{"id":9004,"date":"2021-06-25T18:29:15","date_gmt":"2021-06-25T16:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=9004"},"modified":"2021-06-28T10:51:43","modified_gmt":"2021-06-28T08:51:43","slug":"ist-die-corona-zeit-eine-episode","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/ist-die-corona-zeit-eine-episode\/","title":{"rendered":"\u201eIst die Corona-Zeit eine Episode oder eine echte gesellschaftliche Transition zu einer ver\u00e4nderten Realit\u00e4t?\u201c"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9004?pdf=9004\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9004?pdf=9004\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Ich bin eine 48-j\u00e4hrige Frau und lebe mit meiner Familie &#8211; meinem Mann und unserem 15-j\u00e4hrigen Sohn &#8211; in Wilmersdorf im Zentrum von Berlin. Da ich eine seltene maligne, systemische Tumorerkrankung habe und chronisch krank bin, bin ich schon vor den Museen- und Schulschlie\u00dfungen und den sp\u00e4teren Kontaktbeschr\u00e4nkungen, die von der deutschen Bundesregierung wegen der Corona-Pandemie ab dem 16. M\u00e4rz ausgesprochen wurden, ab dem 8. M\u00e4rz 2020 (also eine Woche fr\u00fcher) in eine freiwillige Quarant\u00e4ne gegangen.<\/em><\/p>\n<p><em>Von Berufs wegen bin ich Ethnologin und habe in dieser Funktion in den letzten f\u00fcnf Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Europ\u00e4ische Ethnologie der Humboldt Universit\u00e4t zu Berlin gearbeitet und meine Doktorarbeit abgeschlossen. Au\u00dferdem bin ich Bildende K\u00fcnstlerin mit einem eigenen Atelier in einem Atelierhaus des Berufsverbandes Bildender K\u00fcnstler Berlin. Zum Zeitpunkt, als die Pandemie ausbrach, befand ich mich gerade in einer Zeit der beruflichen Neuorientierung und habe mich f\u00fcr verschiedenen Stellen beworben.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin Umbandistin, d.h. Mitglied einer im deutschsprachigen Europa relativ neuen, afrobrasilianischen Religion. Ende letzten Jahres bin ich aus einer spirituellen Umbanda-Gemeinschaft, die auch einen Ableger in Berlin hat (<\/em>Il\u00ea Ax\u00e9 Oxum Abal\u00f4 \/ Terra Sagrada<em>), ausgetreten und in eine neue Umbanda-Gemeinschaft mit Sitz in K\u00f6ln (<\/em>Casa St. Michael, Haus des reinen Wassers<em>) eingetreten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>19. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich begreife es nicht. Wie kann eine Bedrohung, die in den Medien unabl\u00e4ssig gro\u00df diskutiert wird, im Alltag so gelassen aufgenommen werden? Lesen andere keine Zeitung und informieren sich nicht oder sind sie taumelnd schicksalsoffen? Wer soll sie besch\u00fctzen, wenn nicht sie selbst? Diese hippen Leute hier in Berlin glauben doch weder an G\u00f6ttinnen oder Gott oder Geister, die sie retten k\u00f6nnten. Und soweit ich es wei\u00df, zumindest war es in dem <em>Terreiro<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><em><strong>[1]<\/strong><\/em><\/a> von Dona Zilda (in S\u00e3o Paulo \/ Brasilien, wor\u00fcber ich 2002 meine Magisterarbeit geschrieben habe) so, geht keiner vom <em>Povo de Santo<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><em><strong>[2]<\/strong><\/em><\/a> davon aus, dass die hiesige weltliche Welt durch die Religion abgeschafft wird, sondern vielmehr in einer Mit-Welt erg\u00e4nzt und insofern in Dialoge geht, aber nicht f\u00fcr alles verantwortbar gemacht werden kann. Aber hier in Berlin, wo 70% der Bev\u00f6lkerung atheistisch oder agnostisch sind, m\u00fcssten doch alle davon ausgehen, v\u00f6llig selbst f\u00fcr sich und die Mitmenschen verantwortlich zu sein, oder?<\/p>\n<p>Eigentlich lebe ich viel eher in meiner akademischen Welt als in den Tagesnachrichten, doch das hat sich nun schlagartig ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich lese den Tagesspiegel, eine t\u00e4glich erscheinende und immer wieder aktualisierende regionale Zeitung, \u00fcber eine App auf meinem Handy. Ab und an sehe ich mir auch die Tagesschau im Fernsehen oder \u00fcber eine App auf meinem Handy an.<\/p>\n<p>Auch ich bin ganz pl\u00f6tzlich aus meinem gestressten Leben geworfen worden. Ich hatte erwartet, dass, nachdem ich kurz vorher noch ad hoc zwei Vorstellungsgespr\u00e4che in Museen \u2013 dem Deutschen Historischen Museum (Bewerbung um eine ausgeschriebene Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin zur Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Ausstellung \u201e<em>Die sogenannten \u0375Gottbegnadeten\u0384 in der Bundesrepublik. K\u00fcnstler des Nationalsozialismus in den 1950er und 1960er Jahren\u201c<\/em>) und dem Futurium (Bewerbung um eine ausgeschriebene Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Strategie und Inhalt) \u2013 hinter mich gebracht hatte, die theologische Tanztagung in Bayern (\u201e<em>Dance with God or the Devil? <\/em><em>Interreligious and Intercultural Debates about Dance and Religion(s)\u201d.<\/em> International interdisciplinary Conference. Neuendettelsau: Augustana. Theologische Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern mit einem eigenen Vortrag \u00fcber \u201e<em>Beyond the Gaps of Archives. Transfer and Transformation of Knowledge in ritual Dance in Afro-Brazilian Religions\u201d<\/em>) wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden w\u00fcrde, aber nur ich war bereits in Panik und es gab keinerlei Anzeichen dazu. Scheinbar waren die anderen gelassen\u2026 oder schien es mir nur so? Also reiste ich bahnfahrend durchs Land bis ins heimelige Neuendettelsau, begab mich f\u00fcr den ganzen Tag unter Menschen, fr\u00fchst\u00fcckte schon morgens mit vielen an einem langen Tisch, diskutierte und h\u00f6rte bei Vortr\u00e4gen zu, tanzte mit allen Anwesenden w\u00e4hrend des Rahmenprogramms, unternahm einen Ausflug nach N\u00fcrnberg und sah dort die Derwische tanzen. Ich war mehr mit meinem Stress und der allm\u00e4hlichen Entspannung \u2013 weil alle so nett und interessant warnen \u2013 besch\u00e4ftigt als mit meiner Sorge um eine schlimme Zeit. Gut, dachte ich, lass Dich besser ablenken. Nur weil es unsichtbar ist, sollte es Dich nicht beherrschen. Zu Hause st\u00fcrzte ich mich in ein weiteres Projekt (\u201e<em>Vielschichtigkeit. K\u00fcnstlerische Forschung \/ Raum, Installation, Malerei<\/em>\u201c. Berlin: Senatsverwaltung f\u00fcr Kultur und Europa, Impact-F\u00f6rderung), das Leben rannte und rannte und ich gab mir M\u00fche, mitzuhalten, schaffte es zeitlich und nervlich auch.<\/p>\n<p>Dann wurde meine Welt enger und kleiner, auf die Wohnung beschr\u00e4nkt. Die T\u00fcren gingen zu.<\/p>\n<p>Ich frage mich gerade, was ich in den letzten Tagen getan habe\u2026 Offensichtlich bin ich nicht ins Home-Office gegangen. So h\u00e4tte es sein sollen. Stattdessen habe ich aufger\u00e4umt, W\u00e4sche gewaschen, gekocht\u2026 und sonst eigentlich nur Nachrichten gelesen. Und ich habe den Eindruck, dass ich mich erst mit dem Schreiben an diesen Zeilen davon abhalten kann, weiter immer wieder neue Nachrichten aus aller Welt \u00fcber die Pandemie zu lesen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9101\" style=\"width: 457px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9101\" class=\"size-full wp-image-9101\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/1-blumen-in-einer-vase-1.jpg\" alt=\"\" width=\"447\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9101\" class=\"wp-caption-text\">Blumen in einer Vase, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Heute bin ich nach einer Woche Zuhause-Sein das erste Mal vor die T\u00fcr gegangen und fing an zu weinen. Mich hat es an meine Krankheiten erinnert, an meine jahrelangen Chemotherapien und vielen Operationen, die schon Jahre her sind. Wie viele Jahre? 2007 bis 2013, also sind es schon sieben Jahre her.<\/p>\n<p>In Italien werden die Leichen mit Lastwagen aus den Risikogebieten gefahren, weil die Region mit der Ein\u00e4scherung der vielen Toten \u00fcberfordert ist. Und hier in Berlin schlendern die Leute im Sonnenschein herum. Diese skurrile Situation erinnert mich an damals, als alles sch\u00f6n und fr\u00f6hlich aussah, aber der Tod immer mit mir umarmt spazieren ging. In dieser Zeit war ich viel unerschrockener, bin viel unter Menschen gegangen, schlie\u00dflich gab es keine Ansteckung, die Krankheit tobte nur in meinem eigenen K\u00f6rper, U-Bahn fahrend, singend. Das mache ich jetzt nicht. Aber vielleicht ist es einfach nur der Anfang von allem, das Singen kommt sp\u00e4ter?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Vielleicht ist es einfach nur der Anfang von allem, das Singen kommt sp\u00e4ter?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>20.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, als k\u00f6nnte ich monatelang in Quarant\u00e4ne gehen, ohne mich auch nur ann\u00e4hernd zu langweilen. Abgesehen davon, dass ich nun Hausfrau und Lehrerin in einem bin, immer noch genug W\u00e4sche zum Waschen habe, koche, aufr\u00e4ume und nun auch den Sexualunterricht in Ethik der achten Klasse hautnah mitverfolgen kann. Warum ich nicht wei\u00df, was Pansexualit\u00e4t sei\u2026? Au weia! Wo es doch so naheliegt, schlie\u00dflich leben wir in einer Pandemie-Zeit. Der Unterricht meines Sohnes findet nun hier auf dem Familiensofa statt.<\/p>\n<p>Ich rufe meine Eltern in der Uckermark an, an denen zwar nicht die Nachrichten, aber sonst alles, was Corona angeht, bislang vorbeigegangen ist. Sie sind fr\u00f6hlich, besuchen ihre Nachbar*innen und wollen eigentlich, dass wir bald wie immer das brasilianische Osteressen kochen; kompliziert sei nur, dass die L\u00e4den so gut wie leergekauft sind\u2026 Aber fr\u00fcher, in den Nachkriegszeiten, habe es das auch nicht gegeben, nicht einmal Klopapier, sondern nur ein Plumpsklo am anderen Ende des Hofs.<\/p>\n<p>Mir ist Ostern irgendwie entgangen. Heute ist wohl Freitag, oder? Mir entgleitet schon die Zeit\u2026<\/p>\n<p>Per WhatsApp erfahre ich, dass das Paar, das sich vor einigen Wochen gerade frisch getrennt und die gemeinsame Wohnung aufgegeben hat, nun in der Quarant\u00e4ne durch Zufall doch wieder zueinander gefunden hat und heiraten will! Nur m\u00fcssen sie gerade noch darauf warten, dass alles vor\u00fcbergeht; die geschlossenen L\u00e4den und L\u00e4nder, Standes\u00e4mter und Restaurants.<\/p>\n<p>Ich habe noch ein Peer Review zu schreiben, einen Artikel f\u00fcr eine Fachzeitschrift zu \u00fcberarbeiten (gemeinsam mit Marcello M\u00fascari: \u201c<em>Spirits beyond Meaning. Transference of historical experience in Umbanda in German-speaking Europe\u201d<\/em>) und mich auf meine Disputation (<em>Trauma als Wissensarchiv. Postkoloniale Erinnerungspraxis in der Sakralen Globalisierung am Beispiel der zeitgen\u00f6ssischen Umbanda im deutschsprachigen Europa<\/em>. Berlin: Humboldt Universit\u00e4t) vorzubereiten \u2013 wof\u00fcr zwar die Thesen eh schon feststehen, weil sie in der Arbeit entwickelt worden sind \u2013 aber doch meine 500 geschriebenen Seiten in nur zwanzig Minuten verteidigt werden sollen\u2026 Die Verteidigung wird wohl auch auf dem Familiensofa vor gr\u00fcner Wand im Video-Stream stattfinden. Gr\u00fcn, weil unsere Wand gerade frisch gestrichen wurde; vorher war sie satt gelb.<\/p>\n<p>Und das habe ich noch nicht ann\u00e4hernd geschafft, obwohl ich in Quarant\u00e4ne lebe \u2013 aber eben erst seit fast zwei Wochen. Und ich merke, dass ich emotional einfach noch nicht bereit bin, diese Arbeit abzugeben und mit Elan zu verteidigen. Mich erschreckt nicht die Aufgabe an sich, sondern eher, dass mir die Zeit davonlaufen k\u00f6nnte und diese innere, versteckte Welt unserer kleinen Wohnung sich wieder ins Quirlige \u00f6ffnet. Obwohl ich sonst gerne drau\u00dfen bin, Freund*innen treffe, schwimmen gehe, Konzerte h\u00f6re, im Grimm-Zentrum lese.<\/p>\n<p>In Italien sind heute an einem einzigen Tag 600 Menschen an Corona gestorben. Und gleichzeitig bekomme ich Links zu YouTube-Kan\u00e4len (vgl. Wodarg 1.4.2020) zugesendet, in denen erl\u00e4utert wird, dass wir eigentlich nur alle dazu gebracht werden sollen, uns zu impfen und alles Panik sei. Aber deshalb eine ganze Wirtschaft den Bach runtergehen lassen? Kurios, dem kann ich nicht folgen.<\/p>\n<p>Ich denke, dass es ums Unsichtbare geht. Dass wir es trotz allem erkennen sollen. Das Sch\u00f6ne und das Bedrohliche, das Leben wie den Tod. Deshalb musste ich gestern weinen, als ich auf die Stra\u00dfe ging. Weil ich nicht gewillt bin, den Tod anzuerkennen. Ich lebe mit einer unsichtbaren Behinderung (seit ich zwei Jahre alt bin, bin ich beidseitig hochgradig schwerh\u00f6rig) und zwei unsichtbaren Krankheiten, erfahre die unsichtbaren Parallelwelten eines beseelten <em>Aruandas<\/em><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, aber den doch scheinbar so unsichtbaren Tod will ich nicht anerkennen. Und doch tue ich es, sonst w\u00fcrde auch ich so sorglos durch die Sonne laufen wie einige andere. Aber es ist nicht Angst und sind auch keine negativen Gef\u00fchle, die ich damit n\u00e4hre, wie mir andere WhatsApp-Nachrichten unterstellen, nein.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eYou attract into your life a reflection of what you think. But you also attract into your life what you judge. If you think people are dishonest, you attract dishonest people. If you are focused on a sickness or disease, you attract more. If you focus on poverty or lack, you gain nothing more than an empty bank account. Everything you hold in your conscious thought becomes your cage and your reality. See abundance, see honesty in all embrace good.\u201d (Weitergeleitetes WhatsApp-Post)<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich macht das Bild mehr Sinn, dass der Tod umarmt wird. Von mir? Eher nicht\u2026 Vielleicht ist es anders herum. Und gerade deswegen, wegen dieser Umarmung des Todes, bin ich frei. Fr\u00fcher f\u00fchlte sich das, im Angesicht meiner t\u00f6dlichen Krankheit, widerst\u00e4ndig an, eine sture Gewissheit zeigte sich, dass ich trotz allem leben will. Jetzt wei\u00df ich es nicht. Emotional nehme ich es an, aber es scheint mich nicht pers\u00f6nlich zu treffen; ich stehe auf der Seite des Lebens. Stur! Vertrauend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich f\u00fchle mich wie innerlich erstarrt und an meine Chemotherapie-Zeiten zur\u00fcckerinnert, als das Sch\u00f6ne und das Schreckliche so nahe beieinander waren.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>21.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich wie innerlich erstarrt und an meine Chemotherapie-Zeiten zur\u00fcckerinnert, als das Sch\u00f6ne und das Schreckliche so nahe beieinander waren. Entweder bin ich \u00fcberaus aktiv oder lasse mich h\u00e4ngen; aber gerade schaffe ich es vom Sofa in die K\u00fcche und zum W\u00e4scheaufh\u00e4ngen auf den Dachboden, ansonsten ziehen die Tage an mir vorbei.<\/p>\n<p>Als ich heute gegen acht Uhr abends gefragt wurde, ob ich einen Text vom Deutschen ins Brasilianische Portugiesisch f\u00fcr einen Aufruf einer gemeinsamen Meditation \u00fcbersetzen k\u00f6nne, hat es mich gefreut und es sogleich umgesetzt. Dann habe ich auch an der Meditation teilgenommen und mich gegen die negativen Kr\u00e4fte gestellt. \u201eIch glaube nicht daran\u201c, sagt meine rationale Sozialisierung, aber es hat trotzdem funktioniert. Ich wurde durch ein gro\u00dfes, starkes Licht durchleuchtet, das \u00fcber den Scheitel meines Kopfs in meinen K\u00f6rper ging und an meinen H\u00e4nden wieder austrat und sich verstreute. Mein ganzer K\u00f6rper war davon ergriffen. Ich finde das absurd. Was hat Pluto damit zu tun?<\/p>\n<blockquote><p>Freitags-Meditation anstelle der Freitags-Giras bis Ostern Casa St. Michael in K\u00f6ln, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/216187392888541\/?event_time_id=216187419555205\">https:\/\/www.facebook.com\/events\/216187392888541\/?event_time_id=216187419555205<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>Liebe Filhos, liebe Menschen! Aufgrund der weltweiten Gesundheitssituation wird die w\u00f6chentliche Freitags-Gira in eine Freitags-Meditation umgewandelt, an der jeder von zu Hause aus teilnehmen kann. Es werden auch Affirmationen und Botschaften der Wesen gegeben. Bleibt bitte gesund und k\u00fcmmert Euch verantwortungsbewusst um Euch, Eure Lieben und Eure Mitmenschen. Bleibt in Freude und Liebe, wir freuen uns darauf, Euch wiederzusehen, sobald die Situation sich entspannt hat und wir wieder Giras feiern d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Hallo ihr Lieben, hier die Anleitung zur Meditation f\u00fcr heute Abend 20 Uhr.<\/p>\n<ol>\n<li>Verwende deine eigene Technik, um dich in einen entspannten Bewusstseinszustand zu bringen.<\/li>\n<li>Bringe deine Absicht zum Ausdruck, diese Meditation als Werkzeug zu benutzen, um die Ver\u00e4nderung und die Transformation f\u00fcr unseren Planeten in Gang zu setzen, jede Krankheit, jeden Zustand von Ungleichgewicht durch die Kraft von Pluto in die richtig Zeitlinie zu schwingen, um unser Universum, unseren Planeten und uns Menschen &#8211; sichtbar wie unsichtbar &#8211; zu unterst\u00fctzen.<\/li>\n<li>Lass den t\u00fcrkisenen Strahl des Lichtes von Pluto sich in Verbindung setzten mit allen Galaxien. Lass das Licht durch alle Lichtwesen und durch alle Menschen hindurch gehen, bis zu Mittelpunkt unseres Planeten, um die Bewegung von \u201ebewahren was gut ist\u201c und \u201edas zu transformieren, was zur Ver\u00e4nderung bereit ist\u201c in Gang zu setzen.<\/li>\n<li>Stell dir vor, wie alle Viren umgewandelt werden. Wie alle infizierten Gebiete gereinigt werden. Wie das blaue Licht durch alles durchgeht und alles auf eine positivere Zeitlinie bringt. Wie die \u00c4ngste und Panik transformiert werden und die alte Linie von Krankheit und Kriegsgeschichte zerf\u00e4llt.<\/li>\n<li>Stell dir vor, wie wir Alle und das gro\u00dfe Ganze sich in gleichem Ma\u00dfe verbinden und sich in eine positive Linie schwingen, wo wir uns selbst \u00fcberwinden. Wo wir Verantwortung f\u00fcr uns und f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze \u00fcbernehmen. Wo wir bereit sind, Wandlungsf\u00e4higkeit zuzulassen und das \u201eStirb und Werde\u201c-Prinzip als Gottgeben hingenommen wird.<\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00dcberflute den Planeten mit Liebe und Vertrauen f\u00fcr diese gro\u00dfe Ver\u00e4nderung ins neue Zeitalter. LASS DIE ERDE STRAHLEN IN WEISSEM, BLAUEN UND T\u00dcRKISEN LICHT. Dass es sich in jeden Winkel unseres Da-Seins ausdehnt. Das wir und unsere Zellen mit Freude und Gl\u00fcckseligkeit \u00fcberflutet sind um Gesund zu sein. Ax\u00e9<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich habe nachgefragt, aber es noch nicht erfahren\u2026 und dennoch funktioniert es, meine Vorstellungskraft ist spontan, stark und \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p>Ich bemerke gerade, dass mich meine humanistische und rationale Pr\u00e4gung einholt. Wie kann eine Pandemie als Fake-News angesehen werden und mal eben die ganze Wirtschaft ins Wanken gebracht werden? Und wie, gleichzeitig und eigentlich als gegens\u00e4tzliche Position gedacht, gibt es Meditationen zur Eind\u00e4mmung dieses Virus? Es ist beides die Leugnung eines schrecklichen Zustands. Ich finde, dass wir zu Hause bleiben sollten, damit der Kelch an uns vorbeigeht. Es ist ein Trauma als Wissensarchiv, wie ich es im Titel meiner Doktorarbeit zum Ausdruck gebracht habe. Ich meine damit eben nicht die Leugnung des Leids, sondern dessen Bewusstwerdung \u2013 ohne dass ich meine, dass es neu durchlebt werden sollte, bestimmt nicht. Ich habe es schon so oft ausformuliert und es stimmt, aber ich bin noch nicht dahin gekommen, es wirklich emotional anzunehmen und im Brustton der \u00dcberzeugung sagen zu k\u00f6nnen. Ich glaube, dass wir nur MIT unserem Bewusstsein des Traumas, der Zerst\u00f6rung, der Gewalt ein neues Leben aufbauen und visualisieren k\u00f6nnen \u2013 aber die Wortwahl klingt zu pathetisch\u2026 Obwohl, die Theolog*innen auf der k\u00fcrzlich vergangenen Tanztagung haben auch so geklungen wie ich. Hm\u2026<\/p>\n<p>Statt die Zeit f\u00fcr Aufgeschobenes zu nutzen, zu schreiben und argumentieren, erstarre ich tags\u00fcber innerlich. Ich tue praktisch ganz viel, so ist es nicht. Der Balkon sieht toll aus, alle Balkonk\u00e4sten stehen wieder an Ort und Stelle, ich habe die Pflanzen aus dem Winterschlaf geholt und frisch gegossen, morgen werde ich auss\u00e4hen\u2026 Die Wollw\u00e4sche des Winters ist gewaschen, die Familie ges\u00e4ttigt. Vielleicht fehlt mir die r\u00e4umliche Abgrenzung als Mutter, die volle Bibliothek, damit ich mich auf meine Texte konzentrieren kann. Immerhin habe ich heute den ersten Abschnitt eines Textes f\u00fcr ein Buch formuliert. Dann ist mir kalt geworden, weil ich nur gefr\u00fchst\u00fcckt hatte und zwar meinem Sohn zu essen gegeben, aber selbst nichts gegessen hatte.<\/p>\n<p>Nun sitze ich noch immer neben der gr\u00fcnen Wand mit dem Blick nach drau\u00dfen, wo es nun dunkel von der anbrechenden Nacht ist. Fast 800 Menschen sind heute in Italien an Corona gestorben, an einem einzigen Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Jetzt sind wir wirklich global verbunden, alle zusammen ohne Ausnahme. Welch Ironie!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9027\" style=\"width: 731px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9027\" class=\" wp-image-9027\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2-grune-wand-zuhause.jpg\" alt=\"\" width=\"721\" height=\"961\" \/><p id=\"caption-attachment-9027\" class=\"wp-caption-text\">Meine gr\u00fcne Wand zu Hause, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>22.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann mich nicht erinnern, dass das Wort Solidarit\u00e4t oder der Schutz gef\u00e4hrdeter Personengruppen, also alter und chronisch kranker Menschen, in den Medien oder sonst im \u00f6ffentlichen Raum in den letzten Jahren irgendwie ein Thema gewesen ist\u2026 und auf einmal schon. Das ist schon merkw\u00fcrdig. Sonst ist es doch eher ein Kampf um Rechte auf Inklusion gewesen; ein Kampf f\u00fcr die Unsichtbarkeit.<\/p>\n<p>Ich selbst habe bei den verschiedenen \u00c4mtern (Agentur f\u00fcr Arbeit, Deutsche Rentenversicherung, Krankenkasse, Integrationsamt) von 2014 bis 2019 um gute H\u00f6rger\u00e4te (die die Krankenkassen nur anteilig bezahlen) und eine FM-Anlage, eine \u00fcber einen Streamer mit meinen H\u00f6rger\u00e4ten gekoppelte Art Mikrophon, gek\u00e4mpft und auch eine Petition beim Berliner Abgeordnetenhaus und dem Deutschen Bundestag eingereicht, was mir alles nichts genutzt hat. Die Agentur f\u00fcr Arbeit hat meinem Widerspruch zwar stattgegeben und best\u00e4tigt, dass ich ein Anrecht auf Eingliederung in den Arbeitsmarkt habe, aber dieser Anspruch wurde nicht umgesetzt. Eine private Stiftung, die sich \u201eArbeit f\u00fcr Behinderte\u201c nennt, hat mir letztendlich die Ger\u00e4te bezahlt. Ich wurde also wieder einmal nicht als gleichwertige B\u00fcrgerin behandelt, sondern als andersartig und \u201ebehindert\u201c benannt und ausgegrenzt und meiner Meinung nach weiterhin diskriminiert.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, was viele andere jetzt sagen w\u00fcrden, wenn sie meine Worte lesen: Dass ich dankbar sein sollte. Ich bin aber gar nicht undankbar, sondern \u00e4rgere mich \u00fcber Diskriminierung und Ungerechtigkeit.<\/p>\n<p>Mir wurde des \u00d6fteren der Spruch an den Kopf geworfen: \u201eSieh doch selbst, wie Du mit Dir\u00a0 (und Deinem behinderten und chronisch kranken K\u00f6rper) klarkommst!\u201c Und nun ist die Unsichtbarkeit Thema Nummer eins auf unserer Erde. Jetzt sind wir wirklich global verbunden, alle zusammen ohne Ausnahme. Welch Ironie! Wieso konnte es nicht durch Klugheit oder Sensibilit\u00e4t passieren, sondern aufgrund unserer Vernachl\u00e4ssigungen und Unf\u00e4higkeiten?<\/p>\n<div id=\"attachment_9029\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9029\" class=\"size-full wp-image-9029\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/3-essen.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9029\" class=\"wp-caption-text\">Bulgursalat mit Radieschen, Linsensalat mit roter Bete, Tzaziki, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Heute gab es zu den im Ofen gebackenen H\u00fchnerbeinchen mit Kartoffeln einen Bulgur Salat mit Kr\u00e4utern, Radieschen und Ras-el-Hanout, Tzaziki, einen Feldsalat mit zart geschnittenen frischen Champignons und ein Linsensalat mit roter Bete. Da wir sowieso nicht mehr rausgehen, setzten wir uns in die Sonne auf den Balkon. Heute ist ja eh Sonntag, aber auch sonst sind die Tage nicht mehr so getacktet; auch meine innere Uhr verschiebt sich wieder mehr in die Nacht, wie es fr\u00fcher immer war und seit der Geburt meines Sohnes, also vor f\u00fcnfzehn Jahren, ge\u00e4ndert hat und ich zu einer Tagperson geworden bin.<\/p>\n<p>In Brasilien str\u00f6men die Pentekostal*innen \u2013 die diese rechtsradikale Regierung von Bolsonaro m\u00f6glich gemacht haben \u2013 in die Kirchen, um sich gegenseitig mit Corona anzustecken, weil sie meinen, dass nur der Glaube sie retten kann\u2026 Mir fehlen wirklich die Worte daf\u00fcr. Es tut mir geradezu k\u00f6rperlich weh.<\/p>\n<p>In den Social Media habe ich heute gelesen: \u201eWir genesen nicht aus Klugheit, sondern aufgrund eines Traumas, aber egal.\u201c (Paolo Rumiz 20.3.2020). Wenn wir denn wirklich genesen\u2026 Ich frage mich, ob die Welt nach dieser Krise nicht einfach so weitermacht wie vorher. Nat\u00fcrlich w\u00fcnsche ich es mir nicht, aber ich habe da so meine Zweifel\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir sind die einzigen in meinem Bekanntschafts- und Freundeskreis, die bislang tats\u00e4chlich zu Hause geblieben sind, aber seit heute sind sie wohl doch und erst durch den staatlichen Zwang nicht rausgegangen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>23.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe heute etwas getan, was ich sonst nie mache. Ich muss gestehen, dass ich es etwas anstrengend finde, aber sonst im Alltag geht es einfach gar nicht, weil es mir wirklich viel zu viel wird, weil ich mich schon \u00fcber alle Ma\u00dfen an die h\u00f6rende Welt anpasse. Da ich gerade neue H\u00f6rger\u00e4te ausborge, die ich wegen der einfallenden Corona-Pandemie nicht wieder bei meiner Akustikerin zur\u00fcckgeben konnte, nutze ich sie nicht nur zum Telefonieren, sondern auch, um Podcasts und YouTube-Videos und auf anderen Kan\u00e4len erz\u00e4hlte Nachrichten und Gedanken zu h\u00f6ren. Zu allem m\u00f6glichen, zu Corona (von Christian Drosten der Charit\u00e9, vgl. Martini \/ Hennig 2020), dem Untergang oder der Erneuerung der Welt (Eckhart Tolle bei \u201e<em>Flow! Summit. Spiritualit\u00e4t, wie sie zu dir passt. Urban. Modern. Individuell. Das ist dein Weg zu dir, ohne starre Muster\u201c<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.flowsummit.net\/\">https:\/\/www.flowsummit.net\/<\/a>, Abruf am 1.4.2020), von Religionswissenschaftler*innen, Mein Grundeinkommen (als Chance in der Corona-Krise, vgl. Bohmeyer 17.3.2020) und Umbandist*innen (wie sie in Brasilien mit der Corona-Krise umgehen, vgl. Feitosa-Santana 13.3.2020). Sie werden mir direkt vom Handy auf meine H\u00f6rger\u00e4te gekoppelt. Wahnsinn! Ich habe mein Leben lang Telefone gehasst und gemieden und alle zugesendeten Video-Botschaften und Audio-Nachrichten einfach ignoriert. W\u00e4hrenddessen r\u00e4ume ich die Wohnung auf, gehe meine alten Ethnologie-Mitschriften von meinem Studium durch, sortiere alte Ikea-Kataloge aus\u2026 Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass ich ohne diese h\u00f6rende Berieselung in meinem Leben etwas verpasst h\u00e4tte, aber es ist schon bemerkenswert, dass ich mich \u00fcberhaupt auf diese h\u00f6rende Welt einlasse.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass ich mir ab morgen wirklich einen Plan machen sollte, was ich an einem Tag gemacht haben wollte, da ich einfach so vor mich hinlebe und nun, wo es abends wird, frage, was ich \u00fcberhaupt getan habe\u2026 Mir ist kalt und ich bin m\u00fcde, aber bin eigentlich nur vom Wohnzimmer in die K\u00fcche und ab und an mal ins Schlafzimmer gelaufen und sa\u00df sonst lange auf dem Sofa herum \u2013 Wovon soll ich m\u00fcde sein?? Wahrscheinlich habe ich vergessen zu essen, f\u00e4llt mir gerade ein\u2026<\/p>\n<p>Wir sind die einzigen in meinem Bekanntschafts- und Freundeskreis, die bislang tats\u00e4chlich zu Hause geblieben sind, aber seit heute sind sie wohl doch und erst durch den staatlichen Zwang nicht rausgegangen. Sicherlich denken sie, dass wir etwas bl\u00f6de sind\u2026 Ariu<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> meinte, dass ihn die anderen in seiner Klasse wahrscheinlich auslachen w\u00fcrden, w\u00fcrde es jetzt nicht tats\u00e4chlich noch ernster werden \u2013 und dass dies wahrscheinlich der Anfang von allem sei. Er ist immer sensibel und bewundernswert, schwimmt nie mit dem Strom. Er ist ja mit einer kranken und behinderten Mutter aufgewachsen, f\u00fcr ihn ist das die Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Eigentlich finde ich diesen R\u00fcckzug angenehm, endlich habe ich einfach mal Zeit und werde nicht gehetzt; wenn auch f\u00fcr einen f\u00fcrchterlichen Grund.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor ein paar Tagen wollte er mit seinen Freunden rausgehen, die sich trotz Schulschlie\u00dfung wohl alle noch so getroffen haben und irgendwie Corona-Ferien aus dieser Situation gemacht haben. Da hat mich dann doch die Panik ergriffen und ich sagte ihm, dass das nicht ginge, weil es mein Leben riskieren k\u00f6nnte, da ich ja eine sehr seltene Autoimmunerkrankung habe. Genau kann ich dieses Risiko gar nicht einsch\u00e4tzen, da meine Krankheit eben so selten ist, aber immerhin musste ich schon durchg\u00e4ngig drei Jahre Chemotherapien nehmen; also vermute ich einfach mal selbst, dass Vorsicht geboten ist. Er war cool und lachte, meinte \u201eWenn das so ist, dann bleibe ich eben zu Hause\u201c und legte eine neue Runde Tanz ein. Daf\u00fcr zieht er die Vorh\u00e4nge zu, macht die T\u00fcr zu und h\u00f6rt Musik. Das macht er so gef\u00fchlte f\u00fcnf bis sieben Mal am Tag. Wo ich selbst doch gerade von einer theologischen Tanztagung zur\u00fcckgekommen bin und die ganzen Tage gar nicht getanzt habe.<\/p>\n<p>Eigentlich finde ich diesen R\u00fcckzug angenehm, endlich habe ich einfach mal Zeit und werde nicht gehetzt; wenn auch f\u00fcr einen f\u00fcrchterlichen Grund. Aber wieso dieser R\u00fcckzug von anderen als so dramatisch angesehen wird, kann ich nicht nachvollziehen, da ich auch f\u00fcr die Fertigstellung meiner Doktorarbeit f\u00fcr ein ganzes Jahr schreibend abgetaucht bin. Ich war nat\u00fcrlich sportlich unterwegs, in Bibliotheken und Theater, aber im Sommer habe ich Jamiro und Ariu einfach an die Ostsee geschickt, um in Ruhe schreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Stattdessen habe ich heute meinen Vertrag im Fitness-Center gek\u00fcndigt, auf den ich mich gefreut und den ich eigentlich gerade verl\u00e4ngern wollte, da ich mich momentan viel beworben und auch zu einigen Vorstellungsgespr\u00e4chen eingeladen worden bin und eigentlich auch das Geld daf\u00fcr h\u00e4tte haben k\u00f6nnen. Da f\u00e4llt mir ein, eigentlich wollte ich gerade ins Leben aufbrechen und nach meiner Doktorarbeit mal eine richtig gute Stelle mit einer angemessenen Bezahlung haben, nachdem ich durchg\u00e4ngig immer und st\u00e4ndig idealistisch gewesen bin. Und nun juckt es mich gerade gar nicht so sehr, hier zu Hause zu sein\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_9031\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9031\" class=\"size-full wp-image-9031\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/4-blick-in-den-himmel.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9031\" class=\"wp-caption-text\">Blick in den Himmel, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich habe aufgeh\u00f6rt, so viel Nachrichten zu lesen, weil mich das schrecklich traurig macht. Und auch hilflos. Ich kann nicht rausgehen und anderen helfen, weil ich dann mein Leben mehr als andere riskiere, aber ich brauche auch keine extra Hilfe von anderen, weil ich meine Familie habe. Ich darf einfach nur da sein.<\/p>\n<p>Heute gab es bei uns \u2013 jetzt schon etwas zu sp\u00e4terer Abendstunde geschrieben und als Nachtrag zum vorher Geschriebenem \u2013 Vollkornspaghetti mit Kartoffel, Speck, Knoblauch und Oliven\u00f6l, dazu ein Feldsalat mit frischen, fein geschnittenen Champignons und K\u00fcrbiskern\u00f6l (Parmesan gab es nicht mehr zu kaufen, macht nix). In den Tageb\u00fcchern meiner Kindheit muss ich zu meinem Vergn\u00fcgen lesen, dass ich st\u00e4ndig aufgeschrieben habe, was jeder in der Familie jeden Tag gegessen hat, was in Urlaubszeiten ja durchaus unterschiedlich sein kann, weil wir viel essen gegangen sind. Das l\u00e4sst mich schmunzeln.<\/p>\n<p>Mein Mann erz\u00e4hlt mir, dass die Stra\u00dfen leer und Aldi fast leer sind, was die Einkaufenden wie die Ware angeht. Ich bin ja nicht mehr drau\u00dfen, gehe nur ab und an auf den Balkon und gie\u00dfe unsere Pflanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich w\u00fcnsche mir, dass sich diese alte Welt aufl\u00f6st und eine neue Welt entsteht.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>24.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass sich diese alte Welt aufl\u00f6st und eine neue Welt entsteht.<\/p>\n<p>Ich habe endlich wieder den alten eigenen Raum, in dem ich leben kann. Ich hatte ihn, als ich als Jugendliche mit meinen Eltern lebte, weil sie meine geschlossene T\u00fcr respektierten und eh mit sich selbst besch\u00e4ftigt waren. Aber immer, wenn ich rauskam, war sie da, meine Mutter; ich konnte ihr alles erz\u00e4hlen und sie gab mir immer praktische Antworten auf meine philosophischen und poetischen Fragen. Noch heute wird mir mein Mangel an Bodenhaftung bem\u00e4ngelt, den ich doch schon immer hatte. Sobald ich mal Bodenst\u00e4ndigkeit erlangen sollte, w\u00e4re es eine Neuigkeit f\u00fcr mich. Ich empfinde sie nur, wenn ich nahe von Fl\u00fcssen, Seen oder dem Meer bin; dann ist mir alles egal und ich lebe ausschlie\u00dflich im Moment. Aber momentan gilt mein Blick dem Himmel, weil wir ganz oben wohnen und eigentlich den Blick auf die st\u00e4dtische Autobahn haben \u2013 aber da wir eben weit oben wohnen, gucken wir gewisserma\u00dfen auf die Autobahn hinab und eigentlich in den Himmel. Ich wei\u00df, das ist wieder mein romantischer und gar nicht so bodenst\u00e4ndiger Blick\u2026 aber er bewahrt mich vor der H\u00e4rte des Alltags und insofern ist er doch gut.<\/p>\n<p>Ich bleibe stehen und komme an. Ich renne nicht mehr wie eine Wahnsinnige!<\/p>\n<p>Ich sitze inmitten von Papieren auf unserem Sofa, es sind einfach zu viele\u2026<\/p>\n<p>Die Welt endet und doch sind wir noch da.<\/p>\n<p>Aber ich bin etwas zickig geworden, weil ich keine Lust darauf habe, dass ich nur positiv denken und das Leid und die Trauer nicht in mein Leben integrieren darf, wie es all die meditierenden Menschen um mich herum meinen. Ich finde Meditieren klasse, obwohl ich es eher als Tagtr\u00e4umen und Loslassen bezeichne, aber das ist ja egal, es sind einfach Worte und Gewohnheiten. Aber ich bin nicht daf\u00fcr, Verbote auszusprechen. Und ich denke, dass alles da ist, alles, eben auch das sogenannte Negative, auch das hat Anteil am Leben.<\/p>\n<p>Mein Sohn ist total faul, was seine schulischen Hausaufgaben angeht, aber ich habe auch keine Lust, seine Lehrerin zu spielen. Wenn er sich dann doch hinsetzt, ist alles so leicht und gut. Ich denke ja, dass er es verdr\u00e4ngt, weil es ihm Schwierigkeiten bereitet, aber dem ist gar nicht so \u2013 er findet einfach, dass andere Dinge interessanter sind.<\/p>\n<p>Morgen werde ich mich der Lehre zuwenden, wie auch immer sie daherkommen mag. Ich vermeide sie ja, weil ich die Student*innen f\u00fcr viel kl\u00fcger und belesener halte als mich selbst, aber ich kann mit der Vorstellung leben, dass es nicht darum geht, sondern darum, R\u00e4ume der Diskussion und des Dialogs zu \u00f6ffnen. Und ich sollte mir konkrete Gedanken darum machen, andere Formate zu nutzen, weil ich es nicht ertragen kann, so viel zu reden und nur den am Lautesten zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt auf den Rettungsschirm der Bundesregierung, um die K\u00fcnstler*innen \u00fcber den Corona Zuschuss als Soforthilfe der Investitionsbank Berlin dieser Stadt zu sch\u00fctzen (vgl. Corona Zuschuss 1.4.2020).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich habe viel \u00fcber den Kontrollverlust in der religi\u00f6sen Trance und den Selbstgewinn im Alltag geschrieben, ihn auch selbst erlebt. Nun verliere ich die Kontrolle \u00fcber die Zeit, \u00fcber Pl\u00e4ne, Zuk\u00fcnfte, \u00fcber meinen Alltag.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich dachte ich, dass ich die n\u00e4chsten Monate mit einem von der Senatsverwaltung f\u00fcr Kultur und Europa finanziertem Kunst-Projekt \u00fcber das Thema der Vielschichtigkeit [\u2026] \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnte, bevor ich wieder ins Uni-Leben einsteige, aber nun ist alles anders geworden. Aber ich bin schon durch so viele Krisen gegangen, dass ich keine Angst davor habe. Ich finde es eher mutig und bewundernswert, dass keine Flugzeuge mehr starten und die Luft verpesten und nun alle sich mal auf sich selbst besinnen. Unsere alte Welt stirbt, das ist klar. Es k\u00f6nnte uns nur passieren, dass dann autorit\u00e4re Regime das Sagen \u00fcbernehmen, aber momentan sind reflektierte Menschen in den richtigen Positionen der Macht, zumindest in Berlin. Ob das so bleiben wird?<\/p>\n<p>Wir haben tats\u00e4chlich kein Klopapier mehr\u2026 nicht so wie die anderen, die es gehortet haben. [\u2026] Es geht ja nicht ums Klopapier, sondern um das Vertrauen in die unmittelbare Gesellschaft; ob wir essen und trinken k\u00f6nnen, wie der n\u00e4chste Tag aussieht. Ich habe die Erfahrung meiner Eltern als Kriegskinder mitbekommen, aber halte auch ich durch? Vielleicht bleiben die Hamsterer ja jetzt zu Hause und es gibt doch alles wieder in normalen Ma\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich habe viel \u00fcber den Kontrollverlust in der religi\u00f6sen Trance und den Selbstgewinn im Alltag geschrieben, ihn auch selbst erlebt. Nun verliere ich die Kontrolle \u00fcber die Zeit, \u00fcber Pl\u00e4ne, Zuk\u00fcnfte, \u00fcber meinen Alltag. Eigentlich freue ich mich jeden Tag, dass wir zu essen und zu trinken haben. The basis of the basis. Berthold Brecht l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen! Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral (Die Dreigroschenoper! 1928).<\/p>\n<p>Heute gab es Fisch Bordelaise mit dem Bulgur Salat und dem Linsen-Rote Beete-Salat von gestern, dazu selbst gemachter Coleslaw.<\/p>\n<p>Jetzt f\u00e4ngt auch Jamiro an zu tanzen! Sch\u00f6n! Zu arabischer Musik, die einl\u00e4dt. Wir trinken einen Birnen-Obstbrand und sto\u00dfen darauf an, dass wir \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Wann fange ich wieder an, B\u00fccher zu lesen? Nicht nur wissenschaftliche B\u00fccher, sondern auch Romane? So frei bin ich noch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Mein Sohn sagt, dass sich seine Freunde alle drau\u00dfen treffen, aber ihm sei das egal. Er versteht es, dass wir versuchen m\u00fcssen, die gro\u00dfe Welle auf die Krankenh\u00e4user aufzuhalten, weil weltweit Tausende Menschen an Corona sterben, und dass wir das Virus zu wenig kennen, um sich auch als junger Mensch sicher davor zu f\u00fchlen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>25.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe heute mit meiner Mutter telefoniert, die mir ganz fr\u00f6hlich erz\u00e4hlte, wie die Kinder juchzend im Park \u00fcber die Wiese liefen und das Caf\u00e9 Pusteblume im Volkspark Wilmersdorf, \u00fcbergehend zu Sch\u00f6neberg am Goldenen Hirschen, nur Au\u00dfer-Haus-Kaffee und Kuchen sowie Eis verkaufen durfte, da der normale Restaurant- und Caf\u00e9-Betrieb wegen der Corona-Pandemie geschlossen hatte, und alle dicht gedr\u00e4ngt in der Sonne standen und alles sch\u00f6n war. Ich war schockiert und fragte sie, ob sie sich keine Sorgen mache, das zu sehen, weil wir doch in Pandemie-Zeiten lebten und nicht einmal mehr \u00fcberhaupt rausgehen sollten. Da sagte sie, lachend \u201eAch, was soll man denn mit so kleinen Kindern schon zu Hause machen? Das ganze Ausma\u00df zeigt sich doch erst in zwei Wochen; ich finde es so sch\u00f6n, wie alle in der Sonne gl\u00fccklich sind. Keiner von denen sah krank aus!\u201c.<\/p>\n<p>[\u2026] Sie sei in verschiedenen Gesch\u00e4ften gewesen, um zu sehen, wo es noch Klopapier zu kaufen gebe und habe auch in einem Edeka-Gesch\u00e4ft am S-Bahnhof Grunewald eine ganze Packung f\u00fcr mich erhaschen k\u00f6nnen. F\u00fcr mich? Tats\u00e4chlich brauchen wir bald mal wieder welches und es scheint keine M\u00f6glichkeit mehr zu geben, welches kaufen zu k\u00f6nnen. Sind wir die einzigen, die nicht gehamstert haben? Au weia. Deswegen mache ich mir keine Sorgen, ich m\u00f6chte nur mit meiner seltenen Autoimmunerkrankung, die ja schon in normalen Zeiten schwer zu behandeln ist, \u00fcberleben. Aber es geht mir gut. Nur ist es so, dass sich das schlagartig und unwiederbringlich \u00e4ndern kann, von einer Minute zur anderen. Ich habe das schon erlebt und m\u00f6chte es nie wieder erfahren\u2026<\/p>\n<p>Ich frage mich nur, warum meine Mutter so leichtsinnig ist und was ihr diese angebliche Freiheit des Einkaufens und drau\u00dfen anderen zu begegnen bringt. Es wirkt f\u00fcr mich so, als wolle sie einfach aus Prinzip widerst\u00e4ndig sein. Es macht mich traurig. Ich hatte ihr angeboten, dass mein Mann f\u00fcr sie einkaufen geht, stattdessen geht sie ungefragt f\u00fcr uns einkaufen.<\/p>\n<p>Mein Sohn sagt, dass sich seine Freunde alle drau\u00dfen treffen, aber ihm sei das egal. Er versteht es, dass wir versuchen m\u00fcssen, die gro\u00dfe Welle auf die Krankenh\u00e4user aufzuhalten, weil weltweit Tausende Menschen an Corona sterben, und dass wir das Virus zu wenig kennen, um sich auch als junger Mensch sicher davor zu f\u00fchlen. Und er m\u00f6chte ja mich besch\u00fctzen. Da ist mein Sohn so viel kl\u00fcger als meine eigene Mutter. [\u2026] Ich bin den ganzen Tag alleine mit Ariu zu Hause, weil Jamiro in unser fu\u00dfl\u00e4ufig zu erreichendem Atelier geht. Rein theoretisch k\u00f6nnte ich dort auch hingehen, aber ich gehe nicht. Wieso?<\/p>\n<p>Heute Morgen schreibt mir meine Doktormutter, dass sie dieses Wochenende das Gutachten f\u00fcr meine Doktorarbeit schreiben wird und in zwei Wochen meine Disputation (per Videostreaming oder so) stattfinden kann, damit ich dann gleich darauf eine neue Bewerbung f\u00fcr eine Postdoc-Phase rausschicken kann. Ich habe das bereits schon vor Monaten getan, aber sie wurde abgelehnt, da ich ja noch nicht meinen Titel \u201everteidigt\u201c habe; nun gibt es also einen zweiten Anlauf. Dann schickte sie einen Link mit den laufenden Ank\u00fcndigungen wegen der Corona-Pandemie herum, doch als ich raufklicke, steht da, dass es gerade keine Disputationen an meiner Fakult\u00e4t gibt. Was nun?<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass meine Bewerbung zwar steht, aber ich nicht viel mehr Neues an ihr bearbeitet habe; auch meine Verteidigung mit meinem Thesenpapier ist irgendwann stehengeblieben. Auch heute habe ich nicht daran gearbeitet. Ich m\u00f6chte ausgerechnet in die Zukunftsforschung gehen (<em>Religi\u00f6se Utopien und gesellschaftliche Transformation. Zukunftsforschung in neueren religi\u00f6sen Bewegungen in der postmigrantischen Gesellschaft in Berlin und K\u00f6ln<\/em>, Arbeitstitel Postdoc-Forschung) &#8230; das passt ja zur aktuellen Krise.<\/p>\n<p>Ich werde es schaffen, die Arbeit und alle Ideen und Thesen habe ich ja auf 500 Seiten festgehalten\u2026 Ich bin doch innerlich erstarrt, auch wenn ich so tue, als sei ich ganz cool. Bin ich nicht. Stattdessen habe ich heute Ablage gemacht, meine Papierberge sortiert, mit Ariu Englisch ge\u00fcbt, wie immer Essen gekocht. Rausgegangen bin ich nicht, habe nur eine Meise auf meinem Balkon beobachtet, wie sie das Vogelhaus inspizierte, wo schon zwei Generationen vorher gebr\u00fctet haben. Auf der anderen Seite der Wohnung klettern Eichh\u00f6rnchen im Baum herum. Wir sind also gar nicht alleine.<\/p>\n<p>Es gab um 18 Uhr eine gro\u00dfe Oxumarbeit meines Umbanda-Hauses in K\u00f6ln, von der jetzt noch eine gelbe Kerze auf meinem Schreibtisch niederbrennt, damit Liebe in die Welt kommt.<\/p>\n<blockquote><p>Gro\u00dfe Oxumarbeit von M\u00e3e Gabriele<\/p>\n<p>Teilnahme nur von zu Hause.<\/p>\n<p>Liebe ist die h\u00f6chste Macht der Welt, nur mit Liebe k\u00f6nnen wir \u00fcberstehen. Es geht grade jetzt nicht um Egoismus und um Einzelne, es geht um die Welt. Diejenigen, die in Selbstliebe sind, sind in der Lage, in Liebe mit den Herausforderungen der Zeit umzugehen, und sich nicht in den Strudel der Negativit\u00e4t und \u00c4ngste zu begeben. Die Gabe von Oxum ist Liebe und Selbstliebe. Oxum ist Exu und Exu ist Oxum.<\/p>\n<p>Lasst uns den \u00c4ngsten mit dem Geschenk von Oxum begegnen. F\u00fcr uns und f\u00fcr die Welt!<\/p>\n<p>Wer namentlich in die Arbeit aufgenommen werden m\u00f6chte, der wird gebeten, sich per Mail oder telefonisch bei uns zu melden. Wir bitten als Ausgleich um eine Geldspende, um die Materialien zu finanzieren und damit sich das Haus in diesen schwierigen Zeiten halten kann.<\/p>\n<p>ANLEITUNG: Bitte verbindet Euch um 18 Uhr von zu Hause aus mit uns und betet und singt f\u00fcr Mam\u00e3e Oxum. Z\u00fcndet dazu eine gelbe Kerze an (wenn ihr keine gelbe habt nehmt eine wei\u00dfe)<\/p>\n<p>Das Gebet von M\u00e3e Gabriele f\u00fcr Oxum:<\/p>\n<p>Ora y\u00ea y\u00ea Mam\u00e3e Oxum!<\/p>\n<p>Meine liebste Mutter Oxum, wir rufen Dich!<\/p>\n<p>Bitte erf\u00fclle unsere Herzen mit Deinem Licht der Liebe<\/p>\n<p>Nimm den Egoismus von uns allen, damit wir verstehen, was wir damit anrichten<\/p>\n<p>Lass dein Wasser durch uns flie\u00dfen und reinige alle<\/p>\n<p>\u00d6ffne und sp\u00fcle unsere Augen mit reinem Wasser und lass uns das Wesentliche sehen<\/p>\n<p>Erf\u00fclle uns mit Selbstliebe und hilf uns, sie auszudehnen:<\/p>\n<p>ein gen\u00e4hrter Mensch hat einen liebevollen Blick auf alle<\/p>\n<p>Zeige uns, was zum Wohle aller hilft<\/p>\n<p>Gib uns die M\u00f6glichkeit, uns durch Deine Liebe zu Gott zu verbinden.<\/p>\n<p>Reinige unser Herz von allen Zweifeln, die zwischen uns und unserer Liebe zu Gott stehen<\/p>\n<p>Lass uns an deinem Urvertrauen teilhaben und unsere Herzen von Reichtum \u00fcberlaufen.<\/p>\n<p>Danke minha M\u00e3e!<\/p>\n<p>Bitte lasst die Kerze abbrennen.<\/p>\n<p>Ax\u00e9!<\/p>\n<p>In Liebe Mae Gabriele und das Team von Casa St. Michael<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/z-m-www.facebook.com\/events\/210351493517131\/\">https:\/\/z-m-www.facebook.com\/events\/210351493517131\/<\/a>, Abruf am 1.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich fand, dass alles so aussah wie immer, coronaunver\u00e4ndert; komisch! Das h\u00e4tte ich so nicht erwartet. Das Internet vermittelt mir andere Informationen \u00fcber leere St\u00e4dte mit vereinzelten vermummten Menschen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>26.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich schreibe heute mein Tagebuch von gestern nicht wie gewohnt abends vor dem Schlafengehen, sondern erst einen Tag danach am Morgen, weil mir gestern die Decke auf den Kopf gefallen ist und ich den Eindruck habe, gar nichts getan und geschafft zu haben. Abends bin ich dann, ganz entgegen der vorherigen Tage, kaputt ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen.<\/p>\n<p>Ich bin gestern nach fast drei Wochen mal wieder rausgegangen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9033\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9033\" class=\"size-full wp-image-9033\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/5-maske-in-schaufenster.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9033\" class=\"wp-caption-text\">Mund-Nasen-Schutzmaske in einem Gesch\u00e4ft in der N\u00e4he des Heidelberger Platzes, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Obwohl, so ganz stimmt es nicht, einmal war ich ganz am Anfang der Krise am 13. M\u00e4rz mit meinem Mann bei Aldi, einen ganz normalen Gro\u00dfeinkauf t\u00e4tigen. [\u2026] Sprudelwasser haben wir immer zu Hause aus dem Wasserhahn und unserem Soda-Sprudler, aber Milch, Apfelsaft und Wein sind ja auch schwer zu tragen&#8230; Aber ich hatte vorher, wie immer bei einer guten Vorratshauswirtschaft, Couscous, Bulgur, Quinoa, Bohnen, rote und gr\u00fcne und Beluga-Linsen und Spaghetti eingekauft, wovon die Spaghetti jetzt aufgegessen sind, aber von den anderen Cerealien doch noch etwas \u00fcbrig ist.<\/p>\n<p>Dann war ich an meinem 48. Geburtstag am 16. M\u00e4rz mit meinem Mann im Volkspark spazieren, noch ziemlich erk\u00e4ltet. Und dann gestern wieder. Ich kam mir vor, als k\u00e4me ich aus einer H\u00f6hle und br\u00e4uchte mal wieder die Sonne in meinem Gesicht. Zuerst habe ich mich auf den Balkon in die Sonne gesetzt, dann bin ich einmal um den Block gelaufen und war so erstaunt, wie es dort vor Leuten gewimmelt hat und ich regelrecht Slalom laufen musste, um niemanden im Abstand von zwei Metern zu nahe zu kommen. Die anderen achteten nicht darauf, sondern guckten mich deswegen scheel von der Seite an. Ich fand, dass alles so aussah wie immer, coronaunver\u00e4ndert; komisch! Das h\u00e4tte ich so nicht erwartet. Das Internet vermittelt mir andere Informationen \u00fcber leere St\u00e4dte mit vereinzelten vermummten Menschen (vgl. Vetter 25.3.2020), aber hier um die Ecke erfreuen sich die Leute an der Sonne.<\/p>\n<div id=\"attachment_9035\" style=\"width: 889px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9035\" class=\" wp-image-9035\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/6-kreise-auf-asphalt.jpg\" alt=\"\" width=\"879\" height=\"659\" \/><p id=\"caption-attachment-9035\" class=\"wp-caption-text\">Bemalter Eingangsbereich in der N\u00e4he des Heidelberger Platzes, Kreide, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Und ich habe meinen virtuellen und auch einen papierenen Familienkalender genommen und geguckt, was denn in letzter Zeit so alles passiert ist; welches Datum wir haben [\u2026].<\/p>\n<p>Im Januar kam, kurz nach unserer Reise zu einer brasilianischen angeheirateten Schwester und ihrer Familie in die Schweiz, die Absage meiner Bewerbung an der Humboldt Universit\u00e4t f\u00fcr ein Postdoc-\u00dcbergangsstipendium, weil ich meine Arbeit noch nicht verteidigt habe. Das war ein harter Schlag, da ich mich irgendwie darauf verlassen hatte, dass es klappt [\u2026]. Also habe ich mich in Bewerbungen gest\u00fctzt und bin zwei Mal an Museen zu Vorstellungsgespr\u00e4chen eingeladen worden, eine Absage kam gleich ganz schnell von der Universit\u00e4t Leipzig (auch wegen meiner noch nicht verteidigten Doktorarbeit) und eine Absage kam heute Morgen vom Futurium an. Eine Antwort vom Deutschen Historischen Museum steht noch aus, heute kam ein freundliches E-Mail mit der Bitte um Geduld.<\/p>\n<p>Sonst genoss ich im Januar die Zeit, mal wieder drau\u00dfen sein zu k\u00f6nnen, nachdem ich so lange \u2013 \u00fcber ein Jahr \u2013 fast nur mit dem Schreiben meiner Doktorarbeit besch\u00e4ftigt gewesen bin und gewisserma\u00dfen in einer freiwilligen Quarant\u00e4ne gelebt habe. Also war ich zu Konzerten und einem Klamottentausch im Nachbarschaftshaus Wilmersdorf, zu einem Vortrag einer Freundin \u00fcber die Ikonographie von Maria (Christina Z\u00fcck, 17.1.2020: \u201e<em>Verehrt, geliebt, vergessen \u2013 Maria in den christlichen Bildkulturen<\/em>\u201c. Berlin: Katholische Akademie) und einen anderen Vortrag in der Urania \u00fcber die Kraft der Kriegsenkel (Ingrid Meyer-Legrand, 20.1.2020: \u201e<em>Kontaktabbruch in Familien. <\/em><em>Ein transgenerationelles Erbe?\u201c.<\/em> Berlin: Urania: Vortrag der Reihe \u201eTrauma und W\u00fcrde\u201c) anh\u00f6ren, einen Geburtstag einer brasilianischen Cousine in einem mexikanischen Restaurant feiern, mit einem Freund im Museum, mit meiner Familie ins Grips-Theater gehen, mit der gesamten Familie aus Anlass des 15. Geburtstags von Ariu griechisch essen und mit meinem Sohn in Potsdam ins Kino und Burger essen bei Peter Pane. Lauter sch\u00f6ne Dinge tun, ausgehen.<\/p>\n<p>Im Februar waren wir an der polnischen Ostsee in Swinem\u00fcnde auf Usedom, wo wir einfach nur die Zeit genossen haben, stundenlang am Meer entlangzulaufen, die Stadt kennenzulernen und sch\u00f6n essen zu gehen. Urlaub pur. Wieder in Berlin meine Bewerbung f\u00fcr ein Kunst-Projekt erweitern, schreibend, organisierend. Eine sehr umfangreiche und kreative Bewerbung, aber alles ist da: ein inhaltliches Konzept, ein Finanz- und Zeitplan, Mitarbeiter*innen und eine tolle Galerie, wo ich mich pers\u00f6nlich vorgestellt habe. Tet\u00ea im Prenzlauer Berg.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz dann Hals \u00fcber Kopf zur theologischen Tanztagung nach Neuendettelsau in Bayern, tolle Leute und N\u00fcrnberg kennenlernen, auf Englisch diskutierend, tanzend und selbst einen einst\u00fcndigen Vortrag beisteuernd.<\/p>\n<p>Das war der Anfang des Jahres 2020. Viel, aber gerade f\u00fchlt es sich viel l\u00e4nger an. Vor allem die letzten zwei Wochen f\u00fchlen sich ewig an. Es kommt aber auch gerade alles auf einmal, die unsichere Zukunft. Wegen der Corona-Pandemie, aber auch beruflich. Aber das w\u00e4re wohl auch so genau in dieser Form dagewesen, auch ohne Corona\u2026 Ich war ja zwei Wochen krank, jetzt geht es mir wieder gut und eigentlich wird mir jetzt alles erst klar, in diesen vier Tagen. Das ist eine kurze Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Kochen gibt Struktur. Und dieses Tagebuch schreiben vermittelt mir den Eindruck, dass ich t\u00e4tig bin und das Leben weitergeht.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>27.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Was w\u00fcrde ich sonst ohne Corona gerade tun? Ich w\u00fcrde viel Sport treiben, schwimmen und ins Sportstudio gehen, mein Fahrrad f\u00fcr den anbrechenden Fr\u00fchling flottmachen. Rausgehen, Freund*innen treffen, um meine R\u00fcckzugszeit nachzuholen mit Ausfl\u00fcgen und Quatschen. Und ich w\u00fcrde ins Grimm-Zentrum gehen, um konzentrierter an meinen Projekten arbeiten zu k\u00f6nnen. Ich habe es jahrelang versucht, auch gut von zu Hause aus zu arbeiten, aber es ist mir nie wirklich gelungen, da ich zu Hause zu sehr Familienmensch und abgelenkt bin. Immerhin hat Ariu jetzt seine Hausaufgaben gut gemacht, ich leider nicht. Die Vorstellung, dass wir eine Art Arbeits- und Zeitmanagementgemeinschaft bilden k\u00f6nnten, hat sich nicht erf\u00fcllt, weil wir zu viel miteinander reden.<\/p>\n<p>Aber es geht besser. Ich habe mir heute ein Kleid und ein anderes als gestern angezogen, nachdem ich nur in Leggings und T-Shirt herumgelaufen bin.<\/p>\n<p>Kochen gibt Struktur. Und dieses Tagebuch schreiben vermittelt mir den Eindruck, dass ich t\u00e4tig bin und das Leben weitergeht, nicht nur famili\u00e4r, sondern auch irgendwie beruflich.<\/p>\n<p>Liebes Tagebuch, dies habe ich heute Morgen geschrieben und dann doch nicht viel gemacht. Mir ist irgendwie klar, was ich alles machen sollte \u2013 vielleicht auch Sport zu Hause? Immerhin steht da ein Home-Trainer als stehendes Fahrrad herum, was ich mal benutzen k\u00f6nnte\u2026 Stattdessen habe ich die Nachrichten geh\u00f6rt und gelesen, was mir Angst und Bange macht. Ja, ich wei\u00df, dass alle spirituell unterwegs seienden Leute meinen, dass wir uns nur mit Positivem besch\u00e4ftigen d\u00fcrfen. Die Corona-Krise hat nun die USA erreicht und w\u00fctet vor allem in Frankreich; hier in Deutschland soll sie wohl in einer Woche ankommen. Ich mag mir das gar nicht ausmalen, ist ja eh nicht gut \u2013 aber wegdenken kann ich es auch nicht.<\/p>\n<p>Ich habe eine Struktur f\u00fcr mein Thesenpapier der Disputation ausgearbeitet; ich darf ja eh nur zwanzig Minuten reden. Es macht mich nerv\u00f6s, nicht zu wissen, wie sie ablaufen wird, mit welchen technischen Mitteln \u2013 immerhin muss ich mich auch \u00fcber meine H\u00f6rger\u00e4te ans System anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Aber nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass ich philosophisch nicht so viel Ahnung habe \u2013 aber ich bin ja Ethnologin und werde auch von einem Theologen gepr\u00fcft. Aber dennoch kann Habermas oder Merleau-Ponty in der Diskussion auftauchen. Ich sollte mich konzentrieren und vorbereiten, nur so kann ich einer Katastrophe vorbeugen. Stattdessen erstarre ich doch innerlich, obwohl ich mir die ganze Zeit das Gegenteil einrede. Ob das auch eine gute Funktion f\u00fcr mich hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir wussten nur alle nicht, wie diese erste Krise aussehen w\u00fcrde \u2013 aber, dass sie kommen w\u00fcrde, war doch allen klar.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>28.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Mir gelingt es wirklich nicht gut, so zu tun, als h\u00e4tte ich einfach Home-Office und konzentriere mich mal ebenso auf das vorher Gedachte, das Uncoronabelastete. Das verlangt ja auch niemand von mir \u2013 oder doch? Immerhin habe ich Deadlines f\u00fcr anstehende Projekte, die ich trotz Quarant\u00e4ne wie selbstverst\u00e4ndlich einhalten muss. Ich merke, abgesehen von meiner Unf\u00e4higkeit, im famili\u00e4ren h\u00e4uslichen Umfeld zu arbeiten, weg von meinem B\u00fcro oder in der Bibliothek und damit einem ganz anderen sozialen Raum, wie langsam ich im Umgang damit bin.<\/p>\n<p>Ich nehme nur wahr, dass sich alles ver\u00e4ndert. Und es war schon in der Vergangenheit vorhersehbar und wurde auch st\u00e4ndig von allen klugen Wissenschaftler*innen vorhergesehen, dass diese Welt so nicht weitergehen k\u00f6nnte, die Natur auspl\u00fcndernd und eben mal die Tundra, den Amazonas und andere W\u00e4lder vernichtend. Wir wussten nur alle nicht, wie diese erste Krise aussehen w\u00fcrde \u2013 aber, dass sie kommen w\u00fcrde, war doch allen klar, dass sie unausweichlich kommen w\u00fcrde. Und so verwunderlich ist es nicht, dass Menschen an Atemnot wie bei einem schlimmen Verlauf von Corona passiert, sterben, wenn wir vorher ganze W\u00e4lder, die ja f\u00fcr unseren Sauerstoff zust\u00e4ndig sind, mal eben so umbringen. Das ist nicht logisch, aber symbolisch wohl stimmig. F\u00fcr jeden Baum ein Mensch.<\/p>\n<p>Ich finde die Unterstellung, dass ich mich von meiner Angst l\u00e4hmen lasse, falsch, weil es zwar durchaus so ist, aber ich eben auch viele gute Momente am Tag habe. Selbstverst\u00e4ndlich will ich mit meiner Familie und allen Freund*innen und der ganzen Welt \u00fcberleben. Aber so einfach spirituell die Augen verschlie\u00dfen kann ich einfach nicht nachvollziehen, angesichts der vielen Toten. F\u00fcr mich passt wohl der Begriff der Ambivalenz am besten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>29.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Wie die Welt kleiner geworden ist, seitdem die Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Von der brasilianischen Familie und Freundeskreis h\u00f6ren wir ja eh immer wieder alles Neue von der anderen Seite des Atlantiks, aber nun haben sich auch alte Schulkameradinnen aus Michigan in den USA bei mir gemeldet. Wir redeten aber nur \u00fcber die Zeit, als ich 16 Jahre alt war und nicht \u00fcber die jetzige global erschreckende Krankheitskrise, also vor mehr als 30 Jahren\u2026 So alt bin ich schon, dass ich von lange vergangenen Zeiten reden kann.<\/p>\n<p>Gestern Abend habe ich einen Film \u00fcber eine junge Frau aus einer chassidischen Gemeinschaft in Brooklyn in New York, die jiddisch und englisch sprechen, gesehen; \u201e<em>Unorthodox<\/em>\u201c von 2020, einem Netflix-Film auf der Grundlage des 2012 ver\u00f6ffentlichten autobiographischen Bestsellers von Deborah Feldman. Sie flieht vor dem famili\u00e4ren Druck nach Berlin. Im Film gibt es viele Szenen vom Winterfeldtplatz, Potsdamer Platz, Gendarmenmarkt, alles Orte, wo ich in den letzten Jahren sehr viel und st\u00e4ndig unterwegs war. Erst \u00fcber diese leichten, sch\u00f6nen, befreiten Bilder wurde mir klar, dass ich mich danach sehne und dass ich gar nicht wei\u00df, wann dieses gesellschaftliche Leben in dieser Form wieder m\u00f6glich sein wird.<\/p>\n<p>Letzte Nacht habe ich getr\u00e4umt, dass ich meine Eltern und meine Freundin Esther wiedersehe, wie wir sie im Grunewald besuchen und gemeinsam Kartoffelsalat essen (Typisch Traum! Wieso das?) und zu einem Klamottentausch gehen wollen. Meine Eltern finden das nat\u00fcrlich bl\u00f6d (den Klamottentausch) und wollen uns eigentlich auf einem sch\u00f6nen, lauschigen Platz in der N\u00e4he in ein indisches Restaurant einladen, da f\u00e4llt mir im Verlaufe des Traumes, der sehr skurril und dicht war, auf, dass das ja alles nicht geht \u2013 dieses Sich-gegenseitige-Besuchen und gemeinsam Rausgehen. Im Traum sage ich es den anderen, dass die Restaurants eh geschlossen haben und der Klamottentausch auch ausfallen wird. Tr\u00e4umend frage ich: Aber wie konnte ich oder konnten wir alle es vergessen, dass wir uns auch nicht gegenseitig treffen d\u00fcrfen? In diesem Moment fiel es mir erst auf, dass ich tr\u00e4umte und wachte langsam auf.<\/p>\n<p>Wir haben uns gestern f\u00fcr Jamiro als Bildender K\u00fcnstler in die lange Schlange f\u00fcr Corona-Zusch\u00fcsse der Investitionsbank Berlin gestellt, die Sofortnothilfen \u00fcber die Regierung verteilt, weil Jamiro vom Museum Kurzarbeitsgeld erh\u00e4lt und der \u00f6ffentliche Raum f\u00fcr Ausstellungen und in der Kulturellen Bildung, also Schulen und Kitas, wegf\u00e4llt. Heute stehen noch 62640 andere vor ihm, aber wir sind schon l\u00e4nger als die H\u00e4lfte der Wartezeit durch\u2026<\/p>\n<p>Der sch\u00f6ne Sonnenschein ist vorbei, drau\u00dfen wirbeln kleine, zarte Schneeflocken durch die Luft und der Himmel ist grau und verh\u00e4ngt. Mein Schreibtisch steht so, dass ich direkt auf unseren kleinen Balkon und den Himmel gucken kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9037\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9037\" class=\"size-full wp-image-9037\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/7-corona-zuschuss.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9037\" class=\"wp-caption-text\">Warteschleife des Corona Zuschusses auf dem Monitor eines Laptops, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p><strong>30.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Meine Eltern fahren weiterhin in ihr Ferienhaus in der Uckermark, wandern durch die dortigen Moore und wollen uns zu Ostern treffen. Und ich frage mich, ob ich mich selbst \u00fcberhaupt irgendwie etwas von au\u00dfen wahrnehmen kann, denn offensichtlich lebe ich ganz anders als vorher. Gleichzeitig denke ich, dass ich schon vorher eher stimmlos gelebt habe und einfach mehr lese als andere statt zu reden. Mir kommt diese Quarant\u00e4ne-Zeit so vertraut vor, dass ich meine, dass sich mein Leben eigentlich nicht ver\u00e4ndert hat \u2013 und doch wei\u00df ich, dass dies Quatsch ist. Aber es \u00e4ndert eben nichts an meinem Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Ich verstehe mich selbst gerade nicht wirklich, weil ich kein Impuls versp\u00fcre, wenigstens ins Atelier zu gehen\u2026 Wenn ich mir vorstelle, dass es keine Corona-Epidemie g\u00e4be, w\u00fcrde ich es schon tun. Dann w\u00fcrde aber auch Ariu zur Schule gehen und der ganze Alltag w\u00e4re strukturiert und h\u00e4tte eine konkretere Perspektive.<\/p>\n<p>Ich bin so lange, sieben Jahre, schwer krank gewesen; das hat mich tief gepr\u00e4gt. Mir geht es gerade gar nicht um Einsamkeit oder Langeweile, sondern einfach ums blanke \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Ich sollte dahin kommen, mir Alternativen f\u00fcr meinen weiteren beruflichen Werdegang zu \u00fcberlegen, da ich mich ja Mitte April um eine neue Postdoc-Stelle an der HU bewerbe und ab Oktober eigentlich in die Lehre gehen sollte und wollte. Ich kann meinen Unterricht gleich in Moodle, Chats und der Aufzeichnung von Vortr\u00e4gen denken; nun brauche ich meine FM-Anlage gar nicht mehr. Das ist schon absurd, da ich ja vier Jahre lang daf\u00fcr gek\u00e4mpft habe und der Staat sich zuletzt aus der Verantwortung geschlichen hat und eine private Stiftung diese Aufgabe \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Ich bin sehr verunsichert, wie meine Disputation nun tats\u00e4chlich ablaufen kann, da das Internet im Video-Stream vielleicht gar nicht mithalten kann\u2026 oder ob es irgendwie schriftlich umgesetzt wird, wie ich es mir insgeheim w\u00fcnsche. Insgeheim, weil ich den schriftlichen Weg einfach bevorzuge, schon immer, und nat\u00fcrlich wegen meiner hochgradigen H\u00f6rbehinderung. Irgendwie f\u00fchle ich mich heute so gar nicht entschleunigt, sondern verunsichert und wacklig auf den Beinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Das war eigentlich immer der Grund daf\u00fcr gewesen, weshalb ich gerne Tagebuch geschrieben habe, schon als Kind. Es sind diese Momente des langsamen Entdeckens (nicht des schnellen wohlbemerkt). Des Loslassens in den Worten.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>31.3.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich und die Situation, in die ich vom Schicksal oder vom Weltgeschehen in der Corona-Zeit in die Quarant\u00e4ne geworfen wurde, noch gar nicht wirklich vorgestellt, sondern einfach wild drauf losgeschrieben \u2013 ganz im Sinne des \u201estrict sense\u201c eines malinowskischen Tagebuchs, keine konstruierten Texte zu produzieren, sondern erst im Moment des Schreibens Verborgenes meines Alltags, meines Innenlebens und meiner Wahrnehmungen zu entdecken. Das war eigentlich immer der Grund daf\u00fcr gewesen, weshalb ich gerne Tagebuch geschrieben habe, schon als Kind. Es sind diese Momente des langsamen Entdeckens (nicht des schnellen wohlbemerkt). Des Loslassens in den Worten.<\/p>\n<p>Die Herausgeber von Curare und des Corona-Diaries haben mich daran erinnert und ich m\u00f6chte dies ich nun nachholen. Ich befand mich vor zwei Wochen und auch die Monate davor beruflich im Umbruch; eine dichte Zeit von lauter Abschl\u00fcssen und Austritten und der Vorstellung, Planung und Hoffnungen auf ein Ankn\u00fcpfen an das Davor, aber eben auch emotional f\u00fcr mich ein Betreten von Neuland. Das h\u00f6rt sich jetzt beim Niederschreiben sehr ambivalent aus, weil ich es genauso f\u00fchle, aber von au\u00dfen betrachtet eigentlich wie eine logische Weiterf\u00fchrung meines vorherigen Lebens erscheint. Es ist nur so, dass ich von meiner Sozialisation und meiner verinnerlichten Pr\u00e4gung, immer noch denke, dass ich ja nur eine Art von \u201eAusflug\u201c in die akademische Welt gemacht habe und die sch\u00f6ne Zeit dann wohl doch irgendwann vorbei sei, weil ich \u201eendlich mal erwachsen werden\u201c w\u00fcrde. [\u2026] Aber so schreibe ich ja auch, sehr direkt und offen und so gar nicht akademisch verschroben, mitsamt den indirekten Vorurteilen gegen\u00fcber dieser akademischen Welt (das sie \u201everschroben\u201c sei!). Aber sogar Bourdieu w\u00fcrde mir (in seiner Reflexiven Anthropologie) zustimmen, dass wir diese einge\u00fcbten und verinnerlichten Muster und den dazugeh\u00f6rigen Habitus ein Leben lang nicht absch\u00fctteln bzw. absch\u00fctteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich habe letzten September meine Doktorarbeit im Fach Europ\u00e4ische Ethnologie an der Humboldt Universit\u00e4t Berlin abgegeben und hatte mich auf eine Postdoc-Stelle (\u201eBerufsziel Professorin\u201c, Berlin: Humboldt Universit\u00e4t, Die zentrale Frauenbeauftragte) an dergleichen Universit\u00e4t beworben, wof\u00fcr meine Doktormutter Regina R\u00f6mhild mich vorgeschlagen hatte. Ich habe darauf bislang nur eine interne und keine direkte Absage erhalten, da meine Bewerbung wohl gut sei \u2013 so Regina \u2013 aber ich zur Bewerbung schon meinen Titel tragen m\u00fcsste. Diese interne Absage habe ich am 22. Januar erhalten, einen Tag vor dem 15. Geburtstag meines Sohnes Apuan. Das hat mich ziemlich schwer getroffen, [\u2026] gerade weil ich mir diesen akademischen Lebensweg w\u00fcnsche, aber nicht wirklich praktisch vorstellen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Auch ohne den globalen Corona-Stillstand w\u00e4re dies eine Phase eines \u00dcbergangs f\u00fcr mich, so als ob ich einen leeren gro\u00dfen Raum betrete, aber nun ist alles bis ins Entgrenzte und Uferlose noch viel klarer geworden.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und ich bin mit der Abgabe meiner Doktorarbeit aus der Umbanda-Gemeinschaft, \u00fcber die ich auch meine Dissertation geschrieben habe, ausgetreten, weil ich dort keine M\u00f6glichkeit der spirituellen Weiterentwicklung f\u00fcr mich gesehen habe. W\u00e4hrend alle in diesem auf Entwicklung ausgelegten System irgendwie weitergingen, ganz egal wie, wurde ich \u00fcbersehen und habe das auch jahrelang zugelassen, weil ich das ja gewohnt bin. Und auf einmal konnte ich nicht mehr. Auch im Nachhinein ist dies ein sehr tiefer und radikaler Schritt f\u00fcr mich gewesen, da ich in meinem Empfinden \u00fcber diesen spirituellen Weg \u2013 der f\u00fcr mich pers\u00f6nlich kein Widerspruch zu einer dreij\u00e4hrigen Chemotherapie in einer siebenj\u00e4hrigen schweren Krankheitsphase einer sehr seltenen Krankheit mit zeitweiligen Geh\u00f6rlosigkeit einer schon vorher bestehenden hochgradigen Schwerh\u00f6rigkeit, Schwindelanf\u00e4llen, vielen Schmerzen und Operationen, vielen Klinikaufenthalten und Rehabilitationszeiten in Reha-Zentren in verschiedenen Bundesl\u00e4ndern von Deutschland war \u2013 wieder urpl\u00f6tzlich gesundet bin, eine Spontanheilung. Ich dachte, egal was da komme, ich werde in dieser Gemeinschaft bleiben. Aber es kam anders; nach neun Jahren bin ich doch ausgetreten. Das erf\u00fcllt mich auch jetzt noch mit gro\u00dfer Traurigkeit, aber ich denke, dass es anders nicht geht. Die dortige <em>M\u00e3e-de-Santo<\/em><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><em><strong>[5]<\/strong><\/em><\/a> sagte einmal zu mir, dass ich mich selbst geheilt habe und es klang zwiesp\u00e4ltig. Mir war das eigentlich egal, weil ich einfach heilfroh war, \u00fcberhaupt am Leben zu sein. [\u2026] Ich bin selbst der \u00dcberzeugung, dass es tats\u00e4chlich die Aufgabe eines jeden spirituell veranlagten Menschen ist, sich selbst (und andere) zu heilen und nicht nur passiv ge-heilt zu werden, aber das ist eine andere Geschichte. Ich hoffe, dass ich diese Zugeh\u00f6rigkeit zur Umbanda in meinem Leben weitererz\u00e4hlen und -leben kann und werde, auch wenn ich es gerade praktisch nicht so klar vor meinem inneren Auge sehe.<\/p>\n<p>Ich sehe da durchaus eine Parallele zu meinem beruflichen Leben. Gehe ich zur\u00fcck und bin klein oder gehe ich weiter und wachse? Auch ohne den globalen Corona-Stillstand w\u00e4re dies eine Phase eines \u00dcbergangs f\u00fcr mich, so als ob ich einen leeren gro\u00dfen Raum betrete, aber nun ist alles bis ins Entgrenzte und Uferlose noch viel klarer geworden. Ist dieser Raum, der \u00f6ffentlich gerade bis auf ungewisse Zeit nicht mehr besteht, dennoch da, nur anders?<\/p>\n<p>Und die Menschen sterben.<\/p>\n<p>Ich bin aber in ein anderes Umbanda-Haus eingetreten, das in K\u00f6ln liegt. Dort bin ich mit offenen Armen aufgenommen worden [\u2026] Das Orakel von Il\u00ea If\u00e9 aus Nigeria, das von der <em>M\u00e3e-de-Santo<\/em> Gabriele angerufen und durch ein mantrisches Spiel gelesen wurde, sagte, dass ich in die Tiefe gehe und Freiheit brauche. Das stimmt. F\u00fcr mich ist Freiheit, das Leid und die Traumata anzuerkennen und in ein sinnvolles und gl\u00fccklich anzustrebendes Leben zu integrieren \u2013 eben diese Ambivalenzen des Daseins und der Emotionen auszuhalten. Das ist eigentlich auch die Quintessenz meiner Doktorarbeit. Das scheint schon in einem gewissen Widerspruch zur Rhetorik, aber nicht unbedingt im Verhalten, der anderen Umbandist*innen zu stehen, da sie meinen, dass wir gewisserma\u00dfen nur positiv denken d\u00fcrfen, um nichts Negatives \u00fcber die Gedanken und Gef\u00fchle energetisch anzuziehen und dadurch (eigentlich wie im Radikalen Konstruktivismus, f\u00e4llt mir gerade auf) selbst zu kreieren. Dadurch kann Heilung geschehen, im Beten, Praktizieren und Vermeiden von Negativdenken.<\/p>\n<p>Ich kann diesen Gedankengang durchaus nachvollziehen und habe ihn auch schon oft in meinem Leben so erfahren, obwohl ich schon immer frei auch negativ gedacht habe. Ich sympathisiere in einer gewissen Art und Weise mit diesem magischen Denken (und mit dem Radikalen Konstruktivismus sowieso), aber ich glaube einfach, dass wir nicht alleine sind. Es gibt immer das Schaffen und Interpretieren einer eigenen Welt, aber es gibt dazu eben auch immer ein Gegen\u00fcber \u2013 der andere Mensch, eine andere Dimension, die Geschichte, lauter Idioten, die zu Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden sind wie in den USA und Brasilien. Das ist ein Gegen\u00fcber, das ich nicht einfach wegdenken kann, weil es mir nicht passt \u2013 leider. Ich w\u00fcrde es so gerne. Nur weil ich es nicht sehen will, ist es ja nicht einfach verschwunden; mir scheint das ein sehr kindliches Verhalten zu sein.<\/p>\n<p>In der umbandistischen Praxis sieht dann alles wieder ganz anders aus, da wird eigentlich st\u00e4ndig spirituell mit Schmerzen, Traumata und unerw\u00fcnschten Gef\u00fchlen gearbeitet. Nun bin ich aber in Quarant\u00e4ne und erhalte nur Nachrichten \u00fcber WhatsApp oder Facebook, die sehr plakativ daherkommen und mich nicht ansprechen, \u00fcbersetze wie auch in der ersten Gemeinschaft aus der Ferne die Gebete und Texte aus dem Deutschen ins Brasilianische Portugiesisch. Es freut mich, dass ich irgendwie n\u00fctzlich sein kann. Meine heilige Sprache ist sowieso das Brasilianische Portugiesisch, es liegt mir n\u00e4her am Herzen und ist gleichzeitig so wunderbar fremd und klingt so gut.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte ich gerade viel Praktisches lernen, weil mir das immer fehlt \u2013 wie ich B\u00e4der mache, Rituale durchf\u00fchre, Lieder singen \u00fcbe [\u2026]. Ich brauche auch einen neuen Altar in unserer Wohnung, die momentan wegen der Renovierungsarbeiten vollgestellt ist.<\/p>\n<p>Und ich habe gerade neue H\u00f6rger\u00e4te ausprobiert, die ich wegen der Corona-Krise momentan nicht zur\u00fcck zu meiner Akustikerin geben kann und mit denen ich mich irgendwie auf einmal h\u00f6rend f\u00fchle, weil sie so gut sind. Ich trage sie freiwillig fast den ganzen Tag.<\/p>\n<p>Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich mich wie in die Quarant\u00e4ne geworfen gef\u00fchlt habe, weil ich viel gearbeitet, gereist und sonst auch in Berlin unterwegs gewesen bin. Ich habe auch den Eindruck, dass mein K\u00f6rper sehr klug gehandelt hat und mich einfach in eine dicke Erk\u00e4ltung verwickelt hat, damit ich schon vorher nicht rausgehen konnte, um mich vor Schlimmerem zu bewahren.<\/p>\n<p>Ich wohne in einer kleinen Wohnung relativ im Zentrum von Berlin in Wilmersdorf, fast direkt am Heidelberger Platz \u2013 also genau an der Kante zu den \u00e4u\u00dferen Bezirken noch innerhalb des S-Bahn-Rings. Das Kuriose ist, dass unsere Wohnung gerade mitsamt der Elektrik sowie einer intensiven Wandverspachtelung sowie Decken grundsaniert wird \u2013 immer noch\u2026 &#8211; und daher unsere eher kleine Wohnung gerade noch kleiner wird, da zuerst das Wohnzimmer und jetzt gerade das Kinderzimmer und irgendwann sp\u00e4ter noch der Flur und wahrscheinlich die K\u00fcche auch noch renoviert wird. Das Schlafzimmer und das Bad hatten wir schon ein paar Jahre zuvor von Grund auf sanieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>[\u2026] So lebe ich diese Tage der Quarant\u00e4ne mit meinem Ehemann Jamiro, mit dem ich seit 21 Jahren zusammen und seit 19 Jahren verheiratet bin, und unserem 15-j\u00e4hrigen Sohn Ariu, in dieser Wohnung mit Blick in den Himmel. Wir sitzen fast den ganzen Tag in einem Zimmer, im Wohnzimmer und wechseln mal in die K\u00fcche oder ins Schlafzimmer, da das Kinderzimmer gerade unbewohnbar ist. Ab und an \u00e4rgern wir uns schon gegenseitig [\u2026], aber sonst lebt jeder in seiner eigenen virtuellen Welt. Wir sind sehr sp\u00e4tmodern im virtuellen Netz unterwegs, gerade h\u00f6ren wir Puccini gesungen von Cecilia Bartoli per YouTube aus Italien. Und kochen und essen zusammen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9039\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9039\" class=\"size-full wp-image-9039\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/8-blick-vom-balkon.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9039\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Balkon, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Mein brasilianischer Ehemann Jamiro backt nun schon das dritte Mal seit meinem Geburtstag K\u00e4sekuchen. Ich betone das, weil st\u00e4ndig alle deutschen Hausfrauen davon berichten, wie schwierig es ist, einen sch\u00f6nen K\u00e4sekuchen zu backen\u2026 Ich kann es auch nicht und habe es wegen dieser bl\u00f6den Spr\u00fcche ehrlich gesagt auch nie ausprobiert, bin aber auch keine deutsche Hausfrau! Jedenfalls ist der von meinem Mann total k\u00f6stlich! Ob es auch ohne Internet so friedlich hier w\u00e4re? Ich w\u00fcrde vermutlich B\u00fccher lesen.<\/p>\n<p>Ariu meinte heute, dass ich ihn wieder erinnern soll, dass er regelm\u00e4\u00dfig seine Z\u00e4hne putzen soll, weil er es vergisst, weil er ja nicht mehr rausgeht und kein gewohntes soziales Leben mehr hat. Er genie\u00dft es sonst zu Hause, auf einmal habe ich viel mehr Zeit, mit ihm zu reden\u2026 Um seine Energien l\u00e4sst er raus, indem er [\u2026] alleine in einem der Zimmer tanzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Hier in Wilmersdorf scheint es niemand sonderlich zu k\u00fcmmern, dass die Menschheit global stirbt und finden es sehr widerst\u00e4ndig, sich dennoch zusammenzuscharen und nicht so viel k\u00f6rperlichen Abstand zueinander einzunehmen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich merke gerade, dass ich mir die Dinge von drau\u00dfen von meinem Mann erz\u00e4hlen lassen \u2013 ob die Leute mit Mundmasken herumlaufen oder nicht, ob er jemanden getroffen hat und wie viele immer noch sorglos die Sonne genie\u00dfen, weil Corona ja unsichtbar ist. Hier in Wilmersdorf scheint es niemand sonderlich zu k\u00fcmmern, dass die Menschheit global stirbt und finden es sehr widerst\u00e4ndig, sich dennoch zusammenzuscharen und nicht so viel k\u00f6rperlichen Abstand zueinander einzunehmen. Ich bin wirklich f\u00fcr Liebe und Umarmungen, aber ich vermute, dass es sich doch tats\u00e4chlich um ein Ausma\u00df an Krankheit handelt, vor dem wir Menschen Respekt haben sollten, damit sie uns nicht umbringt.<\/p>\n<p>Dennoch versp\u00fcre ich innerlich \u2013 und ich kann es nicht wirklich deuten \u2013 die klare Abwehr, \u00fcberhaupt rauszugehen. Ich DENKE eher, dass ich es tun sollte als dass ich es dann tue. Wahrscheinlich hat das einfach mit meiner langen Krankheit zu tun, die ja als chronische Krankheit in mir schlummert. Ist schon logisch. Ich finde, dass mein Denken da sehr langsam ist, lasse aber einfach meinen K\u00f6rper \u00fcber diese Lage entscheiden.<\/p>\n<p>Heute hat Ariu seine Hausaufgaben f\u00fcr Kunst und Mathematik erledigt; ob er den Rest bis zum Ende der Woche schafft?<\/p>\n<p>In Berlin soll jetzt das Estrel, ein gro\u00dfes Hotel in Neuk\u00f6lln in der N\u00e4he eines ebenso gro\u00dfen Krankhauses, des Vivantes, in ein Krankenhaus umfunktioniert werden (vgl. Heine 31.3.2020); immerhin hat es Zimmer mit Betten, eine Struktur und momentan nicht arbeitendes Personal, eine eigene W\u00e4scherei und eine gro\u00dfe K\u00fcche \u2013 und bislang hat alles bestens funktioniert. Da nun die ganze Stadt touristenleer ist, w\u00fcrde das gut passen. Ich muss gestehen, dass ich ziemlich \u00fcber die Politiker*innen \u00fcberrascht bin, die mir sonst nicht so nahe und nicht halb so kompetent vorkamen wie jetzt. Berlin verstand sich zwar immer als der Nabel der Welt, war aber gleichzeitig ziemlich vertr\u00e4umt \u2013 und jetzt l\u00e4uft alles wie am Schn\u00fcrchen.<\/p>\n<p>Der Maler Martin, der gerade Arius eine Wand gr\u00fcn und die anderen wei\u00df bei uns zu Hause gestrichen hat, sagte heute zu mir, dass die Pandemie vielleicht einfach an uns vorbeigehen werde, weil in Berlin ja bislang lediglich 19 Personen daran gestorben sind, halb w\u00fcnschend und halb hoffend, aber wer wei\u00df das schon? Immerhin haben sich alle ziemlich dicht auf den Wiesen und Parks getummelt, als es schon l\u00e4ngst Kontaktverbot gab. Das alles fing an meinem Geburtstag am 16. M\u00e4rz an\u2026, das war der erste Tag, als die Schulen geschlossen wurden und wir ganz vorsichtig durch den Park liefen und ich eigentlich noch krank gewesen bin.<\/p>\n<p>Heute war der erste Tag, als mein Mann mit Mundschutz zu Aldi einkaufen ging. [\u2026] Er will es absolut nicht, dass ich einkaufen gehe, weil ich mich dann anstecken und wom\u00f6glich sterben k\u00f6nnte. Ich f\u00fchle mich ja fit fidel, aber ich habe durchaus die Erfahrung gemacht, dass sich das ganz schnell \u00e4ndern kann. [\u2026] Ob alles an uns vorbeigeht? Ich glaube es nicht. [\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich frage mich, was daraus wird? Ein neues Modell des Lebens, in dem wir auf einmal alle umweltbewusst werden und die Erde doch retten wollen? Oder autorit\u00e4r und kontrollierend?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich finde es nicht so dramatisch, mal drei Wochen zu Hause zu bleiben, was jetzt ja um weitere drei Wochen verl\u00e4ngert wird bis zum 19. April. Eine Freundin von mir beklagt sich \u00fcber Langeweile, obwohl sie eine eigene Praxis hat, die gut l\u00e4uft, weil sie abends und am Wochenende nicht ausgehen kann.<\/p>\n<p>Ich kann es schon nachvollziehen, dass sich nun die Zeitungen und Online-Services umstellen und \u00fcberlegen, wie der Alltag zu Hause gestaltet werden kann und finde es auch durchaus sinnvoll. Nur brauche ich es pers\u00f6nlich und famili\u00e4r nicht; auch ohne Corona-Krise haben wir t\u00e4glich warm, regional und grunds\u00e4tzlich (also Kartoffeln und Tomaten statt Fertigprodukte) gekocht und andere fanden das eher merkw\u00fcrdig, auch sonst waren wir einfach mal so zu Hause [\u2026].<\/p>\n<p>Diese neu aufbl\u00fchenden virtuellen Welten sind schon eine interessante Ablenkung und gut. Aber bei mir ist es die Grundlage des Lebens; was mich bewegt ist, ob wir es \u00fcberleben werden und wie lange dieser Zustand anh\u00e4lt. Was ich so heraush\u00f6re, ist, dass es sich vielleicht nicht nur um die Zeit vor und um Ostern handelt, sondern dar\u00fcber hinausgeht. Das ist doch das wirklich Bedenkliche und Be\u00e4ngstigende; dass es eine unsichtbare Bedrohung gibt, die auf einmal alle wahrnehmen und nicht so, wie andere Trag\u00f6dien in der Welt \u2013 sei es der Klimawandel, Kriege oder das Sterben von Kindern weltweit \u2013 als selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr eine liberale Weltordnung angesehen werden. Und dass diese neue Ordnung verl\u00e4ngert wird. Ich frage mich, was daraus wird? Ein neues Modell des Lebens, in dem wir auf einmal alle umweltbewusst werden und die Erde doch retten wollen? Oder autorit\u00e4r und kontrollierend?<\/p>\n<p>Immerhin d\u00fcrfen wir uns noch zu Hause als Familie umarmen.<\/p>\n<p>Meine Disputation kann erst Ende des Monats durchgef\u00fchrt werden \u2013 und das Pr\u00fcfungsb\u00fcro ist ganz zuversichtlich, dass dann alles wieder wie vorher ablaufen kann, also als normal durchgef\u00fchrte Disputation mit den Pr\u00fcfer*innen und der \u00d6ffentlichkeit vor Ort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume die ganze Zeit auf, sortiere alte Zeitschriften aus und f\u00fchle mich in meine Kindheit und Jugend zur\u00fcckversetzt, als ich noch so viel Zeit hatte, um tagzutr\u00e4umen, vor mich hinzumalen (ohne Erwartungshaltung) und das zu lesen, wozu ich gerade Lust hatte. Das Einzige, was anders ist, ist, dass ich t\u00e4glich koche \u2013 was sonst meine Eltern \u00fcbernahmen. Die Tage pl\u00e4tschern so vor sich hin.<\/p>\n<p>Heute habe ich mal wieder den Versuch unternommen, etwas zu strukturieren. Nachdem ich [\u2026] einen Antrag f\u00fcr die Corona-Soforthilfe formuliert habe, bereite ich alle Unterlagen f\u00fcr die Steuererkl\u00e4rung von 2019 vor und besorge mir meine lebensnotwendigen Medikamente, ohne die ich verdursten w\u00fcrde (ist schon merkw\u00fcrdig, dass Corona Menschen ersticken l\u00e4sst und ich eine Krankheit habe, die mich verdursten lassen kann), online und mit der Bitte, dass mir das Rezept nach Hause geschickt werden soll. Ich bin also noch voll in dem Modus des Zuhause-seins und gar nicht des Home-Office, was mich eigentlich \u00e4rgert, aber wohl an meinen alten Gewohnheiten liegt. Endlich gab es mal wieder W\u00e4sche zu waschen, haha! Beim Wegfall des sozialen Lebens brauchen wir ja nicht ganz so viel W\u00e4sche wie sonst\u2026 Immerhin habe ich festgestellt, dass ich noch keine Deadline verpasst oder verbummelt h\u00e4tte, das passiert erst in ein paar Tagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Kurios ist, dass es in unserer Familie genau umgedreht passiert, als wie ich es mir vorgestellt habe: Meine Eltern im Alter in ihren 70ern denken gar nicht daran, zu Hause zu bleiben, sondern gehen widerst\u00e4ndig und freiheitlich denkend spazieren, mit dem Auto zu den sch\u00f6nsten Seen herumfahren und einkaufen; sogar nach Schn\u00e4ppchen suchen sie immer noch wie alle guten Kriegskinder.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Kurios ist, dass es in unserer Familie genau umgedreht passiert, als wie ich es mir vorgestellt habe: Meine Eltern im Alter in ihren 70ern denken gar nicht daran, zu Hause zu bleiben, sondern gehen widerst\u00e4ndig und freiheitlich denkend spazieren, mit dem Auto zu den sch\u00f6nsten Seen herumfahren und einkaufen; sogar nach Schn\u00e4ppchen suchen sie immer noch wie alle guten Kriegskinder. Das ist so lieb und verst\u00e4ndlich. Mir haben sie jetzt doch telefonisch versichert, dass sie dabei niemanden zu nahekommen und auf ihre Gesundheit achten, ganz artig und so, als sei ich ihre Mutter und nicht sie meine Eltern. Aber wieso sollte sich das ausgerechnet im h\u00f6heren Alter \u00e4ndern, wenn es vorher schon nicht anders war? Sie sind sehr berlinerisch eigensinnig und 68\u2019er rebellisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Zu Ostern wollen uns also meine Eltern unbedingt irgendwie treffen und dabei ihr griechisches Lieblingsrestaurant Santorini aus Charlottenburg mit Take Away unterst\u00fctzen, mein Sohn stellt sich aber klar dagegen. Er will nicht am Tod seiner lungenkranken Oma schuld sein!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>Unser Sohn hingegen, 15-j\u00e4hrig, redet mittels aller m\u00f6glichen virtuellen Kan\u00e4len mit seinen Freunden, spielt online, tanzt zwischenzeitlich den halben Tag in seinem Zimmer und bespricht auch die Corona-Zeit mit ihnen. Und entgegen der meisten seiner Freunde, die doch irgendwie noch die letzten Minuten genutzt haben, auf dem Tempelhofer Feld zu sein oder ihre Freundin zu treffen, lehnt er es strikt ab und erl\u00e4utert mir als seiner Mutter (und nicht umgedreht) ganz klar, dass es ja nicht nur um die jeweilige Risikogruppe oder eine direkte Ansteckungsgefahr geht, sondern darum, das Gesundheitssystem nicht mit so vielen angesteckten Menschen an alten und vorerkrankten Menschen zu \u00fcberfordern und damit Menschenleben zu retten. Ich wunder mich: Habe ich ihm davon erz\u00e4hlt oder hat er es aus einer anderen Quelle? Wieso imitiert er mich in meinem Tun gegen\u00fcber meinen Eltern; habe ich meine Rolle und Generation nicht genug reflektiert und seelisch bearbeitet? Ich bin ja eigentlich so stolz auf ihn, aber f\u00fchle mich komischerweise unbeteiligt daran. Aber das habe ich auch schon bei anderen Dingen nicht beachtet, weil ich mich selbst als Vorbild gar nicht wahrgenommen habe. Erst nachdem ich ihn beachtete habe, wurde mir in einem sp\u00e4teren Moment klar, dass er vieles doch von mir \u00fcbernommen hatte [\u2026]. Meine Mutter sagt immer zu mir, dass die n\u00e4chste Generation schlauer ist, das geh\u00f6rt zur Natur des Menschen dazu. Dann ist ja alles gut!<\/p>\n<p>Zu Ostern wollen uns also meine Eltern unbedingt irgendwie treffen und dabei ihr griechisches Lieblingsrestaurant Santorini aus Charlottenburg mit Take Away unterst\u00fctzen, mein Sohn stellt sich aber klar dagegen. Er will nicht am Tod seiner lungenkranken Oma schuld sein!<\/p>\n<p>Und ich? Ich will unbedingt unbeschwert und solidarisch mit meinen Eltern Ostern feiern (Oh nein, das ist ja prototypisch f\u00fcr Kriegsenkel*innen!! Kann ich nicht aus meinen Mustern hinausspringen?), bin aber innerlich \u00e4ngstlich und umgehe also das Thema so gut wie m\u00f6glich. Aber Ostern kommt ja doch daher\u2026 Wann? In einer Woche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Aber ich frage mich, wieso die M\u00e4chtigen in dieser Welt nun auf einmal auf eine Katastrophe R\u00fccksicht nehmen und es nicht schon vorher f\u00fcr andere Katastrophen waren. Es hat vorher doch niemanden interessiert, wenn viele Menschen gestorben sind.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kann sie nie richtig zuordnen, meine Erschrockenheit und meinen d\u00e4mlichen Unmut, zu etwas zu stehen. Da las ich durch Zufall Sarah Ahmeds aktuellen Eintrag in ihrem Blog Feministkilljoys:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eI want to share some quotes from a testimony given to me by an indigenous woman academic. She talked to me about how the project of surviving the violence of colonial occupation led her both to complain <em>and<\/em> not to complain. Both actions \u2013 complaining and not complaining \u2013 were for her about survival, not just her own survival, but the survival of her family; her people. She said: \u201e<em>It is possible I learned very early that in order to keep my job and to have a stable income\u2026 that I better just keep my mouth shut, and learn how to avoid these encounters, to protect myself, and to keep quiet about it\u201c. <\/em>For many, surviving institutions requires trying to avoid \u201cthese encounters\u201d that you recognise because they happen. You try to avoid them by being silent about them if they happen or because they happen. Not to be silent, speaking out, speaking up, can be to turn yourself into a target. No wonder some refuse to refuse to be silent \u2013 if your family, your people, have been targeted, you might lay low, be quiet, not complain, or not do anything that might be heard as complaint; doing what you can to survive.\u201c (Sara Ahmed 23.3.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>So genau f\u00fchlt es sich f\u00fcr mich an. Ich bleibe ganz still und unscheinbar in der Hoffnung, dass der Kelch an uns vor\u00fcbergehen m\u00f6ge und mich Corona einfach nicht mit meiner seltenen Autoimmunerkrankung erwischt. Wieso zitiere ich hier ein biblisches Zitat? Ist es denn ein Schicksal, dass ich an meiner Krankheit sterben soll? Wohl nicht\u2026 Ich bin einfach nicht mehr besonnen.<\/p>\n<p>Aber ich frage mich, wieso die M\u00e4chtigen in dieser Welt nun auf einmal auf eine Katastrophe R\u00fccksicht nehmen und es nicht schon vorher f\u00fcr andere Katastrophen waren. Es hat vorher doch niemanden interessiert, wenn viele Menschen gestorben sind.<\/p>\n<p>Gute Nacht! Wir haben heute am Morgen 5.000\u20ac Soforthilfe als K\u00fcnstler der Investitionsbank Berlin der Berliner Landesregierung erhalten, womit wir die n\u00e4chsten Monate gut leben k\u00f6nnen. Vielleicht k\u00f6nnen wir damit ja die Zeit \u00fcberbr\u00fccken, bis ich meine neue Stelle an der HU erhalte; wenn ich sie denn erhalte. [\u2026].<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Nun habe ich zwei Tage lang nichts geschrieben\u2026 Was soll ich sagen? Gestern hat mich die Sehnsucht gepackt, bei solch einem wundersch\u00f6nen Wetter mit strahlender Sonne am blauen Himmel rauszugehen; dann dachte ich an all die scheinbar so sorglos herumlaufenden Menschen und bin zu Hause geblieben. Ich redete mir ein, dass ich arbeiten m\u00fcsse, kam aber zu keinem klaren Gedanken. Ich habe dann, als ich unter der Dusche stand, um meine Lebensgeister wieder zu erwecken und meinen unterk\u00fchlten Leib vom zu vielen Auf-dem-Sofa-sitzen aufzuw\u00e4rmen, meinen <em>Marinheiro<\/em><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> befragt, was ich mit mir selbst und meiner momentanen Lustlosigkeit anfangen solle, die ich so gar nicht von mir kenne. Und obwohl ich ihn erst zwei Mal selbst inkorporiert habe, war er sofort da, k\u00f6rperlich ganz klar wankend auf seinen Beinen und diese eher gef\u00fchlte und unumwundene Sprache sprechend. Er meinte, ich solle tanzen, mich lustig betrinken und nicht so viel nachdenken! Ich solle aufh\u00f6ren, immer so flei\u00dfig zu sein, das nerve (haha!). Aber ansonsten sei alles gut, ich bin gesch\u00fctzt und aufgehoben in der Welt. Also habe ich getanzt und bis sp\u00e4t nachts einen skurrilen Film \u00fcber Sigmund Freud gesehen.<\/p>\n<p>Ich meine ja, dass meine erste sehr spontane und heftige Inkorporation der spirituellen Wesen der <em>Marinheiros <\/em>in Cumuruxatiba in Bahia, Brasilien im M\u00e4rz 2017 eine weibliche <em>Marinheira <\/em>und kein <em>Marinheiro <\/em>war; sie lachte und drehte sich und f\u00fchlte sich f\u00fcr mich sehr weiblich an. Was daran weiblich war? Sie war sehr vertraut, gleichzeitig sehr sorglos und besonnen und doch ganz ernst; tanzend.<\/p>\n<p>Bevor ich meinen <em>Marinheiro<\/em> in einer <em>Gira<\/em><a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> inkorporieren konnte, ist er 2009\/2010 die allererste spirituelle Entit\u00e4t der Umbanda gewesen, die zu mir gekommen ist, indem ich monatelang immer wieder den gleichen sich wiederholenden Traum getr\u00e4umt habe, alleine auf einem kleinen Boot inmitten des endlosen Meeres zu sitzen und die dunkle und hohe Gicht an die W\u00e4nde des Boots sich platschen zu sehen. Ich wusste, tr\u00e4umend, dass ich durch das gro\u00dfe Meer der G\u00f6ttin Iemanj\u00e1<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> fuhr und war, trotz der eher verst\u00f6renden Ansicht, ganz ruhig und zuversichtlich in mir. Ich fuhr einfach und fuhr und fuhr; nichts weiter passierte. Ich war todkrank, mein Onkologe agierte behutsam mit den verschiedenen Chemotherapien, weil meine Krankheit so selten ist. Als ich ihn unerschrocken fragte, wie denn meine \u00dcberlebenschancen seien, da meinte er, dass er in seiner zwanzigj\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit als Arzt vor mir nur einen alten Mann mit dieser Krankheit kennengelernt habe, der dann auch gestorben sei \u2013 aber er wusste dann nicht, ob dies an der Krankheit oder durch das hohe Alter passiert sei. Ok, dachte ich mir, das stehen mir ja nun alle T\u00fcren und M\u00f6glichkeiten offen.<\/p>\n<p>Das, was ich da in diesem Holzboot tr\u00e4umte, war mein <em>Marinheiro,<\/em> der mit Iemanj\u00e1 lebt. Ich wusste das, obwohl ich nur seinen Begriff kannte, den Matrosen. Ich h\u00e4tte ja vorher behauptet, dass ich gar keinen Bezug zu Matrosen habe, aber in diesen t\u00e4glichen und sich immer wiederholenden Tr\u00e4umen, die sehr einfach und geradezu langweilig in ihrer Wiederholung waren, war mein Bezug ganz klar da, mit sehr viel Liebe und sehr viel Zuversicht.<\/p>\n<p>Da streiten sich immer wieder mein Kopf mit meinem Herzen, denn mein Kopf findet vieles kitschig, unlogisch und an den Haaren herbeigezogen, weil ich doch von meiner deutsch-polnischen Herkunft her keinen Bezug zur Umbanda habe. Meinem Herzen ist das egal, Liebe ist Liebe.<\/p>\n<div id=\"attachment_9041\" style=\"width: 493px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9041\" class=\" wp-image-9041\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/9-baume-am-fennsee.jpg\" alt=\"\" width=\"483\" height=\"362\" \/><p id=\"caption-attachment-9041\" class=\"wp-caption-text\">Die B\u00e4ume am Fennsee, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Heute waren wir drau\u00dfen am nahe gelegenen Fennsee spazieren und ich war wirklich \u00fcberrascht, dass sich die Leute beim Spazierengehen nun doch an den Abstand von zwei Metern halten! Das war vorher nicht so \u2013 und dass bei diesem \u00fcberw\u00e4ltigend sch\u00f6nen Wetter. Sp\u00e4ter haben wir auf dem Balkon gegrillt, Beluga-Linsen-Chicor\u00e9e-Salat und Kartoffeln zu gegrilltem Fleisch und gegrillten Tomaten gegessen und damit die bescheidene Grillsaison er\u00f6ffnet. Bescheiden, weil wir keinen gro\u00dfen Garten mitsamt Haus haben, sondern einen winzigen Balkon.<\/p>\n<p>Ich finde, dass wir als Familie sonst viel mehr streiten als jetzt, wo wir ziemlich aufeinander hocken. Sonst geht es mehr um Verantwortlichkeiten und wer wie lange drau\u00dfen ist und Freund*innen trifft oder nicht; jetzt sind diese Themen gestrichen.<\/p>\n<p>Mein Kalender ist sonst proppenvoll mit lauter Erinnerungen an praktischen und kleinen Dingen, die ich zu erledigen habe. Nun steht da tagelang nur ein Wort: Corona-Pandemie.<\/p>\n<p>Ariu findet diese nicht organisierte Zeit immer noch wunderbar, er hat nicht einmal Sehnsucht danach, nach drau\u00dfen zu gehen. Stattdessen unterh\u00e4lt er sich auf einmal mit uns \u00fcber Politik! Sehr sch\u00f6n. Dann haben wir all die Kunstwerke, Hausaufgaben und erstmal selbst von ihm auf dem Computer geschriebenen Texte eingescannt und als pdf-Datei von ihm umgewandelt, um sie seiner Klassenlehrerin zu schicken.<\/p>\n<p>Meine Eltern sind vorbeigekommen und haben uns frische Eier vom Land, Salbei und Pimpinelle zum Einpflanzen auf dem Balkon aus der Uckermark mitgebracht und ich habe ihnen von weitem zugewinkt. Meine Mutter hat sch\u00f6ne, gebl\u00fcmte Mundschutze f\u00fcr uns gen\u00e4ht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Als ich Ariu gestern meine politische Meinung und Einsch\u00e4tzungen erz\u00e4hlte und ich innerlich ganz erleichtert war, dass ich das so wunderbar hinbekommen hatte, da ich sonst im Alltag zwar immer in der vollgestopften U- und S-Bahn die aktuellen Nachrichten des Tagesspiegels auf dem Weg zur Arbeit auf meinem Handy lese (weil das so altmodisch mit ausgebreiteter Tageszeitung bei so viel Gedr\u00e4nge gar nicht geht, schon gar nicht als Frau mit nicht ausgebreiteten Beinen), aber sonst nicht unbedingt alles mitbekomme, weil ich gar keine Zeit dazu habe, sagte mein Sohn nach einer Weile, auf dem Balkon in die Sonne blinzelnd: Mama, kannst Du das noch einmal wiederholen, da an der Stelle, wo Du Deine politische \u00dcberzeugung erl\u00e4utert hast; das war irgendwie so komplex und habe ich nicht richtig mitbekommen?! Mein Mann kaut gen\u00fcsslich an seinem gegrillten Fleisch und meint nur, als ich ihn zum Reden auffordere, ach, du machst das wirklich sehr gut! So werden hier die Komplimente verteilt, hm\u2026<\/p>\n<p>Ariu meinte heute Morgen, dass er ab heute endlich Osterferien h\u00e4tte! Und ich habe es gar nicht mitbekommen, dass sich etwas ver\u00e4ndert h\u00e4tte\u2026 Statt einen Lagerkoller zu bekommen, freut er sich! Das liegt sicherlich am vielen Tanzen. Heute bin ich dann immer, wenn mir kalt wurde, auf unseren Hometrainer, f\u00fcr mich eher ein stehendes Fahrrad, gegangen und habe mich bewegt. Das hatte ich zwar schon die Tage davor entdeckt, aber ich war nur sehr sporadisch dabei. Dass ich mich mal mit diesem Teil anfreunden w\u00fcrde, h\u00e4tte ich vorher nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Wenn ich in meiner emsigen Lebensweise etwas nutzen w\u00fcrde, was einfach stehenbleibt, wenn ich doch auch auf einem normalen Fahrrad, das mich durch die Stra\u00dfen Berlins tr\u00e4gt, meine Muskeln bet\u00e4tige, dann w\u00e4re wohl etwas nicht mehr in Ordnung mit mir, hatte ich mir immer gedacht. Nun, dieser Zeitpunkt ist jetzt wohl eingetroffen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr lief ich heute wieder in Leggings mit T-Shirt rum und habe mir kein Kleid oder Rock angezogen, um mich wie in einem echten Home-Office zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Ariu freut sich, dass er auf einmal so viel Zeit mit mir verbringen kann. Und ich muss gestehen, dass wir uns vorher nicht so viel unterhalten konnten nebst all der vielen Aktivit\u00e4ten der Tage und des Haushalts. Ich komme mir etwas wie in den ersten Lebensjahren von Ariu zur\u00fcckversetzt vor, als ich in Elternzeit mit ihm war.<\/p>\n<p>Ich werde jetzt st\u00e4ndig zu Zoom-Partys und Zoom-Diskussionen eingeladen und muss mich wohl oder \u00fcbel mal herantrauen, wenn die Pandemie sich dann doch noch verl\u00e4ngert. Bislang bin ich nur einem Gedichtetausch per E-Mail und einem B\u00fcchervorschlag auf Facebook gefolgt. Zuerst wollte ich eines meiner Lieblings-Shakespeares Zeilen<\/p>\n<blockquote><p>\u201eShe should have died hereafter | There would have been a time for such a word. | Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow | Creeps in this petty pace from day to day | Tot he last syllable of recorded time | And all our yesterdays have lighted fools | The way to dusty death. Out, out brief candle! | Life\u2019s but a walking shadow, a poor player | That struts and frets his hour upon the stage | And then is heard no more: It is a tale \/ Told by an idiot, full of sound and fury | Signifying nothing. (William Shakespeare, 1623, Macbeth, Act V, Scene 5)\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>aus seinem Macbeth verschicken, fand es f\u00fcr die aktuelle Lage aber zu tr\u00fcbsinnig, immerhin redet es von der Unsinnigkeit und der Absurdit\u00e4t des Lebens im Angesichts des Todes, also w\u00e4hlte ich stattdessen ein leichtes und liebevolles Gedicht von e.e.cummings aus, dessen Gedichte ich als junge Frau f\u00fcr mich entdeckt habe:<\/p>\n<blockquote><p>\u201esomewhere i have never travelled,gladly beyond | any experience,your eyes have their silence: | in your most frail gesture are things which enclose me, | or which i cannot touch because they are too near | your slightest look easily will unclose me | though i have closed myself as fingers, |you open always petal by petal myself as Spring opens | (touching skilfully,mysteriously)her first rose | or if your wish be to close me,i and | my life will shut very beautifully,suddenly, | as when the heart of this flower imagines | the snow carefully everywhere descending | nothing which we are to perceive in this world equals | the power of your intense fragility:whose texture | compels me with the colour of its countries, | rendering death and forever with each breathing | (i do not know what it is about you that closes | and opens;only something in me understands | the voice of your eyes is deeper than all roses) | nobody,not even the rain,has such small hands.\u201c (e.e cummings 1931)<\/p><\/blockquote>\n<p>Habe ich das schon ins Tagebuch geschrieben? Ich habe gerade ein D\u00e9j\u00e0-vu\u2026<\/p>\n<p>F\u00fcr die Facebook-Aktion w\u00e4hlte ich kurzerhand das Buch aus, was gerade bei mir auf dem Tisch liegt: Henry David Thoreaus \u201e\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen\u00fcber dem Staate\u201c von 1849, heute schlug ich Reginaldo Prandis \u201eMitologia dos Orix\u00e1s\u201c von 2001 vor.<\/p>\n<p>Nun denn, so prokrastiniere ich mich durch den Alltag und sitze stundenlang vor meinem Text \u00fcber Religion und Feminismus. Ich vermisse das Grimm-Zentrum, wo mir die anderen Anwesenden das Gef\u00fchl gaben, dass ich etwas Bedeutungsvolles schreibe; hier zu Hause kommt es mir so gar nicht danach vor.<\/p>\n<p>Mein Blick geht von meinem Schreibtisch direkt auf unseren kleinen, himbeerfarbenen gestrichenen Balkon, wo die ersten Sonnenblumen gerade ihre K\u00f6pfe aus der Erde strecken, die ich aus dem Winterfutter der Sonnenblumenkerne f\u00fcr die Spatzen und Meisen genommen habe; schlie\u00dflich kann ich nicht mehr in einen Blumenladen gehen und mir ganze, schon fertige Pflanzen kaufen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9043\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9043\" class=\"size-full wp-image-9043\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/10-erste-sonnenblumen.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9043\" class=\"wp-caption-text\">Die ersten Sonnenblumen auf dem Balkon, Foto:ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Mein Mann hat wieder einen neuen K\u00e4sekuchen gebacken und fragt, welcher der f\u00fcnf neuen Varianten mit mehr oder weniger Butter und Schmand statt Schlagsahne uns am besten schmeckt. Langsam frage ich mich, was passiert, wenn wir alle wieder vor die T\u00fcr treten d\u00fcrfen und wir in ein altes neues Leben zur\u00fcckkehren sollen. Geht das? Vielleicht werden wir alle langsamer? Am meisten werde ich wohl meine Tagtr\u00e4umereien vermissen.<\/p>\n<p>Heute gab es Wei\u00dfkohl-Lasagne mit Hack und K\u00e4se \u00fcberbacken. Und Ariu, der gef\u00fchlt schon immer eher limitiert Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Tzaziki, Tomaten, Gurke, M\u00fcsli und ausschlie\u00dflich Salamipizza isst, m\u00f6chte mal eine richtige Lasagne kochen und auch (!) essen. Vielleicht wird ihm doch langsam langweilig? Super, denke ich, so erweitert sich sein Speiseplan.<\/p>\n<p>Morgen werde ich meinen neuen, von meiner Mutter gen\u00e4hten Mundschutz mit Streubl\u00fcmchen nach Drostens Anleitung aus dem Tagesspiegel zum Spaziergang ausf\u00fchren. Gute Nacht, liebes Tagebuch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich finde, dass es auch gesund ist, sich seine eigenen Gef\u00fchle der Trauer, der \u00dcberforderung, der Orientierungslosigkeit, der Stille, des Stillstands einzugestehen und sich tats\u00e4chlich auch mal Zeit f\u00fcr eine Entwicklung zu geben.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ich gestern mein Tagebuch geschlossen habe, bekam ich Durchfall, Sch\u00fcttelfrost, Hunger und Angst \u2013 das passte nicht so wirklich zusammen. Danach a\u00df ich noch ein Eierreis, was ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen habe, weil es so einfach ist. Ich hatte Angst und dann wurde ich innerlich w\u00fctend, dass ich nicht einmal mehr Angst haben darf. Ich stellte mich unter eine warme Dusche und beschloss, dass ich alle Gef\u00fchle so haben darf, wie sie eben daherkommen \u2013 und sie mir dann ruhig ansehe und da sein lasse, ohne sie zu bewerten und sogar abzuwerten.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es doch total unsensibel, st\u00e4ndig von einem \u201eDanach\u201c der Pandemie zu reden und was darin alles f\u00fcr Chancen und Lehren f\u00fcr uns alle stecken. Das h\u00f6rt sich geradezu sch\u00f6n und romantisch an. Nur dass eben mal Tausende an Menschen dabei sterben.<\/p>\n<div id=\"attachment_9045\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9045\" class=\"size-full wp-image-9045\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-mein-schreibtisch.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9045\" class=\"wp-caption-text\">Mein Schreibtisch, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Dann h\u00e4tten wir schon vorher gesellschaftlich und kollektiv in Klausur gehen sollen; viele Religionen haben doch solche Rituale, so auch die afrobrasilianischen Religionen der Umbanda und des Candombl\u00e9 mit den <em>Camarinhas<\/em><a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><em><strong>[9]<\/strong><\/em><\/a>. Ich bin ja durchaus daf\u00fcr, ruhig und besonnen zu bleiben, aber normal kann das eigentlich nicht sein, dass wir angesichts einer globalen Pandemie fr\u00f6hlich zu Hause sitzen und angeblich nichts (!) unser Leben ver\u00e4ndert \u2013 nur, dass wir nun Home-Office mit Home-Schooling verbinden d\u00fcrfen und eigentlich viel mehr Stress haben als vorher. Ich finde, dass es auch gesund ist, sich seine eigenen Gef\u00fchle der Trauer, der \u00dcberforderung, der Orientierungslosigkeit, der Stille, des Stillstands einzugestehen und sich tats\u00e4chlich auch mal Zeit f\u00fcr eine Entwicklung zu geben. Warum sollte ich keine Angst vor einer Ansteckung haben und vor allem, warum lasse ich es eigentlich zu, dass ich mir einreden lasse, statt \u00fcberrascht, traurig und nach meinen eigenen Gef\u00fchlen tastend zu reagieren, dass uns diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Situation angeblich \u00fcberhaupt nicht juckt? Das ist unsensibel und bl\u00f6d!<\/p>\n<p>Als ich sieben Jahre so schwer krank war, habe ich das auch getan; ich habe diese Zeit als Krise angenommen und so benannt und sie auch als dramatisch empfunden. Sie k\u00fcnstlerisch bearbeitet. Alles andere w\u00e4re L\u00fcge gewesen und L\u00fcge h\u00e4tte mich viel kr\u00e4nker gemacht als alle lieben Worte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich f\u00fcrs Tanzen, Umarmen und K\u00fcssen, das ist die Grundlage des Lebens \u2013 aber eben nicht nur. Naja, ich habe das jetzt schon gef\u00fchlte hunderttausend Male hier ins Tagebuch geschrieben, aber ich musste es nun doch noch einmal mehr aufschreiben.<\/p>\n<p>Schluss-Aus-Vorbei! Nat\u00fcrlich steckt in jeder Krise auch eine Chance, aber eben auch der Tod. Ich wei\u00df, den Tod muss ich psychoanalytisch auch noch annehmen, aber ich habe keine Lust dazu; sp\u00e4ter vielleicht, wenn ich alt und weise bin \u2013 aber nicht jetzt.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst mich jetzt schon viel freier atmen! Wir leben also in einer Krise.<\/p>\n<p>Mein Sohn hat den Tanz, mein Mann seine mit ihm chattenden Freund*innen aus aller Welt und ich habe dieses Tagebuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>So soll also die schon geplante Zeit nach der Pandemie aussehen, der sogenannte Lockdown: alle Normalen tun so, als lebten sie normal und die Risikopersonen werden weggesperrt. Wie verabscheuungsw\u00fcrdig ist das, wie undemokratisch und unsolidarisch! Das kann und darf nicht wahr sein.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Die Sonne scheint, es wird w\u00e4rmer, die ersten gr\u00fcnen Pflanzlinge tauchen auf meinem Balkon aus der dunklen Erde auf, meine f\u00fcnf kleinen sich selbst ausges\u00e4ten B\u00e4ume vom Vorjahr, zwei Eschen, eine Birke, ein G\u00f6tterbaum und eine Eiche (die auf dem Dachboden \u00fcberwintert haben), zeigen erste kleine hellgr\u00fcne Knospen und ich tausche die Winter- mit der Sommerkleidung in den Schr\u00e4nken aus, wasche W\u00e4sche und arbeite nun auf einmal ganz besonnen weiter an meinem Expos\u00e9 im Bereich der anthropologischen Zukunftsforschung. Die Autos und mein Blick hinunter von meinem Balkon auf die Stra\u00dfe verraten mir, dass viele Leute auf der Stra\u00dfe sind und sich scheinbar niemand darum schert, dass das sogar offiziell verboten ist.<\/p>\n<p>Jamiro best\u00e4tigt es mir, dass die meisten so tun, als sei nichts geschehen, zumindest in Berlin Wilmersdorf. Ich f\u00fchle mich best\u00e4tigt in meinem Gef\u00fchl, dass mein Verhalten als \u00fcberfl\u00fcssig und albern gewertet wird, da ich von den meisten meiner Freundinnen nichts mehr h\u00f6re bzw. lese, nachdem ich habe verlauten lassen, dass ich zu Hause bleibe und es nicht nur beim positiven Denken belasse. So einfach ist das\u2026 Aber es ist auch nur die halbe Wahrheit, Esther schreibt mir und schickt mir obendrein interessante Online-Seminare und Tanzstunden zu und meine angeheiratete brasilianische Nichte, die jetzt in Friedrichshain wohnt, auch. Sie reagiert ganz anders, eher besorgt und liebevoll.<\/p>\n<p>Schade, und ich hatte gedacht, dass ich doch mal wieder etwas drau\u00dfen in der Sonne und zum n\u00e4chsten See laufen k\u00f6nnte \u2013 wenn sich dort aber alle sorglos tummeln, geht das f\u00fcr mich als Risikoperson nicht. Das ist schon gemein, daran k\u00f6nnten die anderen ja auch mal denken \u2013 aber das ist scheinbar zu viel verlangt. Ariu sagt dazu nur: Die meisten Leute sind bl\u00f6d, weil sie meinen, nur, weil es nicht sichtbar ist, g\u00e4be es die Pandemie auch gar nicht. Immerhin steht mein Sohn zu mir!<\/p>\n<p>So soll also die schon geplante Zeit nach der Pandemie aussehen, der sogenannte Lockdown: alle Normalen tun so, als lebten sie normal und die Risikopersonen werden weggesperrt. Wie verabscheuungsw\u00fcrdig ist das, wie undemokratisch und unsolidarisch! Das kann und darf nicht wahr sein.<\/p>\n<p>Niemand auf Facebook guckt sich meine sch\u00f6nen Buchvorschl\u00e4ge an, gestern war es Toni Morrisons \u203aBeloved\u2039 und heute Umberto Ecos \u203aFoucaultsche Pendel\u2039. Aber auch meine Petitionen und gesellschaftspolitischen Aufrufe werden nicht gelesen; scheint wohl nicht meine Plattform zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube ja nicht an diese Zuversicht und diese Ruhe, die hier alle haben. Aber ich w\u00fcnsche mir aus vollstem Herzen und sehr ehrlich und offen, dass ich Unrecht haben m\u00f6ge und der Kelch wirklich ans uns in Berlin vorbeigehen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Wieso verwende ich immer wieder diese Redewendung, die ja biblisch ist? Ich bin nicht christlich sozialisiert worden, aber irgendwie passt dieses Bild so sehr. F\u00fcr Jesus war sein Tod ein Opfer f\u00fcr etwas H\u00f6heres, eine Bestimmung, der er eh nicht entgehen konnte. Wir als Menschheit m\u00fcssen global denken und solidarisch und gemeinsam handeln, sonst gehen wir unter und sterben alle \u2013 und eigentlich ist es ja schon zu sp\u00e4t, wir gehen eh unter. Das ist wohl Glaube. Zu hoffen, dass es doch entgegen aller Logik und Vors\u00e4tze weitergehen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Dass hier ganz umsonst zus\u00e4tzliche Krankenh\u00e4user gebaut werden, die sich als v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig herausstellen m\u00f6gen und das endlich all die guten Menschen im Gesundheitswesen mehr gesch\u00e4tzt und bezahlt werden, wie es die Gewerkschaften schon immer fordern.<\/p>\n<p>Ich habe nie gelernt zu beten und kann es wirklich nicht\u2026 Scheinbar ist es etwas sehr Simples, aber bei mir tats\u00e4chlich negativ besetzt. Ich unterhalte mich gerne mit den spirituellen Entit\u00e4ten oder rufe sie herbei, singe, aber beten? [&#8230;]<\/p>\n<p>Ich folge ja eigentlich meiner Intuition. Und diese Intuition sagt mir, dass es eine wunderbare und starke spirituelle Zeit nach dieser Phase der Ruhe und des R\u00fcckzugs geben wird. Mein Kopf findet das albern und denkt, dass die Welt ungerecht und schrecklich ist. Auf jeden Fall bin ich noch immer nicht im Einklang mit mir selbst, wenn meine Seele, mein Geist und mein Gef\u00fchl sich da immerzu herumstreiten&#8230;<\/p>\n<p>Ich bin wirklich die Bl\u00f6de. Zu Ostern treffen wir uns jetzt mit meinen Eltern zum traditionellen brasilianischen Osteressen. Viel lieber als essen w\u00e4re ich ja mal spazieren gegangen, aber auch das ist nun m\u00f6glich, da eine Freundin von mir sich mit mir zu einem 2 Meter Abstand-Spaziergang verabredet hat. Da sie erstmal trotz aller Verbote Ihren Freund in K\u00f6ln besuchen geht bzw. mit ihrem neuen Auto dorthin f\u00e4hrt, wird das eh sp\u00e4ter stattfinden.<\/p>\n<p>Heute habe ich das Gef\u00fchl, das alles absurd ist, erfunden und unwirklich; eigentlich gibt es gar keine Pandemie. Das ist eine gro\u00dfe Welle an Gef\u00fchl, die da in dieser Weise mit mir spricht und genau das sagt. Das ist kein inneres Gef\u00fchl von mir, sondern eins, was die Leute in der Gegend gerade so f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Mein inneres Gef\u00fchl sagt mir, dass ich noch hierbleiben soll; ruhig, unbeweglich, eingebettet in meiner Quarant\u00e4ne. Einfach so. Weil es mich sch\u00fctzt und weil alles f\u00fcr mich sich auch so gut entwickelt. Meine Gedanken sind da nat\u00fcrlich ganz anderer Meinung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich schreibe viel, unterst\u00fctze politische Bewegungen, f\u00fchle mich aber doch sehr auf dem Sofa sitzend.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Eben habe ich mich gewundert, dass ich gar kein Zeitgef\u00fchl mehr habe, weil ich dachte, dass heute der 10.4. ist und ich kein Tagebuch geschrieben habe, mir aber so sicher war, dass ich es gestern geschrieben h\u00e4tte. Nun ist aber schon nach zw\u00f6lf Uhr Mitternacht und nat\u00fcrlich schon ein Tag sp\u00e4ter, wenn er auch sehr frisch und neu ist. Das ist schon alles recht verr\u00fcckt, diese Zeitverschiebung. Fr\u00fcher war das durchaus normal f\u00fcr mich, aber seit ich ein schulpflichtiges Kind habe \u2013 und das ist ja nun schon seit neun Jahren so, und vorher war zeitlich mit der Stillerei sowieso alles zeitlich chaotisch \u2013 habe ich einen geregelten Tagesablauf. Der ist nun wirklich au\u00dfer Kraft gesetzt. Wir essen zum Beispiel nur noch zwei Mal am Tag, sonst waren es drei Mal und auch mal noch einen Kaffee am Nachmittag. Nun hat sich diesbez\u00fcglich alles vereinfacht. Es ist alles sehr \u00fcbersichtlich geworden.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt, wie es mir gehen wird, wenn ich irgendwann aus meiner H\u00f6hle wieder herauskriechen werde. Ich habe heute sogar meine alten Fotos und Tageb\u00fccher meiner Jugend ausgegraben, die eigentlich mitten im Wohnzimmer im alten Vertiko von meiner Oma m\u00fctterlicherseits aufbewahrt sind, aber f\u00fcr die ich nie Zeit hatte. Da sind neben vielen Fotos auch s\u00e4mtliche Schulunterlagen aus meiner Zeit an den High-Schools in Michigan in Caro auf dem Land und in Detroit aufbewahrt. Das war vor mehr als 30 Jahren\u2026 Genau da, wo gerade die Menschen am meisten sterben.<\/p>\n<p>Immerhin trage ich wieder meine sch\u00f6nen und gem\u00fctlichen R\u00f6cke und sehe nicht total daneben aus, das beruhigt mich schon etwas. Ich habe meine Mundmaske immerhin ausprobiert, bin dann aber doch nicht rausgegangen, weil weder mein Mann noch mein Sohn Lust dazu hatten. Ich habe sie gleich mit einer Sonnenbrille ausprobiert und fand, dass das ziemlich gruselig aussah\u2026 Die Damen von 1919 zur Zeit der Spanischen Grippe in Berlin sahen weitaus eleganter aus, finde ich.<\/p>\n<p>Dass ich die ganze Zeit zu Hause bin, bringt mich dazu, nichts mehr einzukaufen und tendenziell eher aussortieren als nachzukaufen. Ich nehme die Welt so wahr, wie sie ist und bet\u00e4ube mich nicht mit nebens\u00e4chlichen Dingen.<\/p>\n<p>Ich sitze alleine auf dem Sofa rum und wei\u00df, dass es so vielen anderen Menschen auf der Welt so geht wie mir. Aber ich wei\u00df auch, dass die Deutschen nur 50 Kinder aus den Fl\u00fcchtlingslagern von der Insel Lesbos aufnehmen statt 1.000, wie es die Petition fordert, die ich unterschrieben habe. Und dass in den USA vor allem die Afroamerikaner*innern an Covid-19 wegen der h\u00f6heren Armut und mangelnden Krankenversicherung sterben als Wei\u00dfe US-Amerikaner*innen. Das alles ist unertr\u00e4glich. Ich schreibe viel, unterst\u00fctze politische Bewegungen, f\u00fchle mich aber doch sehr auf dem Sofa sitzend.<\/p>\n<p>Meine Zeit-Schubladen der Arbeit, Bibliothek und Familie, Kunst, Haushalt, Sport, Freundinnen fallen weg. Ich kann nicht wirklich abschalten und die W\u00e4sche sein lassen und mich auf mein Review konzentrieren\u2026 Mir ist schon klar, dass diese r\u00e4umlichen Abgrenzungen eher bel\u00e4chelt werden, aber mir haben sie bislang immer sehr gutgetan, um auch meinen verschiedenen gesellschaftlichen Rollen als Frau \u2013 und besonders als Frau &#8211; gerecht werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als alles so aufgel\u00f6st und nicht h\u00fcbsch sortiert war, habe ich Gedichte geschrieben. Fr\u00fcher, als Jugendliche.<\/p>\n<p>Vielleicht ist bald alles schon vorbei, bis ich wieder dazu komme, B\u00fccher zu lesen und Gedichte zu schreiben? Ich merke, dass es mir guttut, mich von der Welt zu l\u00f6sen und nach und nach mich selbst zu sp\u00fcren, auch wenn ich dabei eher ein schlechtes Gewissen habe, weil es so viel Elend auf der Welt gibt. Heute habe ich Ariu endlich auch ein Konto bei \u201eMein Grundeinkommen\u201c als Crowdh\u00f6rnchen eingetragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>11.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich mutig drau\u00dfen, wieder einmal zum nahe gelegenen Fennsee, um dort einmal herumzulaufen und kurz in der Sonne zu sitzen und die anderen zu be\u00e4ugen, wie sie mich be\u00e4ugen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9047\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9047\" class=\"size-full wp-image-9047\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/12-ich-am-fennsee.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9047\" class=\"wp-caption-text\">Am Fennsee.<\/p><\/div>\n<p>Danach bin ich mit Jamiro auch noch zu Aldi einkaufen gewesen, wo die Abst\u00e4nde her abstrus und unwirklich wirken, also viel zu nahe. Dem langen bekannten Kassierer rufe ich zu: \u201eAch schade, jetzt k\u00f6nnen sie gar nicht mein L\u00e4cheln sehen!\u201c, weil ich einen Mundschutz trage. Da sagt er: \u201eIch sehe das auch so, l\u00e4cheln kann man auch mit den Augen!\u201c. Und er w\u00fcnscht uns beim Bezahlen ein frohes Ostern, sitzt dabei hinter einer schick selbst gebastelten Absperrung aus durchsichtigem Plexiglas. Er arbeitet barh\u00e4ndig, sein Kollege tr\u00e4gt Handschuhe. W\u00e4hrend ich einen baumwollenen Mundschutz trage, tragen viele Einkaufende eher Einmal-Plastikhandschuhe \u2013 was sicherlich gut ist, aber mich wegen des Plastiks abhalten w\u00fcrde. Es gibt den Anschein, als w\u00fcrden die Menschen sich wegen ihrer Verkleidungen gesch\u00fctzt f\u00fchlen, obwohl sie doch eher symbolischer Natur ist. Ich gehe mit einem unguten Gef\u00fchl aus dem Laden. Immerhin werden wir die n\u00e4chste Zeit nicht verhungern, aber was kommt danach? Habe ich mich jetzt angesteckt?<\/p>\n<p>Meine Mutter hat unser morgiges Treffen nun doch abgesagt, weil sie vermutet, dass ihre Nachbar*innen uns vielleicht anzeigen k\u00f6nnten wie sie es aus der DDR kennt; der Tagesspiegel hat gesprochen. Sie ist retraumatisiert und verkennt dabei die wirkliche Gefahr, da das Virus trotz aller politischen Vereinnahmung von den USA, China oder Russland, wer auch immer da gerade spricht und vermutet, eben einfach auch so t\u00f6dlich ist.<\/p>\n<p>Also wird das brasilianische Osteressen dieses Mal von meinem Vater mit seinem Auto von uns vorgekocht abgeholt und jeder isst bei sich zu Hause und wir sind getrennt voneinander. Als sie mir das telefonisch sagte, war ich gleichzeitig traurig und erleichtert. [\u2026]<\/p>\n<p>Da wird mir das ganze Ausma\u00df klar, auch weil ich durch Zufall Fotos von Vorjahren angesehen habe: Wir waren Ostern entweder immer bei meinen Eltern in der Uckermark oder haben hier bei uns zu Hause am ausgezogenen Tisch gro\u00df gefeiert, immer zu acht oder zehnt. Ich muss gestehen, dass mir das aus einer anderen Zeit vorkommt und ich gerade im Notfall-Modus lebe; mir ist alles egal, wenn es denn dem \u00dcberleben dient.<\/p>\n<p>Heute Morgen erhielt ich wieder die Best\u00e4tigung, dass meine Doktorarbeit als hervorragend bewertet wird und auch mein \u00fcberarbeitetes Expos\u00e9 f\u00fcr meine Postdoc-Forschung schon als sehr weit ausgereift wahrgenommen wird, obwohl ich selbst das Gef\u00fchl hatte, nur paranoisch gelebt zu haben und mein Home-Office nicht wirklich wahrgenommen zu haben. Ich wollte es schon, aber war eigentlich zu schockiert \u00fcber immer wieder neue Nachrichten \u00fcber Tausende von Toten in Bergamo, Madrid und New York. Was wird als n\u00e4chstes kommen? Kopenhagen und Berlin? London? Ich atme tief durch. Immerhin habe ich scheinbar doch besser gearbeitet als es mir bisher klar war\u2026<\/p>\n<p>Die Nachbarschaftshilfe hier in Wilmersdorf informiert mich, dass 1000 Menschen Hilfsangebote angenommen habe, aber 3000 Menschen Hilfe angeboten haben\u2026 Wie sch\u00f6n! Dann k\u00f6nnen sich noch 2000 Menschen melden. [\u2026]<\/p>\n<p>Wenn, falls ich eine neue Arbeit habe, werde ich auch spenden, lokal und direkt. Pizza, Blumen? Oder das Grips Theater? [\u2026] Obwohl mir da so die Idee eines K\u00fcnstler-Abos kommt, dass alle jeden Monat einen Beitrag zum Erhalt der K\u00fcnstler*innenleben beitragen und dann nach einer gewissen Zeit etwas angespart haben und sich bei eben diesem Lieblingsk\u00fcnstler*in ein Werk der Wahl aussuchen kann. Das w\u00e4re doch eine gute Gr\u00fcnder*innenidee, oder? Ich habe aber keine Lust dazu, dies selbst zu verwalten, schlie\u00dflich kann ich nichts verkaufen. [\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Jetzt, nachdem ich wieder geschrieben habe, kommt es mir gar nicht mehr so vor, als w\u00e4re nichts passiert.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>14.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin etwas erschrocken, weil ich dachte, dass ich weitergeschrieben h\u00e4tte, aber es offensichtlich nur im Kopf getan, aber nicht aufs Papier gebracht habe. Dabei habe ich in den letzten Tagen so viel getr\u00e4umt. Sonst war eigentlich nichts los.<\/p>\n<p>Ich bin mit vielen anderen Leuten in einer h\u00fcgeligen Landschaft und sehe mich, wie ich einen H\u00fcgel hochgehe und obendrauf ein sehr gro\u00dfes Zelt, ein Tipi, stehen sehe. Eigentlich sehen die Leute, wie sie da elegant im glei\u00dfenden Licht der Sonne herumwandeln, so aus als w\u00fcrden sie auf eine Hochzeit gehen, sehr hell, farbig und fr\u00f6hlich gekleidet. Es ist tats\u00e4chlich etwas \u00c4hnliches wie eine Hochzeit, es geht um Initiierte, die mit ihrer sehr eigenen Gottheit identifiziert werden und sich mit ihr identifizieren. So auch ich. Inmitten anderer.<\/p>\n<p>Das erinnert mich daran, wie ich meinen Mann Jamiro das zweite Mal \u2013 nachdem wir bereits im September 2001 kurz zuvor in Tonder in D\u00e4nemark geheiratet hatten \u2013 in Recife in Pernambuco im Februar 2002 geheiratet habe; das war gemeinsam mit ungef\u00e4hr zwanzig \u2013 oder drei\u00dfig? \u2013 anderen Paaren in einem gro\u00dfen, bronzefarben gl\u00e4nzenden Saal. Ich wurde als erste aufgerufen und h\u00f6rte den Standesbeamten gar nicht, weil ich ja schwerh\u00f6rig bin. Mein Mann stupste mich an, da erst sagt ich \u201eSim!\u201c und alle lachten. Ich lachte auch. Eigentlich sollten derartige Zeremonien als \u00dcbergangsrituale im Leben doch individueller gestaltet sein, aber manchmal kommt es dann wohl anders.<\/p>\n<p>Im Traum jedenfalls kenne ich niemanden, bin inmitten vieler anderer Menschen doch irgendwie alleine. Dann werde ich in einen Raum gebracht, wo die Paramente meiner Gottheit sein sollen. Ich erkenne sofort, dass es nicht die G\u00f6ttinnen des Wassers sind und wundere mich. Ich laufe an einem Ensemble vorbei, das dunkelgr\u00fcn und f\u00fcr den Orix\u00e1 Ox\u00f3ssi (den Waldgott) ist, das kann es nicht sein. Ich laufe in einen kleineren Raum und f\u00fchle, dass es dort ist. Ich nehme helle, irgendwie mattrosa- und puderwei\u00dfe Ketten, die ich mir um die Armgelenke schlinge. An den W\u00e4nden sehe ich Fotos von Kindern, die im Wasser eines Sees stehen, aber die Beine in einem sumpfigen Boden stecken. Sie lachen. \u201eDas ist doch Nan\u00e3, die G\u00f6ttin des Urschlamms der Menschheit, des Todes und der Wiedergeburt!\u201c, denke ich. Aber die Ornamente sehen nicht nach Nan\u00e3 aus. Da antwortet eine Stimme im Traum: \u201eDu hast Recht, Inga, es ist nicht Nan\u00e3; es ist Oxumar\u00e9, ihr Sohn! Du bist von und mit Oxumar\u00e9!\u201c Das glaube ich nicht. Nicht von Eu\u00e1, von Nan\u00e3, von Ob\u00e1; keine Wasserg\u00f6ttin? \u201eNein nein, nicht von ihnen, sondern von Oxumar\u00e9, dem Gott des Regenbogens, der Schlange, des Reichtums, des Dazwischen-Seins! Du hast richtig geh\u00f6rt, es ist ganz klar! Dein Wesen ist der Zwischenraum und so wird es auch bleiben.\u201c Also kleide ich mich mit den mit Federn geschm\u00fcckten Kopf-Insignien von Oxumar\u00e9, ziehe farbige Kleidung an und gehe in das gro\u00dfe Tipi; dort sieht aber gerade alles mehr wie ein Theater aus als wie ein religi\u00f6ser Ort. Immer noch kenne ich niemanden. Ich wache auf.<\/p>\n<p>Sonst ist nichts passiert. Ostern ist irgendwie gef\u00fchlt ausgefallen, obwohl mein Mann den halben Tag an unserem typischen brasilianischen Osteressen mit Fisch und Bohnenp\u00fcree in Kokosmilch, dazu Quibebe (ein K\u00fcrbismus) und Feldsalat gekocht hat, die Sonne schien und wir auf dem Balkon sa\u00dfen und gemeinsam gegessen haben. Aber das machen wir auch sonst. Meine Eltern haben sich ihre Portion von uns abgeholt. Mein Vater reagiert zwar erfreut, aber gleichzeitig irgendwie irritiert und m\u00fcrrisch auf unsere eingehaltenen Distanzregeln. Wenn ich ihn darauf anspreche, stimmt er mir schon zu, ist aber frustriert \u2013 auch weil ihm das Verreisen fehlt und der direkte Austausch mit uns. Sonst sa\u00dfen wir ja auch immer dicht gedr\u00e4ngt um den Tisch, entweder bei uns zu Hause oder in der Uckermark bei meinen Eltern im Ferienhaus.<\/p>\n<p>Wir haben das Laminat in der K\u00fcche herausgebrochen, weil es alt war, und haben zarten Terrazzo-Fu\u00dfboden in schwarz und wei\u00dfer Punktierung darunter gefunden. Immer, wenn es Feierlichkeiten gibt und mein Mann zu kochen anf\u00e4ngt, gibt es solche Aktionen, die nebenbei herlaufen und f\u00fcr ihn scheinbar prickelnd aufregend sind.<\/p>\n<p>Im Nachhinein habe ich es bedauert, dass wir doch nicht unartig waren und uns nicht \u00fcber die Verbote hinweggesetzt haben, den Fr\u00fchlingsanfang mit der ganzen Familie zu feiern. Obwohl sich mein Gef\u00fchl komischerweise nicht \u00e4ndert und ich weiterhin der verkrochene Mensch bin und zu Hause bleibe. Mein Schreibtisch ist die Welt und mein Blick auf unseren kleinen Balkon immer der gleiche. Obwohl\u2026 die B\u00e4ume haben seit heute ganz hellgr\u00fcn, fast gelblich, ausgeschlagen. Zu Ostern konnten wir die jungen Sprie\u00dfe nur erahnen, obwohl es am Ostersonntag richtig hei\u00df war, Ostermontag dann wieder etwas fr\u00f6stelig.<\/p>\n<p>Gestern habe ich lange mit meiner Doktormutter \u00fcber mein Handy und direkt auf meine H\u00f6rger\u00e4te telefoniert und \u00fcber meine neue Bewerbung um eine \u00dcbergangsstelle am Institut (wo ich schon die letzten f\u00fcnf Jahre gearbeitet habe) gesprochen, dank der neuen Technik geht das jetzt. Dabei bin ich in der Wohnung herumgelaufen, was ich sonst nicht tue. Ich habe zwei Mal \u203aSumma cum laude\u2039 von meinen beiden Betreuer*innen f\u00fcr meine Doktorarbeit erhalten! Unglaublich! Ich bin so erleichtert, weil ich doch sehr ins Blaue geschrieben habe. H\u00e4tten sie mir das Gegenteil gesagt und gemeint, nun m\u00fcsse ich alles noch einmal \u00fcberarbeiten, h\u00e4tte ich ihnen auch geglaubt.<\/p>\n<p>Eine Freundin von mir, die mich wegen fehlender Aufmerksamkeit ad acta gelegt hat (per WhatsApp! Das fand ich schon ziemlich traurig), hatte das erahnt \u2013 dass ich wom\u00f6glich alles \u00fcberarbeiten m\u00fcsste. Sie war eh\u2018 der Meinung, dass ich meine Stelle nur h\u00e4tte, weil ich behindert bin. Eigentlich h\u00e4tte ich diese Freundschaft aufk\u00fcndigen sollen und nicht andersherum. Wieso tue ich so etwas nicht? Es hat mich einfach sehr verletzt und da ich mit diesem Menschenbild aufgewachsen bin, habe ich ihr doch eigentlich geglaubt \u2013 dass ich doch trotz allem, trotz meiner Gedanken und meines Wesens, essentiell bl\u00f6d sei; schlie\u00dflich ist das so, wenn frau behindert wird. Au weia, so lange wird diese Geschichte schon erz\u00e4hlt. Und nun kommt doch eine Best\u00e4tigung von der Au\u00dfenwelt, dass es sich um Fremdzuschreibungen und Kr\u00e4nkungen handelt und mein wahres Ich ein anderes ist.<\/p>\n<p>Als ich meiner Mutter erz\u00e4hle, dass ich summa cum laude erhalten habe, fragt sie mich, was das sei. 1+ sage ich. Sie freut sich und meint, dass sie schon immer wusste, dass ich intelligent sei. Stimmt, sie hat das immer gesagt. Zwar kam sie auch immer mit schlauen Spr\u00fcchen an wie \u201eSchuster, bleib\u2018 bei deinen Leisten!\u201c oder \u201eWer auf zwei Hochzeiten auf einmal tanzt, der tanzt auf keiner!\u201c, aber sie hat mich auch nicht an meinem Weg gehindert. Mein Vater sagt, wenn ich dann doch mal endlich einen \u201eanst\u00e4ndigen Job\u201c haben sollte, h\u00e4tte sich die \u201eviele Arbeit\u201c eventuell doch \u201emal\u201c \u201egelohnt\u201c. Das ist immer mein Problem gewesen, warum ich eigentlich nicht fertig werden wollte, weil ich dachte, dass ich ja mitten in meinem Element sei und danach nur irgendetwas \u00d6des kommen k\u00f6nnte \u2013 bei der Voraussage!! Nun, mit dieser Note, werde ich vielleicht doch einfach meinen Weg weiter in der Wissenschaft gehen d\u00fcrfen \u2013 dann habe ich zwar immer noch nichts \u201eAnst\u00e4ndiges\u201c, aber daran lag mir ja eh nie etwas. Ich m\u00f6chte einfach damit leben k\u00f6nnen. Leben!<\/p>\n<p>Dann habe ich noch den ganzen Ostermontag an der Fertigstellung meiner Bewerbung gesessen und sie kurz vor Mitternacht abgeschickt.<\/p>\n<p>Heute bin ich mal \u201erichtig\u201c drau\u00dfen gewesen! Mit \u201erichtig\u201c meine ich, dass ich alleine losgelaufen bin und sogar ein Ziel hatte: aussortierte B\u00fccher in eine B\u00fccherbox am R\u00fcdesheimer Platz abgeben, die in einer alten Telefonzelle eingerichtet worden ist und um die eine Holzbank gebaut wurde, damit sich jede*r in die Sonne setzen und die neu erstandenen B\u00fccher lesen kann.<\/p>\n<div id=\"attachment_9049\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9049\" class=\"size-full wp-image-9049\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/13-bucherbox.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9049\" class=\"wp-caption-text\">B\u00fccherbox in einer alten Telefonzelle am R\u00fcdesheimer Platz in Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Vor mir war eine Mutter mit ihrer kleinen, ca. siebenj\u00e4hrigen Tochter in der alten Telefonzelle und suchten sich einen ganzen Stapel B\u00fccher aus. Das stimmte mich richtig gl\u00fccklich zu sehen, wie andere sich an den B\u00fcchern aus dem eigenen B\u00fccherregal freuen. Das werde ich jetzt jeden Tag tun, einen kleinen Spaziergang mit B\u00fccher\u00fcbergabe.<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist, dass sich die Lage ver\u00e4ndert hat! Ich kann jetzt doch rausgehen!!! Vielleicht lag es ja am Weg in Richtung zum R\u00fcdesheimer Platz statt zum Volkspark, aber ich fand, dass zwar recht viele Leute f\u00fcr Pandemie-Zeiten auf der Stra\u00dfe herumspazieren, aber doch alle mit einem Abstand zu anderen gehen und stehen und sich respektvoll verhalten. Kaum einer geht mit Mundschutz, da bin ich schon eher die Ausnahme gewesen.<\/p>\n<p>Besonders f\u00e4llt mir auf, wie viele auf den Parkb\u00e4nken sitzen, aber sich immer jeweils eine Person an der einen und die andere genau am anderen Ende platzieren, also mit genug Zwischenraum mittenmang. Wo sich sonst die Leute regelrecht dr\u00e4ngeln. Oder sich lange Schlangen vor einem Lotto-Toto-Laden mit Hermes-Paketabgabe bilden, weil die Leute immer einen Abstand von rund zwei Metern einhalten. Es sieht h\u00fcbsch aus, wie eine Kette mit lauter einzelnen Perlen. Polizeiautos fahren schritttempom\u00e4\u00dfig auf den Stra\u00dfen mit jungen Polizist*innen, zwar aufmerksam in die Runde guckend, aber grinsend und miteinander quatschend als h\u00e4tten sie einfach einen sch\u00f6nen, sonnigen Tag. Mich wundert es, dass ich im Internet so viel von Angst, Obrigkeitsdenken, \u00dcberwachung und \u201eCorona-Gehorsam\u201c [sic!] lese (vgl. Gaschke 11.4.2020, Raunitschka 11.4.2020), weil ich das auch als allgemeines Gef\u00fchl so gar nicht wahrnehmen kann \u2013 im Gegenteil! Es wirkt geradezu paradiesisch, wie sacht und aufmerksam alle miteinander umgehen. So, als h\u00e4tten auf einmal alle die Ruhe weg.<\/p>\n<p>Im 40 Tage Tagebuch, wo auch Kathrin Raunitschka ver\u00f6ffentlicht hat, geht es um verschiedene Stimmen und Tagebucheintragungen in Zeiten von Corona im M\u00e4rz bis Mai 2020, die von dem Schweizerischen Unternehmen Nature &amp; Healing im Dienst der dialogischen Naturtherapie ins Leben gerufen wurde:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDiese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu b\u00fcndeln. Unsere News stellen wir vom 28. M\u00e4rz bis 6. Mai in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen, die uns w\u00e4hrend dieser Quarant\u00e4ne-Zeiten begleiten. Schreib uns gerne, was dich bewegt, deine Perspektiven, Erlebnisse, Haltungen&#8230; so kann daraus auch ein kommentiertes Tagebuch mit G\u00e4stebeitr\u00e4gen werden. Mit besten W\u00fcnschen, Habiba, Cito &amp; Friends.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und endlich werden die Wissenschaften mit in die \u00f6ffentlichen und politischen Diskussionen einbezogen; das ist nicht so ganz neu, aber doch auch verbl\u00fcffend. Sonst wurden sie mal zitiert, aber mir scheint, dass es vorher nicht so viel echte Diskussion gegeben hat. Zuerst die Virologie, dann die \u00d6konomie und nun die Helmholtz Gesellschaft bzw. auch die Leopoldina, von der ich vorher nichts wusste\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_9051\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9051\" class=\"size-full wp-image-9051\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/14-rheingauviertel.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9051\" class=\"wp-caption-text\">Seitengassen im Rheingauviertel, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Aber wie sie die Kinder und Jugendliche zu einem Mindestabstand bringen wollen, wenn sie ad hoc die Kitas und Schulen wieder aufmachen, ist mir echt ein R\u00e4tsel; mit scheinen da doch eher wirtschaftliche Interessen im Vordergrund zu stehen, weil dann auch die Eltern wieder arbeiten k\u00f6nnen und nicht mehr ihre Kinder \u201ebetreuen\u201c (so ein bl\u00f6des Wort! Ich lebe, rede, koche, lache mit meinem Sohn, aber \u201ebetreue\u201c ihn nicht! Das Wort birgt in sich zwar die Treue, aber auch die Abh\u00e4ngigkeit. Nat\u00fcrlich brauchen wir alle einander, aber gleichzeitig ist es doch in der Erziehung wichtig, Wurzeln und Fl\u00fcgel zu bauen, oder?). Da hat doch der Landessch\u00fclerausschuss der Eltern von Sch\u00fcler*innen viel realit\u00e4tsn\u00e4here Ideen, wie etwa eine bessere Kommunikation von Lehrer*innen und Sch\u00fcler*innen auf verschiedenen Kan\u00e4len und ab und an in kleinen Gruppen auch in der Schule praktiziert und vorgeschlagen wird, die momentan aber nicht wirklich angeh\u00f6rt werden (vgl. Vieth-Entus 13.4.2020). Wieso soll ich im Home-Office bleiben, als Risikoperson aus gutem Grund, und dann kommt mein Sohn nachmittags von der Schule nach Hause und bringt mir ganz frisch die neuesten Viren mit? Das ist unsinnig.<\/p>\n<p>Arius Lehrerin hat mir heute eine WhatsApp-Nachricht geschickt und hat Ariu gelobt, weil er so flei\u00dfig gewesen ist. Nur eine Aufgabe hat er noch nicht abgegeben, aber daf\u00fcr gibt sie ihm noch bis zum n\u00e4chsten Freitag Zeit. Das ist erleichternd f\u00fcr mich und andererseits auch fair, dass sie ihn wegen der einen Hausarbeit nicht einfach schlecht benotet.<\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass sich diese Stimmen gegen den sogenannten Corona- \u201eWahn\u201c oder \u201ePanik\u201c da selbst sehr widerst\u00e4ndig vorkommen und das \u201enat\u00fcrliche Leben\u201c heraufbeschw\u00f6ren, bei dem \u201eeben\u201c auch viele Menschen sterben.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZu den Schattenseiten unserer steigenden Lebenserwartung geh\u00f6ren leider, zumindest einstweilen, schwerwiegende Erkrankungen, die uns nicht heimgesucht haben, als wir noch mit drei\u00dfig Jahren im Kindbett starben oder mit vierzig Jahren an der Ersch\u00f6pfung durch die Arbeit auf dem Feld oder in der Zeche. Das l\u00e4ngere Leben ist ein Geschenk, aber es hat oft einen Preis: Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus, Alzheimer, \u00fcbrigens auch Depressionen und Einsamkeit.\u201c (Susanne Gaschke 11.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Abgesehen davon, dass ich das nicht glaube, das die Leute fr\u00fcher ges\u00fcnder waren (eher im Gegenteil, sonst w\u00e4ren sie doch nicht so fr\u00fch gestorben!), bin ich mir selbst wichtig, ich will nicht sterben. Scheinbar passt das nicht in das Konzept dieses \u201enat\u00fcrlichen Lebens\u201c, bei dem \u201eeben\u201c diese Auslese definiert wird. Aber leben wir im gestern? Wollen wir das? Sonst haben sie doch immer Angst um ihre geliebte Demokratie, aber nun auf einmal nicht mehr? Mir scheint das problematisch! Behinderte Menschen auszusortieren steht sogar gegen das Grund- und gegen das Menschengesetz!<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer auch nur die Frage andeutet, ob die Stilllegung des gesamten \u00f6ffentlichen und wirtschaftlichen Lebens angemessen und tats\u00e4chlich so alternativlos sei, wie es die deutsche Bundesregierung, ihr Robert-Koch-Institut und der staatstragende Teil der deutschen Medien darstellten, macht sich bereits verd\u00e4chtig. Schon ist das Etikett des \u00abCorona-Leugners\u00bb im Umlauf.\u201c (Susanne Gaschke 11.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich frage mich bei solchen Aussagen nat\u00fcrlich, ob ich eine dieser bl\u00f6den und verblendeten Deutschen bin, die sich dar\u00fcber freut, endlich brav und obrigkeitsh\u00f6rig zu sein? Komisch, so habe ich es noch gar nicht gesehen, vielleicht sollte ich da mal meine aktiven Freund*innen in den <em>Disability Studies<\/em> fragen, was sie dazu meinen. Probieren wir es aus, uns unters Volk zu mischen und widerst\u00e4ndig zu sein, ob wir dabei \u00fcberleben oder nicht? Ich jedenfalls nicht. Tot ist tot.<\/p>\n<p>Jetzt, nachdem ich wieder geschrieben habe, kommt es mir gar nicht mehr so vor, als w\u00e4re nichts passiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>15.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich finde es sehr interessant zu sehen, wer welche Position einnimmt. Die, die sowieso alles haben \u2013 die Reichen, Erfolgreichen, Anerkannten &#8211; f\u00fchlen sich von den Kontaktbeschr\u00e4nkungen der Bundesregierung geg\u00e4ngelt und bevormundet, verwenden gerne Worte wie \u201eAngst\u201c, \u201ePanikmache\u201c und hinterfragen Worte wie \u201ePandemie\u201c (statt Epidemie, weil letzteres wohl dramatischer klingt \u2013 aber so ist wohl die Lage, oder?! Global statt nur lokal). Auch der Artikel, den ich gestern \u00fcber ein Naturtherapie-Netzwerk als Lekt\u00fcre empfohlen bekommen habe, der vor ein paar Tagen in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung publiziert worden ist, irritiert mich schon wegen der \u00dcberschrift \u201eGerade die Deutschen gefallen sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam\u201c, wo essentialistisch \u00fcber \u201edie Deutschen\u201c geurteilt wird. Ich dachte, dass solche Menschenbilder in eine rechte Szene geh\u00f6rten und nicht die Aussagen von gebildeten Menschen sein k\u00f6nnen. Seit wann essentialisieren wir Menschen in Nationen?<\/p>\n<p>Und die, die eh schon vorher bevormundet wurden \u2013 Akteur*innen der <em>Disability Studies<\/em>, dem Migrationsrat und brasilianische Freund*innen von mir, die in Berlin wohnen &#8211; nehmen die Corona-Pandemie als Bedrohung ihrer Gesundheit und ihres Lebens wahr.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSowohl innerhalb der unterschiedlichen nationalstaatlichen Rahmungen als auch mit Bezug auf die vielgestaltigen sozialen, miteinander vernetzten Regionen dieses Planeten wird deutlich, dass das Virus die Menschen gleichbehandelt und insofern gleich macht. [\u2026] Diese Konjunktion bietet eine weitere Grundlage daf\u00fcr, das epochale Projekt einer der Gegenwart angemessenen Solidarit\u00e4t zu st\u00e4rken; jener Solidarit\u00e4t, die nicht auf die politische und ethische Lebensform (vermeintlich) Engverwandter etwa in der Form \u201eVolk\u201c oder \u201eEuropa\u201c beschr\u00e4nkt ist, sondern den Raum der menschlichen Verbundenheit als grundlegende Form der Solidarit\u00e4t global erweitert. [\u2026] Sie aber haben nicht Pech gehabt, sie erfahren Unrecht.\u201c (Yasemin <em>Karaka\u015fo\u011flu<\/em><em> \/ Yasemin, Paul <\/em>14.4.2020).<\/p><\/blockquote>\n<p>Interessanterweise \u00fcberschneiden sich hier die Netzwerke in einer gemeinsam empfundenen Situation der Verletzlichkeit, da ich diese Information \u00fcber einen Newsletter der <em>Disability Studies<\/em> erhalten habe (Prof. Dr. Swantje K\u00f6bsell der Alice Salomon Hochschule Berlin, Netzwerk AG DS, E-Mail vom 14.4.2020).<\/p>\n<p>Bei mir verdichtet es sich gerade, dass ich viele kenne, die Corona f\u00fcr eine Erfindung halten und mich f\u00fcr albern. [\u2026] Nur mein brasilianischer Mann, unser Sohn und meine Doktormutter meinen, dass ich ruhig auf mich aufpassen solle. Bin ich realit\u00e4tsfremd geworden? Aber meine Doktormutter ist eine intelligente Frau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>16.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt habe ich mir so viele Gedanken \u00fcber die Gedanken anderer gemacht und heute ist es mir einfach egal. Eine Freundin meint, dass auch sonst viele sterben und eine andere ist beleidigt, weil ich nicht mit ihr spazieren gehe. So ist das, ich werde das wohl einfach akzeptieren, so wie sie akzeptieren m\u00fcssen, dass ich keine Experimente mache, ob ich \u00fcberlebe oder nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>17.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Endlich habe ich mein Peer Review fertig geschrieben, was ich die ganze Zeit vor mir hergeschoben habe; dabei war es spannend, interessant und inspirierend. Ich bin tats\u00e4chlich langsam darin, mich von den aktuellen Nachrichten zu l\u00f6sen und von ihnen in den Bann ziehen zu lassen. Und dann sa\u00dfen wir stundenlang an Arius Hausaufgaben, ich habe die Stunden nicht gez\u00e4hlt; so haben wir lang und breit \u00fcber Tschick von Wolfang Herrndorf gesprochen. Es ist schon interessant, dass ihn die Handlung des Buches gar nicht gro\u00df interessiert, sondern vielmehr die Gespr\u00e4che, die die beiden Protagonisten miteinander f\u00fchren. Kurz vor Mitternacht haben wir die Aufgaben an die Lehrerin geschickt\u2026 Die Tage sind proppenvoll, obwohl wir nicht rausgehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich bin ein Kind meiner Zeit, weil ich denke, dass ich die Welt nur \u00e4ndern kann, indem ich mich selbst ganz radikal in Frage stelle und \u00e4ndere.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>18.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist es mir schon fast eine Gewohnheit geworden, dass ich doch mal raus und in der unmittelbaren Umgebung spazieren gehe. Heute war ich mit Jamiro drau\u00dfen, wir haben dieses Mal gemeinsam aussortierte B\u00fccher in die B\u00fccherbox am R\u00fcdi gebracht und ich habe ihm meine Lieblings-Kirschb\u00e4ume mit den rosa Bl\u00fcten gezeigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_9053\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9053\" class=\"size-full wp-image-9053\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/15-kirschbaume.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9053\" class=\"wp-caption-text\">Kirschbaumbl\u00fcten im Rheingauviertel, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich bin auch vorher schon \u00f6fter Mal in dieser Gegend herumspaziert und sowieso all die Jahre zum R\u00fcdesheimer Platz gegangen, weil dort meine Haus\u00e4rztin ist, eine tolle Pizzeria liegt, wo wir unter den dichten B\u00e4umen sa\u00dfen und ich vor allem mit Ariu immer mal wieder eine Pizza essen gegangen bin und j\u00e4hrlich das Weinfest stattfindet, wo ich meine Eltern auf ein Weinchen getroffen habe. Aber dass dort nicht nur die b\u00fcrgerlichen, stolzen Bauten direkt am Platz liegen, sondern in den Seitengassen auch ganz verwunschene kleine Reihenh\u00e4user mit kleinen G\u00e4rten und liebevoll gebauten Baumh\u00e4usern sind, war mit nicht so richtig klar. Es sieht geradezu d\u00f6rflich und romantisch aus, die Leute lassen sogar die Schuhe vor der T\u00fcr stehen. Ich w\u00fcrde ja davon ausgehen, dass der Heidelberger Platz im Zentrum von Berlin liegt \u2013 liegt er auch wirklich \u2013 und dass es verschlossene T\u00fcren gibt, aber alles strahlt Vertrauen und Gemeinsinn aus. Wir f\u00fchlten uns wie im Traum, dazu noch die rosa und wei\u00dfen Bl\u00fcten der bl\u00fchenden B\u00e4ume vor dem klaren Himmel, sonnen\u00fcberflutet.<\/p>\n<p>Die Leute tragen, wie wir schon vorher, zunehmend Mundschutz; von einem Tag auf den anderen hat sich das ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zu Hause haben wir, da nun das Wohn- und das Kinderzimmer fertig gestrichen sind, weiter aufger\u00e4umt und auch etwas neu geordnet. Das Sofa hat nun einen direkten Blick auf den Balkon und jeder hat einen eigenen Arbeitsplatz mit eigener Ecke. Das war vorher auch schon \u00e4hnlich, aber eben etwas anders. Mitten im Zimmer stehen eine gr\u00f6\u00dfere Palme, ein Affenbrotbaum, ein <em>Espada de Ogum<\/em><a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> (ein Bogenhanf) und eine Aloe Vera. Dann, weil alles so ruhig und sch\u00f6n war, habe ich beim Aufr\u00e4umen einen alten Koffer meiner Oma m\u00fctterlicherseits ge\u00f6ffnet und lauter Fotos von Brasilien, Italien und Ariu als Baby gefunden \u2013 eine kleine Schatztruhe! Ich mit Gilberto Chateaubriand, ich mit Pierre Fatumbi Verger, ganz viel Vergangenheit!<\/p>\n<p>Nur die B\u00fccher t\u00fcrmen sich noch \u00fcberall, weil wir schlicht zu viele haben, obwohl wir auch einige aussortiert haben. Es ist so gut, sich mit banalen Dingen besch\u00e4ftigen und vom Grauen ablenken zu k\u00f6nnen. Heute fand ich, dass die angebliche Marionette von Trump Jair Bolsonaro einen ebenso irren Blick wie Hitler hat; vielleicht ist er nicht zu untersch\u00e4tzen. Es ist auch egal, ob er Trump zu F\u00fc\u00dfen liegt, es ist eigentlich nur wichtig, dass er sein Volk opfert \u2013 ob nun der Ungerechtigkeit, dem Hunger, der Perspektivlosigkeit oder Corona wegen, ist zwar wichtig, aber austauschbar.<\/p>\n<p>Ich glaube schon, dass ich feige bin und hier zu Hause sitze, gut esse, mal spazieren gehe statt zu demonstrieren. Ich bin ein Kind meiner Zeit, weil ich denke, dass ich die Welt nur \u00e4ndern kann, indem ich mich selbst ganz radikal in Frage stelle und \u00e4ndere. Das reicht wahrscheinlich nicht.<\/p>\n<p>Ich habe zuerst \u00fcber die Krankheit Freund*innen verloren und nun verliere ich sie \u00fcber die Meinung \u00fcber die Krankheit. Meine Mutter hat mir als Jugendliche einmal gesagt, dass es der nat\u00fcrliche Verlauf der Dinge ist, dass einem als junger Mensch alle T\u00fcren und sehr viele Wege offenstehen, diese sich aber sp\u00e4ter immer weiter reduzieren, auch ohne das eigene Zutun, einfach durch den eigenen Charakter. Mich hat das sehr beeindruckt, auch wenn ich es nicht v\u00f6llig verstehen konnte; und nun ist es so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>20.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Die Tage empfinde ich wie eine zweite Phase von Corona, wahrscheinlich, weil nun eigentlich noch Osterferien der Schulen sind und damit ein struktureller Zeitenwechsel. Fr\u00fchlingsbeginn.<\/p>\n<p>Dennoch, und auch genau an den Osterferien ist das abzulesen, ist dieses Jahr alles anders, da es ja gar keine Ferien gibt \u2013 d.h. weder einen Abstand vom Normalarbeitstag und Ferien (sondern durch die Bank weg tagt\u00e4gliches Arbeiten kombiniert mit Haushalt, Ausruhen, Reflektieren), noch tats\u00e4chlich Ferien mit Reisen \u2013 und sei es nur ins Umland. Die neuen Hausaufgaben sind wieder verteilt worden und morgen gibt es ein Zoom-Treffen mit der Klassenlehrerin von Ariu. Ich bin ja neugierig, wie das eigentlich abl\u00e4uft, aber Ariu m\u00f6chte das bei geschlossener T\u00fcr selbst machen. Gut. Seine Lehrerin hat mich ja erneut gelobt, wie alles so gut bei uns l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Irgendwie wollen alle zur\u00fcck zur Normalit\u00e4t und eigentlich frage ich mich, warum wir nicht gleich bei der ersten Welle einfach nichts getan haben und alle vor sich hinsterben gelassen haben, wenn es denn nun bei der zweiten Welle passieren kann. Es ist doch unlogisch, es ist doch die gleiche Situation wie vorher. Kein Impfstoff, das Virus ist ziemlich lebendig.<\/p>\n<p>Die Stimmung ist die, \u201eNaja, an uns Deutschen geht das einfach vorbei. Krank und arm sind doch nur die anderen\u201c, ziemlich arrogant, nat\u00fcrlich auch besonnen. Ich finde diese Besonnenheit ja bewundernswert, aber teile sie nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich frage mich tats\u00e4chlich, warum nun alle so erpicht darauf sind, dass ja alle Sch\u00fcler*innen ihre Pr\u00fcfungen ablegen, so als w\u00fcrde unser \u00dcberleben davon abh\u00e4ngen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>21.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Gestern Abend habe ich nach der Tagesschau und dem Corona-Spezial in der ARD noch \u201eHart aber fair\u201c im Fernsehen geguckt (vgl. Plasberg 20.4.2020), was ich sonst eigentlich nie gesehen habe. Aber nun interessiert es mich schon, die allgemeine Meinung mitzubekommen.<\/p>\n<p>Ich frage mich tats\u00e4chlich, warum nun alle so erpicht darauf sind, dass ja alle Sch\u00fcler*innen ihre Pr\u00fcfungen ablegen, so als w\u00fcrde unser \u00dcberleben davon abh\u00e4ngen. Gerade in diesem jungen, innovativen Bereich k\u00f6nnte es doch so viele andere M\u00f6glichkeiten geben, Unterricht durchzuf\u00fchren und Pr\u00fcfungen abzulegen und wird ja auch tats\u00e4chlich umgesetzt (zumindest an der Schule meines Sohnes und das ist kein gehyptes Gymnasium, sondern eine einfache Sekundarschule bei uns um die Ecke). Und vor allem auch zu lesen, zu recherchieren, in die Tiefe zu gehen \u2013 sind wir alle nur noch oberfl\u00e4chig? Ich glaube nicht, immerhin wird im Abitur immer noch (!) auch Geschichte, Literatur, Malerei diskutiert. Ich vermute, dass sich einfach einige Schlaumeier diese Diskussion zu eigen machen und anderen zu wenig zugeh\u00f6rt wird, z.B. den Sch\u00fcler*innen und Lehrer*innen selbst.<\/p>\n<p>Ich fand diesen st\u00e4ndigen Fokus auf die gesprochene Sprache schon immer bl\u00f6d und einseitig.<\/p>\n<p>Aber wahrscheinlich geht es gar nicht darum. Wahrscheinlich ist es einfach das sozialdarwinistische Interesse einer Lobby, dass nun alles \u201ezur Normalit\u00e4t\u201c post Coronam \u201ezur\u00fcckkehrt\u201c und wir weiterhin schnell, schneller und h\u00f6her, weiter wirtschaftlich dem Abgrund hinterherrennen. Vielleicht sollten wir das Abstandhalten aus dem Alltag, das in Corona-Zeiten zumindest theoretisch (aber in Wilmersdorf praktisch wieder gar nicht) eingehalten werden sollte, auch im Denken zulassen und uns etwas Zeit mit lauter voreiligen Entscheidungen lassen?<\/p>\n<p>Ich war auch wieder spazieren, wieder in der unmittelbaren Umgebung, aber ein paar andere Stra\u00dfenseiten vom Heidelberger Platz in Richtung Friedenau hinein. Es ist schon lustig, wie es wie im Sommer am FKK-Strand von Graal-M\u00fcritz an der Ostsee aussieht: Alle eher ohne Textil, aber manche tragen doch etwas undefiniertes Textiles, aber immer an irgendeiner spontan ausgew\u00e4hlten Stelle. Manche ziehen den Mundschutz an das Kinn und laufen dann mit unbedecktem Mund und Nase ihren schweren Einkaufst\u00fcten von Aldi los; wahrscheinlich hatten sie den textilen Schutz nur im Supermarkt richtig auf. Andere meinen, dass nur der Mund damit gemeint war und lassen die Nase oben frei rausgucken.<\/p>\n<p>Ich habe meinen neu von meiner Mutter gen\u00e4hten Schutz, der eher wie eine Maske wirkt, ausgef\u00fchrt. Sie hatte ja zuerst die Drostensche Maske aus dem Tagesspiegel nachgen\u00e4ht, die den einmal genutzten Baumwollteilen \u00e4hnelt, wie sie sonst im Stadtbild mal hier mal da in verschiedenen Farben, aber am meisten in einem Mintgr\u00fcn, auftauchen. Sie sa\u00df aber nicht gut, rutschte immer im Gesicht herum. Und nun hat sie ein neues, ausgepolstertes herzf\u00f6rmiges Modell, was irre gut sitzt und bis kurz unter das Kinn geht, an beiden Ohren ansetzt und bis \u00fcber die Nase reicht. Vorne hat sie bei der Nase einen lustigen, abgerundeten Schwung und sieht mit dem altrosafarbenen Karomuster richtig schick aus.<\/p>\n<div id=\"attachment_9055\" style=\"width: 394px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9055\" class=\"size-full wp-image-9055\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/16-karierte-maske.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9055\" class=\"wp-caption-text\">Altrosakarierte Mund-Nasen-Schutzmaske, Foto: Josias Scharf.<\/p><\/div>\n<p>Da ich bei der hellen Sonne auch eine Sonnenbrille dazu trage, was f\u00fcr den Schutz nat\u00fcrlich optimal ist (\u00fcberhaupt Brillen), bin ich v\u00f6llig in meiner Gesichtswelt eingeschlossen. Zuerst denke ich, dass es wie ein Schleier wirkt, aber das stimmt nicht \u2013 schlie\u00dflich zeige ich meine Haare. Im Grunde genommen ist es ein umgedrehter Schleier, genau das Gegenteil.<\/p>\n<p>Als ich den Biom\u00fcll in die Tonne werfen wollte, stand da gerade der M\u00fcllmann und hielt mir den Beh\u00e4lter auf. Ich bedankte mich, wusste aber gleichzeitig, dass er mein L\u00e4cheln dazu nicht sehen konnte \u2013 das ist schon merkw\u00fcrdig, da ich es gewohnt bin, auch mit meinem Gesichtsausdruck zu reden.<\/p>\n<p>Mir ist klar, dass der \u201eSchutz\u201c gar keiner ist und mehr \u00fcber unsere Ungewissheit und unser Unwissen zeugt, aber in dieser Hinsicht passt er immerhin zum Virus; \u00fcber ihn wissen wir schlie\u00dflich auch viel zu wenig, um angemessen damit umgehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9057\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9057\" class=\"size-full wp-image-9057\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/17-ubergang-heidelberger-platz.jpg\" alt=\"\" width=\"610\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9057\" class=\"wp-caption-text\">\u00dcbergang an der S-Bahn Heidelberger Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Im Grunde genommen f\u00fchlt sich diese Gesichtsmaske wie ein Maulkorb an oder ein Knebel, wie er auf den ikonographischen Darstellungen der Sklavin Anast\u00e1cia auch in der Umbanda bekannt ist. Anast\u00e1cia soll 1740 in Minas Gerais (einem Bundesstaat von Brasilien) geboren worden sein und war als Heilerin und Handauflegerin t\u00e4tig. Da sie sich als versklavte und Schwarze Frau nicht von ihrem Besitzer vergewaltigen lassen wollte, musste sie zur Strafe ihr Leben lang eine Mundmaske aus Eisen, eine sogenannte <em>M\u00e1scara de Flandres<\/em>, tragen, die ein Folterwerkzeug im kolonialen Brasilien war. Ihre Geschichte wird im Volksmund in Brasilien erinnert und sie wird in der Umbanda als Heilige verehrt. Eine Zeichnung von Jacques Arago von 1839 wurde zu einer ikonographischen Darstellung (vgl. Burdick, John 1998: <em>Blessed Anastacia: Women, Race, and Popular Christianity in Brazil<\/em>, New York: Routledge).<\/p>\n<p>Die <em>M\u00e3e-de-Santo<\/em> Zilda aus Tucuruvi, dessen Umbanda-Haus ich f\u00fcr meine Magisterarbeit beschrieben und analysiert habe, hatte ein Gedicht an die <em>Escrava<\/em> Anast\u00e1cia (die Sklavin Anast\u00e1cia) unter ihrem Altar aufbewahrt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gedicht an Anast\u00e1sia<\/strong><\/p>\n<p>Prinzessin, die zur G\u00f6ttin wurde<\/p>\n<p>G\u00f6ttin, die zur Sklavin gemacht wurde<\/p>\n<p>Sklavin, die Prinzessin war<\/p>\n<p>Gib\u2019 uns die Sch\u00f6nheit deines K\u00f6rpers<\/p>\n<p>und die Ernsthaftigkeit deiner Seele<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Versklavte G\u00f6ttin. Versklavte Prinzessin<\/p>\n<p>Prinzessin und G\u00f6ttin, der der Mund verboten wurde<\/p>\n<p>aber nicht den rebellischen Schrei unterdr\u00fccken konnte<\/p>\n<p>gib\u2019 uns dein rebellisches Sein<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Sklavin, die zur G\u00f6ttin gemacht wurde<\/p>\n<p>G\u00f6ttin, die als Prinzessin geboren wurde<\/p>\n<p>Prinzessin, die frei geboren wurde<\/p>\n<p>gib\u2019 uns die Melancholie deines Blickes<\/p>\n<p>und den Stolz deiner Haltung<\/p>\n<p>und befreie uns vom Knebel<\/p>\n<p>der uns heute immer noch bedroht<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Poema a Anastacia<\/p>\n<p>Princesa que se fez Deusa<\/p>\n<p>Deusa que fizeram escrava.<\/p>\n<p>Escrava que era Princesa.<\/p>\n<p>Da\u00ed-nos a beleza de teu corpo e a serenidade de tua alma.<\/p>\n<p>Am\u00e9m.<\/p>\n<p>Deusa. Escrava.<\/p>\n<p>Escrava Princesa, Princesa Deusa que taparam a boca,<\/p>\n<p>mas n\u00e3o suprimiram o grito rebelde, da\u00ed-nos tua rebeldia.<\/p>\n<p>Am\u00e9m.<\/p>\n<p>Escrava que fizeram Deusa.<\/p>\n<p>Deusa que nasceu Princesa, Princesa que nasceu livre,<\/p>\n<p>dai-nos a melancolia do teu olhar<\/p>\n<p>e a altivez do teu porte e livrai-nos da morda\u00e7a que, ainda hoje, nos amea\u00e7a.<\/p>\n<p>Am\u00e9m.<\/p>\n<p>Deusa M\u00e1rtir, Escrava Deusa, Princesa Linda, dai-nos teu amor e tua coragem.<\/p>\n<p>Am\u00e9m.<\/p>\n<p>Deusa do povo, Escrava de um povo, Princesa do teu povo,<\/p>\n<p>dai-nos a f\u00e9 do povo, a for\u00e7a do povo, o amor do povo,<\/p>\n<p>para que possamos ser mulheres e homens dignos do povo.<\/p>\n<p>Am\u00e9m.<\/p>\n<p>Mulher escrava, Deusa mulher, mulher Princesa,<\/p>\n<p>dai-nos tua for\u00e7a para lutarnos e nunca sermos escravos,<\/p>\n<p>porque n\u00e3o somos t\u00e3o rebeldes como tu.<\/p>\n<p>Assim seja. Am\u00e9m.]<\/p>\n<p>(Anonym, zitiert in: Scharf da Silva 2017[2004]: <em>Umbanda. Eine Religion zwischen Candombl\u00e9 und Kardezismus. \u00dcber Synkretismus im st\u00e4dtischen Alltag Brasiliens.<\/em> Berlin: Humboldt Universit\u00e4t: 123)<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht ist es das, was die Leute hierzulande davon abh\u00e4lt, sie zu ben\u00fctzen, weil sie das Gef\u00fchl haben, dass ihnen damit symbolisch der Mund verboten wird?<\/p>\n<p>Ich finde die Deutschen schon ziemlich frech und arrogant. Die Grundstimmung ist wohl eher \u201eAch, das wird schon an uns vorbeigehen. Die da in anderen L\u00e4ndern im S\u00fcden, ja, da bricht die Krankheit in vollem Ma\u00dfe aus, aber hier nicht.\u201c<\/p>\n<p>Auf Facebook habe ich meine Liste an B\u00fcchern mit Amy Tan \u203aDie hundert verborgenen Sinne\u2039, Sylvia Plath \u203aThe bell jar\u2039 und Rosi Braidotti \u203aPolitik der Affirmation\u2039 zu Ende gef\u00fchrt, aber niemand reagiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Alle leiden an \u201eRestriktionen\u201c, \u201eEingesperrtsein\u201c, \u201ean unseren Wohnraum \u201egefesselt\u201c (Lussem 20.4.2020) sein und einem angenommenen Obrigkeitsdenken und \u00e4ngstigen sich vor Bevormundung. Ich nicht, da sie ja nicht vorhanden ist und alle lustig durch die Gegend spazieren und auch ihre Meinung sagen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>22.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Alle leiden an \u201eRestriktionen\u201c, \u201eEingesperrtsein\u201c, \u201ean unseren Wohnraum \u201egefesselt\u201c (Lussem 20.4.2020) sein und einem angenommenen Obrigkeitsdenken und \u00e4ngstigen sich vor Bevormundung. Ich nicht, da sie ja nicht vorhanden ist und alle lustig durch die Gegend spazieren und auch ihre Meinung sagen. Ich \u00e4ngstige mich vor der R\u00fcckkehr zu einer Normalit\u00e4t, die t\u00f6dlich ist, in vielerlei Hinsicht. Erstmal tats\u00e4chlich wegen Corona, obwohl ich das hierzulande ja gar nicht mehr sagen darf, weil doch die Situation die gleiche wie vor ein bzw. zwei Monaten ist und der Virus sich rasant ausbreiten kann. Und andererseits bef\u00fcrchte ich, dass die extremen Meinungen zunehmen, wie auch immer sie sich markieren (als rechts oder links, da scheinen so manchen Grenzen zu verschwimmen). Ich sehe sie nicht in Angela Merkel, sondern in denen, die es \u201enat\u00fcrlich\u201c finden, dass Alte und Vorerkrankte wie ich eben sterben. Das ist sozialdarwinistisch! Das soll links sein, spirituell, reflektiert? Ich glaube, dass ich spinne!<\/p>\n<p>Mir ist zum Heulen zumute. Vielleicht sollte ich einfach rausgehen, alles erledigen und mich in den Supermarkt und in die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel begeben wie alle anderen, distanzlos, weil wir uns ja alle so gerne m\u00f6gen und st\u00e4ndig dr\u00e4ngeln m\u00fcssen als Ausdruck dieses f\u00fcrchterlichen Gernhabens. Wenn dann nur ich als Kranke und Behinderte sterbe, ist es eben \u201enat\u00fcrlich\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_9061\" style=\"width: 514px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9061\" class=\" wp-image-9061\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/19-heidelberger-platz.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"355\" \/><p id=\"caption-attachment-9061\" class=\"wp-caption-text\">S-Bahnhof Heidelberger Platz in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Gerade las ich einen Text, der davon sprach, dass wir nicht nur den Tod sch\u00e4tzen, sondern auch den Abschied lernen sollten (vgl. Fischer 20.4.2020).<\/p>\n<blockquote><p>\u201eM\u00f6glichst viele Menschen am Leben zu erhalten, scheint das Gebot der Stunde zu sein. In dieser Leitidee manifestiert sich der Umgang unserer Gesellschaft mit Verg\u00e4nglichkeit. Wir sind beh\u00f6rdlich dazu angehalten, alles daran zu setzen, dass m\u00f6glichst wenige sterben, dass das Gesundheitswesen nicht \u00fcberlastet wird. Mit welcher Art von \u00abWesen\u00bb haben wir es hier eigentlich zu tun? [\u2026]<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir uns dem Verlust zuwenden und mit ihm eine vers\u00f6hnlichere Form von Beziehung finden \u2013 ihn und seine Facetten kennenlernen, uns darin \u00fcben, Abschied zu nehmen, zu akzeptieren, dass das Vergehen zum Werden geh\u00f6rt, dass es unausweichlich damit verbunden ist.\u201c (Sabina Fischer 20.4.2020).<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun, das habe ich in meiner schweren Krankheitsphase auch geschrieben, dass in unserer Kultur der Tod tabuisiert wird. Aber der Tenor war ein anderer. Ich wollte offen sein d\u00fcrfen, \u00fcber meine Krankheit reden d\u00fcrfen ohne st\u00e4ndig dabei fr\u00f6hlich sein zu m\u00fcssen. Diese Texte, die da jetzt entstehen, kommen aber von wohlgen\u00e4hrten, gut versorgten, mitten im Leben stehenden, erfolgreichen und reichen Menschen, die \u2013 so scheint es mir zumindest \u2013 jetzt nicht solidarisch mit anderen sterben wollen, sondern einfach bereit sind, sich von anderen, die sterben, zu verabschieden. Wie sch\u00f6n! Mich kotzt das derma\u00dfen an.<\/p>\n<p>Ich heule. Vielleicht sollte ich einfach aufh\u00f6ren, mich um mich zu sorgen, schlie\u00dflich sterben so viele andere Menschen auch auf dieser Welt. Ich bin doch nur eine unter vielen.<\/p>\n<p>Ja, ich bin schwach. Ich bin wirklich krank.<\/p>\n<p>Und eigentlich sollte ich mich nicht wie eine Schildkr\u00f6te verhalten, denn das Leben ist endlich. So viele werden mich schon nicht vermissen. Ich habe ein Kind bekommen und zwei B\u00fccher geschrieben, viele bl\u00f6de Bilder gemalt, die sowieso niemand sehen will, das reicht.<\/p>\n<p>Ein Freund von mir postet in der Timeline von WhatsApp eine Schildkr\u00f6te und schreibt dazu \u201eSei mutig\u201c, haha! Hier in Wilmersdorf scheint es nur mutige Menschen zu geben und ich wei\u00df jetzt einmal mehr, warum die Schildkr\u00f6te schon immer mein Lieblingstier gewesen ist. Als ob Schildkr\u00f6ten nicht mutig seien, so lange zu leben. Jedenfalls ist es mir sympathischer, mich mit einer Schildkr\u00f6te zu identifizieren als mit einem (Versuchs)-Kaninchen!<\/p>\n<p>Mich hat das gerade so aufgeregt, dass ich nun endlich auch mal darauf reagiert habe und schrieb auf Facebook an N.N., einem Umbandisten aus der Schweiz, der meinte, dass \u201edieser sch\u00f6ne, besinnliche Text auf diesem ganz besonderen Blog [\u2026] aus der Seele\u201c spreche:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eLieber N.N., ich habe diesen Text auch gelesen, weil ich Dich als sensiblen Schreiber und Leser uns sympathischen Menschen sch\u00e4tze. Und vielleicht habe ich diesen Beitrag ja falsch gelesen und m\u00f6chte gerne Deine Meinung dazu nachvollziehen k\u00f6nnen, da dieser Text f\u00fcr mich als \u201eRisikoperson\u201c (Ok, ist ein merkw\u00fcrdiger Begriff) eher sozialdarwinistisch klingt. Verstehe ich es richtig, dass die \u00e4ltere Generation sowie die chronisch Kranken und behinderten Menschen \u201eeben\u201c verabschiedet werden und die gesunden, reichen und \u201efittest\u201c (um damit einen Begriff der Sozialdarwinisten zu verwenden) das als \u201enat\u00fcrlich\u201c hinnehmen? Bin ich egoistisch und unnat\u00fcrlich, weil ich keine Lust aufs Sterben habe?<\/p>\n<p>In der Phase des Ausbruchs meiner Krankheit habe ich auch viel dar\u00fcber geschrieben, dass Tod und Verg\u00e4nglichkeit in unserer Kultur enttabuisiert werden sollten, aber der Tenor war ein anderer. Ich wollte das Recht einfordern, \u00fcber Krankheit als Teil des Lebens reden zu k\u00f6nnen statt immerzu fr\u00f6hlich sein zu m\u00fcssen. Eigentlich m\u00fcssten dann immerhin die, dies ich nun im Abschied nehmen \u00fcben und damit eine offenere Gesellschaft w\u00fcnschen, solidarisch mit den Menschen sein, die nun als anders markiert werden \u2013 die Faveladas in Brasilien, behinderte, kranke, alte Menschen \u2013 und gemeinsam mit ihnen sterben. Das w\u00e4re menschlich und solidarisch.<\/p>\n<p>Es tut mir leid, aber die Leute, die sich mal f\u00fcr ein paar Monate nicht ins Menschenget\u00fcmmel st\u00fcrzen d\u00fcrfen, sondern im Park oder im Wald herumspazieren, tun mir gerade echt nicht leid. Ich lebe lokal, aber denke global. Auch wenn der Kelch gerade an uns vorbeizugehen scheint, denke ich an die Menschen auf der Welt, wo es nicht so ist \u2013 wo es keinen Sozialstaat gibt, der an ihr Wohlergehen denkt, sondern nur das Weiterpulsieren der elendigen Wirtschaft.<\/p>\n<p>Das sind meine Gedanken dazu, bitte teil mir Deine dazu mit, ja? Herzlich und Ax\u00e9!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Mal sehen, was er mir darauf antwortet. Ob er mir antwortet?<\/p>\n<p>Da ich nun ja gerade doch wieder auf Facebook unterwegs bin, lese ich einen Eintrag von Sandra Bello, der mir aus der Seele spricht:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cMuito preocupada com essa euforia que est\u00e1 sendo propagada em rela\u00e7\u00e3o a Alemanha. O isolamento social fez com que a Alemanha a achasse a curva controlou o pico.<\/p>\n<p>Isso n\u00e3o significa que a pandemia acabou ou est\u00e1 cientificamente sob controle.<\/p>\n<p>E tamb\u00e9m o relaxamento da isola\u00e7\u00e3o social, est\u00e1 se dando pela press\u00e3o do Capitalismo.<\/p>\n<p>O achatamento da curva, est\u00e1 sendo usado politicamente pelos tubar\u00f5es do capital<\/p>\n<p>Pela ansiedade do consumo.<\/p>\n<p>Viver \u00e9 gastar, gastar, explorar.<\/p>\n<p>Esse achatamento deveria ser um entusiasmo<\/p>\n<p>Par\u00e1 refor\u00e7ar a efici\u00eancia do isolamento social.<\/p>\n<p>Os cientistas darem informes sobre como anda os estudos em rela\u00e7\u00e3o ao v\u00edrus. A que p\u00e9 estamos.<\/p>\n<p>Ao contr\u00e1rio disso o capital se apropria desse pequeno sucesso, que faz parte de um processo bem mais longo.<\/p>\n<p>Atentes.<\/p>\n<p>A Alemanha n\u00e3o est\u00e1 sozinha no mundo<\/p>\n<p>Ninguem vai vencer sozinhos.<\/p>\n<p>Querendo ou n\u00e3o<\/p>\n<p>Estamos todos interligados<\/p>\n<p>A pandemia<\/p>\n<p>Evid\u00eancia.<\/p>\n<p>Segura a onda Alemanha<\/p>\n<p>O epicentro do Capital.<\/p>\n<p>S.B.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/hashtag\/pelacontinuidadedoisolamentosocial?__cft__%5B0%5D=AZVVpmSORaRxSVdmdqnH76vWdLpJqPBL6QvsPQPNOL8x76o4rD98cYWvXGFOaSb9BgODZsyLnsDByQJSXBfxnSVbEf5eFdrvAJl1a75-RhsKZ0qHY2i3xh2vdXH-aoJOjs7UiDwgse3Ztm3KX10oaysi&amp;__tn__=*NK-R\"><strong>#PELACONTINUIDADEDOISOLAMENTOSOCIAL<\/strong><\/a> <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/hashtag\/prote\u00e7\u00e3oparatodesdocumentadesenaodocumentades?__cft__%5B0%5D=AZVVpmSORaRxSVdmdqnH76vWdLpJqPBL6QvsPQPNOL8x76o4rD98cYWvXGFOaSb9BgODZsyLnsDByQJSXBfxnSVbEf5eFdrvAJl1a75-RhsKZ0qHY2i3xh2vdXH-aoJOjs7UiDwgse3Ztm3KX10oaysi&amp;__tn__=*NK-R\"><strong>#PROTE\u00c7\u00c3OPARATODESDOCUMENTADESENAODOCUMENTADES<\/strong><\/a>\u201c<\/p>\n<p>[\u201eIch bin sehr besorgt \u00fcber die Euphorie, die \u00fcber Deutschland verbreitet wird. Die soziale Isolation f\u00fchrte dazu, dass in Deutschland die Kurve abflachte und den H\u00f6hepunkt kontrollierte.<\/p>\n<p>Dies bedeutet nicht, dass die Pandemie vorbei oder wissenschaftlich unter Kontrolle ist.<\/p>\n<p>Und auch die Lockerung der sozialen Isolation findet unter dem Druck des Kapitalismus statt.<\/p>\n<p>Die Abflachung der Kurve wird von Haien in der Hauptstadt politisch genutzt<\/p>\n<p>Durch Konsumangst.<\/p>\n<p>Leben hei\u00dft ausgeben, ausgeben, erkunden.<\/p>\n<p>Diese Abflachung sollte eine Begeisterung sein<\/p>\n<p>St\u00e4rkung der Effizienz der sozialen Isolation.<\/p>\n<p>Wissenschaftler berichten, wie die Studien zum Virus verlaufen. Wie weit sind wir?<\/p>\n<p>Im Gegenteil, das Kapital eignet sich diesen kleinen Erfolg an, der Teil eines viel l\u00e4ngeren Prozesses ist.<\/p>\n<p>Passt auf.<\/p>\n<p>Deutschland ist nicht allein auf der Welt<\/p>\n<p>Niemand wird alleine gewinnen.<\/p>\n<p>Ob oder nicht<\/p>\n<p>Wir sind alle miteinander verbunden<\/p>\n<p>Die Pandemie<\/p>\n<p>Beweist es<\/p>\n<p>Halte die Welle, Deutschland<\/p>\n<p>Das Epizentrum des Kapitals.<\/p>\n<p>S.B.<\/p>\n<p>#SOCIALSOLIDELESSINFORMATION # SCHUTZ F\u00dcR DOKUMENTE AUS DEN DOKUMENTEN\u201c]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist schon komisch, dass ich schon wieder nicht deutsch, sondern brasilianisch denke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>23.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Endlich besch\u00e4ftigt sich mal jemand mit der gleichen Frage wie ich, warum nun unbedingt Pr\u00fcfungen in Deutschland an den Schulen durchgef\u00fchrt werden. Mein Sohn schickt mir per WhatsApp ein Video des Youtubers Rezo, indem er sagt, dass die jetzige Logik, alle Kontaktbeschr\u00e4nkungen wieder zu lockern und die Sch\u00fcler*innen wieder zur Schule gehen sollen (nach und nach, Ariu ist noch nicht dran) so gut sei, wie wenn man nach einer Weile, wenn alle Menschen verh\u00fcten und die jungen M\u00e4dchen keine ungewollten Kinder zur Welt bringen, dann auf einmal sagen w\u00fcrde: Gut, das hat ja geklappt, dann nehmen wir das mal weg und v\u00f6geln alle ohne Verh\u00fctung (vgl. Rezo 22.4.2020). Was w\u00fcrde wohl passieren?<\/p>\n<p>Ariu schmunzelt dar\u00fcber, aber es geht ihm vor allem um die Stelle, in der er mich, seine Oma (die Asthma hat) oder \u00e4ltere Lehrer*innen unwissend anstecken und in Lebensgefahr bringen k\u00f6nnte. Er spricht ganz besonnen mit mir und versichert mir, dass es ihm gut gehe, aber ich finde es erschreckend, dass die jungen Menschen solche Verantwortung \u00fcbernehmen sollen und frage mich, ob es denn alle tun oder sich auch verweigern? Das Risiko eingehen, dass sie die \u00dcbertr\u00e4ger*innen sind und andere deswegen sterben?<\/p>\n<p>Mitten in dieser gesellschaftlichen Krise hat er u.a. eine Hausaufgabe auf, in der er sich mit seinem \u201eTraumberuf\u201c auseinandersetzen soll; dabei bemerke ich, wie desillusioniert ich schon bin (aber nicht erst seit Corona), weil er sagt, dass er sich wohl, zu Hause sicher und auch frei f\u00fchlt und jetzt entdecken m\u00f6chte, was f\u00fcr ihn der \u201eSinn des Lebens\u201c sei \u2013 weil das eine der Fragen aus dem Fragekatalog war. Er m\u00f6chte Fachinformatiker, Erzieher oder beides werden. Er hat so viel Vertrauen in die Welt. Wie gut, immerhin habe ich ihn nicht mit meiner pessimistischen Grundstimmung angesteckt.<\/p>\n<p>N.N., der alte spirituelle Gef\u00e4hrte von mir, den ich auf Facebook angesprochen habe, hat mir nicht geantwortet. So ist das. Ein harter Brocken f\u00fcr mich, dass ich nicht einmal eine Antwort wert bin.<\/p>\n<div id=\"attachment_9063\" style=\"width: 539px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9063\" class=\" wp-image-9063\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/20-rheingauviertel.jpg\" alt=\"\" width=\"529\" height=\"365\" \/><p id=\"caption-attachment-9063\" class=\"wp-caption-text\">Im Rheingauviertel in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Als ich heute durch wieder andere Nebengassen des Rheingauviertels spaziert bin, wo alles so paradiesisch aussieht, dachte ich an den Anteil von Xang\u00f4<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> in mir, der die Ungerechtigkeit nicht ertr\u00e4gt, einfach den Rest der Welt und alle, die sich nicht immer sicher und cool f\u00fchlen und weniger Chancen haben, zu vergessen. Ich sp\u00fcrte diesen Orix\u00e1 und wusste, dass er in dieser Eigenschaft schon immer bei mir gewesen ist. Ich hatte bislang nur sein oberfl\u00e4chliches Wesen eines Machos und Frauenhelds und guten Essers wahrgenommen, aber nicht seine geballte und gleichzeitig liebensw\u00fcrdige Kraft, der wie ein alter Gewerkschafter wie Lula da Silva f\u00fcr Gerechtigkeit einsteht. Und siehe da, heute Abend gab es in der <em>Casa St. Michael<\/em> ein gro\u00dfes Ritual f\u00fcr Xang\u00f4 und Iemanj\u00e1, durchgef\u00fchrt von <em>M\u00e3e <\/em>Gabriele.<\/p>\n<blockquote><p>Die geplante Arbeit mit Xang\u00f4 und Yemanja f\u00fcr den 22.04.2020 um 18 Uhr wird verschoben auf Do., den 23.04.2020, Teilnahme nur von zu Hause. Bitte verbindet Euch um 18 Uhr mit uns. Z\u00fcndet eine rote Kerze und t\u00fcrkise\/hellblaue (alternativ 2 wei\u00dfe) an. Betet und singt f\u00fcr Xang\u00f4 und Yemanja. (Facebook Post).<\/p><\/blockquote>\n<p>Und mein Mann kochte, was f\u00fcr ein Zufall, brasilianisches Huhn mit Reis, Kartoffeln und Okraschoten, Xang\u00f4s Leibgericht (die Okraschoten), in Tomatenso\u00dfe, dazu eine Vinaigrette mit frischem Koriander, Tomaten und Pimenta. Ich hatte eine rote Kerze f\u00fcr Xang\u00f4 und eine hellblaue Kerze f\u00fcr Iemanj\u00e1 angez\u00fcndet, meine Ketten aus Brasilien getragen und f\u00fcr sie gesungen, mehr Yor\u00f9b\u00e1 als Brasilianisch. Die Kerzen brennen jetzt noch, w\u00e4hrend ich auf dem Sofa sitze und schreibe. Die <em>guias<\/em>, die sakralen Ketten, liegen drumherum und repr\u00e4sentieren die Pr\u00e4senz der Orix\u00e1s und der spirituellen Wesen. Die Nacht bricht an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich lege mich in die Ruhe, bade in ihr, genie\u00dfe sie, lasse mich in sie fallen. So lange habe ich darauf gewartet.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>24.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich lege mich in die Ruhe, bade in ihr, genie\u00dfe sie, lasse mich in sie fallen. So lange habe ich darauf gewartet.<\/p>\n<p>Ich mache mir Sorgen um Ariu, wie er als F\u00fcnfzehnj\u00e4hriger mit dieser gesellschaftlichen Krise umgeht. Er freut sich \u00fcber Spiegeleier, Lasagne, tanzen und Vanilleeies mit frischen Erdbeeren. Seine Antwort ist: Mir geht es gut, ich genie\u00dfe die Zeit hier zu Hause. Aber ich bin traurig, dass so viele so schnell an Corona sterben. Er bringt es auf den Punkt, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>25.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Wie gut, dass nun eines meiner Lieblingsthemen \u00fcberhaupt zur Sprache kommt: die Unsicherheit, wie ich sie 2015 in einem Text \u201e<em>\u00dcber die schwere H\u00f6rigkeit<\/em>\u201c (In: Klein, Uta, Hg., 2015: Inklusive Hochschule. Im Spannungsfeld zwischen Hochschule im Wettbewerb, Bologna-Reform und UN-Behindertenrechtskonvention. Weinheim: Beltz Juventa-Verlag) beschrieben habe. Der derzeitige Direktor des Futuriums (dem Haus der Zuk\u00fcnfte) in Berlin (wo ich mich Anfang des Jahres um eine Stelle beworben habe) meint, dass Unsicherheit auf das Kommende eine Voraussetzung daf\u00fcr ist, \u201eum \u00fcberhaupt ernsthaft Zukunftsgestaltung in den Blick nehmen zu k\u00f6nnen\u201c (Stefan Brandt 8.4.2020). Dass \u00fcberhaupt so viel \u00fcber eine Zeit nach der Pandemie diskutiert wird, ist erst einmal ein Zeichen der Hoffnung, da irgendwie alle davon ausgehen, dass wir diese Zeiten \u00fcberleben. Viele werden es ja wahrscheinlich nicht \u00fcberleben, soweit die Weltlage aussieht\u2026 Also, f\u00fcr die, die dann doch \u00fcberleben. \u201e[\u2026] die Zukunftsdeutungen f\u00fcr die \u201eNach-Corona-Zeit\u201c reichen von dystopischen Szenarien wie dem Zusammenbruch der Demokratien bis hin zu Utopien \u00fcber eine klimagerechte Welt\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>[\u2026] Statt mir in dieser Zeit ein schlechtes Gewissen einzureden, w\u00e4re doch ein liebes Wort viel angebrachter. Meine Akustikerin hat mir ein P\u00e4ckchen H\u00f6rger\u00e4tebatterien geschickt, worum ich sie gebeten habe, dazu Schokolade und drei Masken in Mintgr\u00fcn, dazu schrieb sie einen Zettel: \u201eWir regeln das so. Gesunde Gr\u00fc\u00dfe!\u201c Solche Menschen gibt es auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es ist schon komisch &#8211; ich bemerke, dass ich es bef\u00fcrchte, dass die Welt sich wieder \u00f6ffnet. Nat\u00fcrlich auch wegen der Gefahr, aber auch, weil ich mich schon so an sie gew\u00f6hnt habe und sie so erf\u00fcllt und ruhig ist. Es ist diese Ruhe, die ich lange gesucht habe.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>26.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Es ist schon komisch &#8211; ich bemerke, dass ich es bef\u00fcrchte, dass die Welt sich wieder \u00f6ffnet. Nat\u00fcrlich auch wegen der Gefahr, aber auch, weil ich mich schon so an sie gew\u00f6hnt habe und sie so erf\u00fcllt und ruhig ist. Es ist diese Ruhe, die ich lange gesucht habe.<\/p>\n<p>Ich habe es vorher zeitlich und kr\u00e4ftem\u00e4\u00dfig nicht geschafft, gleichzeitig zu arbeiten, zu malen, mit Ariu zu reden und seine schulischen Aufgaben zu verfolgen, den Haushalt zu f\u00fchren. Bei uns sah es immer aus wie bei Hempels unterm Sofa. Jamiro kocht zwar regelm\u00e4\u00dfig seine Feijoada und andere brasilianische Hausmannskost, aber ihn interessiert der gro\u00dfe Blick \u00fcber die Wohnung nicht. Alles wird in allerletzter Minute erledigt, wenn irgendwas oder irgendwer etwas einfordert, sonst bleibt es liegen. Ariu scheint als sozialer und sensibler Mensch und seiner Intelligenz auch ohne Flei\u00df und Interesse seine Aufgaben erledigen zu k\u00f6nnen. Jetzt, wo f\u00fcr ihn alles freier ist, umso besser.<\/p>\n<p>Die Feijoada ist das brasilianische Nationalgericht und besteht aus schwarzen Bohnen, die mit Resten von ger\u00e4uchertem Rind- und Schweinefleisch sowie Lorbeer und Knoblauch gekocht werden (also Zunge, Schweineohren und -f\u00fc\u00dfen usw., die wir aber ein Gl\u00fcck nicht essen, aber auch W\u00fcrsten). Dazu gibt es Reis und Farofa, mit Butter oder Palm\u00f6l in der Pfanne ger\u00f6stete Farinha (Mandiokamehl). Meist werden in Ringen geschnittene Orangenscheiben dazu gereicht, es passen aber auch Bananenscheiben dazu. Das Gericht erinnert wegen der Resteverwertung des nicht von den Hausherren gegessenen Fleisches an die koloniale Sklaverei.<\/p>\n<p>Wenn jemand dazu sagt, dass die Feijoada ein \u201eBohneneintopf\u201c sei, wird mein Mann sauer, weil es f\u00fcr ihn abwertend klingt. Genau diese Reaktion bringt es auf den Punkt, wie sehr dieses Gericht wertgesch\u00e4tzt wird. W\u00e4hrend Deutsche, die im Ausland leben, sich nach Vollkornbrot sehen, sehnen sich Brasilianer*innen in der Migrationssituation nach Feijoada oder auch anderen Sorten von gekochten Bohnen mit Reis; das ist ein Gef\u00fchl von kulinarischer Geborgenheit und Kindheitserinnerungen.<\/p>\n<p>Mein Mann ersetzt das Fleisch, das es hierzulande nicht in dieser Form zu kaufen gibt, mit Lammhaxen (die es bei Ergodiga, einem t\u00fcrkischen Supermarkt gibt) oder Kassler sowie Mettenden, die er als landestypische Wurst bei Aldi oder Edeka kauft. Das Farinha und die schwarzen Bohnen gibt es im asiatischen Supermarkt zu kaufen und werden wie in Brasilien \u00fcber Nacht in Wasser eingeweicht und im Dampfkochtopf gekocht.<\/p>\n<p>Jetzt ist es schon fast eine Gewohnheit, dass wir zum Fennsee laufen und alle kleineren und gr\u00f6\u00dferen Abh\u00e4nge und Schleichwege direkt am Wasser anstelle der Gehwege um den kleinen See kennen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9065\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9065\" class=\"size-full wp-image-9065\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/21-am-fennsee.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9065\" class=\"wp-caption-text\">Am Fennsee in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Wie gro\u00df ist er eigentlich? Da ich ihn immer mit der Krummen Lanke verglichen habe, erschien er mir immer klein, aber jetzt erkenne ich, dass er wild bewachsen und ein kleiner, stadtnaher Urwald ist. Immer wieder entdecke ich etwas Neues jenseits unseres Lieblingsbaums, einer H\u00e4ngeweide mit zarthellgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern, n\u00e4mlich die ins Wasser wachsenden Wurzeln der B\u00e4ume, die frisch geschl\u00fcpften Entlein und den halb versumpften Boden des Sees.<\/p>\n<div id=\"attachment_9067\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9067\" class=\"size-full wp-image-9067\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/22-baum-am-fennsee.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9067\" class=\"wp-caption-text\">Baum am Fennsee in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Leider k\u00f6nnen wir im Sommer nicht darin schwimmen. Was wird sein, wenn der Sommer und die Hitze kommt? Gerade vermissen wir die Uckermark, wo wir immer zu Ostern zu meinen Eltern ins Ferienhaus gefahren sind, aber das ist eine Zeit des \u00dcbergangs. Der Sommer ist eine starke Zeit, Sonne, Wasser, Natur, Reisen, Entspannung, Sich aufl\u00f6sen im gro\u00dfen Ganzen. Wird es das dieses Jahr geben?<\/p>\n<p>Jamiro befasst sich auch in Pandemie-Zeiten nicht mit der Politik Deutschlands oder Europas, sondern Brasiliens. Das bleibt so. Die YouTube-Kan\u00e4le mit unabh\u00e4ngigen Berichterstattern, aber auch Globo, dokumentieren den erneuten Zusammenbruchs des Systems, aber auch das Leben im Alltag; die sich in die Busse dr\u00e4ngelnden Menschen mit ihren Mund-Nasen-Masken, die dort immerhin sitzen und nicht wie hier zur Seite geschoben werden als seien sie modische Accessoires. In Brasilien hoffen die Menschen inst\u00e4ndig, dass die Masken sie vor der \u00dcbertragung von Corona sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Der Sommer ist eine starke Zeit, Sonne, Wasser, Natur, Reisen, Entspannung, Sich aufl\u00f6sen im gro\u00dfen Ganzen. Wird es das dieses Jahr geben?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist komisch. Obwohl die Familie meines Mannes in Brasilien lebt, verdr\u00e4nge ich das Wissen um die vielen Toten dort. In Manaus, S\u00e3o Paulo, Rio de Janeiro; \u00fcberall da, wo Bolsonaro gew\u00e4hlt worden ist. Grauenvoll. In den evangelischen Freikirchen zeigen sie die Waffe als Handsymbol und haben die gute Regierung von Lula und Dilma gest\u00fcrzt, weil sie \u201ekommunistisch\u201c sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Immerhin gehe ich Spazieren, was ich aber weniger als Sport empfinde als vielmehr als Nachdenken beim Herumlaufen, Denksport.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>27.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute habe ich das erste Mal, seit die Kontaktbeschr\u00e4nkungen wegen der Pandemie ausgesprochen worden sind, meine Eltern getroffen. Das kam eher zuf\u00e4llig zustande, da sie auch auf dem R\u00fcdesheimer Platz herumliefen so wie ich es \u00f6fters tue und weiter gerade aussortierte B\u00fccher und Zeitschriften in die B\u00fcchertauschbox bringe. Alle meine B\u00fccher sind weg und scheinen nun von anderen gelesen zu werden, wie gut! Meine Eltern kamen gerade mit je einer T\u00fcte Eis aus dem Eisladen <em>Lotte am Platz<\/em>, hatten selbstgen\u00e4hte Mund-Nasen-Masken um ihre H\u00e4lse zu h\u00e4ngen als seien es h\u00fcbsche Accessoires. Meine Mutter trug eine wei\u00df-grau-gestreifte Maske, mein Vater eine rot-wei\u00df-schwarz-karierte. Eine Freundin von ihnen, Hildegard, die sie am R\u00fcdi getroffen hatten, trug eine beige gebl\u00fcmte. Jeder anders, gestreift, gebl\u00fcmt, kariert. Wir setzten uns im geb\u00fchrenden Abstand auf eine freie Bank, mein neben mir sitzender Vater hat brav seine baumwollene Maske aufgesetzt und wir guckten in die B\u00e4ume und \u00fcber den Platz, die Sonne schien.<\/p>\n<div id=\"attachment_9069\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9069\" class=\"size-full wp-image-9069\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/23-baume-am-rudi.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9069\" class=\"wp-caption-text\">Sonnendurchflutete B\u00e4ume am R\u00fcdesheimer Platz, Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich denke, dass ich vielleicht gl\u00fccklicherweise doch Unrecht habe und wir hier in Berlin ungeschoren davonkommen! Ich bedanke mich beim Sonnenstrahl, bei den hellgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern. Alles ist so friedlich und fr\u00f6hlich hier, nur ich nicht. Gut, nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Ich w\u00fcnsche mir aus vollem Herzen, dass ich Unrecht habe!<\/p>\n<p>Ich lese nicht mehr so viel Nachrichten und die Zahlen an Toten sagen mir nichts mehr. 50.000 Tote in den USA? Und der Pr\u00e4sident empfiehlt seinen B\u00fcrger*innen, Reinigungsmittel zu trinken? Das ist alles so absurd. Herdenimmunit\u00e4t? Das sind sonderbare Worte aus einer anderen Welt. Das klingt f\u00fcr mich nach Eugenie, nach Massentierhaltung, die wir nun auf die Menschen anwenden. \u201eThe survival of the fittest\u201c l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich am Anfang der Quarant\u00e4ne verga\u00df, regelm\u00e4\u00dfig zu essen, fehlt mir nun der Sport, den ich nicht zu Hause gebacken bekomme. Immerhin gehe ich Spazieren, was ich aber weniger als Sport empfinde als vielmehr als Nachdenken beim Herumlaufen, Denksport.<\/p>\n<p>Ich sollte flei\u00dfiger sein, weil ich vielleicht gar keine Zusage f\u00fcr meine \u00dcbergangsstelle an der HU bekomme und mich dann eben gleich f\u00fcr die \u203aEigene Stelle\u2039 bei der DFG bewerben sollte.<\/p>\n<p>Heute hat Ariu in einem Zoom-Chat mit seiner Klassenlehrerin und den anderen Mitsch\u00fcler*innen erfahren, dass er erst nach den Sommerferien wieder in die Schule geht. Ich hingegen kann mich immer noch nicht mit Zoom anfreunden, sollte es aber wirklich tun\u2026 Wahrscheinlich wird auch Arius Reise in die B\u00f6hmische Schweiz ausfallen, die f\u00fcr das Ende der Sommerferien geplant war\u2026 Auch wenn er immer noch fr\u00f6hlich ist, mache ich mir Sorgen, dass er doch mal in die Sonne gehen sollte. Diese Corona-Lebensphase wird sich noch sehr lange ausdehnen und unser Leben bestimmen.<\/p>\n<p>Ich nehme mir vor, die Reifen meines Fahrrads im n\u00e4chsten Fahrradladen aufpumpen zu lassen und wieder ins Atelier zu gehen, um meine Bilder weiter zu malen. Ob ich das bald schaffe?<\/p>\n<p>N.N. und N.N. sprechen dar\u00fcber, dass sie ihre spirituellen Entit\u00e4ten nun zu Hause inkorporieren und auch gemeinsam in der Natur inkorporieren m\u00f6chten. [\u2026]<\/p>\n<p>Mein Herz h\u00e4lt zu mir, aber mein Verstand nicht! Mein Geist ist daf\u00fcr, dass ich schreibe, lehre, forsche, frei bin, alles hinterfrage. Mein Herz sagt, dass die Entit\u00e4ten sowieso ganz stark und innig bei mir sind; wenn mein Verstand zu bl\u00f6d ist, das zu verstehen, ist das eben so, auch egal.<\/p>\n<p>Eben lese ich den Post eines Bekannten, der vor einiger Zeit auf Facebook berichtete, dass er Corona hat und alles ganz harmlos und cool sei. Bei seiner Frau sei alles ebenso easy. Nun schreibt er, dass er seitdem keinen Geschmack und Geruchssinn mehr habe und es vermisse. Untersch\u00e4tzt das Virus nicht, schreibt er nun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Schicke Gegend, aber was habe ich davon, wenn es innen so eng ist?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>28.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich tr\u00e4umte nachts davon, dass ich mit meinem Mann Jamiro zwei Mal umziehe. Wir haben eine neue Wohnung in Zehlendorf oder so, einem der schickeren Wohnviertel im S\u00fcdwesten von Berlin. Die Umgebung ist zwar sch\u00f6n, voller B\u00e4ume und verwunschen aussehender Villen von der Jahrhundertwende (der vorletzten), aber unsere Wohnung an und f\u00fcr sich ist viel kleiner als die, wo wir jetzt wohnen. Da passen gar nicht all unsere B\u00fccher rein. Ich \u00e4rgere mich. Und wieso sollen wir ausgerechnet jetzt umziehen, wo unsere Wohnung so frisch und neu renoviert ist und ich mich \u00fcber die gr\u00fcne Wand im Wohnzimmer und die im Kinderzimmer freue und wir irgendwie mehr Platz geschaffen haben (bis auf die immer noch sich stapelnden B\u00fccherberge, die nicht alle in die Regale passen)? Wer hat das nur arrangiert, frage ich mich im Traum. Und wo ist Ariu?<\/p>\n<p>Doch der Traum geht weiter. Kaum, dass ich meine B\u00fccher eingeordnet habe, sollen wir in eine andere Wohnung ziehen, die in der gleichen Villa liegt wie die meiner Eltern. Dort n\u00e4chtigen wir, aber als wir morgens die Gardine wegziehen, sehe ich, dass unser Bett direkt am Fenster steht und die Nachbarin von oben gerade vom Balkon hinunterguckt und in die ganze Wohnung einsehen kann. Diese Wohnung ist noch kleiner als die andere! Nein, das geht nicht! Ich sage es meiner Mutter, die kurz nach dem Aufstehen bei uns im Wohnzimmer steht, was scheinbar gleich das Schlafzimmer ist. Wir haben auf einer Auszieh-Couch geschlafen. Alles ist so klein und eng! Ich frage meine Mutter, wo unser B\u00fccherregal stehen soll, das ist ja recht gro\u00df, eine ganze Wand lang. Das Zimmer hat an fast allen Seiten gro\u00dfe Fenster mit Gardinen, so, dass wir zwar etwas hinauslugen, aber nicht wirklich alles sehen k\u00f6nnen. Schicke Gegend, aber was habe ich davon, wenn es innen so eng ist? Auf meine Frage sagt meine Mutter, stell das Regal doch einfach vor die Fenster. Ich wende mich meinem Mann zu und sage, egal, wie sehr meine Eltern sich \u00fcber unsere Anwesenheit freuen und unbedingt wollen, dass wir bei ihnen wohnen, wir m\u00fcssen zur\u00fcck in die andere Wohnung ziehen, die ist gr\u00f6\u00dfer! Ich \u00e4rgere mich ziemlich, dass ich mich rechtfertigen muss und dass Jamiro nichts tut, sondern ich alles entscheiden muss. Er steht zwar treu an meiner Seite, tut aber nichts, steht nur rum.<\/p>\n<p>Der Grundtenor ist der, dass ich mich \u00e4rgere und von mir erwartet wird, dass ich mich freue. Ich \u00e4rgere mich, weil die Wohnung innen eng ist und \u00fcberhaupt nicht meinen Vorstellungen entspricht; vor allem passen meine B\u00fccher nicht in die Wohnung. Und ich soll mich freuen, weil die Umgebung so nett sei. Ich will eine andere Wohnung! Und ich will auch, dass Ariu wieder bei uns wohnt, nur so sind wir als Familie komplett bzw. \u00fcberhaupt eine Familie.<\/p>\n<p>Ich kann das Problem im Traum nicht l\u00f6sen. Es bleibt bei dem Gef\u00fchl des Unbehagens, der Verwunderung, der inneren Rebellion. Nein, nein, nein, so geht es nicht, so bleibt es nicht, keiner entscheidet \u00fcber meinen Kopf hinweg! Aber wieso tut das \u00fcberhaupt jemand?<\/p>\n<div id=\"attachment_9071\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9071\" class=\" wp-image-9071\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/24-blumen.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"417\" \/><p id=\"caption-attachment-9071\" class=\"wp-caption-text\">Gelbe Blumen in einer Vase, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Nun sitze ich am K\u00fcchentisch, neben mir ein gro\u00dfer Strau\u00df gelber Tulpen. Jamiro hat mir gerade einen Milchkaffee gekocht, aber wir haben nichts gegessen, weil er abnehmen m\u00f6chte und ist bereits los ins Atelier gegangen. Am Sonntag sind wir kurz zum Atelier gelaufen, nachdem wir lange am Fennsee im dichten Gr\u00fcn verschwunden sind, so m\u00e4rchenhaft war es, direkt am Ufer entlangzugehen, wo es kleine Pfade, aber keine richtigen Wege gibt. Mitten in der Stadt und doch alles zugewuchert von Pflanzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9073\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9073\" class=\"size-full wp-image-9073\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/25-am-fennsee.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9073\" class=\"wp-caption-text\">Am Fennsee, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Als ich mich gestern auf dem R\u00fcdesheimer Platz mit meiner Mutter unterhalten habe, war sie auf einmal viel verst\u00e4ndnisvoller f\u00fcr meine Sichtweise. Ich sagte ihr, dass ich mich viel eher mit der brasilianischen Sichtweise als mit der deutschen identifiziere, weil sie die Pandemie ernst nehmen und sich dementsprechend verhalten, w\u00e4hrend meine deutschen Freund*innen zum gr\u00f6\u00dferen Teil davon ausgehen, dass sie Quatsch sei. So sieht es ja auch auf den Stra\u00dfen aus, da ist keine Not oder Angst zu sehen, sondern gl\u00fcckliches, romantisch wirkendes Leben, sch\u00f6ne H\u00e4user, Sonnenschein, einkaufende Menschen. Meine Mutter meint, na, ist doch logisch, sie kommen aus einer anderen Kultur und haben ganz andere Erfahrungen gemacht als wir hier. Meine Mutter ist 1943 mitten im Bombenhagel in Berlin Sch\u00f6neberg in einem Luftschutzbunker zu Welt gekommen. Das verstehe ich nicht. Wie kann sie meinen, dass sie das Elend der Welt nicht kennt?<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Meine Mutter ist 1943 mitten im Bombenhagel in Berlin Sch\u00f6neberg in einem Luftschutzbunker zu Welt gekommen. Das verstehe ich nicht. Wie kann sie meinen, dass sie das Elend der Welt nicht kennt?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch mein Vater ist zugewandt und setzte, nachdem er sein Eis aufgegessen hat, seine Gesichtsmaske auf, weil ich meine auch trage und nicht etwa absetze, w\u00e4hrend ich mit meinen Eltern rede. Meine Mutter meint, dass sie mich gar nicht als ihre Tochter erkenne mit dieser Maske. Und doch sind sie heilfroh, dass sie mich endlich wiedersehen k\u00f6nnen und auch ich freue mich sehr. Ich war wohl etwas hart, sie nicht mehr zu treffen, aber ich konnte vorher eben nicht sicher sein, ob sie sich an den Abstand halten. \u201eWir haben doch sowieso kein Corona! Das hat hier niemand!\u201c sagt meine Mutter. Ja genau, das ist der Grundtenor. Die Krankheiten haben immer nur die \u201eanderen\u201c, nicht \u201ewir\u201c selbst. Aber ich bin die \u201eandere\u201c.<\/p>\n<p>Mein Vater nickt, \u201edoch, ich habe es schon verstanden\u201c sagt er stockend, \u201eein Gl\u00fcck bist du \u00fcberhaupt noch am Leben! Du hast so viel gek\u00e4mpft. Wir w\u00e4ren auch nicht die gleichen, wenn du damals tats\u00e4chlich gestorben w\u00e4rest; es war ja so nah.\u201c \u201eStimmt\u201c sage ich, \u201eaber vielleicht hatte ich mehr Gl\u00fcck als Verstand!\u201c. Ich meinte damit eigentlich, dass einige meiner Freund*innen auf dem Weg gestorben sind, Claudi, J\u00fcrgen, Juliane, Ludwig, Mar\u00eda. Ich kann wirklich nicht mit dem Tod umgehen, ich gebe es zu. Eine Freundin von mir, auch Umbandistin, schreibt, dass sie so weit ist, dass sie sterben kann. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Hospizabteilung eines Krankenhauses in der Schweiz. Ich bewundere sie f\u00fcr das, was sie tut. Aber ich, Inga Scharf da Silva, will nicht sterben, auch wenn es zum Leben dazu geh\u00f6rt. Und ich darf noch leben wollen, immerhin bin ich auch in dieser Gesellschaft noch nicht alt genug, um mich damit abfinden zu m\u00fcssen. Und ich verzichte dankend auf die Weisheit, die damit einhergeht. Ich bin lieber naiv und bl\u00f6d, weil ich leben will.<\/p>\n<p>Birgit Meyer hat zugesagt, das dritte Gutachten f\u00fcr meine Doktorarbeit zu schreiben! Wow, wunderbar! Sie hat sich 2017 meinen Vortrag \u201e<em>fields \/ space \/ mediality: Religious relationality of space and mediality in the African diasporas of the Umbanda in Brazil and in Central Europe\u201c <\/em>auf der Jahrestagung \u201eMedien, Materialit\u00e4t, Methoden\u201c der Deutschen Religionswissenschaftler*innen in Marburg angeh\u00f6rt, wo sie die Er\u00f6ffnungsrede gehalten hat, und kam im Anschluss auf mich zu, um mir daf\u00fcr zu gratulieren. Ich hatte zu lange geredet und es kam nicht mehr zu einer Diskussion, weil die Pause wichtiger war \u2013 aber sie kam auf mich zu, sch\u00fcttelte mir die Hand und wir unterhielten uns eine Weile. Das war so gut, gerade weil ich mich nicht so richtig an die zeitlich begrenzten Gepflogenheiten gehalten hatte \u2013 aber doch nur aus purer Begeisterung.<\/p>\n<p>Ariu geht morgen, nachdem er \u00fcber f\u00fcnf Wochen ausschlie\u00dflich zu Hause war und keinen Fu\u00df auf die Stra\u00dfe gesetzt hat, mit einem Freund in die Schule, um Unterlagen abzuholen. Wir besprechen beim Abendbrot lang und breit, wie er sich verhalten sollte. Er ist so souver\u00e4n und gut, aber ehrlich gesagt kann ich es mir kaum vorstellen, dass es mit einem 2m Abstand klappt\u2026 nicht wegen ihm, sondern weil er jung und lustig ist und es sicherlich zwischendurch vergisst; ist doch klar. Nun, das Leben ist ein Experiment und lebensgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Was ich am meisten vermisse, ist das Wasser, das Schwimmen im Wasser.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>29.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>[\u2026] Ich k\u00fcmmere mich um Ariu, damit er seine Hausaufgaben macht \u2013 morgen schreibt er per Zoom und WhatsApp eine Mathe-Klassenarbeit zu Hause \u2013 koche und r\u00e4ume das ganze gro\u00dfe B\u00fccherregal aus und um, putze und sortiere wieder B\u00fccher aus. Am meisten haben wir Romane \u2013 meist US-amerikanische, russische, deutsche und brasilianische Literatur -, ethnologische Fachliteratur, Kunst und Kunstp\u00e4dagogik, dann noch etwas Geschichte, Philosophie, Psychologie, M\u00e4rchen und Esoterisches und, last but not least, Kochb\u00fccher, die aus der K\u00fcche rausm\u00fcssen, weil sie dort klebrig werden.<\/p>\n<p>Ariu ist mit seiner schwarz-rot-karierten, von Oma gen\u00e4hten Maske in die Schule gegangen, um Material f\u00fcr den Naturwissenschaften-Unterricht abzuholen; auf halbem Wege hat er einen Schulfreund getroffen und in der Schule seine Klassenlehrerin. Er erz\u00e4hlt, dass sie alle \u2013 bis auf ihn &#8211; keine Masken tragen, aber dass die S-Bahn total leer und nur mit versch\u00fcchterten und maskentragenden Menschen besetzt war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>30.4.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4me mich zu viel. Wikipedia verr\u00e4t mir, dass Scham innerseelische Vorg\u00e4nge sind, die das Selbstwertgef\u00fchl sch\u00e4digen und mit Gef\u00fchlen der Unzul\u00e4nglichkeit einhergehen (so der Sozialpsychologe Jonas Rees 30.4.2020: \u201e<em>Scham<\/em>\u201c [online]. Haarlem: In-Mind. Psychologie f\u00fcr alle! Das Online-Magazin, The Inquisitive Mind: Glossar, <a href=\"https:\/\/de.in-mind.org\/glossary\/letter_s#Scham\">https:\/\/de.in-mind.org\/glossary\/letter_s#Scham<\/a>, Abruf am 30.4.2020) ), weil das Selbstbild vom Bild, das andere von einer Person haben, abweicht. F\u00fcr Bree Brown wurzelt Scham in der Angst vor Zugeh\u00f6rigkeitsverlust aufgrund einer empfundenen pers\u00f6nlichen Fehlerhaftigkeit (Kruse, Katrin (31.1.2016): <em>Scham. Die stille Epidemie<\/em>\u201c [online], Neue Z\u00fcrcher Zeitung, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/gesellschaft\/lebensart\/gesellschaft\/scham---die-stille-epidemie-1.18685378\">https:\/\/www.nzz.ch\/gesellschaft\/lebensart\/gesellschaft\/scham&#8212;die-stille-epidemie-1.18685378<\/a>, Abruf am 30.4.2020).<\/p>\n<p>Wahrscheinlich kommt das bei mir tats\u00e4chlich noch durch die Dem\u00fctigungen aus der Schulzeit von mir als schwerh\u00f6rige Sch\u00fclerin, die ja per se \u201ekeine Sprachen kann\u201c und auch nicht lernen darf (vor allem kein Franz\u00f6sisch, wovon meine Klassenlehrerin mich kategorisch ausgeschlossen hat, obwohl ich es mir sehr gew\u00fcnscht hatte), weil ich sie dann ja \u201everhunzt\u201c h\u00e4tte, [\u2026]. Die Philosophin Inga R\u00f6mer bezeichnet die Scham als eine \u201eaffektive Erfahrung eines Mangels\u201c (Inga R\u00f6mer, 12.4.2017: \u201e<em>Scham. Ph\u00e4nomenologische \u00dcberlegungen zu einem sozialtheoretischen Begriff<\/em>\u201c [online]. De Gruyter, Sciendo, Gestalt Theory, Band 39, Heft 2-3, <a href=\"https:\/\/content.sciendo.com\/view\/journals\/gth\/39\/2-3\/article-p313.xml\">https:\/\/content.sciendo.com\/view\/journals\/gth\/39\/2-3\/article-p313.xml<\/a>, Abruf am 1.5.2020); das h\u00f6rt sich stimmig f\u00fcr mich an. Fr\u00fcher habe ich mich f\u00fcr meine Existenz gesch\u00e4mt, ganz grunds\u00e4tzlich. Jetzt, da ich die Welt durch die Anwesenheit der vielen spirituellen Entit\u00e4ten und Orix\u00e1s als beseelt empfinde, bin ich nicht mehr einsam, sondern voll Liebe. In Trance zu gehen und die Wesen zu erfahren, bedeutet f\u00fcr mich, geliebt zu werden. Das ist eine ganz dichte Liebe, die so greifbar und rein ist, erf\u00fcllend und stark.<\/p>\n<p>Ich merke, dass es sich schon schamhaft anf\u00fchlt, \u00fcberhaupt von Scham zu schreiben. Vielleicht ist es nicht einmal gut, dass jemand diese Zeilen hier lesen kann. Gleichzeitig befreit es und macht selbstsicher, die eigenen Gef\u00fchle benennen zu k\u00f6nnen, das ist ein Prozess, langsam, auf dem Weg, sich selbst anzunehmen, auch wenn es sich anf\u00fchlt, nicht liebensw\u00fcrdig zu sein. Ich merke, dass, je mehr Anerkennung ich (beruflich) erhalte, dass dieses Schamgef\u00fchl abnimmt, weil ich f\u00fcr mich und meine Worte eingestehen kann, weil sich sogar andere darauf beziehen. Das ist gut, ich trete aus meinem eigenen Schatten heraus, aus der Unsichtbarkeit bzw. dem Wunsch, mich zu verstecken. Denn das bewirkt Scham, der Wunsch des sich selbst Versteckens. Ich w\u00fcrde Scham f\u00fcr mich mit dem Begriff der Beklommenheit beschreiben.<\/p>\n<p>Ich lese weiter, dass Erik Erikson meint, dass internalisierter Scham und Zweifel als Effekte einer misslingenden Lernerfahrung von Autonomie des zwei- bis dreij\u00e4hrigen Kindes resultieren (vgl. Erik Erikson, 2008: <em>Wachstum und Krisen der gesunden Pers\u00f6nlichkeit<\/em>\u201c. In: Identit\u00e4t und Lebenszyklus. Drei Aufs\u00e4tze. Frankfurt a.M.: Suhrkamp). Mit zwei Jahren bin ich durch mehrere nicht behandelte Mittelohrentz\u00fcndungen hochgradig schwerh\u00f6rig geworden. Schluck. Erikson deutet Scham als sekund\u00e4r gegen das eigene Ich gerichteten Zorn (Erik Erikson, 1999: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta: 243ff.). Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich eine Autoimmunerkrankung habe, die genau in dem Moment ausbrach, als mein Kind zwei Jahre alt wurde? Ich erinnere mich, dass ich Anfang des Jahres 2007 den Norovirus hatte und sehr krank war und Apuan abstillen musste, weil ich so schwach war. Das kam f\u00fcr mich wie ein Donnerschlag. Ich wusste, dass etwas Heftiges geschehen war, konnte es aber nicht benennen. Danach trank ich zunehmend mehr Wasser, zum Schluss bis zu 12 Liter am Tag. Auch daran h\u00e4tte ich sterben k\u00f6nnen, wusste es aber gar nicht, da die \u00c4rzt*innen mir in der Anfangsphase nicht glaubten, sondern sagten, dass es so gesund sei, viel Wasser zu trinken.<\/p>\n<p>Ich kann ja eigentlich Englisch sprechen, lesen, schreiben, auch wissenschaftliche Beitr\u00e4ge. Als ich nach Brasilien kam, konnte ich auch noch, nachdem ich 1996\/97 bereits ein Jahr in Brasilien gelebt und Anthropologie an der staatlichen Universit\u00e4t von Bahia (UFBA) in Salvador studiert hatte, besser Englisch sprechen als Brasilianisches Portugiesisch. Ich hatte in Recife in Pernambuco, wo ich von 1998 bis 2000 insgesamt ein Jahr an der staatlichen Universit\u00e4t von Pernambuco (UFPE) Bildende Kunst und Anthropologie studiert hatte, eine englische Freundin\u00b8 eine sehr charismatische und h\u00fcbsche Frau mit langen, blonden Haaren und immer extravagant gekleidet. Wir haben uns wie selbstverst\u00e4ndlich immer auf Englisch (und nicht auf Brasilianisch) unterhalten, weil es gewisserma\u00dfen eine geheime Sprache f\u00fcr uns beide war und ein bisschen Privatheit im \u00f6ffentlichen Raum gab.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es gut f\u00fcr mich, dieses Schamgef\u00fchl k\u00fcnstlerisch zu bearbeiten, gewisserma\u00dfen nonverbal und indirekt. Aber wie?<\/p>\n<p>Ariu hat heute seine Mathe-Klassenarbeit zu Hause geschrieben und war hinterher, nachdem wir ihm noch kurz mit dem Einscannen geholfen haben, ganz aufgekratzt und hibbelig, gl\u00fccklich. Er meint, dass er auch sonst in der Schule gerne mehr Zeit f\u00fcr all die Aufgaben h\u00e4tte, so wie jetzt. In dieser Hinsicht ist er wie ich. Ich leide darunter, dass ich mich immer mit anderen vergleiche und dann in meinen Augen immer verliere. Jetzt, wo dieser Druck wegf\u00e4llt, geht es mir besser.<\/p>\n<p>Was ich am meisten vermisse, ist das Wasser, das Schwimmen im Wasser. Ich bin immer zwei Mal in der Woche f\u00fcr jeweils eine Stunde im Stadtbad Wilmersdorf schwimmen gegangen, im Sommer im Sommerfreibad Lochow. Auch wenn es eigentlich sportlich war, empfand ich es immer als gro\u00dfe Entspannung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Eine Freundin von mir postet in ihrer Facebook-Timeline ein Interview gegen die im \u00f6ffentlichen Raum getragenen Masken (vgl. Bhakdi 29.4.2020), auch sie ist Umbandistin. Der dortige \u201erenommierte\u201c Professor Doktor (steht sogar im Titel dieses Beitrags) meint, dass die Ma\u00dfnahmen gegen Corona \u201eselbstzerst\u00f6rerisch\u201c seien und hat als \u201eunbequemer Wissenschaftler\u201c einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben und \u201ebekommt kein Geh\u00f6r\u201c, wird aber gleichzeitig \u201eangefeindet\u201c (was doch eigentlich ein Widerspruch in sich ist, oder? Wer angefeindet wird, hat immerhin vorher Geh\u00f6r gefunden). Irgendwie gruselt es mich gerade sehr dabei.<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass ich mich selbst dabei sehr in Frage stelle. Wieso nehme ich es so lautlos hin, dass ich mich von einem schnellen, reisenden, viel kommunizierenden Leben \u201eeinfach\u201c begrenzen lasse? Dass die Grenzen geschlossen sind und nun eigentlich eine Situation der Begrenztheit auf die Nationalit\u00e4ten entstehen kann und ja leider auch vielfach entsteht. Ich meine schon, das zu wissen. Es ist einerseits die Erfahrung als mitten im Leben stehende Frau, sieben Jahre lang eine schwere Krankheit bew\u00e4ltigt zu haben, die zum Tod h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen. Und andererseits h\u00f6re ich mir einige Diskussionen der hiesigen Politiker*innen an, die sich f\u00fcr mich \u2013 sehr im Gegensatz zu Brasilien \u2013 nicht diktatorisch und bevormundend erscheinen, sondern so, wie Regierungen immer sein sollten, Leben bewahrend, abw\u00e4gend, diskutierend, streitend. Deswegen habe ich keine Angst, dass mich jemand einsperrt, auch weil ich so viele uneingesperrte Menschen um mich herum sehe. Alle die, die so viel von Angst davor reden, fahren durch die Gegend, laufen herum, sagen ihre Meinung \u2013 und niemand hindert sie daran, was ja auch gut und richtig so ist.<\/p>\n<p>Was mich dabei umtreibt ist die Frage: Nehme nur ich diese Tendenz der Angst der Unm\u00fcndigkeit wahr oder ist sie tats\u00e4chlich fl\u00e4chendeckend in dieser religi\u00f6sen Gruppe vorhanden? Vielleicht bin ich ja etwas empfindlich, eben wegen meiner eigenen Vorgeschichte und sollte es nicht so ernst nehmen, weil ich dann gleich als \u201edeutsch\u201c gelte? Sollte ich vielleicht vielmehr Angst vor meinem eigenen Duckm\u00e4usertum haben, das ich noch gar nicht an mir festgestellt habe? Umso schlimmer kann es dann also auch sein, sogar unerkannt, psychologisch unterdr\u00fcckt wom\u00f6glich? Wer wei\u00df? Kann ich mir selbst trauen?<\/p>\n<p>Was ich nicht wirklich nachvollziehen kann, ist, dass die Vertreter*innen dieser angeblich so kritischen und \u201ewiderst\u00e4ndigen\u201c Meinung auf dem Begriff der Epidemie statt dem der Pandemie beharren, um das Ausma\u00df von Corona damit zu verringern und sprachlich weniger bedeutend auszudr\u00fccken. Denn der Unterschied dieser beiden W\u00f6rter liegt doch daran, dass eines als regionale und das andere als globale Ausbreitung verstanden wird. Lokale Empfindsamkeit vis \u00e0 globaler \u00dcbertreibung? Immer wird Covid-19 in dieser Sorte von Diskussion mit der saisonalen Grippe verglichen, obwohl es gegen die Grippe ja Impfstoff gibt (gegen das sie auch sind, daher wahrscheinlich), gegen das Corona Virus aber nicht.<\/p>\n<p>Jemand, der Angst vor verschlossenen L\u00e4ndergrenzen hat (ganz zu Recht, so meiner Meinung nach), der sollte doch gerade global denken k\u00f6nnen und sehen, dass die Menschen in Brasilien und den USA ebenso sterben wie hier. Und nicht wenige. Das ist doch widerspr\u00fcchlich. Und es wirkt f\u00fcr mich nationalistisch und engstirnig.<\/p>\n<p>Da sto\u00dfe ich auf einen weiteren Eintrag einer emischen umbandistischen Stimme, die genau diesen Umstand beschreibt, dass es in dieser Gruppe nicht viele verschiedenen Meinungen und Stimmen gibt, sondern schon eine klare Tendenz. Immerhin leide ich nicht an Wahrnehmungsst\u00f6rung, ich bin erleichtert.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch habe eine konkrete Erfahrung von Begrenzung in einem Land, von Unfreiheit und Diktatur. Wie kann es sein, dass meine Demokratie-Alarmsysteme derzeit nicht so anschlagen, wie die von einigen Freunden? [\u2026] Und genau genommen geht es mir auch mit den anderen Einschr\u00e4nkungen so, ob Maskenpflicht oder Ausgangssperre. Ich bin schnell bereit, solche Vorgaben einzuhalten und zwar ohne sie \u00fcber die konkrete Ansage hinaus zu pr\u00fcfen; zum Beispiel auf dahinter liegende Machtaus\u00fcbung. Aber mir entgehen auch die Widerst\u00e4nde meiner Freunde nicht, ich lese die Kommentare hier im Tagebuch, h\u00f6re die Diskussionen am Community-Tisch \u2013 die Besorgnis ist gro\u00df &#8211; und weil ich viel auf sie halte, die Freunde, glaube ich ihnen auch. Aber wie kann ich hier Anschluss halten?\u201c (Konstanze Thoma 30.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass gerade sie, die die DDR-Diktatur am eigenen Leib kennengelernt hat, eben kein D\u00e9j\u00e0-vu hat, weil es das eben einfach nicht ist. Nur weil es daran erinnert und uns nat\u00fcrlich wachsam und kritisch lassen sollte, ist es eine andere Situation. Eigentlich unterstellen ja diese so kritisch denkenden Leute, dass die Pandemie die Demokratie an und f\u00fcr sich gerade abschafft, so als w\u00fcrde eine zwingende innere Schlussfolgerung existieren. Das ist eine ziemlich grobe Vereinfachung der Realit\u00e4t, oder nicht? Das ist, wie gesagt, ein wichtiger Gedanke, aber eben etwas sehr oberfl\u00e4chlich geurteilt.<\/p>\n<p>Hm\u2026 Eigentlich sollte genau dieses Thema der Inhalt meiner Postdoc-Forschung sein, die Verbindung von Politik und Spiritualit\u00e4t in neuen religi\u00f6sen Bewegungen. Aber eigentlich m\u00f6chte ich etwas wirklich Widerst\u00e4ndiges finden, wie ich es aus Brasilien als antikolonialistischen und wirklich befreienden Geist kenne \u2013 und nicht diese Unausgegorenheit, wie sie hier reflektiert wird. Woher kommt dieser Unterschied zwischen der Sichtweise der religi\u00f6sen Akteur*innen im deutschsprachigen Europa und in Brasilien?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Nat\u00fcrlich liegt mir die Demokratie am Herzen und herumstreiten sowieso, aber wieso kommt jemand auf die Idee, dass ich wie ein Schaf der Herde hinterhertrabe (wie es in diesem Diskurs \u00fcblich ist zu sagen), nur, weil ich den Lockdown f\u00fcr gut befunden habe und auch noch tue?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute geht es mir nicht gut, ich bin verwirrt. Ich wei\u00df echt nicht mehr, ob die anderen oder ob ich spinne und wei\u00df auch gerade gar nicht, wen ich deswegen fragen kann. Am liebsten w\u00fcrde ich Regina (meine Doktormutter) fragen, aber sie hat wahrscheinlich viele andere Dinge zu tun \u2013 und vielleicht ist es auch zu banal, womit ich mich gerade besch\u00e4ftige. Eigentlich wollte ich ja einen Artikel f\u00fcr den Blog zu Medizinethnologie aus meinen Tagebuchaufzeichnungen schreiben und bin auch schon sehr weit damit, aber mir scheint, dass ich alles nur aus meiner eigenen Warte betrachte und nicht den gro\u00dfen, offenen Blick habe.<\/p>\n<p>Ich bin heute mit lauter kontroversen Artikeln \u00fcberrollt worden (Faktenscheck 24.3.2020, Scheu 28.4.2020, M\u00fcller-Meiningen 9.4.2020) und habe mir das Interview mit Sucharit Bhakdi angeh\u00f6rt. In diesem sehr langen Interview sagt er aber meiner Meinung nach nicht viel&#8230; F\u00fcr mich bleibt offen, warum die Bundesregierung so viel Anstrengungen unternimmt, wenn das Corona Virus doch angeblich \u00fcberhaupt nicht gef\u00e4hrlich ist? Dazu m\u00fcsste er doch zumindest eine Theorie haben. Es muss doch einen Sinn haben, diese so gewohnte Gesellschaftsordnung einfach anzuhalten.<\/p>\n<p>Ich bin ja total daf\u00fcr! Aber die M\u00e4chtigen dieser Welt m\u00fcssen doch andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben als ich.<\/p>\n<p>Nun streite ich mich doch auf Facebook herum, weil ich gesehen habe, dass sehr, sehr viele [\u2026] dieses Video von Bhakdi geteilt haben, was f\u00fcr mich irgendwie nicht zu glauben ist. Nicht, weil es eine so andere Meinung zeigt, sondern weil es so oberfl\u00e4chlich ist. Ich bin bodenlos entt\u00e4uscht. Soweit ich es verstanden habe, findet Bhakdi den Bundeskanzler Kurz sympathisch und ist nun, weil er eine Maske als Ausdruck seines Bem\u00fchens, Minderheiten zu sch\u00fctzen, entt\u00e4uscht von ihm. Wie bitte? War es nicht Kurz, der Sympathien f\u00fcr die rechtspopulistischen Bewegungen in \u00d6sterreich hegte? Und Bhakdi spricht mir zu viel vom Deutschsein als Wesenheit, davon wird mir irgendwie \u00fcbel.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich liegt mir die Demokratie am Herzen und herumstreiten sowieso, aber wieso kommt jemand auf die Idee, dass ich wie ein Schaf der Herde hinterhertrabe (wie es in diesem Diskurs \u00fcblich ist zu sagen), nur, weil ich den Lockdown f\u00fcr gut befunden habe und auch noch tue? Ich werde doch trotzdem kritisch bleiben und finde dieses ganze Gehabe zu einem \u201eZur\u00fcck\u201c in die Normalit\u00e4t f\u00fcrchterlich, weil wir doch diesen Lockdown wirklich als eine Chance auffassen sollten, tiefgreifend etwas in Richtung von mehr Umweltschutz, \u00dcberlebenshoffnung im Sinne eines radikalen Abbaus von Naturzerst\u00f6rung und Ungerechtigkeit zu unternehmen. Sicherlich ist das alles schwierig, aber in der ersten Phase von Corona haben wir es schlie\u00dflich auch geschafft. Nat\u00fcrlich ist Klimaschutz noch viel wichtiger als Corona, aber stellt auch gar keinen Widerspruch dar, sondern ist eigentlich die logische Konsequenz (vgl. Encke 26.4.2020).<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIm Prinzip sei durch die Krise vieles direkt sichtbar geworden, was sie beschrieben habe, sagt G\u00f6pel im Gespr\u00e4ch. \u201eMenschen sind biologische Wesen, und sie sind nicht getrennt von der Natur: Die Gesundheit unserer \u00d6kosysteme und die Gesundheit der Menschen h\u00e4ngen miteinander zusammen. Viren springen h\u00e4ufiger \u00fcber, wenn wir Lebensr\u00e4ume der Tiere zerst\u00f6ren und die Biodiversit\u00e4t abnimmt. Todesf\u00e4lle sind h\u00f6her in Regionen, in denen auch hohe Luftverschmutzung die Atemwege strapaziert hatte. Obduktionen zeigen Vorbelastungen mit Diabetes, \u00dcbergewicht und Bluthochdruck, also Ph\u00e4nomene die vorher schon als Zivilisationskrankheiten bezeichnet wurden.\u201c (Maja G\u00f6pel, zitiert von Julia Encke 26.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Aber ich lese auch dies, auch von einer Umbandistin gepostet (die mich in meiner seelischen Integrit\u00e4t schon des \u00d6fteren gerettet hat, ohne es zu wissen), Dorothea Kurteu:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[\u2026] vielleicht ist das nur so ein Bauchgef\u00fchl, meine pers\u00f6nliche anekdotische Evidenz, nicht mehr. Aber irgendwas summt da im Ohr. Ein Misstrauen der Leserschaft gegen\u00fcber &#8222;den Medien&#8220;. &#8222;Wieso schreibt ihr nicht \u00fcber Schweden?&#8220;, fragt ein Hofrat des VfGH. Wieso, will ein ehemaliger SP\u00d6-Minister wissen, f\u00fchrt ihr kein Interview mit dem Arzt Wolfgang Wodarg, jenem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten, der Covid f\u00fcr eine normale Grippe h\u00e4lt? Wieso, urgiert die Verwandtschaft, klopft ihr nicht die Horrorprognosen der Risikoforscher noch einmal auf ihre Richtigkeit ab? Oft kommen solche Fragen von Lesern, die nicht registriert haben, dass vielen Medien ausreichend Antworten gegeben haben (\u00fcber Wolfgang Wodarg und Schweden gibt es ja unz\u00e4hlige Berichte, googeln sie selbst). Einerseits. [\u2026] es gibt ein nicht zu untersch\u00e4tzendes Segment an B\u00fcrgern, das sich nun in &#8222;alternativen Kan\u00e4len&#8220; jene Wahrheit zusammenklaubt, die ihnen der &#8222;Mainstream&#8220; angeblich verschweigt. [\u2026] Mich beschleicht eine Sorge. Bei erstaunlich vielen Leuten k\u00f6nnte, so wie bei der Migrationskrise, der Eindruck entstehen, dass wir auch nur Teil eines von oben gesteuerten &#8222;Schickeria-Journalismus&#8220; (Norbert Hofer) sind, der nicht &#8222;nach unten&#8220; schaut. Daher haben wir eine Bringschuld: wir m\u00fcssen offen legen, warum wir berichten, wie wir berichten und wieso wir manches nicht berichten (konnten). Sonst droht ein Vertrauensverlust gegen\u00fcber der freien Presse. Und der n\u00fctzt, wie die letzten Jahre zeigten, den Feinden der Demokratie.\u201c (Florian Klenk 22.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ja, und obwohl alles so widerspr\u00fcchlich ist, war ich heute nach dem Fr\u00fchst\u00fcck mit Jamiro im Bauhaus (trotz meiner eingeredeten und auch echten Angst!), um Spotlights f\u00fcr unseren neuen Flur zu kaufen \u2013 nat\u00fcrlich haben wir die falschen gekauft (ich mag diesen Laden sowieso nicht), aber immerhin ist nun das neue Basilikum und die Lauchzwiebeln in sch\u00f6nen Terrakottablument\u00f6pfe eingepflanzt. Die T\u00f6pfe habe ich dort auch noch gekauft.<\/p>\n<p>Die Leute standen schlangenweise mit ihren Wagen vor dem Bauhaus am Halensee an, aber dann ging alles sehr schnell. Alle tragen Masken und sind gut gelaunt, ihre Masken tragen sie meist zum Kinn zur\u00fcckgezogen\u2026 Wir hier in Wilmersdorf sind weit ab von Endzeitstimmung, aber sonst ver\u00e4ndern die Leute sich nicht sonderlich, wie es den Anschein im Internet hat. Auch vorher guckten die Leute eher in die Regale als in die Gesichter der Menschen \u2013 das ist jetzt zwar schade, aber, wie gesagt, war vorher auch nicht besser. Das hat nix mit Corona zu tun, dass die meisten Menschen meist einen Tunnelblick haben.<\/p>\n<p>Eine Welt, in der der Youtuber Rezo den Henri Nannen Preis gewinnt, kann gar nicht so schrecklich sein!<\/p>\n<p>Ich blicke da gerade aber dennoch nicht durch. Menschen, die ich f\u00fcr idealistisch hielt, driften auf einmal in nationalistische und menschenverachtende Richtungen ab, die ich nicht akzeptieren kann\u2026 Ich bin so traurig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Langsam, aber tats\u00e4chlich nur langsam, kommen wir in die Phase der Komik, des Galgenhumors (wie ich ihn hatte, als ich dachte, dass ich sterben m\u00fcsste; da habe ich alle beruhigt und auch noch obendrein nette Anekdoten aus dem Alltag erz\u00e4hlt).<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt erst ist mir klargeworden, warum die Quarant\u00e4ne so hei\u00dft, wie sie hei\u00dft. Lisa Hellmann erkl\u00e4rt es, etymologisch abgeleitet ist das Wort vom Volkslateinischen f\u00fcr vierzig. Vierzig Tage f\u00fcr Isolation und Heilung durch die Trennung von gesunden und kranken Menschen, um sie vor hochansteckenden Krankheiten mit hoher Sterblichkeit zu bewahren. Reisesperre. Venedig verbot bereits 1374 die Hafeneinfahrt f\u00fcr pestverd\u00e4chtige Schiffe (vgl. Hellmann 23.4.2020).<\/p>\n<p>Heute ist der 5. Mai. Am 8. M\u00e4rz habe ich mit der Quarant\u00e4ne angefangen, also ist heute mein 57. Tag der Quarant\u00e4ne, das ist schon fast zwei Monate\u2026 Das h\u00e4tte ich jetzt nicht so gedacht, eine lange Zeit ist das. Sie kommt mir k\u00fcrzer vor. Aber ich bin ja, wie gesagt, Quarant\u00e4ne-Situationen eigentlich schon durch meine Krankheiten und meine Doktorarbeit gewohnt. R\u00fcckz\u00fcge aus dem Leben, um das Leben zu bewahren und dabei zu reflektieren und neu zu schaffen. Die <em>Camarinhas<\/em> erinnern mich im Prinzip auch daran, eine Zeit des Sich-Verinnerlichens und Kennenlernens mit der oder dem eigenen Orix\u00e1. Sie waren aber immer sehr kurz, nur drei Tage, und f\u00fcr mich \u2013 weil ich ja so unspirituell sei &#8211; auch nie so intensiv angelegt.<\/p>\n<p>Es herrscht wohl Uneinigkeit dar\u00fcber, welches Ausma\u00df die Pest hatte, ob die Sterblichkeit 5 oder 60 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung umfasste (ebd.). Wenn letzteres stimmen sollte, w\u00e4re das ja mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung gewesen!<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDoch eines lehren die Ma\u00dfnahmen gegen die Pest: Der Kampf gegen die Ausbreitung und Ansteckung war \u2013 damals wie heute \u2013 ein st\u00e4ndiges Abw\u00e4gen zwischen den wirtschaftlichen Einbu\u00dfen des Handels, den Kontakten mit der Umgebung und der Angst vor dem Tod.\u201c (Lisa Hellmann 23.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hellmann dr\u00fcckt ihre Erleichterung dar\u00fcber aus, dass heutzutage keine einzelnen Bev\u00f6lkerungsschichten in die Quarant\u00e4ne-Isolation geschickt werden wie damals, obwohl das gerade sehr eifrig diskutiert wird \u2013 auch mit einen m\u00f6glichen Immunit\u00e4tsausweis (vgl. Ringelstein 3.5.2020)!! &#8211; warum sich nun eine ganze Gesellschaft solidarisch zeigen soll, um eine bestimmte Gruppe an alten und vorerkrankten Menschen zu sch\u00fctzen. Dann kommen wir wirklich zu einer Zweiklassengesellschaft, in der zwischen \u201egesunden\u201c und \u201ekranken\u201c Menschen unterschieden wird. Jens Spahn spinnt!<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDoch gerade deshalb sind die folgenden Fragen elementar und bed\u00fcrfen einer immer wieder neuen Begutachtung: Wer kann unter Quarant\u00e4ne gestellt werden, wer muss es? Wer muss gesch\u00fctzt werden und wen kann man wom\u00f6glich schutzlos lassen? Wessen Bewegung kann eingeschr\u00e4nkt werden und wenn ja zu welchem Preis? Ist grenz\u00fcberschreitendes Reisen eine Bedrohung oder eine M\u00f6glichkeit? Unterzieht man diese Fragen keiner regelm\u00e4\u00dfigen Neubewertung und ihre Antworten nicht regelm\u00e4\u00dfigen Anpassungen, wird unsere Gesellschaft in ihren Grundwerten ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Ansteckende Krankheiten und insbesondere Pandemien setzen eine Gesellschaft unter Druck. Die Art und Weise, wie wir in solchen Situationen agieren, bringt somit nicht nur die Werte und Ressourcen einer Gesellschaft zum Vorschein, sondern auch die Risse und Ungleichheiten tief in ihrem sozialen Inneren.\u201c (Lisa Hellmann 23.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich stimme ihr vollkommen zu. Behinderte und vorerkrankte Menschen werden hierzulande als marginal angesehen. Dass genau dieser Diskurs am Anfang der Pandemie mit solidarischen Gedanken verkn\u00fcpft wurde, habe ich verwundert und begl\u00fcckt wahrgenommen, aber diese Tendenz kippt nun wieder in eine alte \u201eNormalit\u00e4t\u201c, in der sozialdarwinistisch wieder nur der \u201eSt\u00e4rkere\u201c den Ton angibt.<\/p>\n<p>Heute habe ich einen Kursus \u00fcber meine Nichte angefangen, der 21 Tage geht und von dem in Kalifornien lebenden indischen Arzt Deepak Chopra angeleitet wird. Es geht um <em>Abund\u00e2ncia <\/em>(ein wundervoll klingendes Wort des brasilianischen Portugiesisch), um F\u00fclle und Wohlstand. Auf einmal meditiere ich, obwohl ich das vorher nie getan habe. Namaste. Ich bin ja immer skeptisch und denke zu negativ \u00fcber mich selbst, aber jedes Mal, wenn ich mich denn doch auf eine spirituelle Praxis einlasse, klappt es wunderbar. Ich muss mich nicht mit \u201eSo Ham\u201c zum Nichts-Denken bringen, denn das klappt auch so. Ich sehe wunderbare abstrakte Bilder von Licht in Gelb und Wei\u00df, mein inneres Auge wird davon \u00fcberflutet.<\/p>\n<p>Ich habe in den letzten Tagen festgestellt, dass ich wundervoll wohne! Das war mir vorher wirklich nicht klar. Ich fand unsere Wohnung immer zu klein und relativ in der N\u00e4he der Autobahn eher peinlich, aber jetzt, wo ich hier die ganze Zeit so viel zu Hause bin, habe ich auch viel fotografiert und bin eben nur in der unmittelbaren Umgebung spazieren gewesen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9075\" style=\"width: 862px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9075\" class=\" wp-image-9075\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/26-blick-vom-balkon.jpg\" alt=\"\" width=\"852\" height=\"639\" \/><p id=\"caption-attachment-9075\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Balkon in der N\u00e4he des Heidelberger Platzes. Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Obwohl wir nahe der Autobahn wohnen, die ich wegen meiner Schwerh\u00f6rigkeit aber eh nicht h\u00f6re und wir auch Schallschutzfenster haben (und also auch h\u00f6rende Personen in unserer Wohnung nichts von der Autobahn h\u00f6ren), ist der Streifen zwischen unserer eher schmalen Stra\u00dfe und der Autobahn mit B\u00e4umen bewachsen. Da wir oben im vierten Stock wohnen, haben wir von unserem Sofa aus gesehen eh einen Blick in den Himmel. Aber letztens habe ich ein Foto von unserem kleinen Balkon in Richtung Steglitz gemacht und auf Instagram gepostet, da sah es so verwunschen und sch\u00f6n aus! So gr\u00fcn! Ich dachte dann, also das ist eben Dein Blick, denn er k\u00f6nnte auch ganz anders sein \u2013 mit Stau auf der Autobahn und beengten Verh\u00e4ltnissen \u2013 aber es hat tats\u00e4chlich manchmal etwas mit dem Blick zu tun; ich will nicht sagen, immer\u2026<\/p>\n<p>Aber wir sind seit diesem Lockdown tats\u00e4chlich so friedlich zusammen, dass es schon fast komisch ist. Langsam, aber tats\u00e4chlich nur langsam, kommen wir in die Phase der Komik, des Galgenhumors (wie ich ihn hatte, als ich dachte, dass ich sterben m\u00fcsste; da habe ich alle beruhigt und auch noch obendrein nette Anekdoten aus dem Alltag erz\u00e4hlt). Oder auch nicht, vielleicht wird es nicht so ernst, dann k\u00f6nnen wir uns gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Aber auch wenn es so sein sollte &#8211; was ich nicht glaube &#8211; dann sollten wir einfach als Herzensmenschen die anderen in Brasilien und in New York nicht vergessen. Schei\u00dfe, wieso haben sie diese Idioten nur gew\u00e4hlt!!!? Aber hier kann sich das Blatt auch wenden.<\/p>\n<p>Dieses Foto ist neben vielen anderen tats\u00e4chlich sehr wichtig f\u00fcr mich. Hier gibt es so viel Natur, so viele B\u00e4ume. Den ganzen Tag gibt es so viele V\u00f6gel auf unserem Balkon, die sich auf der Rankhilfe niederlassen, als h\u00e4tte ich es f\u00fcr sie gekauft. Die Kohlmeisen br\u00fcten und lenken die Spatzen ab, die sich auch an den dargebotenen Sonnenblumenkernen laben.<\/p>\n<p>Es ist so sch\u00f6n hier in dieser kleinen, hohen Wohnung nahe den Wolken, mittig in Berlin mit Blick auf die S-Bahn und die Autobahn und doch mit einem so weiten und so gr\u00fcnen Blick. Das ist ein wundersch\u00f6nes Berlin.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Dann finde ich einen Artikel \u00fcber Covid-19 aus der Sicht der Quantentheorie, der mir sehr gut gef\u00e4llt, weil er den Gegensatz zwischen einer als objektiv wahrgenommenen Realit\u00e4t und subjektiven Gedanken oder Gef\u00fchlen \u00fcberwindet und vielmehr als eine Entsprechung und Entgrenzung auffasst (vgl. Winiecki 13.4.2020). Der Autor Martin Winiecki bezieht sich in diesem Denken auch auf C.G. Jung, der Ereignisse als Verk\u00f6rperung tieferer Seelenteile auf einer kollektiven Ebene versteht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eVon einer spirituell gepr\u00e4gten holistischen Weltschau kommend, erw\u00e4ge ich die M\u00f6glichkeit, dass wir als Menschheit \u2013 oder ein tieferer Teil unserer selbst, bewusst oder unbewusst \u2013 diesen Moment in die Existenz getr\u00e4umt haben, als Katalysator f\u00fcr unsere kollektive Evolution. Wenn das wahr w\u00e4re, wie w\u00fcrden wir dann handeln und reagieren? Covid-19 k\u00f6nnte dann f\u00fcr uns eine unwahrscheinliche Gelegenheit f\u00fcr kollektives Erwachen und weitreichenden Systemwechsel bereithalten.\u201c (Martin Winiecki 13.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Martin Winiecki leitet seit 2013 das Institut f\u00fcr globale Friedensarbeit, das bei Tamera in Rel\u00edquias \/ Alentejo \/ Portugal angesiedelt ist, und setzt sich f\u00fcr einen \u201esacred activism\u201c ein.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch bin mir bewusst, dass wir in Zeiten eines schnellen und sich beschleunigenden Wandels leben. Neben dem unvorstellbaren Leiden von Menschen, Tieren und der Natur, findet in der Welt auch ein revolution\u00e4res Erwachen statt. Ich glaube, dass wir die weltweiten Kriege und Ungerechtigkeiten beenden k\u00f6nnen, wenn die vielen Gruppen, die f\u00fcr eine bessere Welt arbeiten, in einer gemeinsamen Vision f\u00fcr die Zukunft zusammenkommen und f\u00fcr deren Verwirklichung zusammenarbeiten.\u201c (Martin Winiecki 13.4.2020, <a href=\"https:\/\/www.tamera.org\/de\/martin-winiecki\/\">https:\/\/www.tamera.org\/de\/martin-winiecki\/#<\/a>, Abruf am 3.5.2020.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4.5.2020.<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe da Verbindungen von Franz Regglis Buch \u00fcber die Pest (den Winiecki in seinem Artikel zitiert), auch wenn ich Ethnologin und nicht Psychotherapeutin bin wie er, und meiner Doktorarbeit \u00fcber \u203aTrauma als Wissensarchiv\u2039, indem ich individuelle und kollektive Dimensionen von Trauma \u2013 oder in seinem Beispiel Fall Krankheit wie Pest oder Covid-19 \u2013 zusammen denke, also im Grunde genommen Kulturgeschichte mit Psychoanalyse. Mir wurde diese These, wie ich meine, durch einen \u203aGrounded Theory\u2039 Ansatz gewisserma\u00dfen vom Feld selbst \u201eherangetragen\u201c, so dass ich dieses Thema eher ethnographisch als psychologisch analysiere.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u203aSelbstzerst\u00f6rung aus Verlassenheit\u2039 schreibt Renggli der Pest im 14. Jahrhundert dem Ausbruch einer Massenpsychose zu und findet die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr in der Erziehung von Kindern im Jahrhundert davor, angewiesen von der katholischen Kirche, sich von ihren Kindern getrennt zu halten. Kinder, die im 13. und 14. Jahrhundert aufwuchsen, litten daher, so Regglis Argumentation, an einem kollektiven Trauma von fr\u00fcher Abweisung und Verlassenheit (vgl. Renggli 1992). Auch wenn diese Verkn\u00fcpfung von Thesen ziemlich abenteuerlich klingt und vielleicht auch ganz klug von mir selbst nicht direkt psychologisch auf mein Thema beantwortet wird, ist immerhin die Frage von Winiecki gut gestellt, wieso nun ausgerechnet Corona und nicht vorher schon andere lebendbedrohliche Umst\u00e4nde in unserer Welt, wie Klimakatastrophe und Kriege, einen solchen Anklang in der Weltbev\u00f6lkerung findet: Winiecki fragt: \u201eWie konnte das Gespenst von Covid-19 die Menschheit derartig tyrannisieren und im Nullkommanichts zum Stillstand zu bringen?\u201c<\/p>\n<p>Ich selbst habe es so empfunden, dass wir aus unserem schnelllebigen, resultats- (statt prozess-) orientierten Leben herausgeworfen worden sind, um zur Langsamkeit und Stille zur\u00fcckzukehren und zu begreifen, dass wir ohne unsere Natur \u2013 die in uns und um uns bzw. mit uns \u2013 nicht leben k\u00f6nnen, mit B\u00e4umen, Luft, unserem K\u00f6rper, den Wolken, den V\u00f6geln, allem. Wir haben es zugelassen und lassen es weiter zu, dass die Artenvielfalt ausgerottet wird. Winiecki beschreibt dies als Angst und Verzweiflung, die sich unterbewusst schon lange in der Menschheit aufgestaut haben soll (ebd.).<\/p>\n<p>Interessant, diese Diskussion geht ja durchaus einen konstruktiven Weg von Spiritualit\u00e4t und Politik ein, der so gar nicht in die g\u00e4ngigen gesellschaftskritischen \u00dcberlegungen passen und f\u00fcr einige sicherlich abwegig erscheinen. Ich finde, dass es hier einen gro\u00dfen Unterschied zu den Meinungen gibt, die mir vorher \u00fcber den Weg liefen (Bhakdi, Dahlke), da er den Virus und die damit ausgel\u00f6ste Angst nicht verleumdet und verteufelt, sondern sie in ihrer Dramatik und Klarheit anerkennt, aber eben damit konstruktiv arbeitet. Daraus entsteht bei mir der Impuls, anzuhalten \u2013 auch im Sinne einer gesellschaftlichen Quarant\u00e4ne und in Gedenken an die Toten \u2013 und innezuhalten, nicht sofort in einen neuen Aktionismus zu geraten, sondern mal tats\u00e4chlich wahrnehmend und reflektierend die Tage in der h\u00e4uslichen Isolation anzunehmen.<\/p>\n<p>Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum sich ausgerechnet Covid-19 auch mental so global verbreitet, w\u00e4hrend es doch andere Tote und Massenverbrechen gibt, die sonst einfach hingenommen worden sind. In diesem Aufschrei steckt auch, so verstehe ich es, der Wunsch nach Heilung auf einer weltweiten Ebene und sollte eben keine Trennungen herbeif\u00fchren zwischen verschiedenen L\u00e4ndern und Menschengruppen. Winiecki meint, dass jedes Leben heilig sei und f\u00fchrt aus:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eLasst und diese Zeit der sozialen Distanzierung solidarisch zusammenstehen, insbesondere mit Minderheiten und Randgruppen, und jede Propaganda ablehnen, die soziale Gruppen gegeneinander auszuspielen versucht.\u201c (Martin Winiecki 13.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Als eine der Zukunftsszenarien imaginiert er: \u201eNach vielen Monaten in Ausgangssperren haben die Menschen das neue Zeitalter der Quarant\u00e4ne-Existenz akzeptiert.\u201c, bislang ist das hier aber nicht der Fall. Jamiro und Ariu musste ich auch schon vor der Quarant\u00e4ne fast zwingen, mal nach drau\u00dfen zu gehen\u2026 also habe ich heute, als die Sonne so bezaubernd am fr\u00fchen Abend herauskam, alleine einen kleinen Abendspaziergang zum R\u00fcdesheimer Platz gemacht, um wieder aussortierte B\u00fccher in die B\u00fccherbox zu bringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9077\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9077\" class=\"size-full wp-image-9077\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/27-rudesheimer-platz-mosel.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9077\" class=\"wp-caption-text\">Standfigur der Mosel am R\u00fcdesheimer Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich meistere diese Krise viel besser als die Zeit, als ich um mein \u00dcberleben gek\u00e4mpft habe, aber ich habe ja auch keine Schmerzen. Der menschliche K\u00f6rper ist so intelligent, dass ich mich nicht mehr an die vielen, langen und gro\u00dfen Schmerzen erinnere \u2013 aber ich bin auch eine K\u00e4mpferin und \u00dcberlebende \u2013 aber ich wei\u00df, dass sie existierten. Deshalb erinnern mich die Situationen, aber sie f\u00fchlen sich anders an.<\/p>\n<p>Auch ich bin von der Unsichtbarkeit verwirrt, obwohl ich sie eigentlich so gut kenne. Morgen gehe ich wohl doch mit meinem Mann zu Ikea, um neue Leuchten f\u00fcr unsere Wohnung zu kaufen, der zweite Anlauf\u2026 Ob ich leichtsinnig mit der Situation umgehe, mich von anderen beeinflussen lasse, dass das, was unsichtbar ist, doch auch nur die \u201eanderen\u201c angeht? Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht bleibe ich doch zu Hause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute bin ich schlapp und m\u00fcde, tatenlos, auch irgendwie traurig. Ich habe das Gef\u00fchl, nichts zu schaffen. Der Himmel ist verhangen, es ist eisig kalt drau\u00dfen. Die V\u00f6gel auf meinen Balkon sind total s\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ist die Corona-Zeit eine Episode oder eine echte gesellschaftliche Transition zu einer ver\u00e4nderten Realit\u00e4t?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich f\u00fcr Anfang Juni f\u00fcr einen Workshop \u00fcber audismuskritisches Denken bei \u203aDiversity Arts Culture\u2039 angemeldet, stehe aber leider nur auf der Warteliste. Die Einladung kam heute am Morgen, aber nun sind schon alle Pl\u00e4tze belegt. Es scheint ja tats\u00e4chlich einen Nerv bzw. eine bedeutende L\u00fccke zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ich hatte immer gedacht, dass es angemessener sei, das Wort \u201egeh\u00f6rlos\u201c zu sagen \u2013 wobei mir dann immer auffiel, dass es f\u00fcr uns SchwerH\u00f6rige (vgl. Scharf da Silva 2015) keinen passenden Begriff gab\u2026 &#8211; und dann sagte <em>M\u00e3e<\/em> Gabriele, als sie im Februar 2018 zu mir (als sie von K\u00f6ln auf einer Reise nach Berlin war und wir uns in meinem Atelier trafen), dass ich \u201eTaub\u201c sei, als ich meine Behinderung mal wieder umst\u00e4ndlich zu formulieren versuchte. Der Blick, mit dem sie mich ansah, bewirkte so viel in mir! Es war ein verst\u00e4ndnisvoller, anerkennender Blick und ich wusste sofort, dass er mir das Privileg gab, zu einer Gruppe zu geh\u00f6ren und nicht alleine zu sein. Sabine, die wie ich \u00fcber PROMI (Promotion Inklusive, Universit\u00e4t zu K\u00f6ln) gef\u00f6rdert wird und resth\u00f6rend ist (w\u00e4hrend ich hochgradig schwerh\u00f6rig bin), hat mir beigebracht, diese bl\u00f6den graduellen Unterscheidungen \u00fcber das Ma\u00df des schweren H\u00f6rens \u00fcber Bord zu werfen, was f\u00fcr mich ein langer und heilender Prozess war, da ich ja immer aus allen Kategorien herausgefallen bin oder mir immer nett meinend und paternalistisch \u00fcbergriffig gesagt wurde, dass es \u201eja nicht so schlimm\u201c sei. Genau dies trifft eines der wesentlichen Punkte f\u00fcr Ableismus bzw. Audismus; die angebliche Vereinzelung bestimmter Personen. Aber ich bin trotz allem, trotz vieler Workshops und Lekt\u00fcre, weit weg davon, wirklich selbstbewusst zu sein. Dennoch: Nat\u00fcrlich bin ich Taub! Also Taub mit einem gro\u00dfen Buchstaben!<\/p>\n<blockquote><p>\u201eTaub ist eine positive Selbstbezeichnung nicht h\u00f6render Menschen, unabh\u00e4ngig davon ob sie taub, resth\u00f6rig oder schwerh\u00f6rig sind. Damit wird auch gezeigt, dass Taubheit nicht als Defizit angesehen wird. Es handelt sich hierbei um die Wiederaneignung eines Begriffs, der lange Zeit als abwertende Beschreibung verwendet wurde (reclaiming). Einige Mitglieder der Tauben Community verwenden inzwischen wieder das Wort \u201aTaub\u2018 f\u00fcr sich, weil es im Gegensatz zum Begriff \u201ageh\u00f6rlos\u2018 nicht schon im Wort selbst einen Mangel (-los) benennt.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201ataub\u2018 wird von vielen H\u00f6renden noch als negativ besetzt wahrgenommen, da sie ihn mit umgangssprachlichen Abwertungen f\u00fcr nicht-h\u00f6ren verbinden. Die abwertende und diskriminierende Haltung gegen\u00fcber Tauben Menschen oder die Marginalisierung von Geb\u00e4rdensprache wird Audismus genannt.<\/p>\n<p>Viele nicht h\u00f6rende Menschen bezeichnen sich auch als geh\u00f6rlos oder benutzen beide Begriffe. Um eine respektvolle Kommunikation zu erm\u00f6glichen, sollte immer erfragt werden, wie Taube Menschen genannt werden wollen und welche Kommunikationsmittel sie bevorzugen.\u201c (Silvia Gegenfurtner, 2020: \u201eTaub\u201c [online]. Berlin: Diversity Arts Culture, <a href=\"http:\/\/www.diversity-arts-culture.berlin\/woerterbuch\/taub\">http:\/\/www.diversity-arts-culture.berlin\/woerterbuch\/taub<\/a>, Abruf am 5.5.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Jetzt, beim Schreiben, wird es mir klar, dass es vielleicht nicht an mir lag, sondern einfach am Umstand, dass ich eben schon immer bzw. seit meinem zweiten Lebensjahr schwerH\u00f6rig bin, dass ich mit all diesen Worten hadere\u2026 Vielleicht brauche ich wirklich erst meinen Doktortitel, um mich so nennen zu k\u00f6nnen, weil ich damit endlich zeigen kann, dass ich nicht so bl\u00f6d bin wie es andere von mir so oft gedacht hatten. Jetzt gibt es auf einmal eine Kulturszene daf\u00fcr!<\/p>\n<p>Und heute habe ich das erste Mal, endlich\u2026, an einer Zoom-Veranstaltung teilgenommen, \u201eSolidarit\u00e4t zwischen Pest und Corona und danach\u201c, organisiert von der Uni Bremen (vgl. Universit\u00e4t Bremen 5.5.2020), angek\u00fcndigt u.a. mit den Worten von Christine Dietze:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eCovid-19 l\u00e4sst bestehende Ungleichheiten noch deutlicher hervortreten. Gleichzeitig wird Solidarit\u00e4t gefordert und gefeiert in einer Zeit, die als Krise beschrieben und nicht selten bereits als Zeitenwende prognostiziert wird\u201c (Christine Dietze, Universit\u00e4t Bremen 5.5.2020)<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_9079\" style=\"width: 545px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9079\" class=\"size-full wp-image-9079\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/28-zoom-zuhause.jpg\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9079\" class=\"wp-caption-text\">Zoom im Home Office, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ausgangspunkt ist das 2019 erschienene Buch \u00fcber Solidarit\u00e4t (Die Zukunft einer gro\u00dfen Idee) von Heinz Bude im Sinne einer Idee von \u201eEine Uni, ein Buch\u201c (2018) gewesen. Ich bin sehr erleichtert gewesen, dass endlich mal jemand \u2013 Heinz Bude im Zoom-Gespr\u00e4ch &#8211; das sagt, was ich bemerke: dass sich die Menschen nicht einsch\u00fcchtern lassen und voller Angst erstarren, sondern sehr bewusst sind. Ich finde ja, dass sie fahrl\u00e4ssig mit ihrer Gesundheit und der von \u201eanderen\u201c (wie mir) umgehen, nicht aber mit ihrem demokratischen Verst\u00e4ndnis. Das ist gut, obwohl nat\u00fcrlich auch hier in Berlin sich so manche Querb\u00fcndnisse vor der Volksb\u00fchne zwischen \u201eEsoteriker[n], Altlinke[n] und Reichb\u00fcrger[n]\u201c ergeben, die sich \u201eselbst als neue Friedensbewegung, die weder links noch rechts sei\u201c beschreibt, wie es Christoph Kluge im Tagesspiegel ganz richtig schreibt (vgl. Kluge 1.5.2020). Die Demonstrant*innen betrachten ihre Protestform als \u201ezivilen Ungehorsam\u201c und warnen vor dem \u201eAufbau eines Corona-Polizeistaats\u201c (ebd.). Das ist ja ein gar nicht so neues Format, da die AfD sich ja auch als \u201ealternativ\u201c benennt. Sie verwenden wie Extinction Rebellion, die sich auf den zivilen Ungehorsam von Henry Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King beziehen, die gleichen Worte wie die Afd sich auch als \u201ealternativ\u201c benennt, wie es die Vorg\u00e4ngerpartei der Gr\u00fcnen der Alternativen Liste, tut; f\u00fcrchterlich. Das ist eine Vergewaltigung der Sprache. Mir ist bewusst, dass dies nicht mehr neu ist, dennoch erschreckt es mich immer noch.<\/p>\n<p>Es ist, wie es ist, alles sehr komplex und verwoben; es gibt nicht nur verschiedene Interessensgruppen, sondern auch verschiedene Wellen an Meinungsbildung. Ich glaube, das ist meine Schwierigkeit mit meinem Artikel, aber genau das sollte nat\u00fcrlich der Ausgangspunkt von jeder wissenschaftlichen und journalistischen T\u00e4tigkeit sein, nicht alle \u00fcber einen Kamm zu scheren, sondern die Vielfalt an Meinungsbildungen aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Bude bezeichnet die Solidarit\u00e4t, wie er sie in seinem im Buch diskutiert, als einen globalen Imperativ, den er aber eher nostalgisch begriff, da er in Vor-Corona-Zeiten schon als obsolet galt. So habe ich es auch empfunden, als ich in meiner Feldforschung \u00fcber Solidarit\u00e4t zwischen europ\u00e4ischen und brasilianischen Umbandist*innen schrieb und sprach. Dies wurde dann eher abgewunken und ich wurde gefragt, auf welches Konzept ich mich denn da \u201eeigentlich\u201c berufen w\u00fcrde. Doch geht<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSolidarit\u00e4t immer mit Fragen der Differenz und Schuld einher [\u2026]. Kurz zusammengefasst: Was schulden wir dem Anderen? Und in welchen wechselseitigen Beziehungen stehen Individuum und Kollektiv zueinander, das Ich und Wir.\u201c (Smarzoch 20.5.2019).<\/p><\/blockquote>\n<p>Darum ging es mir, um ein Bewusstsein der kolonialen Verschr\u00e4nkung unserer Lebenswelten in globalen Norden und S\u00fcden. Auch wenn die Umbandist*innen dieser Umbanda-Gemeinschaft das tendenziell eher ablehnen, weil wir ja alle \u201ein einer Welt\u201c leben (was als Ideal nat\u00fcrlich total nett ist, aber irgendwie leider auch an der Realit\u00e4t vorbeigeht), sympathisieren sie doch mit der Idee der Solidarit\u00e4t, die ja auf dieser Grundordnung basiert. Es steckt also ein innerer Widerspruch in dieser Aussage. Wenn wir alle friedfertig in einer Welt leben w\u00fcrden, br\u00e4uchten wir keine Solidarit\u00e4t, oder? Sondern einfach Dialog, Austausch. Stimmt mein Gedankengang?<\/p>\n<p>Ich schreibe hier mal spontan das auf, was ich an Mitschriften und eigen Gedachtem mitgenommen habe. Bude meint, dass die alten Formen der Vergemeinschaftung im Sinne von Solidarit\u00e4t von sozial ausgegrenzten Personengruppen (wie in der Arbeiterbewegung), die sich einer Entw\u00fcrdigung entgegenstellten, nicht mehr in dieser generalisierten Form gibt, weil die Unterdr\u00fcckung heutzutage in dieser historischen Dimension weggefallen ist. (Habe ich das richtig verstanden? Hm\u2026 Also wenn ich an Brasilien denke, gibt es das schon noch\u2026 Er bezieht sich wohl auf die deutsche Situation, wo geradezu jeder Mensch ein Recht auf Unterkunft und Nahrung hat? Das m\u00fcsste ich wohl in seinem Buch nachlesen, zu dem ich gerade keinen Zugang habe.)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eTotalit\u00e4re Systeme entscheiden wiederum dar\u00fcber, wer gut genug ist, f\u00fcr die Solidarit\u00e4t zu leben und wer in ihrem Namen vernichtet werden muss. Aus diesen Betrachtungen resultiert, dass Solidarit\u00e4t zwangsl\u00e4ufig auch immer Exklusion bedeutet.\u201c (Smarzoch 20.5.2019).<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann f\u00fchrt er weiter aus, dass er sich also, da es diese Form ja nicht mehr gibt, auf die Durckheimsche Vorstellung von Solidarit\u00e4t als Grundbestand der Gesellschaft bezieht. Jedenfalls befinden wir uns, auch ohne Corona (was vielleicht einfach die Sichtbarmachung der Krise ist?), in einer Umbruchssituation, in der neue Gesellschaftsentw\u00fcrfe geschaffen werden. Bude meint, dass sich die gegenw\u00e4rtige und zuk\u00fcnftige Bedeutung dieses Wortes nicht mehr im kollektiven Sinne, sondern in einer individuellen Einsicht, auf Freiwilligkeit berufende Haltung bezieht.<\/p>\n<p>Seit Trump auf die politische Arena getragen bzw. hineingew\u00e4hlt wurde, ist die alte Vorstellung von Solidarit\u00e4t nicht mehr plausibel, da sie nicht mehr Freiheit, sondern Schutz beinhalte (Habe ich das so richtig verstanden?). In Deutschland jedenfalls habe die Bundesregierung, so Bude im Gespr\u00e4ch, in der Corona-Krise mit dem Modell der Eind\u00e4mmung und nicht mit Drohungen gearbeitet und f\u00fcr die Verantwortung der B\u00fcrger*innen pl\u00e4diert, f\u00fcr sich selbst, aber eben vor allem auch f\u00fcr andere \u2013 f\u00fcr alte und vorerkrankte Menschen &#8211; einzugestehen. Merkel und S\u00f6der haben nicht moralisch argumentiert, keine Angst verbreitet, kein Obrigkeitsdenken bef\u00f6rdert, wie es ihnen jetzt unterstellt wird. Das Motiv der Solidarit\u00e4t wurde in der Anfangszeit von Corona auf einmal sehr stark und sehr positiv einem praktischen Test unterzogen.<\/p>\n<p>So genau habe ich es auch empfunden. Aber jetzt kippt die Stimmung, oder? Oder bahnen sich einfach andere Stimmen ihre Wege in die \u00d6ffentlichkeit? Wahrscheinlich passiert eher letzteres.<\/p>\n<p>Christine Dietze, die hinzugeschaltet wird und damit vorgestellt wird, dass sie sich mit Diversit\u00e4tskonzepten besch\u00e4ftigt, bemerkt, dass sich eine Ver\u00e4nderung ereignet hat, da nun auf einmal alle gleich verletzlich wegen dieses neuartigen Corona-Virus seien, sich damit anzustecken. Das zeige das Beispiel von Johnson in England. Sind wir also alle gleich? Nein, nicht ganz; nun werden, so Dietze, Ungleichheiten sichtbar, da Vorerkrankte verletzlicher sind als andere; auch diejenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, dabei wenig verdienen und also auch keine Entscheidung dar\u00fcber haben, ob sie arbeiten oder nicht.<\/p>\n<p>Ich als direkt betroffene Person habe mich \u00fcber diese erste Solidarit\u00e4ts-Welle gewundert (und auch gefreut, wenn ich ihr auch nicht trauen konnte), weil ich sie in dieser Form noch gar nicht kannte. Und jetzt reagieren die Leute eher aggressiv darauf, dass sie solidarisch zu sein haben, weil es ihnen eigentlich egal ist, was mit anderen passiert\u2026<\/p>\n<p>Jeannette Ehrmann wird hinzugeschaltet und geht unter anderem auf das Privileg, eine gute Wohnung zu haben, ein, aber auch auf die sich immer weiter verst\u00e4rkende \u201eglobale Color-Linie\u201c und der sich bahnbrechenden Gleichg\u00fcltigkeit der Mehrheitsgesellschaft dar\u00fcber, dass People of Color in den USA vermehrt an Corona sterben im Vergleich zur Wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung. Die Triage ist rassistisch.<\/p>\n<p>Kaschuba wird zugeschaltet. Er meinte, dass die Situation sich gerade ver\u00e4ndert, weil die Gefahr sonst den als \u201eanderen\u201c Bezeichneten \u2013 die Migrant*innen, die Natur, der Krieg \u2013 nun wir selber seien. Wir nehmen Gesellschaft gerade wie in Zeitlupe wahr. U-Bahn-Fahrer*innen, Aldiverk\u00e4ufer*innen, Krankenschwestern und Krankenpfleger r\u00fccken nun ins Licht der Aufmerksamkeit und zeigen einen empathischen Blick unserer Gesellschaft auf diese sonst nicht sonderlich beachtete Berufsgruppen. Solidarisch sei auch die nachbarschaftliche bewusste Unterst\u00fctzung. Er w\u00fcrde Bude aber widersprechen, dass eine starke Individualisierung als Gegenteil zu einer moralischen Dimension zu erleben sei, da diese neuen zu beobachtender normativer Werter zu einer gelingenden Gesellschaft beitragen. Es sei zu fragen, welches diese transitorischen Elemente genau seien und ob sie neue Potenziale zutage f\u00f6rdern werde.<\/p>\n<p>Im Chat wird geschrieben, ob es angesichts der NSU-Morde und Hanaus nicht zynisch sei, Gefahr und Gewalt als von au\u00dfen kommend zu beschreiben.<\/p>\n<p>Warum hat ausgerechnet Corona so viel Aufmerksamkeit erfahren und nicht zum Beispiel die Klimakatastrophe (oder andere globale Katastrophen)? Eben weil auf einmal auch wir (als der Westen?) verletzlich sind, so Bude; Merkel hat in diesem Zusammenhang ganz passend den Vergleich zu 1945 gezogen, einem Moment der experimentellen Nullstellung.<\/p>\n<p>Ist die Corona-Zeit eine Episode oder eine echte gesellschaftliche Transition zu einer ver\u00e4nderten Realit\u00e4t?<\/p>\n<p>Dietze meint, dass sie diese Zeit eher als Zeitraffer beschreiben w\u00fcrde, in der die Geschwindigkeit der Gefahr sehr pr\u00e4sent sei. Sie lege einen Mangel offen. Privilegierte Personen erfahren auf einmal die Ohnmacht, auf einmal selbst betroffen zu sein. Das Klatschen auf dem Balkon und andere Gesten spiegeln eher den puren Egoismus statt einer (Pseudo-)Solidarit\u00e4t dieser gesellschaftlichen Gruppen wider; sie sei ein Ausdruck der Herrschenden. Kaschuba sagt: Wir k\u00f6nnen vor dieser Gefahr von Corona nicht fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>Ehrmann fragt, ob Corona tats\u00e4chlich eine globale Krise sei? (oder nur auf die westlichen L\u00e4nder beschr\u00e4nkt? Verstehe ich nicht.). Zeigt sich in ihr eine Krise der Demokratie?<\/p>\n<p>Ich habe Lust, von nun an mehr Zoom-Veranstaltungen zu besuchen. Da ich jetzt keine eingeschriebene Doktorandin und Studentin der HU mehr bin, auch keine wissenschaftliche Mitarbeiterin, habe ich keinen Zugang mehr zu all diesen Services \u2013 nur wenn es von einer anderen Stelle, wie es im Solidarit\u00e4ts-Zoom von der Universit\u00e4t Bremen war, schon. \u00c4rgerlich. Ich dachte ja, dass ich nun als Post-Doc wieder neu an der HU angesiedelt w\u00e4re. Ich w\u00fcrde schon gerne in Budes Buch gucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute gab es ein Ritual f\u00fcr Oxumar\u00e9 im Casa St. Michael in K\u00f6ln, dem Haus des reinen Wassers, der gemeinsam mit seiner Schwester Eu\u00e1 f\u00fcr den Zyklus steht, f\u00fcr den Regenbogen, den \u00dcberg\u00e4ngen, den Abschl\u00fcssen von Altem und dem Beginn von Neuem. Arro Boboi Oxumar\u00e9!<\/p>\n<div id=\"attachment_9081\" style=\"width: 394px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9081\" class=\"wp-image-9081 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/29-oxumare.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9081\" class=\"wp-caption-text\">Kerzen f\u00fcr Oxumar\u00e9, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_9083\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9083\" class=\"size-full wp-image-9083\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/30-oxumare.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9083\" class=\"wp-caption-text\">Kerzen f\u00fcr Oxumar\u00e9, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Er ist der Ausl\u00f6ser und Repr\u00e4sentant von Transformation. Ich z\u00fcnde zwei Kerzen an, eine hellgr\u00fcne (in Ermangelung einer regenbogenfarbenen) und eine wei\u00dfe, die eben alle Farben in sich b\u00fcndelt, singe ein Lied f\u00fcr ihn und frage mich, was abgeschlossen werden will? Welche Knoten sollen sich l\u00f6sen? Wovon soll ich loslassen? Ich denke, dass ich aus diesem tieftraurigen und gleichzeitig ruhigen und wundervollen Zyklus der Quarant\u00e4ne gehen sollte, mich wieder bewegen sollte, anders, aber zum Beispiel ins Atelier. In Zoom-R\u00e4ume. Meine Disputation endlich annehmend und reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ja sagen, dass ich in den letzten zwei Monaten mal eben einen Crash-Kursus in Lehre unternommen habe, gewisserma\u00dfen als \u203aLiving Fieldwork\u2039<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>! Oder sollte ich sagen, learning by doing? Ob ich nun will oder nicht, da muss ich durch. Oder ich werde nach Corona Berufs-Coach, weil ich nun s\u00e4mtliche Lernbl\u00e4tter mit Apuan ausgef\u00fcllt habe, wie und warum er gerne Fachinformatiker werden m\u00f6chte\u2026 Oder ich sage Regina, dass ich jetzt doch einfach ad hoc unterrichten kann, weil ich jetzt so viel ge\u00fcbt habe\u2026 Haha!<\/p>\n<p>Heute Morgen schrieb die Klassenlehrerin von Apuan uns Eltern eine Nachricht, dass etliche Sch\u00fcler*innen nun gar nichts mehr abgeben w\u00fcrden und werden nun in die Schule zitiert. Einige wenige seien aber sehr flei\u00dfig und h\u00e4tten nun sogar bessere Noten als in der Schule. Hm\u2026 meine Rede! Ariu geh\u00f6rt zur letzteren Gruppe. Ich nerve zwar etwas wegen dem Design des Blattes herum \u2013 Name, Datum, Abs\u00e4tze gestalten und so \u2013 aber inhaltlich ist es ja doch alles von ihm. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich so viel hinterher bin, weil er es doch aus eigenen St\u00fccken und Interesse tun sollte \u2013 so ist zumindest mein p\u00e4dagogisches Idealbild \u2013 aber ich gebe, ganz in Montessoris Sinne (soweit ich es verstanden habe, habe mich wirklich nicht in aller Tiefe mit ihren Schriften befasst), einfach die Rahmenbedingungen \u2013 die Zeit, Ruhe, Ort \u2013 vor, damit er gut arbeiten kann und auch eine Ansprechpartnerin hat. Wir reden dann immer etwas sehr viel, d.h. eigentlich redet Ariu wie ein Wasserfall, und ich versuche, dass er diese ganzen Reflexionen auch mal zu Papier bringt \u2013 wie zum Beispiel im Corona-Tagebuch. Er schreibt n\u00e4mlich seit vorgestern auch ein Corona-Tagebuch, was als Grundlage f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere interdisziplin\u00e4re Aufgabe dient.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter: Arius Klassenlehrerin schreibt, dass alle der achten Schulklasse wieder f\u00fcr einmal in der Woche in die Schule kommen m\u00fcssen, um jeweils f\u00fcr zwei Stunden in der Woche am Mathe- und Deutschunterricht im Pr\u00e4senzbetrieb teilzunehmen. Ich frage nach, ob es da auch eine Ausnahme gegen kann, da ich chronisch krank bin; Ariu w\u00fcrde auch extra Aufgaben \u00fcbernehmen. Die Antwort kam prompt: Klar, Ariu ist entschuldigt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie ich das beschreiben soll. Ich bin so erleichtert, aber das beschreibt es nicht im Mindesten. Es geht mir nicht gut. Aber es ist egal, die Leute wollen Freude, Aufregung, Begegnungen. Sie k\u00f6nnen der Ruhe nichts abgewinnen. Und sie glauben tats\u00e4chlich, dass sie sicher sind, ich aber nicht. Das ist ihnen egal! Mignolo sagt: \u201cthere is no safe place\u201d (Mignolo 2011: The Darker Side of Western Modernity. Global Futures, Decolonial Options. London: 62f.). Er meint es, so empfinde ich es, absolut, nicht romantisch verkl\u00e4rt, sondern so, wie ich es f\u00fchle und wei\u00df. Wir sind alle Lebewesen und stehen selbstverst\u00e4ndlich miteinander im Dialog und Gleichgewicht. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass lediglich eine oder einer stirbt oder \u00fcberlebt, das h\u00e4ngt alles zusammen. Eigentlich k\u00f6nnen wir alle so viel tanzen, lachen und uns trotzdem umarmen, aber wir sind einfach nicht sicher. Ob nun Bill Gates, die Chinesen, die Amerikaner oder sonst wer daran schuld ist, meinetwegen auch die Pharmaindustrie mit teuren Impfmitteln, ist schei\u00dfegal, wir als einfache Menschen sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Gestern bin ich so traurig schlafen gegangen, weil ich eine erneute Absage, dieses Mal f\u00fcr die Impact-F\u00f6rderung der Berliner Senatsverwaltung f\u00fcr meine Kunstinstallation \u201eVielschichtigkeit\u201c erhalten habe\u2026 Ich f\u00fchle mich elendig, sehr traurig und betr\u00fcbt. Ohne dieses Geld werde ich mein Projekt nicht umsetzen k\u00f6nnen; es w\u00e4re aber auch gut zur Aufmunterung gewesen, jenseits eines finanziellen Nutzens und abgesehen von einer Umsetzung meiner Idee&#8230; Sehr traurig.<\/p>\n<p>Mich macht das sehr empfindlich. Was nutzt mir mein schei\u00df Idealismus, mein summa cum laude (wovon keiner in meinem Umfeld \u00fcberhaupt wei\u00df, was es hei\u00dft!), wenn ich nicht leben kann? Jamiro malt immer weiter, \u00fcber alle Grenzen hinweg, aber ich schreibe nur hier. Das will wahrscheinlich auch niemand lesen. Menschen. Ach, ich bin schrecklich traurig! Ich weine und weine und weine. Ich meditiere heute nicht, was soll das! Immerzu soll ich meine Welt selbst erschaffen! Nat\u00fcrlich ist das wichtig, aber es muss auch ein Gegen\u00fcber geben!!!<\/p>\n<p>Zu allem \u00dcberfluss hat mir eine Freundin geschrieben, dass ich mich \u201enicht mental in ein Gef\u00e4ngnis aus Angst katapultieren lassen\u201c soll, weil ich meinte, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich Ende des Monats mit ihr im Freibad schwimmen gehen werde. Sie fragt mich nicht, wie oder warum es mir irgendwie geht, sondern folgert es einfach selbst. Hm. Mir scheint, dass sie da Worte hinterherplappert, die sie von anderen geh\u00f6rt hat, weil ich nicht recht sehe, was das mit mir zu tun hat.<\/p>\n<p>Ich rede lange mit meinem Sohn dar\u00fcber, weil er immer so gute, empathische und einfache Antworten hat. Er sagt: \u201eKomisch, das h\u00f6rt sich f\u00fcr mich an wie eine Mutprobe der Freundschaft. Ich an deiner Stelle w\u00fcrde mich fragen, ob du eigentlich ihre Freundin bist, wenn es ihr egal ist, ob du tot oder lebendig bist. Stell Dir vor, dass sie Dir sagt, dass Du vor einen fahrenden Zug rennen solltest, um Deine Freundschaft zu best\u00e4tigen\u2026 W\u00fcrdest Du das tun? Nein, nat\u00fcrlich nicht!\u201c Er schlie\u00dft an: \u201eIch bin mit Dir solidarisch und bleibe mit Dir in Quarant\u00e4ne, weil Du besonders verletzlich bist. Aber ich tue es auch f\u00fcr mich selbst, weil, wenn ich mich sch\u00fctze, ich dann auch die Gesellschaft unterst\u00fctze, sich heilen zu k\u00f6nnen.\u201c Ich wusste, dass er philosophisch ist\u2026<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSolidarisch zu sein bedeutet \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zum anderen, sich selbst verstehen zu lernen und dabei die eigene Selbstachtung zu kultivieren. Es geht nicht darum zu geben, sondern zu teilen und gemeinsam am gro\u00dfen Ganzen zu arbeiten.\u201c (Smarzoch 20.5.2019).<\/p><\/blockquote>\n<p>Falls ich also weiterhin arbeitslos bleiben sollte, habe ich wenigstens eine Sache in meinem Leben gutgetan, einen jungen Menschen in eine humanistische Richtung zu schicken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>In Brasilien sterben immer mehr Menschen \u2013 und das ist erst der Anfang. Bolsonaro macht lieber eine Grillparty, als sich um sein Volk zu k\u00fcmmern. Gleichzeitig demonstrieren hier die Menschen haufenweise gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen und haben keinen Anstand, sich 75 Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur neben Rechtsradikale zu stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ariu hat jetzt noch ein weiteres Lernsystem f\u00fcr Englisch, sehr cool \u2013 damit kann er verschiedenste Filme f\u00fcr den Unterricht abrufen (w\u00e4hrend der andere Unterricht eigentlich noch mit den altmodischen Zetteln arbeitet, eben einfach nur online) und auch Vokabeln in einem ausgekl\u00fcngelten und sehr \u00fcberzeugenden System \u00fcben.<\/p>\n<p>In dieser Quarant\u00e4ne gab es eine erste Welle kurz nach Ostern, als es an der Zeit war, dass die Schule wieder regul\u00e4r ge\u00f6ffnet werden sollte \u2013 da wurde mir klar, dass es zeitlich nicht zu fassen ist, was da gerade passiert. Ob wir behutsam unser \u00f6ffentliches Leben retten und gleichzeitig ver\u00e4ndert herausgehen oder nicht.<\/p>\n<p>Und jetzt kommt die zweite Welle, die mir eigentlich mehr Sorge macht als die Anfangsphase der Pandemie\u2026 vielleicht ist das Quatsch und ich schreibe es mir hier nur von der Seele. Hoffentlich. Aber dass jetzt Tausende auf den Stra\u00dfen stehen und sich in der angeblichen Verteidigung ihrer Meinungsfreiheit gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen stellen und dabei diese krude Vermischung von rechtsradikalem Gedankengut mit der Angst vor einer Impf-Diktatur, \u201enat\u00fcrlichem\u201c Sterben und gegen jegliche Menschlichkeit offenlegen, wie ich sie hier in meinem Tagebuch ratlos und minuti\u00f6s, gleichzeitig ungl\u00e4ubig staunend dokumentiert habe ist zwar eine logische Schlussfolgerung dieses merkw\u00fcrdigen und schrecklichen Menschenbilds, aber dennoch unglaublich. Nat\u00fcrlich ist es gut, sich damit auseinanderzusetzen, aber mir wird es seelisch gerade zu viel \u2013 auch weil ich ja pers\u00f6nlich angegriffen werde. Das wird in Zukunft vielleicht eher zu- als abnehmen.<\/p>\n<p>So hat eine Bev\u00f6lkerungsstudie zur Risikowahrnehmung der Menschen in der Corona-Krise und ihren Bew\u00e4ltigungsstrategien von Anfang April ergeben, dass die meisten in Deutschland lebenden Menschen wegen der aktuellen Corona-Pandemie zwar beunruhigt sind, aber keine Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus haben \u2013 nur 28%! (vgl. Gerhold \/ Peperhove 1.4.2020).<\/p>\n<div id=\"attachment_9085\" style=\"width: 813px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9085\" class=\" wp-image-9085\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/31-rheingauviertel.jpg\" alt=\"\" width=\"803\" height=\"601\" \/><p id=\"caption-attachment-9085\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Rheingauviertel auf den Heidelberger Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich werde mich wappnen m\u00fcssen. Also, da ich ja eh wie ein Kaninchen vor dem Fuchs stehe, nehme ich mir jetzt vor, mich vor dieser popul\u00e4ren und empirisch superinteressanten Welt von Facebook, Natur-Tageb\u00fcchern, YouTube-Videos etc. abzuwenden und mich mehr akademischen Texten zum Thema Covid-19 zuzuwenden; vielleicht gibt mir das Halt. Also zum Beispiel eine Serie der Freien Universit\u00e4t Berlin \u203aCorona Pandemie\u2013 Fragen an die Wissenschaft\u2039 (vgl. Freie Universit\u00e4t Berlin 2020), Bernd Scherer vom Haus der Kulturen der Welt (vgl. Scherer 29.4.2020), der Blog der Medizinanthropologie \u203aWitnessing Corona\u2039 (vgl. Witnessing Corona 10.5.2020) und die Zoom-Interviews des Futuriums.<\/p>\n<p>Der Historiker Paul Nolte meint, dass die Corona-Pandemie eine \u201etiefe historische Z\u00e4sur\u201c erkennbar machen lasse (vgl. Nolte 27.3.2020).<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAm meisten Sorge macht mir, dass eine so dramatische Alltagskrise nicht ohne traumatische Folgen bleiben kann, individuell, aber auch in der kollektiven Erinnerung. Wir werden jahrzehntelang an diesem Trauma, an dieser Erinnerung zu knacken haben.\u201c (Paul Nolte 27.3.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber er sagt auch, dass die liberalen Demokratien St\u00e4rke und F\u00fchrungsf\u00e4higkeit in der Krise gezeigt haben und dies m\u00f6glicherweise ein Signal f\u00fcr den Abstieg des Populismus sei. Im Moment sieht es ja gar nicht danach aus, aber wollen wir hoffen, dass er Recht hat (ebd.). Martin Voss der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universit\u00e4t mahnt, dass in Deutschland nicht global gedacht worden ist und<\/p>\n<blockquote><p>\u201eunsere Gesellschaft [sich] nicht gen\u00fcgend darum [k\u00fcmmert], wie es in anderen L\u00e4ndern aussieht. Diese Ignoranz r\u00e4cht sich nun bitter. Aber vielleicht lernen wir jetzt, dass wir tats\u00e4chlich alle Familienmitglieder sind in einer auf das Engste vernetzten Welt. Es ist damit auch eine historische, sogar epochale Chance. Wir m\u00fcssen auch nach Afrika und Asien schauen. Was passiert, wenn das Virus in den Slums ankommt? Ich f\u00fcrchte hier das Allerschlimmste \u2013 und das wird uns ebenfalls einholen.\u201c (Martin Voss 26.3.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong>Ich bin damit einfach auch ganz direkt \u00fcber meinen Mann und seine Familie mit verbunden; es ist meine ausgelagerte Wirklichkeit [\u2026] Mir ist klar, dass diese Abfolge von Zitaten irgendwie etwas weg vom Tagebuch-Charakter geht, aber ich muss das einfach mal einschieben, um nicht an meinen eigenen Sinnen zu zweifeln. Aber ich muss da wohl noch tiefer einsteigen, damit es eine Wirkung zeigt.<\/p>\n<p>Mara hat mir heute Morgen geschrieben, dass sie unsere Freundschaft nicht aufs Spiel setzen m\u00f6chte. Gut, ich werde ihr freundlich antworten, aber ich denke, dass es mir noch nicht so schlecht geht, dass ich gleich mein Leben aufs Spiel setzen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Ich habe mich heute einfach mal hingesetzt und total verr\u00fcckte und \u00fcbermalte Collagen angefertigt; also auch ganz banal. Mit ausgeschnittenen Schriften (Haut, ist Denken, See, Geschichte, King Size, Sch\u00f6nstpers\u00f6nlich, Blick) und Bildern aus Illustrierten von Blumen, \u00fcbermalten Haaren und Gesichtern, Wellen, Herzchen.<\/p>\n<p>Ich brauche ganz viel innere Kraft, um mich aus dieser Situation zu befreien, aber ich werde es schon schaffen. Eines der Bilder ist Iemanj\u00e1 geworden, das andere Oxum, ganz klar. Die blonde Sch\u00f6nheit als Modell ist von mir mit Gesichtsbemalung \u00fcberdeckt worden, dadurch wurde ihr trauriger Blick hervorgehoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>11.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Tag fing langsam an. Ich tr\u00e4ume sehr intensiv, aber nichts Verwunderliches wie meine umbandistischen Freudinnen (von attackierenden Reptilien), sondern eher skurril nahe. Wir fr\u00fchst\u00fccken und Jamiro meint, dass er wahrscheinlich Corona hat, weil er Halskratzen hat. [\u2026] Wir chatten mit der Techniker Krankenkasse, die uns an die Corona Hotline von Berlin verweist, die meinen, dass wir unter unseren Umst\u00e4nden gar kein Corona haben k\u00f6nnen \u2013 in Quarant\u00e4ne und nur im Supermarkt einkaufend. Die Haus\u00e4rztin geht erst gar nicht ans Telefon.<\/p>\n<p>Den Tag verbringen wir, da es ja schon f\u00fcnf vor zw\u00f6lf ist, damit, Arius Kunstordner \u00fcber sein Idol zusammenzustellen. Der Tisch im mit lauter Stiften, Papieren und Ideen \u00fcberh\u00e4uft. Zwischendurch wird gegessen, Schupfnudeln mit Sauerkraut und Vanilleeis mit Erdbeeren und Schlagsahne! Mara antwortet total s\u00fc\u00df und ist total erleichtert, dass wir weiterhin befreundet sind. Und ich falle jetzt ins Bett, es ist Mitternacht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>12.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich sitze mit Ariu in seinem Zimmer, er tanzt und ich schreibe seine Hausaufgaben auf dem Laptop. Er erz\u00e4hlt mir, was ich schreiben soll. Also: Falls diese Corona-Krise mal vorbeigehen sollte, wird Jamiro Koch, Ariu wird T\u00e4nzer und ich werde Schriftstellerin! Ariu liest mit, w\u00e4hrend ich dies schreibe und lacht!<\/p>\n<p>Jedenfalls werde ich kein Berufs-Coach!! Oh je, so viel Berufswahlaufgaben, davon werde ich total irre! Die Kunst-Mappe gestern war auf jeden Fall besser\u2026 Aber es stehen noch so viele Aufgaben an und es zieht sich alles in die L\u00e4nge\u2026<\/p>\n<p>Es gibt Essen, Jamiro hat Paella gekocht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>13.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Als Kind wollte ich Clown werden, als Jugendliche Pierrot. Da wir immer Fasching gefeiert haben, konnte ich es immerhin ein Mal im Jahr leben, dieses lustig-traurige Dasein mit einem wei\u00df geschminkten Gesicht. Es war f\u00fcr mich eine Maske oder eine Sichtbarmachung von Gef\u00fchlen, ohne die Lautsprachen nutzen zu m\u00fcssen. Clowns und Pierrots sprechen auch ohne, dass sie die \u00fcblichen Formen von Lautsprachen nutzen, h\u00e4ufig erscheinen sie im Zirkus oder in Stummfilmen. Jean-Louis Deburau im Film \u203aKinder des Olymps\u2039 von 1945 hat mich als ca. 15-J\u00e4hrige sehr beeindruckt; ich sah den Film mit meiner Mutter im Kino. Ich habe mir geschworen, nie meine Einsamkeit von damals zu vergessen und nie aus irgendeinem anderen Grund als aus Liebe zu heiraten, wenn ich \u00fcberhaupt heiraten w\u00fcrde, als ich diesen Film sah. Das habe ich getan.<\/p>\n<p>Ist schon kurios. Jetzt bin ich Ethnologin und schreibe viel, das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Aber ich vermute, dass in diesem Wunsch bei mir die Sehnsucht steckte, mich ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen, da ich ja wenig h\u00f6ren und wegen meiner grottenschlechten H\u00f6rger\u00e4te noch viel weniger verstehen konnte.<\/p>\n<p>Ich habe mich eine Weile gefragt, ob ich \u00fcberhaupt einen Berufswunsch hatte, weil ich ja mit Ariu so viel \u00fcber dieses Thema nachdenken muss, weil es die Schule so viel vorgibt. Er geht ja auf eine Sekundarschule, die erst einmal kein Gymnasium vorsieht und also die Jugendlichen auf einen praktischen Beruf vorbereitet. Ich dachte, dass ich mir nichts gew\u00fcnscht habe, aber ich hatte es verdr\u00e4ngt, weil es ja so unpraktisch ist, Clown werden zu wollen. [\u2026]<\/p>\n<p>Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht wieder vor irgendeinen Karren spannen lasse, sondern einfach f\u00fcr mein eigenes \u00dcberleben meinen Weg in der Wissenschaft gehen sollte, auch ohne passenden Habitus. Im Grunde genommen sind das nebens\u00e4chliche Dinge, die im Alltag nat\u00fcrlich \u00fcbergro\u00df daherkommen, aber ich sollte mich wirklich als Subjekt wahrnehmen und nicht als Rad im Getriebe. Nat\u00fcrlich muss ich mein Unwissen eingestehen, aber ich kann nicht anders, als meinem Herzen zu folgen. Mal sehen, ob das Schicksal mir diese T\u00fcren \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Mit Ariu Englisch zu \u00fcben ist nicht einfach. Er ist in seinem Wesen so s\u00fc\u00df, aber hampelt so viel herum\u2026 und scheinbar hat er von dem Unterricht nicht viel mitbekommen. Wenn wir aber gemeinsam Filme sehen und dar\u00fcber reden, Englischvokabeln \u00fcben, dann ist er h\u00e4ufig viel besser als ich es zuerst denke.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher wollten sie ihm Ritalin geben, das werde ich nie vergessen. Die Klassenlehrerin, eine Psychologin, eine Logop\u00e4din und ich sa\u00dfen zusammen, weil mein Mann das so wollte, dass er Hilfe brauche. Das Resultat war immer das Fazit, dass er so kindlich sei und Ritalin brauche. Ich habe das immer als eine sehr armselige Antwort empfunden. Ich habe viel geredet und war eigentlich sehr offen, wollte in den Dialog kommen, aber trotz all dieser Power-Frauen um mich herum kam es mir nicht so vor, als w\u00fcrde dies gelingen. Ich stellte mich quer und meinte, dass mein Kind kein Ritalin brauche. Er ist ein Kind gewesen. Dass er sozial ist, gerne Lachs mit Bratkartoffeln isst und die Oper liebt, habe ich als meinen guten Einfluss gewertet, also konnten die anderen doch f\u00fcr gute Mathe- und Deutschkenntnisse sorgen, oder? Nein, alles wird der Mutter angeh\u00e4ngt! Am liebsten h\u00e4tte ich gesagt, dass sie wohl einem unbewussten Nazibild von Mutter anh\u00e4ngen. Aber ich habe es nicht gesagt.<\/p>\n<p>Jetzt hat mich Corona tats\u00e4chlich dazu gebracht, keine Karriere zu machen, sondern mit meinem Sohn Hausaufgaben. \u00dcbermorgen hat er einen m\u00fcndlichen Test \u00fcber Zoom auf Englisch \u00fcber \u201eThe Deep South\u201c. Martin Luther King, Rosa Parks, the Native Americans; immerhin ein sehr interessantes Thema.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>14.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Eben hat mein Laptop meinen ganzen Text von heute verschluckt und ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich vor rund einer Stunde geschrieben habe. Nur, dass es viel und gut war.<\/p>\n<p>Heute war kein guter Tag. Und doch. Ich schiebe die Vorbereitung zur Disputation vor mir her, weil ich denke, dass sie mich Hochhaus durchfallen lassen, weil ich nicht reden kann, summa cum laude hin oder her.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde so gerne zuerst eine Zusage f\u00fcr meine letzte noch offene Bewerbung erhalten, um mich best\u00e4tigt und sicher zu f\u00fchlen und dann erst meine Disputation mit Leichtigkeit zu verteidigen. Im Gutachten meiner Doktormutter gab es nicht einen einzigen Punkt, gegen den ich mich verteidigen k\u00f6nnte [\u2026]. Vielleicht ist es eine bl\u00f6de Betitelung \u2013 Verteidigung? Soll ich erl\u00e4utern und mit auf einen Weg der Erkenntnis nehmen oder mich verteidigen? Gegen was oder wen? Ich bin ja f\u00fcr Streit, gedanklich, nur emotional nicht.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine positive Antwort, um in diesem System leben und \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Arbeiten tue ich ja eh. [\u2026] Ich m\u00f6chte Teil dieser akademischen Welt sein. Ich bin es schon, aber ich m\u00f6chte auch daf\u00fcr so bezahlt werden, um meine Familie durch diese unsichere Welt zu hieven.<\/p>\n<p>Heute Abend gab es ein Ritual f\u00fcr Iemanj\u00e1 und Nan\u00e3, zwei Mutterg\u00f6ttinnen. Ihre Kerzen brennen jetzt nach sechs Stunden noch immer. Ich habe eine Madonna-Figur dazugestellt, die ich vor Jahren in der N\u00e4he von Genua in der Region gekauft habe, als ich die Schwester meines (sozialen, da angeheirateten) Opas mit ihrer Familie besucht habe. Heutzutage ist diese Region ein Hotspot von Corona-Toten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>15.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>16.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute bin ich endlich wieder spazieren gegangen, wieder einmal B\u00fccher in die B\u00fccherbox am R\u00fcdesheimer Platz bringen, wo ich gleich gesehen habe, dass meine anderen B\u00fccher alle mitgenommen worden sind, was mich sehr freut. Ich wollte dann eine andere Schrebergartenkolonie ansehen als die, wo ich schon gewesen bin \u2013 die Johannisburger \u2013 aber dann bin ich doch dort gelandet. Das ist schon verr\u00fcckt, irgendwie wusste ich, dass es hier in der unmittelbaren Umgebung lauter Schreberg\u00e4rtenkolonien gibt, habe sie aber nicht besucht. Ich hatte nie die Zeit dazu.<\/p>\n<div id=\"attachment_9087\" style=\"width: 826px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9087\" class=\" wp-image-9087\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/32-schrebergarten-johannisberg.jpg\" alt=\"\" width=\"816\" height=\"612\" \/><p id=\"caption-attachment-9087\" class=\"wp-caption-text\">Schrebergarten Johannisberg, Berlin-Friedenau, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Als ich dort rauskam, aus dem dichten Gr\u00fcn mit lauter zirpenden und zwitschernden V\u00f6geln, wo alles wie in Bullerb\u00fc aussieht, ging ich die Johannisburger Stra\u00dfe in Richtung Heidelberger Platz und kam an dem Geb\u00e4ude vorbei, wo der Cornelsen Verlag haust. Von jedem der Balkone hing Efeu hinab, auf allen waren B\u00e4ume gepflanzt. Ich kam mir vor wie im Futurium; die Zukunft des Bauens liegt gleich nebenan!<\/p>\n<div id=\"attachment_9089\" style=\"width: 363px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9089\" class=\"size-full wp-image-9089\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/33-gebaude-mit-baumen.jpg\" alt=\"\" width=\"353\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9089\" class=\"wp-caption-text\">B\u00e4ume auf Balkonen, Cornelsen Verlag in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich fotografiere viel hier bei meinen kleinen Ausfl\u00fcgen in die unmittelbare Umgebung; es ist schon eine kleine, stille ethnographische Studie daraus geworden.<\/p>\n<p>Aber ich muss wieder in Gang kommen. Vor der Pandemie habe ich f\u00fcnf Mal in der Woche Sport gemacht, drei Mal im Sportstudio und zwei Mal jeweils eine Stunde schwimmen. Am Anfang der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen dachte ich noch sehr positiv und dachte, dass ich einfach zu Hause Sport machen w\u00fcrde, habe es auch, aber die Zeit vergeht und das Sofa war n\u00e4her.<\/p>\n<p>Heute Nachmittag habe ich wieder Hausaufgaben mit Ariu gemacht; dieses Mal sein Service Center Tagebuch, also sein soziales Praktikum, das er in einem Jugendfreizeitheim in der N\u00e4he absolviert hat. Wegen der Corona-Krise musste es in der Mitte beendet werden.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich noch seine Deutsch- und Englischaufgaben mit ihm schaffen, aber es war einfach nicht m\u00f6glich\u00b8 die Zeit war zu kurz. Aber was soll\u2019s? Es ist, wie es ist. Also haben wir getanzt, wir haben Kniebeugen gemacht und ich war doch auf dem stehenden Fahrrad, wie auch immer das sonst genannt wird. Mein Mann hatte ein Interview als K\u00fcnstler auf Instagram, sehr sch\u00f6n. Ich habe derweilen gelesen, was die Kids so \u00fcber die sexuelle Vielfalt in den Schulen lernen und was die Weltreligionen zur Sexualit\u00e4t sagen; hochinteressant!<\/p>\n<p>Ich muss endlich dazu kommen, meine Gedanken per Zoom oder irgendwie anders aufgenommen &#8211; Mumble \u2013 darstellen zu k\u00f6nnen; vielleicht bin ich ja doch nicht so schrecklich wie ich es denke. Diese neue Form der Kommunikation ist eigentlich sehr sch\u00f6n, da tats\u00e4chlich einer Person volle Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und es ist sehr lustig zu sehen, wer chaotische und wer aufger\u00e4umte B\u00fccherregale hat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Alle sind sorglos privilegiert.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>17.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Dank der heutig abzugebenden Hausaufgaben wei\u00df ich jetzt, dass mein Sohn gerne Fachinformatiker, Erzieher (das war ja schon klar) oder Naturp\u00e4dagoge werden will und kein Wissenschaftler, K\u00fcnstler oder Koch. Klassische Abnabelung w\u00fcrde ich sagen (schlie\u00dflich will er nichts werden, was wir als seine Eltern sind).<\/p>\n<p>Heute war ich wieder einmal drau\u00dfen in der gro\u00dfen weiten Welt, wie des \u00d6fteren schon zu unserem Haussee, dem Fennsee. Eigentlich gab und gibt es visuell in Berlin gar kein Corona, ganz offensichtlich. Alle sind sorglos privilegiert. Ich finde immer wieder neue Motive zum Fotografieren und treffe auf die Entenfamilie, wo die Entchen schon ziemlich gewachsen sind. Sonst sind auch andere Familien mit ganz frisch geschl\u00fcpften Entchen unterwegs. Der Fennsee wirkt auf mich aus meiner speziellen Perspektive wie ein Urwald und Refugium. Jetzt ist alles dicht gr\u00fcn, schon fast sommerlich.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich ziemlich fertig und m\u00fcde. Beim W\u00e4scheaufh\u00e4ngen bin ich in Tr\u00e4nen ausgebrochen, weil mein Vater mir bei der Eier\u00fcbergabe (den frischen Eiern aus der Uckermark) erz\u00e4hlt hat, dass er gerade im Tagesspiegel gelesen hat, dass die HU keine neuen Vertr\u00e4ge mehr abschlie\u00dft. Also meinen auch nicht? Ich stehe ziemlich unter Strom, f\u00fchle mich alt und ausweglos. Ich verliere mich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>18.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin so erleichtert zu lesen, dass Birgit Meyer ihr Dossier Corona zwar als intellektuelle Auseinandersetzung der aktuellen Situation ank\u00fcndigt, aber auch, \u201ewenn auch nur, um die geistige Gesundheit zu bewahren oder wiederzugewinnen\u201c (Meyer 21.4.2020). So f\u00fchlt es sich gerade f\u00fcr mich an.<\/p>\n<div id=\"attachment_9091\" style=\"width: 818px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9091\" class=\" wp-image-9091\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/34-zoom.jpg\" alt=\"\" width=\"808\" height=\"606\" \/><p id=\"caption-attachment-9091\" class=\"wp-caption-text\">Zoom zu Hause, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Meyer versteht diesen Beitrag als einen Auftakt f\u00fcr andere Beitr\u00e4ge, die auf diesem Blog folgen, und versteht Corona darin als \u201ctotal social fact\u201d, die nach einer \u201ethorough diagnostics\u201c ruft. Sie schreibt, dass diese Krise<\/p>\n<blockquote><p>\u201edoes not imply that all that happens now is so special and beyond our expertise that we are doomed to remain silent, isolating ourselves in secluded home offices and struggling to keep our academic work going via digital means. Corona calls our attention and it is important \u2013 if only to retain or regain sanity \u2013 to somehow get our heads around it as intellectuals.\u201d (Birgit Meyer 21.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja\u2026 Hier zu Hause ist zwar alles chaotisch, aber liebevoll. Eigentlich sind wir angespannt angesichts der dramatischen Lage in Brasilien und verstehen besonders aus dieser Perspektive diese Demonstranten in Deutschland nicht. \u00dcbers\u00e4ttigte, ichbezogene Leute sind das, privilegiert oder sich privilegiert ansehend, arrogant! Ich habe keine Lust mehr zum Schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Mir ist klar geworden, dass ich das die ganze lange Zeit in der Quarant\u00e4ne nicht getan habe, einfach ruhig dazusitzen und ein Buch zu lesen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>19.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute hatte ich einen Rappel und habe mich ganz bewusst gezwungen \u2013 tats\u00e4chlich, es war nicht einfach \u2013 sowohl mein Handy mit dem virtuellen Tagesspiegel und sozialen Medien und auch mein Laptop mit Internet und E-Mails ausgeschaltet zu lassen und einfach mal ein Buch zu lesen, \u203aIn welcher Welt leben?\u2039 von Deborah Danowski und Eduardo Viveiros de Castro (vgl. Danowski \/ Viveiros de Castro 2019). Ich habe auch meine H\u00f6rger\u00e4te rausgenommen und die Stille genossen. Jamiro sa\u00df in der K\u00fcche und malte an seiner Love Letter Serie, Ariu war in seinem Zimmer und zockte wahrscheinlich oder unterhielt sich mit seinen Freunden.<\/p>\n<p>Die kleinen und gro\u00dfen Kohlmeisen fliegen immer noch auf unserem Balkon herum, obwohl es so scheint, als ob die jung Geschl\u00fcpften schon fl\u00fcgge sind. Sie treffen sich meistens auf einer Rankhilfe f\u00fcr meinen Efeu, der jetzt an einer anderen Stelle steht (eher in einer Ecke) und dort gar nicht rankt, und sitzen obendrauf, w\u00e4hrend ein Elternteil ein Junges f\u00fcttert. Mir ist klar geworden, dass ich das die ganze lange Zeit in der Quarant\u00e4ne nicht getan habe, einfach ruhig dazusitzen und ein Buch zu lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>20.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>In Brasilien sterben t\u00e4glich \u00fcber 1000 Menschen pro Tag an dem Corona-Virus, mein (brasilianischer) Mann sagt \u00fcber 1.500 (vgl. Samuel \/ K\u00e4ufer 19.5.2020). Und hier konstatiert \u203aDer Tagesspiegel\u2039 auf einmal, dass in Deutschland 97% Menschen mit Vorerkrankungen an Covid-19 gestorben sind (vgl. Trappe 19.5.2020). Nun, da k\u00f6nnen ja alle Normalen kr\u00e4ftig aufatmen! Verdammt!<\/p>\n<p>Heute bin ich stundenlang mit Jamiro durch die Gegend gelaufen; ich wollte unbedingt mal nicht in unseren h\u00fcbschen dichten gr\u00fcnen Dschungel des Fennsees, sondern auf die andere Seite des Volksparks gehen. So sind wir bis nach Sch\u00f6neberg \u203aZum goldenen Hirschen\u2039 durch den ganzen Park \u00fcber die Schwingbr\u00fccke der Bundesallee gelaufen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9093\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9093\" class=\" wp-image-9093\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/35-goldener-hirsch.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"359\" \/><p id=\"caption-attachment-9093\" class=\"wp-caption-text\">Der goldene Hirsch im Volkspark Sch\u00f6neberg, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Dort liefen frisch verm\u00e4hlte Paare mit ihren Freund*innen lang, die im Rathaus Sch\u00f6neberg geheiratet haben. Es war, wie immer in den letzten Monaten, ein sonniger Tag mit sorglosen Menschen; Corona ist eindeutig abgeschafft worden. Nur wir laufen wie futuristische Zombies mit unseren Mund- und Nasen-Masken in rosa-kariert und blau-gestreift rum und sehen wahrscheinlich total merkw\u00fcrdig unter lauter so befreiten und gl\u00fcckseligen Menschen aus.<\/p>\n<div id=\"attachment_9095\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9095\" class=\" wp-image-9095\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/36-springbrunnen.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"359\" \/><p id=\"caption-attachment-9095\" class=\"wp-caption-text\">Springbrunnen am Goldenen Hirschen im Volkspark Sch\u00f6neber in Berlin, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Das Wetter ist so absurd traumhaft sch\u00f6n; mit lauter vereinzelten puffigen Wolken am klarblauen Himmel.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMit unbewussten \u00c4ngsten, sich mit Behinderung zu kontaminieren, erkl\u00e4rte ich mir die verst\u00f6rten Blicke der Leute. Wenn ich denn \u00fcberhaupt mal rausging. [\u2026] Mit dem Wissen \u00fcber symptomlose \u00dcbertr\u00e4gerinnen blieb ich die meiste Zeit sch\u00f6n zu Hause. [\u2026] Jetzt ist die Maske kein Stigma mehr, die Maskenpflicht hat dieses Kleidungsst\u00fcck binnen k\u00fcrzester Zeit zur Normalit\u00e4t werden lassen. Ich bin erleichtert und kann mir vorstellen, mich wieder in die \u00d6ffentlichkeit zu begeben.\u201c (Rebecca Maskos 14.5.2020).<\/p><\/blockquote>\n<p>Meiner Meinung nach wohnt Rebecca in Neuk\u00f6lln. Ist es da anders als in Wilmersdorf? Ich wei\u00df es nicht, vielleicht frage ich sie einfach mal.<\/p>\n<p>Heute Abend gibt es in K\u00f6ln ein gro\u00dfes <em>Ciganas<\/em> und <em>Ciganos<\/em>-Ritual.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGro\u00dfes Ciganos Ritual. Mi 20.5.2020. Mit Anleitung.<\/p>\n<p>Teilnahme nur von zu Hause.<\/p>\n<p>Bitte verbindet Euch um 18 Uhr mit uns.<\/p>\n<p>Z\u00fcndet eine bunte Kerze Eurer Wahl an.<\/p>\n<p>Betet und singt f\u00fcr die Zigeuner.<\/p>\n<p>Gebet f\u00fcr die Ciganos<\/p>\n<p>Salve Zigeuner<\/p>\n<p>Ori Baba<\/p>\n<p>Liebe Zigeuner, ich bitte Euch:<\/p>\n<p>alles, was in meiner Ordnung nicht stimmig ist<\/p>\n<p>von mir zu nehmen,<\/p>\n<p>damit eine neue Ordnung in mein Leben einkehrt.<\/p>\n<p>Damit ich einen Platz finde, der mir zugeh\u00f6rig ist;<\/p>\n<p>dass ich ins Gleichgewicht komme<\/p>\n<p>von Frieden zu mir selbst und zu allen anderen.<\/p>\n<p>Bitte schneidet alle B\u00e4nder von mir,<\/p>\n<p>die mich noch gefangen halten,<\/p>\n<p>durch Neid, Eifersucht und Missgunst.<\/p>\n<p>Schneidet bitte auch meinen Neid, meine Missgunst<\/p>\n<p>und meine Unzul\u00e4nglichkeiten von mir ab.<\/p>\n<p>Liebe Zigeuner,<\/p>\n<p>bitte bringt mir in meine neue Ordnung Freude, Liebe und Hoffnung.<\/p>\n<p>Macht mich leichter f\u00fcr das Leben, was jetzt beginnt.<\/p>\n<p>Ich bin bereit, mich hinzugeben<\/p>\n<p>f\u00fcr das Leben, f\u00fcr die Liebe und f\u00fcr die Lebensfreude.<\/p>\n<p>Danke.<\/p>\n<p>Salve Zigeuner<\/p>\n<p>Ori Baba<\/p>\n<p>Ax\u00e9<\/p>\n<p>Lasst die Kerzen bitte abbrennen.<\/p>\n<p>Wer namentlich in die Arbeit aufgenommen werden m\u00f6chte,<\/p>\n<p>der wird gebeten, sich per Mail oder telefonisch bei uns zu melden.<\/p>\n<p>WIR BITTEN ALS AUSGLEICH UM DEINE UNTERST\u00dcTZUNG F\u00dcR DAS HAUS.<\/p>\n<p>Durch die momentane Situation durch \u201eCorona\u201c und die Auflagen, die Wirtschaft und Gemeinschaften auferlegt werden, sind wir zu einer Zwangspause verpflichtet. Das bedeutet f\u00fcr uns eine extreme finanzielle Durststrecke.<\/p>\n<p>Anders als andere Religionsgemeinschaften erhalten wir keine Gelder. Um das Haus weiter halten zu k\u00f6nnen, sind wir JETZT AUF DEINE UNTERST\u00dcTZUNG ANGEWIESEN!<\/p>\n<p>Es geht um Solidarit\u00e4t, bitte unterst\u00fctze unsere Arbeit, damit wir auch nach dieser Krise weiter f\u00fcr dich da sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>(K\u00f6ln: Umbanda Casa St. Michael, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/1026622664399423\/\">https:\/\/www.facebook.com\/events\/1026622664399423\/<\/a>, Abruf am 21.5.2020)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_9097\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9097\" class=\"size-full wp-image-9097\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/37-ciganas-und-ciganos.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9097\" class=\"wp-caption-text\">Kerzen f\u00fcr die Ciganas und Ciganos, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Ich nehme daran teil, indem ich meinen Schreibtisch in einen Altar verwandle. Ich lege ein rot-schwarzes Tuch dar\u00fcber, lege meine Umbanda-Ketten aus Brasilien an und sp\u00e4ter auf diesen improvisierten Altar, z\u00fcnde eine Kerze an, stelle eine Figur von Ians\u00e3 daneben. Meine <em>Cigana <\/em>ist sofort da, sobald ich sie rufe, f\u00fcr sie bete, mit und durch sie rede. Sie meint, dass ich aufrechter stehen und gehen sollte. Sie befreit mich von Neid und Missgunst, arbeitet energetisch an meinem K\u00f6rper. Sie lacht und freut sich, mich zu treffen. Ihr Herz ist gro\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>21.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Es ist schon komisch, dass ich so langsam bin, aber erst heute habe ich ein Programm aus dem Internet heruntergeladen, um Videos von mir selbst aufzeichnen zu k\u00f6nnen. Ausl\u00f6ser ist der Call for Papers der Theologischen Soziet\u00e4t von Professor Feldtkeller, des Zweitbetreuers meiner Doktorarbeit. Ich habe einmal einen Vortrag im November 2018 auf einer vergangenen Soziet\u00e4t im Geb\u00e4ude gegen\u00fcber des Deutschen Doms gehalten, nachdem ich auf einer Soziet\u00e4t in Weimar dabei war. Obwohl es nicht lange her ist \u2013 es muss wohl 2017 gewesen sein \u2013 kann ich mich erinnern, dass ich tags\u00fcber zwar das Programm mitmachen konnte inklusive Spazierg\u00e4nge, Essen gehen mit den Kolleg*innen in Weimar, aber abends einfach sehr fr\u00fch v\u00f6llig ersch\u00f6pft ins Bett gefallen bin, w\u00e4hrend die anderen nach dem Abendessen noch einen Trinken gegangen sind. Komisch\u2026 war es noch meine Fatigue oder die \u00dcberflutung von Geh\u00f6rtem, was mich so umgehauen hatte? Wahrscheinlich war es beides.<\/p>\n<div id=\"attachment_9099\" style=\"width: 801px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9099\" class=\" wp-image-9099\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/38-zoom-und-ich.jpg\" alt=\"\" width=\"791\" height=\"593\" \/><p id=\"caption-attachment-9099\" class=\"wp-caption-text\">Vorbereitung f\u00fcr Zoom, Selfie, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die Medien suggerieren mir, dass wir in einem Lockdown leben, aber in meiner unmittelbaren Umgebung sind wir als Familie tats\u00e4chlich die absolute Ausnahme und werden mit unseren selbstgen\u00e4hten Masken als Alien angeguckt. Immerhin werden wir hier in Wilmersdorf noch nicht von \u201eselbst ernannten Rebellen gegen Medien, Politik und Konzerne\u201c (Minkmar 19.5.2020) verpr\u00fcgelt, wie es vielleicht andernorts der Fall ist\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedenfalls werde ich nun einen 20-minutigen Vortrag aufnehmen und dann an einem Zoom-Meeting teilnehmen. Ich m\u00f6chte es vorher aufnehmen, weil unser Internet zwar meist sehr gut ist, aber manchmal wirklich aussetzt; wahrscheinlich wegen der \u00dcberbelastung. Ja, wieso habe ich das wieder zugesagt, auch wenn es mich stresst? Hm, ich denke, dass ich ein bisschen positiven Stress ganz gut vertragen kann, um nun endlich mal meine Disputation wirklich tatkr\u00e4ftig denken zu k\u00f6nnen \u2013 auch wenn sich bislang noch keine b\u00fcrokratische L\u00f6sung abzeichnet. Aber die k\u00f6nnte ja ganz spontan klappen und ich muss dann gewappnet sein.<\/p>\n<p>Die Medien suggerieren mir, dass wir in einem Lockdown leben, aber in meiner unmittelbaren Umgebung sind wir als Familie tats\u00e4chlich die absolute Ausnahme und werden mit unseren selbstgen\u00e4hten Masken als Alien angeguckt. Immerhin werden wir hier in Wilmersdorf noch nicht von \u201eselbst ernannten Rebellen gegen Medien, Politik und Konzerne\u201c (Minkmar 19.5.2020) verpr\u00fcgelt, wie es vielleicht andernorts der Fall ist\u2026<\/p>\n<p>Katja Triplett berichtet dar\u00fcber, wie die kleineren Einrichtungen asiatischer Heilpraktiken zu Corona-Zeiten um ihre Existenz bangen und um solidarische Spenden \u00fcber Online-Angebote bitten. Genau wie das Umbanda-Haus in K\u00f6ln. Oder das Machmit! Kindermuseum, wo mein Mann arbeitet, die nach und nach einige Objekte wie den Berliner Buddy B\u00e4ren verkaufen, um finanziell \u00fcberleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heil und Heilung. Ob es das geben wird? Ich wei\u00df, dass es besser ist, positiv zu denken, aber ich vermute, dass diese Pandemie eher der Anfang vom Ende als eine neue Welt sein wird, auch wenn ich es mir nat\u00fcrlich anders erhoffe.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDoch in einigen Gemeinschaften herrscht der Glaube, das s\u00fcndenbedingte Rest-Risiko einer Ansteckung lasse sich durch Gebet und Reue wirksamer bek\u00e4mpfen als durch social distancing oder einen Impfstoff.\u201c (Christoph Kleine 9.5.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>22.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute hat Ariu mal wieder mit uns gefr\u00fchst\u00fcckt, weil es aufgebackene Croissants gab. Sonst schl\u00e4ft er l\u00e4nger als wir, so, dass wir meist nur einmal am Tag gemeinsam essen \u2013 &#8211; und sp\u00e4ter am Abend noch etwas zusammen wie Sandwich oder frisch gemachtes Popcorn snacken. Dann sind Jamiro und ich Flaschen wegwerfen und zum Reformhaus (Zylinder f\u00fcr unser Sprudelwasser) und zu Rossmann einkaufen gegangen. Wie immer liefen wir auf dem Nachhauseweg am Fennsee vorbei, der ja mittlerweile zu unserem fast t\u00e4glich besuchten Haussee geworden ist. Wir setzten uns wie ein altes P\u00e4rchen auf eine Parkbank und sahen die an uns vorbeilaufenden Leute an. Sahen die Entenfamilien, die zankten und ihre schon ziemlich ausgewachsenen Jungtiere um sich herum scharten. Bzw. sind es ja lediglich die Weibchen, die mit ihren Kindern herumschwimmen. Ich f\u00fchle mich \u00fcberhaupt nicht alt, aber so sehr auf meine Familie begrenzt zu sein, l\u00e4sst mich alt f\u00fchlen. Vorher hatte ich gar keine Zeit, dar\u00fcber nachzudenken, aber jetzt komme ich mir irgendwie wie eine Rentnerin vor.<\/p>\n<div id=\"attachment_9121\" style=\"width: 537px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9121\" class=\" wp-image-9121\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/39-weg-am-fennsee-1.jpg\" alt=\"\" width=\"527\" height=\"395\" \/><p id=\"caption-attachment-9121\" class=\"wp-caption-text\">Weg am Fennsee in Berlin-Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Die neue Welt zieht an uns vorbei und wir sind altmodisch h\u00e4ndchenhaltend und mit Maske. In den Medien reden so viele \u00fcber Masken, aber hier gibt es kaum jemanden mit Masken auf den Stra\u00dfen. Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, aber hier ist wenigstens visuell die Pandemie mitsamt Virus abgeschafft worden; die Menschen hier in Berlin Wilmersdorf ignorieren die Weltlage einfach.<\/p>\n<p>Als wir nach Hause kommen, beginnt gerade die Online-Veranstaltung \u203aVon Alu-Bommel bis Judenstern. Bestandsaufnahme der Verschw\u00f6rungsmythen rund um Covid-19\u2039, die von der Amadeu Antonio Stiftung \u00fcber Facebook angek\u00fcndigt und \u00fcber Zoom und YouTube in Umlauf gebracht wurde (vgl. Amadeu Antonio Stiftung 22.5.2020).<\/p>\n<blockquote><p>In Zeiten der COVID-19-Pandemie erreichen Verschw\u00f6rungsmythen im Netz ein Millionenpublikum. Seit ein paar Wochen begibt sich der Unmut \u00fcber die vermeintliche Verschw\u00f6rung der M\u00e4chtigen auf die Stra\u00dfe. Die Behauptung, das Corona-Virus sei eine L\u00fcge, um eine Diktatur zu errichten, m\u00fcndet in Antisemitismus und NS-Vergleiche: Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das Tragen eines \u201eJudensterns\u201c mit der Inschrift \u201eNicht Geimpft\u201c. Der Livestream widmet sich Verschw\u00f6rungsmythen, die sowohl im Netz als auch auf der Stra\u00dfe verbreitet werden. Es beleuchtet die Rolle prominenter Akteur*innen wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo, einflussreicher YouTuber*innen wie Oliver Janich und Ken Jebsen und Parteien wie AfD sowie der Bewegung Widerstand2020. Im Fokus des Webinars stehen die beiden Fragen: Wie artikuliert sich der Protest und welchen Effekt hat die Macht der Bilder auf die Radikalisierung des Protests? Wir diskutieren mit: Miro Dittrich (dehate \/ Amadeu Antonio Stiftung) Tuija Wigard (Vorstand von democ. e.V.\u201c) Nikolai Schreiter (RIAS Bayern) Moderation: Kira Ayyadi (Amadeu Antonio Stiftung 22.5.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es macht Sinn f\u00fcr mich, dass Leute den Kontrollverlust \u00fcber ihre als sicher geglaubte Wirklichkeit nicht ertragen k\u00f6nnen und deswegen einfachen Antworten auf die aktuellen Fragen Glauben schenken. Aber die Leute, die ich kenne, habe ich immer f\u00fcr halbwegs gebildet anerkannt. Und es sind viele unter ihnen, die Umbandist*innen sind und den Kontrollverlust ja \u00fcber die spirituelle Trance in der religi\u00f6sen Praxis kennen und am eigenen Leib erfahren, wie passt das zusammen? Ich hatte immer durch meine eigene Erfahrung gedacht, dass diese Entgrenzung der Sinne die einzelnen Personen darin best\u00e4rken w\u00fcrden, dass die diese Ambivalenz aushalten k\u00f6nnten. Aber dem scheint nicht so zu sein.<\/p>\n<p>Ich habe alte Briefe von mir und Stefan Gelberg, dem Herausgeber der Kinderzeitschrift \u203aDer Bunte Hund\u2039, aus den Jahren 1983 bis 1986 mitsamt meinen Geschichten und Gedichte in einer alten Schachtel gefunden, von denen auch einige ver\u00f6ffentlicht wurden. Ich f\u00fchle mich wieder alt und muss schmunzeln, dass ich schon mit 11 Jahren geschrieben habe.<\/p>\n<p>Wenn ich die letzten Tage so \u00fcberfliege, ist mir mein gew\u00fcnschter Abstand zu den sozialen Medien nicht gelungen.<\/p>\n<p>Ich mache mir Sorgen, dass auf einmal das ganze \u00f6ffentliche Leben ganz normal l\u00e4uft und ich die einzig Bl\u00f6de bin, die sich da rausklinkt, weil ich meine seltene Autoimmunerkrankung habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Eine Krise ist eben tats\u00e4chlich eine Verst\u00e4rkung von sozialen Tatsachen, die auch vorher schon galten, aber sich umso deutlicher hervorheben.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>23.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Irgendwie bin ich jetzt auf den Geschmack gekommen, an Zoom- oder YouTube-Diskussionen teilzunehmen oder Konzerte anzuh\u00f6ren. Ich bin auch etwas ratlos, wie ich meinen Freund*innen gegen\u00fcbertrete, die mich als hysterisch abstempeln, aber denen ich nicht nur meine eigene Position vermitteln m\u00f6chte, sondern sie auch gerne etwas zum Denken inmitten dieser Infodemie anregen m\u00f6chte (Fake News im Familienchat \u2013 Was kann ich tun?, vgl. Saal 7.5.2020) &#8211; vielleicht kann ich mir dabei Hilfe holen? Das interessante ist ja, dass s\u00e4mtliche Diskurse umgedreht werden; dass also gerade mir unterstellt wird, dass ich nicht nachdenken w\u00fcrde. Das \u201ealternativ\u201c von gestern ist etwas ganz Anderes als das von heute (Alternative Liste oder Alternative f\u00fcr Deutschland), auch Widerstand. Das ist verwirrend und sicherlich absichtlich so verwirrend gemeint.<\/p>\n<p>Gestern sp\u00e4t abends habe ich mir auf dem Sofa sitzend ein paar Beitr\u00e4ge der Komischen Oper Berlin angeh\u00f6rt; vor allem die jiddischen Lieder haben mir gut gefallen.<\/p>\n<p>Gleich, als ich morgens aufwachte und die neuesten Nachrichten checkte, las ich einen Artikel, der mir aus der Seele sprach, weil er \u00fcber die Unsichtbarkeit in Pandemie-Zeiten spricht (vgl. Sturm 20.5.2020). Es ist wohl nicht von ungef\u00e4hr, dass ich mich in dieser Zeit mehr denn je den Schwerbehinderten zurechne. Eine Krise ist eben tats\u00e4chlich eine Verst\u00e4rkung von sozialen Tatsachen, die auch vorher schon galten, aber sich umso deutlicher hervorheben.<\/p>\n<p>Ich habe auch stundenlang mit meinen Eltern telefoniert, die voller Sehnsucht danach sind, uns zu treffen und uns am liebsten morgen zum Essengehen im griechischen Restaurant und n\u00e4chste Woche zu Pfingsten in der Uckermark treffen m\u00f6chten\u2026 Nun ist es wieder so sp\u00e4t geworden und ich habe es noch gar nicht mit meiner Familie besprochen\u2026 Arius Freund Lucas, mit dem er im August auf eine Jugendreise \u00fcber \u203aKinder brauchen Matsch\u2039 verreisen wollte, m\u00f6chte die Reise schon absagen, weil Ariu ja nicht mitfahren wird, aber mir ist das alles zu schnell. Irgendwie kann ich gerade nicht planen\u2026 wer wei\u00df schon, wie sich alles entwickelt? Ich bin ja daf\u00fcr, Freund*innen und Familie zu treffen, zu verreisen, in die Welt zu laufen, Grenzen offen zu halten \u2013 aber jetzt ganz schnell, alles auf einmal?<\/p>\n<p>Heute ist ohne mein Zutun ein gro\u00dfer, alter Spiegel zerdeppert, als ich auf der anderen Seite im Bad geputzt habe. Er fiel schwer und laut scheppernd an mir vorbei, verletzte mich nicht, aber ist sicherlich \u00fcber 100 Jahre alt. Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Jetzt, nur zwei Monate sp\u00e4ter, kommt mir so viel Ern\u00fcchterung entgegen. Es kann alles besser werden, aber eben auch viel schlimmer.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>24.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Morgen werde ich endlich mal wieder ins Atelier gehen, das nehme ich mir ganz fest vor. Der Maler wird morgens wieder in unser zu Hause kommen und die Flurw\u00e4nde ein zweites Mal dunkelsmaragdgr\u00fcn \u00fcberstreichen und der Elektriker wird Spotlights in die neu eingezogenen Rigipsdecke einsetzen; wahrscheinlich werden erst am Dienstag die T\u00fcrrahmen noch einmal wei\u00df \u00fcberstrichen, aber n\u00e4chste Woche wird wohl irgendwann alles fertig sein. Dann ist die Baustelle seit Februar endlich vorbei und wir k\u00f6nnen erst einmal etwas geruhsamer und ordentlicher wohnen. (Danach fehlt noch die K\u00fcche, aber wie wir das praktisch anstellen, ist uns gerade noch ein R\u00e4tsel\u2026). Es ist ein Frida Kahlo Stil mit nordischem Touch geworden. Das hatten wir vorher auch schon, aber ist jetzt klarer und st\u00e4rker. Jamiro wird dann mal alleine mit den Handwerkern hier zu Hause sein und ich werde endlich auch mal beruflich oder irgendwie t\u00e4tig und nicht nur spazierengehend au\u00dfer Haus gehen. Mal sehen, ob ich es einhalte\u2026<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist, dass wir sehr langsam sind. Irgendwie st\u00f6rt mich die Ruhe der Quarant\u00e4ne gar nicht, komisch\u2026<\/p>\n<p>Ich lese viel \u00fcber die Situation in Brasilien und habe gro\u00dfe Schwierigkeiten, irgendetwas davon hier aufzuschreiben. Es ist zu gro\u00df, zu schrecklich. So viele Tote, so viel Elend, zu viel Zerst\u00f6rung des Amazonaswaldes. Aber es gibt Politiker wie Haddad, Lula, d\u2019\u00c1vila. Der brasilianischen Familie in Recife geht es gut, sie richten sich mit ihren Familien in der Quarant\u00e4ne ein, halten zusammen wie wir. Meine Schwiegermutter hat heute, genau wie meine Doktormutter, Geburtstag und alle treffen sich im Chat-Raum. Das ist sehr lustig, alle reden durcheinander und winken einander zu. Je l\u00e4nger das Herumwinken anh\u00e4lt, umso mehr gehen einzelne aus dem Chat heraus und alle reden \u00fcber Politik und die jeweilige Situation in den respektiven L\u00e4ndern. Jamiros Schwester Maria lebt mit ihrem Ehemann in Turin in der N\u00e4he von Mailand in Italien, Melina wohnt in Greifensee in der N\u00e4he von Z\u00fcrich in der Schweiz, Jamiro wohnt mit uns in Berlin in Deutschland, seine Nichte Laura (die Tochter von Maira) wohnt in Paris in Frankreich; alle anderen wohnen in Recife in Pernambuco in Brasilien. Brasilien, Italien, Schweiz, Frankreich, Deutschland. Sonst haben sie sich nicht im virtuellen Chat getroffen, aber jetzt zum Geburtstag ihrer Mutter und Gro\u00dfmutter. Dona Lourdes weint vor R\u00fchrung, als wir alle gemeinsam f\u00fcr sie zum Geburtstag singen.<\/p>\n<p>Indien, S\u00fcdafrika, die USA, Iran\u2026 und hier wird \u00fcber den Sommerurlaub in der T\u00fcrkei gesprochen; das ist wirklich nicht auszuhalten. Auch wenn ich ein offener, lieber Mensch bin, wei\u00df ich nicht, ob ich solche Leute aushalte, die so arrogant und selbstbezogen sind.<\/p>\n<p>Am Anfang der Pandemie hier in Deutschland im M\u00e4rz hatten wir das Gef\u00fchl, als Menschheit alle am gleichen Strang zu ziehen und solidarisch zu sein.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eCovid-19 is showing us that when humanity is united in common cause, phenomenally rapid change is possible. [\u2026] A few months ago, a proposal to halt commercial air travel would have seemed preposterous. Likewise for the radical changes we are making in our social behavior, economy, and the role of government in our lives. Covid demonstrates the power of our collective will when we agree on what is important. What else might we achieve, in coherency?\u201c (Charles Einstein 3\/2020).<\/p><\/blockquote>\n<p>Jetzt, nur zwei Monate sp\u00e4ter, kommt mir so viel Ern\u00fcchterung entgegen. Es kann alles besser werden, aber eben auch viel schlimmer.<\/p>\n<p>Meine Eltern gehen heute Abend in ihrem griechischen Lieblingsrestaurant essen, aber drau\u00dfen regnet es\u2026 Sie werden wohl drinnen sitzen, was wegen Corona nicht so ungef\u00e4hrlich ist. Meine Mutter hat immerhin Parkinson und Asthma, aber was kann ich tun? Nur reden.<\/p>\n<blockquote><p>\u201ewe are also hearing a lot about a \u201cnew normal\u201d; that is to say, the changes may not be temporary at all. Since the threat of infectious disease, like the threat of terrorism, never goes away, control measures can easily become permanent.\u201c (Charles Einstein 3\/2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja&#8230; Ich werde hier zu Hause ja genug umarmt, meine Eltern k\u00f6nnen sich auch gegenseitig umarmen, daher ber\u00fchren mich diese Geschichten des Fehlens an Umarmungen irgendwie nicht so richtig \u2013 und die Singles sind ja auch alle nicht nur dazu gezwungen worden, sondern haben es sich so ausgesucht (vielleicht ist das auch zu kurz von mir gedacht, aber jegliche Lebensform kann genauso gut ungl\u00fccklich sein wie gl\u00fccklich, egal, wie sich jede*r es ausgesucht und ertr\u00e4umt hat, das ist nat\u00fcrlich klar) \u2013 aber was mich umtreibt ist tats\u00e4chlich diese Frage, wie es weitergeht. Ein paar Monate sind total in Ordnung, aber dar\u00fcber hinaus? Wenn wir jetzt immer in Wellen leben \u2013 nicht der Liebe und des Meeres, sondern in Wellen von Krankheit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Gerade wenn sich Menschen ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst sind, bewahren sie Leben \u2013 das eine schlie\u00dft doch nicht das andere aus.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ich gerade so merkw\u00fcrdig in den Medien finde ist, dass sich wohl Leute in einem Restaurant und in einer Kirche angesteckt haben, aber nicht hier in Berlin, w\u00e4hrend sie alle Corona-Partys auf den Wiesen feiern und sich weiterhin in den Superm\u00e4rkten dr\u00e4ngeln? Das verstehe ich nicht. Aber wie Charles Einstein sagt: \u201eWhat is going on here? Again, I don\u2019t know, and neither do you.\u201c (ebd.). Genau darum geht es, die Ambivalenzen des Lebens auszuhalten. Vieles zu wissen und vieles nicht wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eI have my opinions, but if there is one thing I have learned through the course of this emergency is that I don\u2019t really know what is happening. I don\u2019t see how anyone can, amidst the seething farrago of news, fake news, rumors, suppressed information, conspiracy theories, propaganda, and politicized narratives that fill the Internet. I wish a lot more people would embrace not knowing.\u201c (Charles Einstein 3\/2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Danach kann ich Einsteins Gedankengang nicht mehr folgen. Immerzu diese Bez\u00fcge zu au\u00dfereurop\u00e4ischen Schamanen; das scheint schick zu sein, um die eigene Position zu untermauern. Das ist doch eine Hypothese und nicht gesagt, dass der Schamane den Tod so einfach hinnimmt, nur, weil er die eigene Sterblichkeit nicht aus seinem Leben ausklammert. Ich w\u00fcrde sagen, dass das <em>Povo de Santo<\/em> in Brasilien, was ja auch solch eine Schablone f\u00fcr \u201edas Andere\u201c sein k\u00f6nnte, durchaus Leben bewahren m\u00f6chte und die Ungerechtigkeit anprangert, dass vor allem die arme Bev\u00f6lkerung eher stirbt als die reichen Brasilianer*innen. Sie werden nicht einfach Opfer von Machtinteressen und nehmen damit weise den Tod an, so etwas Absurdes!<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist, dass diese Argumentation hinkt und irgendwie selbst zusammengebastelt ist. Gerade wenn sich Menschen ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst sind, bewahren sie Leben \u2013 das eine schlie\u00dft doch nicht das andere aus. Das mag f\u00fcr einige wenige stimmen, f\u00fcr andere und die breite Mehrheit aber nicht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201cHow much of life do we want to sacrifice at the altar of security? If it keeps us safer, do we want to live in a world where human beings never congregate? Do we want to wear masks in public all the time? Do we want to be medically examined every time we travel, if that will save some number of lives a year? Are we willing to accept the medicalization of life in general, handing over final sovereignty over our bodies to medical authorities (as selected by political ones)? Do we want every event to be a virtual event? How much are we willing to live in fear?\u201c (Charles Einstein 3\/2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht habe ich in dieser Diskussion um Sterblichkeit und das Bewusstsein um den Tod wirklich etwas nicht verstanden\u2026 Ich bin ratlos. Vor allem sehe ich nirgendwo, wovon Einstein schreibt, dass<\/p>\n<blockquote><p>\u201ePublic life, communal life, the life of shared physicality has been dwindling over several generations. Instead of shopping at stores, we get things delivered to our homes. Instead of packs of kids playing outside, we have play dates and digital adventures. Instead of the public square, we have the online forum. Do we want to continue to isolate ourselves still further from each other and the world?\u201c (Charles Einstein 3\/2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich sagt er vieles, was richtig ist, aber im Gro\u00dfen und Ganzen finde ich nicht, dass die Menschen irgendwie unk\u00f6rperlicher und unkuschliger werden\u2026 weder hier zu Hause noch, wenn ich auf die Stra\u00dfe gehe. Mich pers\u00f6nlich nerven eher die ewig dr\u00e4ngelnden Leute z.B. beim Einkaufen, weil es doch nichts bringt.<\/p>\n<p>Nun denn, ich finde einfach, dass zwei Monate eine eher kurze Zeit sind, um schon so weit in eine unkuschlige Zukunft zu sehen. Irgendwie macht mir das weniger Angst als die politischen Bewegungen weltweit. (\u201eAfter thousands of years, millions of years, of touch, contact, and togetherness, is the pinnacle of human progress to be that we cease such activities because they are too risky?\u201c ebd., das klingt irgendwie sehr pathetisch, oder?)<\/p>\n<div id=\"attachment_9103\" style=\"width: 798px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9103\" class=\" wp-image-9103\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/40-Volkspark-Wilmersdorf-1.jpg\" alt=\"\" width=\"788\" height=\"591\" \/><p id=\"caption-attachment-9103\" class=\"wp-caption-text\">Spielplatz im Volkspark Wilmersdorf, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Die Kr\u00f6nung seines Denkens scheint dann aber doch die Solidarit\u00e4t zu sein\u2026 Ich lese weiter. Zwischendurch fand ich das Lesen etwas anstrengend, aber jetzt wird es wieder interessanter. Verletzlichkeit, Mitgef\u00fchl. Huch, welche Wendung! Solidarit\u00e4t, Heilung von Trauma. Ok, da kann ich dann doch mitgehen. \u201eAt each junction, we can be aware of what we follow: fear or love, self-preservation or generosity.\u201c (ebd.). Hm, wieso sollte das ein Gegensatz darstellen? Sollte es nicht \u203aAngst und Liebe\u2039 statt \u203aAngst oder Liebe\u2039 hei\u00dfen? \u201eThese are not all-or-nothing questions, all fear or all love. [\u2026] It treasures life, while accepting death.\u201c (ebd.). Dann ist die erste Frage falsch gestellt\u2026<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[\u2026] terrain of separation and trauma: inherited trauma, childhood trauma, violence, war, abuse, neglect, shame, punishment, poverty, and the muted, normalized trauma that affects nearly everyone who lives in a monetized economy, undergoes modern schooling, or lives without community or connection to place.\u201c (Charles Einstein 3\/2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter: \u201cThe popular name for the pandemic offers a clue: coronavirus. A corona is a crown.\u201d (ebd.). Interessanterweise hei\u00dft die Initiation in der Umbanda Kr\u00f6nung, aber das nur nebenbei.<\/p>\n<p>Nun, diesen Text muss ich erst noch verdauen. Die Hausaufgaben von Ariu stehen an, Insekten f\u00fcr Nawi und Englisch, heute gibt es eine Zusammenfassung des Films \u203aGreen Book\u2039, den wir bereits auf Englisch angesehen haben, gleich sehen wir \u203aAmistad\u2039. Englisch \u00fcben.<\/p>\n<p>Die Apotheke, an der wir gestern vorbeigegangen sind, hatte drau\u00dfen ein Schild aufgestellt, worauf zu lesen war: \u201eAbstand hat nichts mit Distanz zu tun. Wir sind weiter f\u00fcr sie da\u201c. So sehe ich das auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9105\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9105\" class=\"size-full wp-image-9105\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41-optiker-1.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9105\" class=\"wp-caption-text\">Optiker am R\u00fcdesheimer Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p><strong>25.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Bis ungef\u00e4hr 13 Uhr bin ich so tr\u00e4ge gewesen, schrecklich. Jamiro wollte dann wegen irgendetwas zum Atelier gehen und ich bin mitgegangen. Ich habe gerade ein \u00fcberlebensgro\u00dfes Bild angefangen, was schon sehr gut aussieht, nur m\u00fcsste ich weiter malen. Morgen?<\/p>\n<p>Wir haben eines von Jamiros abstrakten Bildern mit nach Hause genommen und an die neue gr\u00fcne Wand geh\u00e4ngt, sieht wunderbar aus. Langsam kleidet sich unsere Wohnung neu. [\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>26.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte meine Eltern wiedersehen, tue es ja auch immer wieder kurz. Aber dennoch, ich w\u00fcrde gerne mit ihnen nach Pol\u00dfen in die Uckermark fahren, wo sie ihr Ferienh\u00e4uschen haben, einfach Zeit verbringen, stundenlang spazieren gehen, reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>27.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Gestern Abend habe ich zwar keine offizielle, aber eine inoffizielle Absage (\u00fcber meine Doktormutter) auf meine letzte noch offene Bewerbung an der Humboldt Universit\u00e4t erhalten; jetzt kann ich mich kaum mehr motivieren, weiter zu arbeiten (immerhin habe ich einem Vortrag der Theologischen Soziet\u00e4t zugesagt\u2026). Eigentlich steckt den ganzen Tag ein Klo\u00df in meinem Hals, aber ich weine nicht. [\u2026]<\/p>\n<p>Ich will mich ja nicht beschweren. Ich lebe nicht in unberechenbaren und trostlosen Zust\u00e4nden, sondern recht gut. Aber es kostet mich immer wieder so viel Kraft, weiterzumachen. Wenn ich ganz frei w\u00e4re und es ein bedingungsloses Grundeinkommen g\u00e4be, w\u00fcrde ich wom\u00f6glich wieder Gedichte schreiben. Heute, da ich ja herumprokrastriniere und nun meine vielen alten Ordner aussortiere \u2013 bzw. es nicht schaffe, sondern nur mal hier und mal da einen Text aussortiere und alles andere behalte (es ist zum Haare raufen!) \u2013 habe ich alte Gedichte und Geschichten von mir gefunden; sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<blockquote><p>Inmost seclusion<\/p>\n<p>As her eyes sink inward<\/p>\n<p>her smile seems flowing away<\/p>\n<p>on a tranquil pond<\/p>\n<p>in the middle of her heart<\/p>\n<p>with tears dropping slowly<\/p>\n<p>endlessly<\/p>\n<p>on the clearblue water<\/p>\n<p>of her soul<\/p>\n<p>leaving widening rings<\/p>\n<p>(1989)<\/p><\/blockquote>\n<p>oder:<\/p>\n<blockquote><p>ich<\/p>\n<p>bin<\/p>\n<p>stummlos<\/p>\n<p>mundtot<\/p>\n<p>die<\/p>\n<p>stummheit<\/p>\n<p>m\u00f6chte<\/p>\n<p>aus<\/p>\n<p>mir<\/p>\n<p>herausfallen<\/p>\n<p>(auch so ca. 1990)<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder<\/p>\n<blockquote><p>Dunkel<\/p>\n<p>Es ist nachts<\/p>\n<p>ein einziges tiefdunkles Nichts<\/p>\n<p>mit Sternen am Himmel<\/p>\n<p>und Wind im Gef\u00fchl<\/p>\n<p>Genau nach Wind f\u00fchle ich mich<\/p>\n<p>Er zerbl\u00e4st mir die Haare<\/p>\n<p>zerbl\u00e4st mir die Gedanken<\/p>\n<p>nimmt mich mit<\/p>\n<p>damit ich nirgendwo hingeh\u00f6re<\/p>\n<p>und niemand mich erreichen kann<\/p>\n<p>Frei-heit, Frei sein. Frei<\/p>\n<p>Und allein<\/p>\n<p>(1989)<\/p><\/blockquote>\n<p>Etwas kitschig, aber passend f\u00fcr eine 18-J\u00e4hrige, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>28.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ariu wird wieder einen Englisch-Test \u00fcber sein Handy (mit einem mir unbekannten Anbieter statt Zoom haben, den Ariu von seiner Schule erhalten und installiert hat) machen, w\u00e4hrend die anderen dies vor Ort in der Schule tun. Seine Lehrerin hat sich so freudig bei mir wegen der vielen gut gemachten Hausaufgaben bei mir gemeldet, was mich wirklich sehr freut. Er hatte sonst jahrelang eine 5 auf dem Zeugnis (seine einzige, sonst hat er 2en und 3en\u2026) und h\u00e4tte wohl auch vorher schon diese intensive Unterst\u00fctzung durch mich ben\u00f6tigt. [\u2026]<\/p>\n<p>Heute habe ich mir auch noch einmal den Anfang des Vortrags von Professor Gr\u00fcnschloss der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen angeh\u00f6rt, den er im Rahmen der virtuellen Ringvorlesung \u203aEin Virus ver\u00e4ndert die Zeit\u2039 auf YouTube ins Netz gestellt hat und in dem er auf die spirituell basierte Resilienz eines esoterischen Umgangs mit der Corona-Pandemie eingegangen ist (vgl. Gr\u00fcnschloss 18.5.2020) und den ich vor rund 10 Tagen schon einmal angeh\u00f6rt hatte. Er kommt meinen Erfahrungen, wenngleich nur aus der isolierten Quarant\u00e4ne-Situation heraus und nicht im direkten pers\u00f6nlichen Austausch mit den religi\u00f6sen Akteur*innen, nahe. Ich kann ihn ja eventuell als Referenz f\u00fcr meinen Vortrag f\u00fcr die Theologische Soziet\u00e4t von Professor Feldtkeller verwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>29.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ariu hat eine 1- in seinem heutigen Englisch-Test \u00fcber Video-Call geschafft!! Wow! Von einer 5 auf eine 1. Und jetzt muss er noch ein Insekt basteln, nachdem ich nun mit ihm alles \u00fcber Bienchen, Ameisen und Insekten und Spinnen gelernt habe\u2026 Morgen werde ich wohl endlich meinen Vortrag schreiben und einspielen m\u00fcssen, zumindest es mal technisch durchspielen, da ich in zwei Wochen dran bin\u2026 Pfingsten f\u00e4llt aus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>30.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, wie es w\u00e4re, wenn alles anders w\u00e4re. Wenn es keine Pandemie gegeben h\u00e4tte, w\u00fcrden wir jetzt schon an der Kohlbatzer M\u00fchle sein und mit unseren Freund*innen und anderen als Familie zelten, gemeinsam grillen, paddeln, die Zehen in den Sand w\u00fchlen, zusammen am Lagerfeuer zur Gitarre brasilianische Lieder singen. Wie letztes Jahr zu Pfingsten.<\/p>\n<p>Jetzt sitze ich auf dem Sofa und frage mich, ob nicht doch ganz viele andere sch\u00f6ne Dinge tun und nur wir hier bl\u00f6d herumsitzen. Da wir diesen kleinen Ausflug ins Umland abgesagt haben, haben auch alle unsere Freund*innen abgesagt, so ist es nicht. Immerhin ist es ein Bekanntenkreis mit vielen Brasilianer*innen, die schon lange oder kurz hier in Berlin leben und den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern durchaus global gut informiert sind. Vielleicht sollten wir gerade jetzt den Fr\u00fchling und Sommer genie\u00dfen, um uns auf einen Herbst und Winter drinnen vorzubereiten, wenn alles noch gar nicht ausgestanden ist.<\/p>\n<p>Vielleicht hatten wir ja schon Corona, als ich ganz am Anfang der Pandemie eine dicke Erk\u00e4ltung mit Halskratzen (aber ohne Fieber und Geschmacksverlust) mit aus Bayern mitgebracht und meine Familie mit angesteckt habe? Wir wollten uns testen lassen, die Techniker Krankenkasse hat uns das dann auch sogar empfohlen, aber die Teststellen in Berlin haben uns abgewiesen.<\/p>\n<p>Wenn ich die \u00dcbergangsstelle f\u00fcr ein Jahr bekommen h\u00e4tte, s\u00e4he auch alles anders aus. Ich k\u00f6nnte die Gardinen f\u00fcr Ariu kaufen, die er sich w\u00fcnscht. Die neue Lampe f\u00fcr den Flur. Wir k\u00f6nnten \u00fcberlegen, ob wir doch f\u00fcr eine Woche in den Sommerferien nach Graal-M\u00fcritz an die Ostsee fahren w\u00fcrden \u2013 oder auch woanders hin, raus? So erledigt sich das gleich zwei Mal; Pandemie und kein Geld. Ich kann stattdessen endlich mal die R\u00e4der meines Fahrrads aufpumpen lassen und wir fahren mit den R\u00e4dern zum Grunewald.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte ich das nicht tun, nicht so nostalgisch und sehns\u00fcchtig sein, sondern einfach das wahrnehmen, was gut ist. Eine frisch renovierte Wohnung mit einer neuen K\u00fcche in Aussicht, eine lustige Familie, ein Atelier gleich um die Ecke, Vortr\u00e4ge in Aussicht \u2013 dieses Mal anders, aber sicherlich sehr interessant vorher gefilmt und dann \u00fcber Zoom besprochen, einen kochenden Ehemann, einen schulisch aufbl\u00fchenden Sohn dank meiner Aufmerksamkeit und praktischen Schulhilfe. Ich sollte einfach jetzt, wo wieder Platz in der Wohnung ist, zu Hause Sport machen (habe ich noch nie, deswegen habe ich mich dazu immer verabredet\u2026). Jamiro und Ariu machen M\u00e4nnersport, Liegest\u00fctzen\u2026, da passe ich nicht dazu.<\/p>\n<p>Wieso bin ich so schlecht gelaunt? Ich bin so frustriert und muss diese Energie loswerden.<\/p>\n<p>Ich bin doch trotz allem privilegiert. Mich bringt niemand auf der Stra\u00dfe einfach so um, weil ich Schwarz bin, weil ich Wei\u00df bin. Es ist, als h\u00e4tte ich meine Doktorarbeit vorausschauend geschrieben. Trauma als Wissensarchiv. Die alten Geschichten, der alte Hass, die Traumen, brechen hervor. Arius gestriger Englischtest ging \u00fcber Rosa Parks Bus-Boykott in Alabama, \u00fcber Martin Luther King und die B\u00fcrgerrechtsbewegung in den USA in den 1960er Jahren. Wir haben gemeinsam den Film \u201eMississippi Burning\u201c gesehen\u00b8 auch \u201eGreen Book\u201c.<\/p>\n<p>Birgit Meyer meldet sich nicht wegen des dritten Gutachtens. Vielleicht ist sie anderer Meinung?<\/p>\n<p>Wenn schon die Frauenf\u00f6rderung meine Bewerbung ablehnt, wie wird es dann mit der DFG aussehen? Habe ich \u00fcberhaupt eine reelle Chance? Regina meint ja.<\/p>\n<p>Meine Mutter meint, ja, viele Wege hast Du nicht mehr. Du bist einfach zu unpraktisch, um einen dieser gew\u00f6hnlichen Berufe aufzunehmen. Das finde ich ja sympathisch, dass sie das so sieht.<\/p>\n<p>Als ich fr\u00fcher wegen der Geburt von Ariu arbeitslos war, musste ich immer diese endlos langen Frageb\u00f6gen vom Arbeitsamt ausf\u00fcllen, wo unter \u201eF\u00e4higkeiten\u201c immer eine d\u00fcnne, kleine Zeile frei war. Da schrieb ich immer \u201emalen und schreiben\u201c hin, f\u00fcr mehr war eh kein Platz da und es war den B\u00fcrokrat*innen eh nur wichtig, dass die L\u00fccke ausgef\u00fcllt war, egal, was ich hingeschrieben hatte.<\/p>\n<p>Meine Eltern wollen uns am Montag in ihr griechisches Lieblingsrestaurant einladen, wo wir regelm\u00e4\u00dfig gemeinsam essen waren, und drau\u00dfen mit Abstand mit uns sitzen. Jamiro und Ariu sind dagegen, weil wir daf\u00fcr ja in einen Bus steigen m\u00fcssten. Wir k\u00f6nnten nat\u00fcrlich mal hier bei uns um die Ecke essen gehen, aber das wollen meine Eltern wahrscheinlich nicht\u2026 Das ist alles sehr kompliziert\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter: Ich habe mir eine App auf mein Handy geladen und meinen Sohn als Personal Trainer organisiert und eine Stunde Gymnastik gemacht, das hat gutgetan. Mein Mann hat eines seiner brasilianischen Lieblingsessen, <em>Cozido com Pir\u00e3o<\/em>, f\u00fcr uns gekocht, Beinscheibe mit Aubergine, Spitzkohl, K\u00fcrbis, Kartoffeln, Paprika und Brokkoli ged\u00fcnstet, dazu Reis und einen angedickten Mandiokamus. Ich habe es vegetarisch gegessen, weil ich diese Beinscheibe nicht mag, aber es war gerade so sehr k\u00f6stlich.<\/p>\n<p>Meine Mutter erz\u00e4hlt mir am Telefon auf einmal ganz zusammenhangslos von der Spanischen Grippe, die meine Urgro\u00dfmutter Hermine 1919 noch miterlebt und dank Ihrer Vorsorge auch \u00fcberlebt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg, als schon so viele Menschen ihr Leben gelassen haben, kam auch noch dieses Massensterben durch eine Pandemie daher. Sie forderte mehr Menschenleben (50-100 Millionen Menschenleben weltweit) wie es der Erste Weltkrieg gefordert hatte (17 Millionen) \u2026 Danach lese ich etwas dar\u00fcber: Sie ist wohl von China (so Wikipedia, vgl. Wikipedia Spanische Grippe 30.5.2020) oder den USA (so meine Mutter, aber auch sp\u00e4ter im Artikel Wikipedia) ausgegangen, erschien mit ersten Opfern in Europa in Spanien (deshalb ihr Name) und sollte durch diese Regionalisierung auch in ihrer Ausbreitung vertuscht werden. Sie verlief \u00fcber drei Wellen; eine Fr\u00fchlings- und eine Herbstwelle und dann noch lokale Herde.<\/p>\n<p>Das war ja in dem Jahr, als es die erste Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Republik in Deutschland gegeben hat.<\/p>\n<p>Es geht mir gut und es geht mir nicht gut, beides stimmt. Das scheint so ein Grundtenor meines Lebens zu sein, diese Ambivalenz. Ich sehe die Sch\u00f6nheit und das Grauen, immer beides gleichzeitig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Um Ostern kam dann in einer zweiten Phase die Einsicht, dass es sich nicht nur um eine Z\u00e4sur handelt, sondern dass dieser Zustand erst einmal anh\u00e4lt und vielleicht auch wirklich nachhaltig die Welt \u00e4ndert.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>31.5.2020<\/strong><\/p>\n<p>Morgen gehen wir am Pfingstmontag mit meinen Eltern essen! Da der Landauer am R\u00fcdesheimer Platz (in Wilmersdorf bei uns um die Ecke) nur drinnen und nicht drau\u00dfen reserviert, werden uns meine Eltern doch mit dem Auto abholen und wir fahren gemeinsam zum griechischen Restaurant in Charlottenburg und essen drau\u00dfen. Ich bin die Coolste, Ariu der Vorsichtigste. Er besteht darauf, nur mit Maske und offenen Fenstern im Auto mit seinen Gro\u00dfeltern zu fahren.<\/p>\n<p>Ich sehe uns zu wie in einem Film, wieso ist das so? Hat es ihn so tiefgreifend gepr\u00e4gt, mit einer kranken und behinderten Mutter aufgewachsen zu sein? Wenn ich ihm zuh\u00f6re, scheint es so zu sein, weil er sich noch immer an alle Details daran erinnert, wie ich wegen meiner Operationen im Krankenhaus war und er mich als Vier- und Sechsj\u00e4hriger so sehr vermisst hat.<\/p>\n<p>Ansonsten ist er sehr lustig. Dass ich ihn als Personal Trainer benannt habe, fand er klasse und ist wirklich ermutigend und lieb. Da ich vorher ja schon recht viel Sport getrieben habe, f\u00fcnf Mal die Woche, l\u00e4uft auch alles sehr gut.<\/p>\n<p>Heute ist der letzte Tag meines Tagebuchs im Mai, dann habe ich fast drei Monate mein Corona-Tagebuch gef\u00fchrt (weil ich ja erst am 19.3. angefangen habe). Wenn ich jetzt zur\u00fcckblicke, w\u00fcrde ich diese Zeit in Wellen oder Phasen unterteilen:<\/p>\n<p>Zuerst die Retraumatisierung durch den so pl\u00f6tzlichen Lockdown als sogenannte \u201eRisikoperson\u201c. Das Unsichtbare bricht ins eigene Leben ein, von au\u00dfen kommen Zuschreibungen von \u201eAngst!\u201c und im gesellschaftlichen Raum von Solidarit\u00e4t. Ich habe mit einer selbstverordneten und vor dem offiziellen Lockdown beginnenden Quarant\u00e4ne reagiert.<\/p>\n<p>Finanziell hat uns der Corona-Zuschuss gerettet. Da wir ja kaum Geld ausgeben au\u00dfer f\u00fcr die Miete und den Supermarkt, leben wir immer noch recht gut davon. Zu Hause war die oberste Priorit\u00e4t, dass alle friedlich und nett miteinander umgingen \u2013 was erstaunlicherweise auch klappte. Jeder tat, was er wollte und wie lange er wollte. Tag und Nachtzeiten wurden durcheinandergewirbelt, jeder hat ausgiebig gelesen und gespielt und wir haben auch ausgiebig gekocht.<\/p>\n<p>Um Ostern kam dann in einer zweiten Phase die Einsicht, dass es sich nicht nur um eine Z\u00e4sur handelt, sondern dass dieser Zustand erst einmal anh\u00e4lt und vielleicht auch wirklich nachhaltig die Welt \u00e4ndert. Es kamen so viele positive Gedanken in meinem Umfeld auf, weil klar wurde, was f\u00fcr eine Kraft die Menschheit gemeinsam entwickeln kann. Gleichzeitig kippte es aber in die entgegengesetzte Richtung, da die Krankheitsentwicklung von China aus \u00fcber Europa nun auch die Amerikas \u2013 die USA, Brasilien und andere L\u00e4nder &#8211; packte und dort umso heftiger w\u00fctet. Meine pers\u00f6nliche Reaktion waren ausgedehnte und sehr sch\u00f6ne Spazierg\u00e4nge in der unmittelbaren Umgebung, die ich entgegen des allgemeinen Verhaltens immer mit Mundschutz und Abstand zu anderen umsetzte. Die Aufgaben aus der Schule wurden anspruchsvoller und nahmen mehr Zeit ein, gaben auch Raum f\u00fcr lange Unterhaltungen und lustige Hausaufgaben-vor-Mitternacht-Aktionen als Countdown der P\u00fcnktlichkeit mit Vanilleeis und frischen Erdbeeren. Sie resultierten darin, dass sich Ariu zu einem Sch\u00fcler mit richtig guten Noten entwickelte.<\/p>\n<p>Dann \u2013 wann war das genau? \u2013 kamen in einer dritten Phase die Wutb\u00fcrger zum Vorschein, die Leugner:innen und gleichzeitig auch die Rassist*innen \u2013 zeitgleich mit den \u00f6ffentlichen Lockerungen. Auf einmal redeten die wenigsten mehr von Gesundheit und alle \u00fcber die Wichtigkeit der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Dabei gucken wir gerade alle neugierig in den Sommer und hoffen, dass der Spuk nun doch vorbei sei. Darin mischt sich f\u00fcr die, die nicht w\u00fctend werden, Nostalgie, Wehmut und Sehnsucht nach einer Zeit, wie sie war und nicht zur\u00fcckgeholt werden kann. Meine verloren geglaubten Freundinnen melden sich wieder mit Nachsicht und wollen mich mit allem Respekt vor meinen Entscheidungen, die sie anfangs so sehr verurteilt haben, in die Welt hinauslocken. F\u00fcr mich wird diese Krisensituation sich wahrscheinlich erst \u00e4ndern, wenn bzw. falls ich eine neue Arbeit habe. Momentan ist es f\u00fcr mich eher schwer, da einen klaren Abschluss zu finden, da es Corona ja durchaus noch gibt und sich eben an meiner Lebenswirklichkeit gerade gar nichts \u00e4ndert. Nicht einmal meine Disputation ist mir richtig bewusst, obwohl ich die ganze Zeit unter Strom stehe\u2026<\/p>\n<p>Wieso bin ich keine Aufbegeherin und anf\u00e4llig f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien? Das wundert mich schon, immerhin komme ich aus solch einem Freundeskreis\u2026 Scheinbar klappt mein normaler Menschenverstand noch und au\u00dferdem k\u00f6nnte ich nie sagen, dass ich \u201edas Recht habe, auch den Virus zu bekommen\u201c, weil ich wei\u00df, wie es ist, schwer krank zu sein. Nein danke, lieber nie wieder!<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Irgendwie hat mir der R\u00fcckzug gutgetan, aber ich m\u00f6chte auch wieder raus \u2013 vielleicht und wahrscheinlich anders, aber ich m\u00f6chte gerne teil am gesellschaftlichen und akademischen Leben haben. Ob mir das verg\u00f6nnt ist?<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIt is no shock that universities were unprepared for the problems of illness and disablement that they routinely disavow, through a multitude of individualistic policies, processes and practices which render questions of inclusion as bothersome \u2018special needs\u2019. Now, as we move inexorably towards a reorganised model of HE, it is already clear that disabled people, as the smallest and most under-employed group in HE, and other marginalised groups who tend to predominate in the temporary or casualised HE workforce (AdvanceHE, 2019) are, or will be, the first to be pushed out. Yet more knowledge disappears.\u201c (Wilde \/ Ryan \/ Woodin 21.5.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hoffentlich nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Unser erster Gang ins \u00f6ffentliche Leben war eigentlich eher skurril, weil sich alle au\u00dfer uns irgendwie wie auf einem au\u00dferordentlichen Trip befanden, frei und lustig, und im Charlottenburger Kiez im griechischen Restaurant Santorini die Gehwege mit dichtbesetzten Tischen bev\u00f6lkerten und tellerweise Gyros, Souvlaki und Moussaka a\u00dfen, wir auch. Retsina, Ouzo dazu, Salate als Vorspeise, Eis als Nachspeise, ein \u00fcppiges Leben. Keiner tr\u00e4gt Mundschutz, auch die Bedienung nicht.<\/p>\n<p>Meine Eltern beschwichtigen uns die ganze Zeit, dass die Toten auf der Welt nicht so dramatisch seien wie es klingen w\u00fcrde, weil die Zahlen ja alle prozentual zu verstehen seien. Jamiro und Ariu waren sichtlich distanziert, unterhaltsam und freundlich, aber eben auf Abstand bedacht.<\/p>\n<p>Die Leute sind wie beschwipst vom Leben, \u00fcberm\u00fctig, privilegiert oder sich privilegiert f\u00fchlend, achtlos, haltlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem wir uns erfolgreich durch das Schuljahr gefunden haben, sto\u00dfen wir auf ein f\u00e4cher\u00fcbergreifendes Projekt \u00fcber Corona! Daf\u00fcr gibt es etliche Filme auf dem Padlet, u.a. von \u201eMr. Wissen to go\u201c (Was f\u00fcr ein Name! Ariu kennt ihn schon und findet ihn gut) sowie Professor Martin Lindner, der \u00fcber Seuchen erz\u00e4hlt (wo Ariu wegen des bebrillten \u00e4lteren Herren sofort abdreht und keine Lust hat, \u00fcberhaupt die ersten f\u00fcnf Minuten anzuh\u00f6ren\u2026), auch einen Bericht \u00fcber die Spanische Grippe (Max Weber ist wohl daran gestorben) (vgl. Schneider 2.5.2020) und einem Corona-Tagebuch! Tja, so flei\u00dfig und eigenst\u00e4ndig ist Ariu dann wohl nicht gewesen, als dass er das schon vorher entdeckt h\u00e4tte\u2026 ist bis Freitag zu erledigen.<\/p>\n<p>Ich mache mit bei den schwarzen Bildschirmen auf Instagram und Facebook f\u00fcr den ermordeten Afroamerikaner George Floyd.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Vielleicht ist es gut, wenn ich es erst einmal hier in mein Tagebuch schreibe, damit es einen Schritt weiter in meiner inneren Verarbeitung geht.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich vier Stunden virtuell in einem Zoom-Workshop \u00fcber \u201eAudismuskritisch denken lernen. Vom Privileg zu h\u00f6ren\u201c von <em>Diversity Arts Culture<\/em> (wor\u00fcber ich schon vor einiger Zeit im Tagebuch geschrieben habe). Es hat super geklappt, technisch mitsamt meiner \u00fcber den Streamer verbundenen H\u00f6rger\u00e4te an meinen Laptop. Als ich es meinem Vater erz\u00e4hlte, redete er gleich \u00fcber das g\u00e4ngige Vorurteil, dass derartige Veranstaltungen ja so unpers\u00f6nlich und schwierig seien (das muss er wohl so gelesen haben, da er selbst ja nicht in Zoom-R\u00e4ume geht), aber dem muss ich wirklich widersprechen. Ich sehe die gleichen Chancen und gleichen Probleme wie im Face-to-Face-Kontakt, nur, dass sich die Positionen etwas verschieben.<\/p>\n<p>So gab es wie immer bei derartigen Workshops eine Einleitung der Kursleiterin (eine geh\u00f6rlose Frau, deren Geb\u00e4rdensprache uns Unkundigen von Dolmetscherinnen tonal \u00fcbersetzt wurde), dann eine Vorstellungsrunde (jeder spricht in seinem kleinen K\u00e4stchen auf dem Bildschirm), mehrere informative Vortr\u00e4ge von Silvia Gegenfurtner, drei kleinere Gespr\u00e4chsrunden (wof\u00fcr wir automatisch in verschiedene Gruppen von je vier Personen zugeteilt wurden), Feedback. Neben dem Abl\u00f6sen in der Redefunktion, die eben immer als K\u00e4stchen auf dem Bildschirm erschienen, gab es auch die M\u00f6glichkeit, etwas in den Chat zu schreiben.<\/p>\n<p>Das funktionierte alles wunderbar und war auch recht emotional. Ich verstehe ja die Argumentation gar nicht \u2013 sonst ist es doch oberstes Anliegen, dass es eben nicht emotional zugehe\u2026 Sicherlich gibt es sonst Pausen, in denen die Beteiligten miteinander essen oder einen Kaffee trinken gehen, was es eben pers\u00f6nlicher macht, aber sonst ist es ein gesch\u00fctzter und offener Raum zum Reden.<\/p>\n<p>Ich bin die einzige Taube Person neben der Vortragenden und Kursleiterin inmitten einer Gruppe von h\u00f6renden Teilnehmer*innen gewesen, die diesen Kursus f\u00fcr das J\u00fcdische Museum, das Schwule Museum, die Freie Universit\u00e4t und ihre Kunstpraxis im Bereich der Bildenden Kunst und als Choreographin von Tanz und Theater nutzen wollten und teilweise aus einer queeren Kulturszene kamen.<\/p>\n<p>Ich habe mich so kompetent, geachtet und gut gef\u00fchlt und musste daran denken, dass eine Freundin am Anfang der Pandemie zu mir sagte, dass ich mich wohl mit allem \u00fcberfordert f\u00fchle\u2026 Wahrscheinlich hat sie Recht, da ich nicht den ganzen Tag h\u00f6ren kann, sondern auch Pausen vom H\u00f6ren brauche, die ich zu Hause ja durchaus habe.<\/p>\n<p>Ich kann mich ruhig Taub mit einem gro\u00dfen \u201eT\u201c nennen und muss mich nicht so zieren. Sicherlich wird das bei h\u00f6renden Personen auch wieder zu Unverst\u00e4ndnis beitragen, da sie sagen werden, dass ich doch h\u00f6re und f\u00fcr sie \u201eganz normal\u201c bin, aber eigentlich passiert das ja mit jedem oder auch in der Abwesenheit von Worten, also bin ich doch ziemlich frei in der Wahl.<\/p>\n<p>Ich sitze morgens auf dem Balkon und schreibe auf meinem Laptop. Die V\u00f6gel \u2013 Kohlmeisen und Spatzen \u2013 kommen immer wieder angeflogen, um sich Futter zu holen oder ihre Jungen im Vogelh\u00e4uschen zu f\u00fcttern (ist das jetzt schon die zweite Generation oder bleiben sie tats\u00e4chlich sooo lange da drin? Muss ich echt mal nachlesen\u2026) und sind dann ganz \u00fcberrascht, dass ich hier sitze. Dann fliegen sie weg, kommen aber immer wieder, sehr niedlich ist das. Wenn wir hier drau\u00dfen essen, fliegen sie dann doch einfach irgendwann ins H\u00e4uschen, da wir ihnen ja augenscheinlich nichts tun.<\/p>\n<p>Einige Freundinnen haben jetzt ganz lieb bei mir nachgefragt, ob ich wieder rausgehe und Leute treffe \u2013 und ob wir uns treffen wollten. Drei m\u00f6chten mit mir in den Wald, eine andere, um eine gerade in Berlin gestrandete <em>M\u00e3e-de-Santo<\/em> aus Brasilien zu treffen. Ich habe solche gro\u00dfe Lust und w\u00fcrde sonst einfach gehen. Nun hocke ich hier aber zu Hause so nahe mit Jamiro und Ariu zusammen, die das beide vollkommen unm\u00f6glich finden. Da ich immer Christian Drostens Podcast h\u00f6re, denke ich, dass wir es im Somme ruhig mit einzelnen bedachten Ausfl\u00fcgen versuchen sollten, um dann f\u00fcr den Herbst und Winter ger\u00fcstet zu sein. Ich meine damit keine U-Bahnfahrten zu Sto\u00dfzeiten, sondern bedachte Ausfl\u00fcge mit dem Fahrrad und drau\u00dfen spazierengehend. Ja. Vielleicht ist es gut, wenn ich es erst einmal hier in mein Tagebuch schreibe, damit es einen Schritt weiter in meiner inneren Verarbeitung geht. Ariu ist ja immer sowieso offen, aber Jamiro reagiert schon eher heftig. Er geht ja raus, einkaufen und ins Atelier. Er hat auch Sehnsucht danach, im See schwimmen zu gehen, zu verreisen, aber es h\u00e4lt ihn trotzdem die Vorsicht davon ab. Von welcher Seite lasse ich mich gerade mehr beeinflussen? Vorher hatten wir ja auch andere Vorstellungen, aber dann habe ich einiges einfach getan und nicht viel dar\u00fcber geredet \u2013 wie Leute treffen, die er sowieso bl\u00f6d (weil sie in seinen Augen oberfl\u00e4chlich sind) findet. Mir ist das schnuppe, da ich Freundschaften auch einfach pflege, weil ich bestimmte Menschen mag; nicht, weil sie intelligent sind.<\/p>\n<p>Hm\u2026 Irgendeinen Weg m\u00fcssen wir f\u00fcr diesen Sommer finden. Noch ist Schulzeit, noch ein Haufen zu erledigen. Ich muss auch meine berufliche Situation kl\u00e4ren \u2013 habe jetzt doch alle Unterlagen f\u00fcr eine \u201eEigene Stelle\u201c bei der DFG gesichtet und f\u00fclle sie nach und nach aus. Was kann ich schon verlieren? [\u2026]<\/p>\n<p>Abends gab es dann, nachdem ich mit Ariu mal warm zu Mittag (und nicht erst abends) Spaghetti Bolognese auf dem Balkon gegessen habe, ein gro\u00dfes Omulu-Ritual, von zu Hause aus, bei dem wir uns mit dem Ritual vor Ort in K\u00f6ln verbinden durften.<\/p>\n<blockquote><p>Am Mittwoch, den 03.05.2020 ab 18 Uhr-21 Uhr findet eine Arbeit f\u00fcr Omulu statt. Teilnahme nur von zu Hause. Bitte verbindet Euch um 18 Uhr mit uns. Z\u00fcndet eine schwarze und eine wei\u00dfe Kerze (alternativ nur eine wei\u00dfe Kerze) an. Betet und singt f\u00fcr Omulu. Lasst die Kerzen bitte abbrennen. Wer namentlich in die Arbeit aufgenommen werden m\u00f6chte, der wird gebeten, sich per Mail oder telefonisch bei uns zu melden.<\/p>\n<p>Casa St. Michael &#8211; Haus des reinen Wassers.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht wird da ja auch beibehalten, obwohl ab Juni wieder Rituale mit G\u00e4sten in K\u00f6ln mit Maske und Mindestabstand stattfinden werden? Wie das bei einer Religion mit Inkorporationen funktionieren kann, ist mir zwar ein R\u00e4tzel, aber interessant. <em>Terra Sagrada<\/em> l\u00e4sst wohl noch keine Rituale stattfinden. Es gab auch ein Gebet daf\u00fcr:<\/p>\n<blockquote><p>GEBET f\u00fcr Abalua\u00ea\/Omulu<\/p>\n<p>A tot\u00f4, Abalua\u00ea!<\/p>\n<p>Lieber Vater Abalua\u00ea!<\/p>\n<p>Du bist der K\u00f6nig der Erde, der Herr der Krankheiten und der Heilung.<\/p>\n<p>Bitte heile meinen K\u00f6rper, meine Seele und meinen Geist und erhalte sie gesund.<\/p>\n<p>Segne mich, damit negative Gedanken, Worte und Gef\u00fchle in meinem Leben keine Kraft mehr haben.<\/p>\n<p>Segne mich, damit ich nicht mehr aus dem Schmerz und der Negativit\u00e4t heraus handele.<\/p>\n<p>Segne mich, damit ich dem Leben keinen Widerstand mehr entgegensetze.<\/p>\n<p>Lieber Vater Abalua\u00ea, hilf mir, die g\u00f6ttliche Gegenwart in mir und in meinen Mitmenschen wahrzunehmen und zu begreifen,<\/p>\n<p>dass ich Licht bin und dieses Licht meinen Mitmenschen zur Verf\u00fcgung stellen kann. Zum Wohle aller!<\/p>\n<p>Danke, mein Vater!<\/p>\n<p>Ax\u00e9!<\/p><\/blockquote>\n<p>Der <em>Pai de Santo<\/em> Alexandre von <em>M\u00e3e<\/em> Gabriele hat auf Facebook eine Diskussion in den Raum geworfen, weil er seine Umbanda als antifaschistisch benennt. Ich finde das wunderbar. Ich bin ganz der Meinung, dass es unm\u00f6glich ist, gleichzeitig umbandistisch und faschistisch zu sein \u2013 das ist ein Grundsatzthema und keine Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Positionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ariu muss bis morgen sein Corona-Tagebuch f\u00fcr die Schule abgeben. Er h\u00e4tte es tats\u00e4chlich auch t\u00e4glich schreiben k\u00f6nnen \u2013 was ich vor drei Monaten schon mit ihm vorhatte, aber da kam zu viel Widerwillen entgegen, dass ich es nicht erm\u00f6glichen konnte \u2013 aber eigentlich ist es doch etwas Anderes \u2013 und darin auch sehr gut und interessant, weil lauter kleine Fragen an die Sch\u00fcler*innen gestellt werden, emotionaler, politischer, gesellschaftskritischer, humaner, allt\u00e4glicher Art. Ich habe ihn also interviewt. Dazu kommen viele Videos von \u201eMr. Wissen to go\u201c, wie ihn Ariu nennt, der auch einen richtigen Namen hat.<\/p>\n<p>Unisono kam bei ihm heraus, dass er total gechillt ist und sich der Aufmerksamkeit durch mich erfreut. Das ist sch\u00f6n und ist auch traurig. Sch\u00f6n, weil er so entspannt auf diese Quarant\u00e4ne-Zeit reagiert und traurig, weil sich darin so viel Sehnsucht zeigt. Sonst hatte ich wegen des allt\u00e4glichen Stresses eben nicht die Kraft und Zeit daf\u00fcr, ihm diese Aufmerksamkeit zu geben. So ist diese Situation hier zu Hause eigentlich f\u00fcr uns alle sehr gut. Da steckt schon etwas Ironie darin. Wo ja alle so sehr \u00fcber das Eingesperrtsein schimpfen und sich nach Umarmungen sehnen; sich unm\u00fcndig f\u00fchlen\u2026 da passiert bei uns das Gegenteil; endlich k\u00f6nnen wir uns in uns und unsere innere Kraft zentrieren und m\u00fcssen unsere Energie nicht immer nach au\u00dfen abgeben, dem Druck von au\u00dfen, den Erwartungen von anderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich muss das einfach mal zitieren, sonst glaubt mir wom\u00f6glich niemand:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMerkel k\u00fcndigt jahrelange Masken- und Abstandspflicht an! Ich wollte eigentlich nichts mehr zu diesem Thema schreiben, aber seit Frau Merkels Interview heute sollte auch dem Letzten klar geworden sein, was hier l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Machtausbau der globalen Eliten und totale Kontrolle.<\/p>\n<p>Hier ging es zu keinem Zeitpunkt um irgendein Virus. Wer das noch nicht verstanden hat, dem kann man nicht mehr helfen.<\/p>\n<p>Insbesondere richte ich mich mit diesem Posting an diejenigen, die immer noch dieses Virusm\u00e4rchen glauben oder glaubten.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Keine Impfplicht? Das ist gelogen. Alleine die Aussage, dass wir Masken tragen sollen, bis ein Impfstoff oder ein Medikament zur Verf\u00fcgung steht, widerlegt das bereits.<\/p>\n<p>Und all diese sinnlosen \u201eAuflagen\u201c und \u201eMa\u00dfnahmen\u201c beweisen es.<\/p>\n<p>Wir stehen in der Tat erst am Anfang. Aber nicht am Anfang einer Epidemie oder gar \u201ePandemie\u201c, sondern am Beginn einer katastrophalen Entwicklung \u2013 falls die Weltbev\u00f6lkerung das hinnimmt.<\/p>\n<p>Ich habe von Anfang an gesagt, messt sie an ihren Taten, nicht an ihren Worten. Und die dauerhafte Beseitigung der Grundrechte ist nun ein Fakt. Wir haben nun seit 39 Tagen Maskenpflicht, ich werde weiterhin keine tragen und den Konsumboykott fortsetzen, f\u00fcr alle, was mit Masken und \u201eHygienema\u00dfnahmen\u201c zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Seit 3 Monaten werden die Kinder von Bildung ferngehalten und gleichzeitig traumatisiert.<\/p>\n<p>Wie lange noch?\u201c (Conny Tulke, 4.6.2020, gepostet um 23:25, Facebook)<\/p><\/blockquote>\n<p>Totale Kontrolle \u00fcber Mundschutz? [\u2026] oder habe ich es falsch gelesen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Bis morgen muss ich meinen Vortrag f\u00fcr die Theologische Soziet\u00e4t fertig haben\u2026 Es ist noch etwas Puffer da, alle sind total liebevoll, aber es war ja wirklich meine Idee, als Erste zu sprechen, um \u00fcber meinen eigenen Schatten zu springen. Hab zu tun\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Apuan hat ein paar Deutschnoten f\u00fcr sein Home Schooling erhalten: eine 1 und zwei 1+. Und wir haben seinen Insekten-Ordner nun doch ganz fertiggestellt mitsamt selbst gebasteltem dadaistischem Insekt sowie sein Corona-Tagebuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Wie immer vor Vortr\u00e4gen habe ich die gr\u00f6\u00dften Zweifel an meinen Gedanken, es ist zum Heulen. Aber das muss ich jetzt durch\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Meine Ank\u00fcndigung f\u00fcr den Vortrag auf der Theologischen Soziet\u00e4t von Professor Feldtkeller steht, auch der Vortrag selbst \u2013 jetzt muss ich ihn nur noch aufnehmen. Ich erhalte keine Antwort auf meinen Werkvertrag und auch keine offizielle Absage auf meine zweite Bewerbung bei der Frauenf\u00f6rderung der HU, auf die erste auch nicht\u2026 das macht mich wirklich fertig, immerhin h\u00e4ngt mein Alltag, mein Leben, mein Wohlbefinden und meine Kreativit\u00e4t zu denken davon ab. Ich kann die Quarant\u00e4ne, das Home Schooling und das Zusammensein mit meiner Familie auf engem Raum alles gut verarbeiten und entgegen der allgemeinen Tendenz f\u00fcr gut befinden, alles bl\u00fcht und gedeiht hier zu Hause, aber diese Nicht-Achtung kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Wo bleibt da die Intersektionalit\u00e4t und Frauenachtung?<\/p>\n<p>Derweilen lese ich die vielen Kommentare auf Ydraggsil \u00fcber den Mittelbau, sehr erbauend. Ja, vielleicht bin ich ja gar nicht tauglich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe meinen Vortrag \u00fcber religi\u00f6se Visionen und gesellschaftliche Transformation f\u00fcr die Theologische Soziet\u00e4t im Kasten bzw. im Internet und Ariu hat 4x eine 1+ f\u00fcr Ethik, Geschichte, Politik und Geographie!<\/p>\n<div id=\"attachment_9107\" style=\"width: 774px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9107\" class=\" wp-image-9107\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/42-1.jpg\" alt=\"\" width=\"764\" height=\"565\" \/><p id=\"caption-attachment-9107\" class=\"wp-caption-text\">Spontanes Arrangement auf der Stra\u00dfe, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>11.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich nach so langer Zeit endlich mal wieder im Atelier und habe gemalt. Und jetzt wei\u00df ich auch, warum \u2013 der Druck wegen Arius Hausaufgaben ist weg, bald kommen die Zeugnisse und die Sommerferien. Das war eine sch\u00f6ne Zeit mit ihm, aber ich f\u00fchle mich schon ziemlich befreit. Und Regina gibt mir einen Werkvertag bis September.<\/p>\n<p>Ich bin nicht in Schreiblaune. Diese Ruhe der letzten Monate war eigentlich genau das gewesen, was ich mir die ganze Zeit gew\u00fcnscht habe (ohne Tote nat\u00fcrlich).<\/p>\n<p>Gleich gibt es ein Ritual f\u00fcr Oxum und Ians\u00e3.<\/p>\n<blockquote><p>Das Gebet f\u00fcr Ians\u00e3<\/p>\n<p>\u00c8p\u00e0 Hey Ians\u00e3 | Ver\u00e4nderung: deine Wege sind tiefgr\u00fcndig, stets gegenw\u00e4rtig. | Immer in Bewegung. | Du arbeitest mit Drama, | l\u00e4sst es donnern und blitzen und rauschen, | kehrst alles von unten nach oben. | Du arbeitest im Hintergrund, | schiebst und schubst, | verschlei\u00dft und ersch\u00f6pfst. | Du wirbelst und beutest uns | spritzt uns voll und dr\u00fcckst uns platt; | Du entsetzt und wiegst. | Du machst den Weg frei f\u00fcr das, was kommt. | Kannst zierlich sein oder von \u00fcberw\u00e4ltigender F\u00fclle, | kurz oder von Dauer, aufbr\u00fcllend oder aufwallend. | Es gibt keinen Weg an dir vorbei. | Du bist die Gebieterin aller Elemente im Universum, | die G\u00f6ttin der Wildnis. | die allgewaltige Wasser-, Feuer- und Sturmg\u00f6ttin | Du bist das tropische W\u00e4rmegewitter, der Wirbelsturm, die Abendbrise. | Du liebst Donner und Blitz. | Du bist der Marktplatz, die Erde. | Du bist eine gewiefte Gesch\u00e4ftsfrau. | Du bist die G\u00f6ttin des Tanzes, |die sch\u00f6ne, wehrhafte Kriegerin. | H\u00fcterin der Friedenspforte. | Bezwingerin der Totengeister. | Besch\u00fctzerin der Tiere. | Du bist die Besch\u00fctzerin der Frauen. | Der weibliche Zorn.<\/p>\n<p>Salve Ians\u00e3!<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_9109\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9109\" class=\"size-full wp-image-9109\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/43-ritual-fur-iansa-und-oxum-1.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9109\" class=\"wp-caption-text\">Kerzen f\u00fcr Ians\u00e3 und Oxum, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<blockquote><p><strong>Das Gebet<\/strong><strong> von M\u00e3e Gabriele <\/strong><strong>f\u00fcr Oxum<\/strong><\/p>\n<p>Ora y\u00ea y\u00ea mam\u00e3e oxum! | Meine liebste Mutter Oxum, wir rufen Dich! | Bitte erf\u00fclle unsere Herzen mit Deinem Licht der Liebe. | Nimm den Egoismus von uns allen, damit wir verstehen, was wir damit anrichten. | Lass dein Wasser durch uns flie\u00dfen und reinige alle. | \u00d6ffne und sp\u00fcle unsere Augen mit reinem Wasser und lass uns das Wesentliche sehen. | Erf\u00fclle uns mit Selbstliebe und hilf uns, sie auszudehnen: ein gen\u00e4hrter Mensch hat einen liebevollen Blick auf alle. | Zeige uns, was zum Wohle aller hilft. | Gib uns die M\u00f6glichkeit, uns durch Deine Liebe zu Gott zu verbinden. | Reinige unser Herz von allen Zweifeln, die zwischen uns und unserer Liebe zu Gott stehen. | Lass uns an deinem Urvertrauen teilhaben und unsere Herzen von Reichtum \u00fcberlaufen. | Danke minha m\u00e3e.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>12.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass ich mich deplatziert und unpassend finde. Und ich wei\u00df nicht einmal, ob das stimmt oder nicht, weil viele in der Soziet\u00e4t meinten, dass mein Thema sehr spannend und interessant sei und unbedingt ausgebaut werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ich hatte mich vorher mit Veronika \u00fcber dieses Expos\u00e9 unterhalten und das war sehr inspirierend und gut gewesen. In der Runde hatte sie noch die Frage, ob ich mich f\u00fcr eine Transformation der religi\u00f6sen Bewegungen oder die Transformation der Bewegungen auf die Gesellschaft interessiere &#8211; das fand ich spannend! Ich hatte gedacht, dass das schon klar w\u00e4re, dass ich mich f\u00fcr letzteres interessiere bzw. darauf meinen Fokus setzen m\u00f6chte. Das sind Nachfragen, die mich weiterbringen, weil ich dies dann auch im Text klarer benennen kann.<\/p>\n<p>Es kam kein wirkliches Gespr\u00e4ch zustande. Prof. Feldtkeller hat dann eigentlich meine Fragen beantwortet und mir wurden einige Forschungscluster genannt, die sich mit \u00e4hnlichen Themen befassen, was auf jeden Fall gut und sinnvoll f\u00fcr mich ist. Er hat mir auch ein paar Fragen genannt, die sehr gut f\u00fcr mein weiteres Vorgehen passen k\u00f6nnen &#8211; etwa die Grenze zu finden, in welchen religi\u00f6sen Gruppen die Vorsorge bzw. das &#8222;gute Leben&#8220; im Sinne von Care vorherrscht und in welchen die Kraft des Glaubens und die dazugeh\u00f6rige Leugnung des Corona-Virus verl\u00e4uft und also meine Lage anders zu kartieren. Obwohl ich finde, dass die Corona-Frage in meinem Vortrag nur die Lage verst\u00e4rkt und als Ort der Krise verstanden werden sollte, aber nicht, um meine ganze Forschung daran zu orientieren; das w\u00e4re eine zu einfache Ordnung in \u201ekonservativ\u201c und caring versus \u201espirituell\u201c und selbstbezogen \u2013 auch wenn ich das gerade sehr viel erfahre. Aber es gibt wohl alles in diesem religi\u00f6sen Feld, das will ich doch hoffen. Oder dass auch der Begriff der Ethik im Hinblick auf meine \u00dcberlegungen \u00fcber &#8222;das gute Leben&#8220; wichtig f\u00fcr meine Forschung ist.<\/p>\n<p>Ich habe es jetzt so verstanden, dass die angewandte praktische Theologie kein spezifisches Konzept hat, was mit dem Konzept der ethnologischen Feldforschung als Pendant angesehen werden k\u00f6nnte, sondern dass es eher ein ziemlich offener Ansatz ist.<\/p>\n<p>Dann kam, wie er es immer sicherlich ganz im positiven Sinn meint (immerhin war er es, der mich f\u00fcr die Tanz-Tagung in Neuendettelsau vorgeschlagen hat), Gabriel und hat mich aufgefordert, noch mehr \u00fcber die anthropologische Zukunftsforschung zu sagen &#8211; und in diesen Situationen f\u00fchle ich mich dann meistens gepr\u00fcft und mir f\u00e4llt nichts mehr ein&#8230; Solche Blackouts passiert mir leider h\u00e4ufig und sind mir total peinlich, obwohl ich um ihren psychologischen Ursprung wei\u00df, ich muss wieder und wieder daran arbeiten&#8230; Wahrscheinlich soll es einfach dazu dienen, eine Diskussion in Gang zu bringen, aber innerlich frage ich mich in diesen Momenten, ob sie nicht vorher zugeh\u00f6rt haben? Soll ich alles noch einmal sagen, nur anders? [\u2026] Vor allem frage ich mich nat\u00fcrlich, wie ich meine eigene Disputation \u00fcberstehen kann\u2026 Vielleicht sollte ich das psychologisch so sehen, dass es ein Gespr\u00e4ch ist und keine \u201eVerteidigung\u201c? Keine Ahnung, was da psychologisch bei mir abgeht, sicherlich all die Erniedrigung und Entm\u00fcndigungen, die ich mein ganzes Leben lang ertragen musste, ganz abgesehen auch von der Gewalt.<\/p>\n<p>Ich kann es nicht vergessen, dass mir meine Mutter vor ein paar Jahre erz\u00e4hlt hat, wie ich von dem Nachbarjungen aus meinem Haus in der Schule mit meinem Kopf an die Wand geschlagen wurde, um mich zu dem\u00fctigen. Ich konnte mich nicht daran erinnern\u2026 aber doch an die Momente danach, dass Benommen Sein, das Verwundert Sein und an meine Wunde. Das Schlimmste an dieser Geschichte fand ich, dass ich sie vergessen hatte bzw. mich auch jetzt nicht an diesen Vorfall erinnern kann. Das muss so schlimm f\u00fcr mich gewesen sein, dass ich es bis heute nicht erinnern kann. Ich wei\u00df nur, dass ICH gefragt wurde, ob ich in ein Krankenhaus wolle oder nicht. Komisch\u2026 Ich stand wohl unter Schock, wieso wurde ich das gefragt? Das ist absurd.<\/p>\n<p>Manchmal denke ich, dass ich meine Geschichten nicht schreiben, sondern sagen sollte. Vielleicht k\u00f6nnte ich sie aufnehmen, wie ich meinen Vortrag aufgenommen habe?<\/p>\n<p>Gabriel meinte, ich solle die Epistemologie des Wortes Transformation ergr\u00fcnden, &#8222;was bewegt die Akteure, so zu denken, wie sie denken&#8220; &#8211; aber das hatte ich doch selbst als Frage gestellt. Das ist doch eigentlich die Grundlage jeder Forschung, oder? So sehe ich das. Aber eine Forschung, die noch gar nicht empirisch angefangen hat, kann doch erst einmal nur diese Frage stellen und noch nicht beantworten? Ich verstehe einfach nicht, was er damit tats\u00e4chlich sagen wollte. Mir ging es ja eher darum, spezifische theoretische Ans\u00e4tze daf\u00fcr zu finden.<\/p>\n<p>Meine pers\u00f6nliche Erfahrung ist eine andere: sicherlich kommt jede*r mit bestimmten theoretischen Ideen in ein bestimmtes Feld und wird dann von den Menschen &#8211; der Empirie, der Erfahrung &#8211; \u00fcberrascht und schreibt alles neu. Und genau dies ist der Moment der Erkenntnis und eigentlich das, warum es mich immer wieder reizt, weiter zu forschen. W\u00fcrde mir alles im Feld best\u00e4tigt werden, was ich vorher auch schon gedacht habe, f\u00e4nde ich es ziemlich langweilig.<\/p>\n<p>Eigentlich f\u00fchle ich mich elendig und zweifle wieder an meiner Kompetenz, in dieser akademischen Welt zu bestehen, weil ich nicht diesen Habitus und diese verschrobene Art und Weise zu reden habe&#8230; Ich verstehe manchmal wirklich nicht, was sie meinen und frage dann nicht nach, weil ich den Eindruck habe, dass es eben einfach an mir liegt.<\/p>\n<p>Eine der Teilnehmenden habe ich dann konkret per E-Mail angeschrieben, was sie damit meinte, dass sie sich unter Zukunftsforschung etwas ganz Anderes vorgestellt habe und dass es ja schon &#8222;einen feststehenden, konnotierten Begriff&#8220; daf\u00fcr gebe, den ich eben so gar nicht bediene. Ich fragte sie, in welche gew\u00f6hnliche Richtung denn diese Forschungen und Diskurse gehen w\u00fcrde, an denen ich vorbeirede und da meinte sie, &#8222;ich bin mir nicht sicher, ob ich Dir wirklich helfen kann. Gerne w\u00fcrde ich allerdings mit Dir das Gespr\u00e4ch dar\u00fcber suchen. Ich finde Deine \u00dcberlegungen sehr, sehr spannend!&#8220;, was ja total nett klingt. Aber warum hat sie das dann gesagt? Ich finde das so undurchdringlich. Und was ich gar nicht daran verstehe ist der Umstand, dass es wohl die Annahme besteht, dass ein jede*r wohl doch das bereits Gedachte nur erweitern solle&#8230; Ich dachte immer, dass innovative Forschungen eben innovativ sein sollten und sich vom bereits Gedachten abheben und neu kartieren sollten? Insofern w\u00e4re es doch gut, wenn ich die Zukunftsforschung auch anders denke&#8230;<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>13.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen, als wir uns mit unserem Kaffee auf den Balkon setzen wollten, sah ich unter meinem Stuhl ein kleines graues B\u00fcndel und wunderte mich. Erst als ich n\u00e4her herantrat erkannte ich, dass es ein kleiner Jungvogel aus dem Vogelh\u00e4uschen auf unserem Balkon war. Er fing auch gleich an zu piepsen und guckte uns treuherzig an.<\/p>\n<p>Wir haben und kundig gemacht und ihn mit ein bisschen Wasser und K\u00f6rnern auf dem Balkon gelassen. Nach einiger Zeit kamen auch tats\u00e4chlich seine Eltern an und f\u00fctterten ihn. Er \u00fcbte flei\u00dfig zu fliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9111\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9111\" class=\" wp-image-9111\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/44-auf-dem-balkon-1.jpg\" alt=\"\" width=\"556\" height=\"417\" \/><p id=\"caption-attachment-9111\" class=\"wp-caption-text\">Auf dem Balkon, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p><strong>14.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich im Atelier und habe etwas an der mythologischen Szene Ians\u00e3 weitergemalt, aber vor allem an dem Drachenbild f\u00fcr Ariu, das er sich in sein neu renoviertes Zimmer h\u00e4ngen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich finde es ganz nat\u00fcrlich, so als sei es gestern erst gewesen, dass ich wieder mal drau\u00dfen und im Atelier war \u2013 obwohl es ein paar Monate her ist. Ich habe eher das Gef\u00fchl, als ob ich gut geschlafen und mich ausgeruht h\u00e4tte und nun eben wieder in der Welt sei. Und alle verhalten sich so, als ob nichts geschehen sei, keine Pandemie, kein Rassismus, alles ist friedlich und nett. Total skurril.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>15.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Der kleine Vogel ist heute, nachdem er zwei Tage Flug\u00fcbungen auf unserem Balkon und auf den Abtrennungen der St\u00fchle gemacht hat, bis nach oben auf die Balkonbr\u00fcstung geflogen, stand dort ein paar Minuten und sah auf die umliegenden B\u00e4ume. Er drehte sein K\u00f6pfchen zu uns und flog dann davon. Das war so niedlich und so erhaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Mir kommt es vor, als w\u00fcrden diese Masken gerade wie Einkaufstaschen eingesetzt \u2013 zerkn\u00fcllt, herausgeholt, wieder weggesteckt.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>16.6.2020<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Unke von Unkenbilk No. 2387<\/p>\n<p>Heute traf ich eine nette Dame mit Hund. Die Dame meinte, &#8222;irgendwie ist doch alles kaputt, die ganze Welt liegt brach, wir leben in einer kaputten Gesellschaft, die Umwelt ist zerst\u00f6rt und wir denken an Urlaub und Kaffeeklatsch&#8220;. Klatschen, klatschen, ohne Kaffee klatschen. Das ist richtig. Wenn wir uns selbst nicht so wichtig nehmen und einfach einmal kurz innehalten, dann wissen wir doch alle, dass wir den Punkt \u00fcberschritten haben. Einen Punkt zur Umkehr, f\u00fcr die Menschheit, f\u00fcr die Umwelt und den Planeten. Es ist zu sp\u00e4t und das hat nichts!!! mit Schwarzmalerei zu tun, das ist die Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen alle von einer besseren Welt tr\u00e4umen aber wir alle werden diese nicht erleben. Das denke ich und bin nichtmal traurig. Lachen &#8211; herzlich lachen muss ich wenn ich sehe, dass die ersten Mallorca-Touristen gefeiert werden, wie k\u00fcrzlich unser Pflegepersonal. Bin ich anders, anders doof oder warum finde ich das absolut l\u00e4cherlich?<\/p>\n<p>Bitte heute keine Kommentare wie: &#8222;die Welt ist doch sch\u00f6n&#8220;, &#8222;geh mal spazieren&#8220;, &#8222;denke an die sch\u00f6nen Dinge&#8220;.<\/p>\n<p>Mir geht es gut, ich f\u00fchre nur ein Online Tagebuch, f\u00fcr irgend etwas muss das doch gut sein hier\u201c (Art Schmacks, Facebook vom 16.6.2020, ein K\u00fcnstlerkollege, den ich nie pers\u00f6nlich kennengelernt habe, aber mir irgendwie aus der Seele spricht; vor allem mit dem Angst vor dem Ende der Welt.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier zu Hause wachsen und bl\u00fchen die Pflanzen wie verr\u00fcckt, als ob sie es bemerken w\u00fcrden, dass wir \u2013 vor allem ich (weil Jamiro und Ariu vor Corona-Zeiten ja viel zu Hause waren, nur ich nicht) \u2013 hier sind und so viel Aufmerksamkeit und Liebe in diese R\u00e4ume bringen, dass sie gar nicht anders k\u00f6nnen als \u00fcberschw\u00e4nglich zu wachsen.<\/p>\n<p>Ich musste den H\u00e4rtefallantrag f\u00fcr unser Atelier des Berufsverbandes Bildender K\u00fcnstler verl\u00e4ngern und gleich auch die Steuererkl\u00e4rung, die wahrscheinlich schon \u00fcberf\u00e4llig ist, erledigen, bin aber zwei Mal wegen Post (f\u00fcr meinen Werkvertrag) und Lavendel f\u00fcr den Balkon kaufen und zur Post gehen gegangen. Immerhin tragen alle in der Post Maske. Mir kommt es vor, als w\u00fcrden diese Masken gerade wie Einkaufstaschen eingesetzt \u2013 zerkn\u00fcllt, herausgeholt, wieder weggesteckt. Sie sind schon da, nur eben auf der Stra\u00dfe gar nicht. Hinter mir bei Aldi steht ein sehr alter Mann, der auch vorher auf der Stra\u00dfe schon die Maske getragen hat und guckt mich mit freundlichen Augen an. Die ganze Solidarit\u00e4t vom Anfang der Pandemie ist weg, jetzt antworte nur ich.<\/p>\n<p>Ja, wenn es Zeit ist zu gehen, ist das eben so. Das hat mir auch eine liebe Freundin gesagt und ich kann es respektieren \u2013 nur empfinde ich es eben nicht so. Nur weil ich verletzlich bin, will ich jetzt nicht sterben, sondern leben; ich habe noch so viel seelisch zu verarbeiten und zu sagen. Ich wei\u00df, dass ich schrecklich langsam bin\u2026 aber so, gerade weil ich langsam bin, m\u00f6chte ich weiterleben. Und das haben auch die Augen dieses alten Mannes hinter mir in der Schlange von Aldi gesagt, der mutig raus und einkaufen geht und den wir alle mitsch\u00fctzen sollten. Ich finde, dass es hier rau geworden ist unter diesen satt gegessenen Menschen, die sich mit ihren Wohlstandssorgen besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>17.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin fr\u00fch aufgestanden, um einer Disputation \u00fcber Zoom an meinem Institut beizuwohnen, um mir mal den Ablauf des Ganzen anzusehen und mich seelisch darauf einzustimmen. Immerhin l\u00e4uft alles so ab, wie ich es mir vorgestellt habe, das ist schon mal erleichternd. Ich muss nur dahin kommen, in der Fragerunde auch wirklich zu reden \u2013 diesen inneren Schweinehund \u00fcberwinden und reden und nicht schon im vorneherein alles \u2013 damit meine ich vor allem meine eigene Kompetenz &#8211; in Frage zu stellen und abzuwehren.<\/p>\n<p>Meine beiden M\u00e4nner \u2013 mein Mann und mein Sohn \u2013 lagen wie immer noch lange im Bett und schliefen. Das ist schon komisch, diese Parallelwelten von Arbeit und Familie in einer kleinen Wohnung zu erleben. Statt mit den Kolleg*innen in die Mensa zu gehen, setze ich mich mit meiner Familie auf den Balkon und fr\u00fchst\u00fccke.<\/p>\n<p>Nachmittags sind wir mit einem Freund, den wir seit dem Anfang der Pandemie nicht mehr gesehen haben und der seine Mutter zu Hause pflegt, im Volkspark Wilmersdorf spazieren gegangen. Die Sonne lacht vom Himmel, wir reden, setzen uns auf die Wiese, essen ein Eis zusammen. Ich habe den Eindruck, als sei ich im Urlaub, alles ist gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9113\" style=\"width: 498px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9113\" class=\" wp-image-9113\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/45-fennsee-1.jpg\" alt=\"\" width=\"488\" height=\"651\" \/><p id=\"caption-attachment-9113\" class=\"wp-caption-text\">Der Fennsee, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p><strong>18.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Tag\u2026 Ich war die ganze Zeit nur mit b\u00fcrokratischem Zeugs besch\u00e4ftigt\u2026 Nun steht endlich die zweite Version des Antrags auf Verl\u00e4ngerung unserer Ateliermiete beim Berufsverband f\u00fcr Bildende K\u00fcnstler und ich wei\u00df, dass ich w\u00e4hrend der drei Monate Werkvertrag an der HU bei meinem Mann familienversichert bleiben kann. Aber ich bin schlecht gelaunt, dass das alles nicht schneller zu regeln geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>19.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe selten so viel gelacht wie heute. Wir sind zu f\u00fcnft im Auto \u2013 Jamiro, Ariu und ich zusammen mit meinen Eltern \u2013 zum Ferienh\u00e4uschen meiner Eltern in die Uckermark gefahren; Aerosole hin und Aerosole her\u2026 Also, ich w\u00fcrde sagen, dass es unm\u00f6glich ist, Menschen auf Abstand zu treffen. Ich dachte ja, dass das ginge und Zukunftsmusik sein k\u00f6nnte, um MIT der Pandemie zu leben, aber ich finde, dass das ein Trugschluss ist. Auch so im \u00f6ffentlichen Raum ist es kaum umsetzbar \u2013 in Restaurants, Museen, in der Familie \u2013 aber das von Kindern und Jugendlichen in den Schulen zu erwarten ist eigentlich absurd.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Also, ich w\u00fcrde sagen, dass es unm\u00f6glich ist, Menschen auf Abstand zu treffen. Ich dachte ja, dass das ginge und Zukunftsmusik sein k\u00f6nnte, um MIT der Pandemie zu leben, aber ich finde, dass das ein Trugschluss ist.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alleine die Autofahrt macht es doch unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Und dann kamen wir in Pol\u00dfen an und es regnete. Ich bin mit dem Regenschirm rausgegangen und habe mir die bl\u00fchenden Rosenstr\u00e4ucher angesehen, auch die angebauten Kartoffeln, Zucchini, Erdbeeren, gr\u00fcne Bohnen, Pimpinelle, Petersilie, Zitronenmelisse. Alles ist \u00fcberbordend, die Rosen lassen ihre Triebe bis in den Himmel wachsen. Der Garten meiner Eltern war schon immer paradiesisch und ein Tummelplatz f\u00fcr Insekten und freien, kreativen Wuchs f\u00fcr alle Pflanzen. Jetzt aber sehe ich, dass es f\u00fcr meinen \u00e4lter werdenden Vater zu viel Arbeit wird.<\/p>\n<p>Ariu und ich mussten die ganze Zeit lachen. Wir sa\u00dfen alle zusammen, haben gegessen, sa\u00dfen um den Tisch und spielten den ganzen Abend Canasta zusammen, ich habe mit meinem Vater in einem Team gespielt und haushoch verloren. Meine Mutter erz\u00e4hlt \u00fcber ihre Lebenserfahrungen und all ihrer und unserer Vorfahr:innen so, als gesch\u00e4he alles gerade jetzt und w\u00e4re gar nicht vergangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>20.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Die ganze Zeit schien die Sonne und der Wetterbericht sagt, dass sie ab Montag auch wieder scheinen wird \u2013 und kaum sind wir einmal nach Monaten wieder drau\u00dfen und in der Uckermark, da regnet es in Strippen! Unglaublich.<\/p>\n<p>Und ich sitze hier die meiste Zeit auf dem Sofa, auf der einen Seite Ariu und auf der anderen Jamiro, die sich halb auf mich legen. Meine Eltern sind auch total auf mich fixiert. Gerade laufen alle auch mal woanders hin, aber sonst bin ich st\u00e4ndig im Zentrum des Interesses. Das sollte ich genie\u00dfen, tue es auch, aber ich verstehe es nicht, warum sie sich nicht mal untereinander ausgiebig unterhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>21.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Es ist echt ungerecht \u2013 kaum kamen wir in Pol\u00dfen an, regnete es durchg\u00e4ngig bis zu unserer Abfahrt und kaum kamen wir in Berlin an, schien die Sonne. Wir gingen noch griechisch essen und sa\u00dfen drau\u00dfen. Ich selbst vergesse meine Maske, setze sie nur kurz auf, als wir aus dem Auto steigen und zum Restaurant laufen. Ich esse eine gemischte Vorspeiseplatte mit Aubergine, Zucchini, Tzaziki, trinke Retsina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>22.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Lucas ist mit seinem Fahrrad vorbeigekommen und hat Ariu f\u00fcr einen Tagesausflug abgeholt \u2013 die beiden sind dann mit der BVG durch die ganze Stadt gefahren, waren in der Friedrichstra\u00dfe und auf der Museumsinsel. Da bin ich selbst seit Monaten nicht mehr gewesen, obwohl ich vor der Pandemie fast t\u00e4glich dort herumspaziert bin, vom Institut in die Bibliothek \u2013 das Grimm-Zentrum \u2013 und zur Mensa, weil ich dort ja an der HU gearbeitet habe. Ariu hat erz\u00e4hlt, dass er zwei Mal darauf angesprochen wurde, dass er seine um den Hals h\u00e4ngende Maske tragen solle, total kurios! Hier in Wilmersdorf sind wir die Exoten schlechthin, wenn wir mit unseren Masken herumlaufen und in Mitte scheint die Welt ganz anders auszusehen. Eigentlich eine gute Idee, mal wieder in diese Richtung zu fahren, da es nun ja eigentlich keine Tourist*innen mehr geben sollte \u2013 oder kommen sie gerade wieder? Ariu hat sich wohl beides Male entschuldigt und bedankt, dass die anderen ihm gegen\u00fcber so aufmerksam waren. Er war wohl so euphorisch, dass er mal wieder unterwegs war, dass er es vergessen hat, sie aufzusetzen.<\/p>\n<p>Lauter Freundinnen fragen mich, wann wir uns wieder treffen und ich bin geneigt, sie alle zu sehen \u2013 dabei sind noch nicht einmal die R\u00e4der meines Fahrrades aufgepumpt, aber das kann ich ja wirklich einmal morgen erledigen.<\/p>\n<p>Jamiro hat heute Morgen zwei Stunden lang erfolglos bei seinem Gastroenterologen angerufen und ist dann am Nachmittag bei unserer Hausarztpraxis vorbeigegangen, wo er auch behandelt wurde. Ich bin mit ihm hingelaufen und sa\u00df derweilen auf einer Parkbank auf dem R\u00fcdesheimer Platz. Er hat eine akute Gastritis, wahrscheinlich ausgel\u00f6st durch das Voltaren, was er wegen seines verrenkten Nackens f\u00fcr eine Woche eingenommen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>23.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>In den USA \u00fcberschlagen sich die Infektionszahlen mit Corona, in Brasilien werden sie gerade nicht einmal mehr offiziell genannt (jedenfalls nicht in den deutschen Medien, aber mein Mann h\u00f6rt den ganzen Tag brasilianische freie Nachrichten und erz\u00e4hlt sie mir) und in Deutschland gibt es vereinzelte Ausbr\u00fcche, in Nordrhein-Westfalen und auch in Berlin.<\/p>\n<p>Mein Fahrrad ist endlich wieder fit und ich habe den Eindruck, als schie\u00dfe wieder alle Energie in meinen K\u00f6rper, wenn ich auf dem Fahrrad sitze. H\u00f6chste Zeit, wieder in Gang zu kommen! Nicht, dass mein einziger gr\u00f6\u00dferer Gang in die Natur der war, in der Uckermark im Regen zu sitzen\u2026 Wie wir uns doch schon mit unseren Wohlstandssorgen besch\u00e4ftigen und kaum mehr empathisch sind\u2026 Aber vielleicht stimmt das nicht, vielleicht ist es einfach ein nat\u00fcrlicher Umgang mit der Welt. Die Anpassungsleistung oder Anpassungsf\u00e4higkeit, die mir von Psycholog*innen sonst so oft abgeschrieben wurde, um Formulare richtig auszuf\u00fcllen. Mir haben die Therapien gutgetan, fand aber eben diese Beschreibungen immer sehr merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Als Jamiro versuchte, eines der Schl\u00e4uche meines Fahrrads beim Fahrradladen aufzupumpen, schafft er es nicht mehr hochzukommen, weil er einen Hexenschuss hat. Der Arme, sein K\u00f6rper bettelt wirklich darum, dass er sich ausruhen m\u00f6ge. Er hat sich dann aber doch noch bewegen k\u00f6nnen, wenn auch mit Schmerzen, und wir sind zum Atelier gegangen und er hat dort etwas Gymnastik gemacht bzw. sich auf dem R\u00fccken liegend hin- und hergewiegt. Ich habe Schmerzmittel in der nahen liegenden Apotheke gekauft. Jetzt liegt er im Bett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>24.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Gestern war die eigentliche Zeugnisvergabe f\u00fcr die Sch\u00fcler*innen, ausgerechnet in der Aula\u2026 komisch, sonst ist doch alles so wunderbar gelaufen und nun m\u00fcssen sie als Abschluss vor den Sommerferien unbedingt noch einmal Aerosole in einem geschlossenen Raum mit vielen Menschen auf einmal austauschen? Vielleicht haben sie es ja anders gemacht, wir waren ja nicht da\u2026 aber es h\u00e4tte schon auf dem Hof vergeben werden k\u00f6nnen, das w\u00e4re sicherer gewesen.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Ich habe gerade den Eindruck, dass es f\u00fcr mich wirklich schwieriger wird, doch wieder in diesem Sommer mehr raus zu gehen, weil eben alle so sorglos sind und sich auf den Stra\u00dfen tummeln. Und der Schwarmeffekt bringt es ja mit sich, dass auch ich etwas kopflos werde \u2013 obwohl, wenn ich es mir recht \u00fcberlege, eigentlich nicht. Nur meinen Eltern bin ich zu nahegekommen, als wir in der Uckermark gemeinsam gegessen und Canasta am Essenstisch drinnen gespielt haben, weil es drau\u00dfen ja gegossen hat. Eigentlich wollte ich nur mitfahren, weil ja Sommer ist und wir eh alle drau\u00dfen im Garten sind und auch drau\u00dfen auf der Terrasse essen \u2013 und dann kam alles anders. Jetzt scheint durchgehend wie zum Hohn die Sonne.<\/p>\n<p>Heute ist <em>S\u00e3o Jo\u00e3o<\/em> in Pernambuco, das Johanni-Fest. Das St. Michael in K\u00f6ln hat ein Ritual gefeiert und auf meinem Balkon steht jetzt eine wei\u00dfe Kerze, daneben ein gro\u00dfer Stein mit Wasser in seinem Inneren. F\u00fcr Xang\u00f4.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eHeute Mittwoch, den 24.06.2020 von 18:00 bis 21:00 findet eine Johannisritual statt.<\/p>\n<p>Wir werden mit dem Johannisfeuer das alte Ritual zum Johannistag begehen, um D\u00e4monen und Krankheiten auszutreiben.<\/p>\n<p>Teilnahme nur von zu Hause.<\/p>\n<p>Bitte verbindet Euch um 18 Uhr mit uns.<\/p>\n<p>Z\u00fcndet eine wei\u00dfe Kerze an.<\/p>\n<p>Betet und singt f\u00fcr Heilung und Kl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Lasst die Kerzen bitte abbrennen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich hatte den Eindruck, dass die Kerze dieses Mal drau\u00dfen bei den Pflanzen stehen sollte, auf meinem wildbewachsenen, kleinen Balkon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Da es unsichtbar ist und eine Normalit\u00e4t das angestrebte Gl\u00fcck der meisten ist, gibt es da kaum einen Ausweg f\u00fcr mich als entweder gute H\u00f6rger\u00e4te zu haben und zwischendurch einfach nicht zu funktionieren und abzuschalten oder mich als Taub zu definieren und alle damit zu erschrecken!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>25.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Ich merke gerade heute, wo ich wieder in der Welt war, dass ich mich selbst \u00fcber allen Ma\u00dfen \u00fcberfordere und anstrenge. Mein Zahnarzt sagte mir einmal, dass ich abgeriebene Z\u00e4hne h\u00e4tte wie Menschen mit Migrationshintergrund, die mehr unter Druck stehen w\u00fcrden als Einheimische. Er fand das sehr verwunderlich, ich aber nicht. Ich bin zwar Berlinerin und von daher nicht weit gekommen, aber ich bin Taub und lasse es tagein tagaus zu, dass ich mit Lauten und Worten beschallt werde, die mir einfach zu viel sind. Ist eigentlich ganz logisch. Da es unsichtbar ist und eine Normalit\u00e4t das angestrebte Gl\u00fcck der meisten ist, gibt es da kaum einen Ausweg f\u00fcr mich als entweder gute H\u00f6rger\u00e4te zu haben und zwischendurch einfach nicht zu funktionieren und abzuschalten oder mich als Taub zu definieren und alle damit zu erschrecken! Haha! Oder in Corona-Zeiten in der Quarant\u00e4ne zu verschwinden. Aber da kann ich dann eben auch wieder an alle Technik k\u00fcnstlich angeschlossen werden, offiziell funktionieren und habe den Stress dann eben zu Hause.<\/p>\n<p>Heute habe ich das erste Mal das Gef\u00fchl, dass ich mich ausgeruht habe \u2013 nach drei Monaten Quarant\u00e4ne \u2013 und fand es wunderbar, mit meinen alten Eltern Hans Baluscheks Gem\u00e4lde im Br\u00f6ham-Museum anzusehen. Wenige Besucher*innen, alle liebevoll mit Masken, und Platz zum Verweilen, Gucken, Bewundern; was f\u00fcr ein gro\u00dfartiger Maler! Meine Mutter erz\u00e4hlt, dass er sein Atelier in der Ceruskerstra\u00dfe in Sch\u00f6neberg hatte und meine Oma ihn kannte und bewunderte; schlie\u00dflich kam er aus der gleichen Arbeitergesinnung wie sie.<\/p>\n<p>Mein Fahrrad ist wieder flott und ich gehe ins Museum. Eigentlich ist alles total normal, oder? Putin l\u00e4sst seine Macht demonstrieren, Trump nat\u00fcrlich auch, aber er ist nicht ganz so nahe und nicht ann\u00e4hernd so versteckt wie Putin. Und die Geschichte von Baluschek zeigt doch, wie sich die politischen Begebenheiten langsam und unaufhaltsam entwickeln. Hungerswinter 1918, erster Weltkrieg, aber kein Wort von der spanischen Grippe, obwohl sie mehr Tote forderte als der Krieg.<\/p>\n<p>Ich bin mit meinen Eltern noch einen Eiskaffee im Kiez trinken gegangen, die Sonne knallte vom Himmel. [\u2026]<\/p>\n<p>Ich finde, dass ich gut geworden bin. Kein falscher Fuffziger, wie mein Opa sagen w\u00fcrde, sondern echt und gut. Als ich zu Hause ankam, habe ich mir ein Ticket f\u00fcrs Schwimmen im Lochowbad gebucht, weil Corona-Viren ja im Chlorwasser sterben. Dass mir das nicht vorher aufgefallen ist. Ich vermute, dass ich echt diese Ruhe gebraucht habe. Aber nun ist es so hei\u00df drau\u00dfen geworden und das Wasser ruft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Aber ich gebe mir keine Zeit, ich bin nicht gelassen. Ich m\u00f6chte immer zwei Schritte voraus sein, bevor ich etwas tue oder mir etwas geschieht, ich m\u00f6chte immer vorbereitet und gewappnet sein.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>26.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Vormittags habe ich Jamiro auf einen Spaziergang zum R\u00fcdesheimer Platz auf dem Weg zu seiner Arztpraxis begleitet und derweilen zwei neue Blumen f\u00fcr den Balkon gekauft. Der R\u00fcdi ist ein so unwirkliches Idyll; alles sieht aus wie in einem Puppenhaus oder in der Schweiz. Ich empfinde es immer wieder als absurd und frage mich, ob es echt sei \u2013 und finde es gleichzeitig wundersch\u00f6n. Jamiro hat ein W\u00e4rmepflaster gegen seinen Hexenschuss empfohlen bekommen und wir haben einen Kaffee mit Croissant im Biobackhaus genossen, das gleich vor dem Eingang zum Arzt am Platz liegt, sa\u00dfen drau\u00dfen in der Sonne. Hier haben sie alles so gemacht, wie ich es sonst nur in der Zeitung lese: mit unseren Namen und Adresse zur R\u00fcckverfolgung wegen eines m\u00f6glichen Corona-Ausbruchs. Ist schon interessant, dass ich es als so surreal empfinde, immerhin bin ich ganz in der N\u00e4he aufgewachsen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9115\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9115\" class=\"size-full wp-image-9115\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/46-litfasssaule-1.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><p id=\"caption-attachment-9115\" class=\"wp-caption-text\">Litfa\u00dfs\u00e4ule R\u00fcdesheimer Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Bei jedem Schritt und \u00fcberall denke ich daran, dass wir sterblich sind und alles ein Ende haben wird. Seit dem Ausbruch meiner Krankheit ist dies eine so grundlegende Lebenserfahrung f\u00fcr mich. Sicherlich ver\u00e4ndert das die Perspektive, dass ich nicht einfach irgendetwas so vor mich hintue und meinem Leben keine Wertsch\u00e4tzung entgegenbringe, sondern im Gegenteil, dass ich die Sch\u00f6nheit sehe. Aber ich gebe mir keine Zeit, ich bin nicht gelassen. Ich m\u00f6chte immer zwei Schritte voraus sein, bevor ich etwas tue oder mir etwas geschieht, ich m\u00f6chte immer vorbereitet und gewappnet sein.<\/p>\n<p>Der Nachmittag war schwierig f\u00fcr mich. Ich schreibe es dem Wetter zu, da die ganze Zeit ein Gewitter angerollt kam, sich aber nur ein wenig und nicht wirklich richtig entladen hat, so dass es hei\u00df und dr\u00fcckend blieb. Wir a\u00dfen gemeinsam auf unserem kleinen Balkon mit einer neuen Fuchsie und einer Nelke, die ich frisch zu der Blumenwiese und den Sonnenblumen hinzugepflanzt habe, die sonst dort stehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9117\" style=\"width: 524px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9117\" class=\" wp-image-9117\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/47-unser-balkon-1.jpg\" alt=\"\" width=\"514\" height=\"380\" \/><p id=\"caption-attachment-9117\" class=\"wp-caption-text\">Unser Balkon, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Das Essen gab mir Energie, um bei der Hitze nicht zu frieren, aber ich war wie niedergedr\u00fcckt und schwach, konnte mich zu nichts aufraffen und habe letztendlich nur ein paar Ordner aussortiert, viele alte Texte weggeworfen, weil hier zu Hause nicht genug Platz daf\u00fcr ist \u2013 und auch neuer Platz f\u00fcr neue Texte hermuss.<\/p>\n<p>Eine Ank\u00fcndigung f\u00fcr ein Buch, woran ich mitgeschrieben habe, plus des E-Books habe ich noch erhalten. Nach dem Interview mit Arjun Appadurai und Michael Lambeck ist meines des ersten Beitrags des Buches, was mich sehr \u00fcberrascht und freut. Der Text basiert auf einem Vortrag, der schon gef\u00fchlt Ewigkeiten her ist\u2026 vom Februar 2017.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Aber eigentlich geht es doch nicht darum, dass wir nun alle vereinsamen, wie der Diskurs es uns wahrhaben lassen m\u00f6chte, sondern eher um die Trennung vom \u00f6ffentlichen und privaten Raum. Zu Hause umarme ich doch mein Kind und k\u00fcsse meinen Mann \u2013 und das selbstverst\u00e4ndlich ohne Maske.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>27.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Das ist mit Abstand das Beste, was\u2026 Sogar in der deutschen Sprache gibt es positive Bezeichnungen f\u00fcr unsere aktuellen Abstandsempfehlungen! Haha! Nat\u00fcrlich kommt es daher, dass jemand andere hinter sich l\u00e4sst, weil sie oder er so viel schneller und besser als andere ist, aber vielleicht geht es bei diesem Abstandhalten \u2013 was ja psychologisierend als so beklemmend und problematisch erachtet wird \u2013 tats\u00e4chlich darum, einfach mal anderen auch ihren Raum zu lassen?<\/p>\n<p>Ich empfinde es hier so, dass es genau das ist, was die Leute im Alltag nicht schaffen und nicht wollen. An der Schlange bei Aldi zu stehen zeigt genau das \u2013 vor Corona habe ich anderen immer Raum gelassen und bin ihnen nicht mit meinem Wagen in die Hacken gefahren oder dr\u00e4ngelte mich an die heran \u2013 und dann kamen andere und dr\u00e4ngelten sich vor mit dem Eindruck, dass ich nur herumstehe. Auch jetzt passiert mir das wieder, obwohl lauter angeklebte Haltelinien auf dem Boden zu sehen sind, wo ich stehen darf ohne, dass ich von anderen \u00fcberrumpelt werden sollte. Dieses Mal habe ich erstaunlicherweise etwas gesagt \u2013 und dann hat sich die Frau auch tats\u00e4chlich daf\u00fcr entschuldigt, dass sie sich vordr\u00e4ngeln wollte. Das hat echt Seltenheitscharakter.<\/p>\n<p>Aber eigentlich geht es doch nicht darum, dass wir nun alle vereinsamen, wie der Diskurs es uns wahrhaben lassen m\u00f6chte, sondern eher um die Trennung vom \u00f6ffentlichen und privaten Raum. Zu Hause umarme ich doch mein Kind und k\u00fcsse meinen Mann \u2013 und das selbstverst\u00e4ndlich ohne Maske.<\/p>\n<p>Jamiro guckt sich gerade eine brasilianische Novela an, die er aber nur auf Spanisch gefunden hat. Ich gucke auch immer mal wieder mit, da sich vieles eh wiederholt und ich auch noch anderes tue und mal ganz froh bin, auch alleine in einem Zimmer sein zu k\u00f6nnen. Anfangs habe ich, da ich ja kein Spanisch (sondern Portugiesisch) kann, so gut wie gar nichts verstanden, aber das wird die Tage immer besser \u2013 gestern Abend habe ich fast alles verstanden, nat\u00fcrlich auch kombiniert mit meiner schwerH\u00f6rigen Form, Gespr\u00e4che zu verstehen \u2013 die Menschen und ihre Charaktere einzusch\u00e4tzen sowie den Kontext mit dem Gesagten zu kombinieren. Ja, ich wei\u00df, das machen alle Menschen, nicht nur SchwerH\u00f6rige\u2026 aber der Unterschied ist eben, dass h\u00f6rende Menschen auch so alles h\u00f6ren und ich nicht. Es ist f\u00fcr mich also eine Grundlage, in der Welt zu sein und mit anderen zu kommunizieren. Jedenfalls ist es sehr spannend wahrzunehmen, wie ich mich ins Spanische finde\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>28.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist hei\u00df und kalt, bin schlapp und schwach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>29.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Meine Mutter hat Geburtstag und wird heute 77 Jahre alt. Wir treffen uns als Familie \u2013 meine Mama, mein Papa, Jamiro, Ariu \u2013 mit Malte im Restaurant Landauer am R\u00fcdesheimer Platz. Vorher bin ich ganz nerv\u00f6s, weil das Wetter stark wechselt und es kurz sogar regnet, weil wir ja drau\u00dfen ohne Aerosole in der Luft, sondern mit einem Windchen um die Nasen, essen gehen wollen. Gl\u00fccklicherweise ist es sch\u00f6nes Wetter, als wir ankommen, und wir sitzen drau\u00dfen. Als wir zur Toilette gehen, sehen wir, dass drinnen kein einziger Mensch sitzt, aber drau\u00dfen f\u00fcllt es sich nach und nach immer mehr.<\/p>\n<div id=\"attachment_9119\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9119\" class=\" wp-image-9119\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/48-landauer-1.jpg\" alt=\"\" width=\"479\" height=\"359\" \/><p id=\"caption-attachment-9119\" class=\"wp-caption-text\">Restaurant Landauer R\u00fcdesheimer Platz, Foto: ISdS.<\/p><\/div>\n<p>Wir essen \u00fcppig und gut, sto\u00dfen auf sie an, feiern sie. Und sie sagt mir, die so sorglos durch die Gegend l\u00e4uft, dass die zweite Welle kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>30.6.2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute sollte das dritte Gutachten f\u00fcr meine Doktorarbeit fertig eingereicht sein und morgen f\u00e4ngt mein dreimonatiger Werkvertrag am Institut f\u00fcr Europ\u00e4ische Ethnologie an. Ich habe schon mit Jamiro besprochen, dass ich wieder ruhige Tage brauche, wo ich alleine zu Hause im Home-Office (mit Ariu) arbeiten kann. Das geht ja eigentlich ganz gem\u00fctlich, da er ins naheliegende Atelier gehen kann.<\/p>\n<p>Ich bin am \u00dcberlegen, wie ich wieder Freund*innen treffen kann \u2013 eine sagt mir ab, da sie unfassbar viel arbeitet und es ihr gerade zu viel wird, mit einer anderen m\u00f6chte ich am Wochenende eine Fahrradtour machen und n\u00e4chste Woche m\u00f6chte ich mal zum Tempelhofer Feld radeln; mal sehen, wie da gerade meine Fitness mitmacht\u2026 Eine Studie des Verlags De Gruyter, an der ich teilgenommen habe, best\u00e4tigt, dass die meisten viel mehr arbeiten als vorher (vgl. Watchorn \/ Heckendorf 17.6.2020). Komisch, dass es mir dabei anders geht als den meisten. Ich verliere zwar v\u00f6llig das Ma\u00df daf\u00fcr, wieviel ich tats\u00e4chlich arbeite und denke, dass es zu wenig ist, wenngleich auch das Gegenteil stimmen kann, aber ich finde die Abwesenheit vom Einkaufen und den ganzen Stress des sozialen Lebens schon als gro\u00dfe Erleichterung. Das hindert mich nat\u00fcrlich auch daran, Nebens\u00e4chliches zu kaufen oder mal mit einer Freundin essen zu gehen oder mir die Haare schneiden zu lassen. Wenn Jamiro alleinig einkaufen geht, ist alles viel g\u00fcnstiger\u2026 das tr\u00e4gt ja auch zur Nachhaltigkeit bei. Also, M\u00e4nner auf zum Einkaufen!<\/p>\n<p>Bislang haben wir \u00fcberlebt, aber die Welt da drau\u00dfen dreht durch \u2013 feiert Partys in den \u00f6ffentlichen Parks (nichts dagegen, aber in Pandemie-Zeiten?) oder radikalisiert sich, der Permafrost in Russland schmilzt, die W\u00e4lder brennen. Mir kommt das allt\u00e4gliche Leben zu sch\u00f6n, geradezu kitschig und romantisiert vor im Angesicht des Grauens.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Terreiro<\/em> (brasil. port.: \u201eGrundst\u00fcck\u201c): Bezeichnung f\u00fcr ein Haus bzw. eine Gemeinschaft afrobrasilianischer Religionen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Povo de Santo<\/em> (bras. port.: \u201cVolk im Heiligen\u201d): Die Adept*innen in afrobrasilianischen Religionen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <em>Aruanda<\/em>: In der Umbanda wird die immaterielle Welt als Aruanda bezeichnet, wo sich die spirituellen Entit\u00e4ten aufhalten, die verehrt und in religi\u00f6sen Ritualen in personalen Medien durch Trance verk\u00f6rpert werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Alle Namen in diesem Text sind pseudonymisiert worden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <em>M\u00e3e \u2013de-Santo<\/em> (brasil. Portugies.): Mutter-im-Heiligen, eine spirituelle Leiterin.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ein <em>Marinheiro<\/em> ist eine spirituelle Entit\u00e4t eines Matrosen in der Umbanda Religion.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Eine <em>Gira <\/em>ist eine umbandistische Zeremonie und bedeutet \u201esich drehen\u201c und tanzen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Iemanj\u00e1 ist die Orix\u00e1, die G\u00f6ttin des Meeres, in den afrobrasilianischen Religionen Umbanda und Candombl\u00e9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Eine <em>Camarinha<\/em>, was direkt aus dem Brasilianischen Portugiesisch \u00fcbersetzt \u201eBettchen\u201c bedeutet, sind interne Rituale in den afrobrasilianischen Religionen, die in einem f\u00fcr eine bestimmte Zeit abgetrennten R\u00e4umlichkeiten in Stille begangen werden. Die einen spirituellen Prozess durchlaufenden Personen, meist Eingeweihte in die Religionen, werden dabei von anderen bedient; ihnen wird zu essen und zu trinken gebracht usw.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Bogenhanf wird in Brasilien und auch hierzulande im Candombl\u00e9 und der Umbanda als \u201eEspada de Ogum\u201c, als Schwert des Kriegsgott Ogum, bezeichnet. Da dieser Orix\u00e1 k\u00e4mpferisch daherkommt, tr\u00e4gt er bei sich ein Schwert, das die gleiche Form hat wie diese Pflanze.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Xang\u00f4 ist der Gott der Yor\u00f9b\u00e1 des Feuers und des Donners, steht ein f\u00fcr Gerechtigkeit; seine Farbe ist das Rot (und das Wei\u00df in Referenz an seinen Vater Oxal\u00e1). Er wird in den afroamerikanischen Religionen verehrt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Kubes, Tanja (2014): \u201eLiving Fieldwork \u2013 Feeling hostess. Leibliche Erfahrungen als Erkenntnisinstrument.\u201d In: Arantes, Lydia Maria \/ Rieger, Elisa (Hg.): Ethnographien der Sinne. Wahrnehmung und Methode in empirisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen. Bielefeld: 111-126.<\/p>\n<p>Dies. (2016): \u201eDie Methode der Living Fieldwork \u2013 Autoethnographische multisensorische Erfahrung als Basis des Verstehens\u201c. In: Ronald Hitzler \/ Simone Kreher \/ Angelika Poferl \/ Norbert Schr\u00f6er (Hg.): Old School &#8211; New School? Zur Optimierung ethnographischer Datengenerierung. Essen: 285-296.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bibliographie<\/strong><\/p>\n<p>AHMED, Sara (23.3.2020): \u201e<em>Complaint and survival<\/em>\u201c [online], <a href=\"https:\/\/feministkilljoys.com\/?blogsub=confirming#subscribe-blog\">https:\/\/feministkilljoys.com\/?blogsub=confirming#subscribe-blog<\/a>, Abruf am 3.4.2020.<\/p>\n<p>AMADEU ANTONIO STIFTUNG (22.5.2020): <em>\u201eVon Alu-Bommel bis Judenstern. Bestandsaufnahme der Verschw\u00f6rungsmythen rund um Covid-19\u201c.<\/em> [online], <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/535206470480710\/\">https:\/\/www.facebook.com\/events\/535206470480710\/<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BTui-WnqxWU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BTui-WnqxWU<\/a>, Abruf am 22.5.2020.<\/p>\n<p>Arbeitsgruppe Medical Anthropology in der DGSKA e.V. (2020): <em>\u201e#Witnessing Corona<\/em>\u201c [online], <a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/\">Medizinethnologie<\/a>. K\u00f6rper, Gesundheit und Heilung in einer globalisierten Welt, <a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/\">https:\/\/www.medizinethnologie.net\/<\/a>, Abruf am 10.5.2020.<\/p>\n<p>BHAKDI, Sucharit (29.4.2020): \u201e<em>Talk Spezial mit Prof. Dr. Sucharit Bhakdi: Corona-Wahn ohne Ende?\u201c<\/em> [online]. Servus TV, Interview von Ferdinand Wegscheider mit Sucharit Bhakdi, <a href=\"https:\/\/www.servustv.com\/videos\/aa-23ud73pbh1w12\/\">https:\/\/www.servustv.com\/videos\/aa-23ud73pbh1w12\/<\/a>, Abruf am 1.5.2020.<\/p>\n<p>BOHMEYER, Michael (17.3.2020): \u201e<em>In der Coronakrise liegt auch eine unglaubliche Chance. Jetzt ist die Chance, das Grundeinkommen zu testen.<\/em>\u201c <a href=\"https:\/\/www.mein-grundeinkommen.de\/magazin\/corona-grundeinkommen\">https:\/\/www.mein-grundeinkommen.de\/magazin\/corona-grundeinkommen<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>BRANDT, Stefan (8.4.2020): \u201e<em>F\u00fcr die Zeit nach Corona brauchen wir eine neue &#8222;Trial-and-Error-Kultur<\/em>&#8222;. [online]. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/das-ende-der-risikovermeidung-fuer-die-zeit-nach-corona-brauchen-wir-eine-neue-trial-and-error-kultur\/25727544.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/das-ende-der-risikovermeidung-fuer-die-zeit-nach-corona-brauchen-wir-eine-neue-trial-and-error-kultur\/25727544.html<\/a>, Abruf am 21.4.2020.<\/p>\n<p>CORONA ZUSCHUSS der Investitionsbank Berlin (2020): Soforthilfe II \u2013 Zuschussprogramm f\u00fcr Kleinstunternehmen, Soloselbst\u00e4ndige und Freiberufler, <a href=\"https:\/\/www.ibb.de\/de\/foerderprogramme\/corona-zuschuss.html\">https:\/\/www.ibb.de\/de\/foerderprogramme\/corona-zuschuss.html<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>DAHLKE, R\u00fcdiger (4.4.2020): <em>\u201eCoronavirus \u2013 Was nun? \u2013 Dr. Ruediger Dahlke im Expertengespr\u00e4ch\u201c<\/em>. [online], <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1YLO8sTNZxc\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1YLO8sTNZxc<\/a>, Abruf am 15.4.2020<\/p>\n<p>DANOWSKI, Deborah \/ VIVEIROS DE CASTRO, Eduardo (2019): <em>In welcher Welt leben? Ein Versuch \u00fcber die Angst vor dem Ende. <\/em>Berlin: Matthes &amp; Seitz (Original: H\u00e1 mundo por vir? Ensaio sobre os medos e os fins).<\/p>\n<p>EINSTEIN, Charles (3.2020): <em>\u201eThe Coronation<\/em>\u201c [online], <a href=\"https:\/\/charleseisenstein.org\/essays\/the-coronation\/\">https:\/\/charleseisenstein.org\/essays\/the-coronation\/<\/a>, Abruf am 24.5.2020.<\/p>\n<p>ENCKE, Julia (26.4.2020): \u201eKrise der gro\u00dfen Theorie. Warum wir gerade lieber Drosten als Sloterdijk h\u00f6ren\u201c [online], <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/corona-theorien-warum-wir-lieber-drosten-als-sloterdijk-hoeren-16741391.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/corona-theorien-warum-wir-lieber-drosten-als-sloterdijk-hoeren-16741391.html<\/a>, Abruf am 2.5.2020.<\/p>\n<p>FAKTENCHECK (24.3.2020): \u201eArzt verharmlost Coronavirus (Faktencheck)\u201c [online], <a href=\"https:\/\/www.mimikama.at\/allgemein\/arzt-verharmlost-coronavirus-faktencheck\/\">https:\/\/www.mimikama.at\/allgemein\/arzt-verharmlost-coronavirus-faktencheck\/<\/a>, Abruf am 2.5.2020.<\/p>\n<p>FEITOSA-SANTANA, Claudia (13.3.2020): <em>\u201eCoronavirus. Como enfrentar a pandemia?\u201c.<\/em> [online], <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bEIvwCCMsEY\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bEIvwCCMsEY<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>FISCHER, Sabina (20.4.2020): <em>\u201eAbschied lernen\u201c<\/em> [online]. Nature &amp; Healing: 40 Tage Tagebuch, <a href=\"https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/abschied-lernen\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=2b5f9bb6f2cb93ea149c41e00efbc953\">https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/abschied-lernen\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=2b5f9bb6f2cb93ea149c41e00efbc953<\/a>, Abruf am 22.4.2020.<\/p>\n<p>FREIE UNIVERSIT\u00c4T BERLIN (2020): \u201e<em>Corona-Pandemie. Fragen an die Wissenschaft<\/em>\u201c [online], <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/presse\/informationen\/fup\/2020\/fup_20_059-corona-serie-und-expertenliste\/index.html\">https:\/\/www.fu-berlin.de\/presse\/informationen\/fup\/2020\/fup_20_059-corona-serie-und-expertenliste\/index.html<\/a>, Abruf am 10.5.2020.<\/p>\n<p>GASCHKE, Susanne (11.4.2020): \u201e<em>Die Politik ist nun endg\u00fcltig durchp\u00e4dagogisiert. Gerade die Deutschen gefallen sich in 15-prozentigem Corona-Gehorsam<\/em>\u201c. [online]. Z\u00fcrich: Neue Z\u00fcrcher Zeitung. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/coronavirus-in-deutschland-die-politik-ist-nun-offenbar-endgueltig-durchpaedagogisiert-ld.1551134\">https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/coronavirus-in-deutschland-die-politik-ist-nun-offenbar-endgueltig-durchpaedagogisiert-ld.1551134<\/a>, Abruf am 14.4.2020.<\/p>\n<p>GERHOLD, Lars \/ PEPERHOVE, Roman (1.4.2020): \u201e<em>Jeder ist potenziell betroffen \u2013 aber jeder kann auch etwas tun\u201c <\/em>[online]. Freie Universit\u00e4t Berlin: Corona-Pandemie. Fragen an die Wissenschaft, <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200331-corona-interview-gerhold\/index.html\">https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200331-corona-interview-gerhold\/index.html<\/a>, Abruf am 10.5.2020.<\/p>\n<p>GR\u00dcNSCHLOSS, Andreas (18.5.2020): \u201e<em>Zum religi\u00f6sen und esoterischen Umgang mit der Corona-Pandemie\u201c <\/em>[online]. Universit\u00e4t G\u00f6ttingen: Theologische Fakult\u00e4t, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ICiC1bdSRgI\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ICiC1bdSRgI<\/a>, Abruf am 28.5.2020.<\/p>\n<p>HEINE, Hannes (31.3.2020): \u201e<em>Covid-19-Klinik im Hotel Estrel? <\/em><em>Berlin plant weitere Corona-Behandlungszentren. <\/em><em>Eine Messehalle reicht nicht: In Berlin werden wohl mehrere Corona-Kliniken errichtet. Senat und Vivantes erw\u00e4gen, auch das Hotel Estrel in Neuk\u00f6lln umzur\u00fcsten<\/em>\u201c. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/covid-19-klinik-im-hotel-estrel-berlin-plant-weitere-corona-behandlungszentren\/25700498.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/covid-19-klinik-im-hotel-estrel-berlin-plant-weitere-corona-behandlungszentren\/25700498.html<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>HELLMANN, Lisa (23.4.2020): \u201e\u00dcber die politische Dimension der Quarant\u00e4ne \u2013 ein Blick zur\u00fcck\u201c [online], Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t Bonn, Reihe \u201eLebenszeichen\u201c, <a href=\"https:\/\/www.uni-bonn.de\/neues\/ueber-die-politische-dimension-der-quarantaene-2013-ein-blick-zurueck\">https:\/\/www.uni-bonn.de\/neues\/ueber-die-politische-dimension-der-quarantaene-2013-ein-blick-zurueck<\/a>, Abruf am 3.5.2020. Sie ist Research Group Leader im Exzellenzcluster \u203aBeyond Slavery and Freedom\u2039 in der Forschergruppe \u203aCoerced Circulation of Knowledge\u2039, das seinen Fokus in der Abh\u00e4ngigkeits- und Sklavereiforschung findet.<\/p>\n<p><em>KARAKASOGLU<\/em><em>, <\/em><em>Yasemin<\/em><em> \/ <\/em><em>YASEMIN<\/em><em> ,<\/em> Paul (14.4.2020): \u201e<em>Stellungnahme: Sars-CoV-2 und die (un)gleiche Vulnerabilit\u00e4t von Menschen<\/em>\u201c. [online], <a href=\"https:\/\/rat-fuer-migration.de\/2020\/04\/14\/sars-cov-2-und-die-ungleiche-vulnerabilitaet-von-menschen\/\">https:\/\/rat-fuer-migration.de\/2020\/04\/14\/sars-cov-2-und-die-ungleiche-vulnerabilitaet-von-menschen\/<\/a>, Abruf am 15.4.2020.<\/p>\n<p>KLEINE, Christoph (9.5.2020): <em>\u201eReligion als Superverbreiter und Epidemiologischer Risiko-Faktor?\u201c<\/em> [online]. Universit\u00e4t Leipzig: ReCentGlobe-Blog #13, <a href=\"https:\/\/www.recentglobe.uni-leipzig.de\/zentrum\/detailansicht\/artikel\/13-religion-als-superverbreiter-und-epidemiologischer-risiko-faktor-2020-05-09\/\">https:\/\/www.recentglobe.uni-leipzig.de\/zentrum\/detailansicht\/artikel\/13-religion-als-superverbreiter-und-epidemiologischer-risiko-faktor-2020-05-09\/<\/a>, Abruf am 19.5.2020.<\/p>\n<p>KLENK, Florian (22.4.2020): \u201e<em>FALTER.maily #197 &#8211; Corona L\u00fcgenpresse?\u201c<\/em> [online], <a href=\"https:\/\/www.falter.at\/maily\/302\/197-corona-lugenpresse?fbclid=IwAR02Va7pytzdQ0NGsW6lkqIGY4S4ihZ6NqmLrljMZCXxoIIN26llR4wb1i4\">https:\/\/www.falter.at\/maily\/302\/197-corona-lugenpresse?fbclid=IwAR02Va7pytzdQ0NGsW6lkqIGY4S4ihZ6NqmLrljMZCXxoIIN26llR4wb1i4<\/a>, Abruf am 2.5.2020)<\/p>\n<p>KLUGE, Christoph (1.5.2020): \u201e<em>Verschw\u00f6rungstheorien zum Coronavirus \u2013 und ein Streit um Bill Gates\u201c <\/em>[online]. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/hygienedemo-am-1-mai-verschwoerungstheorien-zum-coronavirus-und-ein-streit-um-bill-gates\/25793934.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/hygienedemo-am-1-mai-verschwoerungstheorien-zum-coronavirus-und-ein-streit-um-bill-gates\/25793934.html<\/a>, Abruf am 5.5.2020.<\/p>\n<p>LUSSEM, Felix (20.4.2020): \u201e<a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/monstroes-oder-gespenstisch\/\">Monstr\u00f6s oder gespenstisch? Fragen von Schuld, Verantwortung und Solidarit\u00e4t in Zeiten der Corona-Pandemie (#WitnessingCorona)<\/a>\u201c [online], Blog der DGSKA <a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/\">Medizinethnologie<\/a>. K\u00f6rper, Gesundheit und Heilung in einer globalisierten Welt, <a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/monstroes-oder-gespenstisch\/\">https:\/\/www.medizinethnologie.net\/monstroes-oder-gespenstisch\/<\/a>, Abruf am 22.4.2020.<\/p>\n<p>MARTINI, Anja \/ HENNIG, Korinna (Moderation): (2020): \u201e<em>Das Coronavirus_Update mit Christian Drosten<\/em>\u201c [online]. Hamburg: Norddeutscher Rundfunk NDR, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4684.html\">https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4684.html<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>MASKOS, Rebecca (14.5.2020): <em>\u201eH\u00f6rt auf, mich anzuatmen!\u201c<\/em> [online], Jungle World. <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/20\/hoert-auf-mich-anzuatmen\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/20\/hoert-auf-mich-anzuatmen<\/a>, Abruf am 16.5.2020.<\/p>\n<p>MEYER, Birgit (21.4.2020): <em>\u201cDossier Corona<\/em>\u201c [online]. Utrecht University: <a href=\"..\/..\/..\/..\/..\/..\/..\/AppData\/Local\/Temp\/Religious%20Matters%20in%20an%20Entangled%20World\">Religious Matters in an Entangled World<\/a>, <a href=\"https:\/\/religiousmatters.nl\/dossier-corona\/\">https:\/\/religiousmatters.nl\/dossier-corona\/<\/a>, Abruf am 18.5.2020.<\/p>\n<p>MINKMAR, Nils (19.5.2020): \u201e<em>Ein Starphilosoph unter Wutb\u00fcrger-Verdacht, Der Fall Agamben<\/em>\u201c [online]. Hamburg: Der Spiegel, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/giorgio-agamben-ein-star-philosoph-unter-wutbuerger-verdacht-a-896dea50-37bb-45e5-a873-156f7fd6b2d6\">https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/giorgio-agamben-ein-star-philosoph-unter-wutbuerger-verdacht-a-896dea50-37bb-45e5-a873-156f7fd6b2d6<\/a>, Abruf am 21.5.2020.<\/p>\n<p>M\u00dcLLER-MEININGEN, Stefano (9.4.2020): \u201e<em>Wenn wir so weitermachen, stirbt unsere Spezies aus\u201c <\/em>[online], Augsburger Allgemeine, <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/Journal\/Wenn-wir-so-weitermachen-stirbt-unsere-Spezies-aus-id57208341.html?fbclid=IwAR3tpbB6QN5mUBWEGgWxJBaoobjoHbvDGg9cybzmJL-sXkXVP4izVOcWtk8\">https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/Journal\/Wenn-wir-so-weitermachen-stirbt-unsere-Spezies-aus-id57208341.html?fbclid=IwAR3tpbB6QN5mUBWEGgWxJBaoobjoHbvDGg9cybzmJL-sXkXVP4izVOcWtk8<\/a>, Abruf am 2.5.2020.<\/p>\n<p>NOLTE, Paul (27.3.2020): \u201e<em>Wir werden jahrzehntelang an diesem Trauma zu knacken haben<\/em>\u201c [online]. Berlin: Freie Universit\u00e4t, Corona-Pandemie. Fragen an die Wissenschaft<em>, Interview von Dennis Y\u00fccel mit Paul Nolte, <\/em><a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200328-corona-interview-nolte\/index.html\">https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200328-corona-interview-nolte\/index.html<\/a>, Abruf am 10.5.2020.<\/p>\n<p>PLASBERG, Frank (20.4.2020): \u201e<em>Freiheit nur in kleinen Schritten. Wie sch\u00e4dlich wird die Dauer-Quarant\u00e4ne?\u201c<\/em> [online]. ARD: Hart aber fair.)<\/p>\n<p>RAUNITSCHKA, Kathrin Djamila (11.4.2020): \u201e<em>Fehlermeldung!?\u201c<\/em> [online]. Stein AR: Nature &amp; Healing, 40 Tage Tagebuch, <a href=\"https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/fehlermeldung\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=6d48f2379e614e3408a5a6c6e8a82686\">https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/fehlermeldung\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=6d48f2379e614e3408a5a6c6e8a82686<\/a>, Abruf am 14.4.2020.<\/p>\n<p>RENGGLI, Franz (1992): <em>Selbstzerst\u00f6rung aus Verlassenheit. Die Pest als Ausbruch einer Massenpsychose. Zur Geschichte der fr\u00fchen Mutter-Kind-Beziehung.<\/em> Hamburg: Rasch und R\u00f6hring.<\/p>\n<p>REZO (22.4.2020): \u201e<em>Wie Politiker momentan auf Sch\u00fcler schei\u00dfen<\/em>\u2026\u201c [online], <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZiYLQXS-ufs\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZiYLQXS-ufs<\/a>, Abruf am 23.4.2020.<\/p>\n<p>RINGELSTEIN, Ronja (3.5.2020): \u201e<em>Debatte um Immunit\u00e4tsausweis. <\/em><em>Kontaktbeschr\u00e4nkungen auch f\u00fcr Genesene?\u201c<\/em> [online]. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/debatte-um-immunitaetsausweis-kontaktbeschraenkungen-auch-fuer-genesene\/25797252.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/debatte-um-immunitaetsausweis-kontaktbeschraenkungen-auch-fuer-genesene\/25797252.html<\/a>, Abruf am 4.5.2020.<\/p>\n<p>RUMIZ, Paolo (20.3.2020): \u201e<em>Wir mutieren. Der Schriftsteller Paolo Rumiz hat sich vor dem Virus zur\u00fcckgezogen. In seine Heimat Triest. Dort sp\u00fcrt man Europas Zukunft immer zuerst<\/em>\u201c. Berlin: Freitag, Ausgabe 12\/2020, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/wir-mutieren\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/wir-mutieren<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>SAAL, Oliver (7.5.2020): \u201e<em>Fake News im Familienchat \u2013 Was kann ich tun?\u201c<\/em> [online]. Berlin: Amadeu Antonio Stiftung, <a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/fake-news-im-familienchat-was-kann-ich-tun-56301\/\">https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/fake-news-im-familienchat-was-kann-ich-tun-56301\/<\/a>, Abruf am 23.5.2020.<\/p>\n<p>SAMUEL, Ramona \/ K\u00c4UFER, Tobias (19.5.2020): <em>\u201eBrasilien trifft die Wucht des Virus<\/em>\u201c [online]. Berlin: Berliner Zeitung, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/corona-brasilien-die-hoelle-der-pandemie-li.83864?fbclid=IwAR35NuYQSmU4BDcC8hCjKfrmQF6o11nxp3Jq6MRzDzlCM3AaEK9WAhb1G2o\">https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/corona-brasilien-die-hoelle-der-pandemie-li.83864?fbclid=IwAR35NuYQSmU4BDcC8hCjKfrmQF6o11nxp3Jq6MRzDzlCM3AaEK9WAhb1G2o<\/a>, Abruf am 20.5.2020.<\/p>\n<p>SCHERER, Bernd (29.4.2020): \u201e<em>Sars-Cov-2 oder die Begegnung mit uns selbst<\/em>\u201c [online]. Berlin: Haus der Kulturen der Welt, <a href=\"https:\/\/www.hkw.de\/de\/hkw\/mag\/bernd_scherer_sars_cov2_or_the_encounter_with_ourselves.php\">https:\/\/www.hkw.de\/de\/hkw\/mag\/bernd_scherer_sars_cov2_or_the_encounter_with_ourselves.php<\/a>, Abruf am 8.5.2020.<\/p>\n<p>SCHEU, Ren\u00e9 (28.4.2020): \u201e<em>Philosoph Markus Gabriel: \u00abWir haben eine politische Monokultur, und alle halten sich auf unsicherer empirischer Grundlage an dieselben epidemiologischen Modelle\u00bb\u201c<\/em> [online), <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/philosoph-markus-gabriel-zu-covid-wir-haben-eine-politische-monokultur-ld.1553074#back-register\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/philosoph-markus-gabriel-zu-covid-wir-haben-eine-politische-monokultur-ld.1553074#back-register<\/a>, Abruf am 2.5.2020.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong>SCHNEIDER, Sebastian (2.5.2020): \u201e<em>Das gro\u00dfe Sterben. Spanische Grippe 1918 in Berlin.\u201c<\/em> [online], Rbb 24, Corona-Blog, <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/content\/rbb\/r24\/panorama\/thema\/2020\/coronavirus\/beitraege_neu\/2020\/05\/spanische-grippe-gross-berlin-preussen-deutsches-reich-pandemie-rueckblick.html\">https:\/\/www.rbb24.de\/content\/rbb\/r24\/panorama\/thema\/2020\/coronavirus\/beitraege_neu\/2020\/05\/spanische-grippe-gross-berlin-preussen-deutsches-reich-pandemie-rueckblick.html<\/a>, Abruf am 3.6.2020.<\/p>\n<p>SMARZOCH, Raphael (20.5.2019): <em>\u201eHeinz Bude. Solidarit\u00e4t. Die Zukunft einer gro\u00dfen Idee\u201c<\/em> [online], <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/heinz-bude-solidaritaet-die-zukunft-einer-grossen-idee.1310.de.html?dram:article_id=448825\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/heinz-bude-solidaritaet-die-zukunft-einer-grossen-idee.1310.de.html?dram:article_id=448825<\/a>, Abruf am 8.5.2020.<\/p>\n<p><em>\u201eSpanische Grippe\u201c<\/em> [online], <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spanische_Grippe\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spanische_Grippe<\/a>, Abruf am 30.5.2020.<\/p>\n<p>STURM, Karina (20.5.2020): <em>\u201eUnsichtbar behindert in Zeiten einer Pandemie\u201c<\/em> [online]. Berlin: Sozialhelden e.V., Die neue Norm, <a href=\"https:\/\/dieneuenorm.de\/gesellschaft\/corona-unsichtbare-behinderung\/?fbclid=IwAR1RGGxqKYBHRmeb6X-KsVRwb-02UTr5nOW5oryFjEZPDF_8aIFGALUj3Ac\">https:\/\/dieneuenorm.de\/gesellschaft\/corona-unsichtbare-behinderung\/?fbclid=IwAR1RGGxqKYBHRmeb6X-KsVRwb-02UTr5nOW5oryFjEZPDF_8aIFGALUj3Ac<\/a>, Abruf am 23.5.2020.<\/p>\n<p>THOMA, Konstanze (30.4.2020): <em>\u201eMeinungsfragen\u201c.<\/em> [online] <a href=\"https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/meinungsfragen\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=909559c10d5d5a5b784a4d04b9fdf128\">https:\/\/www.nature-and-healing.ch\/kontakt\/40-tagebuch\/news\/meinungsfragen\/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;cHash=909559c10d5d5a5b784a4d04b9fdf128<\/a><\/p>\n<p>TRAPPE, Thomas (19.5.2020): <em>\u201eEtwa 97 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen hatten Vorerkrankungen\u201c <\/em>[online]. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/neue-daten-zu-coronavirus-toten-etwa-97-prozent-der-an-covid-19-verstorbenen-hatten-vorerkrankungen\/25837864.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/neue-daten-zu-coronavirus-toten-etwa-97-prozent-der-an-covid-19-verstorbenen-hatten-vorerkrankungen\/25837864.html<\/a>, Abruf am 20.5.2020.<\/p>\n<p>UNIVERSIT\u00c4T BREMEN (5.5.2020): \u201e<em>Solidarit\u00e4t zwischen Pest und Corona und danach\u201c<\/em> [online]. Universit\u00e4t Bremen, <a href=\"https:\/\/www.uni-bremen.de\/universitaet\/hochschulkommunikation-und-marketing\/aktuelle-meldungen\/detailansicht\/online-gespraech-solidaritaet-zwischen-pest-corona-und-danach\">https:\/\/www.uni-bremen.de\/universitaet\/hochschulkommunikation-und-marketing\/aktuelle-meldungen\/detailansicht\/online-gespraech-solidaritaet-zwischen-pest-corona-und-danach<\/a>, Abruf am 5.5.2020.<\/p>\n<p>VETTER, Brigitte (25.3.2020): \u201eGespenstisch: Video zeigt die Welt w\u00e4hrend der Corona-Krise\u201c. Hannover: Reisereporter, <a href=\"https:\/\/www.reisereporter.de\/artikel\/11462-corona-video-zeigt-die-welt-und-leere-touristen-hotspots-waehrend-der-krise\">https:\/\/www.reisereporter.de\/artikel\/11462-corona-video-zeigt-die-welt-und-leere-touristen-hotspots-waehrend-der-krise<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n<p>VIETH-ENTUS, Susanne (13.4.2020): \u201e<em>Berlins Eltern legen Forderungskatalog zur Corona-Krise vor<\/em>\u201c. [online]. Berlin: Der Tagesspiegel, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/abitur-heimunterricht-sommerschulen-berlins-eltern-legen-forderungskatalog-zur-corona-krise-vor\/25736168.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/abitur-heimunterricht-sommerschulen-berlins-eltern-legen-forderungskatalog-zur-corona-krise-vor\/25736168.html<\/a>, Abruf am 14.4.2020.<\/p>\n<p>VOSS, Martin (26.3.2020): \u201e<em>Wo wir es wollen, k\u00f6nnen wir ganz fundamentale Weichen f\u00fcr die Zukunft stellen\u201c<\/em>. [online]. Berlin: Freie Universit\u00e4t, Corona \u2013 Fragen an die Wissenschaft, Interview von Dennis Y\u00fccel mit Martin Voss , <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200326-corona-interview-voss\/index.html\">https:\/\/www.fu-berlin.de\/campusleben\/forschen\/2020\/200326-corona-interview-voss\/index.html<\/a>, Abruf am 10.5.2020.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>WATCHORN, Deirdre \/ HECKENDORF, Esther (17.6.2020): \u201e<em>We asked 3.000+ academics how they\u2019re coping with Covid-19. This is what we found\u201c<\/em> [online]. De Gruyter, <a href=\"https:\/\/blog.degruyter.com\/we-asked-3000-academics-how-theyre-coping-with-covid-19-this-is-what-we-found\/?utm_source=dg_newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=cross_authorsurvey_acad_ww&amp;utm_term=AK&amp;utm_content=market_research\">https:\/\/blog.degruyter.com\/we-asked-3000-academics-how-theyre-coping-with-covid-19-this-is-what-we-found\/?utm_source=dg_newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=cross_authorsurvey_acad_ww&amp;utm_term=AK&amp;utm_content=market_research<\/a>, Abruf am 30.6.2020.<\/p>\n<p>WILDE, Alison \/ RYAN, Sara \/ WOODIN, Sarah (21.5.2020): \u201e<em>COVID-19 and the Academy\u201c<\/em> [online]. Durham: British Sociological Society, Everyday Society, <a href=\"https:\/\/es.britsoc.co.uk\/covid-19-and-the-academy\/\">https:\/\/es.britsoc.co.uk\/covid-19-and-the-academy\/<\/a>, Abruf am 31.5.2020<\/p>\n<p>WINIECKI, Martin (13.4.2020): \u201e<em>Auf der Suche nach dem Anti-Virus. Covid-19 als Quantenph\u00e4nomen<\/em>\u201c [online]. Wald CH: Feuervogel Genossenschaft f\u00fcr Naturp\u00e4dagogik, Kosmos-Journal \/ NatureFlow, <a href=\"https:\/\/infothek-waldkinder.atavist.com\/auf-der-suche-nach-dem-anti-virus-covid-19-als-quantenphnomen-martin-winiecki?fbclid=IwAR3fevn2FUb99shBwoJUhMpzGGUBVgWt8ZNtluGFVqutVrt2c_nYiiq9c-E\">https:\/\/infothek-waldkinder.atavist.com\/auf-der-suche-nach-dem-anti-virus-covid-19-als-quantenphnomen-martin-winiecki?fbclid=IwAR3fevn2FUb99shBwoJUhMpzGGUBVgWt8ZNtluGFVqutVrt2c_nYiiq9c-E<\/a>, Abruf am 3.5.2020.<\/p>\n<p>WODARG, Wolfgang (1.4.2020): \u201e<em>Krieg gegen die B\u00fcrger: Coronavirus eine Riesenfake? Eva Herman im Gespr\u00e4ch mit Dr. Wolfgang Wodarg<\/em>\u201c [online], <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Dk8wqJbNhq0\">http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Dk8wqJbNhq0<\/a>, Abruf am 1.4.2020.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[356,357,366,367,573,574],"autor":[295],"class_list":["post-9004","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","tag-march","tag-april","tag-germany","tag-berlin","tag-mai","tag-juni","autor-inga-scharf-da-silva"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/9004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9004"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=9004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}