{"id":5443,"date":"2020-10-14T18:00:18","date_gmt":"2020-10-14T16:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=fieldworkmeetscrisis&#038;p=5443"},"modified":"2020-10-12T19:27:45","modified_gmt":"2020-10-12T17:27:45","slug":"ruckzug","status":"publish","type":"fieldworkmeetscrisis","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/fieldworkmeetscrisis\/ruckzug\/","title":{"rendered":"R\u00fcckzug"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5443?pdf=5443\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5443?pdf=5443\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5444\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-825x920.jpg\" alt=\"\" width=\"825\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-825x920.jpg 825w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-1291x1440.jpg 1291w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-1378x1536.jpg 1378w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-1837x2048.jpg 1837w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020-_-Foto-1_6-ISdS-Kerzen-fur-Oxum-und-Iansa-825x920@2x.jpg 1650w\" sizes=\"auto, (max-width: 825px) 100vw, 825px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Foto 1: Kerzen f\u00fcr <em>Ians\u00e3 <\/em>und <em>Oxum<\/em><a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>, die in Verbindung mit einem Ritual im Umbanda-Haus <em>Casa St. Michael \/ Haus des Reinen Wassers<\/em> der <em>M\u00e3e-de-Santo<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Gabriele Hilgers in K\u00f6ln standen. Berlin-Wilmersdorf, bei mir Zuhause im Wohnzimmer, 11. Juni 2020. \u00a9 Inga Scharf da Silva.<\/em><\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In meinen ethnologischen Forschungen interessieren mich die Alltagspraxen von Menschen aus ihrer erfahrenen Innensicht und die darin verborgenen Wissensarchive und ihre Imaginationen, die sich u.a. in der Mythologie, in der Spiritualit\u00e4t und kulturell unterschiedlichen Vorstellungswelten finden und vielfach \u00fcber die sakrale Globalisierung und Migrationsbewegungen verbreitet werden. Einen besonderen Stellenwert bilden dabei f\u00fcr mich die K\u00fcnste in ihrer Materialisierung von Religion und die Wahrnehmung dar, wie sie in der Anthropologie der Sinne thematisiert wird.<\/p>\n<p>In diesem Blog-Beitrag gehe ich auf den kollektiven R\u00fcckzug ins Private und den damit einhergehenden neuen spirituellen Praxen in der aktuellen Pandemie ein, die eine ver\u00e4nderte ethnologische Feldforschung erforderlich macht.<\/p>\n<p>Dem \u201eLockdown\u201c der ersten Monate der Pandemie bin ich mit Schreiben begegnet, das ich \u00fcber einen Aufruf der medizinethnologischen Fachzeitschrift <em>Curare<\/em> zur Anfertigung eines ethnographischen Corona-Tagebuchs (<a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/witnessingcorona\/curare-corona-diaries-project\/\"><em>Curare Corona Diaries Project<\/em><\/a><strong>) <\/strong>von M\u00e4rz bis Juni 2020 einl\u00f6ste. Darin ging es mir neben den allt\u00e4glichen ethnographischen Beobachtungen \u201ein the strict sense of the term\u201c in der Quarant\u00e4ne-Situation und den wenigen Spazierg\u00e4ngen in meinem unmittelbaren Kiez auch um Aussagen im \u00f6ffentlichen virtuellen Diskurs in den sozialen Medien, u.a. auch in Blogs spiritueller Gemeinschaften oder im direkten WhatsApp-Austausch mit spirituell gesinnten Menschen (vgl. Scharf da Silva 2020a). Die Deutung dieses vermehrten Austauschs in der digitalen Welt dient mir jetzt als empirischen Einstieg in eine theoretische Diskussion.<\/p>\n<p>Dieses Corona-Tagebuch wird in einem Online-Archiv ver\u00f6ffentlicht, ebenso wie ein Beitrag f\u00fcr den medizinethnologischen Blog \u203a<em>Witnessing Corona<\/em>\u2039 (vgl. Scharf da Silva 2020b). Ich betone dies, weil ich mich damit \u00f6ffentlich positioniert habe, indem ich diese Pandemie als weltweite Krise verstehe und damit einen anderen Standpunkt einnehme als ein nicht unwesentlicher Anteil der spirituellen Akteur*innen (mit denen ich f\u00fcr mein Forschungsvorhaben reden und sie interviewen m\u00f6chte), welche aus Angst das SARS-CoV-2 Corona-Virus leugnen oder ihm ausschlie\u00dflich meditierend entgegentreten (vgl. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ICiC1bdSRgI\">Gr\u00fcnschloss 12.5.2020<\/a>). Wenngleich diese Aussage die Gefahr von Generalisierungen beinhaltet, obwohl ich auch differenzierte Sichtweisen vermute, kann sie auch eine Quelle f\u00fcr Vorstellungen von K\u00f6rper und Geist, Gesundheit und Krankheit sowie Tod beinhalten. F\u00fcr mich haben beide Weltbilder ihre Daseinsberechtigung und Wirksamkeit und stellen keinen Wiederspruch, sondern eine Erg\u00e4nzung dar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Aktuelle Feldforschungssituation<\/strong><\/p>\n<p>Die soziale Umbruchsituation, die durch die Pandemie ausgel\u00f6st wurde, traf mich ausgerechnet in einer pers\u00f6nlichen \u00dcbergangsituation beruflicher Natur. Nach dem erfolgreichen Abschluss meiner Doktorarbeit \u00fcber postkoloniale Erinnerungspraxis in der brasilianischen Religion Umbanda im deutschsprachigen Europa, deren virtuelle Disputation \u00fcber Zoom Ende August wie bereits die schriftliche Arbeit auch <em>Summa cum Laude<\/em> ergab, bereite ich mich nun f\u00fcr eine Postdoc-Forschung \u00fcber spirituelle Utopien und gesellschaftliche Transformation im Sinne einer Kritischen Europ\u00e4isierungsforschung im Bereich der anthropologischen Zukunftsforschung, Migration und Spiritualit\u00e4t sowie deren Finanzierung durch eine Bewerbung um eine <em>Eigenen Stelle<\/em> bei der DFG vor. Meine aktuelle Feldforschung hat offiziell noch gar nicht begonnen.<\/p>\n<p>Da es zu dieser herbstlichen Jahreszeit drau\u00dfen gerade noch so angenehm ist, um Akteur*innen in der Natur unter freiem Himmel zu interviewen, was keine gesundheitlichen Risiken mit sich bringt, habe ich inoffiziell im Vorfeld einige wenige Interviews mit Besitzer*innen von Konvoluten eines Familienarchivs \u00fcber religi\u00f6se Akteur*innen des Buddhismus und von Mazdaznan Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin durchgef\u00fchrt bzw. bin gerade dabei, diese zu planen \u2013 so z.B. ein Interview mit einer <em>Forest Guide<\/em> im Waldbaden des japanischen Shinrin Yoku. Ich habe, da ich vom Wetter abh\u00e4ngig bin, diese Phase der Forschung teilweise vorverlegt. Da dies nur ein Einstieg ins Thema ist, habe ich damit aber die Situation f\u00fcr die ganze Forschung nicht gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Vor der Sars-CoV-2-Corona-Pandemie bin ich viel unterwegs gewesen, weil ich u.a. zwei Mal monatlich zu einem Umbanda-Haus von Berlin nach K\u00f6ln gereist bin. Die Struktur meines Alltags bestand darin, t\u00e4glich die Bibliothek der Humboldt Universit\u00e4t als R\u00fcckzugsraum zum Schreiben und als Abgrenzung zur Familie und Haushalt zu nutzen. Diese soziale Struktur meines Lebens ist durch die Sars-CoV-2-Corona-Pandemie grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert worden, da ich wegen etlicher schwerer Vorerkrankungen eine Risikoperson bin und von daher seit M\u00e4rz dieses Jahres \u00fcberwiegend Zuhause und au\u00dferdem damit besch\u00e4ftigt bin, mit meinem 15-j\u00e4hrigen Sohn <em>Home Schooling<\/em> zu organisieren.<\/p>\n<p>Diese Situation der Immobilit\u00e4t hat meine Feldarbeit grundlegend ver\u00e4ndert und l\u00f6st einige Konflikt f\u00fcr meine aktuelle Feldforschungssituation aus, die grunds\u00e4tzlich dadurch verursacht wird, dass ich durch meine pers\u00f6nlichen Kontakte unwillentlich auf mein altes Feld der Umbanda begrenzt werde, da ich beabsichtige, meine Perspektive auf andere spirituelle Akteur*innen aus anderen Traditionen und Glaubensrichtungen auszuweiten. Um in ein ganz neues Feld eintauchen zu k\u00f6nnen, h\u00e4tte der erste Schritt einer neuen Feldforschung mit einem \u201eSprung ins kalte Wasser\u201c der empirischen Religions-Forschung im Sinne einer <em>Grounded Theory<\/em> angestanden, Theorie durch das Feld zu entdecken \u2013 einer Strategie, die mich schon seit meiner Magisterarbeit in den sp\u00e4ten 1990er Jahren begleitet. Sicherlich ist ein wissenschaftlich motivierter und vermittelter Zugang zum Forschungsfeld wichtig, aber ebenso ein vertrauensvoller Dialog unermesslich. Ohne diesen pers\u00f6nlichen und emotionalen Austausch erz\u00e4hlen die spirituellen Akteur*innen nichts.<\/p>\n<p>Momentan stellt sich daher methodisch die Frage, ob ein Zugang zum spirituellen Forschungsfeld \u00fcber die sozialen Medien sinnvoll ist. Ich vermute, dass die T\u00fcren verschlossen bleiben oder relativ kurz danach zugehen, wenn ich mich gleich zu Beginn als forschende Ethnologin oute. Wenn ich mich als spirituelle Akteurin zeige, was ich auch bin, habe ich nur die halbe Wahrheit gesagt. Im pers\u00f6nlichen Gegen\u00fcber ist das den sozialen Formen der Kommunikation geschuldet, aber ist es das auch in den sozialen Medien, wo ich ja sofort mit meiner ganzen Person zu finden bin? Meine Vermutung ist, dass ich nicht umhinkomme, mich als spirituelle Person und als Wissenschaftlerin gleicherma\u00dfen zu pr\u00e4sentieren, weil das der einzig stimmige Weg ist. Daf\u00fcr ben\u00f6tige ich aber eine gute Strategie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vorerfahrungen<\/strong><\/p>\n<p>In der Feldforschung f\u00fcr meine Doktorarbeit habe ich bereits eine \u00e4hnliche Erfahrung machen m\u00fcssen, die aber nicht durch eine Pandemie, sondern eine eigene schwere Krankheit ausgel\u00f6st wurde. So war es mir einige Jahre nach meiner Magisterarbeit und einer Anstellung am J\u00fcdischen Museum in Berlin nicht m\u00f6glich, mich direkt in die religi\u00f6se Welt der Umbanda zu begeben. Wegen anschlie\u00dfender drei Jahre Chemotherapien und Aufenthalten in verschiedenen Reha-Kliniken war ich immobil und konnte nicht reisen.<\/p>\n<p>Also nutzte ich die Zeit, um mich statt eines Eintauchens in die religi\u00f6se Alltagswelt ins brasilianische virtuelle Netz zu begeben und es in Bezug auf mein Thema zu analysieren. Auch wenn diese Auseinandersetzung anfangs im Konflikt mit meiner anschlie\u00dfenden Feldforschung im deutschsprachigen Europa etwas sperrig erschien und andere mir rieten, es ganz au\u00dfen vor zu lassen, f\u00fcgten sich diese \u00dcberlegungen im Prozess des Schreibens \u00fcberraschenderweise dennoch gut in meine Arbeit ein und wurden zum Kapitel \u00fcber Bildlichkeit bzw. der Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur der Umbanda bzw. ihrer sakralen Objekte.<\/p>\n<p>Diese Exhaustierung meines anf\u00e4nglichen Forschungsdesigns habe ich in der Einleitung meiner Doktorarbeit zwar beschrieben und reflektiert, da neue Fragen durch das Feld aufgeworfen wurden, aber nicht explizit als zwei aufeinanderfolgende Forschungen pr\u00e4sentiert. Ich habe sie stattdessen als zwei methodische Zug\u00e4nge im virtuellen und im leiblichen Feld dargestellt, die beide relevant f\u00fcr das Thema der postkolonialen Erinnerungspraxis sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Medizinethnologische \u00dcberlegungen<\/strong><\/p>\n<p>In einer Religion wie der Umbanda, in der nicht nur der Geist \/die Geister bzw. das Bewusstsein, sondern auch der K\u00f6rper als Vermittler einer unsichtbaren Mit-Welt verstanden werden, kann die religi\u00f6se Praxis nicht auf rein mentale T\u00e4tigkeiten reduziert werden. So feiern viele Umbandist*innen in Berlin und K\u00f6ln weiterhin gemeinsam ihre Rituale, in denen Trance von personalen Medien wesentlich ist &#8211; entweder in \u00dcbereinstimmung mit den gesetzlichen Vorlagen oder in verkleinerten Gruppen als sonst unter freiem Himmel im Wald.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5446\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-832x920.jpg\" alt=\"\" width=\"832\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-832x920.jpg 832w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-1302x1440.jpg 1302w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-1389x1536.jpg 1389w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-1852x2048.jpg 1852w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Scharf-da-Silva_Inga_2020_Foto-2_8-ISdS-Ritual-fur-Pombagira-und-Exu-832x920@2x.jpg 1664w\" sizes=\"auto, (max-width: 832px) 100vw, 832px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Foto 2: Rituelle Gabe an <em>Pombagiras<\/em> und <em>Ex\u00fas<\/em> (spirituelle Wesen in der Umbanda), bestehend aus mit Palm\u00f6l angedicktem Mandiokamehl, Zwiebeln, Beeren, Pfefferschoten, Rosen, Zigaretten, angerichtet auf Bananenbl\u00e4ttern; dazu Sekt und Schnaps. Ver\u00f6ffentlichung von Fotos mit Personen sind nicht erlaubt. Berlin-Zehlendorf, Ortsteil Wannsee: D\u00fcppeler Forst, 24. August 2020. \u00a9 Inga Scharf da Silva.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die jetzige Situation f\u00fchrt mich wieder einmal zur Wahrnehmung der materiellen Kultur der Umbanda, da sie neue R\u00e4ume in privaten Wohnr\u00e4umen und in Naturr\u00e4umen wie dem Wald einnehmen. W\u00e4hrend die Alt\u00e4re und Gaben ihre Relevanz in Vor-Pandemie-Zeiten h\u00e4ufig auch in \u00f6ffentlichen Orten wie Nachbarschaftsh\u00e4usern oder Kulturzentren des gesellschaftlichen Zusammenkommens fanden, ist nun der R\u00fcckzug der sakralen Objekte ins Private zu beobachten.<\/p>\n<p>Da ich auch selbst Teil dieses spirituellen Feldes bin, da ich als umbandistisches Medium arbeite, hat diese gesellschaftliche Auseinandersetzung eines Gesundheitsthemas durch die Sars-CoV-2-Corona-Pandemie mich als Risikoperson und als Taube Frau direkt in einen nicht nur methodischen, sondern auch inhaltlichen Konflikt gebracht. Obwohl ich mich vorher nicht direkt, sondern nur indirekt zur Transparenz meiner Forschung, mit medizinethnologischen Themen auseinandergesetzt habe, dr\u00e4ngt sich dieses Thema um spirituelle Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Tod und das Menschenbild in spezifischen religi\u00f6sen oder spirituellen Vorstellungswelten auf.<\/p>\n<p>Meine Involviertheit als umbandistisches Medium habe ich in meiner Doktorarbeit im Kapitel \u00fcber meine Methodik transparent gemacht und ausgiebig &#8211; teilweise autoethnographisch, aber vor allem polyphon &#8211; im Kapitel \u00fcber Wahrnehmung thematisiert und analysiert.<\/p>\n<p>In der Krise zeigt sich, dass die religi\u00f6sen Akteur*innen nicht nur \u00fcber ein religi\u00f6ses Wissensarchiv \u00fcber die Migrationsbewegungen aus Brasilien beeinflusst werden, sondern scheinbar auch \u00fcber ihre eigene kulturelle Sozialisation. Meine Vermutung ist, dass die Lebensreformbewegungen Anfang des 19. Jahrhunderts Aufschluss zur Beantwortung einiger aktueller Fragen wie der Ablehnung des Masken-Tragens geben k\u00f6nnte. Diese sozialreformerischen Bewegungen, die sich mit Themen wie \u00f6kologischer Landwirtschaft und vegetarischer Ern\u00e4hrung, Architektur und anderen K\u00fcnsten wie Malerei und Tanz, Kleidung, Naturheilkunde und Spiritualit\u00e4t auseinandersetzten und spezifisch f\u00fcr Deutschland und die Schweiz waren, zeichneten sich durch eine Kritik an der Industrialisierung und Urbanisierung der Moderne aus, den sie durch das Streben nach einem idealisierten Naturzustand auszugleichen versuchten. Da diese Bewegungen sehr vielf\u00e4ltig (\u00fcber Vereine) und nicht einheitlich waren, sind sie zugleich als humanistisch wie reaktion\u00e4r einzuordnen.<\/p>\n<p>Ich frage mich, welchen Stellenwert diese durch \u00e4u\u00dfere Faktoren der Sars-CoV-2-Corona-Pandemie herangetragenen medizinethnologischen Themen in meiner anstehenden ethnologischen Religions-Forschung haben k\u00f6nnen. Werden sie ein Teil meiner methodischen Reflexion oder dar\u00fcber hinaus auch zu einem Teil meiner Untersuchung? Da dieses Thema um Krankheit, Behinderung und Tod unweigerlich auch ein pers\u00f6nliches und emotional aufgeladenes Thema f\u00fcr mich ist (vgl. dazu auch<a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/kunst\/niedersachsen\/Ableismus-ist-etwas-was-alle-Menschen-erleben,gleichstellung190.html\"> Maskos 5.5.2020<\/a>), w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass es zwar Teil der Forschung sein kann, aber dabei nicht im Mittelpunkt steht. Wie k\u00f6nnte dies aussehen?<\/p>\n<p><em>Geschrieben am 4. Oktober 2020, \u00fcberarbeitet am 9. Oktober 2020<\/em><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><strong>Inga Scharf da Silva<\/strong> ist Ethnologin (M.A.) and Bildende K\u00fcnstlerin. Studium der Ethnologie und Kunstgeschichte an der Freien Universit\u00e4t Berlin (FUB), Malerei an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste (UdK) und in Brasilien an den staatlichen Universit\u00e4ten von Bahia (UFBA), von S\u00e3o Paulo (USP) und von Pernambuco (UFPE). Im September 2020 hat sie ihre Doktorarbeit an der Humboldt Universit\u00e4t Berlin verteidigt, wo sie von 2014-2019 am Institut f\u00fcr Europ\u00e4ische Ethnologie als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet hat und von PROMI der Universit\u00e4t K\u00f6ln gef\u00f6rdert wurde. Als Bildende K\u00fcnstlerin mit einem Atelier im Atelierhaus Sigmaringer1art (seit 2008, http:\/\/www.sigmaringer1art.de\/portfolio\/inga-scharf-da-silva) des Berufsverbandes Bildender K\u00fcnstler (BBK) fokussiert sie sich auf Malerei, Installationen und K\u00fcnstlerische Forschung, in der sie figurative, mythologische und ethnographische Themen vereint. Kontakt unter umbanda[at]gmx.de<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Ians\u00e3 <\/em>und <em>Oxum<\/em> sind zwei G\u00f6ttinnen \/ <em>Orix\u00e1s<\/em>, die in der Umbanda verehrt werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>M\u00e3e-de-Santo<\/em> (Mutter-im-Heiligen) bezeichnet in afrobrasilianischen Religionen eine spirituelle Leiterin.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>References<\/strong><\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>Gr\u00fcnschloss, Andreas (12.5.2020): \u201e<em>Zum religi\u00f6sen und esoterischen Umgang mit der Corona-Pandemie<\/em>\u201c [online]. Universit\u00e4t G\u00f6ttingen: Theologische Fakult\u00e4t, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ICiC1bdSRgI\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ICiC1bdSRgI<\/a>, Abruf am 28.5.2020.<\/p>\n<p>Maskos, Rebecca (5.5.2020): <em>\u201eAbleismus ist etwas, was alle Menschen erleben\u201c<\/em> [online]. Hamburg: Norddeutscher Rundfunk, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/kunst\/niedersachsen\/Ableismus-ist-etwas-was-alle-Menschen-erleben,gleichstellung190.html\">https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/kunst\/niedersachsen\/Ableismus-ist-etwas-was-alle-Menschen-erleben,gleichstellung190.html<\/a>, Abruf am 21.6.2020.<\/p>\n<p>Scharf da Silva, Inga (2021): <em>Trauma als Wissensarchiv. Postkoloniale Erinnerungspraxis in der Sakralen Globalisierung am Beispiel der zeitgen\u00f6ssischen Umbanda im deutschsprachigen Europa<\/em>. Berlin: Reimer. [Doktorarbeit] [im Druck]<\/p>\n<p>Diess. (2020a): <em>\u201cCorona Diaries in the strict sense of the term<\/em>\u201d [online]. Berlin: Curare, Journal of Medical Anthropology, Online-Archiv. [im Druck]<\/p>\n<p>Diess. (2020b): <em>&#8222;Hier in Berlin-Wilmersdorf. Autoethnographische Erkundungen des spirituellen Umgangs mit der Corona-Pandemie&#8220; <\/em>[online]. Boasblogs Witnessing Corona.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","autor":[295],"class_list":["post-5443","fieldworkmeetscrisis","type-fieldworkmeetscrisis","status-publish","hentry","autor-inga-scharf-da-silva"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/fieldworkmeetscrisis"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}