{"id":1604,"date":"2016-12-20T00:00:00","date_gmt":"2016-12-19T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/und-boas-hat-doch-recht-ein-plaedoyer-fuer-den-kulturrelativismus\/"},"modified":"2019-09-23T17:35:59","modified_gmt":"2019-09-23T15:35:59","slug":"und-boas-hat-doch-recht-ein-plaedoyer-fuer-den-kulturrelativismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/und-boas-hat-doch-recht-ein-plaedoyer-fuer-den-kulturrelativismus\/","title":{"rendered":"UND BOAS HAT DOCH RECHT! EIN PL\u00c4DOYER F\u00dcR DEN KULTURRELATIVISMUS"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1604?pdf=1604\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1604?pdf=1604\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: Thomas Reinhardt ver\u00f6ffentlichte diesen Text zuerst Anfang November 2016 auf der Homepage des ethnologischen Instituts der Ludwig-Maximilians- Universit\u00e4t M\u00fcnchen als offenen Brief an die S\u00fcddeutsche Zeitung &#8211; Betr.: SZ vom 17.10.2016, Christian Weber: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">Die M\u00e4r vom edlen Wilden<\/a><\/em><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Mensch ist nicht immer gut. Was er sich an kulturellen Praktiken einfallen l\u00e4sst, ist nicht immer sch\u00f6n. Und wo viele Menschen dauerhaft zusammenleben, geht es nicht immer erfreulich zu. Der Neuigkeitswert einer solchen Feststellung ist gering. Interessant wird die Angelegenheit erst, wenn man fragt, was denn genau \u201egut\u201c sei. Oder \u201esch\u00f6n\u201c. Oder \u201eerfreulich\u201c. Sind Schlaghosen sch\u00f6n? Ist es gut, Leihmutterschaften zu verbieten? Ist industrielle Tierhaltung erfreulich?<\/p>\n<div align=\"justify\"><!--more-->Wer \u00fcber absolute Ma\u00dfst\u00e4be verf\u00fcgt, wird solche Fragen einfach mit ja oder nein beantworten und entsprechende Konsequenzen fordern. Fort also mit Schlaghosen und Hochleistungsmilchk\u00fchen! Und wenn wir schon dabei sind: fort auch mit Tellerlippen, Infantizid und Frauenbeschneidung! M\u00f6ge die Welt genesen am europ\u00e4ischen Wesen! H\u00f6chste Zeit, den Wilden an den R\u00e4ndern der Zivilisation endlich einmal (wieder?) beizubringen, was richtig und was falsch ist &#8230;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: auch die laut einem Beitrag in der SZ vom 17. Oktober 2016 angeblich romantisch jede Urspr\u00fcnglichkeit verkl\u00e4renden Ethnologen w\u00fcrden mehrheitlich zweifellos eine Welt ohne Gewalt, Verst\u00fcmmelung und Mord derjenigen vorziehen, in der wir leben. Die einfache Formel: \u201eAlles, was anders ist als bei uns, ist gut\u201c, allerdings hat in unserem Fach noch nie einen bevorzugten Platz besetzt (jedenfalls nicht, nachdem der wissenschaftliche Nachwuchs ein paar Jahre in Kulturrelativismus geschult wurde). Eine nach den eigenen Wertma\u00dfst\u00e4ben regulierte Welt l\u00e4sst sich nicht gewaltsam verordnen. Es ist ja nicht so, dass es nicht versucht worden w\u00e4re. Die Geschichte der europ\u00e4ischen Expansion aber zeigt nicht nur, dass das nicht funktioniert, sie zeigt auch, wohin so etwas f\u00fchrt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dass kulturelles Hegemoniestreben, wie w\u00e4hrend der Kolonialzeit praktiziert, zwangsl\u00e4ufig scheitern musste, kann nun \u2013 Ihr Autor Christian Weber wird das nicht gerne h\u00f6ren \u2013 ausgerechnet der von ihm geschm\u00e4hte Kulturrelativismus erkl\u00e4ren. Der n\u00e4mlich hat fr\u00fch erkannt, dass kulturelle Praktiken stets Teil gr\u00f6\u00dferer Systeme sind. In ihrer Bedeutung f\u00fcr die betreffende Gesellschaft verstehen kann man sie entsprechend nur, wenn man ihre Rolle im Gesamtzusammenhang des jeweiligen Systems im Blick beh\u00e4lt. So macht es beispielsweise einen ganz entscheidenden Unterschied, ob der Systemzusammenhang die deutsche oder die englische Sprache ist, wenn ich gefragt werde, ob ich jemandem ein \u201eGift\u201c gegeben habe.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Noch drastischer fallen die Konsequenzen aus, wenn wir nicht nur versuchen, Kultur zu verstehen, sondern aktiv in das System eingreifen und einen Teil davon nach unseren Wertvorstellungen zu modellieren versuchen. Wenn Ihr Autor genau das in seinem Artikel fordert, gleicht er dem Narren, der erkannt hat, dass aus dem Auspuff eines Autos sch\u00e4dliche Abgase kommen, und nun glaubt, das Problem sei behoben, wenn er nur eine passende Kartoffel ins Endrohr steckt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Einem Kulturrelativisten w\u00e4re das vermutlich nicht passiert. Er h\u00e4tte zun\u00e4chst einmal gefragt, welche Rolle das Endrohr f\u00fcr das System Verbrennungsmotor spielt. Gut m\u00f6glich, dass er danach mit keiner Empfehlung f\u00fcr eine effektive Abgasreduktion h\u00e4tte aufwarten k\u00f6nnen. Nicht aber, weil er Abgase f\u00fcr gut hielte, sondern weil das System sich als komplexer herausstellte, als es vielleicht zun\u00e4chst scheinen mochte. Gut m\u00f6glich auch, dass der Blick auf das Ganze am Ende durchaus den Weg zu einer L\u00f6sung zeigte. Dazu muss man aber zun\u00e4chst einmal versuchen, es in seiner inh\u00e4renten Logik zu begreifen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das bedeutet \u00fcbrigens nicht, wie Ihr Autor zu glauben scheint, eine Relativierung aller Werte im Sinne eines \u201eAlles-ist-gleich-gut\u201c. Der Kulturrelativismus der Ethnologie war stets in erster Linie ein methodischer, der Werturteile zun\u00e4chst (!) so weit zur\u00fcckstellt, dass eine emische Analyse kultureller Ph\u00e4nomene, eine Untersuchung entlang der inneren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Feldes, m\u00f6glich ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Entsprechend halten Ethnologen keineswegs \u201ejede menschliche Gesellschaftsform f\u00fcr bewahrenswert\u201c, und wir \u201etr\u00e4umen\u201c auch nicht \u201evon den Verh\u00e4ltnissen in Stammesgesellschaften\u201c. Die stehen \u00fcbrigens ohnehin schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich im Kern ethnographischer Forschung. Zwar bildet das Studium menschlicher Lebensweisen auf Inseln, in D\u00f6rfern und in Nomadenlagern weiterhin eines der Standbeine der Disziplin, schon lange aber hat sich das Fach von der Illusion verabschiedet, hier auf Unvermischtes, Urspr\u00fcngliches zu sto\u00dfen. \u201eKultur\u201c, so ein Ergebnis jahrzehntelanger ethnologischer Knabberarbeit am Begriff, hei\u00dft immer schon Vermischung. Hei\u00dft multiple Grenz\u00fcberschreitung, fehlendes Zentrum und unscharfe R\u00e4nder. Zunehmend forschen Ethnologinnen und Ethnologen deshalb heute auch in Megacities oder transnationalen Gemeinschaften, auf M\u00fcllkippen oder an der B\u00f6rse. Und nicht wenige kommunizieren mit ihren Forschungsgegen\u00fcbern bevorzugt per E-Mail.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Kern kulturrelativistischen Denkens sind allerdings ohnehin nicht individuelle Pr\u00e4ferenzen. Wenn Ethnologen nicht \u00fcber jeden Vorschlag, uns unangenehme (oder auch \u201eabscheuliche\u201c) kulturelle Praktiken abzuschaffen, in Ekstase geraten, dann nicht, weil wir unterschiedslos alles gro\u00dfartig f\u00e4nden, solange es nur von sogenannten Indigenen getan wird \u2013 sondern weil wir gelernt haben, dass ein Eingriff in ein System stets Folgen f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze hat und in seinen konkreten Auswirkungen kaum vorherzusehen ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Kultureller Wandel, auch das ist eine der Lehren des Kulturrelativismus, ist m\u00f6glich (und unausweichlich). Er kann aber nicht von au\u00dfen diktiert werden. Und er verl\u00e4uft, wenn wir es dennoch versuchen, mit Sicherheit anders als geplant.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine weitere Lehre der kulturrelativistischen Ethnologie ist, dass es <em>die <\/em>richtige Sicht auf die Welt nicht gibt. Mag sein, dass die westliche Lebensweise auf den ersten Blick eine ganze Reihe von Vorteilen gegen\u00fcber anderen Formen der Lebensgestaltung bietet: Menschenrechte sind eine gro\u00dfartige Sache, und ein Leben in Wohlstand finden Viele sicher auch erstrebenswert. Es gibt jedoch gute Gr\u00fcnde, unsere Lebensweise nicht f\u00fcr die alleinseligmachende zu halten. Schon allein deshalb, weil die Kapazit\u00e4t unseres Planeten in so vielerlei Hinsicht begrenzt ist, dass wir uns schon sehr kr\u00e4ftig in die eigene Tasche l\u00fcgen m\u00fcssen, wenn wir ernsthaft fordern wollten, dass unsere Maximen \u2013 mit Kant gesprochen \u2013 \u201eein allgemeines Gesetz werden\u201c.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Vielleicht ist es aber gar nicht schlecht, wenn es keine unver\u00e4nderlichen absoluten Ma\u00dfst\u00e4be gibt. Denn das Ungl\u00fcck am Dogmatismus ist ja, dass er unweigerlich in jene unappetitliche Form des Fundamentalismus m\u00fcndet, der abweichende Meinungen nicht mehr toleriert. Schlimmer noch: der \u00fcberhaupt keinen Versuch mehr zul\u00e4sst, etwas zu verstehen, was der eigenen Sicht auf die Welt zuwiderl\u00e4uft. Und davon gibt es in der Welt wei\u00df Gott genug.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der zu Unrecht in der SZ geschm\u00e4hte Franz Boas wusste \u00fcbrigens aus eigener schmerzlicher Erfahrung, wie es ist, von au\u00dfen beurteilt und an Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen zu werden, die nicht die eigenen sind. Zum Emigranten wurde er nicht wegen der gro\u00dfartigen M\u00f6glichkeiten, die sich in Amerika boten, sondern auch, weil eine von Antisemitismus gepr\u00e4gte deutsche Universit\u00e4tslandschaft ihm, einem s\u00e4kularisierten Juden, keine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere in der Heimat bot.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>\u201eEthnologen sind immer noch recht gut darin, [kulturelle] Praktiken aus der inneren Logik [von] Gesellschaften zu erkl\u00e4ren\u201c, schrieb Christian Weber am 17. Oktober in der SZ. Ein gr\u00f6\u00dferes Lob kann ich mir allerdings kaum vorstellen. Ich hoffe, dass viele unserer Studierenden mit genau dieser F\u00e4higkeit die Universit\u00e4t verlassen.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[160],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1604","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-thomas-reinhardt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1862,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1604\/revisions\/1862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1604"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}