{"id":1605,"date":"2016-12-27T00:00:00","date_gmt":"2016-12-26T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/die-maer-vom-grausamen-wilden\/"},"modified":"2019-09-23T17:34:49","modified_gmt":"2019-09-23T15:34:49","slug":"die-maer-vom-grausamen-wilden","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/die-maer-vom-grausamen-wilden\/","title":{"rendered":"DIE M\u00c4R VOM GRAUSAMEN WILDEN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1605?pdf=1605\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1605?pdf=1605\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p>Christian Weber geh\u00f6rt zu denjenigen Wissenschaftsjournalisten, die Wissenschaft kritisch hinterfragen und sich auch nicht scheuen, wie ihre Kollegen aus der Politik ihre Meinung kundzutun. In seinem Artikel <em><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">Die M\u00e4r vom Edlen Wilden<\/a>\u00a0<\/em>dient ihm ein Fotoband von Nelson, aus dem farbige Abbildungen den Artikel illustrieren, zum Anlass, \u00fcber uns und die Anderen nachzudenken. Das Thema ist im Jahr 2016 mehr als aktuell. Der Andere steht pl\u00f6tzlich als Migrant und Fl\u00fcchtling vor unserer Haust\u00fcr, und zu Weihnachten l\u00e4uft im Fernsehprogramm eine Neuverfilmung von Karl Mays Winnetou, der Generationen \u00fcbergreifenden deutschen Ikone des Edlen Wilden. Nat\u00fcrlich Zufall, doch genau in diesem Spannungsfeld ist der Artikel angesiedelt. Der Ton ist zu gro\u00dfen Teilen polemisch, und die Sto\u00dfrichtung zielt gegen eine Romantisierung des Edlen Wilden und gegen den ethnologischen Kulturrelativismus. Anstatt die Anderen als die Edlen Wilden zu verherrlichen, so Christian Weber, sollten wir uns auf unsere Tugenden und das, was wir erreicht haben, besinnen. Eine klare Ansage, die ja auch sogleich Protest hervorgerufen und zur Gr\u00fcndung dieses Blogs gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<div align=\"justify\"><!--more-->Der polemische Ton wird gleich zu Anfang deutlich:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>&#8222;Okay, okay &#8211; an einigen unwirtlichen Orten dieses Planeten mag es immer noch angebracht sein, fremde Menschen, die einem unangemeldet \u00fcber den Weg laufen, vorsichtshalber zu erschlagen. Und vielleicht darf man sogar ein bisschen Verst\u00e4ndnis zeigen, wenn traditionsbewusste Inuit-V\u00f6lker in der Arktis oder die San in der Kalahari zumindest fr\u00fcher ihre Alten aussetzten und verhungern lie\u00dfen; das Essen war halt knapp.&#8220;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Auffallend ist hier Verwendung des W\u00f6rtchens \u201ehalt\u201c, das im Schw\u00e4bischen im Sinn von:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>\u201eDas ist halt so\u201c verwendet wird, als resignativer Ausdruck eines Sachverhalts, der keiner weiteren Begr\u00fcndung bedarf. Diese Resignation bef\u00e4llt den Autor auch angesichts seiner unbelehrbaren Zeitgenossen: \u201eEr ist halt immer noch in den K\u00f6pfen der Gro\u00dfst\u00e4dter, der Mythos vom Edlen Wilden\u201c. Wobei Gro\u00dfst\u00e4dter darauf verweist, dass hier nicht der provinzielle Fernsehzuschauer, sondern eher der hippe Intellektuelle gemeint sein mag.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Zwischen diesen beiden f\u00fcr den Autor unerfreulichen Tatsachen, an denen man halt nichts \u00e4ndern kann, kommt er zur Sache und stellt uns und die Anderen gegen\u00fcber. Er macht dies in Form von listengleichen Aufz\u00e4hlungen gleich mehrfach im Verlauf des Artikels. In diesem Vergleich gewinnen wir, daran l\u00e4sst seine Aufz\u00e4hlung keinen Zweifel:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wenn die Anderen nicht aus Not ihre Alten t\u00f6ten oder fremde Menschen erschlagen, dann mangelt es ihnen immer noch an einer intakten Gesundheitsversorgung; der Hexenglaube und Gewalt sind bei ihnen stark verbreitet, Freundschaften sind viel zweckorientierter und sinnlose Nahrungsmittel-Tabus sorgen f\u00fcr eine schlechte Ern\u00e4hrung. Religi\u00f6se Vorstellungen sch\u00fcren unn\u00f6tige \u00c4ngste, viele vernichten ihre Umwelt, und Sexualit\u00e4t ist viel reglementierter als Margret Mead glauben machen wollte.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das ist noch keinesfalls das Ende der Weberschen Schreckensliste, aber die Aufz\u00e4hlung soll gen\u00fcgen, um den Kontrast deutlich zu machen. Wir haben n\u00e4mlich ein staatliches Gewaltmonopol, eine allgemeine Rentenversicherung, und wir haben den Umweltschutz, eine Gesundheitsvorsorge, Menschenrechte und NGOs, die diese \u00fcber die Welt verbreiten, um zumindest etwas Licht in die Dunkelheit der vermeintlich Edlen Wilden zu bringen, die, soviel ist inzwischen klar, grausame Wilde, zumindest aber erb\u00e4rmliche Wesen sind.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Soweit l\u00e4sst es der Artikel nicht an Eindeutigkeit fehlen. Doch wie kommt es zu diesem Irrtum der \u201eGro\u00dfst\u00e4dter\u201c, die Bilder der Edlen Wilden von Nelson f\u00fcr authentisch zu halten? Hier holt Christan Weber weit aus und referiert wie ein Student den Unterschied zwischen vermeintlicher Authentizit\u00e4t und den \u201einvented traditions\u201c. Er nimmt dabei eine bemerkenswerte Differenzierung vor: Am Beispiel des Bayerns in Lederhosen und mit Laptop zeigt er das Bild einer gegl\u00fcckten Traditionserfindung, die nicht schadet und den Menschen im Zeitalter der Technologie W\u00e4rme vermitteln hilft. Falsch hingegen ist die Projektion von Authentizit\u00e4t auf die Anderen, die dadurch lediglich noch tiefer in ihrer Dunkelheit festgeschrieben werden. Verachtenswert ist dabei laut Christian Weber vor allem der Kulturrelativismus, der Altent\u00f6tung, T\u00f6tung von Babys, Zahnverst\u00fcmmelungen oder Genitalbeschneidungen (um nur ein paar der Beispiele zu nennen) aus der jeweiligen Kultur heraus zu erkl\u00e4ren und damit zu rechtfertigen versucht. Hier wendet Christian Weber endg\u00fcltig das Bild des Edlen Wilden gegen diejenigen, die es seiner Meinung nach propagieren: kulturrelativistische Ethnologen im Allgemeinen und \u201eemanzipierte Forscherinnen\u201c im Besonderen. Kann man den Gro\u00dfst\u00e4dtern noch Naivit\u00e4t im Sinne von \u201edie glauben das halt\u201c vorwerfen, handelt es sich hierbei um eine T\u00e4tlichkeit mit klarem Vorsatz. Das Verbrechen hei\u00dft \u201eRelativismus\u201c, und es ist der gleiche, \u201emit dem die chinesische Staatsf\u00fchrung der Bev\u00f6lkerung volle Rechtsstaatlichkeit und Demokratie verwehrt. Oder der in fundamentalistischen L\u00e4ndern Frauen die Gleichberechtigung versagt\u201c.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Damit ist der Bogen zur Aktualit\u00e4t geschlagen. Ohne dass es der Autor direkt anspricht, kann ich den Artikel nicht anders als vor dem Hintergrund um die Migrationsdebatte lesen. Automatisch denke ich hier an die Silvesternacht in K\u00f6ln, an die Rede von Menschen aus anderen Kulturkreisen, die unsere Frauen bel\u00e4stigen; an die Debatte dar\u00fcber, dass die Anderen sich an unsere Regeln und Werte halten m\u00fcssen, wenn sie hierbleiben wollen, denn von ihnen geht eine Gefahr aus: Sie k\u00f6nnten unsere Errungenschaften unterh\u00f6hlen und unsere Werte relativieren. Auch wenn es an den \u201eIndustriel\u00e4ndern\u201c viel zu kritisieren geben mag, so Christian Weber, so l\u00e4uft bei uns doch \u201eeiniges auch besser\u201c. Kann oder muss man gar diesen Artikel nicht als Kommentar zu \u201eWillkommenskultur\u201c und \u201eObergrenze\u201c lesen? Es ist zumindest schwer, diesen Hintergrund auszublenden. Das gilt vor allem auch f\u00fcr eine Argumentation, die allerorten im <a href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/2016\/12\/09\/reflexe-zur-wiederauferstehung-des-poststrukturalistischen-popanz-im-deutschen-feuilleton\/\">Feuilleton<\/a> anzutreffen ist: der eigentliche Feind sind nicht nur die, die zu uns kommen, sondern er sitzt mitten unter uns. Es sind nicht nur die naiven Gro\u00dfst\u00e4dter, sondern es ist der ethnologische Kulturrelativismus, personifiziert in der emanzipierten Forscherin.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/gesellschaft-und-forschung-mann-und-frau-und-der-kleine-unterschied-1.2952490\">fr\u00fcheren Artikel<\/a> aus demselben Jahr \u00fcber vermeintlich zu viele Genderprofessuren an deutschen Hochschulen stellt Christian Weber fest, dass es nun mal nat\u00fcrliche Unterschiede zwischen Mann und Frau g\u00e4be, und daher die Vielzahl von Genderprofessuren \u00fcberfl\u00fcssig sei. Er schl\u00e4gt in seinem Artikel \u00fcber die Edlen Wilden in eine \u00e4hnliche Kerbe: Er schreibt prinzipielle Unterschiede zwischen uns und den Anderen fest, indem er unsere gemeinsame Geschichte ausblendet. Wir haben mit den Herero auch die Khoi-San in die W\u00fcste getrieben und get\u00f6tet; das ist vergessen, stattdessen r\u00e4soniert Weber \u00fcber die Altent\u00f6tung. Erst so kann die Rede von den grausamen Wilden zur Grundlage unserer eigenen, \u00fcberlegenen Identit\u00e4t werden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Bei aller Kritik muss man Christian Weber auch dankbar sein, dass er eine Debatte \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis der Ethnologie anst\u00f6\u00dft, die vielleicht wirklich \u00fcberf\u00e4llig ist. Das Jahr 2016, die Migrationsdebatte und terroristische Anschl\u00e4ge gehen keinesfalls spurlos an der Ethnologie vor\u00fcber, und sie ist keinesfalls einer Meinung. Allerorten ist wieder die Rede von uns und den Anderen, von Kulturkreisen und von akzeptablen und weniger akzeptablen Kulturen. Der Klimadeterminismus und der Sozialdarwinismus klopfen an die T\u00fcr, und mancher nutzt die Gelegenheit, bei uns mit der Postmoderne und den politisch Korrekten aufzur\u00e4umen und die Science Wars noch einmal zu gewinnen. Der Riss geht quer durch die Ethnologie, die hier keinesfalls mit einer Stimme spricht. Der Andere steht vor unserer T\u00fcr, und wir schauen fern und tr\u00e4umen vom Edlen Wilden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Daran erinnert uns Christian Weber, wenn ich ihn richtig verstehe. Wenn wir die T\u00fcr \u00f6ffnen, erkennen wir uns selbst nicht mehr. Damit fing die Ethnologie einmal an, und wir sollten nicht aufh\u00f6ren, das Fremde in uns zu entdecken und das Eigene im Fremden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Diese Haltung ist bis heute nicht einfacher geworden.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[159],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1605","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-werner-kraus"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1605\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1861,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1605\/revisions\/1861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1605"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}