{"id":7138,"date":"2021-02-23T00:22:13","date_gmt":"2021-02-22T23:22:13","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7138"},"modified":"2022-02-23T16:45:04","modified_gmt":"2022-02-23T15:45:04","slug":"60-steps-for-erhard","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/60-steps-for-erhard\/","title":{"rendered":"60 steps for Erhard"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7138?pdf=7138\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7138?pdf=7138\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Die folgenden Prolegomena zu einer philosophischen Ethnomethodologie psychotherapeutischer Praxis w\u00e4ren undenkbar gewesen ohne Ludwig Wittgenstein, Harold Garfinkel und Erhard Sch\u00fcttpelz, der mich die Schriften des Ersten mit den Augen des Zweiten (u.u.) zu lesen lehrte. Wer das Denken der drei kennt, wird ihre Spuren \u00fcberall wiedererkennen.<\/em><\/p>\n<ol>\n<li>\u201eWas gibt\u2019s Neues, Watson?\u201c So beginnen Sherlock Holmes\u2019 Untersuchungen; so \u00e4hnlich beginnt auch die Psychotherapie: \u201eWas gibt es Neues, Herr M\u00fcller? \u2013 Wie geht es Ihnen heute?\u201c Wir wollen die Gedanken dingfest machen, die im Leben des Patienten ihr Unwesen treiben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/li>\n<li>Wir bewegen uns durch die Gesellschaft der praktischen Syllogismen unserer Patienten und erforschen die Auswirkungen jener auf das gute Leben dieser.<\/li>\n<li>Wir bearbeiten die Philosophien unserer Patienten. Ihre Philosophien zeigen sich in ihren gedanklichen Wirklichkeiten, die in den Lebensformen entstanden sind, in die sie hineingewachsen sind.<\/li>\n<li>Als Heidegger Aristoteles\u2019 Denken beschrieb, wollte er von dessen Lebensform nichts wissen. Doch wenn wir das Denken eines Menschen verstehen wollen, dann wollen wir Lebensgeschichte, K\u00f6rper, Gef\u00fchle, Ausdruck, Stimmung, Liebe, Ziele, W\u00fcnsche, Arbeit; all das ist aufs Engste mit dem Denken verbunden (Wenn Heidegger anderer Auffassung ist, dann k\u00fcmmert uns das nicht. Wir w\u00fcrden ihn als Patient aber willkommen hei\u00dfen).<\/li>\n<li>Was die Philosophen \u00fcber die Sprache gesagt haben, stimmt \u2013 und wir f\u00fcgen hinzu: Sprache ist je individuelles Sprechen.<\/li>\n<li>\u201eDas Denken umgibt etwas Magisches; es ist etwas Seltsames, da man es nicht sehen kann.\u201c \u2013 Ja, kann man es denn nicht sehen? Manchmal sehen wir etwas nicht, obwohl es offen vor uns liegt: Wie ein Mensch denkt, verstehen wir, wenn wir ihm beim Sprechen zuh\u00f6ren. Wir versuchen zu sp\u00fcren, wie es sich anf\u00fchlt zu glauben, was er sagt; wir sehen sein Denken an seinem K\u00f6rper, an seiner Sprache, an seinen Pausen, Blicken und Regungen \u2013 wie anders sollte es sein?<\/li>\n<li>Dass wir das Denken nicht mehr sehen k\u00f6nnen, ist Teil einer Symptomatik, die sich aus unserer Zeit ergibt. (Die Dominante eines Denkens hat die Eigenschaft sich auf Bereiche auszudehnen, in denen sie nicht mehr so funktional ist wie in dem Bereich, in dem sie urspr\u00fcnglich erfolgreich war; vgl. das Problem erfolgreicher Kulturen, die hegemonial werden und dann zerfallen. So ist es auch mit dem Aberglauben an den Kausalnexus. Er kann dysfunktional werden. Die Unf\u00e4higkeit oder Unwilligkeit zu psychotherapeutischen Gespr\u00e4chen kann in unserer Zeit zum Exzess technischer Anwendungen f\u00fchren \u2013 Pat.: \u201eich komme nicht dar\u00fcber hinweg, dass mein Mann sich von mir getrennt hat.\u201c Arzt: \u201eHaben wir schon mal an EKT gedacht?\u201c.)<\/li>\n<li>Die Unsichtbarkeit des Denkens erscheint uns als \u201enat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c (Blankenburg), und wir erfinden wissenschaftliche Apparate, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.<\/li>\n<li>Der Gedanke \u2013 was f\u00fcr ein Ding ist das? Wo steckt er? Diese Fragen k\u00f6nnen uns in die Irre f\u00fchren. Wir gucken auf eine MRT-Aufnahme und ich denke: \u201eEin Bild h\u00e4lt uns gefangen\u201c<\/li>\n<li>Zwei Kinder auf dem Weg in den Kindergarten. Sie halten sich beim Gehen an den H\u00e4nden und gehen daher ruhig und sicher. Sie sind guter Stimmung. Die Sicherheit und Stimmung sind objektive Fakten. Sie sind da. Wenn wir nun fragen: \u201ewo sind sie denn? Wie k\u00f6nnen wir sie wissenschaftlich feststellen?\u201c, dann gelangen wir leicht auf einen Holzweg. Existiert denn die Sicherheit jenseits des Anderhandhaltensundmiteineandergehens? Die Sicherheit wird durch das H\u00e4ndchenhalten gemacht, erzeugt, es besteht darin und wird dadurch gelernt. Die Hirnzust\u00e4nde, die sich dabei ereignen, sind Folgen des Handelns. Uns interessiert prim\u00e4r die Operation, die zu ihnen f\u00fchrt. (Das Ergebnis der Operation k\u00f6nnen wir simulieren, etwa mit Tabletten. Wir nehmen eine Tablette ein und f\u00fchlen uns als ob wir an die Hand genommen w\u00e4ren. Hier ist der objektive Fakt, dass uns keiner an die Hand nimmt, wir immer noch alleine sind und das Ergebnis der Operation nur nachgebildet wird. Wir aber wollen die Kunst lernen, die Operation ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen.) Genauso verh\u00e4lt es sich beim Sinn, der durch eine Unterhaltung geschaffen wird.<\/li>\n<li>Eine Patientin zeichnet sch\u00f6ne Erlebnisse auf. Wenn es ihr schlecht geht, dann nimmt sie die Aufzeichnung zur Hand und liest sie \u2013 so wie sie eine Pille einnimmt \u2013 und es geht ihr besser. Sie verabreicht sich eine sch\u00f6ne Erinnerung. Diese nimmt sie allerdings nicht blo\u00df passiv auf; sie macht sie in dem Moment und auch schon die Aufzeichnung musste sie machen. Sch\u00f6ne Erinnerungen haben daher eine dreifach antidepressive Potenz. W\u00fcrden wir auf ihre Herstellung und Nutzung nur so viel Energie verwenden wie auf das sorgf\u00e4ltige Einnehmen unserer Pillen!<\/li>\n<li>\u201eUnsere Drogen sind die Worte; wir verschreiben Gedanken.\u201c Das ist eine verf\u00fchrerische Formulierung: Gedanken k\u00f6nnen nicht verschrieben werden \u2013 sie m\u00fcssen gedacht werden. Wie bringen wir die Patienten dazu, bestimmte Gedanken zu denken? Auch das Denken k\u00f6nnen wir nicht verschreiben \u2013 das Denken muss gemacht werden. Wir m\u00fcssen die Patienten dazu bringen, denken zu wollen. (Insofern ist Psychotherapie vielleicht n\u00e4her an der Rhetorik als an der Medizin, wobei in der griechischen Antike die Weisheitslehrer auftraten und behaupteten, sie w\u00fcssten was Weisheit sei; heute, in unserer Kultur, k\u00f6nnte Sokrates nach einer atemberaubenden Power-Point-Pr\u00e4sentation eines Psychiaters ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Denken beginnen.)<\/li>\n<li>Unser Denken ist eine T\u00e4tigkeit, \u00fcber die wir nicht gen\u00fcgend Klarheit haben, die aber massiv \u00fcber unser Wohlergehen entscheidet.<\/li>\n<li>Schlafen, Essen, Kacken, Denken.<\/li>\n<li>Das Denken ist eine T\u00e4tigkeit, deren erfolgreiche Durchf\u00fchrung \u2013 wie die jeder anderen T\u00e4tigkeit \u2013 von der Erf\u00fcllung k\u00f6rperlicher Bedingungen abh\u00e4ngt. Bestimmte k\u00f6rperliche Bedingungen erleichtern diese T\u00e4tigkeit. Im Fernsehsessel sitzend kann man keinen Spaziergang machen. Aufstehen und Schuhe anziehen, Dehnen, Strecken etc. erleichtern das Gehen; der Spaziergang wiederum erleichtert das Denken.<\/li>\n<li>Ohne Gehirn k\u00f6nnen wir nicht sprechen \u2013 ja, so wenig wie ohne Mund oder ohne Erziehung. Nach allem was wir wissen (mit unseren wissenschaftlichen Mitteln), betrachten wir das Gehirn als eine notwendige Bedingung f\u00fcr unser Denken.<\/li>\n<li>Wenn die Benzin-Einspritzung verstopft ist oder nicht mehr regulierbar ist oder \u00fcberschie\u00dft, dann muss das repariert werden. Genauso, wenn die Windschutzscheibe fehlt oder die Kupplung hakt. Denn ohne ist keine oder kaum eine Fahrt m\u00f6glich. Doch \u00fcber die Reisen, welche der Fahrer unternimmt, wenn der Wagen aus der Werkstatt kommt, ist damit noch nichts gesagt.<\/li>\n<li>Es ist ein toller Effekt, wenn das Auto nach Austausch des Keilriemens wieder f\u00e4hrt. Diese Erfolge der Mechaniker sind nicht genug zu loben \u2013 doch sollte man von dem Erfolg beim Wechseln des Keilriemens nur sehr vorsichtig auf die Kompetenz schlie\u00dfen, den Gebrauch des Fahrzeugs zu lehren. \u2013 Fragen wir den KFZ-Mechaniker, wohin wir in Urlaub fahren sollen, wenn er unser Auto hervorragend repariert hat? Vielleicht als Menschen, aber nicht als KFZ-Mechaniker. Vielleicht hinsichtlich der Frage, ob das Auto diese oder jene Streckenbedingungen aushalten k\u00f6nnte. Aber vermutlich diskutieren wir mit ihm nicht die Auswahl des Reiseziels sowenig wie die Musik, die wir beim Fahren h\u00f6ren wollen oder den Traum, den wir mit der Reise verwirklichen wollen. Und vermutlich auch dann nicht, wenn er uns eine schnelle Fortbildung vom Mechaniker zum Reiseberater mit sch\u00f6nen Zertifikaten und Erm\u00e4chtigungen zeigen w\u00fcrde.<\/li>\n<li>Das Verh\u00e4ltnis von Denken und Gehirn (plus der restliche K\u00f6rper) ist analog zu dem Verh\u00e4ltnis von geselligen Tischgesellschaften und Verdauungstrakt (plus der restliche K\u00f6rper). \u00c4rzte verschreiben medizinische Di\u00e4ten und solche k\u00f6nnte es auch f\u00fcr das Denken geben. Aber sie stellen keine Speiseabfolge f\u00fcr ein Fest vor oder helfen uns bei der Wahl eines Gerichtes im Restaurant.<\/li>\n<li>Unsere Essgewohnheiten haben einen Einfluss auf den Zustand und die Beweglichkeit des K\u00f6rpers. Unsere Reisen und die Kultur des Fahrens haben einen Einfluss auf die Mechanik des Fahrzeuges (Verschlei\u00df, Pflege, Verwahrlosung etc.).<\/li>\n<li>Ein neues Antidepressivum ist wie ein \u00d6lwechsel.<\/li>\n<li>Mache eine Inspektion bevor Du auf Safari gehst!<\/li>\n<li>Mediziner mit Psychotherapie zu beauftragen w\u00fcrde in manchen Kulturen so beschrieben, den KFZ-Mechaniker mit der Reiseplanung zu beauftragen. In anderen Kulturen w\u00fcrde man davon sprechen, den Bock zum G\u00e4rtner zu machen. In wieder anderen Kulturen erschiene die N\u00e4he zwischen Psychotherapie und Medizin als \u201enat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c. Notwendig ist diese N\u00e4he aber nat\u00fcrlich nicht. Wir k\u00f6nnten uns eine Zeit vorstellen, in der eine N\u00e4he zwischen psychotherapeutischer Praxis und Theologie als nat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit erlebt w\u00fcrde, oder die N\u00e4he zur Philosophie oder zur Literatur.<\/li>\n<li>Psychotherapie findet im Raum von Sinn und Bedeutung statt. Denken hei\u00dft, sich in diesem Raum zu bewegen.<\/li>\n<li>Die Gedanken sind frei. Welchen Gebrauch machen wir von dieser Freiheit?<\/li>\n<li>Welche Geschichte erz\u00e4hlt der Patient aus welcher Erfahrung? Wenn wir fragen, wie er von dieser zu jener kommt, k\u00f6nnen wir seine Grundannahmen ermitteln.<\/li>\n<li>Die neuropsychologische Testung untersucht, welche Denkbewegungen \u00fcberhaupt m\u00f6glich w\u00e4ren. Unsere Grundannahmen dagegen sind die eingetretenen Pfade, in die wir beim Denken immer wieder rutschen. Sie bestimmen, welche Denkbewegungen uns im Augenblick m\u00f6glich sind. Die R\u00e4nder dieser Pfade sind so fest, dass sie uns als nat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit vorkommen. Sie sind aber nicht unver\u00e4nderbar. Bei manchen Krankheiten kommen sie ins Wanken (Wahn, Angst, Gr\u00fcbeln). Aber auch in der Psychotherapie hinterfragen wir die nat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit unserer Grundannahmen und notieren die Bewegungen, auf die sie uns zwingen.<\/li>\n<li>Der Ort des Sinns sind Geschichten. In ihnen werden Verhaltensweisen sinnvoll. In ihnen spielt das Verhalten eine Rolle. In der Psychotherapie probieren wir verschiedene Geschichten aus und pr\u00fcfen, welche f\u00fcr uns stimmig sind und welchen wir zustimmen wollen.<\/li>\n<li>Wenn wir fragen: \u201eUnter welchen Bedingungen macht das Verhalten x Sinn?\u201c, dann sind wir der logisch-grammatischen Untersuchung des Philosophen nahe. Durch welche Beschreibung wird unverst\u00e4ndliches Verhalten sinnvoll? Welche Geschichte k\u00f6nnen wir uns denken, damit x \u201eSinn macht\u201c und f\u00fcr Patienten \u201eganz logisch\u201c ist?<\/li>\n<li>Die Verhaltensanalyse benutzt eine Sprache, n\u00e4mlich die von Effekt, Konsequenz und Lernen. Diese Sprache kann sehr viele andere Begriffe zur Beschreibung unseres Verhaltens absorbieren. Unsere Alltagssprache kennt noch viele weitere Begriffe, um sich auf unser Verhalten einen Reim zu machen.<\/li>\n<li>In der Psychotherapie einigen wir uns auf eine Sprache, mit der der Patient sein Verhalten verstehen kann. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir zun\u00e4chst die Sprache des Patienten kennen. \u2013 Fragen! Zuh\u00f6ren! Bilder helfen! Nicht glauben, man verst\u00fcnde!<\/li>\n<li>Der Patient kennt die pr\u00e4chtigen Stra\u00dfen und dunklen Gassen seines Denkens. Wir folgen ihm.<\/li>\n<li>Die Gef\u00fchle weisen uns den Weg. (Dorthin wo es wichtig wird, bedeutsam wird).<\/li>\n<li>Verstehen: sp\u00fcren, was es bedeutet, diesen Satz zu glauben.<\/li>\n<li>Selbstbeschreibung, Lebensbeschreibung, Weltbeschreibung, Krankheitsbeschreibung\u2026 Wir arbeiten zeitgleich an vielen Beschreibungen. All sie flie\u00dfen ein in die individuelle Beschreibung einer einzelnen Szene. Das ist unsere Grundeinheit in der Psychotherapie.<\/li>\n<li>Auch die gro\u00dfen Mythen unseres Lebens haben sich einst aus Szenenbeschreibungen gebildet. Wenn sie uns jetzt als Interpretationsmuster in Schwierigkeiten bringen, m\u00fcssen wir die alten Mythen mit neuen Mythen austreiben. Ob das gelingt, erkennen wir, wenn sich unsere Szenenbeschreibungen \u00e4ndern. Dann haben alte Begriffe eine neue Bedeutung, eine neue Grammatik.<\/li>\n<li>Da, wo Grundannahmen eine Bewegung verhindern, laufen wir gegen eine Mauer. Versperren sie uns den Weg zu unseren Zielen, m\u00fcssen wir die Mauern einrei\u00dfen und die alten Pfade verlassen.<\/li>\n<li>Die individuellen Grundannahmen sind eng verwoben mit den Paradigmen der Zeit.<\/li>\n<li>Nach der Wahrheit wurde bei all dem gar nicht gefragt. Weder das philosophische noch das wissenschaftliche ist unser Sprachspiel in der Psychotherapie. Auch fragen wir nicht, wie Medikamente unser Denken ver\u00e4ndern. Wohl aber fragen wir, wohin uns unser Denken f\u00fchrt. Nachdem wir die Grundannahmen kennengelernt haben, fragen wir uns: was, wenn wir sie konsequent anwenden? (Das Netz der praktischen Syllogismen).<\/li>\n<li>Zur Pr\u00fcfung unseres Denkens k\u00f6nnen wir manchmal den Patienten das Spiel des \u00dcberpr\u00fcfens und Hinterfragens beibringen.<\/li>\n<li>Das Ziel der Psychotherapie ist nicht Wahrheit, sondern es kann verschieden sein: Gesundheit, Gl\u00fcck, Wohlergehen, Trauern k\u00f6nnen, wieder funktionieren, Selbsterm\u00e4chtigung, Zielerreichung&#8230; Wir unterst\u00fctzen, was der Patient braucht, ihm hilft, was er will und kann.<\/li>\n<li>Ein gutes Beispiel ist die Psychoanalyse: sie funktioniert nicht deshalb, weil sie wahr ist, sondern weil sie dem Patienten etwas gibt, was er braucht, will und kann (bzw. lernt er es w\u00e4hrend der Analyse). Sie gibt ihm eine neue Geschichte um sein Verhalten zu verstehen. Diese Geschichte wird bedeutsam, wenn der Patient ihr zustimmt.<\/li>\n<li>Der Begriff \u201eAnalyse\u201c ist daher irref\u00fchrend; als ob man \u201eUrsachen\u201c nachginge; oder etwas, was da ist, in seine Einzelteile zerlege; auch der Begriff \u201eTiefenpsychologie\u201c ist irref\u00fchrend: als ob man in die Tiefe sch\u00fcrfe, etwa zu \u201eGrunds\u00e4tzlicherem\u201c. Das sind marketing-Begriffe, die in der jeweiligen Zeit mehr oder weniger beeindrucken. Sie nutzen die Verbindung zu der Zeit, in der sie funktionieren. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr alle anderen Begriffe. Unsere Begriffe zeigen, wie wir gerne denken. (Der Zeitgeist zeigt sich im common sense.)<\/li>\n<li>In der Psychoanalyse machen die Patienten eine Erfahrung, die Behandlung ist f\u00fcr sie ein Erlebnis. Und zwar: ein Bedeutungserlebenis bzw. Erlebnis eines Bedeutungswechels ihrer bedeutsamsten Begriffe.<\/li>\n<li>Je gr\u00f6\u00dfer das Problem, je l\u00e4nger die erfolglosen L\u00f6sungsversuche, je weiter die Implikationen, desto gr\u00f6\u00dfer das Aha-Erlebnis bei deren L\u00f6sung.<\/li>\n<li>Das Aha-Erlebnis ist Teil unserer Sinngebungsmechanik. Mit ihm wird sozusagen der Richtigkeits-Stempel auf einen Satz gesetzt. Dadurch wird eine M\u00f6glichkeit zur Einsicht. (Die Psychoanalyse ist ein Sprachspiel mit hohem Einsichtspotential.)<\/li>\n<li>Das Aha-Erlebnis ist ein emotionales Erlebnis, ein Bedeutungserlebnis. Es ist das Gl\u00fccksgef\u00fchl erfolgreichen Denkens und per se anti-depressiv.<\/li>\n<li>Das Aha-Erlebnis ist ein Akt der Zustimmung und Akzeptanz. Es ist das In-den-Speis-setzen-der Backsteine beim Bauen neuer Mauern. Deshalb brauchen wir es bei der Psychotherapie. Konfrontation zum Beispiel kann Mauern einrei\u00dfen. Doch das n\u00fctzt nichts, wenn wir nicht die Tr\u00fcmmer nehmen und ein neues Haus bauen.<\/li>\n<li>Auch der Richtigkeitssinn kann Irre gehen (Wahn).<\/li>\n<li>Das Gef\u00fchl, dass etwas nicht stimmt. Das Gef\u00fchl, dass jetzt alles stimmt. Wir k\u00f6nnen auf die falsche F\u00e4hrte gelockt werden.<\/li>\n<li>Wie sehr h\u00e4ngen wir an unseren Einsichten? Das ist die Frage dem Ma\u00df der Vernunft, und nach Wesen des Gr\u00fcbelns auf der einen Seite und der fixen Idee auf der anderen.<\/li>\n<li>Wir machen Bedeutungen jederzeit, ehe wir uns versehen.<\/li>\n<li>Sinn machen ist das Allt\u00e4glichste der Welt.<\/li>\n<li>Am \u201eKonstruktivismus\u201c ist richtig, dass wir unsere Welten konstruieren \u2013 doch in die Irre f\u00fchren kann diese Formulierung, wenn wir uns darunter einen mystischen Vorgang des Weltkonstruierens in unserem komplex vernetzten Gehirn vorstellen (im Wahrnehmungs- und Denkapparat, welches selbst ein irref\u00fchrendes Bild unserer Zeit ist). Vielmehr sollten wir dieses Konstruieren sehr praktisch verstehen: wir konstruieren Bedeutung durch unser Sprechen, unsere Geschichten (hierauf sollten wir Acht geben!) und wir schaffen uns unsere Welt durch die Art und Weise, wie wir sie gestalten. Daran ist nichts Mysteri\u00f6ses. Jede Hausfrau kennt das beim Anbringen der Weihnachtsdekoration.<\/li>\n<li>Jeder hat seine Sprache.<\/li>\n<li>Kognitive Verhaltenstherapie ist Denktherapie, und daher Sprechtherapie.<\/li>\n<li>In unserem Leben f\u00fchren wir viele Beziehungen und gestalten sie tagt\u00e4glich mit unseren Gespr\u00e4chen. Wir verwenden unsere Beziehungs- und Gespr\u00e4chsf\u00e4higkeiten. Das machen wir auch in der psychotherapeutischen Beziehung. Aber sie ist eine spezielle Beziehung, die man definieren kann. Es ist unsere Kunst, diese Beziehung, dieses Gespr\u00e4ch herstellen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Kognitive Verhaltenstherapie ist eine Vernunftbeziehung und Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr das Machen von Bedeutungen. Und selbstverst\u00e4ndlich ist auch sie von der Kultur gepr\u00e4gt, in der sie stattfindet.<\/li>\n<li>Epiktet in Amerika: \u2013 \u201eWhat is your project?\u201c<\/li>\n<li>In der Psychotherapie \u00fcbersetzen wir Manuale in Rituale. Oder: wir f\u00fchren unsere Patienten in die Kunst dieser \u00dcbersetzung ein. Das k\u00f6nnen wir Magie nennen, wenn dadurch keine Verwirrung entsteht.<\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ich danke allen Teilnehmern der \u00c4rztefr\u00fchkonferenzen an der Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie des Universit\u00e4tsklinikums Marburg und Gie\u00dfen, w\u00e4hrend der viele der folgenden Bemerkungen zwischen M\u00e4rz 2020 und Februar 2021 entstanden sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[515],"class_list":["post-7138","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-christian-erbacher"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7862,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7138\/revisions\/7862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}