{"id":7779,"date":"2021-02-23T00:09:07","date_gmt":"2021-02-22T23:09:07","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7779"},"modified":"2021-02-23T15:31:50","modified_gmt":"2021-02-23T14:31:50","slug":"notiz-zu-einer-lekture","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/notiz-zu-einer-lekture\/","title":{"rendered":"Notiz zu einer Lekt\u00fcre"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7779?pdf=7779\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7779?pdf=7779\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>1.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte T.G.H. Strehlows Monumentalwerk f\u00fcr ein blo\u00dfes Ger\u00fccht halten. In einschl\u00e4gigen Kreisen ist es von Legenden umrankt und doch so gut wie ungelesen. Einmal ist es, obwohl keine bibliophile Kostbarkeit, sondern 1971 in Sydney in schlichter Form erschienen, eine Rarit\u00e4t. Wegen der Flut von Sonderzeichen, die f\u00fcr den Druck geschnitten werden mu\u00dften, war die Herstellung sehr teuer, die Auflage klein, sp\u00e4ter eine Digitalisierung kaum m\u00f6glich. Zwei oder drei Antiquariate bieten es an, von 4000 Dollar aufw\u00e4rts. Nach langen M\u00fchen gelang es mir, die Photokopie eines Exemplars aufzutreiben, das sich in der Gesamthochschulbibliothek Wuppertal befindet. Zum anderen ist die Lekt\u00fcre eine <em>Aufgabe<\/em>, ich jedenfalls habe f\u00fcr die 775 Seiten mehr als ein von sonstigen Verpflichtungen freies halbes Jahr gebraucht. Strehlow setzt voraus, da\u00df der Leser die Ethnographien von Spencer und Gillen und eigentlich auch die seines Vaters Carl Strehlow gr\u00fcndlich kennt; da\u00df er Sinn f\u00fcr den Klang von Versen hat und sich, wenn er schon nicht Aranda spricht, mit Grammatik und Phonologie dieser Sprache vertraut macht. Zudem sollte man, sonderbar genug, die altenglische und altskandinavische Dichtung sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Theo Strehlow brachte f\u00fcr sein Werk Voraussetzungen mit, \u00fcber die niemand sonst verf\u00fcgte. Auf der Missionsstation Hermannsburg aufgewachsen, waren seine Muttersprachen Deutsch und Aranda, Latein und Altgriechisch seine ersten Fremdsprachen; Englisch lernte er sp\u00e4t, was es ihm als Lehrer f\u00fcr englische Literatur an der Universit\u00e4t Adelaide ratsam erscheinen lie\u00df, sich auf Beowulf, den Widsith und \u00e4hnliche Werke zu spezialisieren, wo seine Sprachbegabung konkurrenzlos war.<\/p>\n<p>Seine Mutter hatte ihre Schwangerschaft mit Theo zum ersten Mal an einem Ort in der N\u00e4he von Hermannsburg bemerkt. Folglich galt Theo bei den Aranda als Inkarnation eines Totem-Ahnen, und obwohl sein Vater ihm die Initiation verwehrte \u2013 Carl Strehlow war zwar einer der Gro\u00dfen unter den Ethnographen, in erster Linie aber Missionar \u2013 sicherte der Ort, an dem seine Mutter ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, ihm ein totemische Identit\u00e4t und damit das Recht auf Zugang zu esoterischem Wissen; und in dem Ma\u00dfe, in dem Aranda in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts konvertierten, ihre Tradition aufgaben und ihre heiligen Tjurungas verkauften, erhielt Theo nach und nach Zugang zu weiteren totemischen Orten und den ihnen Sinn gebenden Liedern.<\/p>\n<p><em>Songs of central Australia<\/em> ist eine Anthologie dieser Lieder, die darin aber nur wenige Seiten in Aspruch nehmen. Der Rest ist Kommentar. Einleitend werden Rhythmus und musikalische Struktur der Lieder dargelegt, die Sprache und die Versstruktur; erst dann folgen die Lieder, eingeteilt nach Themen und Aufgaben: Lieder gegen Krankheiten, zur Verletzung von Feinden, zur Wiederbelebung von Get\u00f6teten, zur Vermehrung totemischer Arten, Pflanzen wie Tiere, zur Zelebration und zum Gedenken von Totem-Ahnen, zu Circumzision und Subinzision, zur Kontrolle von Wind, Sonne und Regen, zu Sch\u00f6nheit und Liebe, zur Feier der Pmara Kutata und einige etwas weniger heilige; schlie\u00dflich die geheimen Lieder der Frauen, von deren Existenz Strehlow geh\u00f6rt hat, die aber nicht kennen darf.<\/p>\n<p>Bei jedem Lied beschreibt Strehlow den totemischen Ort, zu dem es geh\u00f6rt, vulgo das <em>Dreaming<\/em>, auch die Zeit, zu der die Eingeweihten ihn aufsuchen, in vielen F\u00e4llen n\u00e4mlich dann, wenn alle meteorologischen Zeichen sicherstellen, da\u00df die Vermehrung der betroffenen totemischen Art bevorsteht oder bereits eingesetzt hat. Weil sich nat\u00fcrliche Eigenschaften des Orts in den Versen, wie gebrochen auch immer, widerspiegeln, sind diese minuti\u00f6sen Ortsbesichtigungen zum Verst\u00e4ndnis der Lieder unverzichtbar. Ebenso die Mythen, die von der jeweiligen Station der Traumpfade erz\u00e4hlen. Die Lieder sind zuerst in der esoterischen Sprache der Dichtung gegeben, dann ihre \u00dcbersetzung in normales Aranda, mit einer Erl\u00e4uterung der Transformationen, die zwischen beiden Versionen statthaben; es folgt eine Interlinear\u00fcbersetzung ins Englische, mit grammatischen Aufkl\u00e4rungen, und schlie\u00dflich eine Art Nachdichtung, die sich im Stil an die altenglisch-altskandinavische Dichtung anlehnt. Letzteres vor allem hat den Dichter Barry Hill, T.G.H. Strehlows Biographen, gest\u00f6rt. Auch ich sehe darin eine Idiosynkrasie, meine aber, da\u00df man die Nachdichtungen nicht mitlesen mu\u00df, da alles, was die Originale angeht, in den vorhergehenden Fassungen enthalten ist. Diese allerdings kann man nicht eigentlich lesen, man mu\u00df sich viel Zeit lassen und sie studieren, bis man ihren Klang im Ohr und ihre Bedeutung im Kopf hat. Die altnordisch anmutenden Nachdichtungen scheinen mir im \u00fcbrigen kein schlechter Griff zu sein, um den gehobenen, erhabenen Ton des Originals \u2013 die Wanderungen der Totem-Ahnen sind ja heroische Taten \u2013\u00a0 f\u00fcr moderne (und gebildete) Leser sp\u00fcrbar zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Viele Jahre ist Theo Strehlow auf dem R\u00fccken von Kamelen unter der brennenden Sonne Zentralaustraliens \u00fcber die Traumpfade der Aborigines gezogen, von Tjurunga-Speicher zu Tjurunga-Speicher, \u00fcberwiegend an v\u00f6llig entlegenen Orten im Outback, um Verse und ihre Erl\u00e4uterungen zu notieren; und viele Jahre hat er darauf verwendet, sein volumin\u00f6ses und doch knapp, konzis gehaltenes Buch zu schreiben. Um zu erfahren, weshalb er sich diesen Exerzitien unterzogen hat, m\u00fcsste man vermutlich sein ganzes gebrochenes und zerrissenes Leben kennen. Er selbst allerdings hat sein Ziel am Schlu\u00df von <em>Songs of central Australia<\/em> so einfach wie verbl\u00fcffend erkl\u00e4rt. Ihn hatte die moderne australische Landschaftsdichtung seiner Zeit gest\u00f6rt, weil sie sich nicht von ihren englischen Vorbildern l\u00f6sen konnte und daher der australischen Landschaft in keiner Weise angemessen war. Um auf die Natur des Landes einzugehen, bedurfte es einer Intimit\u00e4t, wie die wei\u00dfen Siedler sie sich in ihrer kurzen Zeit nicht aneignen konnten, wohl aber die Aborigines in ihrer 50 000-j\u00e4hrigen Geschichte. Deswegen mu\u00dften ihre Lieder, die das physische Terrain mit Leben und Sinn erf\u00fcllten, die Basis einer Geschichte werden, in der Siedler und Aborigines eine gemeinsame, verbindende Literatur der Zukunft zu schaffen hatten. Tats\u00e4chlich ist T.G.H. Strehlows Material, das ja auch die <em>Dreamings<\/em> und damit die Rechtsanspr\u00fcche der totemischen Clans genau lokalisiert, in den <em>land claims<\/em>, den juristischen Prozessen um das Recht von Aborigines am Grund und Boden, in den letzten 50 Jahren eminent wichtig geworden. Nicht so die Lieder. Wenn es \u00fcberhaupt jemandem gelungen ist, eine moderne Literatur auf der Basis der Traumpfade zu schaffen, so ist es T.G.H. Strehlow selbst, und zwar mit seinem wunderbaren Buch <em>Journey to Horshoe Bend<\/em> von 1969, einem Klassiker der australischen Literatur.<\/p>\n<p>Ich habe eine Nacht auf dem Flughafen von Port Darwin verbracht, die australische Landschaft aber nur aus dem Flugzeug gesehen. Was mich dazu bewegt hat, der Dichtung der Aborigines 1967 meine erste Ver\u00f6ffentlichung zu widmen und seither von Zeit zu Zeit neue \u00dcbersetzungen zu lesen, ist mir ein Mysterium. Ich kann nur sagen, weshalb sich das monatelange Exerzitium der Lekt\u00fcre von <em>Songs of central Australia<\/em> f\u00fcr mich gelohnt hat. Der Gewinn an ethnographischem Wissen ist betr\u00e4chtlich, h\u00e4tte aber auch in einem l\u00e4ngeren Aufsatz Platz gefunden. Nein, es war die Vergegenw\u00e4rtigung eines vollst\u00e4ndig unbekannten Kontinents, eine Pr\u00e4senz, die sich Vers um Vers einstellt und mir den Horizont der Moderne eng erscheinen l\u00e4\u00dft, ineins mit der Sch\u00f6nheit und Intensit\u00e4t der Lieder.<\/p>\n<p>Der Zugang zu diesen Liedern ist schwer, sogar sehr schwer. Dennoch steht f\u00fcr mich au\u00dfer Frage, da\u00df sie in den zuk\u00fcnftigen, universalen Kanon der Weltliteratur geh\u00f6ren. Nur ist das Medium der kommentierten Anthologie wenig geeignet, sie zur Geltung zu bringen. Das ist nicht nur Strehlows Vers\u00e4umnis. Denn er hat die Orte und die Rituale, zu denen die Lieder gesungen wurden, photographiert und gefilmt, die Lieder mit Tonaufnahmen dokumentiert. Wenn man dieses Material zu Filmen montiert, in denen die \u00dcbersetzungen als Untertitel erscheinen, w\u00e4re der Zugang zu den Liedern als Komponenten einer performativen Kunst angemessener und leicht. Das aber wird in absehbarer Zeit kaum geschehen, denn die Aborigines haben nicht nur ihre <em>land claims<\/em> durchgesetzt, sondern auch das Recht auf ihr geistiges Eigentum. Strehlows Material wird im Strehlow Center in Alice Springs verwahrt und bewacht, zug\u00e4nglich nur f\u00fcr die eingeweihten M\u00e4nner der totemischen Clans. Insofern geh\u00f6ren die Lieder nicht zur Weltliteratur, sie sind vielmehr strikt lokal. Da\u00df sie mit M\u00fche in einem gedruckten Buch \u2013 und sei\u2019s in Wuppertal \u2013\u00a0 zug\u00e4nglich sind, war unvermeidbar. Doch zur Weltliteratur k\u00f6nnen \u2013 und sollen \u2013 sie erst werden, wenn ihre rechtm\u00e4\u00dfigen Eigent\u00fcmer sie dazu freigeben.<\/p>\n<p>Ich meine damit keineswegs die Aufwertung einer oralen, einfachen, gar primitiven Dichtung zur Weltliteratur, sondern die Erkenntnis, da\u00df es sich beim Vortrag dieser Lieder um die performative Kunst einer Hochkultur handelt. Diese These ist f\u00fcr eine andere Region Australiens zuerst 1959 von W.E.H. Stanner in <em>Durmugam: A Nangiomeri<\/em> formuliert, aber wenig beachtet worden. Gemeint ist damit nicht etwa der arch\u00e4ologische Begriff, nach dem Hochkulturen durch Zentralinstanzen, St\u00e4dte und Schrift gekennzeichnet sind, sondern der soziologische, der eine spezielle Kultur der wenigen meint, die ein lebenslanges Lernen absolvieren, durch das sie sich von der Basiskultur absetzen, ob es sich dabei um Eliten handelt oder nur um Initiierte, die wie bei den Aranda ein praktisch nicht verwertbares Wissen erwerben oder sich eine Kunst aneignen, die Natur und Mensch zu einem geheimnisvollen Gleichnis macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[89],"class_list":["post-7779","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-fritz-w-kramer"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7779\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8035,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7779\/revisions\/8035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}