{"id":1606,"date":"2017-01-03T00:00:00","date_gmt":"2017-01-02T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/wer-erhaelt-die-maer-vom-edlen-wilden-gegen-die-diskreditierung-einer-gesamten-disziplin\/"},"modified":"2020-02-21T17:14:41","modified_gmt":"2020-02-21T16:14:41","slug":"wer-erhaelt-die-maer-vom-edlen-wilden-gegen-die-diskreditierung-einer-gesamten-disziplin","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/wer-erhaelt-die-maer-vom-edlen-wilden-gegen-die-diskreditierung-einer-gesamten-disziplin\/","title":{"rendered":"WER ERH\u00c4LT DIE M\u00c4R VOM EDLEN WILDEN? GEGEN DIE DISKREDITIERUNG EINER GESAMTEN DISZIPLIN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1606?pdf=1606\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1606?pdf=1606\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: Bei folgendem Text handelt es sich um einen offenen Brief des aktuellen Vorstands und Beirats der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde (DGV), der am 26. Oktober 2016 auf der DGV-Webseite ver\u00f6ffentlicht wurde. Autoren des Textes sind Hansj\u00f6rg Dilger, Kristina Dohrn, Dominik Mattes, Anita von Poser, Birgitt R\u00f6ttger-R\u00f6ssler und Olaf Zenker. Vgl. <\/em><a href=\"http:\/\/www.dgv-net.de\/offener-brief-an-die-\"><em>http:\/\/www.dgv-net.de\/offener-brief-an-die-<\/em><\/a><em> sueddeutsche-zeitung\/<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Mit gro\u00dfem Befremden haben wir den Artikel <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\"><em>Die M\u00e4r vom edlen Wilden <\/em><\/a>gelesen, der am Oktober 2016 in der S\u00fcddeutschen Zeitung unter der Sparte \u201eWissen &gt; Ethnologie\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde. In diesem Text nimmt der Autor, Christian Weber, einen k\u00fcrzlich erschienenen Bildband des fr\u00fcheren Modefotografen Jimmy Nelson zum Anlass, \u00fcber Fragen von Authentizit\u00e4t und die Repr\u00e4sentation von Tradition in einer globalisierten Welt nachzudenken.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Laut Weber versammelt Nelson in seinem Band Fotografien von Menschen aus \u201eStammesgesellschaften\u201c, wie er sie bereits in der 2014 erschienenen Reihe \u201eBefore they pass away\u201c darstellte. Mit Blick auf die breite Kritik an Nelsons \u201eebenso pr\u00e4chtigen wie kitschigen Aufnahmen\u201c bemerkt Weber dabei sehr richtig, dass das Einfordern einer \u201eangeblich oder tats\u00e4chlich fehlenden Authentizit\u00e4t\u201c das zentrale Anliegen eines solchen Fotoprojekts \u2013 zumindest bei wohlwollender Interpretation \u2013 verfehle: Als \u201etraditionell\u201c kategorisierte Kleidungsstile und Artefakte seien zu allen Zeitpunkten der Menschheitsgeschichte eine Form der Inszenierung und kulturellen \u201eErfindung\u201c. Sie stellten \u201ein der Gegenwart konstruierte kulturelle Symbole\u201c dar, die \u201ein die Vergangenheit zur\u00fcckprojiziert [werden], um die kollektive Identit\u00e4t zu festigen.\u201c<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Nicht nachvollziehbar ist dann jedoch, dass Weber im weiteren Verlauf des Artikels einen Bogen zur Ethnologie schl\u00e4gt und zu einer umfassenden Negativkritik an der Disziplin ausholt. Ohne einen solchen Bezug an dieser Stelle bereits explizit zu machen, seien es laut Weber insbesondere Ethnologinnen und Ethnologen, die ein anhaltendes Interesse am Leben von \u201ekleinen V\u00f6lkern (\u2026) am Rande der Gesellschaft\u201c h\u00e4tten und diese als \u201estarke und harmonische Gemeinschaft stolzer Menschen\u201c darstellten. Hierdurch w\u00fcrden sie die \u201eProjektionen zivilisationsm\u00fcder Europ\u00e4er\u201c selbst mit immer neuer Nahrung f\u00fcttern und komplett ausblenden, dass es in \u201aindigenen\u2018 Gesellschaften \u2013 ebenso wie in \u201awestlich-modernen\u2018 Gesellschaften \u2013 Ungerechtigkeiten und Spannungen gebe, die zu sozialer Benachteiligung, Verwerfungen und \u00c4ngsten f\u00fchrten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Weber st\u00fctzt seine negative Einsch\u00e4tzung des Fachs Ethnologie vor allem darauf, dass sich die Disziplin \u2013 vorgeblich \u2013 bis heute vorwiegend auf den kulturrelativistischen Ansatz von Franz Boas st\u00fctze: Dieser argumentierte in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, \u201edass jede Kultur nur aus sich selbst heraus zu verstehen und sie in ihren Werten und Normen von au\u00dfen nicht zu beurteilen sei\u201c. Unerw\u00e4hnt l\u00e4sst Weber in diesem Zusammenhang jedoch, dass es die Ethnologie selbst war, die ab den 1970er bzw. 1980er Jahren \u2013 nicht zuletzt im Rahmen postkolonialer Debatten und mit Blick auf Globalisierungsprozesse der Gegenwart \u2013 eine zunehmend kritische Perspektive auf die eigene Fachtradition, und damit auch auf kulturrelativistische Positionierungen, eingenommen hat. Auch kommt es ihm nicht in den Sinn, dass gerade der kritisch- differenzierte Blick auf gesellschaftliche und politisch-\u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge \u2013 in untrennbarer Verbindung mit dem Bem\u00fchen, \u201ePraktiken aus der inneren Logik [von] Gesellschaften zu erkl\u00e4ren\u201c \u2013 zum zentralen Arbeitsverst\u00e4ndnis der Disziplin geh\u00f6rt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es mag sein, dass es in der Ethnologie einzelne Fachvertreterinnen und -vertreter gibt, die bestimmte soziale und kulturelle Ph\u00e4nomene unserer immer komplexer werdenden Gegenwart idealisieren. Auch m\u00f6gen einzelne Kolleginnen und Kollegen eine prim\u00e4r kulturrelativistische Argumentation vertreten und ihren Fokus darauf richten, bestimmte Bedeutungs- und Praxiszusammenh\u00e4nge aus der Innenperspektive heraus zu erkl\u00e4ren. Das willk\u00fcrlich-eklektische Herausgreifen von solchen Einzelbeispielen \u2013 oder aber aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelbefunden \u2013 negiert jedoch, dass gerade innerhalb des Fachs Ethnologie konsequent eine Auseinandersetzung \u00fcber diverse Positionierungen und Theorieans\u00e4tze gef\u00fchrt wird und dass die Disziplin mit dieser F\u00e4higkeit zur Selbstkritik eine wichtige Stellung innerhalb des sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeitsgef\u00fcges einnimmt. Es ist zudem wenig hilfreich, einen mittlerweile fast 100 Jahre alten Theorieansatz ohne weitere Einbettung in die vorhergehenden und nachfolgenden Fachdebatten auf die gesamte Arbeit der heutigen Disziplin zu projizieren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Ethnologie hat in den letzten Dekaden zu zahlreichen Themen des sozialen, kulturellen und politisch-\u00f6konomischen Wandels in verschiedenen Teilen der Welt Stellung bezogen und aus einer nicht-eurozentrischen, postkolonial informierten Perspektive gezeigt, dass sich die scharfe Trennung zwischen \u201atraditionellen\u2018 und \u201amodernen\u2018 Gesellschaften heute nicht l\u00e4nger aufrechterhalten l\u00e4sst. Auch hat sich das Fach als eine Disziplin positioniert, die ihre eigenen theoretischen und methodologischen Grundlagen konsequent reflektiert und mit diesem Ansatz genau f\u00fcr diejenige Flexibilit\u00e4t und Innovationskraft steht, die Weber auch f\u00fcr das Leben indigener Gemeinschaften in einer globalisierten Welt postuliert. Schlie\u00dflich werden mit Hilfe der ethnologischen Perspektive L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr ganz praktische Fragen und Herausforderungen formuliert, die das Zusammenleben in einer durch Mobilit\u00e4t, Konflikte und zunehmende Ungleichheiten gekennzeichneten Gegenwart pr\u00e4gen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Mit der verk\u00fcrzten Argumentation des Artikels sehen wir das Anliegen von kompetentem Journalismus nicht eingel\u00f6st, gr\u00fcndlich recherchieren und \u2013 mitunter durchaus polemisch zugespitzte \u2013 Diskussionsthesen differenziert belegen zu wollen. Warum die S\u00fcddeutsche Zeitung das Forum f\u00fcr einen solchen Text \u2013 und damit die Diskreditierung eines gesamten Fachs \u2013 bietet, ist f\u00fcr uns nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[100,214,215,216,217,218],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1606","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-hansjoerg-dilger","autor-kristina-dohrn","autor-dominik-mattes","autor-anita-von-poser","autor-birgitt-roettger-roessler","autor-olaf-zenker"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3162,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1606\/revisions\/3162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1606"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}