{"id":7841,"date":"2021-02-23T00:04:18","date_gmt":"2021-02-22T23:04:18","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7841"},"modified":"2021-02-23T15:30:46","modified_gmt":"2021-02-23T14:30:46","slug":"das-universum-des-grindcore","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/das-universum-des-grindcore\/","title":{"rendered":"Das Universum des Grindcore"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7841?pdf=7841\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7841?pdf=7841\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Wenn ich an Erhard Sch\u00fcttpelz denke, habe ich in erster Linie sein extrem schnelles Denken vor Augen und Ohren. Mit einer gewissen Kompromisslosigkeit wendet er sich den vermeintlich abseitigen Kulturformen unserer global vernetzten Welt zu, \u2013 um das Universelle darin freizulegen. Schnell, kompromisslos und abseitig ist auch ein globales musikalisches Genre, welches nicht nur die Klang\u00e4sthetik auf drastische Weise an ihre Grenzen f\u00fchrt. \u201eGrindcore\u201c ist eine seit Ende der 1980er Jahre pr\u00e4sente Gewaltform, zumeist praktiziert mit E-Bass, E-Gitarre, einem Schlagzeug, das seinem Namen alle Ehre macht und merkw\u00fcrdig gegrunzten bzw. gekreischten Vokalen, die sehr entfernt an Gesang erinnern. Auch meine Wenigkeit wei\u00df und wusste die mit diesen Kl\u00e4ngen verbundenen Sozialit\u00e4ten und Sentimentalit\u00e4ten zu genie\u00dfen und m\u00f6chte nach einem kurzen historiografischen Abriss drei Formen des Grindcore an den Jubilar \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Mit der Geschichte des Grindcore ist es wie mit dem Punk. Es gab zwar im Verlaufe der 1970er Jahre die ersten wesentlichen Punk-Bands in den Vereinigten Staaten, eine echte \u201eSzene\u201c vernetzter Konzertveranstalter, Labels und Bands findet sich dagegen eher wenig sp\u00e4ter in England. Entsprechend funktioniert die metallische Abart des Hardcore-Punk als Grindcore in der ersten H\u00e4lfte der 80er Jahre mit amerikanischen Bands: SIEGE aus Massachusetts nahmen sich bereits seit ihrer Gr\u00fcndung 1981 vor, die schnellste Band der Welt zu werden, w\u00e4hrend es den US-Kollegen von REPULSION gelang, heutzutage als die erste \u201eechte\u201c Grindcoreband apostrophiert zu werden. Beide Bands ver\u00f6ffentlichten in dieser Phase Demoaufnahmen auf Cassette, die im Falle von REPULSION daraus erwachsene LP namens \u201eHorrified\u201c erschien 1989. Zu dieser Zeit war in England plus Festland-Europa die Kunst des ultraschnell gespielten und gelebten Hardcore-Punk bereits weit verbreitet und ausdifferenziert. \u201eEarache\u201c, \u201ePeaceville\u201c oder \u201eManic Ears\u201c hie\u00dfen die pr\u00e4genden Labels in England, die Vernetzung um bestimmte Punk-Clubs wurde durch Tape-Trading und Briefkontakte schnell \u00fcberregional und international. Pr\u00e4gend war das antikapitalistische \u201eDo-it-yourself\u201c-Prinzip in Produktion und Distribution. Die Grindcore-Historiografie benennt die Anfang 1987 aufgenommene erste Seite der LP \u201eScum\u201c von NAPALM DEATH aus Birmingham quasi als Gr\u00fcndungsdokument dieser Szene, ebenso lie\u00dfen sich aber auch die englischen HERESY und SORE THROAT sowie L\u00c4RM (aus denen sp\u00e4ter die wegweisenden SEEIN RED hervorgingen) aus den Niederlanden als Vertreter einer weitverzweigten Szene bezeichnen, die das alte Schock-Moment des Punk mit der Tugend der Geschwindigkeit erneuern wollte. Auch die zeitgem\u00e4\u00dfen Metal-Formen hatten sich z.B. mit SLAYER und METALLICA bereits einer enormen Intensit\u00e4t beflei\u00dfigt. In diesem Zusammentreffen von Hardcore-Punk und Thrash-\/Speed-Metal entstand eine breite Bewegung, die sich um 1990 immer mehr als Grindcore ausbuchstabierte und zu einer Art Zwillingsgeburt mit dem Deathmetal avancierte. Der Metal hatte die breitere Fanbasis als der Punk und arbeitete in \u00a0kommerzielleren Strukturen, so wurden denn aus den politisch engagierten Punkbands NAPALM DEATH oder auch den wegweisenden EXTREME NOISE TERROR um 1990 Metalbands, die Punks warfen ihnen nicht ganz unberechtigt \u201eAusverkauf\u201c vor. So h\u00f6rte ich selbst auch auf, die vermeintlich kommerzielleren Grindcore- oder DeathMetal-Bands zu h\u00f6ren und bekam die geradezu ulkigen Ausdifferenzierungen dieser Szene gar nicht mehr so genau mit. Im Verlaufe der 1990er Jahre gr\u00fcndeten sich weltweit eine Vielzahl von Abarten dieses extrem schnell gespielten Metal-Hardcore-Stils. Beispielsweise wurden die englischen CARCASS zu Gr\u00fcndungsv\u00e4tern des GoreGrind, \u00e4sthetisch setzte man hier auf derb gegrunzte Vocals und Leichenteile auf dem Cover. Musikalisch differenzierte sich auch aufgrund immer besserer Aufnahmestudiotechnik ein brachiales Universum derber Sounds heraus, welches einerseits Richtung Jazz tendieren konnte, andererseits in vielf\u00e4ltigen \u00dcberschneidungen zwischen Grindcore und Deathmetal nicht geringe Zahlen von H\u00f6rer*innen weltweit fanden. W\u00e4hrend eine Band wie CANNIBAL CORPSE oder NAPALM DEATH mit extremem Metal auch kommerziell sehr erfolgreich werden konnte, h\u00f6rten diejenigen, die das (politische) Punk-Element in alldem vermissten, weiterhin \u201akleine\u2019 Bands, die musikalisch jedoch ebenso brutal zu Werke gingen wie die Metal-Protagonisten. Die Geschwindigkeitshelden des DIY-Punk hie\u00dfen beispielsweise DROPDEAD oder ASS\u00dcCK (beide USA). Aus meiner damaligen Wahrnehmung wurde Geschwindigkeit zu Beginn der 1990er Jahre zu einem \u201anormalen\u2019 Standard des Hardcore-Punk. Man gew\u00f6hnte sich schlicht daran, dass gewisse Bands so schnell spielten, dass sie meist nur Auftritte von ca. 20 Minuten schafften, weil der Schlagzeuger einfach nicht mehr konnte. Die gro\u00dfen Grindcore-Schlagzeuger im Metal trainierten wahrscheinlich extra in der Muckibude, um ein normal langes Set durchzuhalten. Letztlich bleibt eine bis heute aktive Szene mit Zentren in Europa, USA und S\u00fcdostasien, die skurrile Rekorde wie die k\u00fcrzeste jemals erschienene Schallplatte (Napalm Death\/Electro Hippies-Split EP von 1989 auf \u201eEarache\u201c) hervorgebracht hat. Bemerkenswert ebenso Bands, die eher eine Art Gesamtkunstwerk darstellen wie die sich selbst als \u201eanimalgrind\u201c bezeichnende Hamburger Band ATTACK OF THE MAD AXEMEN, deren Texte sich mit \u00d6kologie und Tierrechten besch\u00e4ftigen. Sie treten live in Tierkost\u00fcmen auf, der Schlagzeuger als Schnecke.<\/p>\n<p>Grindcore als globales Kulturph\u00e4nomen ist bis heute wenig bekannt, obwohl es nachhaltig \u00e4sthetische und aisthetische Grenzbereiche erkundet und in seiner kommerziellen wie subkulturellen Standardisierung universell funktioniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lesespa\u00df:<\/strong><\/p>\n<p>Kevin C. Dunn: Global Punk. Resistance and Rebellion in Everyday Life. New York 2016.<\/p>\n<p>Ian Glasper: Trapped in a Scene \u2013 UK Hardcore 1985\u20131989. London 2009.<\/p>\n<p>Rosemary Overell: Affective Intensities in Extreme Music Scenes: Cases from Australia and Japan. Basingstoke 2014.<\/p>\n<p>Andreas Salmhofer: Grindcore \u2013 eine \u201eextreme\u201c Mutation des Heavy Metals? In: Rolf F. Nohr, Herbert Schwaab (Hrsg.): Metal Matters. Heavy Metal als Kultur und Welt. M\u00fcnster 2011, 207-224.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lieber Erhard, alles Tolle, Sch\u00f6ne und Gute zum Geburtstag! Nun die eigentlichen Geschenke:<\/strong><\/p>\n<ol style=\"padding-left: 3em; padding-bottom: 16px;\">\n<li><strong> Es beginnt musikalisch ganz harmlos mit einem Song der von mir \u00fcberaus gesch\u00e4tzten seit 1984 aktiven englischen Band DEVIATED INSTINCT, deren Debutalbum von 1988 den sch\u00f6nen Titel \u201eRock\u2019n\u2019Roll Conformity\u201c tr\u00e4gt. Ausgesucht habe ich den poetischen Song \u201eThrough the Looking Glass\u201c, der recht vertr\u00e4glichen mid-tempo Metalpunk spielt und nur im Mittelteil die Grindcoregeschwindigkeit andeutet. DEVIATED INSTINCT w\u00fcrden sich gegen die Bezeichnung Grindcore wehren (sie nennen es \u201eStenchcore\u201c), aber dieses Album hatte einige Grindcore-Elemente, danach wechselten sie in einen sehr langsamen Stil:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LHqEO-ESOwU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LHqEO-ESOwU<\/a><\/li>\n<li><strong> Eine g\u00e4nzlich andere Szene zeigt dieses recht aktuelle Video aus Kuala Lumpur\/Malaysia. Die Geschwindigkeit und Intensit\u00e4t \u00e4hnelt dem Grindcore und wird von der amerikanischen Band INFEST gespielt, die seit 1986 in gewissen Abst\u00e4nden bis heute aktiv ist. Ihr Genre tr\u00e4gt die ziemlich bescheuerte Bezeichnung \u201ePower Violence\u201c und bringt die malayische Jugend auf sehr erheiternde Weise in Bewegung. <\/strong><a href=\"https:\/\/www.bilibili.com\/video\/BV1HJ411s7XK?from=search&amp;seid=1581612431017643660\">https:\/\/www.bilibili.com\/video\/BV1HJ411s7XK?from=search&amp;seid=1581612431017643660<\/a><\/li>\n<li><strong><strong> Da schlie\u00dflich der selbstgebackene Geburtstagskuchen auch immer am besten schmeckt, hier zum Schluss noch ein von mir selbst mitverbrochenes St\u00fcck Grindcore. Eine 2004 aufgel\u00f6ste Hardcoreband aus M\u00fclheim\/Ruhr covert die englische Grindcore-Legende HERESY, wir h\u00f6ren das St\u00fcck \u201eGenocide\u201c \u2013 nach diesem Song benannten sich ganze Bands.<\/strong><\/strong><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-7841-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/04-Coverversion-_Genocide_-HERESY.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/04-Coverversion-_Genocide_-HERESY.mp3\">https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/04-Coverversion-_Genocide_-HERESY.mp3<\/a><\/audio><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/strong><br \/>\n<strong>Gregor<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[514],"class_list":["post-7841","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-gregor-kanitz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7854,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7841\/revisions\/7854"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}