{"id":1887,"date":"2019-09-30T17:01:36","date_gmt":"2019-09-30T15:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=endofnegotiations&#038;p=1887"},"modified":"2019-09-30T17:04:43","modified_gmt":"2019-09-30T15:04:43","slug":"notwendige-positionen","status":"publish","type":"endofnegotiations","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/endofnegotiations\/notwendige-positionen\/","title":{"rendered":"Notwendige Positionen"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/1887?pdf=1887\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/1887?pdf=1887\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>\u201eDas Ende der Aushandlungen?\u201c greift als Leitfrage der DGSKA-Konferenz 2019 nach einem sp\u00fcrbaren, aber l\u00e4ngst nicht ausgereift gefassten Ph\u00e4nomen unseres noch jungen Jahrhunderts. Thematische Resonanz und inhaltliches Spektrum eingereichter Workshops, Roundtables und Einzelbeitr\u00e4ge sind ein Gradmesser, ob und wie ein Konferenzthema aufgenommen und weitergef\u00fchrt wird \u2013 in diesem Jahr erweist sich das Konferenzthema als ein ebenso wohldurchdachter wie allgemein anregender Gl\u00fccksgriff. Und doch hat mich \u00fcberrascht, wie vage und marginal die Ethnolog_innen selbst sowohl im Aufruf als auch im Spektrum der eingereichten Workshops thematisiert werden \u2013 ihre Rolle bleibt im Wesentlichen an Fragen der Forschungsethik und Methode gebunden. St\u00f6rrisch und moralisierend sind zun\u00e4chst einmal nur die anderen, unsere menschlichen Forschungssubjekte da drau\u00dfen in der Welt. Es scheint fast, als tauchten in unserer impliziten Selbstbeschreibung als Ethnolog_innen Momente des <em>homo oeconomicus<\/em> auf \u2013 ein<em> homo anthropologicus<\/em> also, der als rationales Wesen die Widrigkeiten anderer zu untersuchen vermag, ohne \u00fcber die menschliche H\u00fclle hinaus davon selbst betroffen zu sein. Wir anerkennen wohl unsere Leiblichkeit und Sensualit\u00e4t als Instrumente unserer Feldforschung, ziehen uns dann aber in eine \u00fcberlegen distanzierte Sph\u00e4re der Kritik zur\u00fcck \u2013 eine \u00a0Abgekl\u00e4rtheit in Anspruch nehmend, die so eindeutig und vom Dasein abgel\u00f6st gar nicht sein mag.<\/p>\n<p>Freilich ist dies nur ein erstes, vielleicht gemeinschaftlich inszeniertes Verst\u00e4ndnis, denn viele von uns bringen sich tats\u00e4chlich ein in eine vielgestaltige politische Welt und wollen keineswegs blo\u00dfe Zeugen einer babylonischen Welt bleiben. Dies bringt eine Frage aufs Tapet, die keineswegs so radikal neu ist, wie sich das j\u00fcngere Generationen mitunter w\u00fcnschen m\u00f6gen: Wie h\u00e4lt es die Ethnologie mit der Tat? Dass die Geschichtlichkeit dieser Auseinandersetzung immer wieder unter den Tisch f\u00e4llt, mag mit der Unm\u00f6glichkeit zusammenh\u00e4ngen, diese Frage abschlie\u00dfend zu beantworten. Nichtsdestotrotz bleibt sie notwendig. Sie ist unserem diesj\u00e4hrigen Tagungsthema inh\u00e4rent \u2013 und wird auch immer wieder explizit werden, etwa in der beantragten AG Public Anthropology und auch in einzelnen Workshops.<\/p>\n<p>Drei Gedanken m\u00f6chte ich der Diskussion mit auf den Weg geben:<\/p>\n<p>Erstens, die Frage nach Forschung und politischem Handeln hat innerhalb und au\u00dferhalb der Ethnologie eine Geschichte, die unseren Blick auf die eigene Gegenwart erweitert, in der dringliche Krisen mit Interventionen zu beantworten sind. Wurde der ethnologischen Aktionsforschung in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts mitunter vorgeworfen, Handeln \u00fcber die Wissenschaft zu stellen, wiewohl sie Erkennen und Verstehen etwaigem gemeinsamen Tun vorausschickte, so ist das wesentliche Anliegen der Aktionsforschung doch in die ganze Breite des Faches eingegangen. Landrecht, Umweltzerst\u00f6rung durch Entwicklungsprojekte, Industrialisierung und Raubbau, Vermarktung indigenen Wissens, Rassismus, Diskriminierung und Migrationspolitik sind bekannte Themenfelder, zu denen sich auch Ethnologinnen und Ethnologen seit langem \u00e4u\u00dfern und engagieren. Vielleicht waren in den 1970er und 80er Jahren das politische Gegen\u00fcber und damit auch das eigene Tun deutlicher konturiert. Die Un\u00fcbersichtlichkeit der eigenen Gegenwart macht \u2013 zweitens \u2013 eine eigene Standortbestimmung umso notwendiger, nicht um einer wenig interessanten Nabelschau willen, sondern um den eigenen Verstehensweg transparent zu machen und damit einem fundamentalen Anspruch an Wissenschaftlichkeit nachzukommen. Auch dies ist keine ganz neue Forderung, allerdings zielte sie bislang eher darauf ab, die eigene Stimme zu rechtfertigen und das Attribut \u201akritisch\u2018 zu besetzen. Vielleicht aber ist es gar nicht so einfach, eine distanzierte Au\u00dfensicht und einen privilegierten moralischen Standpunkt einzunehmen und sich dann von hier aus wieder in gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu st\u00fcrzen \u2013 als k\u00f6nnten wir unser Verwobensein in einer eng verflochtenen, doch keinesfalls zufriedenstellenden Welt, unser eigenes \u201abeing in the world\u2018, an- und wieder ausknipsen. Sich so herauszunehmen, erscheint zuallererst als ein hilfreicher Kniff, um einen Diskussionsraum zu erschaffen, der sich eben ein St\u00fcck weit von den M\u00fchen des Daseins abhebt.<\/p>\n<p>In ihrem Artikel \u201eThe business of anthropology and the European refugee regime\u201c (American Ethnologist, 46\/3) riet Heath Cabot k\u00fcrzlich dazu, die Wissenschaft Ethnologie moralisch nicht zu \u00fcberfrachten. Selbst die Migrationsdebatte, in der sich Ethnolog_innen aus gutem Grund und pers\u00f6nlichem Anliegen heraus \u00e4u\u00dfern, ist Teil unseres marktf\u00f6rmigen Wettbewerbs um Forschungsgelder, Karrieren und Einfluss geworden. In einer \u201aglobalisierten\u2018 Welt \u2013<\/p>\n<p>vereint nicht, wie bef\u00fcrchtet, in kultureller Gleichheit, sondern in sozialer Ungleichheit \u2013 sind auch die Wissenschaften nicht au\u00dfen vor. Und w\u00fcrden wir das auch gerne so sehen und selbstbewusst nach au\u00dfen tragen, so birgt die Ethnologie unserer Tage \u2013 drittens \u2013 ebenso wenig den Schl\u00fcssel zu einer besseren Welt wie andere Wissenschaften auch. Letztlich sagt sie uns nicht, was zu tun ist. Antworten werden wir notgedrungen und eingedenk unserer eigenen N\u00f6te, Zw\u00e4nge und Bed\u00fcrfnisse diesseits und jenseits der Wissenschaft selbst wagen und verantworten m\u00fcssen, ohne uns zur G\u00e4nze auf die Ethnologie berufen zu k\u00f6nnen. Und doch ist es von ganz grunds\u00e4tzlicher Bedeutung, sich immer wieder dar\u00fcber auszutauschen, was uns das wissenschaftliche Sein und Arbeiten bedeutet, welche Argumente wir aus der Ethnologie sch\u00f6pfen, welche Grundverst\u00e4ndnisse und Erwartungen wir mit ihr verbinden und wie wir sie weitertragen, gestalten und einbringen wollen. Eine solche Auseinandersetzung hilft dann durchaus, streitbare Positionen, klare Kanten und bewusste Haltungen auszuformen, freizulegen und innerhalb wie au\u00dferhalb der Wissenschaft zu vertreten. Denn immer alles auszuhandeln, kann keineswegs in unserem Interesse sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Autor<\/strong><\/p>\n<p>Magnus Treiber ist Professor f\u00fcr Ethnologie an der LMU M\u00fcnchen. Er promovierte 2005 an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen zu jungem Leben in der eritreischen Hauptstadt Asmara und habilitierte 2016 an der Universit\u00e4t Bayreuth zur Migration aus Eritrea. Neben seinem regionalen Schwerpunkt, dem Horn von Afrika, interessieren Migrationsforschung, Stadt- und Existenzethnologie, Ethnographie und Theoriebildung und ganz allgemein die M\u00f6glichkeiten der Ethnologie zu interdisziplin\u00e4rer Zusammenarbeit und \u00f6ffentlicher Einflussnahme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[180],"endofnegotiations_category":[120],"class_list":["post-1887","endofnegotiations","type-endofnegotiations","status-publish","hentry","autor-magnus-treiber","endofnegotiations_category-artikel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/1887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/endofnegotiations"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/1887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1889,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations\/1887\/revisions\/1889"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1887"},{"taxonomy":"endofnegotiations_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/endofnegotiations_category?post=1887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}