{"id":9468,"date":"2021-10-12T15:48:58","date_gmt":"2021-10-12T13:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=9468"},"modified":"2021-10-14T16:52:18","modified_gmt":"2021-10-14T14:52:18","slug":"europa-im-vergleich-zu-asien-momentan-primitiv","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/europa-im-vergleich-zu-asien-momentan-primitiv\/","title":{"rendered":"&#8222;Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9468?pdf=9468\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9468?pdf=9468\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Ich bin 29 Jahre alt und wohne seit 2014 in Regensburg. Im Januar 2020 habe ich meine letzte Pr\u00fcfung abgeschlossen, seitdem schreibe ich meine Masterarbeit in der Sozialen Arbeit von zuhause aus. Bis Februar habe ich dazu auch die Regensburger Unibibliothek, Hochschulbibliotheken und Staatliche Bibliothek genutzt, um dort zu arbeiten, B\u00fccher auszuleihen und einzuscannen. Gerade sind die Bibliotheken geschlossen. Ich habe zum Gl\u00fcck bereits genug Literatur gesammelt und eingescannt, sodass ich weiter schreiben kann. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft mit einer Freundin. Unsere dritte Mitbewohnerin ist gerade planm\u00e4\u00dfig ausgezogen, jetzt suchen wir eine neue Mitbewohnerin. Vom 13. bis 23. M\u00e4rz war ich zu Besuch bei meinem Partner und bei meinen Eltern. Die Phase des Realisierens der Krise und des Ausnahmezustands habe ich mit ihnen gemeinsam erlebt, wobei ich meine Eltern als eher unbesorgt erlebt habe. Sie sind beide 57 Jahre alt, bezeichnen sich aber im Zusammenhang mit der Corona-Gef\u00e4hrdung als \u201cjung\u201d. Ich war lange unsicher, ob ich wie geplant am 23.3. nach Regensburg zur\u00fcckkehren sollte. Ich war unvorbereitet aufgebrochen und hatte viele Dinge nicht dabei, die mir wichtig sind. Aber sp\u00e4testens mit dem Alleingang S\u00f6ders am 20. M\u00e4rz hatte ich gro\u00dfe Angst, dass ich Bayern nach einer R\u00fcckkehr dorthin vielleicht nicht wieder verlassen k\u00f6nnte und meine Familie und meinen Partner eine lange Zeit nicht sehen w\u00fcrde. Ich entschied mich letztlich, zu fahren, was ich im Nachhinein richtig finde. Es ist aber auch manchmal einsam. Meine Mitbewohnerin hat einen Partner, der ab und zu zu Besuch kommt, manchmal ist sie bei ihm, dann bin ich alleine in der Wohnung. Mit uns wohnen zwei Katzen. Sie leisten mir viel Gesellschaft, was mir sehr hilft. Manchmal habe ich Sorge, dass ich sie anstecken k\u00f6nnte. Ich lebe polyamor, habe zwei Fernbeziehungen. Im September will ich mit einem Partner in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Jetzt bin ich unsicher, ob das klappen wird und auch, ob ich dann eine Anstellung im sozialen Bereich finden kann, vor allem eine, die mir wirklich gef\u00e4llt und bei der ich genug verdiene. In Regensburg habe ich mehrere Liebschaften\/Freundschaften, die ich momentan alle nicht pers\u00f6nlich treffe. Ich gehe momentan zweimal pro Woche zur Psychotherapie\/Psychoanalyse. Seit 2017 bin ich bei meiner Therapeutin in Behandlung, schon l\u00e4nger befinden wir uns in der Abschlussphase. Vom 16.-23.3. war meine Therapeutin im Urlaub. Ich habe oft \u00fcberlegt, sie anzurufen und zu fragen, ob es trotz Corona weitergeht. Letztlich bin ich am 23.3. einfach hingegangen. Psychotherapie darf man in Bayern nur noch machen, wenn sie medizinisch \u201czwingend notwendig\u201d ist. Bisher sind wir beide der Meinung, es sei so. Ich kann m\u00f6glicherweise auch auf Telefon oder Videochat umsteigen. Ich habe gro\u00dfe Angst davor, dass mir verboten wird, dort hin zu gehen. Politisch stehe ich dem Anarchismus und Kommunismus nahe.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 23. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Als ich vor 10 Tagen losgefahren bin, war es unvorstellbar f\u00fcr mich, dass es schwierig sein k\u00f6nnte, wieder zur\u00fcckzukommen. Ich konnte mir vieles von dem, was seitdem passiert ist und wie es jetzt ist, \u00fcberhaupt kein bisschen vorstellen. Jetzt sitze ich im ICE-Abteil mit drei anderen Menschen, die ich alle nicht sehen kann. Eben in Frankfurt bin ich durch das fast leere Bahnhofsviertel gelaufen, ans leere Mainufer, wo nur ganz wenige Leute auf den B\u00e4nken in der Sonne sa\u00dfen. Dort im Bahnhof wurde ich von zwei wohnungslosen Personen angesprochen. Der erste h\u00e4lt 2 Meter Abstand und wirkt verzweifelt. Er bittet mich um 5 Euro. Er sagt, dass ich es auch auf den Boden legen kann und er dann sofort wieder weg gehen wird. Ich wechsle einen 20\u20ac-Schein beim B\u00e4cker und gebe ihm zehn. Eine Frau eilt vorbei, sieht uns, ruft ihm zu, dass sie was zu Essen f\u00fcr ihn hat und legt es ihm hin, weit entfernt von uns. Es ist in Alufolie gepackt, bestimmt war das ihr Lunchpaket. Vielleicht hat sie es extra f\u00fcr ihn mitgebracht, oder f\u00fcr Leute wie ihn. Die zweite h\u00e4lt auch Abstand. Sie ist sehr erstaunt, als ich ihr 5 \u20ac gebe. \u201cF\u00fcr mich?\u201d sagt sie, und: \u201cWas man im Leben gibt, kommt auch zu einem zur\u00fcck.\u201d Ich sage nichts. Sie erz\u00e4hlt noch, dass das Arbeitsamt jetzt zu ist und nur schriftlich oder telefonisch kommuniziert. Diese M\u00f6glichkeit hat sie aber nicht. Deshalb war sie schon die ganze Nacht im Bahnhof. Jetzt ist es fast Mittag. Sie w\u00fcnscht mir alles Gute, ich ihr auch.<\/p>\n<p>Im N\u00fcrnberger Bahnhof treiben zwei Polizisten einen Mann vor sich her aus dem Bahnhof, ohne in zu ber\u00fchren. Sie gehen nah beieinander und nah bei ihm. Einer hat Handschuhe an. Der Mann spricht Deutsch mit Akzent. Er wirkt w\u00fctend und spricht laut, ich verstehe nur: \u201cSie wollen mich anzeigen.\u201d Die Bahnsteige sind leer bis auf wenige Menschen. Im kleinen Raucherbereich dr\u00e4ngen sich aber drei Mitarbeitende und ein Fahrgast und rauchen. Eine Frau mit Mundschutz geht dorthin, nimmt den Mundschutz ab und z\u00fcndet sich eine Zigarette an. Heute habe ich viele Menschen mit Mundschutz oder Atemmaske gesehen. Aber auch viele ohne. Weil so wenige Menschen unterwegs sind, geht man nicht in der Menge unter, man f\u00e4llt viel mehr auf. Viele gucken weg, ich auch. Ich frage mich die ganze Zeit, ob es schlimm ist, wenn ich ausatme, wenn jemand ganz nahe an mir vorbei geht. Zum Gl\u00fcck muss ich den ganzen Tag fast nicht husten oder niesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 24. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Meine Freundin und ich \u00fcberlegen, ob sie mich am Donnerstag besuchen kommen soll. Wir haben uns l\u00e4nger nicht gesehen und w\u00fcrden uns gerne treffen, aber wir sind uns nicht sicher, ob sie \u00fcberhaupt nach Bayern einreisen darf. Sie m\u00fcsste sich nach ihrer R\u00fcckkehr aus Bayern beim Gesundheitsamt melden und f\u00fcr zwei Wochen in Quarant\u00e4ne begeben.<\/p>\n<p>Am Nachmittag versuchen wir mit der Polit-Gruppe das erste Video-Plenum. Es dauert drei Stunden, weil wir eineinhalb Stunden erstmal die technischen Probleme beseitigen m\u00fcssen. Eine von uns kann letztendlich nur \u00fcber Telefon bzw. schriftlich mitmachen, aber wir wissen nicht wieso. Es ist auch nicht so leicht, sich nicht st\u00e4ndig aus Versehen ins Wort zu fallen, wenn man in der Gruppe videochattet. Es st\u00f6rt eigentlich niemanden, dass es so lange dauert, wir sitzen alle zuhause, manche m\u00fcssen Homeoffice machen, andere haben nichts zu tun. Zwei von uns haben gerade keine Arbeit und kein Einkommen mehr, soweit ich wei\u00df. Bisher haben sie noch genug Geld zum \u00dcberleben. Wir sind unsicher, ob wir uns vermummen sollen. Wir machen Witze \u00fcber S\u00f6der. Wir reden dar\u00fcber, ob es momentan noch Sinn macht, Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum zu machen, ob da \u00fcberhaupt noch Leute sind. Wir sind uns uneinig.<\/p>\n<p>Eine Freundin schreibt, ihr Laptop sei heute kaputt gegangen. Kurz vor Ende der Bachelorarbeit. Ich schreibe, dass ich ihr einen ausleihen kann. Sie kommt kurz vorbei, h\u00e4lt aber viel Abstand zu mir und geht ziemlich schnell wieder. Sie freut sich \u00fcber die Leihgabe, weil sie keine Chance hat, ihren Laptop jetzt reparieren zu lassen oder einen in der Uni auszuleihen.<\/p>\n<p>Heute war ich nicht drau\u00dfen. Ich hatte keine Lust, der Polizei zu begegnen. Es war ganz okay, drinnen zu sein. Meine Erk\u00e4ltungssymptome werden langsam weniger. Ich denke trotzdem mehrmals am Tag daran, ob es Corona ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 25. M\u00e4rz 2020<\/strong><br \/>\nIch telefoniere mit meinem Partner. Es stellt sich heraus, dass er es nicht gut f\u00e4nde, wenn meine Freundin mich jetzt besuchen kommt. Er f\u00e4nde es besser, wenn wir f\u00fcr die Zeit der Corona-Krise nur miteinander eine \u201ck\u00f6rperliche Beziehung\u201d haben. Ich sp\u00fcre, dass mir das lieber w\u00e4re, als ihm garnicht mehr nahe sein zu k\u00f6nnen. Es \u00e4rgert mich aber auch, ich f\u00fchle mich von ihm vor eine Wahl gestellt, die ich nicht treffen will. Wir legen frustriert auf und vertagen das Gespr\u00e4ch. Ich merke, dass ich noch nicht wei\u00df, wie ich meine Beziehungen in Corona-Zeiten leben will, vor allem dann nicht, wenn es l\u00e4nger dauert, wovon ich weiterhin ausgehe. Wo verlaufen sinnvolle Grenzen? Ist mit jemandem ab und zu mal kuscheln schlimmer als mit meiner Mitbewohnerin weiterhin gemeinsam in der kleinen K\u00fcche kochen und essen? Muss ich jetzt alle fragen, mit wem sie Kontakt hatten und wie vorsichtig sie dabei waren?<\/p>\n<p>Bericht im Deutschlandfunk angeh\u00f6rt: Inzwischen sei klar, dass Menschen, die sich infizieren, danach f\u00fcr mehrere Jahre immun sind. Es reicht daher, wenn 2\/3 der Bev\u00f6lkerung das Virus hatten. Diesen Punkt werden wir wahrscheinlich in 1,5 bis 2 Jahren erreichen. [<a href=\"https:\/\/www.akkon-hochschule.de\/newsreader\/teilnahmeaufruf-bev%C3%B6lkerungsstudie-zur-corona-pandemie-startet-online.html\">Deutschlandfunk Zeitfragen: Bev\u00f6lkerungsstudie. Die Folgen des gesellschaftlichen R\u00fcckzugs.<\/a> Geh\u00f6rt in der DLF Mediathek.]<\/p>\n<p>Telefonat mit einem Freund. Als er erz\u00e4hlt, realisiere ich, dass die Lage im Osten von Deutschland eine ganz andere ist und dass ich das bisher noch nie geh\u00f6rt habe. Es gibt dort viel weniger offizielle F\u00e4lle, es wird viel weniger getestet. Einerseits wegen Infrastruktur, andererseits wegen einer Mentalit\u00e4t, die findet, was einen nicht umbringt, macht einen h\u00e4rter. Fast niemand macht Homeoffice dort, wer das will, muss darum k\u00e4mpfen. Viele nehmen jetzt ihre Kinder mit in die Arbeit, weil die Schulen zu sind. Wir finden es beide schei\u00dfe, dass wir uns jetzt dreimal \u00fcberlegen, wen wir zu uns nach Hause einladen (wegen Ansteckung) und mit wem wir spazieren gehen (wegen Repression durch den Staat), w\u00e4hrend die Arbeitswelt mancherorts einfach weiter l\u00e4uft wie bisher.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle von der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uMBPOdYDlbU\">Pressekonferenz mit S\u00f6der am 20.3.<\/a> Er findet es wie ich krass, dass er \u201cin Bayern, aber auch in Deutschland\u201d gesagt hat und dass er sich an \u00d6sterreich orientieren will. Heute im WG-Plenum haben wir besprochen, ob wir uns gegenseitig dar\u00fcber Rechenschaft ablegen sollen, wie und mit wem wir Kontakt haben und wer uns besuchen kommen darf. Momentan wollen wir das beide noch nicht. Aber mir ist wichtig, dass wir uns beide immer die H\u00e4nde waschen, wenn wir von drau\u00dfen nach Hause kommen. Wir werden uns au\u00dferdem Bescheid sagen, wenn in unserem Umfeld jemand infiziert ist. Wir wohnen innerhalb der Wohnung auf zwei verschiedenen Stockwerken, deshalb machen wir uns keine gro\u00dfen Sorgen. Ich will aber die T\u00fcrklinken mal putzen und auch das Waschbecken \u00f6fter putzen.<\/p>\n<div>\n<p>Heute war ich spazieren, an der Donau. Ziemlich viele Leute waren unterwegs. Weniger als sonst? Mehr als sonst? Fast alle zu zweit. Ein Dreiergr\u00fcppchen wurde gerade von der Polizei kontrolliert. In der Stadt hab ich zweimal Polizei rumfahren sehen.<\/p>\n<p>Heute habe ich im Deutschlandfunk immer wieder geh\u00f6rt, dass die Wirksamkeit von Ausgangssperren selbst unter Virologen ziemlich umstritten ist. S\u00f6der hat am Freitag noch behauptet, die seien sich \u201calle einig\u201d, dass das jetzt das einzig richtige Mittel ist. Es macht mich unglaublich w\u00fctend!<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Heute im WG-Plenum haben wir besprochen, ob wir uns gegenseitig dar\u00fcber Rechenschaft ablegen sollen, wie und mit wem wir Kontakt haben und wer uns besuchen kommen darf. <strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag 26. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute im Deutschlandfunk geh\u00f6rt, dass <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/medikament-gegen-covid-19-remdesivir-gilt-als.676.de.html?dram:article_id=473318\">Studien mit Remdesivir<\/a> durchgef\u00fchrt werden und man zuversichtlich ist, dass das Medikament gegen Covid19 wirken wird. Au\u00dferdem wurde berichtet, dass <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/ethische-entscheidungen-in-der-coronakrise-wer-wird.886.de.html?dram:article_id=473405\">medizinische Fachgesellschaften Empfehlungen geschrieben haben, wer behandelt werden soll und wer nicht<\/a>, wenn die Krankenh\u00e4user \u00fcberlastet sein werden. Habe mich gefragt, wieso es solche Empfehlungen nicht schon l\u00e4ngst gibt. Solche F\u00e4lle muss es doch auch bisher gegeben haben, wenn auch nicht massenhaft. Ethisch sollte das doch l\u00e4ngst beantwortet und klar sein?? Komisch.<\/p>\n<p>Ich habe weniger Angst als letzte Woche. Frage mich, ob das gerade ein allgemeines Abwarten ist, ob es bald wieder losgeht, dramatisch wird, wenn die Zahlen steigen. Irgendwie ist Alltag eingekehrt und im Radio reden sie st\u00e4ndig dar\u00fcber, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/arbeiten-trotz-corona-homeoffice-und-videotelefonie.772.de.html?dram:article_id=472980\">wie man sich im Homeoffice am besten konzentriert<\/a> \u2013 Spoiler: Man zieht sich eine Hose an. Komisch.<\/p>\n<p>Meine Psychotherapie findet ab n\u00e4chster Woche nur noch \u00fcber Videotelefonie statt. Jetzt also doch. Ich bin entt\u00e4uscht. War heute spazieren mit einem Freund, ist ja in Bayern verboten. Als ich bei ihm ankam, bat er mich noch kurz herein und bot mir Essen an. Ich war unsicher, ob ich das annehmen sollte. Habe dann Abstand gehalten, nach 10 Minuten sind wir raus. 1,5 Meter waren bestimmt nicht jederzeit zwischen uns. Muss nochmal nachlesen, wie die Gefahr beim gemeinsamen Spaziergang ist. Das Restaurant nebenan hat jetzt einen Lieferservice und verkauft Essen aus dem Fenster. Als ich vorbeikam, hat gerade jemand Schilder aufgeh\u00e4ngt. Wirkte sehr improvisiert. Sympathisch. Heute wurde ich zweimal drau\u00dfen angel\u00e4chelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag 29. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Schwer, irgendwas \u00fcber die letzten Tage zu schreiben. Ich habe zunehmend den Eindruck, mich auf keine Nachrichtenquelle mehr verlassen zu k\u00f6nnen. Habe am Freitag einen <a href=\"https:\/\/www.futurezone.de\/science\/article228710055\/Coronavirus-Impfung-auf-dem-Weg-Forschern-gelingt-Unfassbares.html\">Artikel gefunden, der von einem \u201cerstaunlichen Durchbruch\u201d bei der Impfstoff-Forschung sprach<\/a>. Aber im Artikel selbst steht das gleiche wie \u00fcberall sonst, dass eben noch lange dran geforscht werden muss. Also nur Klickbait. Das Robert-Koch-Institut hat sich wohl zur\u00fcckgezogen und au\u00dferdem viel Kritik geerntet. Also ist das vielleicht auch nicht mehr die beste Quelle. Andererseits ist das vielleicht deshalb, weil die Leute von ihnen mehr erwarten, als wissenschaftlich \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Wie oft liegen wissenschaftliche Prognosen denn sonst falsch?!<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Schwer, irgendwas \u00fcber die letzten Tage zu schreiben. Ich habe zunehmend den Eindruck, mich auf keine Nachrichtenquelle mehr verlassen zu k\u00f6nnen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p>Die letzten Tage wurde es mir drau\u00dfen beim Spazierengehen zu voll und zu schwierig, anderen Menschen auszuweichen. Es macht auch niemand wirklich Anstalten, anderen aus dem Weg zu gehen. Deshalb bin ich gestern mit dem Fahrrad ein bisschen rumgefahren. Das war etwas besser, aber auch da war viel los. Im Wohngebiet ging es dann einigerma\u00dfen. Heute war ich nochmal mit einem Freund drau\u00dfen, aber erst am Abend. Deshalb und weil Sonntag ist war pl\u00f6tzlich alles richtig richtig leer. Nur ganz vereinzelt Autos, man kann super auf der Stra\u00dfe laufen. Auch nur vereinzelt Menschen. Beim Restaurant nebenan standen schon einige, um Essen abzuholen. Wieder jemand mit Mundschutz, aber nachdem ich nochmal einen\u00a0 Beitrag im Deutschlandfunk dazu geh\u00f6rt habe, bin ich f\u00fcr mich zu dem Schluss gekommen, dass das nicht viel bringt und ich es auch nicht systematisch machen werde. Ich habe von meiner Schwester eine Einweg-FFP3-Maske geschenkt bekommen. Die k\u00f6nnte ich nutzen, wenn ich angesteckt bin oder es hier zum Risikogebiet wird und ich unbedingt raus muss. Aber nur einmal f\u00fcr acht Stunden. Mundschutz vielleicht wenn ich mal kurz ins Gedr\u00e4nge muss\u2026. Aber selbst da wei\u00df ich nicht genau wie viel das bringt. Insgesamt bin ich sehr \u00fcberfordert mit allen Informationen. Zu vieles ist unklar. In meiner Politgruppe wurde ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3eodQHE2kco\">Video<\/a> geteilt, was mich zum n\u00e4chsten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=e-NoI6T3LVg\">Video<\/a> gef\u00fchrt hat und dann zu einer <a href=\"https:\/\/spiral.imperial.ac.uk:8443\/bitstream\/10044\/1\/77482\/5\/Imperial%20College%20COVID19%20NPI%20modelling%2016-03-2020.pdf\">Studie<\/a>. In den letzten Tagen hab ich wieder oft gedacht, dass es vielleicht ja doch nicht so schlimm ist. Nachdem ich den Abstract der Studie gelesen habe und gestern mal Zahlen zu den j\u00e4hrlichen Grippetoten angeschaut habe, sehe ich das aber nicht mehr so. Von einem Freund hier aus dem Ankerzentrum habe ich erfahren, dass viele verlegt wurden und keine Asylsozialberatung oder Helfer*innen mehr im Camp sind. Fast alle Bewohner*innen bekommen jetzt wieder den alten Satz von 100\u20ac ausgezahlt statt wie bisher fast alle nur noch 7\u20ac. Irgendwo in der Presse habe ich gelesen, dass grunds\u00e4tzlich keine Dublin-Abschiebungen mehr stattfinden. W\u00e4re ja auch schwierig. Frage mich wie es mit anderen Abschiebungen ist. Ich mache mir nach wie vor viele Gedanken \u00fcber die Menschen in Moria, aber lese fast nichts dar\u00fcber, weil es unertr\u00e4glich ist, nichts machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heute habe ich mit einer Freundin telefoniert, der es mit der Isolation sehr schlecht geht. Wir haben vereinbart, dass wir trotz der Regelung gemeinsam spazieren gehen werden, mit Abstand. Habe mich nicht getraut ihr zu verraten, dass ich das bereits mit jemandem gemacht habe. Das f\u00fchlt sich jetzt verboten an, ist es ja auch, aber gleichzeitig f\u00fchlt sich dieses Verbot noch immer wahnsinnig absurd an. Heute hat mich ein Freund zum Abschied umarmt. Ich wollte eigentlich nicht, aber habs nicht geschafft, es rechtzeitig abzuwehren, weil es so ungewohnt ist, diese Konvention zu brechen. Jetzt f\u00fchle ich mich schlecht. Er geh\u00f6rt auch zu denen, die hoffen, dass jetzt bald mal wieder alles vorbei ist. Ich sage da meistens nichts dazu und denke mir aber, dass das wohl nur ein sch\u00f6ner Traum ist.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir haben vereinbart, dass wir trotz der Regelung gemeinsam spazieren gehen werden, mit Abstand. Habe mich nicht getraut ihr zu verraten, dass ich das bereits mit jemandem gemacht habe. Das f\u00fchlt sich jetzt verboten an, ist es ja auch, aber gleichzeitig f\u00fchlt sich dieses Verbot noch immer wahnsinnig absurd an.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Dienstag, 31. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>Gestern am sp\u00e4ten Abend war ich mit einer Freundin spazieren, der es auch wichtig war, genug Abstand zueinander zu halten. Es hat sich gut angef\u00fchlt, diesen Abstand zu halten, weil klar war, dass wir das tun, um auf einander und auf andere aufzupassen. Es war aber sehr seltsam f\u00fcr uns, dass das was wir da taten eigentlich verboten sein sollte.<\/p>\n<p>Heute hab ich mit alten Freundinnen l\u00e4nger videotelefoniert. Das tut sehr gut, auch zu h\u00f6ren, wie es allen mit der Krise geht und dass alle ihre Sorgen und \u00c4ngste haben.<\/p>\n<p>Seit gestern lese ich wieder mehr Nachrichten, dadurch kommt es mir auch wieder n\u00e4her, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist. Konnte heute die ganze Nacht nicht schlafen. Inzwischen gibt es an immer mehr Orten Maskenpflicht und auch ganz andere Argumentationen und Berichte dazu, die mich schlie\u00dfen lassen, dass ich auch gerne eine tragen m\u00f6chte beim Einkaufen bzw. wenn ich unter viele Menschen muss.<\/p>\n<p>Habe immer mehr das Bed\u00fcrfnis solidarische Strukturen mit anderen aufzubauen, sehe aber weit und breit nichts, nur Einzelne, die Einzelnen helfen. Habe \u00fcberlegt, ob ich was organisieren k\u00f6nnte, sodass sich meine Stra\u00dfe miteinander organisieren kann, man f\u00fcreinander einkaufen geht usw. Aber f\u00fchlt sich schon jetzt wie ein Kampf gegen Windm\u00fchlen an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 4. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute zum ersten Mal mit Mundschutz einkaufen gewesen. Es ist unm\u00f6glich, im Laden den Abstand einzuhalten. Gehe jetzt im teureren Edeka einkaufen statt im Netto, muss daf\u00fcr 5 Minuten mit dem Rad fahren statt 2 Minuten laufen. Der Edeka ist viel ger\u00e4umiger und hat deutlich mehr Sachen. Mehl, Klopapier, Linsen usw. waren in beiden L\u00e4den ausverkauft. Im Netto fast keine Abstandslinien. Die Politik und viele offizielle Stellen empfehlen jetzt \u2013 endlich \u2013 doch das Tragen von Mund-Nasen-Schutz oder Maske. Mir scheint die bisherige Argumentation dagegen absurd, sowas wie \u201cMenschen werden dann unvorsichtig und halten keinen Abstand mehr\u201d bzw. \u201cDann hamstern alle Masken und medizinisches Personal bekommt keine\u201d &#8211; wobei letzteres vielleicht realistisch ist. Trotzdem, deshalb zu behaupten es bringt nichts\u2026 Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor. Vielleicht ist die Zukunft einfach nicht mehr hier. Auch wenn die Zukunft scheinbar mit weniger Rechten an den eigenen Daten einhergeht\u2026 Dachte alle schauen mich mit dem Mundschutz komisch an, die wenigsten tragen ihn bisher. War aber nicht so. Ist schwierig, den l\u00e4nger zu tragen, weil beim Atmen oft die Brille beschl\u00e4gt, ich muss ihn sehr hoch ziehen. Vielleicht sollte ich Kontaktlinsen tragen? Bald ist mein Geburtstag, \u00fcberlege, ihn irgendwie online zu feiern. Immer noch gehen mir drau\u00dfen viele Leute nicht aus dem Weg. Aber auch ich vergesse es immer wieder, k\u00f6nnte ja vor dem Supermarktregal auch mit Abstand warten, wenn jemand anderes gerade was rausnimmt. Bin dann aber immer zu ungeduldig. Es ist einfach sehr ungewohnt. Auf dem Platz drau\u00dfen war heute Markt, eine Schlange vor der Eisdiele und viele Menschen sa\u00dfen in der Sonne. Es war alles etwas entzerrter als sonst, aber sicher nicht 1,5 Meter zwischen allen. Gleichzeitig habe ich gelesen, dass die Polizei in Bayern irgendwo einen Mann bis zum Ende der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Haft genommen hat, weil er zuhause mehrmals ein paar (zuletzt vier) Menschen zu sich eingeladen hatte \u2013 und gefeiert. Scheint mir willk\u00fcrlich. Aber so willk\u00fcrlich auch nicht: Spa\u00df haben ist definitiv nicht mehr drin. Nur Arbeiten, und Konsumieren.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor. Vielleicht ist die Zukunft einfach nicht mehr hier. Auch wenn die Zukunft scheinbar mit weniger Rechten an den eigenen Daten einhergeht\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Mittwoch, 8. April 2020<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>F\u00fchle mich resigniert, lese nicht mehr viele Nachrichten, habe nicht mehr die Hoffnung, dort viel brauchbares zu erfahren. Heute hat mir eine Frau auf der Stra\u00dfe gedankt, weil ich die Stra\u00dfenseite gewechselt hatte, um ihr Platz zu machen und ihr nicht zu nahe zu kommen. Das hat mich sehr ber\u00fchrt. Immernoch h\u00f6re ich oft Menschen davon sprechen, dass sie Handschuhe tragen, aber das macht ja \u00fcberhaupt keinen Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 16. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>In der letzten Woche konnte ich nicht schreiben. Einerseits f\u00fchlt sich jeder Tag gleich an, nichts Neues passiert. Andererseits f\u00fchlt sich immer noch alles sehr deprimierend an, m\u00f6chte ich meistens nicht daran denken. Seit heute besitze ich zwei selbstgen\u00e4hte Mund-Nasen-Masken. Habe Besuch von meiner Freundin aus Th\u00fcringen, habe sie mit in den Supermarkt genommen, sie sagt: \u201cJetzt wei\u00df ich, wieso die Zahlen in Bayern so hoch sind!\u201d Immer noch tragen hier h\u00f6chsten 15% der Einkaufenden einen Mundschutz. Seit heute wird das ja von der Regierung \u201cdringend empfohlen\u201d, aber nicht erzwungen. In den letzten Tagen wurde medial fast nur noch \u00fcber Lockerungen diskutiert, seit gestern ist klar, dass es erstmal nicht wirklich welche gibt. Ich war mir fast sicher, dass das kommen wird. Die Gefahr scheint aus dem \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein schon wieder verschwunden zu sein. Wenn ich mit Menschen in meinem Alter spreche, dann stellen die sich Covid19 meistens wie eine (vielleicht etwas st\u00e4rkere) Erk\u00e4ltung vor. Dass \u201cmilde Symptome\u201d bis zur Lungenentz\u00fcndung gehen, musste mir auch erst wieder in Erinnerung gerufen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 22. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>Seit ein paar Tagen ist wieder deutlich mehr los auf der Stra\u00dfe. Hier sind jetzt die Gesch\u00e4fte immer noch geschlossen, erst ab Montag d\u00fcrfen kleine L\u00e4den wieder \u00f6ffnen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es dann wird. Au\u00dferdem wird es immer w\u00e4rmer. Die Menschen sitzen wie jedes Jahr auf den beliebten Pl\u00e4tzen in der Sonne. Man sieht schon, dass alle alleine oder maximal zu zweit sind und zwischen sich und anderen dann ein bisschen mehr Platz lassen als sonst. Menschen die mit Abstand miteinander spazieren gehen sehe ich ganz selten, obwohl man das ja in Bayern auch wieder darf. Ich vermute, sie halten gar keinen Abstand. An vielen Stellen geht das auch nicht wirklich. Beim Fahrradfahren habe ich jetzt viel \u00f6fter Fu\u00dfg\u00e4nger auf der Fahrradspur, denen ich ausweichen muss, weil sie anderen ausweichen. Im Supermarkt kommt n\u00e4chste Woche auch der Mundschutz, ich habe den Eindruck, es werden nach und nach ein paar mehr Menschen, die jetzt schon einen tragen. Sehr viele tragen OP-Mundschutz. Insgesamt f\u00fchlt es sich an, als w\u00fcrden alle ein bisschen aufatmen und ein bisschen unvorsichtiger werden. In der Debatte scheint mir die Idee vorzuherrschen, dass wir doch jetzt lange genug durchgehalten haben und es uns verdient haben, endlich wieder raus zu gehen, Eis zu essen, Freunde zu treffen. Apropos \u201cWir\u201d, ich h\u00f6re immer noch jeden Tag von sozialen Diensten, die eingestellt wurden oder werden, zum Beispiel in manchen F\u00e4llen das \u201cEssen auf R\u00e4dern\u201d. Wieso ist das kein viel diskutiertes \u00f6ffentliches Problem?? Die sozialen Einrichtungen, bei denen ich mich dieses Jahr noch auf Stellen bewerben wollte, sind gr\u00f6\u00dftenteils auch gerade geschlossen. Gestern habe ich einen Deutschlandfunk-Beitrag geh\u00f6rt, wo nochmal beschrieben wurde, wie wichtig es ist, den Mundschutz beim Tragen auf keinen Fall anzufassen. Das f\u00fchlt sich intuitiv irgendwie gar nicht so an bzw. denke ich oft, dass es selbst dann ein bisschen hilft, wenn ich ihn nicht ganz korrekt trage. Vielleicht stimmt das garnicht. Aber das kommt bei den offiziellen Empfehlungen nicht wirklich raus. Vielleicht traut man den Menschen nicht zu, dass sie komplex denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 2. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Gestern habe ich seit langem wieder Nachrichten geh\u00f6rt und mich wieder an das Thema herangetraut. Scheinbar wei\u00df man inzwischen doch einiges mehr \u00fcber das Virus, der Deutschlandfunk sprach davon, dass es unterschiedliche Sorten gibt, die dar\u00fcber entscheiden, wie schwer man erkrankt, aber dass es auch mit der eigenen Genetik, der Menge und dem Alter zu tun hat. Und inzwischen ist man wohl mit Remdesivir noch ein St\u00fcck weiter gekommen. Hier sind seit Montag die L\u00e4den wieder offen, aber meistens d\u00fcrfen nur wenige Menschen gleichzeitig rein, es gibt Schlangen davor und manche verkaufen nur an der T\u00fcr, manchmal auch mit Plexiglas. Die Innenstadt ist wieder deutlich voller, aber jetzt hat es \u2013 endlich! &#8211; viel geregnet und es war deshalb nicht sehr viel los. Diese Woche war mein 30. Geburtstag. Deshalb hab ich diese Woche doch einen Freund und eine Freundin jeweils abends zu mir auf den Balkon eingeladen, um ein bisschen zu feiern. Wir sa\u00dfen da mit Sicherheitsabstand, aber es war trotzdem sch\u00f6n. Au\u00dferdem hat er momentan gar niemanden f\u00fcr k\u00f6rperlichen Kontakt\u2026 Ich umarme zumindest manchmal meine Mitbewohnerin. Da war es mir wichtig, ihm das zu geben. Ich habe daran gedacht, wie ich selbst immer wieder w\u00fctend werde, wenn ich h\u00f6re, dass andere das machen. Aber ich merke, dass ich jetzt an meine Grenzen komme und dass auch bei mir mit der sinkenden Ansteckungsrate das Risikogef\u00fchl deutlich kleiner wird.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Den Freund habe ich zum Abschied dann doch umarmt, eigentlich sind wir uns k\u00f6rperlich sehr nahe und es war einfach zu seltsam, zu unaushaltbar, das nicht zu tun.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Donnerstag 28. Mai 2020<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>Die letzten Wochen habe ich mich von Corona abgeschottet. Meine Masterarbeit braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Drau\u00dfen Spazierengehen zum Ausgleicht und auch Einkaufen ist stressiger und schwieriger geworden, seit drau\u00dfen die Stra\u00dfen wieder voll sind und sich alle so verhalten als w\u00e4re nichts mehr. Die Gesch\u00e4fte sind offen, zwar mit Einschr\u00e4nkung. Aber am vorletzten Samstag war schon wieder eine lange Schlange vor einem Schuhladen, alle im Abstand entlang der Markierungen am Boden, aber ohne Maske. Auf der Stra\u00dfe tragen die nur ganz wenige. Heute hat eine Radfahrerin ihre Maske verloren und ich wollte sie ihr aufheben, so wie ich das mit anderen Sachen machen w\u00fcrde. Dann fiel mir ein: Nicht anfassen. Seit kurzem hei\u00dft es, Corona sei doch \u00fcber die Luft \u00fcbertragbar. L\u00fcften sei wichtig. Das hat mich wieder neu verunsichert. Letztes Wochenende hab ich mich zum ersten Mal wieder mit einem Freund zum Kuscheln bei mir zuhause, in meinem Zimmer getroffen. Ich merke wie sehr mir sowas fehlt, aber es f\u00fchlt sich trotzdem nicht richtig an.<\/p>\n<p>Seit einer Woche lese ich jeden Tag Nachrichten aus dem ANKER-Zentrum hier in Regensburg. Dort haben sich mindestens 100 Menschen nachweislich angesteckt, Regensburg ist jetzt der deutschlandweite Hotspot. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DAOcpCkwFoY&amp;feature=youtu.be\">Die Leute wurden zum Teil in Holzverschl\u00e4gen isoliert<\/a>. Nat\u00fcrlich mussten auch negativ getestete Menschen noch weiter mit positiv getesteten Menschen zusammen wohnen. Mein Bekannter aus dem ANKER-Zentrum schreibt mir manchmal SMS und wirkt als n\u00e4hme er das alles eher scherzhaft, er schreibt dar\u00fcber, als sei alles ein Witz. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihm das hilft. Ma\u00dfnahmen ergreift die Stadt aber nur im Lager, alles andere bleibt trotz weitem \u00dcberschreiten des Grenzwerts von 35 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner pro Woche in Bayern (bzw. 50 in Deutschland) \u2013 wir sind bei \u00fcber 70 \u2013 wie gehabt. Man glaubt, das isolieren zu k\u00f6nnen. Das Zentrum ist kein Teil der Gesellschaft. Dass Leute von dort \u201cdrau\u00dfen\u201d arbeiten bzw. Menschen von drau\u00dfen dort drinnen arbeiten wird nichtmal erw\u00e4hnt. Oder ob diejenigen Bewohner*innen, die noch nicht getestet wurden, noch getestet werden.<\/p>\n<p>Ansonsten auch hier seit mehreren Wochen jedes Wochenende Kundgebungen aus dem rechten Milieu. Und Gegenkundgebungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 30. Juni 2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Stand der Dinge jetzt: Eine neue Normalit\u00e4t mit Plexiglas und Mundschutz. Immer noch Menschen, die ihn nicht \u00fcber die Nase ziehen. Im Supermarkt m\u00fcssen die Mitarbeiter*innen an der Kasse keinen Mundschutz mehr tragen, das Plexiglas reicht aus. Das leuchtet mir nicht ein. Aber f\u00fcr sie ist es bestimmt angenehmer. Vor allem bei der Hitze jetzt. Die Au\u00dfenbereiche der Restaurants sind gewachsen, nehmen Pl\u00e4tze und manchmal Teile von Stra\u00dfen ein. Die Stadt ist wieder sehr oft voll. Manchmal vergesse ich fast den Mundschutz, wenn ich in den Supermarkt laufe. Meine Brille beschl\u00e4gt nicht mehr. Es ist Gewohnheit geworden. Ich treffe mehr Menschen, aber immer noch nicht so viele wie sonst. Ich mache mir immer noch Gedanken \u00fcber Ansteckungsrisiken, aber weniger.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Der Stand der Dinge jetzt: Eine neue Normalit\u00e4t mit Plexiglas und Mundschutz. Immer noch Menschen, die ihn nicht \u00fcber die Nase ziehen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lese kaum noch Nachrichten und habe ein schlechtes Gewissen, aber ich schaffe es gerade nicht. Ich frage mich, wieso es sich jetzt nicht mehr anf\u00fchlt, als sei die Welt eine andere und ich frage mich, ob ich mich an jeden Ausnahmezustand so gew\u00f6hnen w\u00fcrde. Auch an Krieg? Ein St\u00fcck weit ist alles irgendwann Normalit\u00e4t. Aber vor allem hatte ich Gl\u00fcck, dass es in Deutschland nicht schlimmer wurde. Denn an so vielen Orten der Welt ist es jetzt richtig richtig schlimm! Und ich denke auch, dass da noch was kommt, eine zweite Welle. Eigentlich ist die ja schon da, nur eben in isolierten, lokalen Ausbr\u00fcchen. Ich habe kein wirkliches Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Menschen jetzt in die Kirche gehen. Aber bin ich wirklich so viel besser als sie? Ich glaube das ist die falsche Frage. Der Kapitalismus kennt einfach keine solidarische L\u00f6sung so einer Krise.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Der Kapitalismus kennt einfach keine solidarische L\u00f6sung so einer Krise.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[],"autor":[585],"class_list":["post-9468","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","autor-emma-lou"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9468"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=9468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}