{"id":6887,"date":"2021-02-23T00:36:10","date_gmt":"2021-02-22T23:36:10","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=6887"},"modified":"2021-02-23T15:35:36","modified_gmt":"2021-02-23T14:35:36","slug":"technisches","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/technisches\/","title":{"rendered":"Technisches"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6887?pdf=6887\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6887?pdf=6887\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Vom Faustkeil Andr\u00e9 Leroi-Gourhans bis zum Hammer Martin Heideggers standen Theorien des Technischen immer schon in einer extrem engen Verbindung zum Dinglichen. So scheint sich vielmehr die Frage zu stellen, ob es das Technische jenseits seiner materiellen Gegebenheit, seiner allt\u00e4glichen Zuhandenheit und seiner komplexen Verwobenheit mit dem menschlichen K\u00f6rper \u00fcberhaupt geben kann. Ich werde dieser Frage und seinen Implikationen am Beispiel eines zumindest auf den ersten Blick eher untechnischen Dings nachgehen, der Zeit: Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verhinderten idealisierte Konzepte von Zeit, dass diese genau und nur zu dem werden konnte, was sich mithilfe von Uhren erzeugen l\u00e4sst. Bekanntlich radikalisierte erst Albert Einstein das Gemachtsein von Zeit als fundamentales Prinzip der Physik, n\u00e4mlich als strikt relatives, beobachterabh\u00e4ngiges Ph\u00e4nomen. Damit sind die Pole markiert, die unser Denken von Zeit aufspannen: reine Anschauungsform auf der einen Seite, technisches Produkt auf der anderen Seite. Vor diesem Hintergrund werde ich im Folgenden die Technisierungs- und Rationalisierungsgeschichte der Zeit als materielles Kulturprodukt des Mittelalters rekapitulieren, um hieraus Antworten auf die Frage zu entwickeln, inwiefern sich technische Gegenst\u00e4nde von anderen Dingen unterscheiden.<\/p>\n<div id=\"attachment_7003\" style=\"width: 930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7003\" class=\"wp-image-7003 size-medium\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-920x869.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"869\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-920x869.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-1440x1360.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-1536x1451.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-2048x1934.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/t06-spindel-waag1-1-920x869@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><p id=\"caption-attachment-7003\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: <a href=\"https:\/\/fischertechnikgeschichte.files.wordpress.com\/2016\/12\/t06-spindel-waag1.jpg\">https:\/\/fischertechnikgeschichte.files.wordpress.com\/<\/a><\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>R\u00e4deruhr und Weltmaschine<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der Technisierung der Zeit im Mittelalter ist vielfach erz\u00e4hlt worden. So trifft der prim\u00e4r agrikulturell gepr\u00e4gte temporale Ordnungsrahmen jahreszeitlicher Rhythmen und Zyklen in der zweiten H\u00e4lfte des 14. Jahrhunderts auf eine neue Technologie, auf den Prototypen aller Maschinen: die R\u00e4deruhr. Innerhalb dieser Erz\u00e4hlung wird die funktionale Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften mit ihren hoch komplexen Interaktions\u2011 und Produktionsprozessen durch eine s\u00e4mtliche Lebensbereiche durchdringende, synchrone Zeitordnung m\u00f6glich. Die R\u00e4deruhr als zentrales technisches Moment dieser neuen Ordnung verwandelt sich damit selbst von einem blo\u00dfen Werkzeug zur Messung von Zeit in eine Maschine zur Generierung von Zeit im Sinne Lewis Mumfords.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich wirft eine derart zugespitzte Erz\u00e4hlung eine ganze Reihe von Fragen auf. Dabei gilt es zun\u00e4chst dem technikdeterministischen Grundverdacht zu begegnen, dass es nicht die Uhren selbst sein k\u00f6nnen, \u201edie die Zeit ver\u00e4ndern.\u201c (Dux: 2017) Denn Techniken der Zeitmessung in Gestalt von Gnomon, Sanduhr oder Klepsydra gab es ebenso wie die horae aequinoctiates bereits seit der Antike. Insofern generiert die R\u00e4deruhr nicht einfach die Zukunft einer neuen Temporalit\u00e4t, sie ist vielmehr als technischer Entwurf zugleich ihre eigene Gegenwart. Die Welt ist nicht nach der R\u00e4deruhr eine andere, sondern innerhalb der sich stark ver\u00e4ndernden Welt des Mittelalters verwandelt sich auch die Uhr vom Werkzeug in eine Maschine.<\/p>\n<p>Womit die \u00fcberaus schwierige Frage in den Blick ger\u00e4t, inwiefern technische Differenzen als historische Differenzen zu verstehen sind. Ist es wirklich legitim, Geschichte entlang technischer Errungenschaften zu erz\u00e4hlen, oder ist das Verh\u00e4ltnis von Zeit und Technik nicht ein viel komplexeres? Um diese Frage genauer diskutieren zu k\u00f6nnen, soll zun\u00e4chst der Mechanismus der R\u00e4deruhr genauer analysiert werden. Entscheidend f\u00fcr die Technik der R\u00e4deruhr ist die Koppelung von Z\u00e4hlen und Messen. W\u00e4hrend das Messen von Zeit grunds\u00e4tzlich analog geschieht \u2013 der Schatten des Gnomons wandert kontinuierlich \u00fcber den Boden, weil die Zeit f\u00fcr den Menschen unaufhaltsam dahinzustr\u00f6men scheint \u2013, ist Z\u00e4hlen eine prinzipiell digitale Operation. Eine Zahl muss sich faktisch von einer anderen unterscheiden, wobei die Token, mit denen die Praxis des Z\u00e4hlens durchgef\u00fchrt wird, Finger, Kerben oder Zahnr\u00e4der, aber eben kein Wasser und kein Sand sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zum entscheidenden technischen Element wird damit die Hemmung, also das mechanische Ineinandergreifen einer kontinuierlichen Drehbewegung und einer diskontinuierlichen Schwingungsbewegung. Bei den fr\u00fchen R\u00e4deruhren ist dies das Foliot oder die Balkenwaag: Das von einem Gewicht in Drehung versetzte Kronrad greift abwechselnd in zwei an einer Spindel befestigte Lappen ein, wodurch ein auf die Spindel gesetzter Balken hin und her gesto\u00dfen wird. Das Tr\u00e4gheitsmoment des Balkens erlaubt eine Regulierung des Uhrengangs auf etwa 15 Minuten Abweichung pro Tag. Diese sich in der Hemmung vollziehende \u00dcbersetzung einer kontinuierlichen in eine diskontinuierliche Bewegung k\u00f6nnte man nun auch als eine \u00dcbersetzung zwischen dem Realen und dem Symbolischen interpretieren: Zwar sehen wir die Zeit nach wie vor kontinuierlich und zyklisch auf dem Kreisrund des Ziffernblatts verflie\u00dfen, aber kommunizierbar wird sie als exakt abz\u00e4hlbare Menge von diskontinuierlichen Bewegungsmomenten, die in ihrer Summe eine bestimmte Zeitdauer bedeuten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Technik und Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Zeit wird im sp\u00e4ten 14. Jahrhundert also zu einem Gegenstand, der genau wie jedes andere Ding abz\u00e4hlbar, kalkulier- und teilbar ist. Zeit wird zu einem technischen Ding und damit zugleich zu etwas, \u00fcber das sich mit Martin Heidegger reden und verhandeln l\u00e4sst. Damit steht die Uhr als konkrete Technik im Kontext einer zunehmenden Komplexion und Abstraktion urbaner Lebenswelten. Vermittelt \u00fcber die R\u00e4deruhr, reiht sich die Zeit buchst\u00e4blich in die sozialen Zeichensysteme vor allem von \u00d6konomie und Infrastruktur ein. Die R\u00e4deruhr kann Zeit also genau deshalb in einen teilbaren Gegenstand verwandeln, weil sie in eine breite Kultur des Teilens und Handelns eingebettet ist: \u201eDie Erfindung des Menschen ist die Technik. Sowohl als Objekt wie als Subjekt.\u201c (Stiegler: 2009)<\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich nun vor diesem Hintergrund das Verh\u00e4ltnis von Technik und Zeit genauer fassen? Wenn mit und in der Uhr Zeit zu einem technischen Ding wird, so bedeutet dies nichts anderes, als dass \u00fcber die Koppelung von Zeit und Zahl eine enorme Vielfalt von Kulturtechniken der Synchronisation erm\u00f6glicht werden:<\/p>\n<blockquote><p>Alle technischen und gelehrten Vorteile h\u00e4tten freilich wenig bewirkt, w\u00e4re die Umstellung nicht zugleich der Mentalit\u00e4t von Stadtb\u00fcrgern entgegengekommen. Ihre Tagesarbeit, immer \u00f6fter durch Werkzeuge terminiert und durch Geldzahlung entlohnt, sollte innerhalb der Stadtmauern kalkulierbar und kontrollierbar, mithin gleichf\u00f6rmig sein. (Borst: 1999)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ersetzen wir an dieser Stelle den von Arno Borst verwendeten Begriff der Gleichf\u00f6rmigkeit durch den der Synchronisation, deutet sich bereits f\u00fcr das Mittelalter eine auf der Technisierung von Zeit basierende Kulturtechnik an, deren kulturelle Wirkm\u00e4chtigkeit noch heute, im Zeitalter omnipr\u00e4senter Nachrichten und Bilder, \u00fcberrascht wie schockiert.<\/p>\n<p>Synchronisation l\u00e4sst sich aber, und dies f\u00fchrt zum entscheidenden Argument dieses Beitrags, auch auf einer zweiten Ebene beobachten, n\u00e4mlich im Begriff des Technischen selbst. Wenn n\u00e4mlich die Technisierung von Zeit \u00fcber das Medium der Uhr mit der Produktion von temporaler Ordnung verbunden ist, dann bedeutet diese Form der Hegung von Kontingenz nichts anderes, als dass sich die Gegenwart in der Fiktion ihres eigenen Entwurfs befindet. Zuk\u00fcnftige Ereignisse werden durch Technik im Modus einer stabilen, verl\u00e4sslichen und gleichf\u00f6rmigen Temporalit\u00e4t vorweggenommen. Sie sind als Erwartetes gewisserma\u00dfen immer schon anwesend, weil sich das eigene Handeln auf das sicher Eintretende hin ausrichtet. Dabei tut die vom Technischen prinzipiell erwartete Kontingenzreduktion ihr \u00dcbriges, so dass hinter der Technisierung von Zeit das Wesen von Technik selbst aufscheint: die Verf\u00fcgbarmachung und Wirksamkeit des Zuk\u00fcnftigen in der Gegenwart. Die sich damit v.\u00a0a. im 19. Jahrhundert ereignende Verschr\u00e4nkung von Raum und Zeit sei hier nur angedeutet: Seither nehmen wir die Eisenbahn, um, wie im Fahrplan vorhergesagt, zu einer bestimmten Zeit das Ziel erreicht zu haben, nicht aber, um eine Reise anzutreten.<\/p>\n<p>In der Bewertung dieses Futurum exactum des Technischen l\u00e4sst sich nun entweder der Schwerpunkt st\u00e4rker auf die sichere Erwartung eines Zuk\u00fcnftigen oder auf die Wirksamkeit dieses Zuk\u00fcnftigen in der Gegenwart selbst legen. Letzteres wurde in j\u00fcngster Zeit vor allem durch Elena Esposito und Joseph Vogl prominent vertreten. So behandelt Esposito die Vorwegnahme als Gegenwart, also die technische Projektion wahrscheinlicher Zuk\u00fcnfte als bereits real, wodurch sich die Wirklichkeit verdoppelt. Vogl treibt diesen Gedanken insofern noch weiter, als f\u00fcr ihn die Gegenwart in ihrem fiktionalen Selbstentwurf auf die Zukunft als je schon seiende ihre Erwartungen best\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig von dem, was wirklich geschieht, korrigieren mu\u00df. Womit die Krise in der Gegenwart auf Dauer gestellt wird \u2013 das beste Beispiel hierf\u00fcr ist vielleicht der Klimawandel.<\/p>\n<p>Weder jedoch bei Esposito noch bei Vogl geht es um das Technische im engeren Sinne, allenfalls um Kulturtechniken des Schreibens (im Roman), um Algorithmen von Analysten (im Kapital) oder um metaphorische Maschinen (in der Phantasie). Ich m\u00f6chte an dieser Stelle mit Bernard Stiegler und Gilbert Simondon einen Schritt weitergehen:<\/p>\n<blockquote><p>Bleibt indessen herauszufinden, ob die Antizipation nicht <em>seit dem Ursprung konstitutiv in der Technizit\u00e4t<\/em> des Objektes <em>selber<\/em> situiert ist. (Stiegler: 2009)<\/p><\/blockquote>\n<p>Technologie, und hierf\u00fcr ist die Technisierung von Zeit im Medium der Uhr nur ein, allerdings ein f\u00fcr das Mittelalter entscheidendes Beispiel, sind technische Dinge samt ihrer korrespondierenden Praktiken, die ihre eigene Zukunft sind. Der technische Gegenstand generiert Zukunft, indem er diese in Gegenwart verwandelt. Entscheidend ist dabei, was Gilbert Simondon die Genese des technischen Objekts genannt hat: Durch das grunds\u00e4tzliche Versprechen der Evolution wird ein technischer Gegenstand in seinem Gebrauch zwangsl\u00e4ufig zu seiner eigenen Vergangenheit: Eine Uhr zeigt die Zeit an und wird sie morgen genauer anzeigen k\u00f6nnen; eine Uhr ist dieses konkrete technische Objekt und zugleich die ihr folgende, genauere und komplexere Uhr. Und indem wir diesen einen technischen Gegenstand verwenden, vertrauen wir zugleich auf den n\u00e4chsten, den n\u00e4chsten und den n\u00e4chsten Gegenstand. Technologie ist eine Kette technischer Dinge, und genau dadurch sind diese immer schon ihre eigene Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[483],"class_list":["post-6887","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-christian-kassung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7007,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6887\/revisions\/7007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}