{"id":7080,"date":"2021-02-23T00:28:15","date_gmt":"2021-02-22T23:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7080"},"modified":"2021-02-23T15:34:12","modified_gmt":"2021-02-23T14:34:12","slug":"gestern-schienst-du-frischer","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/gestern-schienst-du-frischer\/","title":{"rendered":"\u201eGestern schienst Du frischer.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7080?pdf=7080\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7080?pdf=7080\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Ich habe Erhard Sch\u00fcttpelz im Fr\u00fchsommer 1997 bei einem akademischen Umtrunk an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln im Anschluss an den Habilitationsvortrag von Georg Stanitzek \u00fcber Alexander Kluges eingemachte Elefantenw\u00fcnsche kennengelernt. Erst kurz zuvor war ich einem \u00dcberbr\u00fcckungsjob als Kreditorenbuchhalter der Ford Werke AG durch ein DFG-Zusageschreiben aus Konstanz mit knapper Not entronnen. Da mir jemand den Tipp gegeben hatte, dass ich bei dem Umtrunk einen der beiden Postdocs des dortigen Graduiertenkollegs <em>Theorie der Literatur und Kommunikation<\/em> treffen w\u00fcrde, stellte ich mich ihm als kommender Stipendiat vor. Dummerweise verwechselte ich seinen Vornamen mit dem eines Freundes, \u201aEckhart\u2018, als ich ihm sagte, dass ich mich f\u00fcr Dekonstruktion interessiere. Umgehend wurde ich dar\u00fcber belehrt, dass die Missachtung des Eigennamens eines der schlimmsten Verbrechen sei, dessen sich ein Dekonstruktivist schuldig machen k\u00f6nne. Das schien mir \u00fcbertrieben, schlie\u00dflich ging es hier nur um eine Verwechslung. Schon leicht ver\u00e4rgert begann ich damit, den komischen neuen Kollegen einem spontanen Humortest zu unterziehen und gab nun einige Entstellungen seines Familiennamens wie \u201aSaufmantel\u2018 oder \u201aKippnerz\u2018 zum Besten. Obwohl wir uns mitten in einer Karnevalshochburg befanden, verbesserte das meine Lage nicht, im Gegenteil: Mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher K\u00e4lte wurde mir beschieden, dass ich mich nicht wundern d\u00fcrfe, wenn er mich in Konstanz sechs Wochen lang nicht gr\u00fcssen w\u00fcrde, schliesslich sei er ein Postdoc und ich nur Doktorand. Ich replizierte, dass ich ihn dann mindestens acht Wochen lang nicht gr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde und auch gar nicht w\u00fcsste, ob ich danach damit \u00fcberhaupt wieder anfangen sollte. Das war unser Erstkontakt; wir schieden voneinander als gute Feinde.<\/p>\n<p>Monate sp\u00e4ter: Es war tiefer Herbst und man konnte im Bodensee-Dauernebel tagelang die Hand vor Augen nicht sehen. Die Forschungskolloquien im Graduiertenkolleg hatten begonnen, auch die im benachbarten Sonderforschungsbereich <em>Literatur und Anthropologie<\/em>. Die beiden K\u00f6lner Kontrahenten vom Fr\u00fchsommer hatten sich seit Oktober mit professioneller Neugierde belauert und waren zu ungef\u00e4hr demselben Zwischenfazit gekommen, n\u00e4mlich dass der jeweils andere zweifellos ein arrogantes, allem Anschein nach aber kein dummes Arschloch sei. Dann geschah das Unvermeidliche: Zuf\u00e4llig trafen wir uns zur Mittagszeit vor der Universit\u00e4tsbibliothek und hatten beide Hunger. Irgendwo in <em>Menschliches, Allzumenschliches<\/em> findet sich eine Sottise Friedrich Nietzsches gegen die Franz\u00f6sische Revolution, wonach der schnellste Weg zur Gleichheit der Menschen zwei Stunden Bergsteigen sei, weil auf diese Weise ein Verbrecher und ein Heiliger physiologisch in das exakt gleiche Wesen verwandelt werden k\u00f6nnten. Etwas von dieser egalit\u00e4ren Dynamik fand auch hier statt und so sa\u00dfen wir uns kurze Zeit sp\u00e4ter in der Mensa gegen\u00fcber, zwei gr\u00e4uliche Plastiktabletts mit Salatbouquets von der Reichenau vor uns und ein Gewirr aus knallbunt angestrichenen Heizungsrohren \u00fcber uns, weil sich die brutalistische BRD-Universit\u00e4tsarchitektur der 60er Jahre in Konstanz in ein Pippi Langstrumpf-Kost\u00fcm gezw\u00e4ngt hatte.<\/p>\n<p>\u201eWas h\u00f6rst Du denn so f\u00fcr Musik?\u201c<\/p>\n<p>Erhard konnte nicht ahnen, dass seine Frage bei mir in Sekundenbruchteilen einen ganzen Regenbogen aus Erinnerungen hervorzauberte: 1981, ich war zw\u00f6lf und sah meinen ersten Kinofilm f\u00fcr Erwachsene, <em>Flash Gordon<\/em>, f\u00fcr den <em>Queen<\/em> den Soundtrack \u00fcbernommen hatte und der mich augenblicklich zum gl\u00fchenden Freddie Mercury-Fan machte; 1982, als ich in einem <em>Express<\/em>-Kasten in Pulheim im Erftkreis kein rotschwarzweisses Boulevardblatt, sondern meine erste Single der <em>Deutsch Amerikanischen Freundschaft<\/em> fand und gro\u00dfe Angst hatte, ich k\u00f6nnte damit meine Stereokompaktanlage ruiniert haben, weil ich noch nie in meinem Leben so seltsame Ger\u00e4usche geh\u00f6rt hatte;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> 1983 \u2013 ich bin mir auf der Spur \u2013 dann das abrupte Ersticken der <em>Neuen deutschen Welle<\/em> an der Schlager-Pest, w\u00e4hrend ich mich gerade zu den Genialen Dilletanten aus dem fernen West-Berlin vorgearbeitet hatte, \u00fcber das ich aus <em>Wir Kinder vom Bahnhof Zoo<\/em> und aus den besorgten Gesichtern meiner jeweilig Erziehungsberechtigten Bescheid wusste.<\/p>\n<p>Ich antwortete ihm, dass ich zu Beginn der 80er Jahre zwar eine sehr intensive Liebesaff\u00e4re mit dem deutschen Post-Punk um <em>Die t\u00f6dliche Doris<\/em> und die <em>Einst\u00fcrzenden Neubauten<\/em> gehabt, aber nach dem Untergang dieser Szene Popmusik insgesamt jahrelang boykottiert und statt dessen zu lesen angefangen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201eKennst Du denn auch <em>Kosmonautentraum<\/em>?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa klar\u201c, antwortete ich, \u201eich hab drei Platten von denen im Schrank.\u201c<\/p>\n<p>Nicht nur das, ich wusste sogar noch ganz genau, wie ich an meine erste <em>Kosmonautentraum<\/em>-Scheibe gekommen war: Ich hatte irgendwann 1982\/83 nicht nur die g\u00e4ngigen Massenmedien f\u00fcr popinteressierte Vorstadt-Pubertierende \u2013 die ZDF-<em>Hitparade<\/em>, die WDR1-<em>Schlagerrallye<\/em> und <em>Bravo<\/em> \u2013 hinter mir gelassen, sondern war auch an die Grenzen der wichtigsten Kulturinstitution meiner Adoleszenz gesto\u00dfen: das <em>Saturn<\/em>-Kaufhaus in K\u00f6ln am Hansaring. Ein Besuch in diesem dreist\u00f6ckigen Plattentempel war ein Festtag f\u00fcr mich und das karge Taschengeld, aufgestockt durch den sonnt\u00e4glichen Flohmarkt-Verkauf nicht mehr ben\u00f6tigter Legosteine auf dem Gel\u00e4nde des alten Autokinos am Randkanal, wurde immer erst am Ende schwierigster Entscheidungsprozesse investiert, schlie\u00dflich ging es jedesmal um dreizehn Mark neunzig. Abgesehen von den fehlenden finanziellen Ressourcen fand die Auswahl auch auf der Basis unzureichender Information statt, d.h. anhand von Plattenkritiken und eines Geschmacksurteils \u00fcber die Plattenh\u00fclle. Selbst im <em>Saturn<\/em> gab es Anfang der 80er Jahre keine Anspielstationen. So schlich ich stundenlang an den endlosen Plattenregalen entlang, die wie in einer Leihb\u00fccherei nach Signaturen \u2013 Name der Plattenfirma plus Bestellnummer \u2013 geordnet standen, zog ein Album aus dem Regal, studierte eingehend H\u00fclle und Playlist, schob es zur\u00fcck und wanderte weiter. Eines Tages allerdings f\u00fchrte meine Wanderung vor ein R\u00e4tsel: Ich konnte die aus einem Fanzine sorgf\u00e4ltig notierte Bestellnummer in den Regalen des <em>Saturn<\/em> nicht finden. Das war noch nie passiert, aber der Typ an der Infotheke best\u00e4tigte den schlimmen Verdacht: <em>Zick Zack<\/em> 123 f\u00fchren wir nicht. Da er sah, dass bei dem jungen Kunden eine Welt zerbrach, beugte er sich vor und fl\u00fcsterte mir zu, dass ich es mal bei <em>Eigelstein<\/em> probieren solle, einem unabh\u00e4ngigen Plattenlabel um die Ecke, die k\u00f6nnten <em>Zick Zack<\/em> 123 haben. Befriedigt, aber auch aufgekratzt wie einer der Kinder-Detektive bei Enid Blyton zog ich los, um das bekannte Universum zu verlassen.<\/p>\n<p><em>Eigelstein<\/em> residierte nicht in einem imposanten backsteinexpressionistischen Hochhaus, sondern in einer ganz normalen Mietwohnung. Ein Mann mit langen Haaren \u00f6ffnete mir und sah dabei so muffig aus, dass ich ihn fragte, ob alles o.k. sei. Das Label habe gerade pleite gemacht, bekam ich zu h\u00f6ren \u2013 LPs eine Mark, Singles f\u00fcnfzig Pfennige. Das tat mir zwar einerseits leid f\u00fcr ihn, aber andererseits z\u00e4hlte ich sofort nach, wie viel Geld ich bei mir hatte. Es waren ungef\u00e4hr zwanzig Mark, d.h. abz\u00fcglich der Busfahrkarte zur\u00fcck in die Vorstadt und zwei Cheeseburger bei <em>McDonald\u2019s<\/em> reichte das f\u00fcr unglaubliche f\u00fcnfzehn Alben oder dreissig Singles. Ich f\u00fchlte mich wie Sterntaler: Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich Platten rein nach dem Cover aussuchen. Und so stolperte ich wenig sp\u00e4ter \u00fcber das Portr\u00e4t eines freundlich l\u00e4chelnden kaukasischen Mannes mit ausrasierten Schl\u00e4fen, einem olivenfarbenen Krawattenknoten und breiten goldenen Schulterklappen, bei dem es sich, so der Seitentext, offenbar um \u201eJURI GAGARIN\u201c (<em>Zick Zack<\/em> 100) handelte, der \u201eDEN WEG IN DEN KOSMOS\u201c bahnte. Hatte ich noch nie von geh\u00f6rt. Der Text, der wie ein Gedicht linksb\u00fcndig noch einige Zeilen weiter ging, erl\u00e4uterte mir: \u201eMIT SEINEM \/ RAUMFLUG \/ VOR ZWANZIG \/ JAHREN \/ BEGANN \/ DIE \/ PHANTASTISCHE \/ T\u00c4TIGKEIT \/ DES MENSCHEN \/ IM WELTRAUM\u201c. Das war schr\u00e4g und kostete blo\u00df eine Mark.<\/p>\n<p>\u201eAha, hmm, tja\u201c, murmelte Erhard, schob nerv\u00f6s das Brillengestell den Nasenr\u00fccken hoch und kratzte sich am Hinterkopf.<\/p>\n<p>\u201eDie zweite LP, hast Du die auch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Die gelbe, nicht?\u201c<\/p>\n<p><em>Tagediebe<\/em> (<em>Zick Zack<\/em> 200) war eine ziemliche Entt\u00e4uschung, schon direkt beim Auspacken, denn ich hatte sie beim <em>Rip-Off<\/em>-Vertrieb per Post bestellt: Statt in einer anst\u00e4ndigen Kartonh\u00fclle steckte die Scheibe in durchsichtiger Plastikfolie mit einem blauen Aufkleber links oben in der Ecke und statt aus schwarzem war sie aus gelbem Vinyl. Schon vom Drumherum her war die Platte die Verweigerung einer Platte.<\/p>\n<p>\u201eMeinst Du eigentlich, dass das eine Gute-Laune-Platte war?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNee, auf keinen Fall. Das war doch alles nur so hingen\u00f6lt.\u201c<\/p>\n<p>Was f\u00fcr gute Laune? Niemand hatte Anfang der 80er Jahre gute Laune au\u00dfer Ronald Reagan und Fr\u00e4ulein Menke, die anderen warteten darauf, dass irgendwer den roten Knopf dr\u00fcckte \u2013 bis zum Kollaps nicht viel Zeit. \u00dcberhaupt war <em>Kosmonautentraum<\/em> extrem schwierig zu kategorisieren. Zwar gab es einen <em>Korg MS20<\/em>, aber dann klimperte auch jemand auf einem echten Klavier herum, d.h. es war keine konsequent elektronische Musik wie bei <em>DAF<\/em> (und tanzen konnte man dazu schon gar nicht); zwar entwickelten sich die St\u00fccke oft wie ein bassgesteuertes Delirium in Zeitlupe, aber dann konnte man auf einmal doch traditionelle Songs erkennen, d.h. es war keine unh\u00f6rbare Kunstperformance wie <em>Die t\u00f6dliche Doris<\/em>; zwar gab mir die Rhythmusarbeit eine erste Ahnung davon, was Surrealismus hei\u00dfen k\u00f6nnte, aber dann schien doch nur ein mieser Dorftrommler am Werk zu sein, d.h. es war keine Wiedergeburt des Schlagzeugs aus dem Geiste der Schrottpl\u00e4tze und Hausbesetzerbarrikaden wie bei den <em>Einst\u00fcrzenden Neubauten<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eDas habe ich mir auch gesagt, als ich damals aus dem Studio kam.\u201c<\/p>\n<p>Nun schob ich das Brillengestell aufgeregt den Nasenr\u00fccken hoch und blinzelte in das tr\u00fcbe Winterlicht der Konstanzer Mensa. Dieser Mensch hatte hinter <em>Kosmonautentraum<\/em> gesteckt? Das ist S\u00fcsskind? Als ich am Abend von der Uni zur\u00fcck nach Hause in meine 35qm Wohnung in der F\u00fcrstenbergstra\u00dfe 32B im Ortsteil Wollmatingen kam, griff ich mir sofort meine drei <em>Kosmonautentraum<\/em>-Platten, die ich jahrelang nicht mehr beachtet hatte. Tats\u00e4chlich, auf dem Cover der Mini-LP <em>Livorno 1956<\/em> (<em>Zick Zack<\/em> 160) sah man einen jungen Erhard Sch\u00fcttpelz mit einer m\u00e4chtigen Irokesenm\u00e4hne neben einem Bandkollegen auf einer wei\u00dfen Couch sitzen. Umgeben war das Schwarzweiss-Foto von einer Art t\u00fcrkisblau eingef\u00e4rbtem Strukturputz, der nach Mondoberfl\u00e4che aussah. Ich war perplex, denn ich h\u00e4tte nie damit gerechnet, dass diese beiden unverbundenen Teile meines Lebens jemals miteinander in Ber\u00fchrung kommen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Seit jenem Mittagessen sind Erhard und ich Freunde und wir konnten uns w\u00e4hrend aller H\u00f6hen und Tiefen immer auf diesen einen rauschfrei bleibenden Kanal verlassen. Nat\u00fcrlich h\u00f6rte ich in den folgenden Tagen <em>Kosmonautentraum<\/em> noch einmal rauf und runter. Als der schwer verkaterte Postdoc zu mir in meinen f\u00fcnfzehn Jahre alten und an drei Stellen durchgerosteten<em> Fiesta<\/em> stieg, um nach Z\u00fcrich zu fahren und im Rietberg Museum die Ausstellung <em>Wege ins Paradies, oder: Die Liebe zum Stein in China<\/em> zu besuchen, zitierte ich ihm fr\u00f6hlich die Liedzeile: \u201eGestern schienst Du frischer.\u201c Es war vor allem auf den stundenlangen Autofahrten von Konstanz nach K\u00f6ln und zur\u00fcck, dass ich ihn mit Fragen zu <em>Kosmonautentraum<\/em> l\u00f6cherte. Dabei wurde schnell klar, dass wir zwei sehr verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Sache hatten: Die objektive Parteilichkeit des dreizehn- oder vierzehnj\u00e4hrigen Fans war mit der Innenperspektive des acht Jahre \u2013 und damit popkulturell gesehen: \u00c4onen \u2013 \u00e4lteren Szeneakteurs kaum zu vermitteln. W\u00e4hrend ich <em>Der goldene Reiter<\/em>, <em>Polizisten<\/em> und <em>Ich und die Wirklichkeit<\/em> f\u00fcr gleichauthentische Kunstwerke des kapitalistischen Realismus gehalten hatte, wurden die beiden ersten St\u00fccke vom Punkpapst als Trittbrettfahrerei und \u00dcberwachungsstaatskitsch abgeurteilt; w\u00e4hrend es mir mit <em>Kosmonautentraum<\/em> immerhin so ernst gewesen war, dass ich zumindest f\u00fcr <em>Livorno 1956<\/em> und <em>Tagediebe<\/em> den vollen Ladenpreis bezahlt hatte, war er sich nicht sicher, ob es sich bei dem Ganzen in Wirklichkeit nicht um Popmusik, sondern um einen Studentenstreich handelte \u2013 die beste Plattenkritik, die sie je bekommen h\u00e4tten, habe in einem Hannoveraner Stadtmagazin gestanden und den Tenor gehabt, dass <em>Juri Gagarin<\/em> zu Eisbein mit Sauerkraut gro\u00dfartig kl\u00e4nge.<\/p>\n<p>Trotz dieser Schwierigkeit setzte sich nach und nach, Autobahnkilometer f\u00fcr Autobahnkilometer, aber teilweise auch erst Jahre sp\u00e4ter aus seinen Erz\u00e4hlungen f\u00fcr mich ein fragmentarisches Bild der Band zusammen. Es wurde immer wieder von Sherlock Holmes-Anf\u00e4llen gest\u00f6rt, in deren Verlauf mir mit Verschw\u00f6rermiene NDW-Preziosen erst hingeworfen und dann, wenn ich mich wieder mal als zu bl\u00f6d erwiesen hatte, gn\u00e4digerweise auch entschl\u00fcsselt wurden: Die Lieder auf den LPs seien nach dem Vorbild von Brian Eno so angeordnet worden, dass die Platten am Ende immer langsamer w\u00fcrden; bei <em>Kosmonautentraum Nr. 8<\/em> auf der Single <em>Liebesm\u00fchn<\/em> (<em>Zick Zack<\/em> 41) handle es sich um den grauenhaft gescheiterten Versuch, <em>Burundi Black<\/em> einzudeutschen; und \u201edie dunklen Br\u00fcste\u201c auf <em>Ein Herz oder Zwei<\/em> geh\u00f6rten Grace Jones. Erhard war als Germanistik-Student in Hannover in die Band des S\u00e4ngers und Texters Ziggy XY geraten, die der hehren Lehre der Genialen Dilletanten folgend darauf bestand, dass niemand ein Instrument spielen k\u00f6nnen sollte oder, so er doch ein Instrument beherrschte oder sonstwie musikalisch war, nicht \u201asein\u2018 Instrument spielen durfte. So landete Erhard als Organist am Bass, womit er \u2013 wohl durch den nach Studioaufnahmen und Konzerten einsetzenden \u00dcbungseffekt \u2013 in <em>Werkzeugmacher<\/em> nicht weniger als den zweitbesten Basslauf der gesamten <em>Neuen deutschen Welle<\/em> hinlegte.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Vollst\u00e4ndig schien das primitivistische Unterlaufen der funktionalen Ausdifferenzierung sowieso nicht funktioniert zu haben, denn der Organist spielte am Ende doch den Syntheziser und das Piano \u2013 und bei einem St\u00fcck auf <em>Livorno 1956<\/em> sogar alle Instrumente. Ein Punk sei er schon vor Studienbeginn gewesen: Er habe gerade in der Familienbadewanne geplantscht, als w\u00e4hrend <em>John Peel\u2019s Music on BFBS<\/em> pl\u00f6tzlich ein undefinierbarer Krach aus dem Radio gedrungen sei, der ihn senkrecht in der Wanne aufgerichtet habe \u2013 die <em>Sex Pistols<\/em>. Und schlie\u00dflich, das traurige Ende nach einem Verteilungskampf: Eine Jeansfirma verwendete das eing\u00e4ngige Klavierintro von <em>Juri Gagarin<\/em> als Reklame-Jingle und die GEMA Lizenzgeb\u00fchren sp\u00fclten 8.000,- DM in die Kasse \u2013 zwei der Musiker waren GEMA-Mitglieder, die beiden anderen, als wahre Punks, nicht. Erhard ging lieber nach England und wurde Akademiker.<\/p>\n<p>Universalismus auf Umwegen? Auf dem Sampler <em>Lieber zuviel als zuwenig<\/em> (<em>Zick Zack<\/em> 45) ist <em>Kosmonautentraum Nr. 10<\/em> zu finden und der gefiel mir immer ganz gut: \u201eDu bist mir fremd \/ Du bist mir so fremd \/ und trotzdem \/ schenk ich Dir mein Herz.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_7083\" style=\"width: 828px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7083\" class=\"wp-image-7083 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MHahn_Mein_Kosmonautentr_Abb-e1613646376570.jpg\" alt=\"\" width=\"818\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MHahn_Mein_Kosmonautentr_Abb-e1613646376570.jpg 818w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MHahn_Mein_Kosmonautentr_Abb-e1613646376570-768x721.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 818px) 100vw, 818px\" \/><p id=\"caption-attachment-7083\" class=\"wp-caption-text\">Aus: Beiblatt zum Sampler Wunder gibt es immer wieder (1982, Zick Zack 190)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Da ich A- und B-Seite nicht unterscheiden konnte, legte ich <em>Rote Lippen<\/em> zuerst auf. Auf der anderen Seite befand sich <em>Der R\u00e4uber und der Prinz<\/em>. Das schien mir ein Kinderlied zu sein, deshalb zog ich ihm den Schlager vor.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der beste findet sich in <em>Amanita<\/em> von <em>Leben und Arbeiten<\/em> (<em>Zick Zack<\/em> 105).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ein Dankesch\u00f6n f\u00fcr Kritik geht an Frederic Ponten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[492],"class_list":["post-7080","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-marcus-hahn"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7080","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7080\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7088,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7080\/revisions\/7088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7080"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7080"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}