{"id":2311,"date":"2019-12-19T11:58:37","date_gmt":"2019-12-19T10:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/endofnegotiations\/wenn-grenzen-neu-gezogen-werden-wo-steht-die-ethnologie\/"},"modified":"2020-01-16T17:19:45","modified_gmt":"2020-01-16T16:19:45","slug":"wenn-grenzen-neu-gezogen-werden-wo-steht-die-ethnologie","status":"publish","type":"endofnegotiations","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/endofnegotiations\/wenn-grenzen-neu-gezogen-werden-wo-steht-die-ethnologie\/","title":{"rendered":"Wenn Grenzen neu gezogen werden \u2013 wo steht die Ethnologie?"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/2311?pdf=2311\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/2311?pdf=2311\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Noch vor etwas mehr als einer Dekade klangen die scheinbar selbstverst\u00e4ndlichen Vorannahmen ethnologischer Forschungen ganz anders als heute. Das Fach schien damals \u00fcbereingekommen, dass eindeutige Unterscheidungen und Grenzmarkierungen obsolet seien, dass der Nationalstaat an Macht und Bedeutung verloren habe, dass Grenzen von Ideen, Identit\u00e4ten und Zugeh\u00f6rigkeiten verwischt und durchl\u00e4ssig seien. Kreolisierung, Hybridisierung, Transnationalisierung waren die Begriffe der Zeit. Ethnologinnen und Ethnologen suchten nach neuen Methoden und Denkans\u00e4tzen, um Durchl\u00e4ssigkeiten, Verwischungen und Durchmischungen zu erfassen und damit zu einem Verstehen der Gegenwart beitragen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heute sieht die Welt \u2013 und damit auch die Aufgabenstellung f\u00fcr das Fach \u2013 ganz anders aus. Sp\u00e4testens seit dem sogenannten \u201eSommer der Migration\u201c sind \u201eGrenzen\u201c \u2013 in Form von Obergrenzen, Grenzen der Belastbarkeit \u2013 zentrale Figuren im politischen Diskurs. \u201eBuild that wall\u201c, skandieren Trumps Anh\u00e4nger in den USA, w\u00e4hrend Ursula von der Leyen, die neue EU-Kommissionschefin, ihr Vorhaben verteidigt, das EU-Migrationsressort zuk\u00fcnftig unter dem Namen &#8222;Schutz unseres europ\u00e4ischen Lebensstils&#8220; zu f\u00fchren. Judith Butler erh\u00e4lt vor ihrer Reise nach Brasilien Morddrohungen und tritt dort mit Bodyguards auf. Die sogenannte Identit\u00e4re Bewegung pl\u00e4diert daf\u00fcr, Ethnien sauber voneinander zu trennen und ihnen jeweils eigene, aber in jedem Fall voneinander abgegrenzte Territorien zuzuweisen. Bei den j\u00fcngsten Landtagswahlen erh\u00e4lt die AFD, ebenfalls eine Verfechterin eindeutiger Sortierungen, in Sachsen fast 30 Prozent.<\/p>\n<p>Grenzen \u2013 <em>borders and boundaries<\/em> &#8211; sind historisch erprobte und teilweise neu erfundene soziale, gesellschaftliche, institutionell und infrastrukturell geronnene Aufteilungen in mindestens zwei voneinander getrennte Sph\u00e4ren. Gleichzeitig vollzogen sich im Laufe der j\u00fcngsten Debatten um Migration, Flucht und Rassismus etliche Verschiebungen, Ausweitungen und Einengungen des Sagbaren. Auch hier findet ein neues Ringen um Grenzen statt, wenn die einen ihr Unbehagen formulieren und damit nicht nur sprachliche und moralische Grenzen \u00fcberschreiten, sondern auch die Rechte der anderen in Frage stellen.<\/p>\n<p>Wie gehen Ethnologinnen und Ethnologen damit um, wenn beispielsweise die Migrationspolitik neue Grenzen und Differenzlinien aufmacht, wenn der Zugang zu Territorien, staatlichen Leistungen oder politischer Teilhabe an politisch oder moralisch aufgeladenen Personenkategorien festgemacht und zwischen legitimen Gefl\u00fcchteten und diskreditierten Migranten oder umgekehrt unterschieden wird? Oder wenn Projekte der humanit\u00e4ren Hilfe, des zivilgesellschaftlichen Engagements oder aktivistische Positionen mitunter den gleichen Unterscheidungslogiken folgen? Kommen wir als Ethnologinnen und Ethnologen angesichts dieser neuen Realit\u00e4ten an unsere Grenzen?<\/p>\n<p>Dies sind politische Fragen, die nicht rein akademisch diskutiert werden k\u00f6nnen. Sie gehen jeden von uns an, wenn wir uns nicht in den sogenannten Elfenbeinturm einer gesellschaftspolitisch weitgehend irrelevanten Wissenschaft zur\u00fcckziehen wollen. Besonders betreffen diese Fragen jedoch Ethnologinnen und Ethnologen, die au\u00dferhalb des Wissenschaftsbetriebs arbeiten und sich t\u00e4glich mit Positionen auseinandersetzen m\u00fcssen, die im gesch\u00fctzten Bereich der universit\u00e4ren Ethnologie seltener vorkommen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der j\u00fcngsten Tagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) wurden diese Fragen auf dem Roundtable \u201eGrenzen der Zugeh\u00f6rigkeiten. Das Ende der Aushandlungen im Kontext globaler Mobilit\u00e4t\u201c, einem neuen, stark diskussionsorientierten Format, diskutiert. Mit Friederike Stahlmann und Stephan D\u00fcnnwald waren zwei aktivistisch arbeitende KollegInnen eingeladen, die mit ihrem Engagement t\u00e4glich in der politischen Auseinandersetzung stehen. Friederike Stahlmann hat sich als Gutachterin in Asylprozessen afghanischer Fl\u00fcchtlinge \u00fcber Deutschland hinaus einen Namen gemacht und k\u00e4mpft seit 2015 mit ihren Stellungnahmen vor Gericht gegen die politisch gewollte Auffassung, Afghanistan sei sicher und abgelehnte Asylbewerber k\u00f6nnten problemlos nach Kabul abgeschoben werden. Stephan D\u00fcnnwald arbeitet seit Jahren beim Bayerischen Fl\u00fcchtlingsrat in M\u00fcnchen; er kennt alle H\u00f6hen und Tiefen der Auseinandersetzung um Fl\u00fcchtlinge, sowohl bei \u00f6ffentlichkeitswirksamen Kampagnen als auch bei Verhandlungen mit Politikern und Verwaltung dar\u00fcber, ob dem einen oder der anderen Gefl\u00fcchteten nicht doch die Abschiebung erspart werden kann. Sie diskutierten mit den beiden EthnologInnen Sabine Strasser (Universit\u00e4t Bern) und Boris Nieswand (Universit\u00e4t T\u00fcbingen), die das Thema Migration und Flucht seit langem als kritische WissenschaftlerInnen unter die Lupe nehmen. Sabine Strasser arbeitet vor allem zur Migration aus der T\u00fcrkei und hat vor kurzem ein Projekt \u00fcber die Bildungswege minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei und in der Schweiz abgeschlossen. Boris Nieswand arbeitete zu Migration aus Ghana, hat in den letzten Jahren aber vor allem zu Migration und Asyl im deutschen institutionellen Kontext geforscht.<\/p>\n<p>Um es gleich vorwegzunehmen: Die Diskussion lief nicht auf eine Konfrontation nach dem Muster \u201eAktivismus versus Wissenschaft\u201c hinaus. Im Gegenteil, Friederike Stahlmann und Stephan D\u00fcnnwald, die beide auch wissenschaftlich arbeiten, verwiesen auf die Autorit\u00e4t der Wissenschaft, die ihr gesellschaftlich zugesprochen wird, und ermutigten dazu, diese Autorit\u00e4t auch zu nutzen \u2013 etwa vor Gericht oder im Rahmen von politischen Auseinandersetzungen. Einer Organisation wie dem Bayerischen Fl\u00fcchtlingsrat sei wenig geholfen, wenn EthnologInnen AktivistInnen werden, sagte Stephan D\u00fcnnwald. Wichtiger sei, dass die Ethnologie Forschungsergebnisse liefert, die aktivistische Positionen gegebenenfalls st\u00fctzen und unterf\u00fcttern k\u00f6nnen. Vor Gericht, betonte Friederike Stahlmann, sei \u201eAktivismus\u201c ein Vorwurf, der Gutachter delegitimiere. Dort seien \u201eObjektivit\u00e4t\u201c und \u201eFakten\u201c gefordert \u2013 zwei Begriffe, die der akademischen Ethnologie ja nicht unverd\u00e4chtig sind. Aber es komme darauf an, sich strategisch auf die Rationalit\u00e4t des Feldes einzulassen, wenn man etwas bewirken will.<\/p>\n<p>Grenzen \u2013 politische, territoriale, diskursive, kategoriale \u2013 haben sich in den letzten Jahren in der Folge der so genannten \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c verschoben, sind undurchl\u00e4ssiger geworden und werden gleichzeitig st\u00e4rker kontrolliert, darin waren sich alle einig. Wenn fr\u00fcher in Bezug auf Flucht und Asyl auf grundlegende Rechte verwiesen werden konnte, herrschen nun ein Diskurs und eine Gesetzgebung vor, in der individuelle Rechte durch Wohlverhalten erst verdient werden m\u00fcssen. Dies gilt auch \u00fcber nationale Grenzen hinweg. Sabine Strasser verwies auf den \u201eEU-T\u00fcrkei-Deal\u201c, der nicht nur die Abschottung der T\u00fcrkei f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge beschleunigte, sondern auch neoorientalistische und gendernationalistische Vorstellungen Programm werden lie\u00df: Wenn Resettlement-Programme im Rahmen dieses \u201eDeals\u201c mit Zuschreibungen von Vulnerabilit\u00e4t arbeiten, werden Personenkategorien wie Frauen oder LGBTQ \u00fcberzeichnet. Europa tritt dagegen als \u201eRetter\u201c auf \u2013 als g\u00e4be es in Europa keine Diskriminierung, Gewalt gegen Frauen oder Schwulenhass.<\/p>\n<p>Dies gilt in beide Richtungen: sowohl die politische Rechte als auch Linke nehmen Moral f\u00fcr sich in Anspruch. Vor diesem Hintergrund setzte sich Boris Nieswand mit dem \u201amoral turn\u2018 in den Sozialwissenschaften auseinander und stellte fest, dass eine eindeutige Unterscheidung zwischen Feldakteuren und beobachtendem WissenschaftlerInnen zunehmend problematisch sei. Er schlug vor, innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses eine distanziert-kritische Position einzunehmen und zu untersuchen, wie moralische Setzungen stattfinden, beispielsweise wenn die \u00dcberlegenheit des \u201aFaktischen\u2018 gegen\u00fcber dem \u201auninformiert-irrationalen Moralischen\u2018 ausgespielt wird. Eine solche Konzentration auf die Herstellung der Grenzziehung w\u00fcrde freilich erfordern, dass auch die Sozialwissenschaften ihre eigenen moralischen Haltungen zur Disposition stellen m\u00fcssten. Selbstironisch reklamierte Stephan D\u00fcnnwald die Moral sofort f\u00fcr den Bayerischen Fl\u00fcchtlingsrat, um dann zu betonen, dass die Ethnologie dazu beitrage, das Feld auch nach ganz anderen Gesichtspunkten zu sortieren: Es helfe, wenn man Abschiebungen nicht nur moralisch ablehne, sondern auch zeigen k\u00f6nne, dass sie nicht funktionieren, weil die meisten Abgeschobenen sich sofort nach ihrer R\u00fcckkehr wieder auf den Weg in das Abschiebeland machen.<\/p>\n<p>Welche Haltung kann die Ethnologie zu den neuen Grenzziehungen entwickeln? Konstruktivistische Perspektiven, die einen kritischen Blick auf Machtpositionen werfen, haben sich nicht \u00fcberlebt. Friederike Stahlmann verwies auf die gute alte ethnologische Methode des Perspektivwechsels: Man kann andere Geschichten erz\u00e4hlen, die die vorherrschenden Vorstellungen untergraben. Und selbst wenn man vor Gericht nicht auskommt, ohne sich auf vermeintlich \u201eobjektive Fakten\u201c zu st\u00fctzen, so k\u00f6nne man doch in Frage stellen, wie \u201eFakten\u201c eigentlich produziert werden und durch andere Fragen andere Blickwinkel in die Diskussion bringen.<\/p>\n<p>Und der Aktivismus? Sabine Strasser betonte, dass die Methodologie der Ethnologie eine klare Trennung zwischen Wissenschaft und Engagement unm\u00f6glich macht: Man kann nicht die Ko-Produktion von Wissen in der Feldforschung proklamieren, dann aber dem Schicksal der Ko-ProduzentInnen der Forschung gegen\u00fcber gleichg\u00fcltig bleiben. Sie verwies noch einmal auf die T\u00fcrkei: Dort sind viele AktivistInnen auch WissenschaftlerInnen. Sie wissen, dass sie die n\u00e4chsten sein k\u00f6nnen, die das solidarische Engagement anderer n\u00f6tig haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Heike Drotbohm<\/strong> arbeitet zu Migration, transnationalen Familienstrukturen und humanit\u00e4rer Hilfe im atlantischen Raum, zur Zeit vor allem in Brasilien. Sie ist Professorin f\u00fcr Ethnologie an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t in Mainz.<\/p>\n<p><strong>Martin S\u00f6kefeld<\/strong> hat unter anderem zu Migration, Diaspora und transnationaler Politik zwischen der T\u00fcrkei und Deutschland und Pakistan und England gearbeitet. Zurzeit forscht er vor allem \u00fcber Abschiebungen und &#8222;freiwillige&#8220; Remigration von Deutschland nach Pakistan. Er ist Professor f\u00fcr Ethnologie an der LMU M\u00fcnchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[153,190],"endofnegotiations_category":[120],"class_list":["post-2311","endofnegotiations","type-endofnegotiations","status-publish","hentry","autor-heike-drotbohm","autor-martin-sokefeld","endofnegotiations_category-artikel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/2311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/endofnegotiations"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/2311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2643,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/2311\/revisions\/2643"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=2311"},{"taxonomy":"endofnegotiations_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations_category?post=2311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}