{"id":7050,"date":"2021-02-23T00:30:53","date_gmt":"2021-02-22T23:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7050"},"modified":"2021-02-23T15:34:31","modified_gmt":"2021-02-23T14:34:31","slug":"schreiben-ubersetzen-kochen","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/schreiben-ubersetzen-kochen\/","title":{"rendered":"Schreiben, \u00dcbersetzen, Kochen"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7050?pdf=7050\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7050?pdf=7050\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div id=\"attachment_7055\" style=\"width: 930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7055\" class=\"size-medium wp-image-7055\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Abbildung_Philipp_Goll_COMP-1-920x690.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Abbildung_Philipp_Goll_COMP-1-920x690.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Abbildung_Philipp_Goll_COMP-1.jpg 1008w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><p id=\"caption-attachment-7055\" class=\"wp-caption-text\">Aus \u201eFrench Fried Potatoes\u201c, in: <em>Die Republik<\/em>, hg. von Petra und Uwe Nettelbeck, Nr. 98\u2013108, 12. Dezember 1999, S. 65\u2013642.<\/p><\/div>\n<p><em>Im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit zu Petra und Uwe Nettelbecks Zeitschrift \u201eDie Republik\u201c (1976\u20132008) interviewte ich auch Mitarbeiter*innen der Zeitschrift \u201eFilmkritik\u201c. Die Lekt\u00fcre und Erforschung der Zeitschrift, die 1957 gegr\u00fcndet wurde und sich nach und nach zur wichtigsten Filmzeitschrift der BRD entwickelte, wuchs sich zu einem umfassenden Nebenprojekt meiner Diss aus. Das lag nicht nur daran, dass Uwe Nettelbeck Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre Autor der Filmzeitschrift war. Meine Faszination f\u00fcr diese Zeitschrift geht ma\u00dfgeblich auch auf die Essayistin Frieda Grafe (1934\u20132002) zur\u00fcck, deren Texte sowohl in der \u201eFilmkritik\u201c als auch in Nettelbecks \u201eRepublik\u201c erschienen. Im Juni 2018 traf ich die ehemalige \u201eFilmkritik\u201c-Mitarbeiterin und \u00dcbersetzerin Melanie Walz und sprach mit ihr \u00fcber die Arbeit in der \u201eFilmkritik\u201c und Frieda Grafe, \u00fcbers Schreiben, \u00dcbersetzen und Kochen. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Philipp Goll: Ich frage mich, warum ging die <em>Filmkritik<\/em>, eine der wichtigsten Filmzeitschriften der Nachkriegszeit in der BRD im Jahr, eigentlich 1984 ein?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Melanie Walz: Ich habe zwei Thesen. Bei uns war das Problem, dass die <em>Filmkritik<\/em> sich zu einer Veranstaltung entwickelt hat, bei der man eigentlich nur noch Themenhefte gemacht hat. Die normale Filmkritik wurde am Ende abgehandelt in so kleinen Artikelchen. Aber der Hauptteil war immer themenorientiert: zu John Ford, zwei Hefte \u00fcber Irving Lerner, zu was auch immer. Auch \u00fcber sehr abseitige Sachen. Sehr interessant. Es wurde halt viel geforscht. Und das ist ja auch nicht falsch. Aber die Leute wollten dann doch lieber h\u00f6ren, ob der neue Spielberg sich lohnt, ob man da reingehen soll, und sie wollen nicht wissen, was Ford sich gedacht hat bei dem und dem Film. Und \u00fcber Straub wollten sie schon gar nichts wissen. Kann man ja manchmal auch verstehen.<\/p>\n<p>Dadurch ist nat\u00fcrlich der Abonnentenstand rasend auf jene treue Kunden geschrumpft, die immer noch dazuhielten. Und die Bibliotheken. Aber wir konnten von dem Geld dann nicht mehr leben. Au\u00dferdem waren wir ja immer zu sp\u00e4t mit der Preiserh\u00f6hung dran. Und dann war das auch immer zu zaghaft. Das Problem war, wir hatten einen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Wolfgang Gollus, ein \u00fcberzeugter SPD-Mann, den hat der Peter Nau aus Studientagen gekannt. Der Wolfgang kam aus einer Buchhandlung, der war Buchh\u00e4ndler, und er tr\u00e4ume immer davon, dass die <em>Filmkritik<\/em> eine Zeitschrift f\u00fcr alle sein sollte. Das war nat\u00fcrlich Quatsch, denn sie war ja immer elit\u00e4r. Wolfgang hat sich jedenfalls immer allen Bestrebungen wiedersetzt, die Preise zu erh\u00f6hen. In den sp\u00e4ten 1970ern und fr\u00fchen 1980ern war das dann nur noch eine finanzielle Katastrophe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und wie lautet Ihre zweite These dazu, warum die <em>Filmkritik<\/em> eingestellt werden musste?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also das andere Problem war, es wuchs nichts nach. Es gab Ende der 1960er die Palastrevolte gegen Patalas und Konsorten. Das war auch sicher richtig. Diese Art von Filmkritik, die sie entwickelt hatten, das war ja das bessere Feuilleton, das auch wichtig war in der Zeit, aber diese Form hatte sich vielleicht langsam doch ein bisschen \u00fcberlebt. Und die junge Garde hat dann auf nicht sehr freundliche Weise die Alten mehr oder weniger rausgedr\u00e4ngt. Ende der 1970er, Anfang der 1980er kamen dann wirklich sehr viele interessante und auch kluge junge Leute, die mitmachen wollten, aber die versuchten dann immer so schreiben wie der Hartmut Bitomsky, oder wie der Harun Farocki. Und das geht halt nicht. Die sollen schreiben, wie sie selbst schreiben! Also die waren so am Sch\u00fcrzenzipfel unterwegs, das war einfach f\u00fcrchterlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und diese Text waren dann epigonal?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war epigonal und einfach unfertig. Also, es ist komisch. Die wollte alle gern, aber was gefehlt hat, war der Impetus: \u201eIch zeig den Alten jetzt mal, dass sie nicht mehr gebraucht werden!\u201c Das gab\u2019s nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und Ihre These w\u00e4re jetzt, wenn es das gegeben h\u00e4tte, dann h\u00e4tte die <em>Filmkritik<\/em> weiter existiert?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht. Ich meine, die Finanzprobleme sind die eine Sache, aber dass da tote Hose bei den Mitarbeitern ist, ist noch viel schlimmer. Der Volker Pantenburg hat nochmal viel sp\u00e4ter was probiert, der hat ja dann irgendwie die <em>Neue<\/em> <em>Filmkritik<\/em> erfunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ja, das war die <em>new filmkritik<\/em>, die u.a. von Pantenburg gemacht wurde. Die war online.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da hat die Susanne R\u00f6ckel auch ein paar Mal mitgearbeitet. Aber vielleicht kann man bestimmte Sachen auch nicht am Leben erhalten, wenn die Zeit daf\u00fcr nicht mehr ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie jetzt davon sprechen, dass sich die historischen Bedingungen ge\u00e4ndert haben, dann w\u00fcrde ich gern fragen, was Kino damals \u00fcberhaupt bedeutete. Dass die <em>Filmkritik<\/em> einging, liegt vielleicht auch daran, dass das Kino eine spezielle Kunstform war, die auch zeitlich gebunden war.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Zeiten der <em>Filmkritik<\/em> war nat\u00fcrlich das aktuelle Kino total wichtig, weil das war ja innovativ und interessant, Antonioni und Pipapo. Danach, in der zweiten Brigade, hat man sich dann auf historische Sachen besonnen, so \u00e4hnlich wie in den <em>Cahiers<\/em>, da hat man Sachen entdeckt, die vorher verp\u00f6nt waren: Alfred Hitchcock, Howard Hawks, John Ford, ich meine, Ford galt ja als schlimmer Faschist, weil er auch einen faschistischen Hauptdarsteller hatte. Zur Zeit von Enno Patalas und Frieda Grafe h\u00e4tte man die Nase ger\u00fcmpft bei solchen Sachen, das war ja das hinterletzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie kamen Sie eigentlich zu Ihrer ersten <em>Filmkritik<\/em>, also zum ersten Heft? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich zu Beginn meines Studiums in eine Wohngemeinschaft eingezogen bin, wohnte da auch der Eberhard Ludwig, mein heutiger Mann, und der war ja der Hersteller und heimlicher Chef der <em>Filmkritik<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Seit wann war er bei der <em>Filmkritik<\/em>? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der ist 1970 in die Filmkritik Kooperative eingetreten, glaube ich.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Und was bedeutet \u201eheimlicher Chef\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hat das Layout gemacht und er konnte sagen: \u201eJa, also, der Artikel hat leider nicht mehr reingepasst, das ging jetzt vom Layout nicht\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vom <em>Filmkritik<\/em>-Mitarbeiter J\u00fcrgen Ebert habe ich erfahren, dass, als die Redaktion 1969 die Filmkritiker-Kooperative gegr\u00fcndet hat, jedes Mitglied schreiben durfte, was es wollte. Das wurde vom Redaktionsstatut so geregelt. Und als Bitomsky und Farocki die <em>Filmkritik <\/em>Mitte der 1970er \u00fcbernommen haben, da wurden dann Texte auch mal abgelehnt?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also das gab\u2019s schon, dass Bitomsky, der war ja da sehr unverbl\u00fcmt, gesagt hat: \u201eSo\u2019n Schei\u00df habe ich ja noch nie gelesen\u201c. Dann hat der andere seinen Text nat\u00fcrlich freiwillig zur\u00fcckgezogen. Und in den anderen F\u00e4llen hat der Eberhard das dann diskret gesteuert, in dem er gesagt hat, da sei einfach kein Platz mehr im Heft. Aber man hat auch Texte abgedruckt, mit denen man nicht so einverstanden war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie selbst kamen dann Ende der 1970er selbst zur <em>Filmkritik<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Aber ich war ja nur die Mamsell vom B\u00fcro (lacht). Ich habe vorher im Verlag gearbeitet und davor in einer Strickfabrik in der Lohnbuchhaltung, und Kundenbuchhaltung gelernt, was sehr n\u00fctzlich war f\u00fcr die <em>Filmkritik<\/em>. Und unser Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer musste dann aufh\u00f6ren, weil er nicht mehr zu Potte kam mit den Problemen, dass das mit dem Geld nicht geklappt hat, und dass dann \u00fcberhaupt nichts geklappt hat. Sie brauchten einen Ersatz. Und dann habe ich gesagt, mit meinen Studentenerfahrungen kann ich den Job machen. Ich wollte aber nicht als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer fungieren, sondern als Sekret\u00e4rin. Dann kann man n\u00e4mlich sagen, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung liegt in den H\u00e4nden des Vorstands, bei Bitomsky, Ludwig und Farocki, und wenn ich ans Telefon gehe, sag ich:e \u201eGr\u00fc\u00df Gott, ich bin nur das Fr\u00e4ulein vom Amt, was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c (lacht) Und ich habe ja auch nichts anderes gemacht, Buchhaltung, die Hefte verschicken, solche Sachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Als sie kamen, gab es ja keine anderen weiblichen Mitarbeiter.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ne, die einzige war die Susanne R\u00f6ckel. Frieda Grafe war ja Ende der 1960er, Anfang der 1970er die letzte gewesen. Dann war Ende mit Frauen. Und Ende der 1970er, als ich ins Sekretariat ging, kam auch die Susanne als Autorin dazu. Bei unserem sogenannten Nachwuchs waren aber dann ein paar Frauen dabei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>K\u00fcrzlich ist Inge Classen verstorben, sie geh\u00f6rte ja auch dazu.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich habe sie leider nie getroffen. Ich wollte immer mit ihr sprechen, doch dann stand k\u00fcrzlich eine kleine Todesanzeige in der <em>FAZ<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gab noch die zwei Lange-Schwestern, Brigitta und Marion. Der <em>Filmkritik<\/em>-Mitarbeiter J\u00f6rg Becker ist heute mit der einen Lange-Schwester verheiratet. Und die andere Lange-Schwester war damals die Geliebte von <em>Filmkritik<\/em>-Mitarbeiter Peter Nau. Und dann gab es noch die Ingemo Engstr\u00f6m.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Woran lag es, dass es so wenige Mitarbeiterinnen gab?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das liegt daran, dass unsere Gesellschaft so strukturiert ist. Auch in der Kultur. Das ist jetzt nichts <em>Filmkritik<\/em>-spezifisches. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Frauen, die sich f\u00fcr Film interessiert haben, jetzt nicht unbedingt \u00fcber Film reflektiert haben und schreiben wollten, sondern dann selber Filme machten, ich denke da an Chantal Ackerman et cetera pp. Die wollten halt nicht schreiben, die wollten ihre Projekte realisieren. Ingemo war ja auch eher daran interessiert, Hefte \u00fcber ihre eigenen Filme zu machen. Eine gute Freundin von Frieda Grafe war die Agn\u00e8s Varda. Die ist auch noch fit mit ihren 92 Jahren. Wenn sie Kontakt aufzunehmen versuchen, die w\u00e4re sicher gespr\u00e4chsbereit. Und die kannte die Frieda schon seit ewigen Zeiten, und die w\u00fcsste sicher viel.<\/p>\n<p><strong>Wann haben Sie eigentlich Frieda Grafe kennengelernt?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe Frieda kennengelernt als sie uns in den fr\u00fchen 1980ern ein paarmal im B\u00fcro besucht hat, wo sie sich Jean-Luc Godards <em>France\/tour\/d\u00e9tour\/deux\/enfants<\/em> (1978) auf dem Videorecorder angeschaut hat. Und nachdem wir uns da kennengelernt haben, habe ich sie immer wieder zuhause besucht. Und wir haben uns dann immer \u00fcber Gott und die Welt unterhalten. Meistens nicht \u00fcber Film. Eher \u00fcber Marmeladenrezepte (lacht).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das finde ich jetzt interessant.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich sp\u00e4ter im Verlag gearbeitet habe, hat Frieda f\u00fcr mich auch ein Buch \u00fcbersetzt. <em>Das Alice B. Toklas Kochbuch <\/em>(1994). Da sind zwar viele Kochrezepte drin, aber Toklas erz\u00e4hlt eigentlich ihre Lebensgeschichte mit Gertrude Stein in Frankreich. Das ist also ihre Biografie. Und das war ein Buch, das Frieda immer sehr gesch\u00e4tzt hat. Und sie hat es dann sogar geschafft, den Wolfram Siebeck dazu zu bringen, dass er ein Nachwort schreibt, was ja immer ein Verkaufsargument ist. Aber der Verleger hat gesagt: \u201eNe\u201c. Er meinte: \u201eWissen Sie, Frau Walz, das Buch hat nur 5000 DM Rechte gekostet.\u201c Was nichts kostet, ist nichts wert. Und dann hat er es so lang auf Halde liegen lassen bis die Agentur gesagt hat, okay, wir haben jetzt einen neuen Interessenten, dann kriegt der es. Daraus wurde dann ein h\u00e4ssliches Coffeetable, mit Paris-Fotos, saubl\u00f6d, daf\u00fcr ist es nicht gemacht. Aber das Sch\u00f6ne daran war, dass Frieda und Enno nochmal Geld gesehen haben, weil ich dann zum neuen Verleger gesagt habe, es w\u00e4re schon nett, wenn er denen zumindest nochmal die H\u00e4lfte vom \u00dcbersetzerhonorar zahlen w\u00fcrde f\u00fcr die neue Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie das Schreiben Grafes beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie denkt sehr \u00fcber den Stil nach und \u00fcber die Ordnung der W\u00f6rter. Sie ist sehr akribisch. Sie war jedenfalls sehr sprachsensibel. Sie geh\u00f6rt nicht zu denen die sagen, ich wei\u00df nicht, was das hei\u00dft, dann schreibe ich jetzt einfach irgendwas hier hin. Sie geht dann sehr in die Tiefe. Sehr gr\u00fcndlich. Sie hat mir mal erz\u00e4hlt, dass sie geb\u00fcrtige Westf\u00e4lin ist, und das erkl\u00e4rt nat\u00fcrlich auch viel \u00fcber ihren Charakter. Die Menschen dort sind ja sehr nachdenklich, gehen sehr in sich, sind jetzt nicht unbedingt Bruder Lustig. Also sie konnte fr\u00f6hlich sein, aber sie war eben nicht so ein Scherzkeks.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Keine Rheinl\u00e4nderin also.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ne, das Gegenteil. Und sie hat immer auch die westf\u00e4lische K\u00fcche geliebt, die ja sehr, sehr schwer ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich wundere mich immer wieder dar\u00fcber, warum Schreiben \u00fcber Film und Schreiben \u00fcbers Kochen bei Frieda Grafe so eng zusammenh\u00e4ngen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, komisch, gell?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das ist bei vielen so, die sich schreibend mit Kino befassen. Uwe Nettelbeck ist auch so ein Fall, der hat auch total tolle Texte \u00fcbers Kochen geschrieben. Und Sie selbst geh\u00f6ren ja auch in diese Reihe. Sie haben ja das Buch <em>Lachen \u00e0 la carte <\/em>(1983) herausgegeben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ach ja, das kennen Sie? (lacht) Da hatte ich \u2019ne tolle Rezension im <em>Feinschmecker<\/em>, da hie\u00df es n\u00e4mlich, das sei die erste witzige Anekdotensammlung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00dcbers Kochen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ne, \u00fcberhaupt (lacht). Sonst sind es ja immer \u00c4rzteanekdoten, Politikeranekdoten, Juristenanekdoten, bei denen man sagt, oh nee, die will ich nicht schon wieder h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich frage mich, wie geht das zusammen, Schreiben und Kochen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schreib ja nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Genau, aber das ist vielleicht der springende Punkt. Sie \u00fcbersetzen. Es geht um \u00dcbersetzung!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, das stimmt. Frieda Grafe hat ja auch gern \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ja, bei ihr ist das Kochen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2026 ist das Kochen auch ein \u00dcbersetzen, n\u00e4mlich das, was ein anderer sich ausgedacht hat und gekocht hat. Das guckt man sich an. Und man sagt, ich probier\u2019s aus, ob ich das auch kann. Das ist ja auch ein \u00dcbersetzen, das geht dann schon zusammen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ist die \u00dcbersetzung eines Rezepts in die Wirklichkeit sozusagen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2026in die Realisierung. Jetzt passt das Wort endlich mal (lacht). Statt dass man sagt, ich realisiere ja, was sie meinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und beim Film? Wie ist das da?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was beim Schreiben \u00fcber Film das \u00dcbersetzen ist? Ja, dass man aus der Filmsprache jetzt eine verbale Sprache macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es geht also um eine sprachliche \u00dcbersetzung. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung von einem Bild ins Gesprochene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Au\u00dferdem geht es ja stark um den sinnlichen Reiz, also des Essens und des Filmeschauens.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frieda hat bei der \u00dcbersetzung des <em>Alice B. Toklas Cook Book<\/em> jedes einzelne Rezept nachgekocht. Ich war sehr beeindruckt davon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch die Haschkekse?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles. Die Haschkekse hat meine Schwester auch mal gemacht, und meine j\u00fcngste Schwester hat davon auch probiert. Die war dann ziemlich high.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mein erster Versuch, ein Rezept aus dem Buch zu realisieren, war dieser franz\u00f6sische Kuchen, der mit L\u00f6ffelbiskuit gemacht wird, wie hei\u00dft der noch?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, die Charlotte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Genau, die Charlotte. Aber die ist mir v\u00f6llig missgl\u00fcckt.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rezepte sind nicht alle gut, die sind zu schwer, zu altmodisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>PS: Ein paar Tage nach unserem Gespr\u00e4ch schickte mir Melanie Walz ein Charlottenrezept per Mail:<\/em><\/p>\n<p><em>Erdbeer- oder Himbeercharlotte (nach Len\u00f4tre): Vanillesauce aus 1\/4 l Milch mit 3 Eigelb, 1\/2 Vanilleschote (nur das Mark) und 75 g Zucker \u2013 Milch aufkochen, Vanilleschote gespalten einlegen (oder gleich nur das Mark), 10 Minuten ziehen lassen und etwas ausk\u00fchlen lassen, Eigelb mit Zucker schaumig schlagen, mit lauwarmer Milch gut mischen, unter stetigem R\u00fchren vorsichtig erw\u00e4rmen (darf nicht kochen), wenn genug angedickt, in kaltem Wasser abk\u00fchlen (dauert etwa eine halbe Stunde). \u2013 2 Blatt Gelatine, Erdbeere- oder Himbeersauce aus 500 g Fr\u00fcchten (mit 300 g Zucker mixen oder gr\u00fcndlich zermantschen), 200 g Schlagsahne (mit 1 EL Vanillezucker geschlagen, bis fest), L\u00f6ffel-Biskuits, Zucker, 200 g frische Beeren, 1 Kastenform. \u2013 Vanillesauce bereiten, solange noch warm, die in kaltem Wasser eingeweichte Gelatine einr\u00fchren. Sauce abk\u00fchlen. Sahne aufschlagen und unter die abgek\u00fchlte Vanillesauce geben. \u2013 W\u00e4nde der Kastenform mit Butter einstreichen und mit den unten abgeschnittenen L\u00f6ffelbiskuits rundum auskleiden. Boden der Form mit Zucker bestreuen. Die Form abwechselnd mit der Vanillemasse und frischen zerkleinerten Beeren bis oben f\u00fcllen. Zwei Stunden im K\u00fchlschrank ziehen lassen. Dann ganz kurz in hei\u00dfes Wasser tauchen, damit der Zucker am Boden der Form sich verfl\u00fcssigt, und auf eine Platte st\u00fcrzen. Etwas \u00fcbrige Fruchtsauce auf die Charlotte tr\u00e4ufeln, den eventuellen Rest der Sauce separat servieren.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[490],"class_list":["post-7050","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-philipp-goll"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7584,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7050\/revisions\/7584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}