{"id":5703,"date":"2020-10-14T18:01:45","date_gmt":"2020-10-14T16:01:45","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=fieldworkmeetscrisis&#038;p=5703"},"modified":"2020-10-14T18:06:01","modified_gmt":"2020-10-14T16:06:01","slug":"das-eigene-berufsfeld-untersuchen","status":"publish","type":"fieldworkmeetscrisis","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/fieldworkmeetscrisis\/das-eigene-berufsfeld-untersuchen\/","title":{"rendered":"Das eigene Berufsfeld untersuchen:"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5703?pdf=5703\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5703?pdf=5703\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5704\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-920x518.png\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-920x518.png 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-1440x810.png 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-550x310.png 550w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-1536x864.png 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT.png 1694w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Image1-FORMAT-550x310@2x.png 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Image 1: \u201eRestitution Box\u201c \u2013 Gemeinschaftsarbeit aller involvierten K\u00fcnstler*innen, \u201eMegalopolis \u2013 Stimmen aus Kinshasa\u201c, kuratiert von Eddy Ekete und Freddy Tsimba, Grassi Museum f\u00fcr V\u00f6lkerkunde zu Leipzig. Foto: Gesa Grimme, 2018.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit welchem Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft wird im Museum gearbeitet? Was bedeuten Begriffe wie <em>Ethnologie <\/em>und <em>Kultur <\/em>in der musealen Arbeit? Fragen zur wissenschaftlichen Praxis in ethnologischen Museen begleiten mich seit Beginn meiner T\u00e4tigkeit in diesem Bereich im Jahr 2010. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Linden Museum Stuttgart, die zwischen 2016 und 2018 zur Herkunft kolonialer Sammlungen arbeitete, fokussierten sich meine Fragen zunehmend auf das sich gerade etablierende Forschungsfeld der Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten: Welche Faktoren beeinflussen meine Forschungspraxis und die in anderen verschiedenen Projekten? Welche Bedeutung haben institutionelle Strukturen, wissenschaftliche Konventionen und gesellschaftliche Erwartungen bei der Durchf\u00fchrung der Forschung? Welche Handlungsm\u00f6glichkeiten haben die in diesen Zusammenh\u00e4ngen zum Teil sehr unterschiedlich positionierten Akteur*innen?<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat sich die Forschung zu anthropologischen, ethnografischen und naturkundlichen Sammlungen, denen sich im Kontext des europ\u00e4ischen Kolonialismus angeeignet wurde, mehr und mehr Aufmerksamkeit erhalten.<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Museumsverantwortliche sehen in ihr eine wesentliche M\u00f6glichkeit, sich mit dem Erbe des Kolonialismus in ihren Institutionen zu befassen.<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Auch Vertreter*innen der Politik verstehen sie als wichtiges Instrument bei der Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte (CDU, CSU und SPD: 169, Zeilen 8048\u20138052). Den Kritiker*innen der Museen scheint das Forschungsfeld hingegen oftmals vor allem ein Mittel zur Verz\u00f6gerung von Objektr\u00fcckgaben zu sein (AfricAvenir 2017). Mit diesem neuen Forschungsfeld und dessen wissenschaftlichen Praktiken besch\u00e4ftige ich mich in meinem Promotionsprojekt \u201e<em>Doing <\/em>Provenienzforschung \u2013 auf dem Weg zur Dekolonialisierung musealer Strukturen? Eine ethnografische Analyse von Wissenschaftler*innen, Institutionen und postkolonialen Kontexten\u201c. Es soll aufgedeckt werden, worin das Potential zur Dekolonialisierung musealer Strukturen und Wissensproduktion der Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten besteht und welche Rahmenbedingungen f\u00fcr dessen Aktivierung notwendig sind. Ethnografisch untersucht werden hierzu die Zusammenh\u00e4nge, in denen Provenienzforschung durchgef\u00fchrt bzw. gemacht (<em>doing<\/em>) wird. Gefragt wird, <em>wer<\/em> und <em>was<\/em> diese Forschungen unter <em>welchen <\/em>Bedingungen <em>wie<\/em> gestaltet.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur \u00f6ffentlichen Debatte um das koloniale Erbe in Museen, die besonders \u00c4u\u00dferungen von Museumsdirektor*innen und Professor*innen in den Vordergrund stellt und oftmals den Forschungsalltag ausblendet, m\u00f6chte ich die Prozesse der Wissensproduktion im Forschungsfeld der Provenienzforschung ausgehend von den Erfahrungen jener Personen untersuchen, die an Museen und Universit\u00e4ten tats\u00e4chlich Forschung zu kolonialen Beschaffungskontexten durchf\u00fchren. Dem Ansatz der <em>Institutional Ethnography <\/em>von Dorothy L. Smith folgend, sollen die Erfahrungen dieser Akteur*innen f\u00fcr mich den <em>entry point <\/em>in das Gef\u00fcge des Forschungsfeldes bilden (Grahame 1998; Smith 2005). Von ihnen ausgehend werden die Zusammenh\u00e4nge analysiert, in denen Projekte zur Provenienzforschung stattfinden und die deren Gestaltung bedingen und den Erkenntnisprozess pr\u00e4gen. Geplant f\u00fcr meine Forschung hierzu sind Gespr\u00e4che mit Nachwuchswissenschaftler*innen und Projektmitarbeiter*innen, festangestellten Wissenschaftler*innen und internationalen Gastwissenschaftler*innen in mehreren ethnologischen Museen im deutschsprachigen Raum und die ethnografische Begleitung der Forschungsarbeit in aktuellen Provenienzforschungsprojekten. Erg\u00e4nzend erfolgt eine Diskursanalyse von akademischen, journalistischen und politischen Beitr\u00e4gen zur aktuellen Debatte.<\/p>\n<p>Meine eigenen Erfahrungen im Bereich Museumsarbeit und Provenienzforschung, meine Kenntnisse um die schwierigen und prek\u00e4ren Bedingungen im Museum, und dessen Verr\u00fccktheiten, sollten hierbei vor allem als <em>door-opener<\/em> f\u00fcr eine vertrauensvolle Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re fungieren. Leitend f\u00fcr meine Be- und Hinterfragung von Forschungspraktiken im Forschungsfeld der Provenienzforschung, sollten die Einsch\u00e4tzungen der involvierten Akteur*innen sein. Von ihnen ausgehend sollte die Ann\u00e4herung an \u00f6ffentliche Debatten, wissenschaftliche Diskurse und institutionelle Logiken und deren R\u00fcckwirkungen auf die Forschungspraxis erfolgen. Mein eigenes Detailwissen sollte dabei in erster Linie die gemeinsame vielschichtige Auseinandersetzung mit der sich hier vollziehenden Wissensproduktion erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Laut meines Arbeitsplans sollten Vorgespr\u00e4che mit potentiellen Interviewpartner*innen und den Verantwortlichen des zu begleitenden Provenienzforschungsprojekts bis Ende Mai erfolgt sein. Die Durchf\u00fchrung erster Interviews war f\u00fcr Juni vorgesehen und der Abschluss der ersten Phase der ethnografischen Begleitforschung f\u00fcr Oktober. Durch die Entwicklungen rund um das Coronavirus, und anderen Unsicherheiten in meiner Planung, hat sich der Beginn dieser Arbeiten immer wieder verschoben. Statt mich ausgehend von den Erfahrungen meiner Kolleg*innen dem Forschungsfeld anzun\u00e4hern, habe ich die Sammlung von Material f\u00fcr die Diskursanalyse im Internet an den Anfang meiner Arbeit gestellt. Hierzu geh\u00f6rt die Sichtung wissenschaftlicher und journalistischer Artikel zum Forschungsbereich Provenienzforschung wie auch die Teilnahme an Online-Tagungen und -Veranstaltungen rund um die Themen Kolonialismus, Kolonialgeschichte und koloniales Erbe. Im Vordergrund bei der Auseinandersetzung mit meinem Forschungsgegenstand stehen nun allerdings doch meist meine Erfahrungen im Museumsbereich und in der Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten. Ich merke dabei, wie ich die Arbeit meiner Kolleg*innen vorrangig als Provenienzforscherin betrachte und bewerte. Gerade im Homeoffice f\u00e4llt es mir nicht immer leicht, in die Perspektive der Ethnografin zu wechseln. Durch den ver\u00e4nderten Ausgangspunkt meiner Forschung f\u00e4llt das von mir hier vorgesehene Korrektiv, der Austausch mit den anderen involvierten Akteur*innen, weitestgehend weg. F\u00fcr mich erw\u00e4chst hieraus die Notwendigkeit, die von mir im Forschungsprozess eingenommen Rollen und auch meine emotionale Eingebundenheit besonders konsequent zu reflektieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die erste Interviewrunde bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein wird, ist die Frage, ob und wie die von mir geplante dichte Beobachtung von Forschungspraktiken durch eine digital durchgef\u00fchrte Begleitforschung ersetzt werden kann, weiter offen. Im Moment ist davon auszugehen, dass die sich zurzeit beschleunigende Digitalisierung der Museumsarbeit auch Auswirkungen auf das Forschungsfeld der Provenienzforschung haben wird. Hierzu geh\u00f6ren neben einem (momentan) zunehmenden Verzicht auf Pr\u00e4senztreffen im musealen Arbeitsalltag auch eine verst\u00e4rkte digitale Zusammenarbeit mit internationalen Kooperationspartnern, wie Vertreter*innen der Gesellschaften, die die in den Museen verwahrten Dinge herstellten und verwendeten. Ob sich hierdurch auch museale Wissensproduktion und Repr\u00e4sentationspraktiken ver\u00e4ndern, wird sich zeigen.<\/p>\n<p>Die Erweiterung des Begegnungsraums ins Virtuelle, mit der sich r\u00e4umliche Distanzen leichter \u00fcberbr\u00fccken lassen, birgt sowohl f\u00fcr meine Forschung als auch f\u00fcr das Feld der Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten neue M\u00f6glichkeiten des Beziehungsaufbaus und -ausbaus. Die Einbeziehung von Kolleg*innen auf dem afrikanischen Kontinent und den pazifischen Inseln erleichtert sich f\u00fcr mich dadurch erheblich. Gleichzeitig bleiben aber auch Fragen zu den Auswirkungen dieser Verschiebungen: Inwieweit k\u00f6nnen Treffen im virtuellen Raum Begegnungen im <em>real life<\/em> ersetzen? Wie vertrauensvoll k\u00f6nnen hier Informationen ausgetauscht werden? Und wie lassen sich Feldforschungen ohne Pr\u00e4senz vor Ort durchf\u00fchren?<\/p>\n<p><em>Geschrieben am 05.Oktober 2020<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gesa Grimme<\/strong> ist freiberufliche Ethnologin und Historikerin. Seit April 2020 promoviert sie an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t zum Forschungsfeld der Provenienzforschung zu kolonialen Objekten und den gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen, in denen diese Forschung stattfindet. Zwischen 2016 und 2018 erarbeitete sie am Linden-Museum Stuttgart im Projekt \u201eSchwieriges Erbe: Zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen\u201c einen Ansatz zur systematischen Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten. Zuvor absolvierte sie ihr wissenschaftliches Volontariat am Museum f\u00fcr V\u00f6lkerkunde Hamburg, dem heutigen MARKK \u2013 Museum am Rothenbaum \u2013 Kulturen und K\u00fcnste der Welt und arbeitete dort anschlie\u00dfend als wissenschaftliche Mitarbeiterin.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine Dokumentation der Debatte liefert das Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage (CARMAH) unter <a href=\"http:\/\/www.carmah.berlin\/media-review-on-museums\/\">http:\/\/www.carmah.berlin\/media-review-on-museums\/<\/a>. Letzter Zugriff: 05.10.2020.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201eDekolonisierung erfordert Dialog, Expertise und Unterst\u00fctzung\u201c, Stellungnahme der Direktor*innen der Ethnologischen Museen im deutschsprachigen Raum vom 06.05.2019. Online nachzulesen zum Beispiel unter: <a href=\"https:\/\/markk-hamburg.de\/heidelberger-stellungnahme\/\">https:\/\/markk-hamburg.de\/heidelberger-stellungnahme\/<\/a>. Letzter Zugriff: 05.10.2020.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>References<\/strong><\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>AfricAvenir (eds.). No Humboldt 21! Dekoloniale Einw\u00e4nde gegen das Humboldt-Forum. Berlin: AfricAvenir International.<\/p>\n<p>CDU, CSU und SPD. 2018. Ein neuer Aufbruch f\u00fcr Europa. Eine neue Dynamik f\u00fcr Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt f\u00fcr unser Land. Koalitionsvertrag: <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/blob\/975226\/847984\/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7\/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1\">https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/blob\/975226\/847984\/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7\/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1<\/a>. Letzter Zugriff: 05.10.2020.<\/p>\n<p>Grahame, Peter: Ethnography. 1998. Institutions, and the Problematic of the Everyday World. In: Human Studies 21, 347\u2013360. [https:\/\/doi.org\/10.1023\/A:1005469127008]<\/p>\n<p>Smith, Dorothy E. 2005. Institutional Ethnography: A Sociology for People. Walnut Creek, CA: AltaMira Press.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","autor":[207],"class_list":["post-5703","fieldworkmeetscrisis","type-fieldworkmeetscrisis","status-publish","hentry","autor-gesa-grimme"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/fieldworkmeetscrisis"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}