{"id":1603,"date":"2016-12-13T00:00:00","date_gmt":"2016-12-12T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/relativismus-relativiert-fuer-einen-moderaten-kulturrelativismus\/"},"modified":"2020-05-27T19:37:25","modified_gmt":"2020-05-27T17:37:25","slug":"relativismus-relativiert-fuer-einen-moderaten-kulturrelativismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/relativismus-relativiert-fuer-einen-moderaten-kulturrelativismus\/","title":{"rendered":"RELATIVISMUS RELATIVIERT. F\u00dcR EINEN MODERATEN KULTURRELATIVISMUS"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1603?pdf=1603\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1603?pdf=1603\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Cora Bender kritisiert einen Artikel von Christian Weber in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\"><em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>, in dem er den Kulturrelativismus angreift und damit <em>einen <\/em>Kern der Ethnologie. Ich finde den \u00c4rger, den ihre prompte Reaktion zeigt, berechtigt. Obwohl Benders Gegenrede deutlich l\u00e4nger als Webers Aufsatz ist, rekurriert sie fast nur auf seine Polemik gegen die Ethnologie. Auf die Kernaussagen des Artikels dagegen wird kaum eingegangen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Deshalb w\u00fcrde eine solche Gegenrede von der <em>SZ <\/em>auch nicht als Leserreaktion abgedruckt. Bender geht leider auch kaum auf den visuellen Rahmen ein, in dem der Text steht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine Maxime ethnologischen Arbeitens besagt, dass Ethnologinnen und Ethnologen Lebensweisen von Gesellschaften beschreiben, verstehen und erkl\u00e4ren sollten, statt sie zu bewerten. Falls es doch zu einer pers\u00f6nlichen Bewertung der Kulturen kommt, sollte diese deutlich von der Beschreibung getrennt werden. Damit h\u00e4ngt eine weitere typisch ethnologische Leitlinie zusammen, n\u00e4mlich den Kontext einer kulturellen Tradition herauszustellen bzw. den Systembezug einer kulturellen Praktik stark zu machen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Verstehen wollen hei\u00dft dabei mitnichten zustimmendes \u201eVerst\u00e4ndnis zeigen\u201c. In einer Zeit, wo \u201eKultur\u201c weltweit vorwiegend entweder als konsumierte Exotik oder als Waffe der Identit\u00e4tspolitik eingesetzt wird, sind das \u00fcber die Ethnologie hinaus gehende wichtige Maximen. Beides, Fakten und Kontext sollten auch bei der Diskussion des Artikels von Christian Weber beachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h2>Text und Kontext: Ethno-Pop oder Ethnologie<\/h2>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es geht im Text um \u201etraditionelle Gemeinschaften\u201c, wie das Intro sie nennt. Das Thema von Christian Weber ist nicht prim\u00e4r die moderne Ethnologie. Diese befasst sich ja mit der ganzen Bandbreite von heutigen Menschengruppen, gro\u00dfteils in St\u00e4dten! Weber behandelt die fr\u00fchere und heutige Lebensweise indigener Gruppen und ihre heutige Darstellung und Rezeption im globalen Medienkontext. Er charakterisiert und kritisiert die Vorstellung, indigene Menschengruppen seien friedlich, naturverbunden und unverdorben. Dieses alte Bild des edlen Wilden wird vom Autor als heutiges \u201eDschungelm\u00e4rchen\u201c bei \u201enicht wenigen Menschen in den USA und Europa\u201c, vor allem bei Gro\u00dfst\u00e4dtern ausgemacht \u2013 und eben auch bei\u00a0 Ethnologen. Was aber ist der Kontext, in dem der Aufsatz steht? Es ist vor allem ein visueller! Es geht um eine ganze Doppelseite der <em>SZ<\/em>. Sie besteht prim\u00e4r aus Fotos von Jimmy Nelson und weniger aus Text. Der Anlass ist eine Ausstellung von Aufnahmen von Nelson in Berlin. Der Text selbst macht nur eine knappe halbe Seite aus, w\u00e4hrend die acht Farbaufnahmen fast anderthalb Seiten umfassen. Vier der Bilder zeigen einzelne Menschen, der Rest kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Gruppen, s\u00e4mtlich Angeh\u00f6rige indigener Gruppen. Der kurze Intro- Text benennt den Zusammenhang zwischen visuellen Bildern und Gedanken-Bildern ausdr\u00fccklich: er sagt, dass es nicht zuletzt pr\u00e4chtige Bilder von indigenen V\u00f6lkern sind, die das Weiterleben des Mythos des edlen Wilden befeuern.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Was behandelt der eigentliche Text? Weber schreibt \u00fcber Nelsons Bilder, die Kritiken an seinen fr\u00fcheren Bildserie (\u201eBefore they pass away\u201c, 2011), die die offensichtliche Inszenierung der Bilder bem\u00e4ngeln. Er weist auch auf die identit\u00e4tsst\u00e4rkende Wirkung solcher Bilder durch Verbreitung in den Massenmedien hin. Weber zeigt auch sein eigenes \u201eUnbehagen\u201c, weil die Bilder durch ihre \u00c4sthetisierung die Menschen z\u00e4hmen und wenig \u00fcber deren tats\u00e4chliches Leben sagen. Weiterhin erl\u00e4utert Weber die Vorstellung des \u201eedlen Wilden\u201c und reflektiert dabei als Parallelbild der Lederhosentr\u00e4ger in Bayern (wir sind schlie\u00dflich in der <em>S\u00fcddeutschen<\/em>). Weber zitiert Autoren, die das harte Leben indigener beschreiben und andere, die meinen, moderne Gesellschaften k\u00f6nnten von diesen lernen. Er referiert die problematischen Seiten des Lebens indigener V\u00f6lker, insbesondere Praktiken, die gesundheitssch\u00e4dlich, umweltsch\u00e4digend oder mit den Menschenrechten unvereinbar sind. Schlie\u00dflich kritisiert der Autor den Kulturrelativismus als Ganzen. Er moniert daran vor allem die idealisierende Sicht, die s\u00e4mtliche Kulturpraktiken als sinnvoll sieht \u2026 und damit Menschenrechtsverletzungen selektiv \u00fcbersieht. Dann kritisiert er den Kulturrelativismus vor allem in seiner relativierenden Form.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Ein Text-Inset gibt Informationen zum Umfang und zur Vielfalt indigener Gruppen und verk\u00fcrzt auch die v\u00f6lkerrechtlich wichtigste Definition von Indigenen als ersten Siedlern in einem Gebiet. Zu den Bildern und dem Text kommen noch f\u00fcnf l\u00e4ngere<br \/>\nBildunterschriften, die den idealisierenden Gestus der Bilder durch Informationen \u00fcber harte Praktiken oder die Bedrohung der abgebildeten indigenen Gruppen konterkarieren. Die Doppelseite firmiert im Ressort \u201eWissen\u201c, h\u00e4tte in der Bildauswahl und auch dem teilweise launigen Text vom Genre her eher ins Feuilleton gepasst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h2>Ethnologen-Schelte<\/h2>\n<div align=\"justify\">\n<p>Weber lehnt die aus der idealisierenden Sicht der Indigenen abgeleitete Haltung ab, jede gesellschaftliche Lebensweise und Praktik f\u00fcr bewahrenswert zu halten. Er nennt als krasse Beispiele Feindest\u00f6tung als Mannbarkeitsritual, Auspeitschung von Frauen und Vulvaverst\u00fcmmelung. Dann kritisiert er \u2013 in wenigen S\u00e4tzen, aber eben im direkten Anschluss! \u2013 die Ethnologie. \u201eEthnologen sind immer noch recht gut darin, solche Praktiken aus der inneren Logik dieser Gesellschaften zu erkl\u00e4ren\u201c. Im entscheidenden Satz setzt Weber also seine \u00fcbertrieben dargestellte Ansicht einer Ethnologin mit dem Kulturrelativismus als Ganzem gleich: \u201eHeute ist die Ansicht (Kulturrelativismus, CA) erb\u00e4rmlich, etwa wenn emanzipierte deutsche Forscherinnen Frauen in Afrika erkl\u00e4ren, dass es ganz in Ordnung sei, wenn ihre Geschlechtsorgane verst\u00fcmmelt werden\u201c. Das ist von Weber zugegeben sehr \u201egut\u201c gemacht, anders gesagt richtig fies: Frauenbeschneidung, Frauen als Forscherinnen, emanzipierte Frauen (im Plural!). Eine solche Haltung <em>w\u00e4re <\/em>wirklich erb\u00e4rmlich, aber ich kenne keine Ethnologin, die das vertritt. Cora Bender hat glasklar herausgestellt, dass dies eine unwahre Unterstellung ist. Ich meine also, dass Weber einen informativen, weitgehend gut argumentierenden Aufsatz geschrieben hat, der etliche Probleme des Kulturrelativismus klar benennt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Leider hat er das aber mit einer gesalzenen Polemik gegen die Ethnologie gew\u00fcrzt: \u00fcberw\u00fcrzt!<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es ist \u00e4rgerlich, wenn die Ethnologie f\u00fcr Dinge gescholten wird, f\u00fcr die sie nicht verantwortlich ist. Das hat Cora Bender deutlich an Beispielen gezeigt. Das gilt m.E. f\u00fcr den Kolonialismus und eben auch f\u00fcr den (\u00fcbrigens weltweit erfolgreichen) popul\u00e4rkulturellen Exotismus und die Romantisierung sog. \u201eNaturv\u00f6lker\u201c. Weber \u00fcbersieht, dass unter den Kritikern des Bildes des \u201eedlen Wilden\u201c gerade viele Ethnologen sind. Die von ihm genannten heutigen Kritiker des extremen Relativismus (Edgerton, Sandall) sind doch selbst Ethnologen! Der inkriminierte Franz Boas als Begr\u00fcnder des modernen Relativismus war vor allem Wertrelativist und insgesamt kein extremer Relativist. Er wollte sogar nicht als Relativist bezeichnet werden und rechnete durchaus mit der Existenz von Universalien. Ungerechte Schm\u00e4hungen von Franz Boas etwa sollten nicht davon ablenken, dass es echte Probleme gibt. Eigentlich sollten wir diese Passagen Webers <em>ad acta <\/em>legen und uns den echten Problemen mit dem Kulturrelativismus zuwenden, die er anspricht \u2013 und die gibt es! Weber thematisiert Grundprobleme und nur eines davon ist, <em>wenn <\/em>Ethnologen Menschenrechtsverletzungen, wenn sie bei Indigenen vorkommen, weniger deutlich markieren, als bei anderen Gesellschaften. Wir brauchen eine erneute Diskussion der Grundlagen des Kulturrelativismus: Kulturrelativismus ist nicht gleich Kulturrelativismus. Nochmals: Verstehen wollen hei\u00dft mitnichten zustimmendes \u201eVerst\u00e4ndnis zeigen\u201c. Wir m\u00fcssen vor allem eine funktionalistische Argumentation unterscheiden von einem Wertrelativismus. Jetzt wird es komplizierter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h2>Kulturrelativismus <em>Mark I<\/em>: Partikularismus und Relationismus<\/h2>\n<div align=\"justify\">\n<p>Menschliches Dasein, Erkennen und Urteilen stehen prinzipiell in mehrfachen Kontexten. Diese Rahmenbedingungen sind f\u00fcr jedes Individuum und vor allem in jeder Kultur bzw. Gesellschaft, Ethnie, Nation etc. besonders und au\u00dferdem in der Geschichte ver\u00e4nderlich. Da keine von diesen Kontextbedingungen <em>per se <\/em>den anderen \u00fcbergeordnet ist, kann es keine universalen bzw. absoluten Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr wahre Erkenntnis und keine allgemeinverbindlichen Werte f\u00fcr ethisches Handeln geben. Das ist die Grundaussage des Relativismus, der bis auf Protagoras zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Um in Debatten \u00fcber Relativismus echte sachliche Differenzen von Missverst\u00e4ndnissen trennen zu k\u00f6nnen, muss man jeweils kl\u00e4ren, (a) ob es um Beschreibung und Erkl\u00e4rung oder um Wertungen geht und (b) ob eine starke oder eine schwache Form von Relativismus vertreten wird. Au\u00dferdem muss man sich vor unbedachten Folgerungen h\u00fcten: \u201eDie ganze Diskussion um den sogenannten Relativismus krankt daran, dass nicht pr\u00e4zise genug beachtet wird, welche Reichweite einzelne Schlussfolgerungen haben bzw. daran, dass aus an sich zutreffenden Beobachtungen falsche oder nicht notwendige Schl\u00fcsse gezogen werden\u201c (G. Saalmann, <em>Fremdes Verstehen. Das Problem des Fremdverstehens vom Standpunkt einer \u201ametadisziplin\u00e4ren\u2018 Kulturanthropologie<\/em>, Aachen 2005: 127).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In der Ethnologie bezieht sich der Begriff des Kulturrelativismus erstens auf eine allgemeine Maxime im wissenschaftlichen Umgang mit (vor allem fremder) Kultur und zweitens auf ein Postulat der Erkl\u00e4rung von Unterschieden zwischen menschlichen Kulturen. Die Maxime eines <em>deskriptiven <\/em>Kulturrelativismus besagt, dass einzelne Kulturen aus sich heraus beschrieben und verstanden werden sollten. Sie richtet sich gegen unvorsichtige Vergleiche und die unbedachte Anwendung universaler Erkl\u00e4rungen, die allzu leicht eurozentrisch gef\u00e4rbt sind. Ziel der Wissenschaft soll Beschreibung sein, weniger dagegen Generalisierung und Erkl\u00e4rung. Wie im Historismus der Geschichtswissenschaft steht die Beschreibung einzelner Kulturen in bestimmten R\u00e4umen und zu spezifischen Zeiten (Partikularismus) im Mittelpunkt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine Grundannahme des Kulturrelativismus besteht darin, dass Kulturen sinnvolle L\u00f6sungen bzw. Anpassungen darstellen, vor allem dann plausibel werden, wenn sie vom Standpunkt der Kultur selbst gesehen werden. Das leitet \u00fcber zu einer methodischen Maxime der Ethnologie. Kulturelle Charakteristika sind nur im Kontext der ganzen Kultur, in der sie vorkommen, zu verstehen oder zu erkl\u00e4ren. Dabei wird der Gesamtzusammenhang einer Kultur herausgestellt (<em>Holismus<\/em>) und die quasi organischen Beziehungen (<em>Relationen<\/em>) zwischen ihren verschiedenen Komponenten herausgestellt. Diese epistemische und methodische Haltung basiert auf einer systemischen und funktionalistischen Vorstellung von Kultur. Einzelne Elemente einer Kultur sind Teil eines Ganzen und machen nur in diesem Kontext Sinn. Das Ganze besitzt emergente Eigenschaften und hat eine eigene systemische Dynamik. Kurz: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Eine treffendere Bezeichnung f\u00fcr diese Variante des Kulturrelativismus, welche dergleichen Beziehungen herausstellt, w\u00e4re <em>Kulturrelationismus<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h2>Kulturrelativismus <em>Mark II<\/em>: Kulturalismus und Wertrelativismus<\/h2>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ein solcher Relationismus steht im Gegensatz zu den eher radikalen Lesarten des Kulturrelativismus-Begriffs, etwa in Form eines Kulturalismus oder eines totalen Wertrelativismus. Diese starken Formen finden sich vor allem in popul\u00e4rethnologischen Texten, in der Diskussion um Menschenrechte und in manchen Kritiken des Eurozentrismus. Kulturalismus sieht nur Vielfalt und Unterschiede und er bestreitet \u2013 wenn konsequent vertreten \u2013 die Vergleichbarkeit von Kulturen. Nach systematischen \u00dcberlegungen und nach Erkenntnissen der kulturvergleichenden empirischen Ethnologie ist die kulturelle Vielfalt und Relativit\u00e4t jedoch begrenzt. Dies liegt daran, dass Kultur zum gro\u00dfen Teil eine Antwort auf letztlich \u00e4hnliche Probleme darstellt (z.B. Sterblichkeit oder Allmende-Dilemmata) und es funktionale Notwendigkeiten gibt, die in jeder Kultur gelten (W. Rudolph, <em>Der kulturelle Relativismus. Kritische Analyse einer Grundsatzfragendiskussion in der amerikanischen Ethnologie<\/em>, Berlin 1968).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Wertrelativismus (auch ethischer Relativismus, moralischer Relativismus oder normativer Relativismus) baut auf den Annahmen des beschreibenden und methodologischen Kulturrelativismus auf. Da moralische Werte ein Produkt einer jeweiligen Kultur sind, sind universale ethische Urteile zugleich inkoh\u00e4rent und unfair. Der Wertrelativismus geht bis mindestens auf Michel de Montaigne zur\u00fcck. Der Wertrelativismus wendet sich gegen die Hierarchisierung von Kulturen, wie sie im Sozialevolutionismus des 19. Jhds. vorgenommen wurde, und vor allem gegen das Abwerten von anderen bzw. fremden Kulturen. Deshalb ist Wertrelativismus gegen Ethnozentrismus und Rassismus ins Feld gef\u00fchrt worden. Die Maxime dient also als Argument f\u00fcr den Respekt der je spezifischen Kultur und aller Kulturen. Wenn eine einzelne Kultur bewertet werden soll, dann sollte nur sie nur im lokalen Kontext und nach ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben statt eurozentrisch beurteilt werden. Falls Kulturen \u00fcberhaupt vergleichend beurteilt werden, haben sie aus kulturrelativistischer Sicht alle denselben immanenten Wert, und die kulturelle Vielfalt wird als ein Eigenwert gesehen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Eine schwache Form dieses Relativismus l\u00e4uft auf ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr gegenseitige Toleranz hinaus, eine starke liefe auf eine ethische Fragmentierung hinaus und verstrickt sich dabei gegebenenfalls in Widerspr\u00fcche. Der Wert der Wertfreiheit ist ja selbst ein Wert. Konsequenter Wertrelativismus w\u00fcrde auch bedeuten, dass ein handelndes Eingreifen, z.B. f\u00fcr den Frieden, in der Armutsbek\u00e4mpfung oder auch f\u00fcr den Schutz einer bedrohten Kultur nicht begr\u00fcndbar ist. Auch einer Kritik an Verletzungen von Menschenrechten, etwa durch Genitalbeschneidung von Frauen, w\u00e4re der Boden entzogen. Hier ist wiederum festzuhalten, dass seit dem Zweiten Weltkrieg nur wenige Ethnologinnen und Ethnologen einen Wertrelativismus solch extremer Form vertreten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dies hat u.a. mit den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Stalinismus und mit der postkolonialistischen Kritik am Relativismus als westlicher Ideologie und der Kritik an relativistisch motivierter Toleranz von Repression zu tun.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Auf eine dritte Relativismus- Variante, den <em>Erkenntnis<\/em>-Relativismus kann ich hier aus Platzmangel nicht weiter eingehen, sondern belasse es bei Bemerkung. Das Postulat einer Relativit\u00e4t der Erkennbarkeit von Kultur (auch epistemologischer Relativismus) besagt, dass das Verstehen einer Kultur, die einem selbst fremd ist, prinzipiell begrenzt ist. Jeder Forscher wird bestimmte Vorstellungen aus seiner Kultur mitbringen. Ein Hauptgrund besteht in der prinzipiellen Schwierigkeit, kulturfreie Begriffe f\u00fcr die kultur\u00fcbergreifende Beschreibung und Analyse bilden zu k\u00f6nnen. Das Postulat eines<\/p>\n<p><em>starken <\/em>Erkenntnisrelativismus<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>f\u00fchrt zu inneren Widerspr\u00fcchen, schon weil er selbst eine absolute Aussage zur Erkennbarkeit macht. Zudem kann er die Tatsache, dass man sich offensichtlich doch recht leicht mit Vertretern anderer Kulturen verst\u00e4ndigen kann, nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h2>Kulturrelativismus als regulative Maxime eines erneuerten Kosmopolitismus<\/h2>\n<div align=\"justify\">\n<p>Als allgemeiner Kulturrelativismus ist der Relativismus ein Identit\u00e4tsanker der Ethnologie: eine Art konventioneller Kulturrelativismus. Ein schwacher Kulturrelativismus ist hierbei wenig kontrovers, insoweit er g\u00e4ngige Erkenntnisannahmen beibeh\u00e4lt, agnostisch gegen\u00fcber Universalien ist und ethische Fragen ausspart. Ansonsten wird dieser allgemeine Relativismus selbst relativiert, wenn es um konkrete empirische Forschung geht. Allein Boas\u00b4 Sch\u00fclerin Ruth Benedict propagierte explizit einen strikten kognitiven Relativismus. Leider machte gerade ihr Buch, das Kulturen \u00fcberscharf kontrastierte den Kulturrelativismus popul\u00e4r (<em>Urformen der Kultur<\/em>, Reinbek bei Hamburg 1955,<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>orig. <em>Patterns of Culture<\/em>, Boston\/New York 1934). Die meisten heutigen Kultur- und Sozialwissenschaftler vertreten dagegen gem\u00e4\u00dfigte Formen der allgemeinen kulturrelativistischen Maxime bzw. undogmatische Varianten der funktional-relationalen Haltung (siehe die Debatte zu M. F. Brown, \u201cCultural Relativism 2.0\u201d, <em>Current Anthropology, <\/em>49, 2008: 363-383).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ein <em>moderater <\/em>Kulturrelativismus ist als Regulativ eine wichtige Voraussetzung einer kosmopolitischen Perspektive auf die vielen und miteinander vernetzten Kulturen auf einem begrenzten Planeten. Die Pole der Differenz und Universalit\u00e4t sollten nie gegeneinander ausgespielt werden. Die Anerkennung von Differenz bzw. die W\u00fcrdigung anderer Kulturen m\u00fcsste aber durch die Achtung einzelner Menschen und der ganzen Menschheit erg\u00e4nzt werden<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wenn die Ethnologie beginnt, sich als Teil einer Humanwissenschaft des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit zu sehen &#8211; einer umfassenden <em>Anthropologie <\/em>&#8211; dann wei\u00df ich umso mehr, warum ich Ethnologe sein will.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[123],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1603","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-christoph-antweiler"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4763,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1603\/revisions\/4763"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1603"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}