u00fcrlich immer auch ein Bild der Zeigenden entwirft, trat auch in der von Tamara Garb 2015 in einer Berliner Galerie kuratierten Ausstellung \u201eDistanz und Begehren. Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv\u201c zutage: Die Problematik fr\u00fcherer und moderner Abbildungen von Afrikanern k\u00f6nne sich der Besucher nur erkl\u00e4ren, indem er \u201emit vollen Sinnen\u201c durch die Ausstellung gehe (unterstellend, dass es ein Besucher sonst nicht tue). In diesem Zusammenhang spricht Frau Garb von einem \u201eR\u00fcckfall ins Anthropologische\u201c (\u201eDas koloniale Archiv komplexer denken\u201c. Interview mit Tamar Garb. TAZ, Berlin Kultur, 5.6.2015). Innerhalb dieses Denkens scheint es folgerichtig zu verk\u00fcnden, dass Besucher, die in ein V\u00f6lkerkundemuseum gehen, dort blo\u00df ihren kolonialen Blick best\u00e4tigen wollten, wie es unl\u00e4ngst in der Ausstellung \u201efremd,\u201c im Leipziger V\u00f6lkerkundemuseum behauptet wurde, weil ja bisher immer Wissenschaftler in diesem Museum ihr Wissen vermittelt h\u00e4tten. Frenetisch wurde in Dresden im Dezember 2016 bei einer Ausstellungser\u00f6ffnung im Japanischen Palais der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Verk\u00fcndung seitens der nicht promovierten Direktorin gefeiert, dass es nunmehr gelungen sei, den \u201eDoktoren die Deutungshoheit\u201c zu entziehen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Was hei\u00dft denn \u201eDeutungshoheit\u201c? Wenn man Wissen missbraucht, doch wohl! Oder hat ein Wissenschaftler kein Recht mehr, seine Erfahrungen, sein Wissen \u00fcber andere Kulturen mitzuteilen, auch wenn es unbequem erscheint, ohne von Dilettanten in die Schranken gewiesen zu werden? Selbstverst\u00e4ndlich d\u00fcrfen und m\u00fcssen die \u201eLiebhaber einer Kunst oder Wissenschaft, die sich ohne tiefere Ausbildung mit einem Thema besch\u00e4ftigen\u201c, also Dilettanten, ihre Meinungen vertreten und Wissenschaft kritisieren, und jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler muss Fragen beantworten und sich in einem fairen Prozess rechtfertigen k\u00f6nnen. Aber was derzeit massiv stattfindet, ist die Ersetzung einer vermeintlichen \u201eDeutungshoheit\u201c durch populistisch wirksame Ideologien aus den untersten Schubladen der Denunziation. Das sich verbreitende Ressentiment gegen ethnologisches Wissen, gegen Zur\u00fcckhaltung und Vorsicht in der Darstellung von Erfahrungen in anderen Kulturen, erinnert an sehr dunkle Zeiten in unserer Geschichte. Heute sind es die schleichenden Symptome erneuter Arroganz, besessenem Gutmenschentums und banausischer Besserwisserei. \u2013 Doch mag meine Polemik hier stark \u00fcberzogen sein, denn bei genauem Hinsehen verbirgt sich ein gar j\u00e4mmerlicher Entwurf hinter diesen Angriffen, deren Sprache offen vorliegt und entsprechend erkannt werden kann.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Vergl. Claus Deimel, Wer Wind s\u00e4t. Rufe aus der \u201eletzten bildungsb\u00fcrgerlichen Bastion rassistischen Denkens.\u201c In: Paideuma 62:261\u2013274, 2016<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[91],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1608","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-claus-deimel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1858,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1608\/revisions\/1858"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1608"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}