{"id":9450,"date":"2021-10-08T18:37:57","date_gmt":"2021-10-08T16:37:57","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=9450"},"modified":"2021-10-14T16:54:51","modified_gmt":"2021-10-14T14:54:51","slug":"interaktion-auf-der-strasse-mehr-bedeutung","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/interaktion-auf-der-strasse-mehr-bedeutung\/","title":{"rendered":"\u201eMerke, dass jede Interaktion mit Fremden auf der Stra\u00dfe mehr Bedeutung erh\u00e4lt.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9450?pdf=9450\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9450?pdf=9450\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Ich bin Studentin in der Museologie und habe mein letztes Semester im Ausland studiert. Aufgrund der Pandemie musste ich am 17. M\u00e4rz, 10 Tage vor dem geplanten R\u00fcckflug, das Land verlassen. Zur\u00fcckgekommen bin ich in eine neue WG: ein beinahe leeres Zimmer, eine unbekannte Mitbewohnerin. Bereits eine halbe Woche nach meiner Ankunft in Deutschland, wurden die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen verh\u00e4ngt. Die folgenden Tagebuchnotizen wurden von mir anonymisiert und ich selbst nutze f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung ein Pseudonym; mein Name ist der Redaktion bekannt).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>23.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe heute viermal telefoniert, zwischen 2,5 h und 15 min. Ich habe aus dem Nichts Leute angerufen \u2013 ohne mich, wie sonst, vorher per Textnachricht mit Ihnen zum Telefonieren zu verabreden. Das hat sich komisch und ungewohnt angef\u00fchlt, aber irgendwie auch legitim, jetzt, wo eh alle zuhause sind. Ich habe weniger das Gef\u00fchl, zu st\u00f6ren oder den Tagesablauf durcheinander zu bringen.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer Verwandter freut sich meine Stimme zu h\u00f6ren, als ich ihn anrufe, er ist sehr allein. Er hat eine schwere Grippe, aber erreicht seit mehreren Tagen seine Haus\u00e4rztin nicht und m\u00f6chte keine andere medizinische Stelle anrufen, solange es nicht wieder schlechter wird. Er ermahnt mich, besonders vorsichtig zu sein, kein Risiko einzugehen, wiederholt das mehrmals. Scheint sich Sorgen um meine Gesundheit zu machen.<\/p>\n<p>Auch im Telefongespr\u00e4ch mit einer Freundin ist Einsamkeit das gro\u00dfe Thema. Sie kommt gerade aus einem Backpacking-Urlaub und hat sich nun vorsichtshalber freiwillig 2 Wochen in Quarant\u00e4ne begeben. Durch die vielen Kontakte am Flughafen hat sie Angst, sich angesteckt zu haben. Sie hatte auch eine Erk\u00e4ltung, geht aber nicht davon aus, dass es sich um das Virus handelt. Sie f\u00fchlt sich sehr allein, beneidet WGs und die Freund*innen, die mit ihren Partner*innen zusammenwohnen.<\/p>\n<p>Ich empfinde heute eher das Gegenteil.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich habe das Gef\u00fchl, die Telefonate werden l\u00e4nger, intensiver, weil wir uns Zeit nehmen k\u00f6nnen, Gedanken auszuf\u00fchren und niemand auf dem Sprung ist.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dadurch bin ich die meiste Zeit des Tages nicht allein oder einsam. Au\u00dferdem war ich 2,5h spazieren. Ich habe viel mehr Menschen mit einem Kopfnicken, einem L\u00e4cheln oder einem \u201eHallo\u201c gegr\u00fc\u00dft, als ich das normalerweise tun w\u00fcrde. In Zeiten von wenigen vertrauten Kontakten um mich herum, scheint jede soziale, menschliche, verbindende Geste zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Alle haben den empfohlenen Abstand eingehalten, es herrscht eine bed\u00e4chtige Ruhe und gegenseitige Beobachtung auf den Stra\u00dfen, die Menschen bewegen sich vorsichtiger.<\/p>\n<p>Eine Freundin erz\u00e4hlt mir davon, wie Bekannte aus einem europ\u00e4ischen Land Schwierigkeiten haben in Mexiko umherzureisen, immer wieder werden sie in Hostels abgewiesen oder d\u00fcrfen ganze Ortschaften nicht betreten. Die Menschen haben Angst, dass sie das Virus haben k\u00f6nnten. Ich kommentiere, dass es vielleicht etwas Gutes hat, dass auch privilegierte <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen mal eine Form von \u201eDiskriminierung\u201c oder Pauschalisierung zu sp\u00fcren bekommen. Dass ein deutscher Reisepass in dieser Zeit nicht mehr der Garant f\u00fcr jede Einreise ist. Wir lernen hoffentlich unsere Freiheiten und Privilegien mehr zu sch\u00e4tzen, jetzt, wo sie eingeschr\u00e4nkt sind. Vielleicht f\u00f6rdert es die Empathie der Menschen\u2026 vielleicht\u2026<\/p>\n<p>Meine Cousine hat einen systemrelevanten Beruf und kommt nach einer 8h-Schicht nach Hause. Im Krankenhaus gibt es jetzt \u201eLotsen\u201c, die im Eingangsbereich den Besuchenden oder Patient*innen assistieren sollen. Ich glaube, es geht vor allem um Information und Ordnung. Sie empfindet sie wie \u201eT\u00fcrsteher\u201c oder \u201eSecurity\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>24.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Meine Cousine erz\u00e4hlt aus dem Krankenhaus, die \u201eSecurity\u201c befragt jetzt alle Personen, die rein oder raus wollen nach ihrem Motiv und ihren Pl\u00e4nen, sie verteilen Nasen- und Mundschutz. Lese vom Erdbeben in Zagreb \u2013 irgendwie werden alle anderen Nachrichten von Corona \u00fcberlagert.<\/p>\n<p>Beim Spazieren entdecke ich in der Unterf\u00fchrung diesen Zettel.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9462\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Curare_Corona_Zettel-690x920.jpg\" alt=\"\" width=\"564\" height=\"752\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Curare_Corona_Zettel-690x920.jpg 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Curare_Corona_Zettel.jpg 826w\" sizes=\"auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>aufgenommen von der Autorin.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute sind mehr Leute auf den Stra\u00dfen. Oben am Hubland auf dem Gel\u00e4nde der Landesgartenschau f\u00fchlt es sich beinahe so an, als w\u00e4re alles wieder normal. Mit meiner Mitbewohnerin auf der Stra\u00dfe zu sein, l\u00e4sst mich das \u201esocial distancing\u201c ein bisschen vergessen. Im Supermarkt kommen wir dann aber doch nicht dran vorbei: Hier wurden an der Kasse Plexiglasscheiben angebracht, gestreifte aufgeklebte B\u00e4nder am Boden zeigen einen Mindestabstand von 1,5m in der Kassenschlange an, man soll m\u00f6glichst mit der EC-Karte zahlen. Meine Mitbewohnerin sagt am Ausgang, durch diese Ma\u00dfnahmen f\u00fchlt sie sich jetzt wieder sehr daran erinnert, dass wir in einer Ausnahmesituation leben, ein komisches Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Vor mir an der Kasse niest jemand und ich denke sofort: \u201eAch super, der hat kein Corona. Da niest man ja nicht\u201c. Verstehe aber immer noch nicht, wieso das ein Indikator sein soll. Niest man nicht immer, wenn Fremdk\u00f6rper oder Irritationen in der Nase sind? Wie kann das ein spezifisches Symptom sein\u2026?<\/p>\n<p>Instagram ist voller \u201eBleibt zu Hause\u201c und \u201eH\u00e4nde waschen\u201c-Aufrufe\u2026 schon seit Tagen. Jetzt mischen sich auch immer mehr Artikel \u00fcber die psychischen Auswirkungen von social distancing darunter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>25.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich hole zur Besch\u00e4ftigung ein Puzzle im Hotel am Bahnhof ab. Merke, dass jede Interaktion mit Fremden auf der Stra\u00dfe mehr Bedeutung erh\u00e4lt. Normalerweise gehen wir einfach aneinander vorbei, jetzt werfen wir uns Blicke zu, ich fange an, fremde Menschen zu gr\u00fc\u00dfen, als w\u00e4re das keine Stadt, sondern ein kleines Dorf. Glaube, irgendwie f\u00fchlen sich alle verbundener durch die gemeinsame Krise. An der Kasse im Supermarkt unterhalten sich zwei Kassenkr\u00e4fte. Die eine herrscht den anderen an, weil er einer Person zwei Packungen Zewa verkauft hat. \u201eDas geht nicht. Ist egal, ob er es f\u00fcr jemand anderes kauft, meine Nachbarin ist alt und NIRGENDS gibt es mehr Klopapier. Wegen solchen Spinnern!\u201c Dachte nicht, dass das noch immer so ein Problem ist.<\/p>\n<p>Suche im Internet nach Nebenjobs und bin \u00fcberw\u00e4ltigt von den vielen solidarischen Communities, die sich bilden. Auf <a href=\"https:\/\/goodjobs.eu\/\">goodjobs.eu<\/a> wimmelt es unter dem Stichwort \u201eHeld*innen gesucht\u201c nur so von neuen Websites, die Freiwillige und Nachbar*innen f\u00fcr gegenseitige Hilfe und solidarische Aktionen suchen. Ich bin bei <a href=\"https:\/\/nebenan.de\/\">nebenan.de<\/a> angemeldet, warte aber immer noch auf meinen Zugangscode. Au\u00dferdem finde ich sehr viele Aufrufe zur <a href=\"https:\/\/www.daslandhilft.de\/\">Erntehilfe<\/a>.<\/p>\n<p>Habe auch schon mehrmals \u00fcberlegt, mich dort zu bewerben, aber ich bin nicht sonderlich mobil im Moment und habe keine Lust, direkt wieder f\u00fcr mehrere Wochen von Zuhause weg zu sein und am Hof zu schlafen. Stattdessen schreibe ich Bewerbungen f\u00fcr Jobs in der Post-Sortierung und im Einzelhandel. Habe aber ein nicht sehr positives Gef\u00fchl, ich f\u00fcrchte, alle Stellenanzeigen sind \u00fcberlaufen.<\/p>\n<p>H\u00f6re nachmittags die neueste \u201eLage der Nation\u201c (Podcast) auf Spotify. Sie machen mir gro\u00dfe Sorgen, dass wir Corona noch eine ziemlich lange Zeit miteinander herumtragen. Einmal sagen sie sinngem\u00e4\u00df, dass vor zwei Wochen noch jede*r einen Plan f\u00fcr die n\u00e4chsten 5 Jahre machen konnte\u2026 jetzt wissen wir nicht einmal, wie das n\u00e4chste halbe Jahr aussieht\u2026 das macht Angst. F\u00fchle mich komisch fremdbestimmt. Ich wollte gerade mit meiner Masterarbeit anfangen,<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>das n\u00e4chste Jahr w\u00e4re eines der spannendsten in meinem Leben gewesen und pl\u00f6tzlich schaltet mein Leben auf Energiesparmodus<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>und irgendwie f\u00fchlt sich mein Studium und meine Jobperspektive unfassbar unproduktiv und nutzlos an. Merke ich auch bei den Portalen zur Nachbarschaftshilfe\u2026 Welche Hilfe k\u00f6nnen Sie anbieten? Hmmm\u2026 Hobbies habe ich ja schon ein paar, die k\u00f6nnte ich sicher auch mit anderen teilen, aber ansonsten\u2026 keine Pflegewissen, keine P\u00e4dagogik, keine schulrelevanten F\u00e4cher, keine Landwirtschaft\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>26.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Diskussion um die Gefahr von Corona im Gegensatz zur Grippe. Meine Mutter ist sehr entspannt, ich bin wieder etwas panischer. Ich glaube, ich kann nicht gut mit der Unsicherheit und Unplanbarkeit umgehen. F\u00fchle mich wie im freien Fall.<\/p>\n<p>Noch immer sind meine M\u00f6bel und privaten Sachen bei einem Freund untergestellt. Vor den Ausgangsbeschr\u00e4nkungen hatte ich keine Zeit sie abzuholen, jetzt darf ich nicht mehr. Ich muss also warten. Oder mich \u00fcber das Verbot hinwegsetzen? Mein Freund m\u00fcsste helfen, weil ich alleine nicht alles getragen kriege, aber damit habe ich eventuell Kontakt zu weiteren Personen, neben ihm nat\u00fcrlich. Meine Mitbewohnerin und ich w\u00fcrden es zu zweit auch nicht schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>27.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich h\u00f6re direkt nach dem Aufstehen die Nachrichten vom Deutschlandfunk \u2013 \u00fcber die Corona-Zahlen in den USA. Ich habe das Gef\u00fchl, seit Tagen keine Fallzahlen mehr gecheckt zu haben. Das letzte Mal war die Ausbreitung in den USA doch noch relativ moderat. Auf taz.de sto\u00dfe ich auf einen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Coronakrise-in-USA\/!5670798\/\">Artikel<\/a> (letzter Zugriff 27.03.2020), der mich aus allen Wolken fallen l\u00e4sst. Insgesamt sind etwa eine halbe Million Menschen mittlerweile infiziert.<\/p>\n<p>Meine Mitbewohnerin und ich reden \u00fcber Ostern. Sie will zu ihrer Familie fahren, ich \u00fcberlege auch zu meinen Eltern nach Berlin zu fahren\u2026 Aber eigentlich ist klar, es w\u00e4re unverantwortlich und eigentlich auch sinnlos. Auf der einen Familienseite sind viele Asthmatiker*innen und in der Risikogruppe, eine Verwandte ist Altenpflegerin und muss damit ebenfalls sehr vorsichtig sein. Wenn ich in die Wohnungen von Freund*innen gehe, die gerade woanders sind, dann bin ich in Berlin, ein paar Kilometer n\u00e4her an meiner Verwandtschaft\u2026 und habe trotzdem nichts davon. Ich denke, ich bleibe hier. Gesetzlich muss ich sogar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>28.03.2020<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Habe den Podcast \u201eSextapes\u201c geh\u00f6rt. In der <a href=\"https:\/\/sextapes-podcast.de\/sonderfolge-corona-sex\">\u201eSonderfolge zu Corona: Self-Care und Sex\u201c<\/a> geht es vor allem viel um die psychischen Folgen der Kontaktbeschr\u00e4nkungen, vor allem f\u00fcr Menschen, die alleine wohnen. Danach schicke ich meiner Freundin eine Sprachnachricht und spreche zum ersten Mal aus, wie schlecht es mir damit geht, nicht zu wissen, wann die Beschr\u00e4nkungen zu Ende sind.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Auch w\u00e4hrend meines Auslandssemesters habe ich mich manchmal einsam und von meiner Familie und meinen Freund*innen isoliert gef\u00fchlt, aber da hatte ich ein klares R\u00fcckflugdatum,<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>nach dem sich diese Situation verbessert. Doch stattdessen sind wir direkt in diese neue isolierte Situation gestartet und das schlimmste ist, dass ich nicht wei\u00df, wie lange ich es aushalten muss. Habe Angst vor Ostern. Meine Mitbewohnerin f\u00e4hrt nach Hause und pl\u00f6tzlich bin ich alleine. An Feiertagen, die ich sonst immer in gro\u00dfen Familien- oder Freund*innenrunden verbracht habe, im Gottesdienst\u2026 Ich habe ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis, mich mit Menschen zu verbinden. Bin auf der anderen Seite genervt vom Chatten\u2026 kann mich nicht aufraffen, \u00fcbers Telefon Spiele zu spielen. Ich wei\u00df, dass es diese ganzen M\u00f6glichkeiten gibt, aber irgendwie schafft mich diese Vorstellung. Wie viel lieber w\u00fcrde ich einen gro\u00dfen Spieleabend bei mir machen; Menschen UMARMEN!!!, riechen, ber\u00fchren, wirklich ansehen\u2026<\/p>\n<p>In der Sextapes-Folge wird au\u00dferdem erz\u00e4hlt, wie wichtig es ist, dass man sich regelm\u00e4\u00dfig mit Menschen austauscht, nachfragt, wie sie sich f\u00fchlen, wie ihr Tag war\u2026 habe beschlossen, dass gewissenhafter zu tun, da zu sein, nachzufragen. Strengt alles mehr an, als sich pers\u00f6nlich zu sehen, verliere auch ein bisschen den \u00dcberblick, habe Angst, den Freund*innen und der Familie nicht gerecht zu werden. Dabei hat man doch gerade mehr Zeit f\u00fcr soziale Kontakte \u2013 online \u2013 als sonst!<\/p>\n<p>Ich telefoniere beim Spazierengehen mit einem Freund. Er erz\u00e4hlt mir von einem Mitarbeiter im Supermarkt, der hinter dem Corona-Virus Gottes Strafe vermutet. Weil wir Homosexualit\u00e4t zulassen. Sind beide sehr schockiert. Laut ihm ist das der Grund, wieso in den L\u00e4ndern, die Homosexualit\u00e4t unter Strafe stellen, bislang so wenige Menschen erkrankt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>29.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Tag beginnt mit einem Artikel <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/coronavirus-ausgangsbeschraenkungen-stressforscher-interview-1.4859936\">\u201eOhne Perspektiven h\u00e4lt sowas niemand lange durch\u201c<\/a> (letzter Zugang 29.03.2020). Danach Dr. Drosten, Corona Update. Danach ein Telefonat mit meiner Tante. Sie ist ver\u00e4rgert, dass jedes Bundesland so unterschiedliche Regelungen hat. Dass es keinen Raum f\u00fcr individuelle Anpassungen an die jeweilige Situation gibt. Was macht die depressive Alleinstehende, wenn sie 6 Wochen in ihrer Einzimmerwohnung h\u00e4ngt? Wieso muss die Polizei solche harten Strafen verh\u00e4ngen? Sie berichtet au\u00dferdem von einer Frau, die ihre Nachbarin denunziert hat, weil sie laute Musik aus der Wohnung geh\u00f6rt hat \u2013 ist das Zivilcourage oder eher unsoziales Verhalten? Ich verstehe ihren \u00c4rger, bin aber deutlich verst\u00e4ndnisvoller mit der Politik und den Ma\u00dfnahmen. Je komplizierter und einzelfallabh\u00e4ngiger, desto schwieriger die \u00dcberpr\u00fcfung und nat\u00fcrlich auch desto mehr Menschen, die diesen Spielraum ausnutzen. Die Situation ist kompliziert und es n\u00fctzt nichts, es ist sogar gef\u00e4hrlich, diese negativen Gef\u00fchle in eine Wut gegen die Politik zu katalysieren. Am Ende stimmt sie mir ein bisschen zu. Bin stolz, wie gut und wertsch\u00e4tzend das Gespr\u00e4ch gelaufen ist, meistens beharren wir viel mehr auf unseren Standpunkten, sind viel uneinsichtiger. Dann philosophieren wir dar\u00fcber, wieso vielleicht 2 m Abstand drau\u00dfen, aber innerhalb einer Wohnung nicht ausreichen\u2026 ich denke, es geht um die Viruskonzentration in der Luft und dass im Zimmer auf Dauer nicht gen\u00fcgend Luftaustausch stattfindet. Zum Schluss verabreden wir uns zum gemeinsamen Brunch-Familien-Skype an Ostersonntag. Au\u00dferdem hat ein Freund geheim dazu aufgerufen, seiner Freundin zum Geburtstag Videobotschaften zu senden, die er dann zusammenschneidet. Eine Bekannte plant im Video einen Kuchen zu backen und ihr dann einen frischen Kuchen am Geburtstag vor die T\u00fcr zu stellen. Ich \u00fcberlege ebenfalls, was ich Besonderes machen oder ihr schicken kann. Habe pl\u00f6tzlich ganz viele Anl\u00e4sse im Kopf, an denen ich Menschen etwas schicken und sie damit \u00fcberraschen k\u00f6nnte, um ein bisschen aus dem neuen Alltag herauszukommen.<\/p>\n<p>Habe au\u00dferdem B\u00fccher bestellt, im Onlineshop einer lokalen Buchhandlung. F\u00fchle mich sehr gut und nobel. Auf der anderen Seite versuche ich eigentlich so wenig wie m\u00f6glich neu zu kaufen, eigentlich lese ich nur gebrauchte oder geliehene B\u00fccher. War auch kurz davor, auf amazon.de die B\u00fccher gebraucht zu kaufen, h\u00e4tte mich dann aber glaube ich noch schlechter gef\u00fchlt. Die Buchhandlung und vor allem die Autor*innen brauchen jetzt mehr Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>30.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Im Podcast \u201eHotel Quarant\u00e4ne\u201c von Matze Hielscher spricht dieser mit Dorris D\u00f6rrie. Sie r\u00e4t allen Menschen, in dieser Zeit anzufangen, mehr kreativ zu sein, als zu konsumieren. Wir verlassen uns zu sehr auf das Entertainment von au\u00dfen, dass wir verlernen selbst etwas herzustellen oder uns zu unterhalten. Ich kann dem komplett zustimmen. Ich verbringe seit Tagen meine Zeit damit Podcasts, Serien, Nachrichten zu h\u00f6ren und zu sehen, zu lesen oder zu puzzeln. Ich merke erst durch die Unstrukturiertheit meines Tages wie kurz ich mich nur noch auf eine Sache konzentrieren kann, die meine eigene Kreativit\u00e4t und Denkleistung fordert. F\u00fchle mich sehr dumm.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Dorris D\u00f6rrie schl\u00e4gt vor, jeden Morgen 10 min zu schreiben.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendetwas. Ohne nachzudenken, ohne es zu bewerten, ohne es danach noch einmal zu lesen. Einfach um wieder in den Modus des Selbstproduzieren zu kommen. Ich nehme mir vor, mir so etwas in der Art anzunehmen. Abends gehe ich mit meiner Mitbewohnerin spazieren und Eis essen. Wir stehen brav mit Abstand zu den anderen in der Schlange. Wir d\u00fcrfen Eissorten probieren und er fragt, ob wir uns einen L\u00f6ffel teilen. Wir stimmen zu, weisen ihn aber darauf hin, dass das in Zeiten von Corona vielleicht nicht so sinnvoll ist, aber wir wohnen ja auch zusammen, wenn, dann sind wir eh schon beide infiziert. Drau\u00dfen auf der Br\u00fccke ist relativ viel los, allerdings halten alle den Anstand sehr vorbildlich ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Freundin mit dem Geburtstag arbeite ich ein kurzes Kreuzwortr\u00e4tsel aus, damit sie an ihrem Geburtstag etwas zu tun hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>31.03.2020<\/strong><\/p>\n<p>Habe nach dem Aufwachen keine 10-min\u00fctige Schreib\u00fcbung zur Kreativit\u00e4t gemacht, stattdessen 15min Yoga. Gemeinsames Fr\u00fchst\u00fcck mit meiner Mitbewohnerin, danach gemeinsames Studi-Karten-Validieren. Kriegen direkt danach einen Link, dass wir dieses Semester die Karte nicht validieren m\u00fcssen, sondern die Immabescheinigung + Karte + Personalausweis ausreicht.<\/p>\n<p>Wieder niemanden im B\u00fcrgerb\u00fcro bez\u00fcglich Ummeldung erreicht.<\/p>\n<p>Endlich wieder Verschw\u00f6rungstheorien. Lese den Artikel <a href=\"https:\/\/taz.de\/Corona-und-Verschwoerungstheoretiker\/!5675712\/\">\u201eMit Grundgesetz gegen den Verstand\u201c<\/a>&#8230; Freue mich das erste Mal \u00fcber das Demonstrationsverbot. Dann lese ich noch einen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kulturschaffende-in-Corona-Krise\/!5672708\/\">Artikel zu den Auswirkungen von Covid-19 f\u00fcr Selbstst\u00e4ndige und Kunstschaffende \u2013 \u201eK\u00fcnstlerpech\u201c<\/a>. Nehme mir vor, mich bei einem Bekannten zu erkundigen, wie es ihm geht. Er ist freischaffender Musiklehrer. In dem Artikel steht, dass einer der K\u00fcnstler Reserven f\u00fcr einen Monat hat, ich auch.<\/p>\n<p>Eine Freundin von mir ruft zu einem weiteren Geburtstagsvideo f\u00fcr eine Freundin auf. Sie wollen das geschnittene Video dann an ihrem Geburtstag abends an die gegen\u00fcberliegende Hauswand werfen, sodass sie es auf dem Balkon sehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>01.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Bleibe den ganzen Tag zuhause.<\/p>\n<p>H\u00f6re den Podcast von Matze Hielscher. In einer neuen Folge spricht er mit Nora Tschirner. Sie erz\u00e4hlt, dass sie sofort eine WG gegr\u00fcndet hat, als sie von Ausgangsbeschr\u00e4nkungen erfuhr. Sie wollte auf keinen Fall mit ihrem Kind allein in der Wohnung sitzen, hatte Angst vor Depressivit\u00e4t. F\u00fcr sie musste es so kommen mit dem Virus, die Menschheit hat verlernt in Gemeinschaft zu sein und nach Hilfe zu fragen, Schw\u00e4che und Angst zuzulassen bzw. zuzugeben. Sie hofft, dass die Krise uns dazu bringt, die Gemeinschaft wieder mehr zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Lese ein ganzes Buch \u2013 es gibt mir ein gutes Gef\u00fchl f\u00fcr meine Masterarbeit produktiv zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>02.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Gehe einkaufen und muss kurz warten, weil schon 2 Menschen im Laden sind und mehr Menschen zusammen gerade nicht drin sein sollen. Bevor ich irgendetwas anfasse oder einpacke desinfiziere ich mir die H\u00e4nde, wir haben an der Kasse eine neue Tastatur aus Glas mit Selbstreinigungsfunktion. Ich wei\u00df nicht, wie das funktioniert, aber ganz gewissenhaft befolge ich die Anleitung. Tut gut, diese Art von Normalit\u00e4t zu leben. Einkaufen gehen, kassieren, zur\u00fcckspazieren. Denke auf dem R\u00fcckweg dar\u00fcber nach, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck wir haben, dass die Corona-Krise im Fr\u00fchjahr stattfindet. Es ist noch relativ kalt drau\u00dfen, sodass es nicht so viel Spa\u00df macht ganz lange drau\u00dfen zu sein, aber es scheint und strahlt die Sonne, sodass wir nicht komplett in der Trostlosigkeit versinken k\u00f6nnen. Wir schauen oder gehen raus und das Wetter gibt uns Hoffnung und Fr\u00f6hlichkeit und Vitamin D f\u00fcr gute Laune. Will mir nicht vorstellen, was passiert w\u00e4re, wenn die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen im November begonnen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Mein Puzzle ist fertig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>03.04.2020<\/strong><\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Langsam stresst mich die Strukturfreiheit!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Habe das Gef\u00fchl zwischen den Stunden und Tagen und Aufgaben zu schwimmen, etwas Wichtiges zu \u00fcbersehen, dass die Zeit mir davonl\u00e4uft. Schreibe mir zur Selbstorganisation einen Stundenplan, den ich mir vornehme, streng zu verfolgen.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit einer Familienangeh\u00f6rigen geht es um den Umgang mit ihrem dementen Vater. Er versteht nicht, dass jetzt andere f\u00fcr ihn einkaufen sollten, dass er nicht mehr Bahn fahren soll, dass er zuhause bleiben muss. Er versteht es nicht oder vergisst es. Was kann man schon tun? Man kann ihn nat\u00fcrlich nicht einschlie\u00dfen, man kann nur versuchen, ihm zuvorzukommen, ihn zu erinnern. Kontaktvermeidung geht ebenfalls nicht so einfach. Er braucht Kontakt, Hilfe in der Wohnung, man muss regelm\u00e4\u00dfig nachsehen, dass es ihm gut geht. In einer solchen Situation ist es noch schwieriger, sich nicht von Sorgen \u00fcberw\u00e4ltigen zu lassen. Auch ein anderes \u00e4lteres Familienmitglied macht Sorgen. Sie ist depressionsgef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>H\u00f6re heute wieder sehr viele Podcasts. Die \u201eLage der Nation\u201c beruhigt mich sehr, sie besprechen die finanziellen Soforthilfen, bzw. Kreditm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Unternehmen und Selbstst\u00e4ndige und M\u00f6glichkeiten des Trackings via Bluetooth. Damit soll wohl ein guter Datenschutz erreicht werden, weil man keinen Standort von Personen ben\u00f6tigt, sondern nur die Informationen, wie lange wie nah sie Personen gekommen sind. Sie geben mir Hoffnung, dass es ab dem 20.April wieder eine \u00d6ffnung der Kontaktbeschr\u00e4nkungen gibt und wir durch gro\u00dffl\u00e4chige Testung und gezielte Quarant\u00e4ne von Betroffenen das Virus im Griff haben (\u201eHammer und Tanz Methode\u201c).<\/p>\n<p>Dann h\u00f6re ich wieder Matze Hielscher. Seine \u201eHotel Quarant\u00e4ne\u201c auf Spotify macht mich immer sehr froh. H\u00f6re die Folge mit Sybille Berg, Part 2. Matze erz\u00e4hlt, dass sein Sohn und er sich einen Plan gemacht haben mit Dingen, die sie machen wollen, wenn wieder alles normal ist. Eine Party feiern. Es geht um allgemeine Anspannung, dass im Moment die Unbeschwertheit weg ist. Wie ein Damoklesschwert h\u00e4ngt dieser Virus \u00fcber jedem Tag und jedem Rausgehen.<\/p>\n<p>Beim Spazieren telefoniere ich mit einer Freundin, die gerade mit der Familie und kleinem Kind zuhause sein muss. Sie ist gerade am Rande ihrer Kr\u00e4fte, ihr Sohn ist unausgelastet und anstrengend, schl\u00e4ft schlechter ein, ist unruhiger als sonst. Sie versteht nicht, wieso sein Opa nicht mal vorbeikommen kann, wenn sie sonst keinen Kontakt zu anderen Personen haben und ihn damit nicht anstecken k\u00f6nnen. Ich rate ihr, ihn einfach trotz des Verbots zu besuchen bzw. einzuladen, wenn ihr das helfen w\u00fcrde, durch die Situation zu kommen und alle vorsichtig sind. Ich glaube die lasche Polizeipr\u00e4senz will uns vermitteln, dass wir in unserem Verhalten immer noch selbstbestimmt sein k\u00f6nnen, solange es ma\u00dfvoll und verantwortungsbewusst ist. Wenn die Familie mit weniger Sch\u00e4den aus dieser Ausnahmesituation rauskommt, wenn zwischendurch der Opa da ist und das Kind bespa\u00dft, dann bitte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>04.04.2020<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Lernen und Schreiben am offenen Fenster im Erdgeschoss. Ich h\u00f6re meine Nachbar*innen auf der Stra\u00dfe miteinander sprechen, ich h\u00f6re und sehe die Autos, Motorr\u00e4der, Trams fahren, ich f\u00fchle mich mittendrin. Was f\u00fcr ein herrlicher Kompromiss. Normalerweise schreibe und lerne ich am liebsten in Caf\u00e9s, in Bibliotheken, in Gemeinschaft mit Menschen, ohne, dass ich mich mit ihnen unterhalten muss.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Hier, an meinem offenen Fenster, nur einen Mindestabstand von der Stra\u00dfe entfernt, kann ich diese Atmosph\u00e4re, das Unter-Menschen-sein reproduzieren.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um beim Supermarkt einkaufen zu gehen, muss man sich in einer Schlange anstellen. Es werden immer erst Leute reingelassen, wenn andere den Laden verlassen. Am Kopf der Schlange angekommen, d\u00fcrfen wir trotzdem nicht rein. Wir haben keinen Wagen. Auch wenn man nur 2l Milch kaufen will (was wahrscheinlich w\u00e4hrend der Corona-Zeit eh ein Frevel ist), braucht man einen Wagen um reinzukommen, f\u00fcr den Mindestabstand. Also nochmal los, netterweise m\u00fcssen wir uns nicht noch mal anstellen. Es f\u00fchlt sich viel, viel voller an als sonst, aber ich glaube, das t\u00e4uscht. Durch den Abstand und das gegenseitige vorsichtige Umfahren, das Einkaufen wie auf Eiern, wirkt die Verkaufsfl\u00e4che wie ein enges Labyrinth, nach jeder Ecke wartet ein Hindernis.<\/p>\n<p>Nachts nehme ich noch schnell ein Video f\u00fcr eine Freundin auf, die bald Geburtstag hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>05.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Sonntag. Ich gehe das erste Mal wieder laufen, 30 min bei gef\u00fchlt 25\u00b0C und Sonne, super sch\u00f6n, aber auch super anstrengend, bin nichts mehr gew\u00f6hnt. Ansonsten bleibe ich zu Hause, habe mich in einen Onlinekurs verbissen, bin super motiviert und kann kaum aufh\u00f6ren, die Module zu bearbeiten. Telefoniere eine Stunde mit einer guten Freundin. Es geht ihr schon deutlich besser als bei unserem letzten Telefonat, ich habe das Gef\u00fchl, langsam arrangieren sich alle. Andererseits h\u00f6re ich aus ihren Nebenbemerkungen, dass die Zeit sie dazu zwingt, sich zu \u00fcberlegen, wie sie ihr Leben weitergestalten will. Es gibt nicht gen\u00fcgend Ablenkung, um diese Frage aufzuschieben. Die Corona-Krise trifft sie in einer sehr sensiblen und unbequemen Situation ihres Lebens, die jetzt noch einmal verunsichernder ist. Sp\u00e4ter frage ich mich, ob es nicht auch tr\u00f6stet, wenn alle gerade in einer ausweglosen Situation mit Zukunfts\u00e4ngsten feststecken\u2026 vielleicht f\u00fchlt sie sich dadurch nicht so alleine, die anderen \u201elaufen nicht davon\u201c, h\u00e4ngen auch fest\u2026 h\u00f6ren vielleicht auch mehr zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>06.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute habe ich mich das erste Mal mit einer Freundin getroffen \u2013 trotz Beschr\u00e4nkungen. Wir sind spazieren gegangen. Irgendwann setzen wir uns kurz ans Wasser. Die Sonne steht hoch und heizt den Mittag ganz sch\u00f6n auf, um uns herum sitzen eine verd\u00e4chtige Menge an kleinen Gr\u00fcppchen, sogar eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von 5 M\u00e4nnern ist dabei. Nach ein paar Minuten sehen wir, wie sich ein Polizeiwagen n\u00e4hert, h\u00e4lt, und zwei Polizist*innen aussteigen. Zum ersten Mal erlebe ich es, wie sich ein aufgescheuchter Schwarm Kraniche f\u00fchlen muss. Alle setzen sich gleichzeitig in Bewegung, \u201espazieren\u201c vor der Polizei weg. Kurz hatten wir vergessen, bei dem sch\u00f6nen Wetter, bei Eis und Mater, dass die Welt immer noch so durcheinander ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>07.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind bei einer Drogeriekette einkaufen und es sind wirklich nur die Drogerieartikel verk\u00e4uflich! Zwei Stockwerke sind komplett geschlossen, die Parfumabteilung ist abgesperrt, genauso wie einzelne Segmente, wie z.B. Werkzeug oder so. Man, ich wollte doch Kopierpapier und Post-its kaufen!! Es ist tats\u00e4chlich absurd, wenn man an Produkten vorbeil\u00e4uft und sie einfach nicht kaufen darf.<\/p>\n<p>Zuhause habe ich noch mal B\u00fccher bestellt bei einer Buchhandlung aus der N\u00e4he, diesmal f\u00fcr mein Studium. Abends veranstaltet meine Freundin ein gro\u00dfes \u201eGeburtstags-Zoom\u201c. Auch hier geht es nat\u00fcrlich um Corona, es wird spekuliert, wie die Welt sich ver\u00e4ndern wird. Einer hat eine sehr pessimistische Sicht \u201eDa wird sich f\u00fcr die mittleren Unternehmen gar nichts \u00e4ndern, f\u00fcr die kleinen wird es schlimm, die gro\u00dfen werden gerettet\u2026 und die mittleren kommen irgendwie einigerma\u00dfen durch.\u201c Niemand widerspricht, niemand stimmt zu\u2026 wir sind alle Corona-m\u00fcde. Was vor ein paar Tagen noch das emotionale Thema war, wird langsam zu repetitiv, zu undurchsichtig, erm\u00fcdend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>08.04.2020<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Noch immer stehe ich jeden Morgen sp\u00e4testens um 10 Uhr auf, nach dem Fr\u00fchst\u00fcck ziehe ich mich an und putze mir die Z\u00e4hne. In seltenen F\u00e4llen (sehr, sehr selten) schminke ich mich f\u00fcr ein Video oder ein schwieriges Telefonat (einfach, weil ich mich dann kompetenter und selbstbewusster f\u00fchle). Immer noch esse ich etwa zwischen 14 und 15 Uhr zu Mittag und trinke nachmittags Kaffee. Zwischen 23 und 3 Uhr nachts schlafe ich ein.<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wenn ich so dar\u00fcber nachdenke, haben sich meine allgemeinen Gewohnheiten nicht ver\u00e4ndert.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Hygiene ist dieselbe, meine Nahrungsaufnahme (au\u00dfer, dass ich mehr koche) \u2026 nur meine Kommunikation mit anderen Menschen hat sich radikal ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Lese vormittags ein Buch (Peter Stamm: Agnes, 1998). Meine neubestellten B\u00fccher kommen mittags an, die Buchh\u00e4ndlerin bringt sie selbst in einer ihrer Plastikt\u00fcten gewickelt vorbei.<\/p>\n<p>Meine Mitbewohnerin und ich spielen Karten und trinken Kaffee. Ich erz\u00e4hle ihr von einer <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/gesundheit-wuerzburg-14-jaehriger-will-freundin-besuchen-und-landet-in-gewahrsam-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200406-99-611657\">Meldung, die ich gestern Abend gelesen habe<\/a>\u2026 ein 14j\u00e4hriger Junge wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen, weil er mit dem Zug von Ort zu Ort gefahren ist, um seine Freundin zur \u00dcberraschung zu besuchen. Als er erwischt wird, versucht er sich erst mit einem Besuch bei der Tante herauszureden, aber das wird als L\u00fcge entlarvt. Ich dachte, Lebensgef\u00e4hrt*innen d\u00fcrfen sich besuchen? Z\u00e4hlt das 14j\u00e4hrige Teenie-P\u00e4rchen nicht?<\/p>\n<p>Heute stehen drei Videokonferenzen an. Das <a href=\"https:\/\/mfh.global\/hermine\/\">monatliche Plenum meiner solidarischen Landwirtschaft<\/a> wurde nach zoom verlagert. Wir beraten dar\u00fcber, ob wir unseren vereinsinternen Solidartopf f\u00fcr Lebensmittelspenden verwenden sollen. Oder geben wir das Geld einfach so an die mobile Fl\u00fcchtlingshilfe weiter?<\/p>\n<p>Meine neue Lesewut habe ich direkt mit einer Anmeldung bei goodreads umgesetzt. Communities tun gut, auch wenn es viele anonyme, digitale sind. Durch die geteilten Themen und Buchseiten und Songs und den geteilten Online-Aktivismus f\u00fchlt man sich mit der Welt verbunden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem lese ich einen <a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/freie-radikale-die-ideenkolumne\/gleichberechtigung-haushalt-pflege-88262\">Artikel \u00fcber Care Arbeit und ihre Verbindung mit Gleichberechtigung<\/a> (B\u00fccker, Teresa: Ist es radikal, alle Care-Arbeit selbst zu erledigen?, SZ, 15.01.2020). Dabei stutze ich bei einem Absatz besonders: Wenn zum Beispiel die besonders privilegierten Menschen beginnen w\u00fcrden, ihre Care-Arbeit oder den Anteil der unbezahlten Arbeit in ihrer Familie vollst\u00e4ndig selbst zu \u00fcbernehmen, w\u00fcrden sie sehen, wieviel Arbeit jeden Tag notwendig ist, damit alle gut versorgt sind. Wieviel Care-Arbeit jeden Tag notwendig ist, und um das zu halten, was sie als guten Lebensstandard empfinden. Die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr diese Arbeit und f\u00fcr die Menschen, die sie bislang \u00fcbernommen haben, w\u00fcrde steigen. Die Menschen, die bislang ihren Anteil delegiert haben, w\u00fcrden sehen, dass die Zeit, die noch \u00fcbrig ist, nicht mehr reicht, um den bisherigen Umfang ihrer Erwerbsarbeit zu erledigen.\u201c. Sind wir nicht gerade genau da? Jetzt kommen die Reinigungskr\u00e4fte nicht mehr, die Menschen arbeiten von zuhause, die Kinder m\u00fcssen zuhause betreut werden \u2013 WER \u00fcbernimmt gerade die Care-Arbeit in den privilegierten Familien? Wir m\u00fcssen in der Zeit der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen eine Wertsch\u00e4tzung herbeif\u00fchren, die nicht nur f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte in Krankenh\u00e4usern gilt, sondern eben auch f\u00fcr die ganzen Haushalts- und Familienhilfen, die so im Laufe eines Lebens angeschafft werden. Und sind wir vielleicht danach bereit, diese Menschen besser und angemessener zu entlohnen, oder diese Arbeit stattdessen selbst zu \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>09.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute hat die Freundin meines Bekannten Geburtstag. Ich habe ein Video vorbereitet, rufe sie per Videocall an, schicke ihr auch noch ein selbstgemachtes Kreuzwortr\u00e4tsel. Normalerweise h\u00e4tte ich glaube ich nicht so viel Liebe und Aufmerksamkeit reingegeben\u2026 f\u00fcrchte ich. Wegen Zeit und so\u2026 Aber ich will mir diese Art der Wertsch\u00e4tzung beibehalten, auch nach Corona.<\/p>\n<p>Ich gehe spazieren und einkaufen mit einer Freundin, wieder essen wir Eis. Drau\u00dfen wirkt es, als w\u00e4re nichts anders, sehr viele Menschen sind unterwegs, nur die doch auff\u00e4llig verst\u00e4rkte Polizeipr\u00e4senz (in Form von Streifenwagen) macht mir ein schlechtes Gewissen, dass ich drau\u00dfen bin. Im Supermarkt wird diese 1,5m Abstand-Regelung so \u00fcberhaupt nicht eingehalten. Wir f\u00fchlen uns sehr unsicher, sind froh, wieder drau\u00dfen zu sein. Eine ganze Weile sprechen wir \u00fcber Masken. Meine Freundin bekommt von ihrer Mutter eine geschickt, ihr Vater hat angefangen, welche aus alten T-Shirts zu n\u00e4hen. Ich habe noch keine. Weder eine Ressource noch eine Maske. Beschlie\u00dfe, bei nebenan.de mal nachzufragen, ob jemand so etwas f\u00fcr mich n\u00e4hen k\u00f6nnte\u2026 str\u00e4ube mich aber innerlich noch sehr dagegen. Ich w\u00fcrde mich sehr albern f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Abends skype ich mit meiner Theatergruppe. Eine Freundin von uns hat die Aktion <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/FreiRaumWuerzburg\/photos\/gm.577447146197511\/1605120639628556\/?type=3\">\u201eW\u00fcrzburg ist gebannt\u201c<\/a> gestartet. Von Montag (13.4.) bis zum Mittwoch (15.4.) sollen m\u00f6glichst viele Menschen die Stadt, bzw. ihre Hausw\u00e4nde mit friedlichen und diskriminierungsfreien Bannern und Botschaften versch\u00f6nern und damit wieder auf andere Themen aufmerksam machen, bzw. einfach wieder Botschaften in die Welt um uns herum senden. \u201eUnser k\u00fcnstlerischer, kultureller und politischer Ausdruck ist eingeschlafen\u201c schreibt sie. Eine andere Freundin hat Plakate vom Hilfetelefon f\u00fcr Frauen bestellt und sucht nun nach Orten, diese aufzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich bleibe bis zum Nachmittag zu Hause, arbeite an meinen Seminaren, mache Yoga. Heute kann ich leider nicht bei offenem Fester \u201eDrau\u00dfen sitzen\u201c spielen\u2026 ein gro\u00dfer grauer Lieferwagen verdeckt sowieso die Sicht\u2026 und die Sonne knallt auch ganz sch\u00f6n. Nachmittags spaziere ich mit einem Freund den Main entlang, wir lachen viel, eine Menge Menschen sind unterwegs, in kleineren und gr\u00f6\u00dferen Gruppen. Abends gucke ich mit der Freundin, mit der ich auch spazieren gehe, Serien. Wir reden nicht \u00fcber Corona, gibt es nichts Neues?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>11.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Den ganzen Tag so vor mich hingelebt, die typischen Aufgaben\u2026 einkaufen, studieren, Yoga\u2026 Mir f\u00e4llt auf, dass ich schon l\u00e4nger keine Nachrichten mehr geh\u00f6rt oder gesehen habe. Corona-Nachrichten erm\u00fcden mich, es sind doch eh immer dieselben. Zahlen machen schon lange keinen Eindruck mehr\u2026 je h\u00f6her die Infizierten-Rate, desto weniger nah f\u00fchlt es sich an. Dabei m\u00fcsste es doch eigentlich gerade dadurch n\u00e4her r\u00fccken, dass mehr Leute, und damit tendenziell auch mehr in meiner Umgebung, das Virus haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>12.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ostersonntag. Ich gehe mit Pfannkuchen-Teig in die WG einer Freundin. Ihre Mitbewohnerin und ihr Freund sind auch da. Schon beim Packen \u00fcberlege ich, wie meine Tasche am unschuldigsten aussieht, aber nat\u00fcrlich treffe ich kaum eine Person, geschweige denn die Polizei am Ostersonntag um 11 Uhr auf der Stra\u00dfe. Wir fr\u00fchst\u00fccken zusammen, wir sprechen nur kurz \u00fcber Corona. Ein Bekannter von uns hat mit zwei Freunden von ihm in seiner Kneipe gesessen und getrunken. Sie haben die T\u00fcr offengelassen und so ist irgendwann die Polizei rein. Der Betreiber der Kneipe muss mehrere tausend Euro zahlen, die beiden G\u00e4ste wahrscheinlich je 150 Euro. Wie kann man so bl\u00f6d sein? H\u00e4tten sie nur die T\u00fcr zugeschlossen, h\u00e4tte niemand etwas mitbekommen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag bin ich \u00fcber zoom mit meiner Familie verabredet. Eine Verwandte ist irgendwie sauer, dass ihre besten Freunde gerade im Garten Besuch von einem anderen Kumpel haben. Ich glaube, sie \u00e4rgert sich vor allem, dass sie nicht auch dort ist, obwohl sie sicher eingeladen w\u00e4re. Sie wei\u00df, dass es nicht vern\u00fcnftig ist, hinzufahren und \u00e4rgert sich dar\u00fcber, dass andere nicht so gewissenhaft sind wie sie.<\/p>\n<p>Eine Freundin von mir f\u00e4ngt ab n\u00e4chster Woche wieder an zu arbeiten. Sie arbeitet bei den Nachrichten und die sind jetzt anscheinend wieder systemrelevant, zumindest wurde sie \u00fcberraschend wieder zur Arbeit bestellt. Wir denken, dass die Journalist*innen vielleicht schon mehr Informationen dar\u00fcber haben, wie es weitergeht, als wir.<\/p>\n<p>Abends spiele ich per Skype ein Spiel mit meinen Schwestern und meinem Vater. Das ist fast wie dort sein. Wieso habe ich bis jetzt so wenig mit anderen virtuell gespielt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>13.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist ein Freund von mir gekommen. Er wird eine Woche bleiben. Er f\u00e4hrt mit dem Zug her und wir waren schon Tage vorher sehr aufgeregt, ob er Schwierigkeiten bekommt oder nicht. Haben lange Pl\u00e4ne geschmiedet mit Argumentationsstr\u00e4ngen, wieso er mich besuchen kommen muss, aus welchen Gr\u00fcnden (Lebenspartnerschaft) das rechtens ist. Es ist ein bisschen wie ein Spiel. Als er ankommt, ist er fast ein bisschen entt\u00e4uscht: Niemanden hat seine Reise interessiert, der Zuganstellte wirkte sogar ein bisschen froh, dass jemand eingestiegen ist. Auch ich bin aufgeregt, als ich zum Bahnhof laufe. Ich bin nicht sicher, ob ich in das Geb\u00e4ude reindarf, ob mich jemand abf\u00e4ngt und ausfragt\u2026 Eigentlich braucht man ja einen triftigen Grund, um das Haus verlassen zu d\u00fcrfen. Vor dem Bahnhof rumlungern ist sicher nicht erlaubt. Aber es stehen noch mehr Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz, von der Polizei ist weit und breit nichts zu sehen. P\u00fcnktlich kommt der Zug, wir treffen uns, laufen zur\u00fcck zur Wohnung und niemanden hat es interessiert. Wenn ich neben meinem Freund laufe, f\u00e4llt mir auf, wie sehr ich das Abstand halten bereits verinnerlicht habe. Ich denke immer im Voraus, plane meinen Weg, achte viel mehr auf die Umgebung als vorher, versuche das Verhalten meiner Mitmenschen vorherzusagen\u2026<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es ist unheimlich, wie sehr ich mich an die Ma\u00dfnahmen gew\u00f6hnt habe, ich will mich nicht so schnell daran gew\u00f6hnen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es macht mir Angst, dass ich mich so schnell arrangiere und zufriedengebe\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>14.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Wir gehen zusammen Br\u00f6tchen kaufen. Ich f\u00fchle mich irgendwie schuldig, zu zweit zur B\u00e4ckerei zu gehen, auch im Verkaufsraum f\u00fchlt sich alles viel zu eng und nah an, aber ich sage nichts, weil ich nicht \u00fcbervorsichtig wirken will. Als ob man jemals \u00fcbervorsichtig sein k\u00f6nnte. Irgendwann kommt eine weitere Kundin in den Laden, niemand k\u00fcmmert sich darum, dass wir den Mindestabstand nicht einhalten. Habe ich verpasst, dass die Regeln aufgehoben wurden? Vielleicht schon, ich h\u00f6re ja keine Nachrichten mehr.<\/p>\n<p>Mein Freund fragt mich beim Fr\u00fchst\u00fcck, was ich am meisten vermisse in der Corona-Zeit\u2026 Als ich antworte f\u00fchlt sich die Antwort sofort floskelartig an, ich glaube, ich habe diese Frage und meine Antwort zu oft geh\u00f6rt in den letzten Wochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>15.04.2020<\/strong><\/p>\n<p>Bei einem Skype-Termin werde ich gefragt, ob ich auch die Ansprache von Angela Merkel gesehen habe. Habe ich nicht. Die Ma\u00dfnahmen werden wahrscheinlich bis zum 3.5. verl\u00e4ngert. Gesch\u00e4fte k\u00f6nnten schon ab Montag wieder \u00f6ffnen. Es erm\u00fcdet mich, dar\u00fcber zu sprechen. Ich habe mich eingerichtet. Ist mir doch egal, ob ich wieder Schuhe kaufen kann. Ich will mich mit meinen Gruppen in <em>real life<\/em> treffen, drau\u00dfen am Fluss sitzen. In der \u00d6ffentlichkeit Angst zu haben, Leuten zu nahe zu kommen, von der Polizei deswegen angehalten zu werden, darauf habe ich keine Lust mehr. Sollen die Gesch\u00e4fte doch zu bleiben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[],"autor":[586],"class_list":["post-9450","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","autor-patricia-sanger"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9450"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=9450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}