{"id":5690,"date":"2020-10-14T18:15:12","date_gmt":"2020-10-14T16:15:12","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=fieldworkmeetscrisis&#038;p=5690"},"modified":"2020-10-20T14:17:51","modified_gmt":"2020-10-20T12:17:51","slug":"feldforschung-trifft-krise","status":"publish","type":"fieldworkmeetscrisis","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/fieldworkmeetscrisis\/feldforschung-trifft-krise\/","title":{"rendered":"Feldforschung trifft Krise"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5690?pdf=5690\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5690?pdf=5690\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Vor wenigen Wochen traf ich mich auf einen Kaffee mit einer befreundeten Ethnologin, die \u00fcber lange Feldforschungserfahrung in Ecuador verf\u00fcgt, wo auch ich derzeit forsche. Dabei erz\u00e4hlte ich ihr von meinen Erw\u00e4gungen zu pandemiebedingt bevorstehenden \u00c4nderungen f\u00fcr meine Promotionsforschung und die zunehmend unwahrscheinlicher erscheinende Realisierung meiner geplanten Feldforschung. Unaufgefordert, aber eindringlich riet sie mir, ich solle unbedingt eine Projektverl\u00e4ngerung \u2013 am besten um ein Jahr \u2013 anstreben, da ein mehrmonatiger Feldforschungsaufenthalt f\u00fcr eine Promotion in unserem Fach (und mit einem Thema wie meinem) unerl\u00e4sslich sei und danach die Gelegenheiten dazu stetig rarer w\u00fcrden. Hatte ich mich vor dieser Unterhaltung schon fast dazu entschieden, einen Alternativweg einzuschlagen, brachte mich ihr Appell f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer \u201eklassischen\u201c Teilnehmenden Beobachtung, die ja \u201ewesentlicher Bestandteil der ethnologischen Methode\u201c (Spittler 2001: 6) ist, erneut ins Gr\u00fcbeln. Er verweist auf die \u201eexistenzielle Erfahrung der Feldforschung\u201c als Teil der \u201eSignatur\u201c der Ethnologie (Krings 2013) und offenbart damit die sich hartn\u00e4ckig haltende und f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis des Faches konstitutive Erwartung an sich selbst bzw. seine (k\u00fcnftigen) Vertreter:innen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwartung: Feldforschung<\/strong><\/p>\n<p>Diese Erwartung findet ihre Entsprechung im Forschungsdesign meiner Promotionsforschung \u2013 zugleich ethnologisch-altamerikanistisches Teilprojekt des interdisziplin\u00e4ren Verbundprojektes <a href=\"http:\/\/sisi.uni-bonn.de\/\">SiSi<\/a> (BMBF, \u201eSprache der Objekte\u201c). Forschungsgegenstand sind <em>chaquiras<\/em><a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> oder\u00a0 Perlenartefakte indigener Gruppen in S\u00fcdamerika, ausgehend vom Sammlungsbestand des <a href=\"http:\/\/basa.uni-bonn.de\/\">BASA-Museums<\/a> der Abteilung f\u00fcr Altamerikanistik der Universit\u00e4t Bonn. Zentrale Methode f\u00fcr die Erforschung der Materialit\u00e4t, Assoziationen oder \u201eBedeutungen\u201c von und sozialen Praktiken mit diesen Artefakten ist die Teilnehmende Beobachtung, in Kollaboration mit indigenen Partner:innen, w\u00e4hrend zweier im Projekt vorgesehenen Feldforschungsaufenthalte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erwartungen treffen Krise \u2013 Entscheidungen treffen<\/strong><\/p>\n<p>Die genannten fach- und projektspezifischen Erwartungen spiegeln sich in meinen eigenen Erwartungen an die (ausstehende zweite) Feldforschung \u2013 im Sinne einer Teilnehmenden Beobachtung in ihrer radikalisierten Praxis als Dichte Teilnahme (Spittler 2001) \u2013 wider. Im Zusammenspiel von Erwartungen an und durch die Feldforschung, die ich in diesem Beitrag reflektiere, konzertieren au\u00dferdem die durch die bisherige Kollaboration entstandenen Erwartungen meiner Forschungspartnerinnen sowie die des die Forschung finanzierenden Drittmittelgebers. Mit ihrem pl\u00f6tzlichen Betreten und zeitweisem Vereinnahmen der globalen B\u00fchne droht das SARS-CoV-2 Erwartungen in Entt\u00e4uschungen zu verwandeln. Um (gr\u00f6\u00dferen) Entt\u00e4uschungen vorzubeugen, m\u00fcssen andere m\u00f6gliche Schrittfolgen auf dem unbekannten Parkett in Erw\u00e4gung gezogen werden, die den durch die Krise ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen f\u00fcr Mobilit\u00e4t und Miteinander als Voraussetzungen f\u00fcr die physische Pr\u00e4senz im Feld entsprechen. Mit der schleichenden Verstetigung der (zun\u00e4chst) <a href=\"https:\/\/amerigrafias.wordpress.com\/2020\/07\/03\/das-ausergewohnliche-der-coronavirus-krise\/\">als au\u00dfergew\u00f6hnlich empfundenen Krise<\/a> in eine oft heraufbeschworene \u201e<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/folgen-der-pandemie-wie-corona-die-deutsche-sprache.1148.de.html?dram:article_id=481524\">neue Normalit\u00e4t<\/a>\u201c haben sich meine Erw\u00e4gungen hinsichtlich der Feldforschung ver\u00e4ndert. Bevor das Forschungsprojekt selbst in eine Krise mit dringendem Handlungsbedarf unter Zeitdruck ger\u00e4t (vgl. Mergel 2012), m\u00fcssen diese Erw\u00e4gungen also in Entscheidungen m\u00fcnden. Auch aus der sogenannten \u201eCorona-Krise\u201c entsteht \u201ein global-lokalen Konstellationen [\u2026] dauerhafte Struktur\u201c (Beck &amp; Knecht 2012: 68), die jedoch noch nicht erkennbar oder etabliert, sondern von Unbest\u00e4ndigkeit und Ungewissheit gepr\u00e4gt ist. Das erschwert das Treffen von Entscheidungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feldforschung vor der Krise \u2013 Erwartungen an die Feldforschung<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten sechsw\u00f6chigen Feldforschung (August bis Oktober 2019) bewegte ich mich zwischen Otavalo in der n\u00f6rdlichen Andenregion und verschiedenen Orten im Waorani-Territorium im ecuadorianischen Amazonasgebiet, vielfach begleitet von meinen lokalen Forschungspartnerinnen. Das gro\u00dfe Interesse f\u00fcr \u201emeine Forschungsgegenst\u00e4nde\u201c insbesondere einer Wao-Frau, die ich in den ersten Tagen in Quito eher zuf\u00e4llig kennen lernte und der ich mich f\u00fcr zwei Reiseetappen im Amazonasgebiet anschloss, war ausschlaggebend daf\u00fcr, dass ich recht am Anfang dieser Reise entschied, auch die zweite Feldforschung hier durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5693\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-1-690x920.png\" alt=\"\" width=\"690\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-1-690x920.png 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-1.png 818w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abb. 1. Unterwegs auf dem R\u00edo Nushi\u00f1o, 2019. Foto: Naomi Rattunde.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Andere Beobachtungen und Begegnungen, darunter die sich allm\u00e4hlich offenbarenden direkten Verbindungen zwischen ihrer Familie und der Sammlung von Objekten der Waorani in Bonn, st\u00fctzen diese Entscheidung. Entsprechend meiner daraus resultierenden Erwartung wiederzukommen, bekam die erste Feldforschung einen stark explorativen Charakter, in der mein Hauptaugenmerk auf dem Aufbau von Vertrauensbeziehungen lag, an die ich ein paar Monate sp\u00e4ter w\u00fcrde ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Insofern war es nicht allzu dramatisch, dass diese Feldforschung aufgrund der schweren politischen Krise in Ecuador vor genau einem Jahr ein abruptes, vorzeitiges Ende fand: Massenproteste und Stra\u00dfenblockaden schr\u00e4nkten Mobilit\u00e4t und \u00f6ffentliches Leben in \u00e4hnlicher Weise ein (Rattunde 2019) wie in den letzten Monaten das Virus \u2013 die <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2020\/06\/240821\/ecuador-proteste-corona\">wiederholte Antwort seitens der Regierung lautete: Ausnahmezustand<\/a>. Gespeist von vielen unerwarteten Begegnungen und Eindr\u00fccken und losen F\u00e4den, die wieder aufgenommen werden mochten, waren meine Erwartungen an die zweite, zentrale Feldforschung entsprechend gro\u00df. Mit dem Versprechen wiederzukommen habe ich auch bei meinen Forschungspartner:innen Erwartungen geweckt, die ich (erst einmal) entt\u00e4uschen muss. Wohlgemerkt ist meine Pr\u00e4senz dort f\u00fcr sie bei weitem nicht so entscheidend wie sie existenziell f\u00fcr meine Forschung (in ihrer bisherigen Ausrichtung) war \u2013 erst recht nicht in den Monaten des Lockdowns, der seinen Namen dort (traurigerweise) tats\u00e4chlich verdient hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Entscheidungen und Existenzen in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Anfang April traf ich die unausweichliche Entscheidung (die mangels Alternativen keine war), den zwischen Juni und September 2020 geplanten Feldforschungsaufenthalt bis auf Weiteres zu verschieben, bis er nicht nur wieder m\u00f6glich, sondern mit Blick auf die soziale, \u00f6konomische, humanit\u00e4re und emotionale Situation der Forschungspartner:innen auch verantwortbar ist. Wie Angeh\u00f6rige vieler <a href=\"https:\/\/www.salsa-tipiti.org\/salsa-public-issues-and-actions-committee\/salsa-covid-19-taskforce\/\">indigener Gruppen in s\u00fcdamerikanischen Tieflandregionen<\/a> entschieden besonders \u00e4ltere Waorani aus Angst vor dem Virus, das schmerzhafte Erinnerungen an Epidemien nach ihrer \u201eKontaktierung\u201c Mitte des letzten Jahrhunderts wachruft, <a href=\"https:\/\/time.com\/5826188\/amazons-indigenous-people-coronavirus\/\">in Selbstisolation tiefer in den Wald zu gehen<\/a>. Die meisten verzichten auf ihre sonst \u00fcblichen Reisen zwischen Stadt und <em>comunidad<\/em> und versuchen, sich an Pr\u00e4ventionsregeln zu halten, auch wenn sie dem sozialen Miteinander der Waorani diametral entgegenstehen (Bravo D\u00edaz 2020). W\u00e4hrend die besagte Wao sich vor kurzem mit der Er\u00f6ffnung des <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/\u00d1\u00e4n\u00f6nani-Arte-con-Identidad-Cultural-100239511750846\/\">Kunsthandwerk-Gesch\u00e4fts \u00d1\u00e4n\u00f6nani<\/a> einen lang ersehnten Traum erf\u00fcllen konnte, hat die zweite meiner Waorani-Forschungspartnerinnen w\u00e4hrend der Pandemie ihren Job verloren, sodass aus ihrer schon zuvor sehr prek\u00e4ren Situation eine existenzielle Notlage wurde, in der sie mich um finanzielle Unterst\u00fctzung bat (wie gehen wir als Ethnolog:innen hiermit um?). Ich sehe diese Bitte auch im Kontext dessen, dass mein Wiederkommen nicht nur, aber gerade bei ihr mit der Erwartung von Mitbringseln verbunden war.<\/p>\n<p>Meine Forschungspartnerin in Otavalo bangte angesichts von Virus-Krise und Lockdown auch um die Existenz der von ihrer Familie gef\u00fchrten <a href=\"https:\/\/www.emayarina.com\/\">Escuela de M\u00fasica <\/a><a href=\"https:\/\/www.emayarina.com\/\">Yarina<\/a>. Es gelang, ihr Funktionieren aufrechtzuerhalten, indem zahlreiche <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/EscueladeMusicaYarina\">Aktivit\u00e4ten in digitale Formate \u00fcberf\u00fchrt<\/a> wurden, an denen zumindest die Sch\u00fcler:innen mit entsprechenden Zugangsm\u00f6glichkeiten teilnehmen. Bei unserem ersten Treffen hatte sie ihre Erwartung an gemeinsames Forschen und gegenseitiges Geben und Nehmen (Kichwa: <em>ranti ranti<\/em>) explizit und zur Bedingung unserer Zusammenarbeit gemacht. W\u00e4hrend erstere zumindest zu einem Teil entt\u00e4uscht werden wird, hat unsere Kollaboration \u00fcber die letzten Monate Formen und \u00fcber meine Forschung hinausreichende Inhalte angenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erw\u00e4gungen zur Feldforschung mit Dingen<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Feldforschung war besonders durch Interaktionen mit Dingen \u2013 Perlenartefakte, Pflanzenfasern und Fotografien, auch von Dingen in der Bonner Sammlung \u2013 gepr\u00e4gt.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5695\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-2-920x690.png\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-2-920x690.png 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rattunde_Naomi_Abb.-2.png 973w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abb. 2. Zerkleinern von Bl\u00e4ttern zum F\u00e4rben von Chambira-Fasern, Tepapare, 2019. Foto: Manuela Omari Ima Omene.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Durch sie entstanden Beziehungen, Unterhaltungen, \u201esoziale N\u00e4he und gemeinsames Erleben\u201c (Spittler 2001: 12). Die Materialit\u00e4ts-Bezogenheit des Forschungsthemas \u00fcbertrug sich geradezu von selbst auf die Forschungspraxis, die so eine Dichte erlangte, von der nicht zu erwarten ist, dass sie in einer digital gest\u00fctzten Feldforschung in \u00e4hnlicher Weise herstellbar w\u00e4re \u2013 aufgrund des (generell zu problematisierenden) Spannungsverh\u00e4ltnisses von Dinglichkeit\/Materialit\u00e4t und Digitalisierung\/Virtualit\u00e4t. Daher beinhalteten meine Erw\u00e4gungen zur Feldforschung weniger, sie auf digital \u201eumzustellen\u201c (im Sinne einer Kompensation), sondern den im Forschungsprozess entwickelten Fokus auf die Perlenartefakte der Kichwa-Otavalo und Waorani zu verlassen und mich wieder der Gesamtheit der <em>chaquira<\/em>s im BASA-Museum zuzuwenden. Im weiteren Prozess ist noch zu erw\u00e4gen, inwieweit ich die beiden begonnenen \u201eTiefenbohrungen\u201c weiterf\u00fchre (etwa durch Gespr\u00e4che per Knopfdruck bzw. Touchpad-Ber\u00fchrung mit den Frauen, die mich bisher begleitet haben) und in die (r\u00e4umlich und zeitlich) breiter aufgestellte und st\u00e4rker sammlungszentrierte Forschung integriere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Entscheidungen und (entt\u00e4uschte) Erwartungen<\/strong><\/p>\n<p>Mit ihrem beim Kaffee erteilten Ratschlag f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Teilnehmenden Beobachtung pl\u00e4dierte die eingangs erw\u00e4hnte Ethnologin \u201eentschieden f\u00fcr die M\u00f6glichkeit ihrer Realisierung\u201c, die, so Spittler, \u201eweniger durch ihre Kritiker bedroht [ist] als durch die B\u00fcrokratie\u201c (2001: 22). Dabei sind Zeit und Geld ma\u00dfgebliche Faktoren und das Produkt beider ergibt den Rahmen, innerhalb dessen die Forschung abzuschlie\u00dfen ist, auch in Erf\u00fcllung der Erwartungen nach Effizienz von Forschungsf\u00f6rderinstitutionen (vgl. Krings 2013: 278). Die von selbiger zun\u00e4chst (zumindest vorsichtig) in Aussicht gestellten Erweiterung des gesteckten Rahmens bewirkte meine beobachtend-abwartende Haltung der letzten Monate hinsichtlich der Realisierung der Feldforschung. Inzwischen ist deutlich geworden, dass keine ma\u00dfgebliche Erh\u00f6hung des Faktors G zu erwarten ist, erst recht nicht, wenn der Faktor Z nicht klar definiert ist, da die unverzichtbare Erwartung des Drittmittelgebers f\u00fcr jegliche \u00c4nderung des Rahmens eine realistische Zeitplanung bis Projektabschluss ist. Doch mit der unkalkulierbaren Variable SARS-CoV-19 und dem Faktor Feldforschung \u2013 der f\u00fcr die F\u00f6rderinstitution kein notwendiger ist \u2013, kann diese Rechnung derzeit nicht aufgehen. Meine vor dem Hintergrund dieser divergierenden Erwartungen getroffene Entscheidung, Design und inhaltliche Ausrichtung der Forschung im skizzierten Sinne zu \u00e4ndern, bringt die Entt\u00e4uschung vor allem meiner Erwartung mit sich, die Promotion mit dieser Feldforschung (die nicht sein sollte) abzuschlie\u00dfen. Gleichzeitig treffe ich diese Entscheidung nach einer ersten \u201eexistenziellen Erfahrung\u201c, bei der \u2013 trotz ihrer K\u00fcrze \u2013 der Zufall einer meiner \u201ebeste[n] Begleiter\u201c (Krings 2013:278) war. Diese Entscheidung er\u00f6ffnet auch die M\u00f6glichkeit, die <em>chaquiras<\/em> in anderen Dimensionen und Zusammenh\u00e4ngen zu betrachten, st\u00e4rker von den Dingen im Museum auszugehen, die sich im aktuellen Kontext eingeschr\u00e4nkter Mobilit\u00e4t einmal mehr als besondere Ressourcen f\u00fcr ethnologische Forschung erweisen. Auch insofern betrachte ich mein erwartetes Wiederkommen nach Ecuador als aufgeschoben, nicht aufgehoben.<\/p>\n<p><em>Verfasst am 5. Oktober 2020, \u00fcberarbeitet am 11. Oktober 2020.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Naomi Rattunde<\/strong> M.A. promoviert in Altamerikanistik\/Ethnologie an der Universit\u00e4t Bonn als wissenschaftliche Mitarbeiterin im <a href=\"https:\/\/www.sisi.uni-bonn.de\/\">Verbundprojekt SiSi<\/a> (\u201eSinn\u00fcberschuss und Sinnreduktion von, durch und mit Objekten. Materialit\u00e4t von Kulturtechniken zur Bew\u00e4ltigung des Au\u00dfergew\u00f6hnlichen\u201c, BMBF, 2018-2021). Sie war wiss. Hilfskraft im <a href=\"http:\/\/basa.uni-bonn.de\/\">BASA-Museum (Bonner Amerikas-Sammlung)<\/a> und ist Mitglied der Forschungsgruppe <a href=\"https:\/\/www.amazonandes.uni-bonn.de\/\">AmazonAndes<\/a>. Zu ihren Forschungsinteressen z\u00e4hlen Materialit\u00e4t, Museen und Sammlungen. Kontakt: naomi.rattunde[at]uni-bonn.de<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnote<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Als <em>chaquiras<\/em> werden im engeren Sinne die von den Spaniern in die Amerikas eingef\u00fchrten Glasperlen bezeichnet; im weitesten, hier zugrunde gelegten Sinne sind <em>chaquiras<\/em> Perlen jeglicher Materialien sowie daraus gefertigte Artefakte sowohl vorkolumbischer als auch gegenw\u00e4rtiger indigener Gesellschaften.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>References<\/strong><\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>Beck, Stefan &amp; Michi Knecht. 2012. Jenseits des Dualismus von Wandel und Persistenz? Krisenbegriffe der Sozial- und Kulturanthropologie. In: Mergel, Thomas (ed.). Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Ann\u00e4herungen. Frankfurt: Campus, 59-76.<\/p>\n<p>Bravo D\u00edaz, Andrea. 2020. Notas Amaz\u00f3nicas frente a la pandemia, el caso Waorani en Ecuador. In: Perif\u00e8ria, revista de recerca i formaci\u00f3 en antropologia 25 (2), 22-33. [https:\/\/doi.org\/10.5565\/rev\/periferia.742]<\/p>\n<p>Krings, Matthias. 2013. Interdisziplinarit\u00e4t und die Signatur der Ethnologie. In: Bierschenk, Thomas, Matthias Krings &amp; Carola Lentz (eds.). Ethnologie im 21. Jahrhundert. Berlin: Reimer, 265-283.<\/p>\n<p>Mergel, Thomas. 2012. Einleitung: Krisen als Wahrnehmungsph\u00e4nomene. In: Ders. (ed.). Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Ann\u00e4herungen. Frankfurt: Campus, 9-22.<\/p>\n<p>Rattunde, Naomi. 2019. Vorerst keine Entwarnung. Der Aufstand gegen das Spardiktat des IWF und die staatliche Repression in Ecuador. In: ila 430, 39-41.<\/p>\n<p>Spittler, Gerd. 2001. Teilnehmende Beobachtung als Dichte Teilnahme. In: Zeitschrift f\u00fcr Ethnologie 126, 1-25.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","autor":[334],"class_list":["post-5690","fieldworkmeetscrisis","type-fieldworkmeetscrisis","status-publish","hentry","autor-naomi-rattunde"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5690","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/fieldworkmeetscrisis"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}