{"id":7132,"date":"2021-02-23T00:25:10","date_gmt":"2021-02-22T23:25:10","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7132"},"modified":"2021-02-23T15:33:49","modified_gmt":"2021-02-23T14:33:49","slug":"die-einstmals-universelle-maschine","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/die-einstmals-universelle-maschine\/","title":{"rendered":"Die einstmals universelle Maschine"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7132?pdf=7132\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7132?pdf=7132\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div id=\"attachment_7151\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7151\" class=\"size-full wp-image-7151\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/giesmann_featured.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"317\" \/><p id=\"caption-attachment-7151\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: <a href=\"https:\/\/wikipedia.org\/wiki\/Magnetic_stripe_card#\/media\/File:Aufnahme_der_magnetischen_Struktur_eines_Magnetstreifens_auf_eine_EC-Karte_(Aufnahme_mit_CMOS-MagView)2.jpg\">https:\/\/en.wikipedia.org\/<\/a><\/p><\/div>\n<p>In Michel Serres\u2019 1989 erstmals erschienenen <em>Elementen einer Geschichte der Wissenschaften<\/em> steht der Computer am Ende einer Vielzahl von Verzweigungen im Netz aller m\u00f6glichen Wissens- und Wissenschaftsgeschichten. Seine Bedingung liegt dabei nicht nur in allen Netzwerken, die ihm vorausgehen. Serres l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass der Computer zu jenen Maschinen geh\u00f6rt, die man Universalwerkzeuge nennt \u2013 \u201eda sie vom Werkzeug die Effizienz und vom Universellen die Wissenschaftlichkeit geerbt haben\u201c.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> So weit, so vertraut, k\u00f6nnte man mit etwas zu viel Gewissheit meinen: Rechenmaschinen sind eben sp\u00e4testens seit Turings <em>tape<\/em> als universelle Maschinen konzipiert worden. Aber bereits Serres stellt nicht die Philosophie und Mathematik des Rechnens mit symbolischen Maschinen in den Vordergrund: Weder Leibniz und Pascal, noch Turing und von Neumann h\u00e4tten die Rechenwerke komplett im Kopf gehabt, bevor sie sich ihrer konkreten Realisierung widmeten. Im Gegenteil h\u00e4lt Serres hier die praktische Realisierung des Digitalrechners durch Forschung hoch:<\/p>\n<p>\u201eWer forscht, wei\u00df nicht, sondern tastet sich vorw\u00e4rts, bastelt, z\u00f6gert, h\u00e4lt seine Entscheidungen in der Schwebe. Nein, er konstruiert den Rechner von \u00fcbermorgen nicht drei\u00dfig Jahre vor seiner Realisierung, weil er ihn nicht voraussieht; w\u00e4hrend wir, die ihn kennen und fortan benutzen, leicht dem Fehlschlu\u00df erliegen, er h\u00e4tte ihn vorausgesehen. <em>In Wirklichkeit ist es mit ihm wie mit allen Akteuren dieses Buches \u2013 den individuellen und den kollektiven, den materiellen wie den intellektuellen: sie sind nur Darsteller seiner Verzweigungen und seines schwankenden Netzes<\/em>.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Pierre Levys im selben Band publizierter Artikel zur Erfindung des Computers, den Serres mit dieser Wendung anmoderierte, versuchte diesen hohen Wetteinsatz zumindest in Teilen einzul\u00f6sen. So benennt bereits Levy, dass etwa John von Neumann massiv von der gemeinschaftlichen Arbeit an der Moore School of Electrial Engineering der University of Pennsylvenia profitierte, und hier vor allem von John Eckert und John Presper Mauchly. Anstelle heroischer Erfindungsgeschichten steht hier die Umnutzung heterogener Materialien und Ideen, die f\u00fcr die Zwecke des eigenen Unternehmens genutzt und gekapert werden. Wenn Charles Babbage oder John von Neumann hier ihren Auftritt haben, dann nicht als Heroen, sondern als Teil weiterer Praxisgemeinschaften und -formationen.<\/p>\n<p>Von einer Mediengeschichte der Praxisgemeinschaften des Computings und seiner <em>hidden figures<\/em> war Levy damit nicht mehr weit entfernt. Mitunter stellen darin ingenieurstechnische Probleml\u00f6sungen die wichtigere Ressource bereit als epistemologische Genauigkeit: \u201eWie wir zeigen werden, mag die Frage der Geschwindigkeit oder der Dauer von Operationen unter logischem Gesichtspunkt irrelevant sein, wird aber entscheidend, wenn es darum geht, tats\u00e4chlich eine universal verwendbare, programmierbare Rechenmaschine zu konstruieren.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> Computer sind hier schlicht keine universellen Maschinen, sondern Objekte, deren universelle Verwendbarkeit immer herstellungs- und begr\u00fcndungsbed\u00fcrftig bleibt. Sie fluktuieren ebenso wie die wissenschaftshistorischen Netze, deren Stabilit\u00e4t die <em>Elemente einer Geschichte der Wissenschaften<\/em> immer wieder infrage stellen. Gerade die fr\u00fchen Computer sind Objekte, die auf eine sehr spezifische Weise in eine bestimmte Vorstellungswelt, \u201eein bestimmtes soziales und technisches Universum\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> eingelassen bleiben.<\/p>\n<p>Serres und Levy ist es im Rahmen einer Wissenschaftsgeschichtsschreibung gelungen, die Heterogonie der technischen Zwecke des Rechnens in den Vordergrund zu stellen. Die Universalisierung des Computers aus seinen kooperativen Praktiken heraus ist und bleibt seitdem das eigentlich zu Erkl\u00e4rende. Wie aber soll man sie begr\u00fcnden, ohne dabei die komplexen mathematikhistorischen, aber auch physikalischen Voraussetzungen des digitalen Rechnens aus dem Blick zu verlieren? Mit Serres kann man von einer fortgesetzten Vorl\u00e4ufigkeit der sozio- und kulturtechnischen Netzwerkformierungen ausgehen. Ich habe tats\u00e4chlich immer gezweifelt, wenn das <em>Computing<\/em> dem <em>Networking<\/em>vorgeordnet wurde, und die Apparate von ihren Praktiken getrennt wurden. Tats\u00e4chlich sind Vernetzen und Rechnen ko-konstitutiv, und das verteilte Rechnen schon seit der mesopotamischen Tempelwirtschaft und antiker Himmelsbeobachtung nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Differenzen entstehen dadurch, welchen Praxisgemeinschaften der Zugang, die \u00f6konomischen Ressourcen und lehr- und lernbaren <em>skills<\/em> zur Etablierung ihrer jeweiligen Zwecke zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Wer Universalisierungen verstehen will, muss deshalb Spezialisierungen folgen, mit denen eine Technik gekapert und umgewidmet wird. Denn die strukturelle Offenheit des digitalen Rechnens macht die Medialit\u00e4t des Computers aus. Erst durch die spezialisierte und individualisierte Aneignung entsteht das \u201eMedium aus der Maschine\u201c, wie es die es Informatikerin Heidi Schelhowe einmal treffend gesagt hat. Das gilt f\u00fcr die fr\u00fche <em>History of Computing<\/em>, die staatliche, korporative und wissenschaftliche Akteure privilegierte, ebenso wie f\u00fcr den Aufstieg des Personal Computings, des World Wide Webs, der Open-Source-Kulturen und mobiler, smartphone-basierter Netzwerke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Why has (personal) computing given way to (planetary) computation?<\/strong><\/p>\n<p>Die konstitutive Offenheit des digitalen Rechnens und seine Medienpraxisspezifik haben dabei die Auspr\u00e4gung neuer Machtformationen nicht verhindert, sondern im Gegenteil beg\u00fcnstigt. Gerade rezente Entwicklungen wie Big Data, Plattform\u00f6konomien, Internet der Dinge und die neue Geopolitik des maschinellen Lernens zeigen, dass es sich beim digital vernetzten Computer um eine einstmals im 20. Jahrhundert universalisierte Maschine handelt. Aber nur weil sich Computer jetzt \u00fcberall und nirgends befinden, hei\u00dft dies nicht, dass man von postdigitalen Verh\u00e4ltnissen ausgehen sollte. Vielmehr haben Zweckentfremdungen des digitalen Rechnens innerhalb weniger Jahre eine beispiellose Schlie\u00dfung herbeigef\u00fchrt, in der Big Tech und staatliche Agenturen ihre Spezialisierungen zum Ma\u00dfstab aller Datenpraxis gemacht haben. Ja, digitale Rechner sind und bleiben proteische Maschinen. Aber im 21. Jahrhundert steht ihre prometheische Kraft immer weniger Individuen zur Verf\u00fcgung, die gegen\u00fcber der konzentrierten <em>agency<\/em> neuer Medienagenturen und staatlichem Handeln ins Hintertreffen geraten sind. Wie konnte dies passieren?<\/p>\n<p>Nachdem die Welt \u201ein den Computer gekommen ist\u201c \u2013 um eine Formulierung von Michael Mahoney aufzugreifen, die j\u00fcngst David Gugerli weitergedacht hat<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> \u2013, ist sie nicht notwendig eine bessere geworden. Damit m\u00f6chte ich keineswegs einer vermeintlich besseren, fr\u00fcheren Welt, in der die kooperative wechselseitige Konstitution von Praxisgemeinschaften noch geholfen hat, das Wort reden. Dennoch ist die kurze Zeit nach 1989, in der eine beispiellose Entfaltung vergleichsweise offener und freier <em>cultures of computing<\/em><a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> in rekursiven \u00d6ffentlichkeiten stattfand, mittlerweile zum Zwischenspiel der Mediengeschichte geworden. Warum ist dies der Fall? Mein Verdacht richtet sich dabei auf das lange Zeit erfolgreich als Mitmachmedium getarnte Web 2.0, mit dem seit etwa 2005 alle \u00d6ffentlichkeiten zu Daten\u00f6ffentlichkeiten geworden sind. Das programmierbare Web harrt weitestgehend noch der illusionslosen und agnostischen Rekonstruktion. Es war wohl eher Mitwach- als Mitmachmedium. Seine Proliferation hat nicht nur zur Entstehung von Blogosph\u00e4re und Social-Media-Plattformen gef\u00fchrt. Wir verdanken dem sogenannten Web 2.0 die bis heute ma\u00dfgebliche Datenorientierung digitaler Medienpraxis, die mit dem Euphemismus der \u201eHintergrundkooperation\u201c nur unzureichend beschrieben ist.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich diesen Text durch einige historisch folgenreiche F\u00e4lle von Spezialisierungen hindurch erz\u00e4hlen, mit denen die Wechselspiele zwischen Universalisierung und Spezialisierung besser verst\u00e4ndlich werden. Auf meiner Liste standen die Standardisierung des digitalen Bezahlens anhand der Kreditkarte und ihrer mittelfristigen Folgen (1971ff.), Jonathan Sternes brillante Rekonstruktion der Entstehung des MP3-Formats (1987f.), der beispiellose Erfolg des World Wide Webs als \u00f6ffentlichem Medium (1989ff.) samt seiner schwerwiegenden Transformation durch das Web 2.0 und mobile Nutzungsweisen (2005f.). Nicht alles kann in einem kurzen Blogpost gleichrangig behandelt werden, aber trotzdem bleibt die Frage: Was haben deren medienhistorische Trajektorien miteinander gemeinsam? Und was w\u00e4re ihre gemeinsame medientheoretische Formel?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Spezialisierungen gehen der Universalisierung voraus.<\/strong><\/p>\n<p>Die amerikanische Kreditkarte wurde vor ihrer ab 1971 kodifizierten Standardisierung in zahlreichen Praktiken und Formaten genutzt. Kaufh\u00e4user akzeptierten seit den 1920er Jahren <em>charge-a-plates<\/em> und <em>charge coins<\/em> mit integrierten Kundendaten. Der als exklusiv vermarktete Diners Club verwendete in den 1950er Jahren Papierhefte und Pappkarten f\u00fcr seine Identifikationskarten. F\u00fcr die seit 1959 eingesetzten Plastikkarten wurden erst spezialisierte Pr\u00e4gemaschinen, bald auch softwarebasierte Gro\u00dfrechner-Anbindungen zur effizienteren Herstellung verwendet. Dem Status als <em>special-purpose money<\/em> entsprachen die spezialisierten Infrastrukturen und die wilden Praktiken der Markteroberung mit Massenmailings einerseits und Umnutzung durch Betrugs- und F\u00e4lschungspraktiken andererseits. Die Spezialisierungen konnten sich dabei aber auf den universalisierten Wertma\u00dfstab des US-Dollars ebenso verlassen wie die tiefe Einbettung der Kreditw\u00fcrdigkeit in der Finanzmedienkultur der Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Wenn also das erste Standardisierungsdokument des American National Standards Institute von 1971 festh\u00e4lt \u201eThe purpose of this standard is to achieve uniformity of credit-card specifications\u201c<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a>, dann geht es um nicht weniger als die Schaffung eines neuen <em>immutable mobile<\/em>, das Kredit- und Zahlungspraktiken exakt ein Format gibt. Die Universalisierung als \u201abewegliche Fixierung\u2018 war aber damit noch kein durchgesetzter <em>fait social <\/em>des US-amerikanischen Kapitalismus, trotz dessen konsumistischer und kreditorientierter sozialer Dispositionen. Erst mit den weiteren Standardisierungsschritten 1973, 1976 und 1983, der Aufnahme in internationale Standards der ISO, und vor allem dem in den 1980er Jahren folgenden Aufstieg von Visa und MasterCard als globalen Unternehmen, l\u00e4sst sich von einer praktischen Universalisierung sprechen. Sie realisierte eine bis in die Gegenwart reichende Aufteilung digitaler Bezahlm\u00e4rkte, die erst in den letzten zehn Jahren durch Apps \u2013 die wiederum die Medialit\u00e4t der Kreditkarte in Software \u00fcbersetzen,\u2013 und Kryptow\u00e4hrungen infrage gestellt worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Formate fixieren Digitalit\u00e4t (et vice versa).<\/strong><\/p>\n<p>Das offene Geheimnis der Kreditkartenstandardisierung lag in ihrer Realisierung\u00a0 computertechnischer Maschinenlesbarkeit, mit der eine neue Intensit\u00e4t des Registrierens, Identifizierens und Klassifizierens m\u00f6glich wurde. Zur Universalisierung geh\u00f6rte der Magnetstreifen, ab Mitte der 1990er Jahre sukzessive durch Chips erg\u00e4nzt, unaufl\u00f6slich mit dazu. Man kann sogar sagen, dass durch den geringen Speicherplatz, den ein Streifen f\u00fcr pers\u00f6nliche Daten wie Name und Kontonummer bot, eine ganze weitere \u00d6kologie spezialisierten Computings entstehen musste. IBM hatte genau darauf strategisch gesetzt: Je simpler die Kartendigitalisierung, umso smarter mussten die von Big Blue angebotenen Gro\u00dfrechner sein. So f\u00fchrte die Fixierung der wenigen unverschl\u00fcsselt gespeicherten pers\u00f6nlichen Daten, die neben den Banken noch die Fluglinieninteressen bediente, zu einer Fixierung von Digitalit\u00e4t \u2013 zugunsten eindeutiger personaler Identifikation. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil digitale Daten sich insbesondere durch das auszeichnen, was man \u201einterchangeability of representations\u201c nennen kann: Repr\u00e4sentationsweisen k\u00f6nnen st\u00e4ndig neu berechnet und recodiert werden. Die auf Plastik wie Magnetstreifen festgehaltenen Daten sind aber gerade darauf ausgelegt, fixer Teil einer Kette von Datenverarbeitungen und m\u00f6glicher \u00dcbersetzungen zu sein.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde zu kurz greifen, diese Fixierung zugunsten der Beweglichkeit lediglich als eine historische bedingte Merkw\u00fcrdigkeit aus der Fr\u00fchzeit des finanzindustriellen Computings zu verstehen. Denn obwohl die \u00dcbersetz-, Kopier- und Konvertierbarkeit von Daten nachgerade die Bedingung digitaler Praxis darstellt \u2013\u00a0und zugleich das Digitalwerden von Praxis als Anh\u00e4ufung von <em>data points<\/em><a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a> \u2013, sind es Fixierungen, Stabilisierungen und Universalisierungen von Digitalit\u00e4t, an denen sich die medientheoretisch wichtigsten Punkte festmachen lassen. Je weiter diese Stabilisierung geht, umso eher generiert sie wiederum modulare Strukturen.<\/p>\n<p><em>Immutability<\/em> oder Nicht-Reproduzierbarkeit kennzeichnet digitale Medienkulturen mehr, als wir uns gemeinhin eingestehen. Wie sonst sollte man verstehen, warum das PDF-Format Daten fixiert und Dokumente b\u00fcrokratisiert? Papierf\u00f6rmige <em>immutable mobiles<\/em> sind selten geworden. Formate und Infrastrukturen, die Digitalit\u00e4t fixieren und in modulare Ordnungen bringen, haben hingegen Konjunktur. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Einbettung von Copyrights, sondern auch und gerade f\u00fcr digitales Geld, das im <em>keystroke capitalism<\/em> immer nur einen Datenbank- bzw. Tabelleneintrag darstellt, dessen Betr\u00e4ge nicht einfach verdoppelt oder kopiert werden k\u00f6nnen, ohne die symbolische Ordnung des Kapitalismus zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Jonathan Sterne hat auf einem anderen Feld gezeigt, wie mit der Standardisierung des MP3-Formats zwar wissenschaftliche Universalisierungsanspr\u00fcche scheiterten, aber eine \u2013\u00a0so vom standardisierenden Gremium nicht erwartete und beabsichtigte \u2013 praktische soziale Ubiquit\u00e4t erm\u00f6glicht wurde. Mithilfe professioneller Tests, mit denen die optimale psychoakustische Kompression des digitalen Tons ermittelt werden sollte, zielte das standardisierende MPEG-Konsortium 1990 und 1991 auf eine potenziell universelle Reichweite des besten Algorithmus. Tats\u00e4chlich erwiesen sich die Tests nicht nur als \u00f6ffentliche Performance, sondern als <em>proving ground <\/em>f\u00fcr einen partikularen Universalismus der beteiligten H\u00f6rexperten. Schon die Listen der f\u00fcr die Codierung genutzten Musikst\u00fccke \u2013\u00a0von Suzanne Vegas <em>Tom\u2019s Diner<\/em>\u00fcber <em>\u201emale speech\u201c<\/em> bis zu einem Trompetenkonzert Joseph Haydns \u2013\u00a0verweisen auf die spezifischen kulturellen Dispositionen der H\u00f6r- und Codiertests, die auf \u201alegitimer\u2018 und bereits bekannter\u00a0Musik beruhten.<\/p>\n<p>Sterne diagnostiziert sogar einen anf\u00e4nglichen, kantianischen Universalit\u00e4tsanspruch gegen\u00fcber den Audioaufnahmen: \u201eEverything in the listening-test scenario was designed to facilitate this kind of disinterested, reflective judgment, in the service of producing a \u201cuniversally communicable\u201d sonic format through that (expert, SG) judgment.\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> Diese Ambition, ein gut klingendes, realistisch wirkendes H\u00f6rerlebnis aus interesselosen Wohlgefallen heraus zu erm\u00f6glichen, scheiterte aber. Die meiste Forschung widmete sich bspw. Tonh\u00f6hen und Timbre, nicht aber dem Rhythmus. Zudem bestanden zwischen den angenommenen Anwendungsfeldern, die nicht nur instrumentelle Musikaufnahmen, sondern auch Sprachtelefonie und Radiosprache umfassten, unterschiedliche Praxiskonventionen. F\u00fcr Telefonie und Radio wurden Ger\u00e4usche nah am Mikrofon aufgenommen, f\u00fcr Instrumentalton im Raum platziert. Aus dem strategischen Universalismus wurde Schritt f\u00fcr Schritt ein Partikularismus, in dem kultureller <em>bias<\/em>, interne Widerspr\u00fcche und politische Implikationen offensichtlich wurden.<\/p>\n<p>MP3-Dateien m\u00f6gen zwar, vermittelt durch Piraterie, den Aufstieg des WWW und andere Zuf\u00e4lle, seit Mitte der 1990er Jahre sozial ubiquit\u00e4r geworden sein. Aber ihre praktische Allgegenwart verdeckt, dass sie sich als spezialisierte Affordanz durchsetzen konnten: \u201eThe MP3 format is designed for casual users, to be heard in earphones in trains or on the tiny speakers of a computer desktop, to be aggregated in blogs, to be carried around in large volume on portable audio players, to be sent in e-mails and IMs and through file-sharing programs. This is not all music for all time, but it speaks to the condition of music in contemporary life in many places around the globe.\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf Universalisierung folgen neue Spezialisierungen.<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl die Kreditkarte als auch das MP3-Format sind durch vergleichsweise kleine Praxisgemeinschaften in industriellen Konsortien standardisiert worden. In beiden F\u00e4llen kann an den \u00f6konomisch motivierten Interessen der beteiligten Akteure kein Zweifel bestehen. Auf die private Entwicklung sollte die kommerziell getragene \u00f6ffentliche Nutzung folgen. F\u00fcr beide Medientechniken sollte das Einsatzgebiet aufgrund des universellen Geltungsanspruch so weit wie m\u00f6glich reichen: Globale Formate formatieren ihre Globalisierungen, die wiederum spezielle Einsatzzwecke hervorbringen wie die Nutzungsweisen des MP3-Formats, aber auch die jeweiligen markt-spezifischen Kreditkartenangebote. In beiden F\u00e4llen f\u00fchrte die private Entwicklung zu einer \u2013 von vorneherein intendierten \u2013 \u00f6ffentlichen Nutzung in Finanzmarktpublika wie in H\u00f6rgemeinschaften, bei der entscheidende soziotechnische und \u00f6konomische Bereiche f\u00fcr Nutzer*innen eine <em>black box<\/em> bleiben.<\/p>\n<p>Im Falle des World Wide Webs \u2013\u00a0und auch anderen auf wissenschaftlichen Werten beruhenden Open-Source-Kulturen \u2013 ist diese Entwicklung merklich anders verlaufen. Auf prim\u00e4r \u00f6ffentlich erfolgende Entwicklungen und Nutzungen folgte privatwirtschaftliche Zweckentfremdung. Je st\u00e4rker \u00f6ffentlich Entwicklung und Standardisierung erfolgen, umso wahrscheinlicher ist in der j\u00fcngeren Geschichte digitaler Medien ihre Umnutzung durch Dritte geworden. Man muss diesen Wechseln in den Standardisierungskulturen illusionslos und agnostisch beschreiben, denn der Status des Webs, aber auch der Wikipedia-Kultur als Utopie freien, gemeinwohlorientierten Wissens ist l\u00e4ngst ein historisches Residuum. Je genauer die Rekonstruktion von offenen Standards erfolgt, umso mehr verschiebt sich die Perspektive auf deren strategische Rolle in neuen Medienindustrien und industriellen Mediatisierungen.<\/p>\n<p>So hat etwa die Wirtschaftshistorikerin JoAnne Yates durch ethnografische Feldforschung zeigen k\u00f6nnen, wie in der offenen Standardisierungskultur des World-Wide-Web-Konsortiums industrielle Interessen vor gemeinwohlorientierte und wissenschaftliche Aspekte ger\u00fcckt sind.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> Die Innovationsforscherin Barbara van Schewick hatte bereits 2010 diagnostiziert, wie insbesondere Google durch den strategischen Einsatz von Open Source die <em>skills<\/em> und Arbeitszeit von Entwickler*innen zugunsten \u00f6konomischer und technischer Hegemonie zum Teil des eigenen \u00d6kosystems macht.<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a> Auf die Universalisierung des \u00f6ffentlichen Webs zwischen 1995 und 2005 folgte offenbar eine Modularisierung, auf der unsere digitale Jetztzeit mit ihren datengetriebenen Plattform\u00f6konomien beruht. Je \u00f6ffentlicher die Standardisierung stattfindet \u2013 etwa in der Internet Engineering Taskforce, dem World Wide Web Consortium, offenen Wissenskulturen und Open-Source-Communities \u2013, umso weiter das Spektrum der spezialisierten Anwendungen, die die neue Technik mit hervorbringen und zugleich parasit\u00e4r kapern. Das Web 2.0 war das kommerzielle Einfallstor dieser Industrialisierung, weil es das Web aus seiner anf\u00e4nglichen Sprachorientierung herausl\u00f6ste \u2013 zugunsten der Programmierbarkeit immer neuer verfolgbarer Datenaust\u00e4usche und, sukzessive, Mustererkennungen. Datenpraktiken \u00fcberlagern Medienpraktiken, indem sie sie unterwandern.<\/p>\n<p>Zwar konstituieren sich <em>computing<\/em> wie <em>networking<\/em> weiterhin in und durch Praxisgemeinschaften und ihre Grenzobjekte. Deren Bedingung liegt jedoch weniger in der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation, als in den neuen digitalen Medienagenturen und -industrien. Diese m\u00f6gen zun\u00e4chst multipel verteilt erscheinen, manifestieren sich aber durch die Marktausschaltungen eines neuen datenindustriellen Komplexes. \u201eHow the computer became universal\u201c lautet zurecht der Untertitel von Paul Ceruzzis und Thomas Haighs kommender<em> New Modern History of Computing<\/em>.<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a>Aber nachdem der Computer praktisch universal geworden ist, steht seine proteische Natur nur noch wenigen Akteur*innen wirklich offen. In digitalen Formaten, Modulen und Standards manifestiert sich derjenige Effekt, den Harold Innis <em>bias of communication<\/em> genannt hat.<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a> Wenn die vernetzten Rechner trotzdem \u00fcberall und nirgends zu sein scheinen, wird es Zeit f\u00fcr eine neue, kritische Agenturtheorie der digitalen Medien. Fabelhafte Wolken und ihre Datenpraktiken d\u00fcrfen nicht im medien\u00f6kologischen Ungef\u00e4hr verbleiben, sondern m\u00fcssen durch ihre Produktions- und Machteffekte resituiert werden.<\/p>\n<p>Die Universalisierung von Techniken <em>als<\/em> Medien bleibt ein sozial gestaltbarer Prozess. Man kann nicht nur, sondern man muss sich weiterhin andere Welten des kooperativen Rechnens vorstellen. Die einstmals universelle Maschine bleibt medientheoretisch durch ihre Spezialisierungen zur\u00fcckzuerobern, nachdem andere sie gekapert haben. Es sind nicht zuletzt die Wissenschaften, in denen neue Formen des Computer-Supported Cooperative Research fortw\u00e4hrend erfunden werden. Es gibt diese Welten eines anderen kooperativen Rechnens und Vernetzens also schon und immer noch \u2013\u00a0\u00fcberall da, wo Erhard Sch\u00fcttpelz\u2019 Medientheorie wirkt.<\/p>\n<p>Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum 60. Geburtstag, lieber Erhard!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Michel Serres, \u201eVorwort\u201c, in <em>Elemente einer Geschichte der Wissenschaften<\/em>, hg. von Michel Serres, stw 1355 (Frankfurt\/Main: Suhrkamp, 1994), 11\u201337, hier S. 35.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Serres, S. 35.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Pierre L\u00e9vy, \u201eDie Erfindung des Computers\u201c, in <em>Elemente einer Geschichte der Wissenschaften<\/em>, hg. von Michel Serres, stw 1355 (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998), 905\u2013944, hier S. 918f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> L\u00e9vy, S. 922.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> David Gugerli, <em>Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit<\/em> (Frankfurt am Main: Fischer, 2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Susan Leigh Star, Hrsg., <em>The Cultures of Computing<\/em> (Oxford; Cambridge, MA: Blackwell, 1995).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> ANSI, \u201eANSI X4.13\u20131971. American National Standard Specifications for Credit Cards\u201c (New York: American National Standards Institute, 28. April 1971), S. 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Noortje Marres und David Stark, \u201ePut to the Test: For a New Sociology of Testing\u201c, <em>The British Journal of Sociology<\/em> 71, Nr. 3 (1. Juni 2020): 423\u2013443, https:\/\/doi.org\/10.1111\/1468-4446.12746, S. 434.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Jonathan Sterne, <em>MP3. The Meaning of a Format<\/em>, Sign Storage Transmission (Durham; London: Duke University Press, 2012), S. 153.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Sterne, S. 182.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> JoAnne Yates und Craig Murphy, <em>Engineering Rules. Global Standard Setting Since 1880<\/em>, Hagley Library Studies in Business, Technology, and Politics (Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2019), S. 269f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Barbara van Schewick, <em>Internet Architecture and Innovation<\/em> (Cambridge, MA; London: MIT Press, 2010), S.\u00a0389f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Thomas Haigh und Paul E. Ceruzzi, <em>A New History of Modern Computing. How the Computer Became Universal<\/em>, History of Computing (Cambridge, MA; London: MIT Press, 2021, im Erscheinen).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Harold A. Innis, <em>Kreuzwege der Kommunikation. Ausgew\u00e4hlte Texte<\/em>, hg. von Karlheinz Barck, \u00c4sthetik und Naturwissenschaften, Medienkultur (Wien; New York: Springer, 1997), S. 95f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[495],"class_list":["post-7132","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-sebastian-giesmann"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7829,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7132\/revisions\/7829"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}