{"id":7817,"date":"2021-02-23T00:06:33","date_gmt":"2021-02-22T23:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7817"},"modified":"2021-02-23T15:31:02","modified_gmt":"2021-02-23T14:31:02","slug":"die-minerva-der-apokalypse","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/die-minerva-der-apokalypse\/","title":{"rendered":"Die Minerva der Apokalypse"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7817?pdf=7817\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7817?pdf=7817\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div id=\"attachment_7823\" style=\"width: 1387px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7823\" class=\"size-full wp-image-7823\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/ulrich.jpg\" alt=\"\" width=\"1377\" height=\"940\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/ulrich.jpg 1377w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/ulrich-920x628.jpg 920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1377px) 100vw, 1377px\" \/><p id=\"caption-attachment-7823\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ebay.de\/itm\/32619-Foto-AK-DRESDEN-Ruine-der-Frauenkirche-zu-DDR-Zeiten-mit-Luther-Denk-1987-\/402270581384\">Link<\/a><\/p><\/div>\n<p><em>F\u00fcr Erhard Sch\u00fcttpelz <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Das abendl\u00e4ndische Denken \u00fcber das gute Leben ist von der Dichotomie zwischen Sein und Haben gepr\u00e4gt. Auf der einen Seite dominierte lange die Idee der Vervollkommnung durch Hingabe, Bildung, Formung, auf der anderen die \u2013 meist mit philosophischen Gr\u00fcnden abgewehrte \u2013 von schlichter Zunahme, Wachstum, Erf\u00fcllung des Potenzials etc. Sp\u00e4testens mit dem Ende der Moderne geraten beide in eine Krise: \u201aSein\u2018 sch\u00fctzt nicht vor Barbarei, und \u201aHaben\u2018 nicht vor der Vernichtung, wie es vielleicht noch Hegel im Sinn hatte, dessen <em>Philosophie des Rechts<\/em> Besitz als individuelles Schutzschild rechtfertigte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Im Gegenteil tritt nun die Notwendigkeit auf, Sein vom Nicht-Sein, Haben vom Nicht-Haben her zu denken, wodurch sich die Dichotomie ein St\u00fcck weit in Dynamisierungen aufl\u00f6st (exemplarisch in Ernst Blochs <em>T\u00fcbinger Einleitung in die Philosophie<\/em>: \u201eIch bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a><\/p>\n<p>Nachfolgend sollen die Entw\u00fcrfe zweier Autoren schlaglichtartig beleuchtet werden, die die Verschr\u00e4nkung von Sein und Nicht-Sein, von Haben und Nicht-Haben in der angesprochenen Krisensituation zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten nahmen und damit zugleich der S\u00e4kularisierung der jeweiligen Konzepte zuarbeiteten. So lange ein \u201aganzes\u2018 Sein im Jenseits postuliert werden konnte, wie in Kants <em>Kritik der praktischen Vernunft<\/em>, war Zuwachs an Sein als linearer Prozess vorstellbar, in einer sich vervollkommnenden Welt, wogegen eine ihre Unvollkommenheit ausstellende Welt den Schluss vom Denken aufs Sein suspendierte und das Haben auflud.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Elias Canetti (1905\u20131994) und Ernesto de Martino (1908\u20131965) haben je auf ihre Weise \u00fcber den Zusammenhang von Selbstverlust und Selbstgewinn (sprich von Nicht-Sein, Sein und Haben) nachgedacht, und haben daraus sogar eine Art von Ethik entwickelt, auf der Basis ethnologischer Lekt\u00fcren und Beobachtungen. Deshalb kann man beide versuchsweise miteinander ins Gespr\u00e4ch bringen, wenngleich wohl keiner der beiden vom jeweils anderen Notiz genommen hat \u2013 Und wie es mit der jenseitigen Vervollkommnung der Individualit\u00e4t aussieht, dar\u00fcber soll an dieser Stelle gar nicht erst spekuliert werden.<\/p>\n<p>Vom Bekannten zum Unbekannten: das hei\u00dft, f\u00fcr deutsche Leser, von Canetti zu de Martino. Aber warum einen Weg zur\u00fccklegen? Tats\u00e4chlich ist der aus dem bulgarischen Rousse stammende, in Manchester, Z\u00fcrich, vor allem aber in Wien aufgewachsene und sp\u00e4ter ins englische Exil gezwungene Canetti der Prototyp jener polyglotten, mitteleurop\u00e4ischen Autoren gewesen, von denen es hei\u00dft, dass sie, die Emigranten, die einzigen seien, die nicht reisen k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Canetti begann als Romancier und Dramatiker, bekam sp\u00e4ter den Nobelpreis f\u00fcr seine dreib\u00e4ndige Autobiografie, widmete sich t\u00e4glich seinen K\u00fcrzestessays und Aufzeichnungen; \u2013 aber die Mitte seines Werks bildet die zwischen 1939 und 1960 erarbeitete Studie zu <em>Masse und Macht<\/em>. Sie ist aus einem selbst auferlegten Opfer hervorgegangen, dem Verzicht auf jedes weitere belletristische Schreiben. Man kann auch sagen, dass sie den Autor selbst in <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>mezzo nel cammin<\/em><\/span> fixiert, obgleich es der Autor ist, der diese Fixierung als von ihm gewollte darstellt: \u201eVom ersten Tag in England an war es mein Ziel, mich ausschlie\u00dflich der Arbeit an \u201aMasse und Macht\u2018 zu widmen. Nichts anderes sollte z\u00e4hlen, keine \u201aLiteratur\u2018 war erlaubt.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><em>Masse und Macht <\/em>therapiert, im Blick auf seinen Verfasser, die Marginalisierung durch das seit 1938 erzwungene Exil mit der Selbstmarginalisierung, ja -kasteiung, die Canetti auf seinen t\u00e4glichen Wegen aus Hampstead zum Russell Square und von dort zur Bibliothek des British Museum erlebte. Dabei scheint er sich durchaus als Stellvertreter gef\u00fchlt zu haben: der \u2013 nicht nur europ\u00e4ischen \u2013 Juden, aber auch der Deutschen, deren Sprache er vor dem Absinken in die Barbarei zu retten w\u00fcnschte. Diese Rollen konnte er \u00fcbernehmen, weil er nicht nur auf sie festgelegt war: Er schrieb auf Deutsch, aber er h\u00e4tte auch gut in einer anderen Sprache schreiben k\u00f6nnen; er war sefardischer Jude, aber er war zugleich Wiener Intellektueller; er war Dichter, aber er war auch Denker.<\/p>\n<p>Stellvertreterbewusstsein war durchaus nicht selten unter seinesgleichen. In dem Prager Lyriker und Oxforder Ethnologen Franz Baermann Steiner (1909\u20131952) hatte Canetti einen Freund, der sich zeitig als Zionist verstand und deshalb mit der j\u00fcdischen Geschichte selbst identifizierte, sich nun in London als \u201eBabels Vertrauter\u201c empfand und als \u201eSchaust\u00fcck j\u00fcngster Verbannung\u201c mit dem Inventar des British Museum, Objekten aus \u201eHaida, Hellas und Ur\u201c in eine empathische Beziehung trat.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Gemeinsam nahmen sie Kontakt auf zum Student Movement House, in dem ein nicht unbetr\u00e4chtlicher Teil sp\u00e4terer postkolonialer Protagonisten aus British Empire und Commonwealth zusammentraf. Dass Isolation verband, erzwungene Emigration das Bewusstsein, in der Mitte der Geschichte zu stehen \u2013 und damit f\u00fcr ihre Wendung sorgen zu m\u00fcssen \u2013 erh\u00f6hte, erm\u00f6glichte vielleicht \u00fcberhaupt, diese Ausnahmesituationen anzuerkennen und zu \u00fcberstehen. Viele der beteiligten Personen wurden sp\u00e4ter in postkolonialen Bewegungen aktiv, Canetti hingegen n\u00e4hrte sein Werk von den Eindr\u00fccken, die sie bei ihm hinterlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ist es gerechtfertigt, hier von Selbstverlust zu sprechen? Und vom Stellvertreterbewusstsein als Hypertrophierung des Selbstverlusts, wobei die geopferte Konkretheit des Selbst durch dessen gesteigerte Mobilisierung aufgefangen wird? Immerhin wird man zugeben, dass mehrere dieser Motive ineinander greifen: Der Selbstverlust im Exil betrifft die Sprache (eingeschlossen den Verlust des Selbst an eine neue Sprache), er betrifft verwandtschaftsm\u00e4\u00dfige Zugeh\u00f6rigkeit, die M\u00f6glichkeit jemand zu sein. Nicht nur geht es um die Aufgabe Mitteleuropas, einer halbwegs s\u00e4kularen j\u00fcdischen Lebenswelt, einer fragilen Moderne. Es geht um die Kontinuit\u00e4t oder besser noch: Kontiguit\u00e4t von Lebenden und Toten, um ihre Repr\u00e4sentation.<\/p>\n<p>Franz B. Steiner hatte in Wien noch an eine Arbeit \u00fcber Reinkarnationsvorstellungen in Eurasien gedacht, mithin an eine Studie \u00fcber die Formen, in denen Tote wiederkehrten, ihre Verwandlungen vornahmen und somit einen unaussch\u00f6pflichen Zusammenhang von Verwandtschaft wie ein Netz \u00fcber alles Lebendige legten. Er begann 1939 mit Prolegomena zu einer <em>Comparative Study of Slavery<\/em><i><span style=\"font-weight: normal !msorm;\">:<\/span><\/i> \u201eDer Sklave,\u201c so wird Steiner sp\u00e4ter zusammenfassen, \u201eist ein Mensch ohne Verwandtschaft in einem auf Versippungsformen gegr\u00fcndeten Haushalt der Freien bezogen\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Ohne Verwandtschaft fehlt die soziale Adresse, damit auch die M\u00f6glichkeit, sie zu \u00e4ndern, sich zu \u00fcberschreiten, oder, um einen f\u00fcr Canetti und Steiner nicht nur in diesen Jahren zentralen Begriff zu bem\u00fchen, sich zu <em>verwandeln<\/em>. Aus diesem Grund beschrieb beispielsweise Steiner seinen eigenen Zustand als Gast eines die \u00f6rtliche Willkommenskultur repr\u00e4sentierenden College-Leiters als den eines Sklaven, so zuvorkommend er auch behandelt wurde. Dagegen spricht er mit Blick auf fremdkulturelle, etwa afrikanische Formen der \u201aH\u00f6rigkeit\u2018, von einem unvollst\u00e4ndigen Verwandlungsverbot, weil die \u201aSklaven\u2018 dort nach und nach in die jeweilig siegreiche Gesellschaft integriert und zu Verwandten gemacht w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><\/a><\/p>\n<p>Steiners \u00dcberlegungen zum Zusammenhang von Verwandtschaft und Verwandlung sind schon durchdrungen vom Bewusstsein f\u00fcr die Verschr\u00e4nkung von Selbstgewinn und Selbstverlust. Noch deutlicher wird dies an seiner Formulierung des \u201esoziologischen Hauptprinzips\u201c (1942), wonach \u201ekein Individuum eine Stelle haben kann, ohne sich mit etwas zu identifizieren, und dass es keine Identifizierung ohne Verwandlung gibt\u201c.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Bei Canetti liest man ab 1942, er wolle die Verwandlungslehre f\u00fcr eine Therapie der gesellschaftlichen Ordnung einsetzen. Die Idee, Sklaverei gr\u00fcnde auf \u201eversagten Verwandlungen\u201c f\u00fcgt er in eine genealogische Sequenz mit dem Viehbesitz (Sklaven als \u201eNachfolger der Haustierherden\u201c), das hei\u00dft, er ordnet sie in die als Verfallsgeschichte gedeutete Geschichte der Sesshaftwerdung (Haben ist hier Gehabt-Werden, und Sein gleich Nicht-Sein). Reflexionen \u00fcber den aufgegebenen Nomadismus, \u00fcber die au\u00dfer Kontrolle geratene <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><\/a> im imperialistischen oder auch blo\u00df kapitalistischen Produktionsregime, finden sich bei Steiner und Canetti zuhauf.<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re es angesichts der am eigenen Leib erfahrenen Einschn\u00fcrung auf die Rolle des Gastes bzw. Sklaven oder Exilanten, als Angeh\u00f6riger einer auf dem Kontinent soeben ausgel\u00f6schten ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppe, ein Leichtes, die Verwandlungen der anderen zu idealisieren. Genau das aber tut Canetti nicht. Lesend, schreibend, diskutierend schl\u00e4gt er sich zu ihnen hin \u2013 Kafka abwandelnd: Wie kann man sich vor der Welt retten, ohne sich zu ihr zu fl\u00fcchten? \u2013, zu den Wildbeutern S\u00fcdostafrikas (deren Weisheiten eine \u201eHerrlichkeit der Weltliteratur seien, ohne die ich nicht mehr leben m\u00f6chte\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>) oder zu den Eskimo, aber da Canetti ja \u201a<i><span style=\"font-weight: normal !msorm;\">einer der ihren<\/span><\/i>\u2018 ist, braucht er ihnen nur das zu entlehnen, was er ihnen auch geben kann. Schmerz, Verlust, Angst \u2013 all diese Zust\u00e4nde, die die \u201aPrimitiven\u2018 in nicht minderem Ma\u00df treffen als die \u00fcbrige Bev\u00f6lkerung, werden von ihm gesehen. Obgleich er schreibt: \u201eWas ich von den Primitiven gelernt habe, ist unaussch\u00f6pfbar\u201c,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> ist er kein Primitivist \u2013 oder einzig in dem Sinne, dass er die Entgegensetzung von europ\u00e4ischer Hochkultur und sogenannter Stammeskultur transzendiert und die Autonomie\u00e4sthetik als eine Sackgasse begreift, ist es doch die Vielheit der Vielen, die Verwandlung in sie alle, die das gro\u00dfe Projekt einer Weltdichtung darstellen m\u00fcsste. Die europ\u00e4ische Literaturgeschichte, sie hat zu enge R\u00f6cke, denn sie nimmt nicht auf, wer jemand \u201ehinter seinen Worten ist\u201c (das Wichtigste laut Canetti, in seinen Erinnerungen an Steiner).<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> In ihr geht der gro\u00dfe Anteil der Performanz, des M\u00fcndlichen, des gestisch Unterlegten verloren. Unter der Bedingung, dass wir Europ\u00e4er nie nur modern gewesen sind, kommt die Entdeckung der primitiven Welt f\u00fcr Canetti einer Befreiung gleich \u2013 aus einem st\u00e4hlernen Geh\u00e4use zur\u00fcck in den Mythos, der Erkennbarkeit verleiht und Zusammenwirken erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrdet wird die Verwandlung nach Canetti an zwei Polen. Zum einen dort, wo keine Verwandlung m\u00f6glich ist, wo man niemand wird und niemand sein kann: bei den Sklaven, bei den Verwandtschaftslosen, den in Zwang Gehaltenen. Zu ihnen gesellen sich die, die sich selbst unter Zwang setzen, zuv\u00f6rderst diejenigen, die dem Zwang des Identischen verfallen sind. Am anderen Pol befinden sich die, die sich nur verwandeln, die rastlos ihre Masken wechseln ohne sie auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Der erste Pol wird in Canettis essayistischem Hauptwerk <em>Masse und Macht <\/em>von einem Literaturbeispiel und einem Typus der j\u00fcngsten Zeitgeschichte gebildet \u2013 obgleich dieser Typus \u00c4hnlichkeiten mit zahlreichen vorausgegangenen Vertretern aufweist. Das Literaturbeispiel ist \u201eder Fall Schreber\u201c, sprich, der Dresdner Jurist Daniel Paul Schreber (dessen Vater den Freizeitg\u00e4rten der Arbeiter und unteren Angestellten den Namen gab: kosmologische Spiele, bei denen sie von sich absehend ein Ideal der geordneten Welt verwirklichen konnten). In seinen <em>Denkw\u00fcrdigkeiten eines Nervenkranken <\/em>(1903) l\u00e4sst Schreber seine Psychose so ausgiebig wie kaum jemand Revue passieren. Canetti erschreckt und fasziniert diese Person, die das gesamte Weltgeschehen, sei es historisch, zeitgen\u00f6ssisch, biologisch, geologisch, auf sich bezogen denkt und Leben vor allem als \u00dcberlebenskampf gegen die Verschw\u00f6rung betrachtet, die das Leben doch selbst ist. Hier fallen enormer Reichtum an Kraft und Bilderverarmung in eins. Aber sie sind eben nur Ausdruck eines Grundstrebens im Menschen, das Canetti im Zeichen des \u201a\u00dcberlebenden\u2018 fassen m\u00f6chte. Im \u00dcberleben verwirkliche sich der \u201eAugenblick der Macht\u201c, schreibt er.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Umgekehrt bedeutet Macht zu haben, sich als \u00dcberlebenden zu wissen: die anderen tot zu sehen. Dies kann als Phantasmagorie des Machthabers grausame Wirklichkeit werden, wenn Menschen get\u00f6tet werden sollen, um den eigenen Status zu erh\u00f6hen; zugleich kann es in die pathologische Phantasie des Machtlosen einwandern, die die Anderen \u201atot\u2018 vorfindet, um sich durch diese Art K\u00e4ltetod zur Existenz zu erm\u00e4chtigen. Und nat\u00fcrlich \u2013 und dies bildet den zeithistorischen Fluchtpunkt von <em>Masse und Macht <\/em>\u2013 ist der \u201eAugenblick der Macht\u201c antizipiert in der Idee der weltweiten Ausl\u00f6schung der Feinde durch die Atombombe, an einem Punkt, an dem \u2013 aufgrund der technologisch bew\u00e4ltigten Entfernung jeder Ferne \u2013 zwischen Phantasie und Wirklichkeit kaum mehr zu unterscheiden ist. Canetti sieht, dass es nicht nur darum gehen darf, die Bombe zu entsch\u00e4rfen, sondern dass die Figur des \u00dcberlebenden selbst dekonstruiert werden muss. Daf\u00fcr aber bedarf es nicht weniger als einer anthropologischen Revolution.<\/p>\n<p>Der zweite Pol ist bezeichnet durch den \u201eMeistverwandler\u201c. Als solchen charakterisiert Canetti den Schamanen.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> In Canettis Werk erhebt er sich noch einmal, w\u00e4hrend er im historischen R\u00fcckraum des Textes, der gelebten Wirklichkeit, zusehends verschwindet: Seine Trommeln sind konfisziert, in Sibirien und China wird er in Umerziehungslager gesteckt.<\/p>\n<p>Dem Schamanen ist die Welt durchl\u00e4ssig, er kommuniziert mit den Geistern, sein Verm\u00f6gen ist eines der grenzenlosen Empathie. Nat\u00fcrlich wei\u00df Canetti auch von den Entbehrungen der Schamanen zu berichten, wie sie aus der zeitgen\u00f6ssischen ethnologischen Literatur entgegentreten, aus Knud Rasmussens Erinnerungen an Aua, die in der <em>Fifth Thule Expedition <\/em>festgehalten ist, oder aus den sorgf\u00e4ltigen Zusammenstellungen \u00c9veline Lot-Falcks in ihrem Buch \u00fcber sibirische Jagdriten. Schamanen m\u00fcssen Abstinenz \u00fcben, sie versetzen sich vor ihren Zuh\u00f6rern in trance\u00e4hnliche Zust\u00e4nde, die an ihren Nerven und K\u00f6rpern zehren, sie ersch\u00f6pfen sich. Neid und Unfrieden der Gemeinschaft, der sie angeh\u00f6ren und f\u00fcr deren Frieden sie aufbrechen, nehmen sie auf sich.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><\/a><\/p>\n<p>Und auch die Toten sind zwar an einem anderen Ort, aber grunds\u00e4tzlich ber\u00fchrbar,<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\"><\/a> n\u00e4mlich d eine Verr\u00fcckung des Blicks, eine \u00c4nderung seiner Sch\u00e4rfe \u2013 die allerdings einen hohen Grad an Spezialisierung verlangt. Die Toten und Geister werden gar zu Verb\u00fcndeten des Schamanen, der mit ihnen die Bedingungen f\u00fcr die Lebenden aushandelt. Das hat Canetti besonders f\u00fcr sie eingenommen, wie er in mehreren Passagen seiner <em>Provinz des Menschen<\/em> oder in <em>Masse und Macht <\/em>festh\u00e4lt. In einer nicht publizierten Aufzeichnung hei\u00dft es: \u201eDie l\u00e4cherlichen Bem\u00fchungen der Machthaber, dem Tod zu entgehen. Die grossartigen Bem\u00fchungen der Schamanen, Tote zu beschw\u00f6ren. Solange sie es <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>glauben<\/em><\/span>, solange sie es nicht bloss vorgeben, verdienen sie alle Verehrung.\u201c<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\"><\/a><\/p>\n<p>Canetti hat also eine poetische Vorstellung der schamanischen Berufung: Ihre Rituale sind eigentlich Beschw\u00f6rungen; sie gleichen sich den Toten an, um etwas von ihnen zu erheischen, und bringen sie dadurch wieder zum Leben.<\/p>\n<p>Dennoch ist der Schamane auch gef\u00e4hrdet: durch den Hochmut des Meist- und Meisterverwandlers, die Haltlosigkeit der Verwandlungen, die in leere Artistik ausufern k\u00f6nnen. Oder durch die Versuchung der Macht: die Toten f\u00fcr die eigenen Zwecke zu beschw\u00f6ren, sie zu einem Heer von Toten abzurichten, die auf den eigenen Befehl die Erde und die Menschen heimsuchen werden (Canetti schrieb von den <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>). Die schamanische Versuchung erfordert einen starken Charakter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Parallel zur Canettis Arbeit in Hampstead und London entsteht in Italien, in Rom und Cotignola eine Untersuchung zum Problem der Wahrheit des primitiven Weltzugangs: Ernesto de Martinos <em>Mondo magico. Prolegomena per una teoria del magismo <\/em>(1948)<em>. <\/em>De Martino entstammte dem neapolitanischen B\u00fcrgertum, das mit der formenreichen Volksreligion, den \u00dcberlieferungen von Totenbeschw\u00f6rungen und Schadensmagie eher fremdelte, weil es sich an einer als nicht minder magisch, weil allumst\u00fcrzend vorgestellten Aufkl\u00e4rung orientierte.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Diese Doppeldeutigkeit einer in der Aufkl\u00e4rung aufgehobenen, aber eben nicht abgel\u00f6sten Magie muss den jungen Religionshistoriker zeitlebens fasziniert haben; sie enth\u00fcllt ihm die Bezogenheit der modernen Welt auf die des magischen Bewusstseins ebenso wie deren Tendenz, sich zu \u00fcbersteigen. Kritik der abendl\u00e4ndischen Wissenschaft und, wenn man so m\u00f6chte, Kritik der primitiven Welt, erg\u00e4nzen einander in de Martinos Werk. Um dies tun zu k\u00f6nnen, bedarf es nat\u00fcrlich einer eigenen Kultur- und Geschichtstheorie.<\/p>\n<p>\u201eDas Primitive, das Barbarische, das Wilde [waren] nicht lediglich um mich herum, sondern es geschah manchmal, dass ich angstvoll in mir archaische Stimmen vernahm [&#8230;]: eine Art Chaos und Verworrenheit, die nach Ordnung und Licht verlangte.\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\"><\/a> Das schreibt De Martino in einem autobiografischen R\u00fcckblick, der sich auf die Zeit vor seiner gro\u00dfen Studie bezieht. Angesprochen ist sicher der politische Aufbruch im Zeichen des Faschismus, dem sich auch de Martino anfangs anschloss, der von diesem beschworene Vitalismus, der andererseits eine organisierte Form verlangte. Parallelisiert wird er mit einer inneren Fremderfahrung, dem Durchbruch eines anderszeitlichen Stratums, das einer Art von Erl\u00f6sung (\u201eOrdnung und Licht\u201c) bedarf. Diese Parallelisierung von geschichtlicher Situation und eigenem Erleben rechtfertigt zum einen, der faschistischen Versuchung partiell erlegen zu sein, zum anderen enth\u00e4lt sie die Hoffnung, im Durchgang durch das Primitive das eigene Innere zu kl\u00e4ren, die Ich-Schw\u00e4che und die Tendenzen zur Selbstaufl\u00f6sung. Der Umgang mit dem Primitiven braucht daf\u00fcr nicht einmal besonders wissenschaftlich zu erfolgen; es reicht ihn \u201aobjektiv\u2018 zu vollziehen \u2013 gut denkbar etwa im Medium der Kunst.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat Ernesto de Martino einen Roman geschrieben, aber zugleich auch nach einer aufgekl\u00e4rten Erziehung gesucht. Er fand sie im Kreis um Benedetto Croce (1866\u20131952), den Privatgelehrten und wohl letzten Autor einer enzyklop\u00e4disch entworfenen Philosophie des objektiv gewordenen Geistes. Croce gilt als Begr\u00fcnder des \u201aHistorizismus\u2018, der im Gegensatz zum deutschen \u201aHistorismus\u2018 an der Transzendenz der Kategorien festhielt. Historische Ver\u00e4nderung werde nur sichtbar vor dem Hintergrund von etwas Bleibendem, \u201edie Einheit und Identit\u00e4t der Werte\u201c, so hei\u00dft es, \u201ewerde best\u00e4tigt in ihrer andauernden Verwirklichung in den Hervorbringungen s\u00e4mtlicher Gesellschaften und Epochen.\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Welches diese Kategorien und diese Werte sind, gilt es im Einzelnen noch herauszufinden. \u2013 Im Gegensatz zum Viktorianismus als einer anderen liberalen Geschichtsphilosophie sollten sie nicht mit denen der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft identifiziert werden. Es geht nicht um die Subsumierung von F\u00e4llen unter ein \u00e4u\u00dferes (Entwicklungs-)Gesetz, sondern vielmehr um die Einheit des Urteilsvollzugs. In diesem Sinn ist f\u00fcr Croce das Transzendente immanent, und er bleibt ein gelehriger Sch\u00fcler des deutschen Idealismus, als dessen Vollendung er sich durchaus verstand. Gleichzeitig l\u00e4sst er sich nicht vom italienischen Faschismus vereinnahmen; seine Philosophie widersteht den tagespolitischen Lockungen, sich als \u201aerf\u00fcllt\u2018 anzusehen. Aus diesem Grund scharten sich um Croce Regimekritiker und Dissidenten.<\/p>\n<p>Auch de Martino durfte sich als Croces Sch\u00fcler begreifen. Er \u00fcbernahm \u2013 ob von Croce oder aufgrund seiner religionshistorischen Interessen \u2013 das, was man heute als Kulturrelativismus bezeichnen w\u00fcrde, sprich die Haltung, dass nicht-europ\u00e4ische oder nicht-zeitgen\u00f6ssische Gesellschaften in ihren Praktiken und Urteilen genauso gerechtfertigt seien wie wir. Allerdings ging er einen Schritt weiter als der Meister: Nicht nur die Gesellschaften waren zu historisieren, sondern das Denken, ja die Logik selbst. De Martino sah sich herausgefordert, Inkonsistenzen und Halbherzigkeiten des <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201a<\/em><\/span><span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>s<\/em><\/span><span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>toricismo\u2018<\/em><\/span> auszubessern: Deshalb akzentuierte er auch zun\u00e4chst die kulturrelativistisch jovial \u00fcbergangenen Differenzen \u2013 Magie sollte fortan nicht als Praktik, sondern als Denken angesehen werden \u2013; zum anderen wollte er das Selbstbewusstsein der Croce-Schule sch\u00e4rfen, die sich auf ihre historische Hermeneutik eben verlassen sollte.<\/p>\n<p>Magisches Denken war bereits f\u00fcr klassische <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201a<\/em><\/span><span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>armchair anthropologists\u2018<\/em><\/span> ein beliebtes Steckenpferd gewesen. Es zu konstatieren, trug zun\u00e4chst zur \u201aVeranderung\u2018 und Distanzierung dessen bei, wovon die Ethnographen vor Ort berichteten. Es enthielt damit zugleich das Versprechen, man w\u00fcrde hier an philosophischen Grundfragen arbeiten k\u00f6nnen. Sp\u00e4testens mit den mehrb\u00e4ndigen Arbeiten Lucien L\u00e9vy-Bruhls (1857\u20131939) zur \u201eprimitiven Mentalit\u00e4t\u201c (zwischen 1910 und 1938) kam es zur detaillierten Reformulierung eines \u201epr\u00e4logischen Denkens\u201c, das an die Stelle des Nichtwiderspruchsprinzips die \u201emystische Partizipation\u201c setzte.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Diese trete etwa in der Doppelbelegung auf, wie sie anhand totemistischer Symbole deutlich werde: Dort erkenne man sich gleichzeitig als Mensch wie als Tier. L\u00e9vy-Bruhl machte f\u00fcr dieses Denken die schw\u00e4chere Individuierung verantwortlich, auch die Angst, der der Primitive ausgesetzt sei. Er sehne sich nach einer Gruppe, in der er sich dieselbe St\u00e4rke zuspreche wie einem bestimmten Tier. Dieses auf Affekten beruhende Denken, das einen hohen Grad sozialer Koh\u00e4sion und auch das L\u00f6sen allt\u00e4glicher Probleme garantiere, gehe einher mit einer st\u00e4rkeren Abh\u00e4ngigkeit von \u201eKollektivvorstellungen\u201c, die im Primitiven wirksam seien.<\/p>\n<p>L\u00e9vy-Bruhls Theorien sind eine eigenwillige Fortf\u00fchrung der konsequenten Soziologisierung des menschlichen Denkens und seiner grundlegenden Kategorien, wie es unmittelbar zuvor, ausgehend vom kritischen Studium ethnographischer Berichte, der Kreis um \u00c9mile Durkheim und Marcel Mauss durchgef\u00fchrt hatte. Elementare Bausteine des Denkens und elementare Formen des Sozialen wurden darin in Beziehung gesetzt, so dass sie auch \u00fcber gro\u00dfe zeitliche und r\u00e4umliche Abst\u00e4nde erkennbar blieben. Durkheims Anerkennung in Italien, aber auch in England, wo er innerhalb der <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>s<\/em><\/span><span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>ocial anthropology<\/em><\/span> der zweiten Nachkriegszeit rasch an Bedeutung gewann, erfolgte relativ sp\u00e4t. Die eher spekulativen und interessierte Interpretation L\u00e9vy-Bruhls blieb lange vorherrschend.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a><\/p>\n<p>De Martino ging ebenfalls von der Andersartigkeit primitiven, besonders \u201amagischen\u2018 Denkens aus. Die Herausforderung war zweifach: zu verstehen, wie sich eine urspr\u00fcngliche Welterfahrung in magisches Denken gekleidet habe, und zu rekonstruieren, wie der \u00dcbergang vom magischen zum modernen Denken verlaufen sei. Dass es diesen \u00dcbergang geben muss, ergab sich aus der Annahme, dass jeder Weltzugang in sich richtig und vollst\u00e4ndig war, einem bestimmten, historisch nachzeichenbaren Moment des Bewusstseins entsprach. In diesem Sinn war eine Arbeit \u00fcber das magische Denken eine Arbeit \u00fcber den Charakter des Denkens \u00fcberhaupt \u2013 und damit eine Arbeit zur Selbstaufkl\u00e4rung eines in Kriegen und Totalitarismen verstrickten Kontinents:<\/p>\n<p>\u201eDie Aufgabe der historischen Ethnologie besteht in der M\u00f6glichkeit, Probleme ins Auge zu fassen, deren L\u00f6sung zur Erweiterung der Selbsterkenntnis unserer Gesellschaft f\u00fchrt\u201c, hei\u00dft es im Vorwort von <em>Mondo magico<\/em>.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\"><\/a> Au\u00dferdem:<\/p>\n<p>\u201eSo wie im 14. und 15. Jahrhundert die R\u00fcckkehr zur klassischen Welt die Entdeckung einer viel reicheren \u201aHumanit\u00e4t\u2018 vermittelte als jener, die sich innerhalb der theologisch-religi\u00f6sen Einheit des Mittelalters abspielte, muss auf dieselbe Weise unsere R\u00fcckkehr zur Welt der Magie den Fortschritt der westlichen Selbsterkenntnis vermitteln, indem sie sie [&#8230;] zu jener historischen Demut gegen\u00fcber dem Archaischen \u00f6ffnen, die am besten der antihistorischen Bildanbetung des Archaischen vorbeugt.\u201c<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<p>Dass die vermeintliche Vielfalt der Renaissance das Bild eines umnachteten und in jeder Hinsicht defizit\u00e4ren Mittelalters bef\u00f6rderte, das sp\u00e4tere Generationen wiederum befreien mussten, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p><em>Il mondo magico <\/em>zitiert Berichte der au\u00dfereurop\u00e4ischen Welt. Es gliedert sich laut Inhaltsverzeichnis in drei Teile: \u201e 1.) Das Problem der magischen Kr\u00e4fte, 2.) Das historische Drama der magischen Welt, 3.) Das Problem der magischen Kr\u00e4fte in der Geschichte der Ethnologie.\u201c Der erste Teil stellt die Realit\u00e4tsfrage: Wenn die Magie hilft, warum tut sie das am Ort der ethnographischen Beobachtung und nicht \u00fcber den Gesamtbereich all dessen hinweg, was wir Realit\u00e4t nennen? Anstatt diese Frage rein philosophisch zu beantworten, n\u00e4mlich unter Verweis auf das Bewusstsein, das in der magischen Welt urteilt, zieht de Martino neben indigenen Schilderungen au\u00dferordentlicher Erlebnisse auch die Zeugenaussagen der westlichen Ethnographen heran. Von Steyler Missionaren besuchte Pygm\u00e4en und Feuerland-Indianer, besonders aber die wunderlichen Ereignisse in Schamanenbehausungen \u2013 und nicht nur in Schamanenerz\u00e4hlungen \u2013 werden ausf\u00fchrlich diskutiert. Steine br\u00f6seln, Geister klopfen, Weissagungen behalten nicht blo\u00df f\u00fcr menschliches, sondern ebenso f\u00fcr tierisches Verhalten Recht. Um diese magischen Effekte in ihrer ganzen Tragweite epistemologisch fassen zu k\u00f6nnen, greift de Martino zun\u00e4chst auf die Experimente der Parapsychologie zur\u00fcck. Das hei\u00dft, er f\u00fchrt den Unterschied zwischen einer festgestellten Welt (der im naturwissenschaftlichen Experiment \u00fcberpr\u00fcften Welt der Naturgesetze) und einer im Werden befindlichen (den im Experiment \u00fcberpr\u00fcften Willen) ein, zwischen denen eben nicht notwendig ein Widerspruch bestehen muss, sondern lediglich ein Perspektivwechsel. Dieser verlangt eine Beobachtung zweiter Ordnung, in der<\/p>\n<p>\u201eOb und in welcher Weise die magischen Kr\u00e4fte real sind, ist eine Frage, die nicht unabh\u00e4ngig vom Sinn beantwortet werden kann, den man dem Urteilspr\u00e4dikat des Realen zuspricht. Dieser Sinn aber kann einzig verstanden werden, wenn man das historische Drama der magischen Welt individuiert.\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\"><\/a><\/p>\n<p>Die Dramatik der magischen Welt besteht darin, dass die Projektionen, die die Welt real im Sinne der naturwissenschaftlichen Experimente machen, noch nicht konsolidiert und darum noch nicht von ihren innerweltlichen Gegenst\u00e4nden \u201aabziehbar\u2018 sind. In dem Sinn ist diese Welt fragil, fallibel, was de Martino anhand von misslungenem Zauber oder misslungener Mitwirkung bei magischen Ritualen verdeutlicht. Im zweiten Kapitel wird das Drama der magischen Welt zunehmend individualisiert, es wird also nicht als historisches Drama im Sinne der Abfolge verschiedener kollektiver Formationen, sondern im Gegenteil als Agglomeration des Ringens Einzelner mit einer fluiden, noch nicht festgestellten Natur (einschlie\u00dflich der sozialen) dargestellt, als eine Welt vor der Geschichte, aber eminent wichtig f\u00fcr die Analyse von Geschichtlichkeit. Im Zentrum dieses Kapitels steht nun ein Typus des Kulturhelden, der sowohl schamanistische als auch christliche Elemente verk\u00f6rpert \u2013 nicht umsonst nennt de Martino den\u201eeroe della presenza, il cristo magico\u201c<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\"><\/a>Seine Aufgabe ist es, Techniken und Riten zu inaugurieren, die dem W\u00fcten der Welt eine <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201epresenza\u201c<\/em><\/span>, die Selbstvergegenw\u00e4rtigung eines zuk\u00fcnftigen Ich, abringen, einen Ort, von dem aus die f\u00fcr uns Sp\u00e4tere historisch \u00fcberlieferte Welt \u00fcberhaupt anzufangen vermag. Realit\u00e4t entsteht aus diesem <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201eriscatto\u201c<\/em><\/span> genannten Abringen der <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201epresenza\u201c<\/em><\/span> gegen\u00fcber einer nun erst definierten Natur. Die Techniken und Rituale, die diese Leistung vollbringen k\u00f6nnen, ben\u00f6tigen bei aller Wiederholung ein starkes Engagement, sie arbeiten durch mimetisches Nacherleben der kulturgr\u00fcndenden Urszene. Von dort aus wandern sie in die kleinen Techniken des Alltags, in die magische Heilung, den Sympathiezauber und \u00e4hnliches.<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\"><\/a> Gerade diese als abgeschlossen vorgestellten Reservate des <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201emondo magico\u201c<\/em><\/span> wird de Martino in den anschlie\u00dfenden zwei Jahrzehnten mit interdisziplin\u00e4r besetzten Forscherteams aufsuchen: aber nicht in der Ferne, sondern in Italiens S\u00fcden, der eine schwache Industrialisierung und eine noch schw\u00e4chere Umgestaltung seiner Herrschaftsklasse erlebt.<\/p>\n<p>Der Kulturheld: der Zauberer in einer vom \u00f6konomischen Fortschritt ausgeschlossenen Gemeinde in der Basilikata, der erste Ritenmeister, der Tungus-Schamane, der den Seelenraub aufh\u00e4lt \u2013 sie alle steigen momentweise in die Tiefen der flie\u00dfenden Welt hinab, wo sie sich aufgeben, vertrauend auf eine Kraft, die aus der Passivit\u00e4t selbst kommt, aus der (vorhistorisch gedachten) Niederlage, aus der Zerst\u00fcckelung (Dionysos Zagreus!), in die sie ihr Ich \u00fcbersetzen. Ihre Mitmenschen f\u00fcrchten den Selbst- und Kontrollverlust, den Verlust der <em>\u201a<span style=\"font-style: normal !msorm;\">presenza<\/span>\u2018<\/em>, die noch durch zu wenige soziale Institutionen gest\u00fctzt wird \u2013 sie hingegen suchen ihn an ihrer Stelle auf. Sie sind Virtuosen in Handlungen, die sie sich durch immer neues Vorstellen angeeignet haben (der Schamane in der Nacht seiner Bestimmung, die er auf einem Pfahl verbringen muss, wo er den Geistern ausgesetzt ist), und daf\u00fcr m\u00fcssen sie frei sein, das hei\u00dft nicht durch die Angst um den Pr\u00e4senzverlust zur\u00fcckgehalten. Sie d\u00fcrfen auch keine Angst haben vor der Menge, der Masse, die ja die fluide Welt beinhaltet, all das Gleiten der Erscheinungen ohne Sinn und Zweck, die einen mit sich zieht.<\/p>\n<p>De Martino betont das kulturelle Erfindertum, etwa wenn er schreibt, Praktiken und Glauben der Turik bes\u00e4\u00dfen kein \u201ereales Fundament\u201c und seien \u201ewillk\u00fcrlicher \u00dcberbau\u201c, weshalb man sie als \u201eAberglauben\u201c abtue.<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\"><\/a> Aber in jedem steckt ein Drama, das herausgearbeitet werden will, das das Drama des exzentrischen Daseins selbst ist, das andere vor uns und f\u00fcr uns durchgearbeitet haben. Und es an neuralgischen Punkten der Gesellschaft auszustellen, harmlos angemalt und etwas versch\u00e4mt, wie es oft in Europa geschieht, im Sinne eines \u201aich glaube zwar nicht dran, aber es k\u00f6nnte wahr sein\u2018, bedeutet, Reserven anzulegen f\u00fcr eine Zeit, in der der scheinbar feste Bau, auf dem unsere Vorstellungen von Natur und Kultur ruhen, ins Wanken ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Selbstverlust? Selbstgewinn? De Martinos fr\u00fches Hauptwerk \u2013 es folgen mit <em>Morte e pianto rituale <\/em>(1958), <em>Sud e magia<\/em> (1959), <em>Terra del rimorso <\/em>(1961) noch weitere Arbeiten, ganz abgesehen von der nie beendeten <em>Fine del mondo <\/em>(aus dem Nachlass zuerst 1977, in einer g\u00e4nzlich neuen Edition dann wieder 2019 herausgegeben) \u2013 beschw\u00f6rt mitten im Zweiten Weltkrieg einen Austritt aus dem Herzen der Finsternis. Und zwar, indem man sich der Finsternis der eigenen Kultur zuwendet. F\u00fcr die Rezeption war wichtig, dass das Buch ein weltweites ethnologisches Pr\u00e4sens einf\u00fchrte und dazu beitrug, das Bauerntum, die Hirten, \u00fcberhaupt das niedere Volk der westlichen Industriestaaten aus der Schattenexistenz des Folkloristischen oder des \u00fcberlebten Brauchtums zu befreien.<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a> Es machte die Religionsforscher ebenso stolz wie ihre Gegenst\u00e4nde. Zugleich trug es zu einer Art Exkommunikation seines Autors im Croce-Kreis bei: Welche Kategorien seien dies, die im Drama des <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201emondo magico\u201c<\/em><\/span> gezeugt w\u00fcrden, und woher k\u00e4men sie, wenn sie nicht schon da gewesen w\u00e4ren? Das Abarbeiten an einer unbequemen Empirie war dem Neapolitaner Altmeister nicht geheuer.<\/p>\n<p>Zur Vorgeschichte des Buches geh\u00f6rt ein Selbstverlust \u2013 der im Faschismus \u2013, ein in der Widmung erinnerter Beinahe-Verlust (\u201eMeiner Anna \/ die das Manuskript dieser Arbeit \/ aus den Ruinen von Cotignola gerettet hat \u2013 Fronte del Senio, November 1944 \u2013 April 1945\u201c<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\"><\/a>es f\u00e4ngt den Verlust der Glaubenss\u00e4tze (der politischen, aber auch der religi\u00f6sen: Christus wird aufgel\u00f6st im Kulturheld, zu dem andere aufsteigen) ebenso auf wie die Katastrophe Europas. Denn es enth\u00e4lt ja die Botschaft, dass es der Apokalypsen unz\u00e4hlig viele gab, pers\u00f6nliche und kollektive, und dass jede Apokalypse \u2013 das hei\u00dft jeder Untergang der Welt \u2013 sich in einer anderen spiegele.<\/p>\n<p>Canettis Werk endet mit der Warnung vor dem \u00dcberlebenden, vor dem Wunsch der Vereinzelung. <em>Masse und Macht<\/em> sch\u00fcrt keine Vorbehalte gegen\u00fcber der Masse, sie wird nicht d\u00e4monisiert. In der Masse kann man sich fallen lassen und sich wiederfinden, im Vorw\u00e4rtstreiben, im Ber\u00fchren. Man kann die Furcht verlieren und tun, was man sich ertr\u00e4umte, wovor einen aber die Scham zur\u00fcckhielt. Stattdessen hatte er erlebt, wie protestierende Arbeiter vor dem Justizpalast niedergeschossen wurden. Was, wenn die Masse kompakter gewesen w\u00e4re?<\/p>\n<p>De Martinos Problem sind die Massen. Nicht, dass er sie thematisierte, er erw\u00e4hnt sie kaum.<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\"><\/a> Seine Massenerfahrung ist die einer dunklen Verf\u00fchrung, ja, die Dunkelheit selbst vergegenw\u00e4rtigt die Masse, zugleich ist sicher, dass man ohne sie nicht auskommt.<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a> Die Zauberworte lauten <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201epresenza\u201c<\/em><\/span>, <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201eriscatto\u201c<\/em><\/span>. Sie meinen \u00dcberblick, Erl\u00f6sung \u2013 Verk\u00f6rperung des Willens im Willenlosen. Nat\u00fcrlich geht es bei de Martino um Anleitungen zum solidarischen Leben, der Kulturheros gibt sich, er tut dies f\u00fcr andere, die ihm gemeinsam folgen, seine Gesten institutionalisieren \u2013 damit sie sich eines Tages, im Ged\u00e4chtnis an ihn, retten.<\/p>\n<p>Hei\u00dft: Der Kulturheros muss sich verlieren, die anderen m\u00fcssen sich finden.<\/p>\n<p>Alles auf Anfang: es scheint, als w\u00fcrde De Martinos Kulturtheorie das prek\u00e4re Verh\u00e4ltnis von Sein und Haben ein wenig reparieren. Die Konsolidierung der \u201cpresenza\u201d erlaubt den Besitz und die Nutznie\u00dfung von Dingen, nur wer \u201cist\u201d, kann auch \u201chaben\u201d. Zugleich glaubt seine Theorie an einen Indifferenzpunkt von Sein und Nichtsein, in dem Moment, in dem die \u201cpresenza\u201d in den dunklen Strom der Welt taucht, deren Kategorien noch zu erarbeiten sind. Das ist der idealistische Moment.<\/p>\n<p>Canetti hingegen hat dem Haben abgeschworen. Gesteigertes Sein (Stichworte: \u201cJeder, nicht einer\u201d, \u201cMeistverwandler\u201d) ist \u00dcbergang zu Nicht-mehr sein, Ent\u00e4u\u00dferung an jene, die, indem sie nicht mehr sind, uns haben: die Toten. Sie werden vom Schamanen beschworen, sie werden aus dem Totsein, das uns zu Gefangenen macht \u2013 nicht zu <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>ihren<\/em><\/span> Gefangenen, sondern <em>durch <span style=\"font-style: normal !msorm;\">sie<\/span><\/em> Gefangene \u2013erweckt. So k\u00f6nnte man beinahe versucht sein zu sagen, bei de Martino geschehe am Anfang, was bei Canetti aussteht.<\/p>\n<p>Bei zahlreichen amerindischen V\u00f6lkern besteht die gro\u00dfe Geschichte \u2013 einschlie\u00dflich der Kosmogonie \u2013 aus einer unendlichen Abfolge des Einbruchs und der Limitierung der Toten und der G\u00f6tter. Dazwischen leben die Menschen: ihr Sein ist ein Gewesen-Sein und ihr Haben ein Gehabt-Werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Antoni, Carlo (1955), <em>Commento a Croce<\/em>, Venedig.<\/p>\n<p>Bloch, Ernst (1971), <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>T\u00fcbinger Einleitung in die Philosophie I<\/em><\/span> [1963], Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Canetti, Elias (2004), <em>Party im Blitz. <\/em><em>Die englischen Jahre<\/em>, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Canetti, Elias (2011a), <em>Masse und Macht<\/em> [1960] (<span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>Werke<\/em><\/span>, Bd. 3), M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Canetti, Elias (2011b), <em>Aufzeichnungen 1942\u20131985<\/em> (<span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>Werke<\/em><\/span>, Bd. 4), M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Canetti, Elias (2011c), <em>Aufzeichnungen 1954\u20131993<\/em> (<span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>Werke<\/em><\/span>, Bd. 5), M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Danowski, D\u00e9borah \/ Viveiros de Castro, Eduardo (2019), <em>In welcher Welt leben? Ein Versuch \u00fcber die Angst vor dem Ende<\/em> [2017], Berlin.<\/p>\n<p>de Martino, Ernesto (1959), <em>Sud e magia<\/em>.<\/p>\n<p>de Martino (1962), Furore \u2013 simbolo \u2013 valore, Mailand.<\/p>\n<p>de Martino, Ernesto (1975), <em>Mondo popolare e magia in Lucania<\/em>, hg. v. Rocco Brienza, Rom\/Matera.<\/p>\n<p>de Martino, Ernesto (2008), <em>Il mondo magico. <\/em><em>Prolegomeni a una storia del magismo<\/em> [1948], hg. v. Cesare Cases \/ Gino Satta, Turin.<\/p>\n<p>Fromm, Ernst (1976), <em>Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft<\/em>, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Goldberg, Oscar (1925), <em>Die Wirklichkeit der Hebr\u00e4er<\/em>, Berlin.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnwedel, Heiko (2016), \u201eEine Spur Schamanismus. Ernesto de Martinos Lesart von Shirokorovs <em>Psychomental Complex of the Tungus <\/em>zwischen Aneignung und Pr\u00e4senzerfahrung\u201c, in: Ulrich van Loyen (Hg.), <em>Der besessene S\u00fcden. Ernesto de Martino und das andere Europa<\/em>, Wien, S. 135\u2013149.<\/p>\n<p>Johansen, Ulla (1999), \u201eFurther Thoughts on the history of Shamanism\u201c, in: <em>Shaman, <\/em><i><span style=\"font-weight: normal !msorm;\">vol.7,1, 1999, S. 40-58<\/span><\/i><\/p>\n<p>L\u00e9vy-Bruhl, Lucien (1922), <em>La mentalit\u00e9 primitive<\/em>, Paris (dt. <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>Die geistige Welt der Primitiven<\/em><\/span>, M\u00fcnchen 1927).<\/p>\n<p>van Loyen, Ulrich (2011), <em>Franz Baermann Steiner. Exil und Verwandlung. Zur Biografie eines deutschen Dichters und j\u00fcdischen Ethnologen<\/em>, Bielefeld.<\/p>\n<p>Sch\u00fcttpelz, Erhard (2001), Franz Baermann Steiner zur Verwandlung. \u2018Das soziologische Hauptprinzip\u2019 in einigen seiner Aufzeichnungen aus dem Nachlass, in: Behrend\/ B\u00fcttner\/ Marx\/ McCue\/ Sch\u00fcttpelz, <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>Geist, Bild und Narr. Zu einer Ethnologie kultureller Konversionen. Festschrift f\u00fcr<\/em><\/span><span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em> Fritz Kramer<\/em><\/span>, Wien und Berlin: Philo .<\/p>\n<p>Steiner, Franz Baermann (2000), <em>Am st\u00fcrzenden Pfad. Gesammelte Gedichte<\/em>, hg. v. Jeremy Adler, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>Steiner, Franz Baermann (2009), <em>Feststellungen und Versuche. Aus den Aufzeichnungen 1943\u20131952<\/em>, hg. v. Erhard Sch\u00fcttpelz \/ Ulrich van Loyen, G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Erich Fromms <em>Haben oder Sein<\/em> (1976) spitzt die Alternative zu, bevor sie sich eindr\u00fccklich im Umkreis der \u00f6kologischen Krise abzeichnet. Zuvor waren es zwei <em>getrennte<\/em> Konzepte, nun treten sie einander zunehmend exkludierend in einem chiliastischen Horizont auf (vgl. Danowski\/Viveiros de Castro 2019). Eine positive Idee des Habens ist dabei nicht auszumachen. \u2013 Fr\u00fcher war das Nicht-Haben wenigstens ein Movens der (Selbst-)Bildung gewesen, die im Kontext einer ihr gem\u00e4\u00dfen Lebensform (des meritokratischen B\u00fcrgertums) eine Vers\u00f6hnung beider anzielen konnte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Bloch 1971, S. 11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Das gilt vor allem f\u00fcr eine nachkantische, zunehmend immanentistische Philosophie in ihrem Bedenken b\u00fcrgerlicher Freiheiten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Steiner 2009, S. 69.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Canetti 2004, S. 107.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. das Poem \u201eEroberungen\u201c in: Steiner 2000.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Steiner 2009, S. 283.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. zur Geschichte von Steiners Thesis van Loyen 2011, S. 277-280.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>Steiner 2009, S. 253.Vgl. Erhard Sch\u00fcttpelz 2001<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Canetti 2011a, S. 126<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Canetti 2011c, S. 381.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Canetti 2011b, S. 207.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Canetti 2004, S. 108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Canetti 2011a, S. 267.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl. Canetti 2011a, S.452<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Diese Grundz\u00fcge teilen die Schamanen in den Texten der genannten Autoren. Zusammenfassend vgl. auch Ulla Johansen 1999<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Die Ontologie der schamanistischen Welt, die gleichzeitige N\u00e4he und Ferne, die virtuellen Exerzitien, f\u00fcr die man gleichwohl seinen Preis an geistiger und k\u00f6rperlicher Kr\u00e4ftezehrung entrichten muss, hat dem Schamanismus nicht unwesentlich zum Paradigma der letzten Moderne verholfen. Denn er macht vor allem die Br\u00fcchigkeit der modernen Welt bewusst, ihre innere Unruhe, die Anstrengung, die es kostet, sie im Gleichgewicht zu halten. Es ist nur zu verst\u00e4ndlich, dass der Schamanismus zu einer Welt geh\u00f6rt, die sich selbst in Zweifel zieht und sich im h\u00f6chsten Ma\u00df misstraut. Oder wie die deutsche Forscherin Ulla Johansen schrieb, dass er vor allem \u201escattered societies\u201c eigent\u00fcmlich sei.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Canetti, \u201eAufzeichnungen zu Masse und Macht\u201c, Z\u00fcrcher Zentralbibliothek (unver\u00f6ffentlicht) (Herv. i.O. unterstrichen).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. dazu das Kapitel zur \u201eJettatura\u201c in de Martino 1959.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> De Martino 1975, S. 56 (diese sowie alle folgenden \u00dcbers. aus dem Ital. von mir, U.v.L.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Antoni 1955, S. 44.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Vgl. L\u00e9vy-Bruhl 1922.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Der Gerechtigkeit halber sei erw\u00e4hnt, dass Ernesto de Martino sp\u00e4ter durch die Publikation der Schriften von Mauss und Hubert, aber auch durch seine Anthologie zu Theorien der Magie, der Durkheimschule in Italien zu gr\u00f6\u00dferer Aufmerksamkeit verhalf.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> De Martino 2008, S. 5. Historische Ethnologie bezeichnet hier jede mit textuellen Quellen anstatt durch Feldforschung operierende Ethnologie.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Ebd., S. 88. Es ist hier nicht der Ort, um auf mit der Diagnose verbundene Schwierigkeiten einzugehen. Die \u201ekulturell konditionierte Kultur\u201c, die auch auf kulturell Au\u00dfenstehende (Besucher, Ethnographen etc.) einwirkt und diese inkorporiert, geht nat\u00fcrlich weiterhin von ethnisch relativ homogenen kulturalisierten Naturen aus, in der eine Mehrheit auf eine Minderheit trifft. Interkulturalit\u00e4t ist aus dieser Perspektive ein Verfallsph\u00e4nomen. Diese Schw\u00e4che muss man dem Konzept lassen, das im \u00dcbrigen manche \u00c4hnlichkeit mit Oskar Goldbergs <em>Wirklichkeit der Hebr\u00e4er <\/em>(1925) aufweist, in dem die Einheit von ethnischer Gruppe und deren Realit\u00e4t (also auch ihrer \u201ekulturell konditionierten Kultur\u201c, wenn man so m\u00f6chte) propagiert wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> De Martino (2008), S. 196<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Was bei L\u00e9vy-Bruhl eine von au\u00dfen gegebene Beschreibung primitiver Mentalit\u00e4t ist, wird bei de Martino zu einem rechten Drama, das gleichsam die Arch\u00e4ologie zentraler Grundbegriffe der abendl\u00e4ndischen Anthropologie erlaubt: \u201eIn der magischen Welt kann die Seele verloren werden, in dem Sinne, dass sie in der Realit\u00e4t, in der Erfahrung und in der Vorstellung noch nicht gegeben ist, sondern sie ist eine fragile <em>\u201a<span style=\"font-style: normal !msorm;\">presenza\u2018<\/span><\/em>, die (um es in einem Bild auszudr\u00fccken), von der Welt verschluckt zu werden droht. In der magischen Welt ist die Individuierung kein Gegebenes, sondern eine historische Aufgabe, und das Dasein ist eine noch ins Recht zu setzende Wirklichkeit. Daher ein Komplex aus Erfahrungen und Darstellungen, aus Schutzma\u00dfnahmen und Praktiken, die zum einen den Moment des existenziellen magischen Risikos, zum anderen die Weise der kulturellen Rettung (<em>\u201a<span style=\"font-style: normal !msorm;\">riscatto\u2018<\/span><\/em>) ausdr\u00fccken, und die, in ihrer dramatischen Polarit\u00e4t, die historische Welt der Magie ausmachen. Die eigene pers\u00f6nliche <em>\u201a<span style=\"font-style: normal !msorm;\">presenza<\/span>\u2018<\/em>, das Dasein, die Seele, \u201aflieht\u2018 ihren Sitz, kann \u201ageraubt\u2018 werden, \u201agegessen\u2018 u.\u00e4.; sie ist ein Vogel, ein Schmetterling, ein Hauch; oder sie muss \u201arepariert\u2018, \u201awiedererlangt\u2018 werden; oder auch \u201afestgehalten\u2018, \u201afixiert\u2018, \u201alokalisiert\u2018 sein.\u201c De Martino 2008, S. #.96<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Vgl. ebd., S. 97##<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Die Diskussion der \u201emagischen Welt\u201c empirisierte de Martino erst in den sp\u00e4ten 1950er Jahren auf Forschungsreisen nach Apulien und in die Basilikata. Er ging, worauf Gr\u00fcnwedel (2016) hingewiesen hat, dabei den umgekehrten Weg zur zeitgen\u00f6ssischen Aneignung des Schamanismusdiskurses: nicht von einem lokal ausgedeuteten Ph\u00e4nomen zu dessen Entgrenzung (wie etwa Mircea Eliade), sondern von einer generellen Bestimmung zur genaueren Verortung in Raum und Geschichte. Gr\u00fcnwedel suggeriert zumindest, de Martinos Schamanismusexperiment (denn um nichts anderes handelt es sich bei der italienischen \u00dcbertragung eines letztlich auf Shirokogoroffs <em>Tungus-<\/em>Studie zur\u00fcckgehenden Konzepts) sei der Versuch, S\u00fcditalien und ihn, den Forscher und Kulturbringer, gerade durch den Verlust an <span style=\"font-style: normal !msorm;\"><em>\u201epresenza\u201c <\/em><\/span>exemplarisch zur Selbsterm\u00e4chtigung zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> De Martino 2008, S. 1.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Wo sie, wie im Essay \u201eFuore in Svezia\u201c Beachtung findet, wird sie negativ beschrieben. Dort teilt sie Eigenschaften mit Canettis aus <em>Masse und Macht <\/em>\u00fcberlieferter \u201eErregungsmeute\u201c \u2013 sie hat sozusagen ihre \u201epresenza\u201c noch nicht aus dem Strudel gerissen, was erst im Zuge ihrer Selbsterkenntnis als Klasse bzw. als historisches Ph\u00e4nomen geschehen k\u00f6nnte. Vgl. de Martino (1962).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> Der deutsche Sozialanthropologe Wilhelm M\u00fchlmann hat auf seinen Italienreisen diese Verf\u00fchrung durch und in der Masse thematisiert, indem er sich ihr gegen\u00fcber abschloss. Fritz Kramer berichtet, wie M\u00fchlmann in Sizilien in der Pension verblieb, um den Anblick protestierender Arbeiter abzuwehren. Bei ihm mag dies ein Nachhall seiner Zeit als wichtiger NS-Wissenschaftler sein, bei de Martino ist die Nichtnennung der Masse vermutlich eher klassenbedingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[105],"class_list":["post-7817","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-ulrich-van-loyen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7817\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7826,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7817\/revisions\/7826"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}