{"id":5401,"date":"2020-10-14T18:00:13","date_gmt":"2020-10-14T16:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=fieldworkmeetscrisis&#038;p=5401"},"modified":"2020-10-14T18:19:26","modified_gmt":"2020-10-14T16:19:26","slug":"wir-mussen-denken","status":"publish","type":"fieldworkmeetscrisis","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/fieldworkmeetscrisis\/wir-mussen-denken\/","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen denken. Nicht Kultur- und Sozialanthropologie machen."},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5401?pdf=5401\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5401?pdf=5401\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>In den fr\u00fchen Tagen der Pandemie nahm ich an der virtuellen Er\u00f6ffnungsveranstaltung der Ausstellung <em>Critical Zones: Horizonte einer neuen Erdpolitik<\/em> des ZKMs in Karlsruhe teil. Ein Moment aus der Dokumentation ist mir seitdem in Erinnerung geblieben: Eine kurze Bemerkung Donna Haraways \u00fcber Denken und Disziplinen. Und in Hinblick auf die Herbstakademie \u201eFieldwork meets Crisis\u201c scheint sie mir von Bedeutung.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5435\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-1-690x920.jpg\" alt=\"\" width=\"690\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-1-690x920.jpg 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-1.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Bild 1: Teilnahme von Zuhause: Die Er\u00f6ffnung von <i class=\"\"> Critical Horizons<\/i><span class=\"\">, vom Bett aus gesehen. Copyright: Julian Schmischke.<\/span><\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf dem G\u00e4stebett meiner K\u00f6lner Wohngemeinschaft liegend folgte ich erst der Dokumentation <a href=\"http:\/\/icarusfilms.com\/if-donna\">Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival<\/a> und dann der <a href=\"https:\/\/www.zkm.de\/en\/media\/video\/storytelling-for-earthly-survival-discussion-on-the-film-with-donna-haraway-bruno-latour-and-peter\">anschlie\u00dfenden Diskussion<\/a> zwischen Donna Haraway, Bruno Latour und Peter Weibel. Die Dokumentation zeigt unter Zuhilfenahme verschiedener Erz\u00e4hlweisen Facetten von Haraways Leben und Arbeit. Ein wesentlicher Teil des Films besteht aus mitgefilmten Gespr\u00e4chen zwischen Haraway und dem Filmemacher.<\/p>\n<p>An ihrem Schreibtisch sitzend spricht Haraway \u00fcber Science-Fiction Literatur und deren Einfluss auf ihr Denken und ihre Arbeit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThinking is what we need to do. Not the discipline of philosophy, or political economy, or biology, or literature, or, or, or, or. The disciplines will take care of themselves, without my help. It\u2019s not like everything that happens in the disciplines is bad, far from it. But, thinking is what we are about. And thinking is a materialist practice with other thinkers. And some of the best thinking is done as storytelling\u201c (Terranova 2017, 36:25).<\/p><\/blockquote>\n<p>Problemlos k\u00f6nnte hier Kultur- und Sozialanthropologie in die Aufz\u00e4hlung der Fachdisziplinen aufgenommen werden. Die Disziplinen werden sich schon um sich selbst k\u00fcmmern. Ohne dass dazu viel getan werden muss. F\u00fcr uns als Fachgemeinschaft hei\u00dft das: Wir m\u00fcssen Denken. Nicht Kultur- und Sozialanthropologie machen.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5433\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-3-920x518.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-3-920x518.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-3-550x310.jpg 550w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-3.jpg 1182w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-3-550x310@2x.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Bild 2: Donna Haraway stellt eine Zapatista Puppe als Mit-Denker:in vor. Copyright: Julian Schmischke.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie ich sie verstehe, betont Haraway hier, dass Diskussionen um die Zukunft von Forschungsdisziplinen und die Sorge um den Kern eines Faches niemals vor dem Nachdenken \u00fcber den \u201aForschungsgegenstand\u2018 und mit anderen Menschen kommen sollten. Aber genau das ist einer der Leitgedanken dieser Herbstakademie, oder nicht?<\/p>\n<p>Haraways Bemerkung erzeugt Resonanz in mir, weil mir ab und an die Nabelschau \u00fcber das Wesen und den Kern der Disziplin Kultur- und Sozialanthropologie doch l\u00e4stig werden. Haben wir als Fachgemeinschaft denn nicht besseres zu tun? Gibt es nicht eine Welt voller Leben da drau\u00dfen der wir uns eher zuwenden sollten?<\/p>\n<p>Haraways Gedanke trifft die Kultur- und Sozialanthropologie hart, zeichnet sich die Disziplin doch durch stetige Selbstreflexion aus. Diese Selbstreflexion nimmt in unserer akademischen Arbeit viel Raum ein. Im Studium vermitteln wir Studierenden, dass Nachdenken \u00fcber das Fach einen wesentlichen Teil der Disziplin ausmacht. Wir verfertigen wir diese Praxis einem gewissen Stolz und empfinden sie als essentielle Komponente unsere besondere Klangfarbe im Orchester der wissenschaftlichen Disziplinen.<\/p>\n<p>Es wurde schon viel dar\u00fcber nachgedacht was es bedeutet Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben und ebenso auch dar\u00fcber was anthropologisches Denken auszeichnen mag. Um genau zu sein m\u00fcsste man wohl sagen, dass diese Frage von uns allen irgendwann beantwortet werden muss wenn wir uns als Teil der Community verstehen wollen.<\/p>\n<p>Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben meint ja eigentlich vor allem irgendwann einmal eine Feldforschung zu bestreiten. Davor braucht es etwas Vorbereitung, danach wird aufgeschrieben und es soll ein Buch entstehen. Im Feld bewegen wir uns im Modus der teilnehmenden Beobachtung unter Menschen und versuchen uns jeden Tag ein bisschen mehr in ihrer Lebenswelt einzufinden und zu orientieren.<\/p>\n<p>In Bezug auf ethnologisches Denken scheint eine gewisse \u00dcbereinkunft zu bestehen, dass \u201aethnologisches Wissen\u2018 immer ko-produziert wird. Denken passiert f\u00fcr uns im Austausch mit Menschen, mit denen wir uns entschlossen haben zusammen zu arbeiten und von denen wir lernen m\u00f6chten. Insofern ist Denken im Sinne der Kultur- und Sozialanthropologie kein kognitiver Prozess, sondern ein materialistischer, interaktiver Prozess mit anderen Denker:innen.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5431\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Julian-2.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"352\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Bild 3: Temporary Technical Trouble: Im ZKM und auch in der Kultur- und Sozialanthropologie? Copyright: Julian Schmischke.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Grundlage der Kultur- und Sozialanthropologie und ihrer Wissensproduktion ist die Feldforschung im Modus der teilnehmenden Beobachtung. F\u00fcr Forscher:innen ist damit die Grundvoraussetzung f\u00fcr eine \u201aklassische\u2018 Feldforschung die M\u00f6glichkeit zur Mobilit\u00e4t und damit zur dichten Teilnahme am Leben von Menschen in physischer Ko-Pr\u00e4senz. In dieser pandemischen Situation ist nun vielen von uns in gewisser Weise die Grundlage f\u00fcr die M\u00f6glichkeit zu denken entzogen worden. Wir k\u00f6nnen uns nicht mehr an die Orte begeben, die wir uns ausgesucht haben, um die Begegnungen zu haben die unser Denken voranbringen.<\/p>\n<p>Wenn wir Haraway folgend nicht Kultur- und Sozialanthropologie betreiben wollen, sondern denken wollen, zusammen mit anderen Menschen, von denen wir lernen m\u00f6chten, dann k\u00f6nnte ja eigentlich festgehalten werden, dass wir gut aufstellt sind mit der pandemischen Situation umzugehen. Vielleicht sind wir nicht so sehr darauf angewiesen in einem Feld zu sein, um Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben, sondern m\u00fcssen vielmehr weiterhin versuchen Wege zu finden mit Menschen zu denken und von ihnen zu lernen.<\/p>\n<p>Die Frage danach wo dieses \u201aFeld\u2018 f\u00fcr die Forschung eigentlich liegt, wo, oder wann, es endet, ob es sinnvoll oder angemessen ist davon zu sprechen, sind im Fachdiskurs (aber auch dar\u00fcber hinaus) immer wieder problematisiert worden. Nun scheint diese Frage eine neue Dringlichkeit zu bekommen. Sie scheint gar von Grund auf neu gestellt werden zu m\u00fcssen. Oder wir nutzen die Gelegenheit und lassen die Metapher des Feldes, das beforscht werden muss, einfach hinter uns.<\/p>\n<p>Tim Ingold schrieb k\u00fcrzlich: \u201eanthropology will always be a discipline-in-the-making: it can be no more finished than the social life with which it is concerned\u201c (Ingold 2018). In Zeiten, in denen wir darauf angewiesen sind Begegnungen von Angesicht zu Angesicht zu reduzieren, oder zumindest stark zu regulieren und stetigen Risikoabw\u00e4gungen zu unterziehen, dr\u00e4ngen sich durch digitale Medien gefilterte Begegnungen als Ausweg auf. Sie w\u00fcrden eigentlich einen Raum bieten, in dem wir weiterhin mit Menschen denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber an dieser Stelle sp\u00fcre ich Widerstand in mir. Physische Ko-Pr\u00e4senz ist mir beim Denken wichtig und die Situationen, in denen dieses gemeinsame Denken passiert beeinflussen den Prozess. Die Aussicht mich im weiteren Verlauf meines Projektes auf digital mediiertes Denken verlassen zu m\u00fcssen erf\u00fcllt mich mit Unbehagen.<\/p>\n<p>Begeben wir uns alle auf diesen Weg, so scheint es mir, wird uns an dessen Ende eine \u201aAnthrodigitalogie\u2018 erwarten: Eine Kultur- und Sozialanthropologie die gemeinsames Denken nur gefiltert durch digitale Medien verfertigt und deren Methodenkanon sich vollst\u00e4ndig aus der digital anthropology herleitet. Dieser Gedanke erschreckt mich. Die Vorstellung, dass die Mehrheit unserer Arbeiten in n\u00e4herer Zukunft von den Denkrahmen bestimmt werden k\u00f6nnte den Facebook, Whatsapp und Zoom uns bieten ist \u00fcberaus gruselig.<\/p>\n<p>Insofern sollte der Gegenstand unserer Diskussionen im Rahmen der Herbstakademie vielleicht weniger sein wie die pandemische Situation oder die Digitalisierung die Kultur- und Sozialanthropologie ver\u00e4ndert. Vielmehr k\u00f6nnten wir gemeinsam dar\u00fcber nachdenken wie wir als Fachgemeinschaft in Zukunft denken m\u00f6chten. Also wie wir unsere Forschungsarbeit in enger Zusammenarbeit mit Menschen betreiben wollen, die den ethischen Anspr\u00fcchen der geteilten globalen Gegenwart gerecht wird.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag wurde am 12. Oktober 2020 verfasst.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Julian Schmischke<\/strong> ist early-stage researcher an der <em>a.r.t.e.s. Graduiertenschule f\u00fcr die Geisteswissenschaften<\/em> und Doktorand am Institut f\u00fcr Ethnologie an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln. Er promoviert zur Transformation journalistischer Praktiken und neuen \u00d6ffentlichkeiten in der globalen Gegenwart. Die Promotionsforschung wird von den <em>Marie-Sk\u0142odowska-Curie-Actions<\/em> (MSCA) der Europ\u00e4ischen Union gef\u00f6rdert. Von November 2019 bis M\u00e4rz 2020 unternahm er Feldforschung in Accra, Ghana bevor er aufgrund der Covid-19 Pandemie nach Deutschland zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>E-Mail: julian.schmischke[at]uni-koeln.de<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>References<\/strong><\/p>\n<div style=\"text-indent: -2em; padding-left: 2em;\">\n<p>Ingold, Tim (2018): <em>Anthropology: Why it matters. <\/em>Cambridge: Polity Press.<\/p>\n<p>Terranova, Fabrizio (2017): <em>Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival.<\/em> [Dokumentation, 81 Minuten]. New York: Icarus Films.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","autor":[119],"class_list":["post-5401","fieldworkmeetscrisis","type-fieldworkmeetscrisis","status-publish","hentry","autor-julian-schmischke"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis\/5401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/fieldworkmeetscrisis"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/fieldworkmeetscrisis"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}