{"id":6709,"date":"2021-02-23T00:41:54","date_gmt":"2021-02-22T23:41:54","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=detours&#038;p=6709"},"modified":"2022-02-22T23:12:40","modified_gmt":"2022-02-22T22:12:40","slug":"inwendig-auswendig","status":"publish","type":"detours","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/detours\/inwendig-auswendig\/","title":{"rendered":"Inwendig Auswendig"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6709?pdf=6709\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6709?pdf=6709\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" style=\"height: 500px !important;\" src=\"https:\/\/video.zimt.uni-siegen.de\/play\/77d2f5b0-7545-4966-8d8f-e368bc2b3183 \" name=\"Player\" width=\"620\" height=\"500\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0px\" marginheight=\"0px\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieber Erhard,<\/p>\n<p>nachdem ich das Video mit dem M\u00e4rchen von Sebastian Inwendig abgedreht hatte, \u00fcberkam mich eine gewisse Unsicherheit. Fehlte da nicht was? Hatte ich nichts vergessen? Das w\u00e4re bl\u00f6d, denn ich hatte ja nur diesen einen Schuss &#8211; danach w\u00e4re der Kameramann wieder in Berlin. Kein Nachdreh m\u00f6glich. Also bin ich fr\u00fch aufgestanden, um mir das M\u00e4rchen noch einmal auf Youtube von Michael K\u00f6hlmeier erz\u00e4hlen zu lassen. Und ich h\u00f6rte genau hin und stellte fest &#8211; nicht ich, sondern das M\u00e4rchen hat etwas vergessen oder aber: ausgelassen. Sebastian verliert alle Sinne. Er verliert den Tastsinn, den Geschmackssinn, seine Nase kann nichts mehr riechen, seine Ohren nichts mehr h\u00f6ren und seine Augen sehen nichts mehr. Er ist zum &#8218;Inwendig&#8216; geworden. Und doch kann er durch das ganze M\u00e4rchen hindurch sprechen. Er spricht seinen Zauberspruch: &#8222;Wer immer mich auch h\u00f6rt, wer immer mich auch h\u00f6rt, mach, dass es nicht ist.&#8220; Den kann er sagen. Das ganze M\u00e4rchen hindurch. Und das M\u00e4rchen schweigt sich aus \u00fcber das Warum und Wieso dieses Nicht-Verlusts.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Drehs bereits schoss mir das Fehlen dieses Fehlens so massiv durch den Kopf, dass ich gegen Ende des Films ganz intuitiv &#8211; und falsch! &#8211; die F\u00e4higkeit zu sprechen als Verlust Sebastians mit aufnahm. Aber Sebastian verliert seine Sprache nicht. Er verliert auch seine Motorik, seine Mimik, seine Gestik nicht. Er k\u00f6nnte durchaus nonverbal kommunizieren. Er k\u00f6nnte schreiben. Er k\u00f6nnte also sich verst\u00e4ndlich machen und w\u00e4re dann &#8211; kein Inwendig mehr.<\/p>\n<p>Was also macht ihn zum Inwendig? Der Verlust aller Sinne ist es, den das M\u00e4rchen beschreibt. In der Reihenfolge: Tasten, Schmecken, Riechen, H\u00f6ren, Sehen. Und jeder Verlust ist ja gleichzeitig ein Gewinn. Sebastian tauscht. Die F\u00e4higkeit zu tasten gegen den Schutz der Mutter, die zu schmecken zum Schutz der Geliebten, die zu Riechen erm\u00f6glicht das \u00dcberleben der Familie. Soweit, so konsistent. Danach \u00e4ndern sich die Tauschh\u00e4ndel: H\u00f6r- und Sehsinn sind \u00fcbersensibilisiert. Er tauscht sie nicht ein, er sucht jemanden, der sie haben will, diese Sinne, die ihm mehr erm\u00f6glichen, als er ertragen kann. Das, was er bekommt, IST nunmehr der Verlust dessen, was er gibt. Nicht mehr h\u00f6ren zu m\u00fcssen &#8211; ein Ende des L\u00e4rms im Kopf. Nicht mehr sehen zu m\u00fcssen &#8211; ein Ende der Hellsicht.<\/p>\n<p>Diese Einsicht f\u00fchrt zum n\u00e4chsten Problem: wenn er nun gerade den Innenraum loswerden will. Wenn jeder der ersten drei Schritte zu einer Intensivierung des Innenlebens f\u00fchrt und diese Verst\u00e4rkung unertr\u00e4glich ist, dann fragt sich, wie jener Innenraum denn ausgestaltet sein kann. Ob er \u00fcberhaupt ausgestaltet ist oder eher den leeren Zylinder eines Beckett&#8217;schen Verwaisers darstellt. Wie die Leut&#8216; zu Ende des M\u00e4rchens fragen: Passiert in dem noch was oder ist das blo\u00df noch H\u00fclle? Und hier lohnt sich eine Spekulation auf jene Auslassung des M\u00e4rchens, die ich eingangs genannt habe: die Sprache. &#8222;Alles&#8220; sagen ja machen, &#8222;alles&#8220; finde in dem Sebastian statt, der nichts mehr f\u00fchlen, schmecken, riechen, h\u00f6ren, sehen kann. Und alles: das kann ja dann nur noch der Innenraum der Sprache sein. Also vielleicht nicht einmal deren \u00e4u\u00dfere Artikulation &#8211; das Sprechen, das Schreiben. An dieser Welt, so suggeriert das M\u00e4rchen, nimmt der Sebastian nicht mehr teil. Aber jene Selbstgespr\u00e4che im Kopf, die wir dauernd f\u00fchren. Oder jenes Sprechen, das man im Kopf gar nicht beenden kann. Und wenn der Weltbezug \u00fcber die Sinne gekappt ist, dann schw\u00e4tzt es im Gehirn vielleicht umso lauter. &#8222;Ruhe da oben&#8220; heisst ein Buch des von mir sehr gesch\u00e4tzten Psychotherapeuten Andreas Knuf. Und, ja, es fragt sich, ob das nicht die H\u00f6lle f\u00fcr den armen Sebastian ist &#8211; das F\u00fchlen buchst\u00e4blich und, in final analysis, gegen das Denken, das endlose, nicht mehr beendbare Denken ersetzt zu haben.<\/p>\n<p>Aber, that said, gibt es nat\u00fcrlich auch noch eine positive Interpretationsm\u00f6glichkeit. Diese zielte nicht auf das Denken, sondern das Bewusstsein. Auch das Bewusstsein hat Sebastian nicht verloren. Er ist, auch wenn er absent zu sein scheint, v\u00f6llig pr\u00e4sent. &#8222;Da&#8220;, wie man so sagt. So &#8222;da&#8220; wie viele, die wir nicht mehr als &#8222;da&#8220; empfinden: Komapatienten, manche Formen der Demenz, Menschen, die am locked-in-Syndrom leiden und viele andere mehr. Menschen, die wir f\u00fcr nicht kommunikationsf\u00e4hig halten, nur, weil sie nichts mehr zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Dem Tod der Mutter von Christiane ging eine lange Zeit der Bettl\u00e4grigkeit voraus, w\u00e4hrend derer sie nichts mehr sprach, keine erkennbaren Reaktionen mehr zeigte. Nach ihrem Tod sprach ich mit einem ihrer Freunde. Dieser hatte sie jeden Tag besucht. Die ganze Zeit. Und ich meinte zu ihm, das sei doch wohl schwierig gewesen. I wo, antwortete dieser, ganz und gar nicht, er sei nicht als Besucher einer Kranken gekommen, er habe einfach eine alte Freundin besucht. Und f\u00fcr ihn sei es ganz und gar nicht schwierig gewesen mit dieser Frau, die niemanden mehr erkannte, kaum noch die Augen \u00f6ffnete, kein Glied mehr regte, in Kontakt zu bleiben, ja, mit ihr zu kommunizieren. Man habe sich halt auf einer anderen Ebene getroffen. Sie sei ihm da blo\u00df etwas voraus gewesen.<\/p>\n<p>Sebastian, der seine Aufmerksamkeit nicht mehr nach au\u00dfen richten kann, muss sie nach innen richten. Und jede und jeder, die oder der schon einmal \u00fcber l\u00e4ngere Zeit meditiert hat, wei\u00df, dass es da drinnen eine Tiefe gibt, einen Raum, der immer da ist, der offen ist und weit. Und dass es eine Instanz in uns gibt, die unver\u00e4ndert ist, die alles beobachtet, ohne sich involvieren zu lassen. Das ist, versteht sich, eine figurative Redeweise. Es gibt, insbesondere in den asiatischen Religionen Namen f\u00fcr diese namenlose Instanz. Die Mystiker:innen aller Religionen kennen sie. Auch in der Trance kann man ihr begegnen, im anderen Zustand. \u00dcber diese Instanz zu sprechen, ist sinnlos. Und, wor\u00fcber man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen.<\/p>\n<p>Dein Albert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8212;\u00a0 &#8212;\u00a0 &#8212;<br \/>\nAddendum zum 61. Geburtstag 2022:<br \/>\n&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><b>Inwendig<\/b><\/p>\n<p>(<i>l&#8217;ann\u00e9e prochaine<\/i>)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><i>&#8222;Der Rheinl\u00e4nder m\u00f6chte sich st\u00e4ndig jedermann mitteilen. Ich mein&#8216;, so&#8217;n Leben is kurz!&#8220;<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>(Konrad Beikircher)<\/i><\/p>\n<p>Als ich mich zur Disputation meiner Doktorarbeit anmeldete, kam es zu einem Machtspielchen zwischen meinem Zweitpr\u00fcfer und mir. Hartmut Steinecke kannte mich kaum und ich ihn auch nicht. Sicher war jedoch: Steinecke war kein Mann der Theorie. Ich habe ihn in Erinnerung, wie er wie ein Feldherr vor dem Seminar stand, einen Fu\u00df auf einen Stuhl gestellt. &#8222;Heinrich Heines sp\u00e4te Lyrik&#8220; hie\u00df das Seminar. Ich habe es nur besucht, um ihn kennenzulernen \u2013 immerhin sollte er mich ja pr\u00fcfen. Der Seminarinhalt war mir egal. Und das Seminar brachte ihn mir auch nicht n\u00e4her. Ich war jung. Ich war arrogant. Ich war unsicher. Ich war \u00fcberheblich. Und ich konnte \u2013 seit ich 13 Jahre alt war \u2013 Goethes Faust, den ersten Teil, auswendig. Hatte ich gelernt, weil ich diesen Text unbedingt <i>by heart<\/i> k\u00f6nnen wollte. Einige Teile kann ich immer noch. Jedenfalls kam mir das bei meiner eigenen Teufelswette \u2013 nein, nicht dem Pakt, der Wette, die im Himmel geschlossen wird \u2013 zu gute. Mein Gegen\u00fcber, Hartmut Steinecke, ahnte nichts und konnte deshalb nur verlieren.<\/p>\n<p>Drei Themen waren an der Universit\u00e4t-Gesamthochschule, wie sie damals noch hie\u00df, Paderborn notwendig f\u00fcr die m\u00fcndliche Promotionspr\u00fcfung: erstens musste man seine eigene Arbeit verteidigen. Zweitens ein Thema, das diese Arbeit im weitesten noch ber\u00fchrte und drittens, ja, drittens irgendetwas ganz anderes. And now \u2013 something completely different (Konrad Beikircher erkl\u00e4rt auf diese Weise eine Eigenart des Rheinischen: &#8222;Apropros \u2013 wo Sie jrad sagen Winterreifen&#8220;, Erhard Sch\u00fcttpelz nennt die n\u00e4mliche rhetorische Volte &#8222;New York Way of Listening&#8220;) \u2013 also, wo Sie jrad sagen Winterreifen, da fiel es mir schwer ein drittes Thema zu finden. Mit Gottes und Raimar Zonsens Hilfe ward dann doch eines gefunden: &#8222;Hat Luhmann recht, wenn er Dekonstruktion second-order observation nennt?&#8220; Ja, das war eine Frage nach meinem Geschmack. Und so ging ich zu Herrn Steinecke, um diese Frage als Pr\u00fcfungsthema absegnen zu lassen (wohl wissend oder doch ahnend, dass das nicht so _seine_ Fragestellung sein w\u00fcrde&#8230;) Wie dem auch sei: &#8222;Nein&#8220;, lautete die klare Antwort, &#8222;Hier geht es schlie\u00dflich um eine germanistische Pr\u00fcfung. Da sollte es doch etwas Germanistisches sein.&#8220; Ok. Fehdehandschuh hinjeschmissen. Ich nahm ihn auf. &#8222;Gut&#8220;, sagte ich, &#8222;dann eben DAS germanistischste aller germanistischen Themen: Goethes Faust.&#8220; &#8222;In Ordnung&#8220;, lautete die Antwort, doch noch, bevor ich triumphieren konnte, ging es weiter, &#8222;In Ordnung, ABER die Editionsgeschichte der letzten zehn Jahre.&#8220; Tja, da hatte ich es nun. Sollte ich &#8222;Nein&#8220; sagen? Das verbot mir mein Stolz. Also &#8222;Ja&#8220;. Also &#8222;Ja, gut&#8220;. Also &#8222;Ja, gut, machen wir.&#8220; Und dann verlie\u00df ich das B\u00fcro. Aber immerhin war da dieses Ass in meinem \u00c4rmel, den Text selbst, den konnte ich immerhin auswendig. F\u00fcr die Pr\u00fcfung sp\u00e4ter war das dann doch ganz egal, aber das ist, wie Michael Ende schreiben w\u00fcrde, eine andere Geschichte (und soll ein andermal erz\u00e4hlt werden).<\/p>\n<p>Im Grunde war es auch eine l\u00e4ppische Geste. Da. Kann ich. Wenn&#8217;s weiter nichts ist. &#8222;Auswendig&#8220; \u2013 pah! Auswendiglernen war der Inbegriff seelenlosen Unterrichts. Etwas nur auswendig gelernt zu haben, bedeutet, es nicht verstanden zu haben, nur die Worte zu sprechen, dem Sinn aber fern zu bleiben. Auswendig \u2013 das war ja blo\u00df \u2013 Handwerk. Blo\u00dfe Re-Produktion. Und mir, der ich mich ja nicht als Sesselpupser, sondern als K\u00fcnstler begriff (auch Intellektueller w\u00e4re zuwenig gewesen), w\u00e4re Reproduktion, blo\u00dfes Wiederk\u00e4uen, als Ehrverletzung erschienen. Hah!<\/p>\n<p>Doch andererseits ist Auswendiglernen nat\u00fcrlich die Basis f\u00fcr das literaturbasierte Theaterspiel. Erst, wenn Du den Text kannst, kannst Du Dich auf der B\u00fchne frei bewegen. Und ein gewisser Stolz schwang bei mir als Sch\u00fcler auch mit, dass ich so leicht lange Texte lernen konnte. Dass es so leicht &#8218;rein&#8216; ging. Und dort auch blieb. So spielte ich im Sch\u00fclertheater Macbeth in Shakespears gleichnamiger Trag\u00f6die, weshalb ausnahmsweise der l\u00e4ngere Hamlet zur Lekt\u00fcre im Englisch-Leistungskurs wurde, damit ich den anderen gegen\u00fcber keinen Vorteil h\u00e4tte. Und verschm\u00e4hte im schriftlichen Abitur den Shakespeare-Monolog, der doch, so mein Englischlehrer sp\u00e4ter, einzig und allein um meinetwillen \u00fcberhaupt zum Pr\u00fcfungsthema gemacht worden war. Stattdessen er\u00f6rterte ich irgendeinen langweiligen Sachtext zu Computern (oder dem, was man 1988 unter &#8218;Computer&#8216; verstand). Und heulte mir die Augen aus, als all der Druck endlich nachlie\u00df.<\/p>\n<p>Ich bin mit auswendig gelernten Texten aufgewachsen. Auswendiglernen war keine Kulturtechnik, die ich mir m\u00fchsam in der Schule aneignen musste. Auswendiglernen war eher ein ganz gew\u00f6hnlicher Teil meines Gro\u00dfwerdens in einem katholischen Dorf. Viele kirchliche Rituale basierten darauf, dass man &#8218;die Texte konnte&#8216;. Noch heute entsetzt mich jede Beerdigung und jede Hochzeit, die unbedingt kirchlich begleitet werden muss, ohne dass nur einer der G\u00e4ste &#8218;die Texte kann&#8216;. Dabei waren sie doch Teil des Vergn\u00fcgens einer gemeinsam gefeierten Liturgie: &#8222;Gro\u00dfer Gott, wir loben Dich&#8220;, &#8222;Stille Nacht&#8220; oder, nur selten, am Feste des Heiligen Vitus in Corvey gesungen, &#8222;Hier liegt vor Deiner Majest\u00e4t im Staub die Christenschar&#8220; mit seinen herrlichen barocken Schw\u00fcngen (f\u00fcr Ostwestfalen &#8222;Hey licht vor Dich im M\u00fclme&#8220;).<\/p>\n<p>Wichtig war, alle von der Gemeinde zu sprechenden Textelemente der Messe zu kennen: das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, das Gloria, die Wandlungsworte und auch jene kleinen Satzbruchst\u00fccke, die zum liturgischen Dialogtheater unbedingt dazugeh\u00f6ren: &#8222;Erhebet die Herzen \u2013 Wir haben sie beim Herrn.&#8220; Den Rosenkranz zu k\u00f6nnen, war keine K\u00fcr, sondern zentraler Bestandteil des Dazugeh\u00f6rens. Damals, in meiner Kinderzeit, gab es keine stumm Murmelnden in der Kirche, nein, alle sprachen, laut und deutlich, mit einem ger\u00fcttelt Ma\u00df temporaler Verschiebung, so dass der Klang nicht allzu homogen wurde, sondern selbst die Wiederholung des durchaus Gleichen und Unpers\u00f6nlichen wie ein pers\u00f6nliches Bekenntnis erschien.<\/p>\n<p>&#8222;Was Du ererbt von Deinen V\u00e4tern hast\/Erwirb es, um es zu besitzen&#8220; \u2013 als Jugendlicher habe ich oft \u00fcber diese Verse aus Fausts Eingangsmonolog nachgedacht, ohne zu irgendeinem sinnvollen Ende zu kommen. Wieso muss man etwas, das man <i>erbt<\/i>, zus\u00e4tzlich <i>erwerben<\/i>, nur um es dann zu <i>besitzen<\/i>? Heute scheint mir der Sinn selbstverst\u00e4ndlich. Es meint den Prozess des Aneignens einer \u00dcberlieferung, die nur durch diese und in dieser Aneignung \u00fcberhaupt zu einem geteilten Besitz werden kann (die Kulturwissenschaft benutzt f\u00fcr diesen geteilten Besitz gern den Begriff des kollektiven Ged\u00e4chtnisses, den ich schwierig finde, weil das Kollektiv nun einmal, man drehe es, wie man wolle, kein Erinnerungssubjekt sein kann \u2013 das kollektive Ged\u00e4chtnis ist eine Metapher, es entsteht nur dann, wenn viele es individuell immer und immer und immer wieder auf&#8217;s Neue erzeugen, weshalb es \u2013 q.e.d. \u2013 eben nie IST). Im &#8222;Gro\u00dfer Gott, wir loben Dich&#8220; habe ich mich aufgehoben gef\u00fchlt. Das Vaterunser war mein Gebet, aber gleichzeitig doch ganz und gar unpers\u00f6nlich. Und nur dadurch, dass diese Texte wie von selbst aus meinem Mund flossen, wann immer sie abgerufen wurden, konnte ich sie zu meinen eigenen machen, konnte ich die Worte (die Gesten, die K\u00f6rperhaltungen, das Essen) mit meinem pers\u00f6nlichen Sinn f\u00fcllen. Gerade WEIL ich keine <i>eigenen<\/i> Worte erfinden musste. Das Gef\u00e4\u00df war schon da und brauchte nur gef\u00fcllt zu werden (&#8222;Andi war hohl und sehnte sich nach F\u00fcllung. Da fiel irgendwo ein Vakuum und Andi erkannte das All is pretty.&#8220; So stand&#8217;s auf einem signierten Horst-Janssen-Druck, der noch immer bei meinen Eltern an der Wand h\u00e4ngt).<\/p>\n<p>Und das Sch\u00f6ne daran ist, dass der Sinn unendlich ist \u2013 die Schale leert sich nie. Erst, wenn ich sie nicht mehr an den Mund f\u00fchre, ist sie schlagartig leer. Nein, ich meine nicht, dass es einem in dem Moment \u2013 etwa dem &#8218;Abfall&#8216; vom Glauben \u2013 auff\u00e4llt, dass da ja nie etwas drin war. Die F\u00fclle des Sinns eine L\u00fcge \u2013 nein. Sie war keine L\u00fcge. Aber sie bot sich eben nur dem an, der trank. &#8222;K\u00f6nnen Hexen fliegen?&#8220; darf Hans Peter Duerr endlos Don Juan und Carlos Castaneda streiten lassen (auch und gerade wenn und weil Castaneda den Brujo ja nur erfunden hat). Das ist wie mit Kippbildern \u2013 einmal erlernt, wie man zwei\u00e4ugig sieht, kann man&#8217;s selbst dann nicht mehr abstellen, wenn man erkennt, dass da weder eine Vase noch miteinander redende Gesichter sind. (Vielleicht sollte ich morgen zur Sicherheit nochmal im Grossm\u00fcnster in Z\u00fcrich Polkes Glasfenster ansehen \u2013 lacht dieser Kelch <i>wirklich<\/i>?).<\/p>\n<p>Und eben dieses Kippen macht aus Auswendig ein Inwendig. Einverleibt. Und je \u00e4lter (dem\u00fctiger, besch\u00e4digter, weniger arrogant, weniger ignorant &#8230;) man wird, desto klarer ist: Ist ja eh alles gelogen, \u00e4h, geliehen, gelernt, geh\u00f6rt, gelesen. Und kreuzt sich irgendwo und irgendwie im Kopf, bevor es wieder eigene Wege geht, die doch nie eigene sind. &#8222;These few general remarks to begin with. What am I to do, what should I do, in my situation, how proceed? By aporia pure and simple?&#8220; fragt der namenlose Held von Beckett des nach eben diesem genannten Romans.<\/p>\n<p>Bei Sebastian, dem bekannterma\u00dfen ja die Pfeile, die auf seinen unbekleideten K\u00f6rper abgeschossen werden, nichts ausmachen, auch wenn sie darin stecken bleiben, ist das anders. Der Weg nach Innen ist eine Ver\u00e4u\u00dferung von Gabe zu Gabe. In der Not, in der Krise gibt er alles hin: seinen Geruch, sein Geh\u00f6r, sein F\u00fchlen, sein Sp\u00fcren, seine Sprache \u2013 alles. Er gibt es hin f\u00fcr das Leben derer, die er liebt. Um sie zu sch\u00fctzen, muss er sich aufgeben. Schon der Akt des Tauschens selbst ist einsam. Er beginnt mit einer Beschw\u00f6rungsformel: &#8222;Wer immer mich auch h\u00f6rt, wer immer mich auch h\u00f6rt &#8230;&#8220; Eine Frage aus der Not geboren. Eine Frage oder Bitte, die jede und jeder artikuliert, die und der verzweifelt. &#8222;Aus der Tiefe, oh Herr, rufe ich nach Dir. H\u00f6r, Gott, mein Flehen!&#8220; Doch dieser Sebastian wendet sich nicht an Gott \u2013 sein Flehen hat keinen bestimmten Adressaten. Und doch antwortet jemand (oder etwas). Jedes einzelne Mal. &#8222;Was gibst Du mir, wenn ich mache, dass es nicht ist?&#8220; Ein G\u00fcrtel schl\u00e4gt nicht in ein Gesicht. Eine Frau wird nicht ermordet. Ein Flugzeug st\u00fcrzt nicht ab. Und Sebastian erh\u00e4lt keinen Lohn f\u00fcr seine guten Taten. Es ist geradezu die Umkehrung der Gute-Taten-Theologie. Je mehr er gibt, desto mehr muss er geben. Und erh\u00e4lt, ja, nicht nichts \u2013 ihm wird ein Wunsch erf\u00fcllt. Doch die Umgebung wei\u00df nichts davon. Im Gegenteil. Sie h\u00e4lt ihn ja f\u00fcr zunehmend eingeschr\u00e4nkt, zu guter oder schlechter Letzt gar f\u00fcr eine leere H\u00fclle. Und doch bittet Sebastian nicht nur f\u00fcr andere. Etwa auf H\u00e4lfte der Geschichte bittet er, von seiner f\u00fcrchterlichen Angst befreit zu werden, von diesem entsetzlichen L\u00e4rm in seinen Ohren. Und die Bitte wird ihm gew\u00e4hrt. Sebastian findet Ruhe und viele, die ihn sehen, halten ihn f\u00fcr bl\u00f6de. Was seine Frau, was seine Kinder sagen, erz\u00e4hlt die Geschichte nicht. Es scheint gar so, am Anfang wird es angedeutet, dass auch die Liebesf\u00e4higkeit selbst Kollateralschaden dieser liebend ge\u00e4u\u00dferten Bitten ist. Das w\u00e4re dann jenes Ideal, von dem Rilkes Malte Laurids Brigge tr\u00e4umt: das Ideal der intransitiven Liebe, einer Liebe, die kein Objekt kennt, weil sie sich selbst im Vollzug abhanden kommt. Sebastian \u00fcberlegt nicht lange. Es ist nicht einmal klar, ob er um seine Gabe (oder seinen Fluch) wei\u00df. Die Worte scheinen ihm in den entsprechenden Situationen einfach aus dem Mund zu purzeln. Und diese Worte sind immer dieselben und sie erweisen sich jedes Mal gleich m\u00e4chtig. Es sind wohl kaum Sebastians eigene Worte. Es spricht aus ihm, mit ihm, durch ihn. Er selbst ist Medium sans phrase. Und wird doch besch\u00e4digt. Immer weniger hat er zu geben. So scheint es. Auswendig. Inwendig jedoch \u2013 nun, das kann man nicht pr\u00fcfen, doch inwendig, so scheint es manchem, der ihn sieht, inwendig ist er die reine F\u00fclle. Denn er wei\u00df, was sonst niemand wei\u00df.<\/p>\n<p>Als die Mutter meiner Frau starb, traf ich einen ihrer Freunde. Er hatte sie Tag f\u00fcr Tag im Heim besucht. Schon lange war sie nicht mehr ansprechbar \u2013 zumindest in dem Sinne, dass man nicht wusste, ob die Ansprache denn noch eine Adressatin hatte. Es kam nichts zur\u00fcck. Schien mir so. Dem Freunde meiner Frau schien das ganz anders. Er sagte, ganz selbstverst\u00e4ndlich und schlicht, ohne irgendwelchen bedeutsamen Aufwand, das geh\u00f6re sich doch so f\u00fcr jemanden, der ein Freund sein wolle. &#8222;Aber&#8220;, meinte ich zu wissen, &#8222;sie konnte doch nicht mehr antworten.&#8220; &#8222;Doch. Sie hat geantwortet. Nur anders.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[479],"class_list":["post-6709","detours","type-detours","status-publish","hentry","autor-albert-kuemmel-schnur"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6709","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/detours"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9839,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/detours\/6709\/revisions\/9839"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}