{"id":6712,"date":"2021-02-23T00:46:03","date_gmt":"2021-02-22T23:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=6712"},"modified":"2021-02-23T15:36:49","modified_gmt":"2021-02-23T14:36:49","slug":"religioese-medien-des-fruehen-mittelalters","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/religioese-medien-des-fruehen-mittelalters\/","title":{"rendered":"Religi\u00f6se Medien des fr\u00fchen Mittelalters"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6712?pdf=6712\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6712?pdf=6712\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Ausbreitung des Christentums im fr\u00fchen Mittelalter im nahezu gesamten europ\u00e4ischen Raum wurden religi\u00f6se Medien popul\u00e4r, die zwar religionsgeschichtlich keine Neuerungen darstellten, die jedoch im Kontext der christianisierten ehemaligen germanischen\u00a0 und keltischen V\u00f6lker zuvor unbekannt waren und zu erheblichen theologischen Kontroversen, neuen Deutungsversuchen und schlie\u00dflich zu einer neuen Fr\u00f6mmigkeitspraxis und liturgischen Innovationen f\u00fchrten. Unter \u201ereligi\u00f6sen Medien\u201c verstehen wir dabei solche Ph\u00e4nomene, die es Menschen erm\u00f6glichen Religion zu erfahren, die eine Mediation zwischen dem Immanenten und dem Transzendenten, dem Profanen und dem Heiligen m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Das bevorzugte und fast ausschlie\u00dfliche Medium der fr\u00fchen Christenheit war zun\u00e4chst das gepredigte Wort. Seit dem dritten Jahrhundert wurden christliche (Haus-)Kirchen auch mit Wandbildern im antiken Stil ausgeschm\u00fcckt und im byzantinischen Bereich tauchten im vierten Jahrhundert \u2013 in der Tradition antiker Kultbilder aus den Bereichen Totenbildnis, Kaiserbildnis und G\u00f6tterbild \u2013 erste Ikonen auf. Im sechsten Jahrhundert setzte sich die Verehrung von Ikonen in der Ostkirche allgemein durch. Die Ikonenverehrung genoss im Volk eine au\u00dferordent\u00adliche Beliebtheit, blieb jedoch unter den Theologen und Herrschenden nicht unum\u00adstritten und l\u00f6ste im achten und neunten Jahrhundert erhebliche Kontroversen in der christlichen Kirche aus, den Bilderstreit.<\/p>\n<p><strong>Der Ausgang des Bilderstreits <\/strong><\/p>\n<p>Auf offizieller kirchlicher Ebene war im fr\u00fchen Mittelalter zun\u00e4chst noch keineswegs ausgemacht, ob das neue Medium des Bildes \u00fcberhaupt einen Platz im religi\u00f6sen Leben haben sollte oder nicht vielmehr dem alttestamentlichen Bilderverbot wider\u00adsprach. Erst das Konzil von Nic\u00e4a im Jahre 787 entschied den Streit zugunsten der Bef\u00fcrworter der Bilder und verhalf dem Bild zu seinem dauerhaften hohen Ansehen in der Ostkirche, einschlie\u00dflich der Verehrung der Ikonen.<\/p>\n<p>In der westlichen Kirche wurden die Beschl\u00fcsse von Nic\u00e4a \u00fcber die Angemessenheit der Verehrung der Bilder allerdings (irrt\u00fcmlich) im Sinne einer Anbetung der Bilder verstanden und entschieden abgelehnt. Fr\u00e4nkische Theologen\u00a0 im Dienste Karls des Gro\u00dfen verfassten als Antwort auf die Beschl\u00fcsse dieses Konzils die <em>Libri Carolini<\/em> als Gegenschrift, wobei sie gegen\u00fcber der Bilderverehrung eine n\u00fcchterne Haltung einnahmen. Die <em>Libri Carolini<\/em> mahnen, die Bilder nicht als \u201eheilige Objekte\u201c, sondern als \u201eWegweiser\u201c zu betrachten, die zum wahren Glauben f\u00fchren. Nach mittelalter\u00adlichem Verst\u00e4ndnis dienten Bilder n\u00e4mlich der besseren Erkenntnis, da das Sehver\u00adm\u00f6gen als die Grundlage der menschlichen Erkenntnisf\u00e4higkeit \u00fcberhaupt galt. Damit waren bildliche Darstellungen in den Kirchen erlaubt, doch sollten sie keinesfalls der Verehrung der dargestellten Personen dienen, sondern der \u201ememoriam rerum gestarum \u2013 dem Ged\u00e4chtnis der Heilsereignisse\u201c, womit die im Alten und Neuen Testament geschilderten Ereignisse g\u00f6ttlichen Offenbarungshan\u00addelns und die Heiligenlegenden gemeint waren.<\/p>\n<p>Mit diesen Beschl\u00fcssen konnte die karolingische Kunst an die Ausschm\u00fcckung von Kirchen ankn\u00fcpfen, wie sie seit dem vierten Jahrhundert als Mosaik oder Fresko im R\u00f6mischen Reich \u00fcblich geworden war. Wesentliche Anst\u00f6\u00dfe wurden auch der irischen und angels\u00e4chsischen Buchmalerei des siebten und achten Jahrhunderts entnommen. Die <em>Libri Carolini<\/em> gaben damit f\u00fcr die kommenden Jahrhunderte der k\u00fcnstlerischen Ausgestaltung der Kirchen des Westens die Richtung vor und beeinflussten damit das gesamte k\u00fcnstlerische Schaffen der Romanik.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fchmittelalterliche Wandmalerei<\/strong><\/p>\n<p>Durch das grunds\u00e4tzliche Ja der karolingischen Theologie zum Bildschmuck in den Kirchen konnten nun an den gro\u00dfen ungegliederten Wandfl\u00e4chen karolin\u00adgischer Kirchbauten, die nach dem Vorbild nah\u00f6stlicher und r\u00f6mischer Sakralbauten entstanden, \u00a0monu\u00admen\u00adtale Wandmalereien entstehen. Schon die Pfalzkapelle und der Palast Karl des Gro\u00dfen in Aachen waren reichhaltig ausgemalt. Glaubt man den zeitgen\u00f6ssi\u00adschen Quellen, so waren die Kirchen und Pfalzen der karolingischen Epoche insge\u00adsamt mit umfangreichen Freskenzyklen geschm\u00fcckt. Wohl alle Monumentalbauten, aber auch kleinere Kirchen und Kapellen waren mit gro\u00dfforma\u00adtigen Wandbildern ausgemalt und selbst die schlichten W\u00fcrfelkapitelle der S\u00e4ulen wurden durch aufgemalte farbige Bl\u00e4tter in Blattkapitelle verwandelt.<\/p>\n<p>Von allen diesen Malereien sind durch Verblassen der Farben, \u00dcbermalungen und Umbauten oder Abriss der Kirchen nur wenig erhalten geblieben. Doch eine kleine Klosterkirche in Graub\u00fcnden in der Schweiz, St. Johann in M\u00fcstair im M\u00fcnstertal, gew\u00e4hrt uns noch einen hinreichenden Einblick in die urspr\u00fcngliche Konzeption karolingischer Architektur und Kirchenausmalung, die f\u00fcr die gesamte Romanik richtungsweisend werden sollte. Die Klosterkirche wurde bereits im letzten Drittel des achten Jahrhun\u00adderts zur Zeit Karl des Gro\u00dfen gebaut, der der \u00dcberlieferung nach der Stifter dieses Klosters gewesen sein soll, und die Kirchenw\u00e4nde wurden um das Jahr 800 vollst\u00e4n\u00addig mit Fresken bemalt. Diese sind das umfassendste und an Bildszenen reichste erhaltene Zeugnis karolingischer Wandmalerei und gew\u00e4hren uns einen Einblick in die theologische Konzeption karolingischer Architektur und Kunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Bildprogramm der Klosterkirche St. Johann in M\u00fcstair<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Die Klosterkirche St. Johann war urspr\u00fcnglich eine Saalkirche mit einer flachen Holzdecke. Die glatten Wandfl\u00e4chen des Kirchenschiffs wurden durch keine archi\u00adtektonischen Elemente gegliedert und d\u00fcrften von Anfang an auf eine vollst\u00e4ndige Ausmalung angelegt gewesen sein. Erst die Wandbilder sorgten f\u00fcr eine Gliederung der W\u00e4nde. Die in Reihen untereinander liegenden Bilder sind durch plastisch gemal\u00adte Rahmungen in Form von bandumwundenen Blattst\u00e4ben voneinander getrennt. Die Rahmung unterteilt die Wandfl\u00e4chen in rhythmisch gegliederte Felder und umschlie\u00dft die Bilder zugleich zu einer fortlaufenden Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Durch die symmetrische Aufteilung der Bilder entsteht vom Eingangsportal der Kirche her eine Bewegung auf die gegen\u00fcberliegende Schmalseite mit ihren drei Apsiden hin, die optisch durch die W\u00f6lbungen der Apsisnischen gekr\u00f6nt zu werden scheint<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Das Kirchenschiff erh\u00e4lt dadurch eine \u00a0L\u00e4ngsachse und wird zu einem festlichen Prozessionsweg, der an bedeutsamen Etappen der Heilsge\u00adschichte vorbeif\u00fchrt.<\/p>\n<div id=\"attachment_6713\" style=\"width: 957px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6713\" class=\" wp-image-6713\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"947\" height=\"651\" \/><p id=\"caption-attachment-6713\" class=\"wp-caption-text\">Das Innere der Klosterkirche St. Joseph in M\u00fcstair mit den drei Apsiden und der sp\u00e4ter eingezogenen gotischen Gew\u00f6lbedecke. Foto: Andreas F\u00e4ssler, Wikipedia, gemeinfrei, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/p><\/div>\n<p>Dieses Bildprogramm in St. Johann in M\u00fcstair besteht aus einem durchdachten thematischen und formalen Gesamtkonzept, dessen einzelne Bildszenen gut durch\u00adkomponiert sind und mit ihren urspr\u00fcnglich wohl leuchtenden Farben aus Erden und Steinen und der Fl\u00e4chigkeit der \u00fcbereinander gestaffelten Figuren auf eine star\u00adke Fernwirkung angelegt sind, so dass sie auf den fr\u00fchmittelalterlichen Menschen, dem diese Art von Malerei zuvor v\u00f6llig unbekannt war, einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Gesamtein\u00addruck gemacht haben muss. Obwohl die damaligen K\u00fcnstler noch keine Zentralper\u00adspek\u00adtive kannten, \u00fcberzeugt die gekonnte Komposition und Harmonie der Fresken auch noch den heutigen Betrachter.<\/p>\n<p>Dieses Bildprogramm setzt sich aus f\u00fcnf waagerecht untereinander liegenden Reihen zusammen und beginnt in der obersten S\u00fcdostecke des Kirchen\u00adschiffs mit der Darstellung verschiedener Episoden aus dem Leben Davids, den die Bibel zu den Vorv\u00e4tern Jesu rechnet. Dieser Zyklus zieht sich in einer Folge von zwanzig Bildern \u00fcber die S\u00fcdwand, die Westwand und die Nordwand des Langhau\u00adses bis in die oberste Nordostecke hin. Die Szenen aus dem Leben Davids, die seinen Vater Saul und seinen Sohn Absalom einschlie\u00dfen, befinden sich f\u00fcr den heutigen Kirchenbe\u00adsucher allerdings oberhalb der sp\u00e4ter eingezogenen gotischen Gew\u00f6lbedecke und sind vom Kirchenschiff aus nicht mehr zu sehen. Jedoch ist der H\u00f6hepunkt des David-Zyklus in der obersten Reihe der Westwand \u00a0dem Auge auch heute noch zug\u00e4nglich: David tanzt nackt und von seiner Frau Michal verspottet vor der Bundes\u00adlade bei deren \u00dcberf\u00fchrung in den Tempel von Jerusalem. Davids Auftre\u00adten wird hier typologisch als Vorzeichen der Ent\u00e4u\u00dferung und Verspottung Jesu verstanden, weshalb diese Darstellung ihren Platz genau gegen\u00fcber der Mittelapsis fand. Die \u00dcberf\u00fchrung der Lade in den Tempel ver\u00adweist vorausdeutend auf den Neuen Bund, die Ankunft des Gottesreiches auf Erden in Jesus Christus, die sich mit seiner Wiederkunft vollenden wird.<\/p>\n<p>Unterhalb des David-Zyklus wird an den L\u00e4ngsw\u00e4nden in vier Bilderreihen das Leben Jesu ausf\u00fchrlich dargestellt. Das Bildprogramm \u2013 soweit noch rekonstruierbar &#8211; beginnt mit Jesu Kindheitsjahren: mit seiner Empf\u00e4ngnis und Geburt, dem Besuch der drei Weisen und seiner Darstellung im Tempel, der Flucht nach \u00c4gypten, dem bethlehe\u00admitischen Kindemord und seinem Besuch im Jerusalemer Tempel und seiner Disputation mit den Schriftgelehrten. Es f\u00e4hrt fort mit der Darstellung seiner messianischen Wirksamkeit, beginnend mit der Taufe durch Johannes und unter besonderer Betonung der Heilungs- und Wundergeschichten und endet mit der Schilderung seiner Leidensgeschichte, angefangen mit dem letzten Abendmahl, der Fu\u00dfwaschung und dem Verrat durch Judas \u00fcber seine Gefangennahme und Verurteilung bis zur Kreuzigung, seinem Besuch in der Vorh\u00f6lle und der Entdeckung des leeren Grabes.<\/p>\n<p>So wird der Kirchenbesucher beim Durchschreiten der Kirche an die gro\u00dfen Ereignisse der Heilsgeschichte bzw. an die Einbr\u00fcche g\u00f6ttlicher Offenbarungen in die Menschheits\u00adgeschichte erinnert und n\u00e4hert sich zielgerichtet dem H\u00f6hepunkt dieser Heilsgeschichte, dargestellt in den Apsiden und auf der Apsisstirnwand auf der Ostseite der Kirche. Die ganze Breite der oberen Apsisstirnwand, die jetzt oberhalb des gotischen Gew\u00f6lbebogens liegt, nahm urspr\u00fcnglich die Darstellung der Himmelfahrt Christi ein. Die Himmelfahrt f\u00fchrt den Leben-Jesu-Zyklus, soweit dessen irdische Wirksamkeit betroffen ist, zu einem glorreichen Abschluss.<\/p>\n<p>Nach seiner Himmelfahrt kann von dem im Himmel thronenden Christus nur noch als Christus Pantokrator berichtet werden. Die Bilder in den Apsiden unterscheiden sich damit erheblich von den Bilderzyklen an den \u00fcbrigen W\u00e4nden. Sie wollen einen ausschnitthaften Blick in die himmlische Sph\u00e4re gew\u00e4hren. Dazu verwenden sie bildhafte Vorstellungen aus den Prophezeiungen Ezechiels und aus der Offenbarung des Johannes. Die Mittelapsis wird \u00fcberw\u00f6lbt von einer ovalen Mandorla mit der Darstellung Christi als Weltenherrscher, umgeben von Engelscharen sowie den Evangelistensymbolen. Die Nordapsis zeigt den in einer Mandorla thronenden Christus, der mit seiner Rechten Petrus die beiden Schl\u00fcssel des Bindens und L\u00f6sens aush\u00e4ndigt und mit seiner Linken dem V\u00f6lker\u00adapostel Paulus mit dem Symbol der Heiligen Schrift den Verk\u00fcndigungsauftrag \u00fcbergibt. In der S\u00fcdapsis schwebt ein mit Perlen und Edelsteinen besetztes Gemmenkreuz am Himmel, in dessen Mittel\u00admedaillon das verkl\u00e4rte Antlitz Christi mit Kreuznimbus abgebildet ist, ein Zeichen des Sieges des Auferstandenen \u00fcber den Tod. Die Kuppeln der Apsiden repr\u00e4sentie\u00adren damit die himmlische Sph\u00e4re des G\u00f6ttlich-Transzendenten, die au\u00dferhalb der Zeit des Menschen steht und kein Element der Heilsgeschichte ist, aber von wo die Ereignisse der Heilsgeschichte ihren Ausgang nehmen. Das Kirchenschiff wird dadurch zu einem Ort der medialen Darstellung von Gottesoffen\u00adbarungen und Theo\u00adphanien, in der sich Transzendenz und Geschichte, G\u00f6ttliches und Menschli\u00adches begegnen und durchdringen.<\/p>\n<p>Auf seinem R\u00fcckweg von der Apsis zum Kirchenportal konnte der Besucher beim Gang durch das Kirchenschiff den David-Zyklus auch als Fortsetzung der Heilsge\u00adschichte in die Gegenwart verstehen. Denn f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Betrachter der karolingischen Zeit verwies der alttestamentliche im Leben-David-Zyklus nicht nur prototypisch auf die kommende Heilsgeschichte Jesu hin, sondern wurde auch als Pr\u00e4figuration des zeitgen\u00f6ssischen Herrschers Karl des Gro\u00dfen verstanden, der sich selbst als \u201eneuen David\u201c, als Kaiser in der Tradition des weisen K\u00f6nigs des Alten Testaments, verstand. Zudem konnten in karolingischer Zeit die fr\u00e4nkischen K\u00f6nige als \u201eSohn Gottes\u201c bezeichnet werden und es ist anzunehmen, dass auch Karl der Gro\u00dfe von seiner Umgebung als \u201eGottes Sohn\u201c angesehen wurde<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Das war zwar nicht \u2013 wie bei Jesus \u2013 im Sinne einer g\u00f6ttlichen Natur gemeint, sondern im Sinne einer Adoption als Folge seiner Salbung zum K\u00f6nig. K\u00f6nig David galt damit nicht nur als Vorl\u00e4ufer Jesu, sondern auch als Hinweis auf den gegenw\u00e4rtigen K\u00f6nig, der die Heilsge\u00adschichte in die Jetztzeit \u00fcbertrug.<\/p>\n<div id=\"attachment_6718\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6718\" class=\"size-full wp-image-6718\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1713\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-920x616.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-1440x964.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-1536x1028.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-2048x1371.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild2-1-920x616@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-6718\" class=\"wp-caption-text\">Der Weltenrichter an der Westwand der Klosterkirche.<br \/>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.muestair.ch\/unesco-welterbe\/kloster-st-johann\/\">https:\/\/www.muestair.ch\/unesco-welterbe\/kloster-st-johann\/<\/a><\/p><\/div>\n<p>Auf seinem R\u00fcckweg durch das Kirchenschiff lief der Kirchenbesucher auf die Bilder der Westwand zu, die \u2013 \u00a0unterhalb der David-Reihe \u2013 von den Ereignissen der End\u00adzeit erz\u00e4hlen. In ihrer oberen Zone schildern die Bilder die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten: von der S\u00fcdseite her erscheint in einer ovalen Gloriole, von Engeln begleitet, der Menschen\u00adsohn, w\u00e4hrend auf der Nordseite zwei Engel das gestirnte Firmament wie ein Perga\u00admen\u00adtblatt einrollen. Gleichzeitig gehen die Toten aus ihren Gr\u00e4bern hervor. In einer Kreis-Gloriole in der mittleren Bildzone thront, von Engel\u00adscharen umgeben, Christus als Weltenrichter. An den Seiten des Thrones pr\u00e4sentie\u00adren Gerichtsengel offene Schriftrollen, in denen die Taten der Menschen verzeichnet sind. Rechts und links von der Gloriole sitzen unter Arkaden die zw\u00f6lf Apostel als Gerichtsbeisitzer. In der unteren Bildzone vollzieht sich das Gericht: zwei gro\u00dfe Engel scheiden die Guten von den B\u00f6sen. Mit der Erl\u00f6sung der Gl\u00e4ubigen kommt die biblische Heilsgeschichte zu ihrer Vollendung und damit findet das Programm ihrer bildlichen Darstellung ihren Abschluss.<\/p>\n<p>Vergleichbare Bilderzyklen aus karolingischer Zeit mit Darstellungen von Ereignissen der Heilsgeschichte finden sich im Umkreis von M\u00fcstair im benachbarten Italien in den Kirchen Sankt Benedikt in Mals und San Salvatore in Brescia, die im neunten Jahrhundert ebenfalls zum fr\u00e4nkischen Reich geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Bildprogramm der Kirche St. Georg in Oberzell<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland ist lediglich ein einziger Bilderzyklus aus karolingischer Zeit nahezu vollst\u00e4ndig, wenn auch stark verblichen, erhalten geblieben: in der ehemaligen Klosterkirche St. Georg in Oberzell auf der Insel Reiche\u00adnau im Bodensee vom Ende des neunten Jahrhunderts. Auch hier gliedern die Wand\u00admalereien mit ihren breiten M\u00e4ander\u00adrahmen, die im Kirchenschiff oberhalb der Arkaden der Seitenschiffe ange\u00adbracht sind, die W\u00e4nde des Kirchen\u00adschiffs<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Acht gro\u00dfe Bild\u00adfelder erz\u00e4hlen \u2013 wie in M\u00fcstair \u2013 von der g\u00f6ttlichen Heils\u00adge\u00adschichte, beschr\u00e4n\u00adken sich dabei je\u00addoch auf die Dar\u00adstel\u00adlung der Wundertaten Chris\u00adti: die Hei\u00ad\u00adlung eines Aus\u00ads\u00e4tzigen, eines Blind\u00adge\u00adbo\u00ad\u00adre\u00adnen, eines Wassers\u00fcch\u00adti\u00adgen und ei\u00adnes Besessenen, weiter\u00adhin die Aufer\u00adweckung des J\u00fcnglings zu Nain, der Tochter des Jairus und des Lazarus, schlie\u00dflich die Sturm\u00ad\u00adstillung auf dem See Genezareth.<\/p>\n<div id=\"attachment_6721\" style=\"width: 409px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6721\" class=\"wp-image-6721\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild3.jpg\" alt=\"\" width=\"399\" height=\"531\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild3.jpg 1110w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild3-690x920.jpg 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild3-1081x1440.jpg 1081w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><p id=\"caption-attachment-6721\" class=\"wp-caption-text\">S\u00fcdseite des Langhauses von St. Georg in Oberzell, Foto: Wikipedia, gemeinfrei, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/p><\/div>\n<p>Christus offenbart in diesen Szenen dem Betrachter seine g\u00f6ttli\u00adchen Kr\u00e4fte: Er trium\u00adphiert \u00fcber Krankheit und Tod und beherrscht die Naturkr\u00e4fte. Auch Apostel sind auf diesen Bildern zu sehen, fungieren je\u00addoch lediglich als Zeugen der Wundertaten Christi. Bedeutungsvoll ist allein die Gestalt Christi, die alle anderen \u00fcberragt und zudem durch einen gro\u00dfen Heiligen\u00adschein hervorgehoben wird. Ein sich wiederho\u00adlen\u00addes Bildelement ist die vorgestreck\u00adte segnende und wunder\u00adt\u00e4tige Hand Christi, deren erhobene Finger sich in scharfem Umriss vom Hintergrund absetzen. Das ganze Interesse des ausf\u00fchrenden K\u00fcnstlers gilt \u201edem systematisch-didakti\u00adschen Bildinhalt. Er geht von der handelnden Figur Christi aus, mit ihren reich differen\u00adzierten Bewegungen, mit ihrer spannungsreichen\u00a0 Ponderation und den magischen Gesten, und schildert den Effekt der von Christus ausgehenden Kraftstr\u00f6me auf die zu Heilen\u00adden und auf die Zeugen. \u2026 alles wirkt zusammen zur \u00fcberzeugenden Charakterisie\u00adrung des Wundert\u00e4ters.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die\u00a0 Schilderung der realen Umwelt findet in diesen Bildern keinen Platz. Alles Gesche\u00adhen konzen\u00adtriert sich auf die Begegnung mit der g\u00f6ttlichen Vollmacht Christi, in\u00a0 der sich das kom\u00admende Heil bereits mani\u00adfestiert und die Heilsgeschichte ihrer Vollendung entgegenstrebt.<\/p>\n<p>Im Obergaden sind die zw\u00f6lf Apostel als stehende Figuren dargestellt, die die Ausbreitung des Evangeliums nach Christi Tod und Auferstehung symbolisieren. Und zwischen den Arkadenb\u00f6gen finden sich kreisrunde Bildwerke mit Brustbildern von \u00c4bten, die f\u00fcr den Fortlauf der Heilsgeschichte durch die Zeit stehen.<\/p>\n<p>Eng verwandt mit dem Bilderzyklus von St. Georg in Oberzell ist der ebenfalls aus karolingischer Zeit stammende Leben-Jesu-Zyklus in der Sylvesterkapelle in \u00dcberlingen-Goldbach am Bodensee, der jedoch schlechter erhalten ist, aber die gleiche Gesamtintention aufweist.<\/p>\n<p><strong>Das theologische Programm der Bilderzyklen karolingischer Kirchen<\/strong><\/p>\n<p>Schon diese kurze Beschreibung der Wandmalereien der Kirchen von M\u00fcstair und Oberzell macht deutlich, dass die dortigen Bilderzyklen in ihrer durchdachten thematischen und formalen Konzeption einem theologischen Programm folgen. Angesichts der Komplexit\u00e4t und des Themenreichtums dieser Wandmalereien w\u00e4re es naiv die oft geh\u00f6rte Behauptung zu wiederholen, dass religi\u00f6se Bilder die \u201eBiblia pauperum \u2013 die Bibel der Armen (im Geist)\u201c, also die Bibel der des Lesens Unkundi\u00adgen gewesen seien und ihnen als Ersatz f\u00fcr die Lekt\u00fcre der Heiligen Schrift gedient und ihnen wichtige Inhalte des Glaubens vermittelt h\u00e4tten. Dass diese Bilder ohne weitere Erl\u00e4uterungen Betrachtern ohne Vorkenntnisse keineswegs verst\u00e4ndlich waren, belegt schon die Tatsache, dass sowohl die Darstellung von Personen wie von biblischen Szenen in den meisten mittelalterlichen Wandmalereien mit Personen\u00adbezeichnungen bzw. erkl\u00e4renden In- oder Unterschriften versehen waren (sogenann\u00adte Tituli). Nat\u00fcrlich konnten auch diese Tituli Leseunkundigen nicht helfen den Inhalt der Bilder zu verstehen. Hinzu kommt, dass die Tituli durchweg in lateinischer Sprache verfasst waren, sich also auch gar nicht an die \u201eArmen im Geiste\u201c, sondern an die Gebildeten richteten, denen der Inhalt der Bilder ohne Erl\u00e4uterungen auch nicht unbedingt verst\u00e4ndlich war. Die Bilder und deren Tituli richteten sich also an Kleriker und des Latein kundige Laien, die zudem \u00fcber eine hinreichend gute Kennt\u00adnis des Lateinischen verf\u00fcgen mussten, um die Ligaturen und Abk\u00fcrzungen zu ver\u00adstehen, die in den Tituli h\u00e4ufig verwendet wurden. Von diesem Personenkreis wurde die F\u00e4higkeit erwartet, mit Hilfe der schriftlichen Erl\u00e4uterungen nicht nur einzelne Personen und biblische Szenen auf den Wandmalereien zu identifizieren, sondern zwischen den dargestellten Szenen einen inhaltlichen Zusammenhang zu erkennen.<\/p>\n<p>Die Bilderzyklen begn\u00fcgen sich n\u00e4mlich nicht damit einzelne biblische Geschichten zu erz\u00e4hlen, sondern sie pr\u00e4sentieren eine theologische Gesamtschau der Geschichte: Sie ordnen biblische Erz\u00e4hlungen einem \u00fcbergreifenden Geschichtsver\u00adst\u00e4ndnis zu, das den Geschichtsverlauf als eine planm\u00e4\u00dfige und sinnvolle Abfolge g\u00f6ttlicher Handlungen erscheinen und auf ein zuk\u00fcnftiges Ziel zulaufen l\u00e4sst. Dieses Konzept der Heilsgeschichte l\u00e4sst Gottes Heilshandeln in fr\u00fchester Zeit beginnen (in M\u00fcstair mit David als dem ersten K\u00f6nig Israels) und mit dem J\u00fcngsten Gericht zum Abschluss kommen und hat seine Mitte im Leben und Werk Jesu Christi als der \u201eMitte der Zeit\u201c. Diese \u201eMitte der Zeit\u201c verbindet die gro\u00dfen Epochen der Heilsge\u00adschichte miteinander zu einer Sinnordnung. Und die Wandmalereien der fr\u00fchmit\u00adtelalterlichen Kirchen wollen diese Sinnordnung der Heilsgeschichte dem Auge des Betrachters als ein Ganzes darbieten.<\/p>\n<p>Die Ausmalung karolingischer Kirchen folgt also der Anweisung der <em>Libri Carolini, <\/em>dass die Bilder der \u201ememoriam rerum gestarum \u2013 dem Ged\u00e4chtnis der Heilser\u00adeig\u00adnisse\u201c dienen sollen. Welches die Heilsereignisse waren und wie sie einander zuge\u00adordnet wurden, blieb allerdings den jeweiligen Auftragsgebern vorbehalten. Die Aus\u00adwahl der Themen d\u00fcrfte kaum den ausf\u00fchrenden Malern \u00fcberlassen worden sein. Die Auswahl aus der F\u00fclle der m\u00f6glichen biblischen Themen war zu komplex und die Art und Weise ihrer Zuordnung theologisch zu anspruchsvoll, um von Laien ausgef\u00fchrt zu werden. Die Konzeption der Ausmalung der Kirchen d\u00fcrfte theologisch erfahrenen Fachleuten vorbehalten gewesen sein, die damit ihr Verst\u00e4ndnis der Heilsgeschichte zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p>Die Bedeutung dieses theologischen Bildprogramms wird Ungebildeten kaum nach\u00advollziehbar gewesen sein. Sie werden durch die f\u00fcr sie ungewohnten monumentalen und farbenfrohen Wandmalereien beeindruckt gewesen sein, ihre religi\u00f6se Hingabe wird durch die Darstellungen gesteigert worden sein und sie werden auf das gottes\u00addienstliche Geschehen eingestimmt worden sein. Bei entsprechender m\u00fcndlicher Unterweisung, etwa durch Predigt und Katechese, werden sie auch den Inhalt der Bilder gekannt haben, doch wer\u00adden sie die dahinterstehende theologische Gesamtschau bestenfalls bruchst\u00fcckhaft verstanden haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ungebildeten, und das hei\u00dft f\u00fcr die gro\u00dfe Masse \u00a0der Gl\u00e4ubigen, waren diese Bildprogramme schlichtweg zu intellektuell. Die Gl\u00e4ubigen des Mittelalters suchten nach einer sinnlicheren Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen. Was Bilder f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen attraktiv machte, zeigte die Aufstellung von Ikonen in den Kirchen des Ostens. Solche Bilder vergegenw\u00e4rtigten das \u00dcberirdische und brachten es den Gl\u00e4ubigen nahe. Deswegen wurden sie verehrt, gek\u00fcsst und gesalbt. Zu besonderen Anl\u00e4ssen wurden sie geschm\u00fcckt und bekleidet und in\u00a0 Prozessionen herumgef\u00fchrt. Vor ihnen konnte man beten und bei ihnen schw\u00f6ren. Sie vermochten Kranke zu heilen, D\u00e4monen auszutreiben, den Sieg \u00fcber Feinde zu gew\u00e4hren und selbst Tote zu erwecken. Das erf\u00fcllte die religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnisse \u00a0der Gl\u00e4ubigen im Mittelalter und in dieser Hinsicht entsprachen die Wandmalereien in den Kirchen des Westens \u2013 von einzelnen wundert\u00e4tigen Ausnahmen etwa an Wallfahrtsorten (\u201eGnadenbildern\u201c) abgesehen \u2013 nicht ihren Erwartungen.<\/p>\n<p><strong>Reliquien als religi\u00f6se Medien<\/strong><\/p>\n<p>Schon den Verfassern der <em>Libri Carolini <\/em>scheint bewusst gewesen zu sein, dass theologisch-didaktische Bildprogramme allein die religi\u00f6sen Erwartungen und Bed\u00fcrfnisse der Gl\u00e4ubigen nicht erf\u00fcllen w\u00fcrden. So lehnen sie zwar eine Sakralisierung und Verehrung der Bilder strikt ab, streichen daf\u00fcr jedoch die Angemessenheit der Verehrung der Reliquien umso deutlicher heraus: \u201eDen heiligen Leibern Ehre zu erweisen ist von gro\u00dfem Nutzen, zuv\u00f6rderst deswegen, weil die Heiligen, wie wir glauben, im Himmel auf Thronen mit Christus leben und ihre Gebeine einmal auferstehen werden.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Hinter diesen Formulierungen steht die mittelalterliche \u00dcberzeugung, dass Heilige eine zweifache Gegenwart haben: Ihre Seele befindet sich schon jetzt in der N\u00e4he Gottes, w\u00e4hrend ihr Leib bis zum J\u00fcngsten Gericht auf Erden bleibt. Durch ihre Anwesenheit im Himmel k\u00f6nnen sie bei Gott F\u00fcrbitte f\u00fcr ihre Verehrer einlegen, durch den Verbleib ihrer Leiber auf Erden werden ihre Reliquien zu sichtbaren und greifbaren wunderwirkenden Manifestatio\u00adnen g\u00f6ttlichen Heils.<\/p>\n<p>Die sinnliche Anziehungskraft karolingischer Kirchen lag nicht in ihren Bildern, sondern in ihren Reliquien, die im fr\u00fchen Mittelalter \u2013 soweit sie nicht, wie in K\u00f6ln, vor Ort entdeckt und geborgen werden konnten \u2013 in gro\u00dfer Zahl aus Italien ins Franken\u00adreich gebracht wurden. Zudem wurden die vorhandenen Reliquien immer weiter zerst\u00fcckelt und auf Kirchen und Kapellen aufgeteilt, was ihrer Wirkm\u00e4chtigkeit nicht schadete, da einem kleinen Teil die gleiche Wirkung wie dem ganzen heiligen Leib zugeschrieben wurde. Aufbewahrt wurden diese Reliquien zun\u00e4chst in begehbaren Krypten, die unter den Alt\u00e4ren bzw. Chorr\u00e4umen der Kirchen lagen und mitunter durch einen Sehschacht verbunden waren. Seit dem sechsten Jahrhundert war in den Kirchen des Karolinger\u00adreiches die Aufbe\u00adwahrung von Reliquien allgemein \u00fcblich geworden, so dass sich schlie\u00dflich jede Kirche eines \u201eM\u00e4rtyrer\u201c- bzw. \u201eHeiligengra\u00adbes\u201c r\u00fchmen konnte und Krypten zu einem Kennzei\u00adchen karolingischer bzw. romani\u00adscher Kirchen wurden. Nachdem die Reliquien zun\u00e4chst unter dem Altar bestattet wurden, setzte sich zunehmend die Praxis durch, die Reliquien im Altar selbst zu verschlie\u00ad\u00dfen und diesen Brauch zur Regel f\u00fcr die Altarweihe werden zu lassen, bis \u201eschlie\u00df\u00adlich ein christlicher Altar ohne Reliquien gar nicht mehr denkbar\u201c war<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>. Auch wuchs die Zahl der Reliquien in den Kirchen rasch an und damit entstand das Bed\u00fcrfnis die Alt\u00e4re einer Kirche zu vermehren. Zudem wollte man den Reliquien nicht\u00a0 nur im Leben, sondern auch im Tod nahe sein, so dass seit dem achten Jahrhundert Beerdigungen nur noch in\u00a0 unmittelbarer Nachbarschaft der Kirchen (auf \u201eKirchh\u00f6fen\u201c) erfolgten.<\/p>\n<div id=\"attachment_6724\" style=\"width: 411px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6724\" class=\" wp-image-6724\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild4-1.jpg\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"599\" \/><p id=\"caption-attachment-6724\" class=\"wp-caption-text\">Stollenkrypta unter der karolingischen Einhardsbasilika bei Michelstadt im Odenwald aus dem neunten Jahrhundert. Foto: Marie-Paule Neu<\/p><\/div>\n<p>Die Gl\u00e4ubigen gaben sich jedoch nicht damit zufrieden, die Reliquien ver\u00adschlos\u00adsen in Reliquiaren oder auf Alt\u00e4\u00adren offen zur Schau gestellt ansehen zu d\u00fcrfen. Das magische Empfin\u00adden des mittelalterlichen Menschen verlangte danach die Hinterlassenschaften von Heiligen ber\u00fchren zu k\u00f6nnen, damit sich deren wohlt\u00e4tige und heilende Kraft auf den sie Verehrenden \u00fcbertrug. Das Schauverlangen der Gl\u00e4ubigen wurde also \u00a0noch \u00fcbertroffen von ihrem Wunsch nach Ber\u00fchrung, um dem Hei\u00adli\u00adgen auch k\u00f6rperlich nahe zu kommen und die ausstrahlende Heilkraft der Reliquien zu empfangen. Bald verf\u00fcgte jede Kirche \u00fcber Ber\u00fchrungsreliquien. An den gro\u00dfen Festtagen, wenn die Reli\u00adquien ber\u00fchmter Heiliger offen ausgestellt wurden, kamen Pilger von weither und die Gl\u00e4ubigen dr\u00e4ng\u00adten sich zu Abertausenden in den Kirchen, um die heiligen Reli\u00adquien zu verehren, zu betasten und zu k\u00fcssen. Es herrschte die feste \u00dcberzeugung, dass der Anblick und besonders die Ber\u00fchrung des Heiligen heilende Wirkung entfalte.<\/p>\n<p>Wie sich dieses Verlangen in ungehinderter und ungeschminkter Form \u00e4u\u00dfern konnte, dokumentiert ein Augenzeugenbericht: Als Bischof Hugo von Lincoln das Benediktinerkloster F\u00e9camp besuchte, bat er die M\u00f6nche um den dort als Reliquie aufbewahrten Armknochen der Maria Magdalena, den bisher noch niemand unver\u00adh\u00fcllt gesehen hatte. Hugo lie\u00df sich ein Messerchen geben, zerschnitt die F\u00e4den der Seidenverh\u00fcllung und nahm den Knochen aus der Umh\u00fcllung heraus. \u201eDa er aber vermittels blo\u00dfen Fingerdrucks nichts davon abzubrechen vermochte, nahm er ihn zuerst zwischen die Schneide-, dann zwischen die Backenz\u00e4hne und brach flink mit kraftvollem Biss zwei St\u00fccke aus ihm heraus.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Dieser hemmungslose Zugriff auf eine Reliquie l\u00e4sst die Intensit\u00e4t im Umgang mit religi\u00f6sen Medien im Mittelalter erahnen. Dabei handelte es sich in diesem Fall keineswegs um das \u00fcbergriffige Verhalten eines m\u00e4chtigen Einzelnen. Besonders jene Kirchen, in denen die angesehensten und begehrtesten Reliquien wie die Leidenswerkzeuge Jesu oder bekannter M\u00e4rtyrer aufbewahrt wurden, waren das Ziel regelm\u00e4\u00dfiger Wallfahrten. Ein Gotteshaus, das gleich \u00fcber mehrere solcher Reli\u00adqui\u00aden verf\u00fcgte, war die Benediktinerabteikirche Saint-Denis bei Paris, die \u00fcber den Gr\u00e4\u00adbern der M\u00e4rtyrer Dionysius (der irrt\u00fcmlich f\u00fcr den Dionysius vom Areopag aus Apg 17, 34 gehalten wurde), Rusticus und Eleutherius errichtet worden war. Seit dem siebten Jahrhundert war die Kirche zudem die Grablege der fr\u00e4nkischen K\u00f6nige. Im neunten Jahrhundert wurde sie weiterhin zum Aufbewahrungsort der Kr\u00f6nungsinsig\u00adnien und K\u00f6nig Karl der Kahle schenkte der Abtei Reliquien der Leidenswerkzeuge Christi: einen Nagel vom Kreuz Christi und einen Dorn von seiner Dornenkrone.<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigsabtei Saint-Denis erf\u00fcllte also in idealer Weise die Voraussetzungen einer Wallfahrtskirche und zog schlie\u00dflich eine nicht mehr kontrollierbare Zahl von Pilgern an. Ihr Abt Suger schilderte den Andrang der Gl\u00e4ubigen mit bewegenden Worten: Die \u201eBasilika (pflegte) solche Bedr\u00e4ngnisse auszuhalten, dass sie oft, n\u00e4mlich an Feiertagen, bis zum \u00c4u\u00dfersten voll, durch alle T\u00fcren den \u00dcberfluss der ihr entgegen\u00adst\u00fcrmenden Scharen zur\u00fcckwies; und der Druck der Vorg\u00e4nger n\u00f6tigte nicht allein die Eintretenden nicht einzutreten, sondern auch die, die bereits eingetreten waren, hinauszugehen. Man h\u00e4tte zuweilen sehen k\u00f6nnen \u2013 welch seltsamer Anblick \u2013 , dass jenen, die sich hineinzugehen dr\u00e4ngten, um die heiligen Reliquien, Nagel und Krone des Herrn, zu verehren und zu k\u00fcssen, ein derartiger Widerstand seitens der zusammengedr\u00e4ngten Menge entgegenstand, dass unter den unz\u00e4hligen Tausenden von Menschen aufgrund der eigenen Bedr\u00e4ngnis keiner einen Fu\u00df bewegen konnte und infolge des eigenen Eingezw\u00e4ngtseins keiner etwas anderes vermochte, als wie eine marmorne Statue dazustehen, starr zu sein und, was allein \u00fcbrig blieb, laut zu schreien. Die Not aber war f\u00fcr die Frauen so gro\u00df und so unertr\u00e4glich, dass sie inmitten starker M\u00e4nner wie in einer Kelter gepresst gleichsam als Bild des Todes ein leichenblasses Gesicht zeigten, nach Art der Geb\u00e4renden furchtbar aufschrien, und dass viele von ihnen, die j\u00e4mmerlich niedergetreten und dann mit frommer Unterst\u00fct\u00adzung der M\u00e4nner \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen erhoben worden waren, dort \u2013 man w\u00fcrde erschrecken \u2013 wie auf einem Fu\u00dfboden einher schritten, und auch im Garten der Br\u00fcder mit letztem Atem vieles herausschluchzten und zu jedermanns Verzweif\u00adlung r\u00f6chelten. Sogar die Br\u00fcder, die die Zeichen der Passion des Herrn den Herbei\u00adstr\u00f6menden darboten und dabei durch deren Bedr\u00e4ngung und Heftigkeit niedersan\u00adken, flohen, da sie keinen anderen Ausweg wussten, oftmals mit den Reliquien durch die Fenster\u201d<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gl\u00e4ubigen dieser Epoche war der Umgang mit religi\u00f6sen Medien nicht einfach ein Mittel zur Befriedigung ihres Informationsbed\u00fcrfnisses, ihrer Neugier und Sensationslust oder \u2013 wie f\u00fcr den modernen Menschen \u2013 ein \u00e4sthetisches Erlebnis. Es bedeutete f\u00fcr sie die M\u00f6glichkeit die Grenze zwischen dem Profanen und dem Heiligen zu \u00fcberschreiten und dem Heiligen nahe zu kommen. Die erfahrbare N\u00e4he des Heiligen in den religi\u00f6sen Medien lie\u00df f\u00fcr den mittelalterlichen Menschen die Transzendenz erlebbar und zu einer Best\u00e4tigung seines Glaubens werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nach Hubert Schrade, Vor- und fr\u00fchromanische Malerei. Die karolingische, ottonische und fr\u00fchsalische Zeit, K\u00f6ln 1958, S. 21-25; Otto Demus, Romanische Wandmalerei, M\u00fcnchen 1992, S. 130f.; Louise Gn\u00e4dinger, Bernhard Moosbrugger, M\u00fcstair. Das Kloster St. Johann in M\u00fcstair, Z\u00fcrich 1994<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Saalkirchen mit drei gew\u00f6lbten Apsiden, die ihren Ursprung vermutlich in \u00c4gypten haben, sind in Graub\u00fcnden nicht selten. Vgl. Richard Krautheimer, Die karolingische Wiederbelebung der fr\u00fchchrist\u00adlichen Architektur, in: ders., Ausgew\u00e4hlte Aufs\u00e4tze zur europ\u00e4ischen Kunstgeschichte,\u00a0 K\u00f6ln 2003, S. 198-276, hier: S. 204<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Andreas Kalckhoff, Karl der Gro\u00dfe. Profile eines Herrschers, M\u00fcnchen-Z\u00fcrich 1987, S. 189<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Nach Hans Jantzen, Ottonische Kunst, Hamburg 1959, S. 61-63; Otto Demus, Romanische Wandmalerei, S. 176 f.; Heinrich Klotz, Geschichte der deutschen Kunst, Erster Band: Mittelalter 600-1400, M\u00fcnchen 1998, S. 109-112<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die Ausmalung der Apsis wurde durch Umbauarbeiten v\u00f6llig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Otto Demus, Romanische Wandmalerei, S. 176<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Libri Carolini = Monumenta Germaniae Historica, Concilia, Bd. 2, Supplementum I , hg. v. Ann Freeman, Hannover 1998, III, 16<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Franz Wieland, Mensa und Confessio. Studien \u00fcber den Altar der altchristlichen Liturgie, Band I: Der Altar der vorkonstantinischen Kirche, M\u00fcnchen 1906, S. 5<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Magna Vita Sancti Hugonis. The Life of St. Hugh of Lincoln, Vol. 2, hg. v. D. L. Douie und D. H. Farmer, Oxford 1985, S. 169<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Abt Suger von Saint-Denis, De Consecratione, kommentierte Studienausgabe, hg. v. G. Binding und A. Speer, 56. Ver\u00f6ffentlichung der Abteilung Architekturgeschichte des Kunsthistorischen Instituts der Universit\u00e4t K\u00f6ln, K\u00f6ln 1995, Kap. 10-13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[476],"class_list":["post-6712","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-rainer-neu"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6712","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6712\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6731,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6712\/revisions\/6731"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}