{"id":7018,"date":"2021-02-23T00:32:16","date_gmt":"2021-02-22T23:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=7018"},"modified":"2021-02-23T15:35:09","modified_gmt":"2021-02-23T14:35:09","slug":"wir-flotten-schneefeger","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/wir-flotten-schneefeger\/","title":{"rendered":"Wir flotten Schneefeger"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7018?pdf=7018\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7018?pdf=7018\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div id=\"attachment_7019\" style=\"width: 930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7019\" class=\"size-medium wp-image-7019\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-920x517.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"517\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-920x517.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-1440x809.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-550x310.jpg 550w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-1536x863.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-2048x1151.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-920x517@2x.jpg 1840w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Akropolis_Schneefeatured-550x310@2x.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><p id=\"caption-attachment-7019\" class=\"wp-caption-text\">16. Februar 2021, Foto: Stefanie Peter<\/p><\/div>\n<p>Wer dieser Tage Post aus Nowosibirsk bekommt, wird naturgem\u00e4\u00df Auskunft \u00fcber das Wetter erhalten. Seine Freunde in der Ferne \u00fcber Temperaturen und Schneeh\u00f6he ins Bild zu setzen geh\u00f6rt zum sibirischen Neujahrsgru\u00df dazu wie V\u00e4terchen Frost und Snegurotschka. In diesem Jahr \u2013 so liest man beruhigt in einer Email aus Nowosibirsk \u2013 ist es mit minus 10 Grad angenehm warm; ja genau richtig, um im Park Langlaufski zu fahren oder den kurzen Weg zum Supermarkt in ge\u00f6ffneter Daunenjacke zur\u00fcckzulegen \u2013 nat\u00fcrlich vorausgesetzt, es weht kein Wind. Dass die Wetterberichte der Sibirier an die Bewohner gem\u00e4\u00dfigterer Klimazonen immer eine Portion Stolz enthalten, versteht jeder, der einmal zwischen Ob und Jenissei \u00fcberwintert hat. Denn gerade jetzt, in der kalten Jahreszeit, zeigt dieser Landstrich sein sch\u00f6nstes Gesicht. Schnee ist hier der h\u00e4ufigste Niederschlag und seit November scheint die Welt unter einer manchmal meterhohen Decke begraben zu sein. Die Einheimischen f\u00fchren tagt\u00e4glich vor, wie sich das Leben unter Extrembedingungen meistern und dabei zugleich in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen l\u00e4sst. In Nowosibirsk f\u00fchrt Frost nicht zu Stillstand und Abstumpfung, sondern zu einer erh\u00f6hten Lebensintensit\u00e4t. Die K\u00e4lte setzt Energie frei.<\/p>\n<p>Die Aufmerksamkeit beginnt bereits am Morgen. Wer sich vor dem Verlassen des Hauses vergewissern m\u00f6chte, wie kalt es ist, wird nicht aufs Au\u00dfenthermometer schauen oder auf sein Smartphone, sondern aus dem Fenster: Gehen die Menschen drau\u00dfen sehr schnell, so sollte man sich ebenso warm anziehen, denn dann verspricht es, eisig zu werden. Gehen sie im normalen Tempo oder schlendern sogar, dann kann man beruhigt sein, denn mehr als 10 Grad unter null sind nicht zu erwarten. Das sichere Gehen auf Schnee und Eis geh\u00f6rt zu den ersten \u00dcberlebenstechniken, die bei Einbruch des Winters aktiviert werden m\u00fcssen. Sp\u00e4testens im Februar reichen rutschfeste Sohlen unter den Schuhen dazu nicht mehr aus, spitze Abs\u00e4tze leisten oft bessere Dienste. Der Schnee ist dann in die Stadt hineingewachsen und hat eine wilde Topografie aus T\u00fcrmen, Mauern, Treppen und Gebirgsz\u00fcgen von alpiner Schroffheit entfaltet. Die ganze Stadt ist w\u00e4hrend der Wintermonate h\u00f6hergelegt. Es ist ein Gel\u00e4nde mit neuem Wegesystem entstanden, das neben Orientierungssinn auch einigen Mut beim Beschreiten und Befahren von Buckelpisten verlangt. Der Bewegungsradius ist eingeschr\u00e4nkt. Gewohnte Abk\u00fcrzungen sind pl\u00f6tzlich nicht mehr passierbar, daf\u00fcr f\u00fchren neue Trampelpfade an Orte, die man bisher noch gar nicht wahrgenommen hat. Der Schnee hat eine steinerne Konsistenz. Und weil er wirkt, als wolle er f\u00fcr immer bleiben, beginnt man, ihn zu respektieren und seine Formationen und Schichten zu studieren. Die Arbeit der Schneefeger wird dar\u00fcber zum allt\u00e4glichen Anblick. Mit Sto\u00dfscharren und Schaufeln wird Gefrorenes und Festgetretenes fachkundig von den Gehwegen gel\u00f6st, mit Baggern oder per Hand auf LKWs geladen, an den Stadtrand verfrachtet und dort zu Bergen aufget\u00fcrmt.<\/p>\n<p>An prominenten Pl\u00e4tzen im Zentrum machen sich Eisbildhauer ans Werk und schaffen ganze Skulpturenparks aus M\u00e4rchenfiguren, Wappentieren und anderen Wahrzeichen, die tags\u00fcber im Sonnenlicht strahlen und glitzern. Diesmal haben sie sogar die Tram Nr. 13 verewigt, eine Nowosibirsker Stra\u00dfenbahn, die wegen h\u00e4ufiger Verwicklung in Verkehrsunf\u00e4lle als \u201etraurigste Stra\u00dfenbahn\u201c in die st\u00e4dtische Mythologie eingegangen ist.<\/p>\n<p>Im Winter wird das Leben in Sibirien von einem Hauptunterschied gepr\u00e4gt: dem zwischen Drau\u00dfen und Drinnen. Wer einmal bei eisigem Steppenwind durch die zentnerschweren Glast\u00fcren am Eingang zur Nowosibirsker Metrostation \u201eLeninplatz\u201c gegangen ist, wei\u00df, wie dieser Kontrast sich anf\u00fchlt. Um sie zu \u00f6ffnen, muss man sich mit dem ganzen K\u00f6rpergewicht dagegenstemmen und anschlie\u00dfend sehr aufpassen, dass die T\u00fcr, wenn sie wieder zur\u00fcckschwingt, niemandem entgegenschl\u00e4gt. Warum die T\u00fcren so schwer sind und ihr Schwung durch keinen Mechanismus gebremst wird, will einem zuerst nicht recht einleuchten und viele Male verflucht man die vermeintliche Fehlkonstruktion. Sie hat jedoch einen Sinn: Nur so lassen sich Wind und K\u00e4lte abhalten und die W\u00e4rme im U-Bahngeb\u00e4ude speichern.<\/p>\n<p>Bei Autos funktioniert das Aufw\u00e4rmen anders. Hier lassen die Fahrer den Motor oft schon von der Wohnung aus per Fernbedienung anspringen und eine Zeitlang warmlaufen, um dann gem\u00fctlich loszufahren. PKWs, die wie Geisterautos mit dampfendem Auspuff aber ohne Insassen am Stra\u00dfenrand oder auf Parkpl\u00e4tzen stehen, sind im sibirischen Winter ein Anblick, der niemanden aus der Ruhe bringt.<\/p>\n<p>Was die Winterkleidung angeht, so ist in den letzten Jahren selbst in Nowosibirsk der langsame Abschied vom Pelzmantel zu beobachten. Nat\u00fcrlich gibt es immer noch zahlreiche j\u00fcngere und \u00e4ltere Damen, die in Nerzen, F\u00fcchsen und Lammfellen den Krasny Prospekt entlang und durch Shopping-Malls stolzieren, aber die Daune ist auch hier \u2013 in M\u00e4nteln wie Jacken \u2013 eindeutig auf dem Vormarsch. Allein an der Operngarderobe werden weiterhin \u00fcberdurchschnittlich viele Pelzm\u00e4ntel abgegeben. Sie sch\u00fctzen die Tr\u00e4gerinnen hauchd\u00fcnner Abendkleidchen immer noch am besten gegen den Frost.<\/p>\n<p>Je unwirtlicher und menschenfeindlicher die Au\u00dfentemperatur, desto geringer die Bereitschaft, hinauszugehen. Jedem Schritt vor die T\u00fcr geht eine strenge Kosten-Nutzen-Pr\u00fcfung voraus. In den Innenr\u00e4umen, hinter den grauen und gekachelten Fassaden der Wohnt\u00fcrme und Plattenbauten, erschaffen sich die Nowosibirsker k\u00fcnstliche Paradiese, Wohnzimmer mit flauschigen Teppichen, Springbrunnen und tropischen Pflanzen. Eine wetterbedingte Form des Eskapismus. Es wird dann viel und gern geschlafen. Wer sich aufs Ohr legen m\u00f6chte, muss sich nicht rechtfertigen. Schlafen wird toleriert, denn K\u00e4lte macht m\u00fcde, und wenn sie andauert fallen viele in einen regelrechten Winterschlaf. Es wird Tee getrunken und dazu Warenje gegessen, eine d\u00fcnnfl\u00fcssige Marmelade mit ganzen Fr\u00fcchten. Die aus eingekochten Tannenzapfen z\u00e4hlt zu den geschmacklich intensivsten Varianten. Herbs\u00fc\u00df, harzig schmeckt die purpurrote Fl\u00fcssigkeit und beim Zerkauen eines Zapfens kommt es einem vor, als h\u00e4tte man den ganzen Kiefernwald im Mund. Wer nicht raus kann in die Tajga, der holt sich die Tajga so ins Haus.<\/p>\n<p>Ein sicheres Rezept gegen K\u00e4lte ist ein Gang in die Banja. F\u00fcr gestresste Berufst\u00e4tige gibt es im mitten im Stadtzentrum die \u201eBotschkas\u201c, das sind Zedernholzf\u00e4sser aus dem Altaj-Gebiet, in denen jeweils eine Person sitzen und im Dampf erlesener Kr\u00e4uter zwanzig Minuten schwitzen kann, wobei der Kopf im Freien bleibt. Es folgen eine R\u00fcckenmassage und eine Ruhephase. Wer nach einer solchen Behandlung wieder in die K\u00e4lte des Abends hinaus tritt, f\u00fchlt sich stark wie ein Baum. Beim traditionellen Verfahren, das urspr\u00fcnglich aus Chakassien stammt, wird der Dampf mittels Schl\u00e4uchen in das Holzfass hineingepumpt. Die Nowosibirsker \u201eBotschka\u201c liegt in einem Keller in der Oktjabrskaja-Stra\u00dfe mit einem kaum sichtbaren Firmenschild, daf\u00fcr aber einer \u00dcberwachungskamera \u00fcber der eisernen Eingangst\u00fcr. Manchmal sitzen hier drei oder vier Personen gleichzeitig in ihren F\u00e4ssern, abgetrennt nur durch Stoffvorh\u00e4nge. Das Ganze wirkt so l\u00e4ndlich, dass man sich fragt, ob man noch immer in Russlands drittgr\u00f6\u00dfter Stadt ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr unsere Psyche zutrifft, gilt auch f\u00fcr St\u00e4dte: das Vergangene wird stets bearbeitet und umgewandelt, kann aber nie ganz ausgel\u00f6scht werden. Nowosibirsk ist aus einem Dorf entstanden, aus einem Lager von Ingenieuren und Arbeitern, die vor 125 Jahren anfingen, eine Br\u00fccke \u00fcber den Ob zu bauen. Hier, an seiner schmalsten Stelle, sollte die Transsibirische Eisenbahn den Fluss \u00fcberqueren. Schon damals bedurfte es gewaltiger Kraftanstrengungen, mussten Kulturtechniken entwickelt werden, um in der K\u00e4lte zu bestehen. Diese historischen Erfahrungen haben sich im Ged\u00e4chtnis und in der materiellen Struktur von Nowosibirsk sedimentiert und wirken in den Einstellungen und Gewohnheiten der Einheimischen fort. Zwar sind die Holzh\u00e4user aus der Gr\u00fcnderzeit bis auf wenige Exemplare abgerissen und wird die Skyline l\u00e4ngst von Hochh\u00e4usern dominiert. F\u00e4hrt man aber die Hauptverkehrsader, den Krasny Prospekt, entlang, in dessen N\u00e4he immer noch alle wichtigen Verwaltungsgeb\u00e4ude, Kultureinrichtungen, Gesch\u00e4fte und Caf\u00e9s angesiedelt sind, so blickt einem jenes Stra\u00dfendorf entgegen, aus dem die heutige Metropole gewachsen ist.<\/p>\n<p>Auch das Gef\u00fchl, hier an der Peripherie, im Exil zu sein, verschwindet nie ganz. \u201eWie klein und nichtig sind seine Missetaten, seine Leiden und er selbst im Vergleich zu der gewaltigen Taiga! Wenn er hier in der Tajga zugrunde geht, so ist das nicht erstaunlicher und nicht schrecklicher als der Untergang einer M\u00fccke\u201c, schrieb Tschechow in seinen sibirischen Reisenotizen \u00fcber einen Fl\u00fcchtling, den er am Wegesrand sah. Gerade im Winter, angesichts von K\u00e4lte und Eis, tritt das Gef\u00fchl der Verlorenheit einmal mehr hervor.<\/p>\n<p>Erst im April, wenn die Strahlkraft der Sonne st\u00e4rker wird und die Temperaturen wieder \u00fcber Null steigen, werden sich die Schneemassen in Schlamm verwandeln. Der Asphalt ist aufgebrochen vom harten Winter, man watet durch metertiefe Pf\u00fctzen, Sturzb\u00e4che ergie\u00dfen sich aus Dachrinnen und \u00fcberfluten Stra\u00dfen und B\u00fcrgersteige. Was bis vor kurzem noch wei\u00df geglitzert hatte ist nun graubraun und fahl. Ist alles getrocknet und der Matsch verschwunden, steht man pl\u00f6tzlich in einer staubigen Steinw\u00fcste. Die Sonne brennt, die Luft nimmt den Atem. Doch dann beginnen explosionsartig die B\u00e4ume zu bl\u00fchen, und der Sommer ist wieder da. Nowosibirsk wird vom Wetter regiert. Das Wetter ist Gespr\u00e4chsthema, Ausrede und Erkl\u00e4rung f\u00fcr alles M\u00f6gliche. Es zwingt die Menschen in die Kreisl\u00e4ufe der Natur und erzeugt eine Art des Wir-Gef\u00fchls, das den Bewohnern gem\u00e4\u00dfigterer Klimazonen unbekannt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[488],"class_list":["post-7018","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-stefanie-peter"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7022,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/7018\/revisions\/7022"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=7018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}