{"id":5570,"date":"2020-10-14T18:00:25","date_gmt":"2020-10-14T16:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=fieldworkmeetscrisis&#038;p=5570"},"modified":"2020-10-15T14:23:44","modified_gmt":"2020-10-15T12:23:44","slug":"digitale-und-digitalisierte-daten-und-die-rekonstruktion-von-wissen","status":"publish","type":"fieldworkmeetscrisis","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/fieldworkmeetscrisis\/digitale-und-digitalisierte-daten-und-die-rekonstruktion-von-wissen\/","title":{"rendered":"Digitale und digitalisierte Daten und die Rekonstruktion von Wissen"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5570?pdf=5570\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5570?pdf=5570\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5737\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-920x518.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-920x518.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-1440x810.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-550x310.jpg 550w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-2048x1152.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-920x518@2x.jpg 1840w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_Teaser_169-550x310@2x.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abbildung 1: Direktorin Joanne Arek vor dem Haus Tumbuna <\/em>Madang Museum &amp; Cultural Center<em> im M\u00e4rz 2020. Foto: Katharina Nowak.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201e[&#8230;] Sie vermuten, dass Lae und Port Moresby am Montag abgeriegelt werden. Dann k\u00f6nnte ich nicht mehr ausreisen. Mein Flug ab Singapurer wurde schon gecancelt und Deutsche d\u00fcrfen nicht mehr einreisen. [&#8230;] Ggf. m\u00fcsste ich l\u00e4nger als geplant hierbleiben. Das w\u00e4re f\u00fcr mich in Ordnung. Trotzdem mache ich mir Sorgen und versuche meinen Partner in Deutschland zu kontaktieren. Nat\u00fcrlich habe ich niemanden erreicht \u2013 hier ist es 12 Uhr mittags und er war schon am Schlafen. Daraufhin habe ich den Nachmittag \u00fcber nach R\u00fcckfl\u00fcgen recherchiert. Heute w\u00e4re ich nicht mehr zum internationale Flughafen in Port Moresby gekommen. Sonntag g\u00e4be es noch einen Flug von Madang, h\u00e4tte dann aber 23 Stunde Aufenthalt in Port Moresby und somit w\u00e4re der Weiterflug nach Australien oder Singapur erst Montagmittag m\u00f6glich. Ich hoffe, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, erstmal hier zu bleiben. Trotzdem habe ich Angst und mache mir Gedanken dar\u00fcber, wie die internationale Politik in den n\u00e4chsten Tagen weiter auf die Pandemie reagiert. [&#8230;]\u201c<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Auszug aus meinem Feldtagebuch, Madang, am 13. M\u00e4rz 2020.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 18. M\u00e4rz 2020 habe ich mich auf den R\u00fcckweg nach Deutschland gemacht. In der Zwischenzeit wurden internationale Flugh\u00e4fen in Australien, Indonesien und den Philippinen abgeriegelt. Singapur gew\u00e4hrte mir Transit, da ich Deutschland vor mehr als 14 Tagen verlassen hatte.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag er\u00f6rtere ich, wie Analoges und Digitales die ethnographische Forschungspraxis im Kontext der Wissensproduktion durchdringt. Dabei er\u00f6rtere ich Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung in der ethnografischen Praxis. Ich werfe einen Blick auf meinen \u2013 Pandemie-bedingt abgebrochenen \u2013 Feldaufenthalt im Fr\u00fchjahr 2020 und reflektiere die Folgen dieser Unterbrechung f\u00fcr mein Forschungsvorhaben. Seit 2019 promoviere ich unter dem Arbeitstitel: \u201eWie lassen sich ethnologische Sammlungen dekolonisieren? Zur Wissensproduktion ethnographischer, postkolonialer und geschichtswissenschaftlicher Ans\u00e4tze.\u201c \u00fcber eine museale Sammlung, die im kolonialen Kontext im heutigen Papua-Neuguinea (PNG) zusammengetragen wurde. Um diese verstrickte Geschichte zu erfassen, plane ich Kollaborationen mit Menschen in PNG. Daf\u00fcr ist mein dortiger Aufenthalt unerl\u00e4sslich. Dar\u00fcber hinaus gebe ich einen kurzen Einblick in Forschungsablauf, Struktur und Analyse und diskutiere, ausgehend von analoger und digitalisierter Datengenerierung die Auswirkungen auf die epistemologische Theorienbildung.<\/p>\n<p>Im Zentrum meiner Forschung steht ein ethnografisch-museales Konvolut, das w\u00e4hrend der Kolonialzeit aus dem Gebiet der damaligen deutschen Kolonie im heutigen PNG in eine deutsche Sammlung kam. Es handelt sich dabei um die s. g. S\u00fcdsee-Sammlung von Wilhelm Knappe (1855-1910), deutscher Diplomat und Kolonialbeamter, welche heute vom Museum f\u00fcr Th\u00fcringer Volkskunde in Erfurt beherbergt wird. Ich interessiere mich f\u00fcr unterschiedliche epistemische Praktiken, durch die Wissen im Umgang mit diesen Objekten produziert wird: Sowohl in den historischen und gegenw\u00e4rtigen Kontexten und Alltagskulturen, aus denen sie urspr\u00fcnglich stammen, als auch in Bezug auf die Praktiken von Sammler*innen und H\u00e4ndler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen, die diese Objekte aus ihren allt\u00e4glichen oder rituellen Kontexten (manchmal unter Einsatz von Gewalt und unter Ausnutzung von Macht) herausl\u00f6sten, sie mobilisierten, nach Deutschland verfrachteten und im Kontext von Museen verkauften, lagerten, beforschten, kuratierten und bis heute kuratieren. Die Forschung zielt auf eine Sichtbarmachung unterschiedlicher epistemischer Praktiken ab (vgl. Barth 2005). Ich gehe der Frage nach, wie diese Praktiken zueinander in durch Macht und asymmetrische Wissensordnungen gepr\u00e4gten Beziehung stehen und wie sie in Ausstellungsprojekten und in der Museumsarbeit innovativ und gleichberechtigt repr\u00e4sentiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5585\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_1-1-920x734.png\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"734\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_1-1-920x734.png 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_1-1.png 1046w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abbildung 2: Inventarkarte, S\u00fcdsee-Sammlung W. Knappe. Museum f\u00fcr Th\u00fcringer Volkskunde Erfurt\/ Stadtverwaltung Erfurt.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<figure><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5587\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_2-1-649x920.png\" alt=\"\" width=\"649\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_2-1-649x920.png 649w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_2-1.png 841w\" sizes=\"auto, (max-width: 649px) 100vw, 649px\" \/><\/figure>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5739\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-592x920.jpg\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-592x920.jpg 592w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-926x1440.jpg 926w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-988x1536.jpg 988w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-1317x2048.jpg 1317w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-scaled.jpg 1646w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/nowakneu-592x920@2x.jpg 1184w\" sizes=\"auto, (max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abbildungen 3 &amp; 4:<\/em> bilum, <em>Inventarnummer 580, S\u00fcdsee-Sammlung W. Knappe. Museum f\u00fcr Th\u00fcringer Volkskunde Erfurt\/ Stadtverwaltung Erfurt. Foto: Katharina Nowak, mit Zustimmung der Stadtverwaltung Erfurt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Writing-Culture-Debatte bildete in den 1980er Jahren die Grundlage f\u00fcr reflexive und offene Museumsarbeit (Clifford, Marcus 1986). Vertreter*innen der \u201aNew Museology\u2019 fordern eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Institution. Dabei wird Transparenz der Museumspraktiken gefordert und \u00fcber Machtverh\u00e4ltnisse und Deutungshoheiten diskutiert (Scholz 2019: 165). Postkoloniale Ans\u00e4tze erweitern die Debatte um Fragen zur Repr\u00e4sentation, Wissensformen und Zug\u00e4ngen (z. B. Begrich, Randeria 2012; Kravagna 2009; Marchart 2005). Es wird eine Dekolonisation der hiesigen Museen, u. a. durch transnationale Zusammenarbeit, gefordert. Diese durchbricht die dichotome Perspektive, welche anhand historischer Objekte \u201aanderer\u2019 Kulturen, in Abgrenzung zur \u201aeigenen\u2019 Kultur, \u201aAndere\u2019 erkl\u00e4ren will.<\/p>\n<p>Ziel ist es, im Sinne der Gabentheorie von Marcel Mauss (vgl. Mauss 1990 [1925]) zu erarbeiten, welches Wissen \u00fcber die Objekte in welcher Weise produziert wurde. Aus anthropologischer Sicht, etwa im Sinne Marilyn Stratherns und Bruno Latour (vgl. Latour 2005), agieren die Objekte selbst als Akteur*innen. Welche Bedeutungen hatten und haben sie f\u00fcr die Herkunftsgesellschaft? Die epistemischen Praktiken verschiedener Akteur*innengruppen produzieren unterschiedliche \u201aWahrheiten\u2019 und Ontologien. Der <em>ontological turn<\/em> pl\u00e4diert daf\u00fcr, Dinge Ding-sein zu lassen und Ding-werden zu lassen (im Gegensatz zum <em>material turn<\/em>, welcher eine Trennung von Kultur und Materialit\u00e4t proklamiert) (Brandstetter 2019: 63).<\/p>\n<p>Quellen- und Archivmaterial st\u00fctzt die \u201aRekonstruktion\u2018 der Geschichte der Sammlung. Die damaligen Interessen und Wertzuschreibungen des Sammlers Knappe erarbeite ich aus den Quellen des Museumsarchivs (z.B. selbstverfasster Katalog von Knappe). Ich stelle Erkenntnisse aus ethnographischen und geschichtswissenschaftlichen Forschungen zur Diskussion. Eine Analyse aus verschiedenen Perspektiven ist nicht ohne Kooperation mit Akteur*innen der Herkunftsgesellschaften m\u00f6glich. Dabei ist nicht au\u00dfer Acht zu lassen, dass ich heute nicht davon ausgehen kann, dass diese Kulturen, selbst mit m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen usw., seit 1885 statisch und unver\u00e4ndert geblieben sind. Ihre eigenen Interpretationen eines historischen Objekts ist eine g\u00fcltige zeitgen\u00f6ssische Sichtweise, bedeutet aber nicht, dass dies eine g\u00fcltige Sichtweise des Objekts diese Kultur im Jahr 1885 ist. Darum plane ich drei kollaborative Projekte, welche anhand jeweils eines Objekts der S\u00fcdsee-Sammlung Menschen einer Region der damaligen Kolonie \u201arepr\u00e4sentieren\u2018. Geplant sind ein Netztaschen-Projekt in Madang sowie ein kooperatives Projekt mit dem <em>National Museum and Art Gallery (NMAG)<\/em> und der <em>University of Papua New Guinea (UPNG)<\/em> in Port Moresby, mit Kolleg*innen aus Neubritannien (Neuhannover), da diese den Wunsch \u00e4u\u00dfern, ein Museum zu errichten. Des Weiteren ein Rekontextualisierungsprojekt in Finschhafen zum ersten Kontakt zwischen den dortigen Menschen und der Neuguinea-Kompagnie sowie der neulutherischen Neudettelsauer Mission. Ersteres habe ich bei meinem letzten Feldaufenthalt im M\u00e4rz 2020 gemeinsam mit der <em>Divine Word University (DWU)<\/em> und dem <em>Madang Museum &amp; Cultural Center<\/em>, konzipiert. In dem Projekt geht es darum, eine Verbindung zwischen den Menschen und ihren <em>bilum<\/em> wiederherzustellen. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit sollen im Museum ausgestellt und digital ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5561\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_4.png-690x920.jpeg\" alt=\"\" width=\"690\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_4.png-690x920.jpeg 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_4.png-1080x1440.jpeg 1080w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_4.png-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto_4.png-rotated.jpeg 1224w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Abbildung 5: Papua New Guinea National Museum and Art Gallery in Port Moresby. Foto: Katharina Nowak<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der hundertj\u00e4hrigen Geschichte der ethnographischen Feldforschung transformierte diese ihre Formen, ihre Verwendung, ihre Ziele und ihre Bedeutungen unter Frank Cushing, Franz Boas, W.H.R. Rivers, Bronis\u0142aw Malinowski und Margaret Mead. Es begann mit handschriftlichen Notizen (Nicolai Miklucho-Maklai 1871 &#8211; 1872), diese wurden zu typisierter Feldnotizen und Beschreibung (Clifford Geertz 1972) und dienten dann zur Generierung von Theorien. Gegenw\u00e4rtig befinden wir uns in der Zeit der Digitalisierung der Felddaten, diese begann bereits in den 1970er Jahren mit der Einf\u00fchrung neuer digitaler Technologien zur Analyse, Herstellung, Verbreitung und Verbesserung von Feldnotizen. Zu dieser Zeit etablierten sich Codierungen der Feldarbeit auf IBM Lochkarten, Datenanalyseprogramme auf Gro\u00dfrechnern wurden implementiert und die ersten digitalen Datenbanken wurden angelegt (Sanjek 2016: 5).<\/p>\n<p>Auch andere Bereiche des Lebens im Globalen Norden sind schon seit den 1970er Jahren digital und seit den 1990er Jahren vom \u00f6ffentlichen Internet und dem WWW durchdrungen (Sanjek 2016: 3f.). Die Visuelle Anthropologie ist ohne Medieneinsatz nicht denkbar. Mittels softwaregest\u00fctzter Analyseprogrammen (z.B. MAXQDA) strukturierter, ethnografischer Daten codieren wir (teilweise) analog erhobene Daten (Teilnehmende Beobachtung) digital. Die erhobenen Daten sind in einigen F\u00e4llen, z.B. durch Ton- und Videoaufnahmen mediengest\u00fctzt generiert. Wo liegen die Herausforderungen bei Teilnehmenden Beobachtungen, im Sinne Malinowskis? Dieser entwickelte die Methode bei seinen langj\u00e4hrigen Forschungsaufenthalten auf Omarakana (Trobriand-Inseln) von 1915 bis 1918. Ist die Digitalisierung der Daten aus ethischer Sicht problematisch? Ethnologische Forschungsdaten enthalten sensible und schutzw\u00fcrdige, h\u00e4ufig personenbezogene Daten, die hohe Anforderungen an die Aufbereitung und Deutung stellen.<\/p>\n<p>Aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie musste ich meinen Feldaufenthalt fr\u00fchzeitig beenden. Dadurch konnte ich die Projekte nicht verfestigen, keine Interviews f\u00fchren und nicht wie vorgesehen ins Feld \u201aeintauchen\u2018. Ich habe erste Kontakte mit Museumsexpert*innen und Wissenschaftler*innen in PNG gekn\u00fcpft und mir einen \u00dcberblick \u00fcber die dortigen Gegebenheiten verschaffen k\u00f6nnen. Mein geplanter, mehrw\u00f6chiger Aufenthalt in Port Moresby, im NMAG und an der UPNG konnten gar nicht stattfinden. Nur zu Beginn des Aufenthalts war ich einige Tage in der Hauptstadt und habe Lehrende und Studierende der UPNG kennengelernt. Das Museum und die UPNG wurden zur Eind\u00e4mmung der Pandemie geschlossen. Auch der Besuch des National Archive war nicht mehr m\u00f6glich. Dadurch fehlt mir Quellenmaterial der damaligen Kolonialverwaltung. Neben den Entt\u00e4uschungen \u00fcber das Nichterreichen der Ziele, die ich mir im Rahmen meiner Forschungsreise gesetzt hatte, f\u00fchle ich mich entmutigt. Erwartungen an den Feldaufenthalt, den ich lange und intensiv plante und vorbereitete, wurden nicht erf\u00fcllt. Die fr\u00fchzeitige Abreise frustriert mich pers\u00f6nlich, wissenschaftlich und finanziell. Die Ungewissheiten \u00fcber die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit einer R\u00fcckreise, bedingt durch gecancelte Fl\u00fcge und geschlossener Flugh\u00e4fen, war be\u00e4ngstigend und beunruhigend.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig mache ich mir Sorgen ob und wie mein Forschungsvorhaben in Zeiten einer Pandemie umsetzbar ist. Diese Ungewissheit l\u00e4hmt meine Produktivit\u00e4t und Zukunftspl\u00e4ne. Ein zweiter Feldaufenthalt war bereits, seit Beginn meiner Forschung, f\u00fcr 2021 geplant. Ob und wann dieser stattfinden kann, ist momentan ungewiss, es ist jedoch unerl\u00e4sslich f\u00fcr mein Forschungsvorhaben. Eine mediengest\u00fctzte Feldforschung, also eine digitale Substitution der Datenerhebung vor Ort, ist aufgrund der dortigen Infrastruktur nur bedingt, bis gar nicht, umsetzbar. In PNG gibt es kaum Endger\u00e4te und das Strom- und somit Internetnetz sind fragil. Digitale Datenbanken oder digitale Telefonie ben\u00f6tigen zu viel Datenvolumen f\u00fcr das dortige Netz. Eine Kommunikation per E-Mail ist punktuell und nur zeitverz\u00f6gert m\u00f6glich. Welche Alternativen bestehen noch? Von kollaborativen Projekten zwischen hiesigen Museen und den Herkunftsgesellschaften wird eine digitale Sichtbarmachung der europ\u00e4ischen Best\u00e4nde gefordert. So k\u00f6nnen die Objekte in den europ\u00e4ischen Sammlungen transparent von jeder und jedem weltweit eingesehen werden. Die deutsche Museumslandschaft wandelt sich und versucht Barrieren auf dem Weg zur Restitution abzubauen. Doch welche Auswirkung hat dies auf die Herkunftsgesellschaften? Wer wird wie digital repr\u00e4sentiert? Wer nicht? Wen inkludiert oder exkludiert die digitale Welt? Was bedeutet es f\u00fcr die globale Welt, dass Menschen in PNG technisch bedingt nicht partizipieren k\u00f6nnen? F\u00fcr die Beantwortung dieser Fragen w\u00fcnsche ich mir einen fachlichen Austausch im Rahmen der DGSKA Herbstakademie und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p><em>Geschrieben am 3. Oktober 2020 und \u00fcberarbeitet am 9. Oktober 2020<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Katharina Nowak<\/strong> ist Doktorandin am Institut f\u00fcr Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universit\u00e4t Bremen. Sie promoviert zu dem Thema Dekolonisation, Dekonstruktion, und Kontextualisierung von musealen Sammlungen, Zusammenh\u00e4nge zwischen Praktiken der Wissensproduktion und musealen Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Ihre Fachgebiete sind Anthropologie, Ethnologie und Museologie. Ihre Forschungsinteressen umfassen Wissensproduktion und Postkolonialismus mit regionalem Schwerpunkt auf Papua-Neuguinea. Kontakt: kanowak[at]uni-bremen.de<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>References <\/strong><\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>Barth, Fredrik 2002. An Anthropology of Knowledge. In: Current Anthropology Volume 43, Number 1, February 2002, 1 &#8211; 18.<\/p>\n<p>Begrich, Roger &amp; Shalini Randeria 2012. Historiographie und Anthropologie. Zur Kritik hegemonialer Wissensproduktion bei Talal Asad, Bernard S. Cohn und der Subaltern Studies Group. In: Reuter, Julia &amp; Alexandra Karentzos (Hg.). Schlu\u0308sselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, 69 &#8211; 84.<\/p>\n<p>Brandstetter, Anna-Maria 2019. Dinge und Theorien in der Ethnologie: Zusammenh\u00e4nge und Ber\u00fchrungspunkt. In: Edenheiser, Iris &amp; Larissa F\u00f6rster (Hg.). Museumsethnologie. Eine Einf\u00fchrung. Theorien, Debatten, Praktiken. Berlin: Reimer, 52 &#8211; 69.<\/p>\n<p>Clifford, James &amp; George E. Marcus 1986. Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography. Berkeley: University of California Press.<\/p>\n<p>Geertz, Clifford 1993. Religion as a cultural system. In: Geertz, Clifford (Hg.). The interpretation of cultures: selected essays. London: Fontana Press, 87 &#8211; 125.<\/p>\n<p>Kravagna, Christian 2009. Konserven des Kolonialismus: Die Welt im Museum. In: schnitt-punkt ausstellungstheorie &amp; praxis; Kazeem, Belinda &amp; Charlotte Martinz-Turek &amp; Nora Stern-feld (Hg.). Das Unbehagen im Museum. Postkoloniale Museologie. Wien: Turia + Kant, 61 &#8211; 75.<\/p>\n<p>Latour, Bruno 2005. Eine neue Soziologie f\u00fcr eine neue Gesellschaft. Einf\u00fchrung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p>Marchart, Oliver 2005. Die Institution spricht. Kunstvermittlung als Herrschafts- und als Emanzipationstechnologie. In: schnittpunkt ausstellungstheorie &amp; praxis; Jaschke, Beatrice &amp; Charlotte Martinz-Turek &amp; Nora Sternfeld (Hg.). Wer spricht? Autorit\u00e4t und Autorenschaft in Ausstellungen. Wien: Turia + Kant, 34 &#8211; 58.<\/p>\n<p>Mauss, Marcel 1990 [1925]. Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p>Neumann, Klaus 1992: Not the Way It Really Was: Constructing the Tolai Past. Pacific Islands Monograph Series.<\/p>\n<p>Sanjek, Roger 2016. From Fieldnotes to eFieldnotes. In: Sanjek, Roger &amp; Susan W. Tratner (Hg.). eFIELDNOTES. The Makings of Anthropology in the Digital World. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 3-27.<\/p>\n<p>Scholz, Andrea 2019. Transkulturelle Zusammenarbeit in der Museumspraxis: Symbolpolitik oder epistemische Pluralit\u00e4t? In: Edenheiser, Iris &amp; Larissa F\u00f6rster (Hg.). Museumsethnologie. Eine Einf\u00fchrung. Theorien, Debatten, Praktiken. Berlin: Reimer, 162 &#8211; 179.<\/p>\n<p>Thomas, Nicolas 1991. Entangled Objects. Exchange, Material Culture, and the Colonialism in the Pacific. Cambridge, London: Harvard University Press.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","autor":[317],"class_list":["post-5570","fieldworkmeetscrisis","type-fieldworkmeetscrisis","status-publish","hentry","autor-katharina-nowak"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5570","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/fieldworkmeetscrisis"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5570"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5570"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}