{"id":6338,"date":"2020-12-02T11:00:48","date_gmt":"2020-12-02T10:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=6338"},"modified":"2020-12-01T17:15:17","modified_gmt":"2020-12-01T16:15:17","slug":"corona-ist-drausen-vor-der-tur","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/corona-ist-drausen-vor-der-tur\/","title":{"rendered":"\u201eCorona ist drau\u00dfen, vor der T\u00fcr\u201c"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6338?pdf=6338\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6338?pdf=6338\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Ich bin Isa, 42 Jahre alt, ledig, kinderlos und lebe seit Januar 2016 in Freiburg im Breisgau, Baden-W\u00fcrttemberg. Ich bin Kulturwissenschaftlerin, was mich bei diesem Format insbesondere vor gewisse Herausforderungen stellt. Denn als ich das Projekt \u201eCorona Diaries\u201c begann, wollte ich aus Erkenntnisinteresse f\u00fcr die Initiatoren ein authentisches Tagebuch schreiben \u2013 eine pers\u00f6nliche, sehr private Erz\u00e4hlung. So habe ich auch Gedanken und Empfindungen verschriftlicht, die im Konflikt mit meiner fachlichen Persona stehen. Doch darum geht es doch gerade beim Format \u201eTagebuch\u201c, oder? Einen Platz zu haben f\u00fcr das, was die Welt mit einem anstellt, zur Vergegenw\u00e4rtigung von Erlebnissen, zur Selbsttherapie, um Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen auch mal ungefiltert festhalten zu k\u00f6nnen, soweit das m\u00f6glich ist, und sie gegebenenfalls beim Schreiben zu reflektieren, aber ohne die Auflage, sie bis zum Ende durchdenken zu m\u00fcssen. Ich werde \u00fcber das Gl\u00fcck berichten, das mir Corona beschert hat. Ja, das gibt es auch. Aber ich werde auch Gedanken schildern, f\u00fcr die ich mich sch\u00e4me gegen\u00fcber einer \u00d6ffentlichkeit, die sie nun lesen kann, und gegen\u00fcber Menschen, die mir sehr nah und teuer sind, auf die ich hier aber auch mal ungeniert negativ reagiere, ohne sie jedes Mal wieder in das ihnen angemessene Licht zu r\u00fccken. Deswegen habe ich mich zuletzt daf\u00fcr entschieden, anonymisiert zu ver\u00f6ffentlichen. Weil es mir die Freiheit gibt, auch Peinlichkeiten und unsch\u00f6ne Facetten meiner Corona-Erfahrungen zu dokumentieren, bei denen ich mich mit den Grenzen meines Ideal-Ichs konfrontiert sehe. Diese Erz\u00e4hlung folgt nicht den Mechanismen eines Blogs. Sie folgt dem Format eines Tagebuchs, ist streckenweise f\u00fcr eine breite Leserschaft banal und unerheblich, vielleicht schamhaft, aber intim und ehrlich.<\/em><\/p>\n<p><em>Weil ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt habe, wie wichtig die pers\u00f6nliche Situiertheit f\u00fcr eventuelle sp\u00e4tere Auswertungen, aber auch f\u00fcr Lesende, und im Allgemeinen bei der Einordnung von Textfragmenten sein kann, m\u00f6chte ich meine Situation zun\u00e4chst etwas ausf\u00fchrlicher schildern: Aktuell bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. Ich habe f\u00fcnf Jahre ohne Atempause hinter mir. Das letzte Jahr, 2019, war das schlimmste. Ich habe eine dreij\u00e4hrige Beziehung beendet, in der ich gelernt habe, was die Bezeichnung toxische Partnerschaft bedeutet. Dabei schlugen die Nachwehen einer vorherigen sehr kr\u00e4nkenden Trennung durch, von einem Mann, von dem ich mal dachte, ich w\u00fcrde den Rest meines Lebens mit ihm verbringen und von dem ich mich am Ende nur noch verraten f\u00fchlte. Beruflich sah es nicht besser aus, ich steckte in einer Sackgasse. Trotz guter Leistungen und Auszeichnungen und der tiefen \u00dcberzeugung, das richtige Feld gefunden zu haben, wollten sich keine l\u00e4ngerfristigen Besch\u00e4ftigungsperspektiven ergeben. Ich wurde mal eben vor die T\u00fcr gesetzt, weil finanzielle Mittel fehlten, dann wieder eingestellt, es war ein Hin und Her mit wechselnden Stundenkontingenten. Ich f\u00fchlte mich privat wie beruflich gescheitert, hatte mit Depressionen und einem verkappten Burnout zu k\u00e4mpfen. Ich konnte nicht mehr und das wollte ich irgendwie meinen Eltern erkl\u00e4ren. So f\u00fchrte die ganze Misere schlie\u00dflich dazu, dass ich einen 30 Jahre alten Riss in der Beziehung zu meinen Eltern kitten musste. Das gelang. Im September 2019 zogen wir zusammen den Splitter raus. In das Jahr 2020 bin ich mit einem 50% Vertrag f\u00fcr sechs Monate gestartet und zwei Vorhaben: 1. Die neue Qualit\u00e4t in der Beziehung zu meinen Eltern zu pflegen und 2. mit der halben Stelle im R\u00fccken Strategien f\u00fcr meine berufliche Zukunft zu entwickeln. Dabei f\u00e4llte ich auch eine Entscheidung: Ich wollte wegen meiner Eltern in dieser s\u00fcddeutschen Stadt bleiben, die ich nicht sonderlich mag. Der Ruhrpott ist mir deutlich lieber.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin schon sehr oft umgezogen, habe x-mal irgendwo in Deutschland neu angefangen, wegen einem Mann, einem Job, einer Weiterbildung. F\u00fcr mein berufliches Vorankommen w\u00e4re ein gro\u00dfer geografischer Radius vorteilhafter. Aber vor ein paar Jahren sind meine Eltern hierhin gezogen. Nach mehr oder weniger 70 Jahren haben sie ihre Heimatregion 400 km hinter sich gelassen, um im Alter wieder n\u00e4her bei ihren T\u00f6chtern zu sein. Meine \u00e4ltere Schwester lebt seit 12 Jahren in der Schweiz, nur 90 Kilometer entfernt kurz hinter der Grenze.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Entscheidung, in Freiburg zu bleiben und eine ges\u00fcndere Eltern-Kind-Beziehung nachzuholen, tat mir gut. Ich nahm wieder Fahrt auf. Neben meiner Arbeit an der Uni arbeitete ich im Februar 2020 eine Strategie aus, um mich als Kommunikatorin im Palliativbereich zu platzieren. Am 20. Februar 2020 schickte ich einen Testballon los. Am darauffolgenden Samstag, den 22. Februar 2020, fragte mich Maik, den ich kaum kannte und der mich nicht interessierte, ob ich mit ihm zu einer Rosenmontagsparty gehen w\u00fcrde. Ich feier niemals Karneval, sagte aber zu, weil ich dachte, dass ich auf der Party vielleicht einen anderen interessanten Mann kennenlernen k\u00f6nnte. Dem war nicht so. Daf\u00fcr war es mit Maik angenehmer als gedacht und wir landeten vor einem Jim Jarmusch Film auf seinem Sofa.<\/em><\/p>\n<p><em>Corona kam, als ich gerade damit befasst war, meinen Quereinstieg ins Gesundheitswesen vorzubereiten, zwei Seminare f\u00fcr das Sommersemester zu konzipieren, die neue Beziehungsqualit\u00e4t zu meinen Eltern zu vertiefen und ich zum ersten Mal neben Maik aufgewacht war.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\">Donnerstag, 19. M\u00e4rz 2020<br \/>\nVer\u00e4nderung ist ein unangenehmer Besucher<\/h3>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Seit zwei Wochen bin ich wegen Corona im Homeoffice. Eigentlich konnte ich immer gut zuhause arbeiten. Im B\u00fcro erledige ich gerne Administratives, mache Ausdrucke und Kopien, bringe mich bei Zigarettenpausen mit Kollegen auf den neuesten Stand. Lesen, Schreiben, Seminarplanung habe ich schon immer besser zuhause gemacht. Aber seit Tagen geht nichts. Ich f\u00fchle mich niedergeschlagen, bin mit mir selbst unzufrieden. Ich f\u00fchle mich lahmgelegt und haltlos, finde nicht in meine Routinen zur\u00fcck. \u00dcber allem schwebt die Ungewissheit, was da eigentlich gerade passiert und ob es \u00fcberhaupt lohnt, heute zu arbeiten. M\u00f6glicherweise braucht diese Arbeit morgen niemand mehr. Sollten nicht gerade jetzt andere Dinge wichtiger sein als die Arbeit? Das soziale Engagement? Ich habe den Anspruch, diese Ausnahmesituation irgendwie zu gestalten, aber sie gestaltet mich und ich bin einfach nur passiv. Dass ich mit dieser Passivit\u00e4t reagiere, besch\u00e4mt mich. Ich sollte doch <em>pro-aktiv<\/em> in die neue Situation hineingehen, kann sie aber nur aussitzen. Mir fehlt ein Handlungsleitfaden, ich bin \u00e4ngstlich und besorgt, total blockiert. Ich war noch nie ein Angsthase, so kenne ich mich nicht. Was ist denn da los? Unsicherheit durch Ungewissheit.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Meine alten Eltern, die zwei Orte weiter wohnen, machen mir Sorgen. Wir haben einen engen Kontakt, normalerweise besuche ich sie jede Woche. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich darauf bestehen soll, f\u00fcr sie einkaufen zu gehen, oder darauf, direkten Kontakt in der n\u00e4chsten Zeit konsequent zu vermeiden. Tut ihnen das weh? Entt\u00e4usche ich sie damit? Ich glaube nicht, dass, wenn wir uns erstmal gegen\u00fcberstehen oder ich einen Moment zu lange bleibe, wir die soziale Distanz von 1,50 m einhalten. Ein Reflex, eine Umarmung\u2026 Ich habe auch kein Auto. Das m\u00fcsste ich erst bei ihnen abholen, sie haben zwei. Aber dazu m\u00fcsste mich wiederum mein Vater erst mit dem einen Auto abholen, weil niemand aus meiner Familie, ich eingeschlossen, den \u00d6PNV benutzen will, und ich bin keine Radfahrerin, mein Rad ist seit Monaten in einem desolaten Zustand. Die 13 Kilometer bis zu meinen Eltern kommen mir sehr weit vor. Das ist mir alles schon zu kompliziert. Ich sch\u00e4me mich, dass ich nicht sagen kann: Ich tue jetzt ALLES f\u00fcr euch. Sie entscheiden dann selbst. \u201eBesser kein Kontakt\u201c, sagt meine Mutter sp\u00e4ter am Telefon sehr niedergeschlagen. Sie ist traurig, meint, dass es keine sch\u00f6ne Welt mehr ist, in der wir leben.<\/p>\n<p>Mein Kopf bleibt dumpf. Ich sollte einen wissenschaftlichen Artikel \u00fcberarbeiten. Es braucht nur noch kleinste \u00c4nderungen, aber ich f\u00fchle mich nicht in der Lage dazu. Ich telefoniere mit einer Freundin. Alle haben jetzt so viel Zeit zum Telefonieren und ich bin froh, dass ich durch meine unz\u00e4hligen Umz\u00fcge l\u00e4ngst gelernt habe, Freundschaften \u00fcber lange Distanzen durch intensive Telefonate aufrechtzuerhalten. Deswegen kommen mir die ausgedehnten Gespr\u00e4che mit meinen Freundinnen nicht ungew\u00f6hnlich vor. Mir f\u00e4llt nur auf, dass es jetzt noch mehr Telefonate sind. Die Freundin, mit der ich jetzt telefoniere, ist selbstst\u00e4ndig und arbeitet unter anderem als Coach. Im Gespr\u00e4ch spr\u00fcht sie vor Energie, obwohl ihr alle Trainings, f\u00fcr die sie von verschiedenen Unternehmen gebucht war, weggebrochen sind. Die letzten Tage sei sie rund 500 km mit dem Rennrad gefahren. Gerade ist sie mit einem Blogbeitrag zum Thema Angst besch\u00e4ftigt. Den hat sie noch schnell fertig gemacht und online gestellt, bevor sie mich angerufen hat. Ich f\u00fchle mich wieder schlecht, unproduktiv und nutzlos. Mit der zus\u00e4tzlichen Zeit zuhause, in der einige meiner Freundinnen etwas Neues, Positives sehen, wei\u00df ich nicht wirklich etwas anzufangen. Ich bin kinderlos und mit einem Teilzeitvertrag habe ich sowieso immer das Gef\u00fchl, im Vergleich zu anderen viel Zeit f\u00fcr mich zu haben. Viel Zeit zuhause ist f\u00fcr mich nichts Neues, wohl aber die Frage, ob ich diese Zeit sinnvoll nutze. Einen Nachmittag mit Filmen oder Musikh\u00f6ren zu verbringen, war immer okay. Jetzt ist es das f\u00fcr mich nicht mehr. Ich muss doch etwas tun! Jetzt muss ich die Zeit sinnvoll nutzen.<\/p>\n<p>Da mein abendlicher Einkauf wegen Heuschnupfen entf\u00e4llt, rufe ich vom Handy meine Schwester an, die gegen 20 Uhr am besten zu erreichen ist. Sie hat zwar auch Homeoffice verordnet bekommen, arbeitet aber immer wie ein Tier, so auch in der Coronakrise. Sie ist eine ziemlich wichtige Personalmanagerin bei einem Pharmaunternehmen in der Schweiz. Wegen der Grenzschlie\u00dfung wird es vorerst kein Wiedersehen geben. Irgendwie ist sie auch beim Telefonat die Managerin und schaltet ungewohnter Weise auf Lautsprecher um, damit auch mein Schwager Teil des Gespr\u00e4chs ist. Das macht sie sonst nie, jetzt aber ganz selbstverst\u00e4ndlich, was mich extrem irritiert. In Zeiten von Social Distancing sind L\u00f6sungen gefragt, die N\u00e4he aufrechthalten. Sie will beim neuesten Trend gleich wieder vorne mit dabei sein. Mir w\u00fcrde ein ganz normales Telefonat wie immer reichen. Ich w\u00fcrde mich ihr sogar n\u00e4her f\u00fchlen, wenn mein Schwager nicht mith\u00f6ren m\u00fcsste \u2013 ich bin mir sicher, er muss \u2013 aber meine Schwester ist schon wieder einen Schritt weiter als ich.<\/p>\n<p>Sie schl\u00e4gt mir vor, und dass habe sie auch unseren Eltern schon gesagt, dass wir ja in n\u00e4chster Zeit wieder \u00f6fters \u00fcber Skype oder Facetime telefonieren k\u00f6nnten, wie wir es w\u00e4hrend ihrer zahlreichen und l\u00e4ngeren Arbeitseins\u00e4tze im Ausland gemacht haben. Die Telefonnetze seien ja ohnehin zunehmend \u00fcberlastet. Wenn sie im Ausland war, hatten wir allerdings streckenweise \u00fcber Monate wegen Zeitverschiebungen \u00fcberhaupt keinen Kontakt. Ich denke, dass sie als Managerin, die die Zukunftsf\u00e4higkeit ihres Unternehmens als eigene Aufgabe sieht, glaubt, dass man mit den Dingen, die kommen k\u00f6nnten, heute schon anf\u00e4ngt, um sich daran zu gew\u00f6hnen. Nur wer sich anpassen kann, \u00fcberlebt. Change Management par excellence. Ich f\u00fchle mich defizit\u00e4r, weil ich mich offensichtlich nicht so leicht an die neue Situation anpassen kann. Andererseits sehe ich bei unserem Telefonverhalten aber auch keinen dringenden Bedarf f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Mein Lebenslauf ist eine fortlaufende Chronik der Ver\u00e4nderung, an Bereitschaft mangelt es grunds\u00e4tzlich nicht. Aber bei Corona wei\u00df ich heute noch gar nicht, worin die Ver\u00e4nderung genau besteht und wie lange welche Ver\u00e4nderungen Bestand haben werden. Und Facetime hat mir noch nie mehr N\u00e4he gegeben als ein klassisches Telefonat. Es ist nur billiger, speziell bei Auslandskontakten. Eine Person, die ich begehre, w\u00fcrde ich vielleicht sehen wollen. Bei engen Vertrauten hingegen finde ich es sogar angenehmer, einfach nur zu telefonieren. Mit etwas \u00dcbung l\u00e4sst sich aus Stimmen viel raush\u00f6ren und ich pers\u00f6nlich lasse mich sogar ausgesprochen gerne in ein Thema fallen, eben wenn ich mich nur auf Worte konzentrieren kann und nicht noch darauf, wie ich dabei aussehe. Ich bin es so gewohnt. Vielleicht habe ich doch ein Problem mit Ver\u00e4nderungen, zumindest wenn es an meine Routinen geht.<\/p>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Seit f\u00fcnf Wochen habe ich nach eineinhalb Jahren Singledasein eine unverbindliche Beziehung mit Maik. Einfach mal schauen, was daraus wird. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden w\u00fcrde ich ihn mir nicht f\u00fcr eine feste Beziehung aussuchen (dass er vegan lebt, ich aber nicht, habe ich allerdings schon wieder von der Liste gestrichen, er ist sehr tolerant). Aber: Dieser neue Mann in meinem Leben ist der einzige Mensch, mit dem ich mich in den letzten zwei Wochen getroffen habe. Mein einziger Kontakt. Seit wir uns kennen, verbringen wir jedes Wochenende zusammen. Er gibt mir Ruhe und Geborgenheit, binnen k\u00fcrzester Zeit sind wir zu engen Vertrauten geworden. Ich musste mich entscheiden, ob ich ihn weiter treffe oder ob der Kontakt ein zus\u00e4tzliches Risiko bedeutet. Weniger f\u00fcr mich, sondern wenn ich in n\u00e4chster Zeit dann doch mal bei meinen Eltern sein sollte. Er geht weiterhin arbeiten und hat zwei Teenager Kinder, die ihn regelm\u00e4\u00dfig besuchen. Meine Schwester meinte: Pass auf! Wie soll ich denn da <em>aufpassen<\/em>? Aufpassen geht nicht, nur zusammen sein oder nicht. W\u00e4re er mein fester Partner, w\u00fcrde niemand unser Zusammensein infrage stellen. Eine neue Bekanntschaft steht aber jetzt zur Disposition. Maik und ich verabreden uns f\u00fcr Freitag, ich werde bis Sonntag bei ihm bleiben. Ab n\u00e4chster Woche hat er zwei Wochen Corona bedingten Urlaub.<\/p>\n<p>Abends chatte ich, wie es nun zur Gewohnheit geworden ist, \u00fcber Telegram mit Maik, bevor er ins Bett geht. Er hat kein enges Verh\u00e4ltnis zu seiner Mutter, aber sogar er hat heute mal bei ihr angerufen, um zu fragen, wie es ihr geht. Anscheinend braucht sie keine Unterst\u00fctzung. Ich teile im Chat meine Sorge dar\u00fcber, dass sich meine Mutter heute so niedergeschlagen angeh\u00f6rt hat. Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich meine Mama zum Lachen bringe, sie unterhalte. Als letzten Gru\u00df schickt Maik mir einen Link zu den neuen Corona Infos f\u00fcr Freiburg: Ab morgen eingeschr\u00e4nkte Ausgangssperre, nicht mehr als zwei Menschen zusammen erlaubt, kein Betreten \u00f6ffentlicher Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Es klingelt, Paket. Ich habe in den letzten Tagen einiges online bestellt. Wiederum mit schlechtem Gewissen. Belaste ich notwendige Infrastrukturen damit? Setze ich die Paketboten einem unn\u00f6tigen Risiko aus? Oder ist es gut, die Wirtschaft wenigstens mit Onlinek\u00e4ufen am Laufen zu halten? Schlimmster Gedanke: Missbrauche ich die Quasi-Quarant\u00e4ne als Vorwand f\u00fcr meinen Alkoholismus? Als alle Welt schon Klopapier hamsterte, habe ich mir Sorgen um Alkohol und Zigaretten gemacht \u2013 und dann 12 Falschen Rotwein bestellt. Wie gesagt, Getr\u00e4nkeeink\u00e4ufe in gr\u00f6\u00dferen Mengen sind f\u00fcr mich immer schwierig, aber eigentlich bestelle ich nur einmal im Jahr einen Karton Rotwein und zwar zum Winter. Wie auch immer. \u201ePaket\u201c ist alles, was ich \u00fcber die Gegensprachanlage h\u00f6re. Ich dr\u00fccke den T\u00fcr\u00f6ffner. Ich wohne im dritten Stock, wie \u00fcblich gehe ich zum Aufzug vor, um meine Lieferung in Empfang zu nehmen. Diesmal achte ich darauf, einen Abstand von 1,50 m zwischen dem Boten und mir einzuhalten. Ich warte auf ein Minisignal, dass ihm das auch gewahr ist. Ist es aber nicht. Er tritt auf mich zu und f\u00e4ngt aufgeregt an zu erkl\u00e4ren, dass auf dem Paket zwei Empf\u00e4ngeradressen stehen, vielleicht ist es nicht meins, er wei\u00df auch nicht, notfalls soll ich bei Amazon nachfragen. Erst als er mir Stift und Scanner f\u00fcr die elektronische Unterschrift hinh\u00e4lt und ich ein St\u00fcck zur\u00fcckweiche, zuckt er kurz.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Wohnung desinfiziere ich sofort meine H\u00e4nde. Nachdem ich letzte Woche geh\u00f6rt habe, dass Alkohol ab 70% das Coronavirus t\u00f6tet, habe ich mir eine Flasche Klosterfrau Melissengeist gekauft und in eins dieser kleinen Reisefl\u00e4schchen aus der Drogerie abgef\u00fcllt. Zuvor hatte ich noch gegoogelt, ob bereits jemand anderes an Klosterfrau gedacht hat, wo doch die Desinfektionsmittel ausgehen, und tats\u00e4chlich einen Artikel von einem Apotheker gefunden. Ich benutze das Zeug auch zuhause wie jetzt. Geht schneller als jedes Mal 30 Sekunden H\u00e4ndewaschen. Am Ende ist es nicht mein Paket, ich habe keine Antirutsch-Teppichunterlage bestellt. Ich habe aber eine Aufgabe gefunden, die ich l\u00f6sen kann. Ich will alles daf\u00fcr tun, dass die andere Empf\u00e4ngerin ihre Bestellung bekommt und rufe bei Amazon an. Die Dame am Ende der Kundenhotline wei\u00df aber auch nicht recht, was zu tun ist. Ich soll drei Tage warten, w\u00fcrde in dieser Zeit eine Mail bekommen. Wahrscheinlich kann ich es einfach behalten. Die Aktion hat mir gutgetan. Ich habe etwas gemacht, das auch f\u00fcr jemand anderen von Interesse war. Zumindest wei\u00df Amazon jetzt, dass die Lieferung an Frau X schiefgegangen ist und kann alles Erforderliche in die Wege leiten.<\/p>\n<p>Unter meinem Balkon wird gem\u00e4ht, was bei mir eine Heuschnupfenattacke mit Niesanf\u00e4llen ausl\u00f6st. Das h\u00e4lt bis zum Abend an, weswegen ich mich sp\u00e4ter dagegen entscheide, noch einkaufen zu gehen. Da h\u00e4tten dann wahrscheinlich alle Angst vor mir.<\/p>\n<p>Bevor ich ins Bett gehe, bestelle ich noch schnell atmungsaktive Handschuhe mit Touchscreenfunktion bei Amazon. Ich habe nur Winterhandschuhe aus Lederimitat. Das wird schwitzig und vielleicht ist es ganz gut, wenn ich darauf vorbereitet bin, mein Handy in Zukunft mit Handschuhen zu bedienen. Die Erreger sollen sich ja bis zu 72 Stunden auf bestimmten Oberfl\u00e4chen halten k\u00f6nnen. Amazon begr\u00fc\u00dft mich mit dem Hinweis, dass es in meiner Region zu Lieferverz\u00f6gerungen kommen kann. Voraussichtlicher Liefertermin: zwischen 1. und 4. April.<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Im Deutschlandradio l\u00e4uft ein Beitrag, in dem solidarische Angebote angesprochen werden, die gerade \u00fcberall entstehen. Die Tafeln richten einen Onlinedienst ein, um Bed\u00fcrftige weiter zu versorgen, die sich sonst in den R\u00e4umlichkeiten der Tafeln treffen, die nicht nur Versorgungspunkt, sondern auch soziale Anlaufstelle sind. Das geht jetzt nicht mehr. Ich gehe ins Internet und finde auf Spiegel online einen passenden Artikel.<\/p>\n<p>Ausz\u00fcge:<\/p>\n<p><em>Auf der Nachbarschaftsb\u00f6rse \u201enebenan.de\u201c schrieb eine Frau, sie w\u00fcrde gr\u00f6\u00dfere Mengen Suppen oder Eint\u00f6pfe kochen und die gern mit Menschen teilen. Ein Mann bot an, Eink\u00e4ufe f\u00fcr diejenigen zu erledigen, die \u00fcber 65 Jahre alt sind oder ein schwaches Immunsystem haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf Twitter und Instagram posten Tausende unter Hashtags wie \u201e#nachbarschaftschallenge\u201c oder \u201e#coronahilfe\u201c ihre Hilfsangebote. Auf Facebook bilden sich neue Gruppen wie \u201eCoronahilfe Hamburg\u201c oder \u201eSolidarit\u00e4t statt Hamsterk\u00e4ufe \u2013 Corona Support Magdeburg\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf Internetseiten wie \u201elasshelfen.de\u201c k\u00f6nnen Menschen Aush\u00e4nge f\u00fcr das Treppenhaus erstellen, um ihre Hilfe anzubieten. \u00dcberall Schlaglichter der Solidarit\u00e4t!<\/em><\/p>\n<p>Ich bin kein Schlaglicht der Solidarit\u00e4t. Ich mache nichts, f\u00fchle mich aber gen\u00f6tigt, zu \u00fcberlegen, was ich tun k\u00f6nnte. Ich bin nicht mobil. Ohne Auto bin ich froh, den Einkauf f\u00fcr mich selbst weitgehend so zu erledigen, dass ich nicht wie sonst jeden Tag einkaufen gehen muss. Aber Telefonieren kann ich gut, und Zuh\u00f6ren. Ich k\u00f6nnte mich als Ansprechpartnerin f\u00fcr einsame alte Menschen irgendwo eintragen. Vielleicht zusammen mit dem Angebot, Dinge im Internet zu recherchieren. Ein Hauptproblem scheint ja zu sein, dass viele Corona-Angebote und Nachrichten digital verbreitet werden und die Risikogruppe der \u00c4lteren nicht wirklich erreichen. Vielleicht sollte ich die neue freie Zeit aber besser daf\u00fcr nutzen, mir nochmal Gedanken \u00fcber meinen weiteren Berufsweg zu machen. Die Zitterpartie an der Uni mit dreimonatigen Verl\u00e4ngerungsvertr\u00e4gen kann kein Dauerzustand bleiben und ein l\u00e4ngerfristiger Arbeitsvertrag ist nicht in Sicht. Meinen Plan, ins Gesundheitswesen einzusteigen, kann ich jetzt wohl auch erstmal knicken. Schon wieder Rauschen im Kopf. Wie soll ich denn jetzt meine Karriereplanung in Angriff nehmen? Wie wird der Arbeitsmarkt nach Corona aussehen? Es macht \u00fcberhaupt keinen Sinn, jetzt zu planen. Oder macht es gerade jetzt Sinn? Kann ich die Situation vielleicht sogar f\u00fcr mich nutzen, wenn ich nur die richtige Idee h\u00e4tte? Was k\u00f6nnte nach der Corona Krise gebraucht werden? K\u00f6nnte ich jetzt etwas aufbauen, was mich sp\u00e4ter beruflich tr\u00e4gt? Wieder Kopfweh. Wie kann ich angesichts der Solidarit\u00e4tsbewegung solche berechnenden Gedanken anstellen! Die Krise mit einer guten Idee in einen pers\u00f6nlichen Vorteil verwandeln zu wollen, erscheint mir \u00fcberhaupt nicht solidarisch. In diesem Sinne habe ich zum Gl\u00fcck keine gute Idee.<\/p>\n<p>Ich wende mich meinem aktuellen Lieblingsrecherchethema zu: Wo liegt der Ursprung von Corona? Bereits vor einigen Tagen habe ich im Bekanntenkreis leise gesagt, ohne es zuvor als Verschw\u00f6rungstheorie aufgeschnappt zu haben!, dass ich es der Chinesischen Regierung zutraue, mit Corona einen verdeckten Wirtschaftskrieg zu f\u00fchren. Das Zwinkerauge dabei war nur ein sozialer zweiter Boden, damit, wer will, das ironisch aufnehmen kann. Ich glaube das im Moment aber wirklich. Viele L\u00e4nder werden nach der Coronakrise meiner Meinung nach wirtschaftlich am Boden liegen und dann gehen die Chinesen in der Welt einkaufen.<\/p>\n<p>Seit ich in der internationalen Presseschau im Deutschlandradio geh\u00f6rt habe, wie sich die Chinesische Regierung in der Staatspresse f\u00fcr die Vorz\u00fcge eines diktatorischen Zentralstaats bei der Bek\u00e4mpfung der Epidemie feiert und Amerika und Europa gro\u00dfes Versagen vorwirft, f\u00fchle ich mich best\u00e4tigt. Die Chinesische Regierung benutzt Corona, um ihre diktatorische Politik zu rechtfertigen, zu bejubeln, und wer wei\u00df, wof\u00fcr sonst noch.<\/p>\n<p>Ich finde einen Beitrag auf tageschau online: Ger\u00fcchte und Fakes: Coronavirus als angebliche Verschw\u00f6rung. In dem Beitrag vom 28.01.2020 hei\u00dft es, dass es nicht erwiesen sei, dass das Virus wirklich von dem Wildtiermarkt in Wuhan stamme. Vielleicht kommt es auch aus dem dortigen Virenlabor \u2013 was eher meiner Vermutung ich entspricht.<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>Richtig ist, dass in der Stadt Anfang 2015 tats\u00e4chlich das \u201eWuhan Virologie-Institut\u201c eingeweiht wurde \u2013 das bislang einzige offizielle chinesische Labor der biologischen Schutzstufe 4. Nur diese Hochsicherheitseinrichtungen d\u00fcrfen mit Biostoffen der h\u00f6chsten Risikogruppe arbeiten, die laut der Biostoffverordnung \u201eeine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr f\u00fcr Besch\u00e4ftigte darstellen\u201c. Hierzu z\u00e4hlen beispielsweise Erreger von Ebola, Pocken oder SARS. Im Wissenschaftsmagazin \u201eNature\u201c \u00e4u\u00dferten bereits 2017 Experten Bedenken \u00fcber m\u00f6gliche Sicherheitsl\u00fccken des Instituts. Bislang wird davon ausgegangen, dass das neuartige Coronavirus seinen Ursprung auf dem Wildtiermarkt in Wuhan hatte, der Anfang des Jahres geschlossen wurde. Einen Nachweis daf\u00fcr gibt es allerdings noch nicht.<\/em><\/p>\n<p>Neuere Nachrichten dar\u00fcber, dass China nun den USA vorwirft, f\u00fcr den Corona-Ausbruch verantwortlich zu sein, kann ich gar nicht glauben. F\u00fcr mich sind die Chinesen schuld! Ob gewollt \u2013 ich traue ihnen das zu \u2013 oder durch einen Unfall. Ich wei\u00df, dass mein wissenschaftliches Ich nicht so denken darf, auch nicht mein humanistisches. Und ich wei\u00df auch eigentlich nichts \u00fcber China, au\u00dfer dem, was andere \u00fcber die Chinesen sagen wie die Medien. Als ich vor einigen Jahren in \u00c4thiopien war, war ich besorgt, wieviel afrikanisches Land sich bereits in chinesischen H\u00e4nden befindet. Als meine Eltern letztes Jahr von einer Reise nach Sibirien zur\u00fcckkamen, berichteten sie, dass die Einheimischen ganz schlecht auf die Chinesen zu sprechen w\u00e4ren, die in Reisebussen angekarrt w\u00fcrden, sich ignorant und unm\u00f6glich verhielten und zu allem \u00dcberfluss von ihren Reiseleitungen erz\u00e4hlt bek\u00e4men, dass der Baikalsee chinesisch sei. Die Chinesen wollen Land, wollen immer mehr Welt. Corona kommt f\u00fcr mich von der Chinesischen Regierung. Das Virenlabor in Wuhan bleibt f\u00fcr mich die plausibelste Ursprungsst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Hoffentlich rastet Trump jetzt nicht v\u00f6llig aus, wenn Peking den Schwarzen Kater ins Wei\u00dfe Haus schiebt. Wenn das passiert, ist Corona nur der Anfang einer ganz anderen Katastrophe. Kann es zu einem Krieg kommen? Wahrscheinlicher ist wohl, dass sich auch Trump infiziert. Das w\u00e4ren ja mal gute Nachrichten.<\/p>\n<p>Zum Abschluss des Tages schaue ich die heutigen Tagesthemen in der Mediathek. Einige Berichte aus Italien, darunter ein Bild von einer Menschenschlange vor einem Supermarkt. Die Menschen stehen mit einem Abstand von ca. 1 Meter hintereinander, haben Handschuhe an und T\u00fccher oder \u00e4hnliches \u00fcber Mund und Nase. Die M\u00e4nner sehen wie Bankr\u00e4uber aus. Eigentlich will ich noch die angezeigte Reportage von Frontal 21 zum CumEx Skandal anschauen, merke aber nach wenigen Minuten, dass mich das Thema Steuerbetrug, f\u00fcr das ich mich sonst immer sehr ereifern kann, heute gar nicht interessiert. Die 50 Milliarden CumEx Euro werden nach der Coronakrise fehlen, vielleicht sind das dann aber auch nur Peanuts.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Spiegel online: <em>Solidarit\u00e4t in Zeiten von Corona: Die lieben Nachbarn. <\/em><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/coronavirus-solidaritaet-in-zeiten-von-corona-die-lieben-nachbarn-a-8f44f39d-f8c8-4002-9f2f-7b47a3c5a39c\">https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/coronavirus-solidaritaet-in-zeiten-von-corona-die-lieben-nachbarn-a-8f44f39d-f8c8-4002-9f2f-7b47a3c5a39c<\/a> [Aufruf: 19.03.2020]<\/p>\n<p>Apotheke-adhoc:<em> Kein Scherz: 4711 und Melissengeist als H\u00e4ndedesinfektion.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.apotheke-adhoc.de\/nachrichten\/detail\/apothekenpraxis\/kein-scherz-4711-und-melissengeist-als-haendedesinfektion-coronavirus\/\">https:\/\/www.apotheke-adhoc.de\/nachrichten\/detail\/apothekenpraxis\/kein-scherz-4711-und-melissengeist-als-haendedesinfektion-coronavirus\/<\/a> [Aufruf: 16.03.2020]<\/p>\n<p>Tagesschau online: <em>Ger\u00fcchte und Fakes: Coronavirus als angebliche Verschw\u00f6rung<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/fakes-geruechte-coronavirus-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/fakes-geruechte-coronavirus-101.html<\/a> [Aufruf: 12.03.2020]<\/p>\n<p>Tagesschau online: <em>Begrenzte Ausgangssperre in Freiburg.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/freiburg-ausgangssperre-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/freiburg-ausgangssperre-101.html<\/a> [Aufruf: 19.03.2020]<\/p>\n<p>Meine heutige Onlinebestellung: Atmungsaktive Handschuhe mit Touchscreen-Funktion, Screenshot von meinem Rechner:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6341\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-1.png\" alt=\"\" width=\"925\" height=\"464\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Freitag, 20. M\u00e4rz 2020<br \/>\nZukunft spielen oder die Zukunft aufs Spiel setzen?<\/h3>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Mein Wecker klingelt um 9:15 Uhr. Wenn man mich l\u00e4sst, verschiebt sich mein Rhythmus immer bis tief in die Nacht, dementsprechend sp\u00e4t stehe ich auf. Die ersten Tage im Homeoffice bin ich nicht vor elf aufgestanden, die letzten Tage allerdings wieder etwas fr\u00fcher. Gestern habe ich beschlossen, mir den Wecker zu stellen. Ich f\u00fchle mich gut. Mein Spiegel Newsticker zeigt keine wirklich wichtigen neuen Nachrichten.<\/p>\n<p>Bevor ich wie sonst an meinem Laptop das Internetradio einschalte oder ZDF oder ARD aufrufe, checke ich die Mails auf meinem Uniaccount. Ich freue mich sehr \u00fcber eine Mail vom Projekt Corona Diaries. In meiner eigenen Vorwurfsmisere, wie ich die Zeit am besten nutze, was ich tun kann, kommt mir diese Aufgabe gerade recht. Ich freue mich und will unbedingt bei den Corona Diaries f\u00fcr Curare mitmachen. Ich setze meinen ersten Tagebucheintrag als Belohnung aus. Erst den wissenschaftlichen Artikel \u00fcberarbeiten, dann Corona Diaries. Die \u00dcberarbeitung des Beitrags geht schneller als gedacht. Es sind tats\u00e4chlich nur noch Kleinigkeiten und ich kann mich heute wieder besser konzentrieren.<\/p>\n<p><strong>Medien &amp; Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ich den \u00fcberarbeiteten Artikel verschickt habe, bekomme ich \u00fcber Threema eine Nachricht von einer Freundin. Darin ist ein Link zu einem Onlineartikel von einem Matthias Horx mit dem Kommentar \u201esch\u00f6ner Artikel\u201c und einem erhobener-Zeigefinger-Emoticon. Ich lese den Artikel. Die Idee von Horx ist, sich gedanklich in die Zeit nach Corona zu versetzen. Im Artikel ist das der Herbst 2020 und eigentlich ist die Idee von Horx, sein Beraterprogramm zu verkaufen.<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>Die Welt as we know it l\u00f6st sich gerade auf. Aber dahinter f\u00fcgt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr m\u00f6chte ich Ihnen eine \u00dcbung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. [\u2026] Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung f\u00fchrten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre f\u00fchrten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikan\u00e4len pl\u00f6tzlich zu einem Halt kam. Verzichte m\u00fcssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern k\u00f6nnen sogar neue M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume er\u00f6ffnen.<\/em><\/p>\n<p>Uhhh, ich kann damit gar nicht. Ich reagiere zunehmend allergisch auf diese Coaching Narrative, dass Probleme Chancen sind, dass positives Denken zum Erfolg f\u00fchrt, dass die Welt oder das Universum einem zur\u00fcckgeben, was man in sie hineintr\u00e4gt. Das Horx-Rezept f\u00fcr \u201eGegenwartsbew\u00e4ltigung durch Zukunfts-Sprung\u201c macht mich passiv aggressiv. Horx schreibt:<\/p>\n<p><em>Wir werden uns wundern, dass schlie\u00dflich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die \u00dcberlebensrate erh\u00f6hten.<\/em> \u2013 Ich denke auch, dass es irgendwann ein Medikament geben wird. Die aktuelle Turbosuche nach einem Impfstoff ist notwendig. Allerdings werden daf\u00fcr auch mal eben Regularien in der medizinischen Forschung ausgesetzt, wie Fristen und Langzeitbeobachtungen bei Versuchen an Menschen. Ferner: Leider kann Horx den Namen des Patenthalters in der Zukunft nicht lesen. Man sollte jetzt Aktien kaufen!<\/p>\n<p><em>Dass Menschen trotz radikaler Einschr\u00e4nkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene K\u00fcnstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles l\u00f6sen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.<\/em> (\u2026) <em>Damit hat sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Technologie und Kultur verschoben.<\/em> \u2013 Aus fachlicher Sicht: Technologie IST Kultur. Davon abgesehen zeigt sich doch gerade jetzt, wie wichtig Technik z.B. im Sinne von Digitalisierung ist. Die human-soziale Intelligenz ist gerade jetzt in hohem Ma\u00dfe auf eine funktionierende technische Infrastruktur angewiesen.<\/p>\n<p>Meine Lieblingswundert\u00fcte: <em>Wir werden uns wundern, dass sogar die Verm\u00f6gensverluste durch den B\u00f6rseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anf\u00fchlte. In der neuen Welt spielt Verm\u00f6gen pl\u00f6tzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein bl\u00fchender Gem\u00fcsegarten.<\/em> \u2013 Die B\u00f6rsenverluste werden verdammt schmerzen. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona sind noch gar nicht abzusehen. Eine weitere Freundin schrieb mir heute schon, dass sie Angst um ihren Job hat. Ich frage mich die ganze Zeit, was Corona eigentlich f\u00fcr die Krankenkassen und zuk\u00fcnftigen Renten bedeutet. Viele Menschen werden Geld und Arbeit verlieren, gleichzeitig wird es viele finanzielle L\u00f6cher zu stopfen geben. Wie soll das gutgehen? Wenn Verm\u00f6gen in Zukunft keine entscheidende Rolle spielt, hat das aus meiner Sicht andere Gr\u00fcnde: 1. Es hat schon vorher keine gro\u00dfe Rolle gespielt, im Einzelfall, weil man <em>immer<\/em> wenig hatte oder wollte. 2. All diejenigen, die ihr Verm\u00f6gen verloren haben, haben fr\u00fch genug Positives Denken bei Matthias Horx gelernt. Das Programm \u201eGl\u00fccklich auch ohne Geld\u201c l\u00e4sst sich Horx bestimmt gut bezahlen.<\/p>\n<p>Ach, wird das eine sch\u00f6ne neue Welt sein nach Corona. Danke Corona! Du bringst positive Ver\u00e4nderungen und Erkenntnisse. Endlich k\u00f6nnen wir uns wieder aufs Wesentliche konzentrieren und bei einem Herrn Horx bleibt das nun mal, Achtung: schlechte Nachrede, das eigene Bankkonto. Inszenierter Optimismus kitzelt immer meinen Pessimismus. Sicherlich werden wir uns in diesen Zeiten wieder auf ein paar grundlegende Dinge des Zusammenlebens besinnen. Wir werden uns in dieser Zeit wieder unserer Sozialbeziehungen bewusst, die anders organisiert werden m\u00fcssen. Wir sp\u00fcren, wessen Anwesenheit uns fehlt, bei wem man keine physische Pr\u00e4senz braucht, weil die Beziehung auf einer anderen Ebene funktioniert, aber auch, wen man durch die neuen Anforderungen vernachl\u00e4ssigt, wer keinen Platz hat, wenn Direktkontakte ausgez\u00e4hlt werden. Und Geld spielt nach Corona nur keine Rolle mehr, wenn die Pandemie es schaffen sollte, dass die Finanzsysteme weltweit zusammenbrechen und wir wieder Tauschhandel auf kleinster Ebene betreiben, aber das traue ich selbst Corona nicht zu (doch das Gedankenspiel ist interessant, geradezu fantastisch, denn in meiner Vorstellung bricht ja immer nur die Vorherrschaft der Kapitalakkumulation zusammen, viele Annehmlichkeiten bleiben aber auf wundersame Weise erhalten. Es gibt viele Menschen, die schon lange gelernt haben, lernen mussten, glauben m\u00fcssen, dass Geld nicht die wichtigste Rolle im Leben spielt, weil sie wissen, dass sie nie viel davon haben werden. Ich wohne als wissenschaftliche Mitarbeiterin, also angestellt im \u00f6ffentlichen Dienst in Teilzeit, in einem Einzimmer-Apartment, weil das in einer der teuersten Mietst\u00e4dte Deutschlands meinem Budget entspricht. Ich habe keinen Gem\u00fcsegarten und sehe mich auch l\u00e4ngerfristig nicht in der Lage, in Freiburg einen kaufen zu k\u00f6nnen. Bei der Urban Gardening Truppe kann ich gerade auch nicht einsteigen, ich darf ja keine anderen Menschen treffen. EIN BL\u00dcHENDER GEM\u00dcSEGARTEN IST SCHON JETZT VERM\u00d6GEN! Bleibt noch die Hoffnung, dass uns Corona einen funktionierenden Kommunismus bringt und der Gem\u00fcsegarten von Herrn Horx dann auch mein Gem\u00fcsegarten ist. So sch\u00f6n die Vorstellung manchmal ist, aber wenn Geld aufgrund einer wirtschaftlichen Krise keine entscheidende Rolle mehr spielt, wird das auch die Soziet\u00e4t auf eine harte Probe stellen.<\/p>\n<p>Trotz allem Pessimismus versuche ich der Coronakrise jetzt auch mal etwas Positivem abzugewinnen. Ich mache endlich mein Rad fit, um zu Maik zu fahren.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Matthias Horx (Trend- und Zukunftsforscher, Publizist und Vision\u00e4r): <em>Die Welt nach Corona: Die Corona-R\u00fcckw\u00e4rts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise \u201evorbei\u201d ist<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.horx.com\/48-die-welt-nach-corona\/\">https:\/\/www.horx.com\/48-die-welt-nach-corona\/<\/a> [Aufruf: 20.03.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Samstag, 21. M\u00e4rz 2020<br \/>\nManche sind gleicher<\/h3>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin bei Maik, das ist sch\u00f6n. Die neue Verbindung ohne Routinen l\u00e4sst Corona weit weg erscheinen. Diese Ver\u00e4nderung mag ich sehr, es ist eine neugierige Entdeckungsphase. Auch ohne Corona w\u00fcrde ich mich wie in einer Blase f\u00fchlen. Zwei Menschen lernen sich kennen und zwar ziemlich intensiv. Das schiebt die Welt drau\u00dfen wohl immer ein St\u00fcck weit weg.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben &amp; Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte den Horx Artikel \u00fcber die Corona Re-gnose gestern an meine coachende Freundin weitergeleitet, weil ich dachte, sie findet da bestimmt Anregungen f\u00fcr ihre Projekte. Sie hatte geantwortet: \u201eDanke, kannte ihn schon und mag die Ans\u00e4tze.\u201c War ja klar. Heute denkt sie an mich und schickt mir den Link zu einem Artikel von \u201eder Freitag\u201c mit der \u00dcberschrift \u201eDie Welt nach Corona wird jetzt ausgehandelt\u201c. Danke, das ist eher meins. Der Artikel lenkt den Blick vielmehr auf das Jetzt, was mir mehr liegt als die Horxsche Kristallkugel.<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>Wir wollen so vorgehen und uns [\u2026] fragen, welche Tendenzen wir derzeit auf dem Feld der Demokratie, des Neoliberalismus und der Solidarit\u00e4t beobachten k\u00f6nnen. [\u2026] Die Zukunft wird nicht in der R\u00fcckkehr zu einer vor-coronalen Normalit\u00e4t bestehen, sondern Corona ist ein geschichtliches Ereignis, das bleibende Umw\u00e4lzungen nach sich ziehen wird. Die Welt nach Corona wird jetzt ausgehandelt, die Weichen werden in der beginnenden Wirtschaftskrise, der Entwicklung der sozialen Infrastruktur, der Geltung von Menschenrechten und dem Fortgang der Demokratie gestellt. Und gleichzeitig ist der Eingriff nicht nur eine autorit\u00e4re Gefahr, sondern tr\u00e4gt auch Z\u00fcge einer politischen Erm\u00e4chtigung gegen die neoliberale Governance, in der eine historische Chance liegen kann, wenn sie demokratisch und transnational ausgestaltet wird.<\/em><\/p>\n<p>Wenn es mir so pr\u00e4sentiert wird, kann ich die Chance in der Situation sehen. Ja, vielleicht erinnert Corona die Menschen wieder daran, dass sie zusammenhalten m\u00fcssen und dass Risiken, die keine Klassenunterschiede kennen und vor nationalen Grenzen nicht Halt machen, auch von allen gemeinsam gemeistert werden m\u00fcssen. Wobei dieser Gedanke auch gleichzeitig immer hinkt, weil auch jetzt wieder einige mehr und andere weniger betroffen sind. Corona bedroht zwar alle gleich als Virus, aber es macht nicht alle gleich. In gewisser Weise hebt Corona bei aller Gleichmacherei des gesundheitlichen Risikos gesellschaftliche Unterschiede umso mehr hervor. Corona unterteilt die Gesellschaft in Risikogruppen, die sterben k\u00f6nnen, und junge Menschen, denen es scheinbar nichts anhaben kann. Das Projekt-Kind ist zum potenziellen Todesboten mutiert. Corona macht Unterschiede in Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen deutlich, wenn die einen noch zur Arbeit erscheinen m\u00fcssen, andere im Homeoffice sitzen und wieder andere jetzt schon um ihren Job oder ihre Existenz bangen. Und dabei bleibe ich: Die Zeit nach Corona wird mehr von Unterschieden gezeichneten sein als von Solidarit\u00e4t. Die Unterschiede, die es vor Corona gab, werden nach Corona noch deutlicher zu sehen sein.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass ein Virus den Neoliberalismus b\u00e4ndigt. Ich glaube, das Virus wird neoliberale Muster st\u00e4rken. Hat die Finanzkrise die Welt zu einer weniger neoliberalen Welt gemacht? Wohl kaum.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Beitrag von Patrick Schreiner in seinem Buch \u201eWarum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus\u201c. In Kapitel 13 hei\u00dft es mit Bezug auf das Buch \u201eDie Schock Strategie\u201c von Naomi Klein: \u201eIn vielen F\u00e4llen nutzen interessierte Eliten Situationen wie Naturkatastrophen, Terroranschl\u00e4ge, Staatsstreiche und Kriege, um eigenm\u00e4chtig, undemokratisch und oft gewaltsam neoliberale Instrumente und Regeln durchzusetzen. Gerade solche Krisen erm\u00f6glichen es ihnen, mit der vorherigen Wirtschafts- und Sozialpolitik radikal zu brechen.\u201c In seiner Rede an die franz\u00f6sische Nation bezeichnete Pr\u00e4sident Macron die Coronakrise als Krieg, in den Medien hat sich die Bezeichnung \u201eNaturkatastrophe\u201c etabliert. Die ersten gro\u00dfen Verschw\u00f6rungstheorien sind auf dem Vormarsch, flankiert von rechtsextremen Gruppierungen, die auf eine politische Umw\u00e4lzung hoffen. Verfassungsgegner haben Witterung aufgenommen und auch ich glaube an eine Verschw\u00f6rung, bei der Puppenspieler eben diese Kr\u00e4fte zu ihren Marionetten machen.<\/p>\n<p>Abgesehen davon muss ich zu einem anderen Zeitpunkt nochmal \u00fcber die Bezeichnung von Corona als \u201eNaturkatastrophe\u201c nachdenken. Corona ist f\u00fcr mich nicht vergleichbar mit einem Vulkan, der pl\u00f6tzlich ausbricht, oder mit einem Meteoriten, der auf der Erde einschl\u00e4gt, out of the blue. Corona reiht sich f\u00fcr mich aber auch nicht ganz in die Art von Katastrophen ein, die sich auf den durch die Menschen verursachten Klimawandel zur\u00fcckf\u00fchren lassen, wie D\u00fcrren oder \u00dcberschwemmungen. Die m\u00fcssten, wenn der Verursacher der Mensch ist, ohnehin Menschenkatastrophen hei\u00dfen. Was ist Corona? Etwas, das sich in der Natur unabh\u00e4ngig vom Menschen als Mutation ereignet hat, oder etwas, das am Ende ebenfalls der Mensch selbst mitverursacht hat, weil er eine Fledermaus gegessen oder im Labor nicht aufgepasst hat? Die Verbreitung ist menschengemacht, aber ob es auch die Existenz an sich ist?<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Nachmittags machen Maik und ich einen Spaziergang, damit wir nicht nur drinnen hocken und etwas Bewegung bekommen. Au\u00dferdem brauchen wir Brot. Wir entschlie\u00dfen uns, etwas im Edeka hinter dem Bahnhof einzukaufen. Zum ersten Mal sehe ich heute Klebestreifen auf dem Boden, damit die Menschen an der Kasse den erforderlichen Abstand zueinander einhalten. An der B\u00e4ckertheke st\u00f6rt mich, dass die Verk\u00e4uferin so dicht \u00fcber der Auslagenware h\u00e4ngt. Ihr Oberk\u00f6rper lehnt auf ihren Armen, die sie auf der Theke verschr\u00e4nkt hat, als sie zur Begr\u00fc\u00dfung ein \u201eNichts los heute\u201c in die Teilchen direkt unter ihr spricht.<\/p>\n<p>Abends hat Maik zum ersten Mal eine Videokonferenz. Er ist aktives Mitglied in einem Kulturverein. Im Gegensatz zu anderen Eventanbietern muss sich der Verein angesichts des Veranstaltungsverbots weniger gro\u00dfe Sorgen machen. Trotzdem aber Sorgen. Abends gibt es daher eine virtuelle Mitgliederkonferenz \u00fcber ein bestimmtes Konferenzprogramm, dass irgendjemand, der sich mit sowas auskennt, vorgeschlagen hat. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie lange der Verein ohne Einnahmen durch Veranstaltungen finanziell stabil ist, und vor allem, wie lange die zwei festangestellten Teilzeitkr\u00e4fte noch besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr Maik ist die Teilnahme an der Videokonferenz allerdings nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, weil seine Heimtechnik f\u00fcr sowas nicht eingerichtet ist. Das Programm findet sein Mikrofon nicht, der Rechner hat nicht genug Kapazit\u00e4t, die Bandbreite reicht nicht f\u00fcr die Video\u00fcbertragung. Der Bildschirm-Maik bewegt sich in minimal Stock-Motion, die Audio-Beitr\u00e4ge der anderen sind in sehr unterschiedlicher Qualit\u00e4t zu h\u00f6ren. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der zw\u00f6lf Teilnehmer*innen hat technische Probleme. Letztendlich wird das Meeting von denjenigen gef\u00fchrt, die eine passende technische Ausstattung besitzen und sich zudem schnell mit der Bedienung des Konferenzprogramms zurechtfinden.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Der Freitag online: <em>Die Welt nach Corona wird jetzt ausgehandelt.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/die-welt-nach-corona-wird-jetzt-ausgehandelt\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/die-welt-nach-corona-wird-jetzt-ausgehandelt<\/a> [Aufruf: 21.03.2020]<\/p>\n<p>Schreiner, Patrick (2019): <em>Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf den Neoliberalismus<\/em>. 3. Auflage (2017), PapyRossa Verlag, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sonntag, 22. M\u00e4rz 2020<br \/>\nPandemisches Patchwork<\/h3>\n<p><strong>Familienleben:<\/strong><\/p>\n<p>Maik hat Sorgen. Er hat einen 19-j\u00e4hrigen Sohn und eine 15-j\u00e4hrige Tochter, das Sorgerecht hat die Mutter, also die Ex von Maik. Ich kenne Maik ja erst seit f\u00fcnf Wochen, aber seine Kinder waren von Anfang an ein Thema. Kurznachrichten und Anrufe habe ich mitbekommen, einmal die Woche \u00fcbernachtet seine Tochter bei ihm. Ich habe den Eindruck, wie er es selbst sagt, dass seine Ex und er das insgesamt alles ganz gut hinbekommen. Heute gibt es allerdings Probleme. Maik hat den Eindruck hat, dass Mutter und Tochter mit der Corona Situation recht unbedarft umgehen. Unter anderem hatte er mitbekommen, dass sich seine Tochter noch mit Freund*innen zum Grillen getroffen hatte, als das schon nicht mehr als \u201esolidarisch\u201c galt. F\u00fcr die Mutter war das okay gewesen. Jetzt wollen Mutter und Tochter aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden, dass seine Tochter wieder bei ihm \u00fcbernachtet. Das beunruhigt ihn, weil er ja nicht genau wei\u00df, was sie in den letzten Tagen getrieben hat. Das hat er seiner Ex gesagt, sie hat es der Tochter erz\u00e4hlt und heute h\u00e4ngt ein dicker Familienkonflikt in der Luft. Die Tochter schickt ihm eine Sprachnachricht. Ich h\u00f6re nur \u201eMama hat gesagt, dass du dich weiter mit deiner Freundin triffst, aber mich willst du nicht sehen\u201c. Ich gehe aus dem Raum.<\/p>\n<p>Patchwork-Familien stehen in dieser Situation nochmal vor einer besonderen Herausforderung. Erstens, weil es unterschiedliche Handhabungen gibt, solange es keine einheitlichen Ansagen gibt, und zweitens, weil sich der Kontaktpersonenkreis unweigerlich potenziert. Seine Ex hat einen neuen Partner, der noch bei seiner Familie lebt, Maik trifft jetzt mich, wen seine Tochter in letzter Zeit alles getroffen hat, wei\u00df er nicht genau. Trotzdem ist es auch in Coronazeiten keine Option, dass ein Vater zu seiner eigenen Tochter sagt: Ich will dich nicht sehen. Es ist vielleicht nur ein leises Beispiel, aber ich denke, dass alternative Familien oder Beziehungsmodelle bei der Krisenbek\u00e4mpfung nicht wirklich mitgedacht werden. Maik und seine Ex verstehen sich zum Gl\u00fcck als ein Team. Ich kenne aber auch Paare, bei denen die gemeinsame Elternschaft nach der Trennung \u00fcberhaupt nicht mehr funktioniert, obwohl es regelm\u00e4\u00dfige Besuche gibt. Vielleicht ist es \u00fcbertrieben, aber ich denke, solange an die freiwillige Selbstverantwortung appelliert wird, stehen Patchwork-Familien vor einer besonderen Herausforderung, weil sie eben getrennt an einem Strang ziehen m\u00fcssen. F\u00fcr Maik war es zumindest eine Erleichterung, als in den Nachrichten am Abend verk\u00fcndet wurde, dass ab jetzt bundesweit eine Ausganssperre greift und sich Menschen nur noch zu zweit oder als Familie drau\u00dfen \u201eversammeln\u201c d\u00fcrfen. Eine klare, generelle Ansage von oben hat in diesem Fall geholfen.<\/p>\n<p><strong>Politik:<\/strong><\/p>\n<p>Am heutigen Abend wurde der bundesweite geltende \u201eNeun Punkte Plan\u201c der Regierung verk\u00fcndet. Zusammengefasst auf Spiegel online:<\/p>\n<ul>\n<li>Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger werden angehalten, die Kontakte zu anderen Menschen au\u00dferhalb der Angeh\u00f6rigen des eigenen Hausstands auf ein absolut n\u00f6tiges Minimum zu reduzieren.<\/li>\n<li>In der \u00d6ffentlichkeit ist, wo immer m\u00f6glich, zu anderen als den Angeh\u00f6rigen des eigenen Hausstands, ein Mindestabstand von mindestens 1,5 Metern, besser noch zwei Metern einzuhalten.<\/li>\n<li>Der Aufenthalt im \u00f6ffentlichen Raum ist nur alleine, mit einer weiteren nicht im Haushalt lebenden Person oder im Kreis der Angeh\u00f6rigen des eigenen Hausstands gestattet. Verst\u00f6\u00dfe gegen die Kontaktbeschr\u00e4nkungen sollen von den Ordnungsbeh\u00f6rden und der Polizei \u00fcberwacht und bei Zuwiderhandlungen sanktioniert werden.<\/li>\n<li>Der Weg zur Arbeit, zur Notbetreuung, Eink\u00e4ufe, Arztbesuche, Teilnahme an Sitzungen, erforderlichen Terminen und Pr\u00fcfungen, Hilfe f\u00fcr andere oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft sowie andere notwendige T\u00e4tigkeiten bleiben selbstverst\u00e4ndlich weiter m\u00f6glich.<\/li>\n<li>Gruppen feiernder Menschen auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, in Wohnungen sowie privaten Einrichtungen sind angesichts der ernsten Lage in unserem Land inakzeptabel. Verst\u00f6\u00dfe gegen die Kontaktbeschr\u00e4nkungen sollen von Polizei und Ordnungsbeh\u00f6rden \u00fcberwacht und bei Verst\u00f6\u00dfen sanktioniert werden.<\/li>\n<li>Gastronomiebetriebe werden geschlossen. Davon ausgenommen ist die Lieferung und Abholung mitnahmef\u00e4higer Speisen f\u00fcr den Verzehr zu Hause.<\/li>\n<li>Dienstleistungsbetriebe im Bereich der K\u00f6rperpflege wie Friseure, Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoostudios und \u00e4hnliche Betriebe werden geschlossen, weil in diesem Bereich eine k\u00f6rperliche N\u00e4he unabdingbar ist. Medizinisch notwendige Behandlungen bleiben weiter m\u00f6glich.<\/li>\n<li>In allen Betrieben und insbesondere solchen mit Publikumsverkehr ist es wichtig, die Hygienevorschriften einzuhalten und wirksame Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr Mitarbeiter und Besucher umzusetzen.<\/li>\n<li>Diese Ma\u00dfnahmen sollen eine Geltungsdauer von mindestens zwei Wochen haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Spiegel online: \u201e<em>Die Einschr\u00e4nkungen sind Regeln, keine Empfehlungen&#8220;<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/angela-merkel-zur-coronakrise-die-einschraenkungen-sind-regeln-keine-empfehlungen-a-4d499147-8ab7-4cd7-a86c-53eda0742b44\">https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/angela-merkel-zur-coronakrise-die-einschraenkungen-sind-regeln-keine-empfehlungen-a-4d499147-8ab7-4cd7-a86c-53eda0742b44<\/a> [Aufruf: 22.03.2020]<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3>Montag, 23. M\u00e4rz 2020<br \/>\nGummib\u00e4rchen statt Klopapier und Statistikr\u00e4tsel<\/h3>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Ich empfinde den Neun-Punkte-Plan der Regierung von gestern Abend als entlastend. Zum einen ist das, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe, jetzt eingetreten. Zweitens muss ich mir keine Gedanken mehr dar\u00fcber machen, ob ich mich komisch verhalte, wenn ich vorsichtig bin. Vor einer Woche habe ich den ganzen Tag Handschuhe benutzt, selbst als ich nur mit dem Fahrstuhl in den Waschkeller gefahren bin. Als eine dreik\u00f6pfige Familie zustieg, bin mir ziemlich d\u00e4mlich vorgekommen. Ich habe nur Leute gesehen, die sich anscheinend v\u00f6llig frei bewegen. Ich habe das dann wieder gelassen mit den Handschuhen. Ich dachte, wenn mich andere sehen, denken, ich habe einen Spleen, bin extrem paranoid. Hier wohnen aber auch furchtbar viele sehr junge Menschen im Haus. Wenn ich 75 Jahre alt w\u00e4re, h\u00e4tte ich mich mit den Handschuhen wahrscheinlich nicht so bescheuert gef\u00fchlt. Seit der Regierungsansage bilde ich mir ein, dass sich mehr Menschen vorsichtig verhalten, dass wir uns wieder mehr einig sind oder sein m\u00fcssten, da die Autorit\u00e4t ein Machtwort gesprochen hat.<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Ich h\u00f6re ein Interview auf Deutschlandradio mit dem Krisenforscher Frank Roselieb. Er sagt in Bezug auf die Hamsterk\u00e4ufe in Deutschland etwas, das ich unglaublich interessant finde:<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>Roselieb: Ich w\u00fcrde, ehrlich gesagt, nicht Nudeln kaufen. Ich w\u00fcrde auch kein Toilettenpapier hamstern. Ich w\u00fcrde vielleicht langsam anfangen, Gummib\u00e4rchen oder Schokok\u00fcsse zu hamstern. Es gibt seit vielen Jahrzehnten weit vor Corona in Deutschland rund 150 geheim gehaltene Orte, an denen die Bundesanstalt f\u00fcr Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung sehr gro\u00dfe Lebensmittellager unterh\u00e4lt. Die sind so dimensioniert, dass man die Bev\u00f6lkerung in Deutschland f\u00fcr rund drei Wochen komplett autonom versorgen k\u00f6nnte. Da finden Sie nicht die Gummib\u00e4rchen. Die k\u00f6nnten Sie jetzt wirklich hamstern. Aber alles andere ist da tats\u00e4chlich vorhanden. Der Grund daf\u00fcr, dass man das der Bev\u00f6lkerung nicht gesagt hat, h\u00e4ngt mit dem Terrorismus zusammen. Es w\u00e4re im Moment wesentlich transparenter, was diese Bev\u00f6lkerungsinformation angeht. Das geht jetzt einfach nicht mehr, weil der Feind sozusagen mith\u00f6rt und da wird man vielleicht sich auch im Nachgang \u00fcberlegen m\u00fcssen, ob man nicht ein bisschen Transparenz zeigt, damit der B\u00fcrger nicht auf den Gedanken kommt, f\u00fcr die n\u00e4chsten 30 Jahre Krisenmanagement Toilettenpapier zu hamstern.<\/em><\/p>\n<p>Wow! Wenn das mal kein Futter f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheoretiker ist: Die politische Elite wei\u00df also, wo die bundesrepublikanischen Notvorr\u00e4te gebunkert sind. Das Volk darf es nicht wissen, weil es der Terrorist nicht wissen darf?! Psychologisch gesehen tut mir die Vorstellung gut, dass nach dieser Information alle Deutschen s\u00e4ckeweise S\u00fc\u00dfigkeiten nach Hause tragen. Allerdings stellt sich aber auch unweigerlich die Frage, WAS GENAU in diesen geheimen Vorratslagern denn gelagert wird? Der imagin\u00e4re deutsche Warenkorb ist mir, z.B. im Kontext von Hartz IV, immer mal wieder begegnet. Ich kann ihn gerade nicht aufz\u00e4hlen, aber ich wei\u00df noch, dass ich erstaunt war und die Zusammenstellung nicht lebensnah fand. Jetzt bin ich sehr neugierig. Was lagert denn da? Wer legt fest, was, warum und wie viel davon? Und ist wirklich Terrorismus der Grund, dass die Bev\u00f6lkerung nichts davon wei\u00df? Das freudige Bild von deutschen Kellerregalen voller Gummib\u00e4rchen und Schokok\u00fcsse weicht dem dumpfen Gef\u00fchl, dass es existenzielle Geheimnisse in dieser Republik gibt.<\/p>\n<p>Vorratshaltung ist aber ohnehin ein wunder Punkt f\u00fcr mich. Wenn ich mir die j\u00fcngst popul\u00e4r gewordenen Empfehlungen dazu anschaue, was man ohnehin immer vorr\u00e4tig haben sollte, d\u00fcrfte es so kleine Apartments wie meins gar nicht geben. Coronapolitik kommt aus freistehenden H\u00e4usern mit amerikanischen K\u00fchlschr\u00e4nken, ger\u00e4umigen Kellern und Garten.<\/p>\n<p>An das Geheimnis der staatlichen Vorratslager schlie\u00dft sich das R\u00e4tsel um die Infizierten-Statistik an. In den letzten Tagen war \u00fcber einige Quellen zu vernehmen, dass die Statistiken eigentlich Humbug sind. Also nicht ganz, aber die Zahlen, die gerne als Fakten pr\u00e4sentiert werden, sind als hochgradig relativ zu bewerten. Das liegt ja eigentlich auf der Hand. Wenn mehr getestet wird, steigt somit auch die Zahl der erkannten Infizierten, wobei aber in verschiedenen Region unterschiedlich viel getestet wird.<\/p>\n<p>Als Informant f\u00fcr die statistische Entwicklung der Pandemie hat hierzulande die amerikanische Johns Hopkins Universit\u00e4t mit ihrer weltweiten Karte j\u00fcngst dem Robert Koch Institut den Rang abgelaufen. Ich frage mich, wie sich irgendjemand erdreisten kann, genaue Zahlen zu benennen, wo doch allen klar sein sollte, dass die Erhebungssituationen v\u00f6llig unterschiedlich sind und nirgendwo absolut? Tendenzen, Trends vielleicht. So traurig es ist, am verl\u00e4sslichsten sind die Toten, und selbst die nur unter der Voraussetzung, dass die Todesursache bestimmt und transparent gemacht wird. Wenn gleichzeitig ein Wettkampf l\u00e4uft, wer oder welches Regime mit der Pandemie \u201eam besten zurechtkommt\u201c oder Staaten aufgrund ihrer Infrastruktur gar nicht in der Lage sind, Fallzahlen zu erheben, sind s\u00e4mtliche weltweiten Vergleichs-Statistiken hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Endlich, nach \u00fcber zwei Wochen habe ich im Lidl eine Packung Klopapier bekommen. Ich kaufe normalerweise eine achter Packung, weil die zu meinem Stauraum passt, heute gab\u2019s aber nur eine zehner. Auch gut, immerhin, es geht wieder bergauf in Sachen Klopapier. Wenn das nicht mal ein gutes Zeichen ist! Zum ersten Mal habe ich auch einen Security-Mann in \u201emeinem\u201c Lidl gesehen. Im n\u00e4chsten Stadtviertel, das als sozialer Brennpunkt gilt, ist das normaler Standard. Da muss die Security immer aufpassen, dass nicht geklaut wird. Ich f\u00fchle mich okay mit der Security, aber ich w\u00fcsste auch gerne, warum genau sie da ist. Abstand einhalten? Nur eine Packung Klopapier pro Person? Der Mann tr\u00e4gt im \u00dcbrigen nicht einmal einen Mundschutz. D\u00fcrfte der so jemanden ansprechen und zurechtweisen? Mein letzter Paketbote war da besser ausgestattet.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Deutschlandradio: <em>Krisenmanagement in Zeiten von Corona. \u201eDer dezentrale Ansatz macht Sinn.\u201c<\/em> (Interview mit Krisenforscher Frank Roselieb, Direktor des Instituts f\u00fcr Krisenforschung an der Christian-Albrechts-Universit\u00e4t in Kiel) <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/krisenmanagement-in-zeiten-von-corona-der-dezentrale-ansatz.694.de.html?dram:article_id=473205\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/krisenmanagement-in-zeiten-von-corona-der-dezentrale-ansatz.694.de.html?dram:article_id=473205<\/a> [Aufruf: 23.03.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Dienstag, 24.03.2020<br \/>\nEin neuer Partner ist Sonderrisiko<\/h3>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Seit heute stehen die gelieferten Zahlen des Robert Koch Instituts in Frage. Es gibt gro\u00dfe Meldel\u00fccken. Die wichtigsten Gr\u00fcnde laut Spiegel online:<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>\u201eAn den Wochenenden melden einige St\u00e4dte und Landkreise keine neuen F\u00e4lle <\/em><em>[\u2026] In fast zehn Prozent der St\u00e4dte und Landkreise mit mindestens 50 F\u00e4llen stammt bis heute die j\u00fcngste dem RKI bekannte Meldung noch von vor dem Wochenende.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hinzu kommen technische Probleme, abgerissene Meldeketten. Und das passiert in Deutschland(!), ohne meine Staatsangeh\u00f6rigkeit \u00fcberbewerten zu wollen. Aber ich denke doch, wenn es hier schon schlecht l\u00e4uft, l\u00e4uft es woanders wahrscheinlich noch schlechter und in der aktuellen Karte der Johns Hopkins Universit\u00e4t werden gerade internationale Daten verbildlicht.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Abendliches Telefonat mit meinen Eltern. Sie sprechen es endlich aus: \u201e(Bei aller Liebe) uns w\u00e4re es lieber, wenn wir uns erstmal nicht sehen. Du hast ja diesen neuen Bekannten und wir wissen nicht, was der so macht.\u201c Danke! Meine Eltern hatten Angst, sie w\u00fcrden mich mit dieser Ansage entt\u00e4uschen, und ich hatte Angst, ich entt\u00e4usche sie, wenn ich sage, dass ich besser erstmal nicht vorbeikomme. Aber es nagt mich trotzdem an, weil ich das Gef\u00fchl habe, ich m\u00fcsste mich zwischen Maik und meinen Eltern entscheiden. Wenn ich ihn nicht treffen w\u00fcrde, k\u00f6nnten wir uns ja sehen. Wir einigen uns darauf, dass ich sofort zur Stelle bin, wenn sich meine Eltern unwohl f\u00fchlen, beim Einkaufen oder sonst was Hilfe brauchen, und wir dann Abstand einhalten.<\/p>\n<p>Ich bin nicht bereit, f\u00fcr meine Eltern auf den neuen m\u00e4nnlichen \u2013 und aktuell einzigen! \u2013 privaten Kontakt in meinem Leben zu verzichten. Und ich habe das Gef\u00fchl, Maik verteidigen zu m\u00fcssen. Ich schiebe vor, was auch stimmt, dass ich in n\u00e4chster Zeit wieder h\u00e4ufiger ins Institut muss, um mein Seminar vorzubereiten, und ich mich nicht mehr so isolieren k\u00f6nnen werde, wie ich es die letzten zwei Wochen getan habe. Ich mache meinen Eltern deutlich, dass ich mich demn\u00e4chst wieder mehr \u201edrau\u00dfen\u201c bewegen werde, um Maik nicht als einzige Gefahrenquelle dastehen zu lassen. Aber das ist er nun einmal, eine viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr als ein etablierter Partner. Er ist die einzige Person, mit der ich seit \u00fcber zwei Wochen direkten Kontakt habe, aber eben der Neue und somit ein unberechenbares Risiko f\u00fcr meine Eltern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Mittwoch 25.03.2020<br \/>\nDer Hermesbote hat Stress, ich nicht<\/h3>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Ich beginne meinen Tag wie \u00fcblich am fr\u00fchen Mittag mit Kaffee und Deutschlandradio, aber mein Corona-Informationsbed\u00fcrfnis ist im Verglich zu den Tagen davor deutlich abgeflaut. Danach lese ich Texte quer Beet. Ich f\u00fchle mich gut, bin motiviert und produktiv. Es kommt mir so vor, als habe ich mich in die gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nde eingefunden. Drau\u00dfen scheint die Sonne, im Hof ist Kinderlachen zu h\u00f6ren. Eigentlich ein ganz normaler Tag, vielleicht sogar etwas sch\u00f6ner. Alles sieht so friedlich aus.<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Nachmittags klingelt wieder der Hermes Paketbote. Derselbe, der neulich mit dem falschen Paket da war. Ich bekomme ein Buch, au\u00dferdem habe ich DVDs und Lakritz f\u00fcr Schwester und Schwager in der Schweiz bestellt. Das will ich ihnen als kleines Corona Care Paket, also als kleine \u00dcberraschung schicken. Ich frage, wie es ihm geht. Er keucht, gut, gut, sagt er, viel Arbeit, dann ist er schon wieder weg.<\/p>\n<p>Am Abend kommt Maik zu Besuch. Als Abendessen gibt es Take away. Viele Imbisse haben die Situation so gel\u00f6st, dass ein Tisch quer im Eingang steht, sodass niemand reinkommen kann. Die Bestellungen werden sozusagen zwischen T\u00fcr und Angel aufgenommen. Vegane Falafel f\u00fcr ihn, Lahmacun mit D\u00f6nerfleisch f\u00fcr mich. Wir machen uns einen gem\u00fctlichen Abend mit einem Film.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Donnerstag, 26.03.2020<br \/>\nSchutzgut Mensch: Vers\u00e4umter Schutz und das Rezept aus Wien<\/h3>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Maik und ich schlafen lange aus. Es ist sch\u00f6n, ihn hier zu haben, neben ihm aufzuwachen, zusammen Kaffee auf dem Balkon zu trinken. Als ich nach der Dusche aus dem Bad komme, ist das Bett gemacht. Seins macht er nie, ich habe es \u00f6fters gemacht, wenn ich bei ihm war. Jetzt hat er meins gemacht. Ich habe extra Sojamilch, braunen Rohrzucker und Marmelade f\u00fcr ein veganes Fr\u00fchst\u00fcck eingekauft, aber er will nichts, nur einen zweiten Kaffee. So ein gen\u00fcgsamer, lieber Mensch.<\/p>\n<p>Ich frage mich, ob sich unser Wir, wo wir uns doch gerade erst zusammenfinden, ohne Corona anders anf\u00fchlen w\u00fcrde. Wir sind beide Partyleute, Wochenende hei\u00dft Ausgang, zumindest wenn es eine Party zu unseren Genres gibt. Bekannte und Gleichgesinnte treffen, laut Musik h\u00f6ren, tanzen, trinken, gerne bis morgens. Das gibt es jetzt nicht, aber mir fehlt es seltsamerweise nicht so sehr, wie ich gedacht h\u00e4tte. Ihm scheint es genauso zu gehen. Wir sind dazu gezwungen, von Anfang an intensiv Zeit miteinander zu verbringen und das funktioniert sehr gut. Gleichzeitig bin ich auch froh, dass wir nirgendwo zusammen auftauchen und als Paar wahrgenommen werden. Soweit bin ich trotz allem Guten noch nicht. Corona gibt mir in diesem Sinne einen willkommenen Puffer, um mir \u00fcber diese Beziehung klar zu werden.<\/p>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem Maik fort ist, fahre ich ins Institut, um Unterlagen zusammenzusuchen, die ich mit nach Hause nehmen will. Au\u00dferdem hat eine Kollegin angeregt, dass alle, jetzt wo die Bibliotheken geschlossen sind, ihre vorhandenen Texte in digitaler Form sichten, um sie auf einem Server hochzuladen. Die meisten sind gerade wie ich mit der Planung der kommenden Lehrveranstaltungen besch\u00e4ftigt und ich finde das eine super Idee. H\u00e4tte man eigentlich schon viel fr\u00fcher machen sollen, einen digitalen zentralen Textspeicher einrichten, mit allem, was man so im Laufe der Zeit eingescannt hat. Sicher befinden sich bestimmte Grundlagentexte dutzendfach auf den Rechnern. So eine Textdatenbank w\u00e4re doch wirklich klasse.<\/p>\n<p>Im Institut treffe ich nur eine Kollegin. Sie hat zwei kleine Kinder und ist heute mal gekommen, weil sie in Ruhe arbeiten m\u00f6chte. Ihr Mann hat sich die letzten Monate um die Kinder gek\u00fcmmert, jetzt wollte er sich eigentlich einen neuen Job suchen. Er wird wohl noch ein paar Monate l\u00e4nger zuhause bleiben als geplant. Wenn ich T\u00fcren anfasse, ziehe ich mir immer den Pulli \u00fcber die H\u00e4nde. Im Haus ist es verdammt kalt. Alle haben die Heizung in ihren B\u00fcros runter gedreht, bevor sie ins Homeoffice gegangen sind. In meiner Winterjacke und mit einer Kanne Tee durchforste und ordne ich mein Sammelsurium an digitalen Texten. War eh mal n\u00f6tig.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Um sechs schwinge ich mich aufs Rad und fahre nach Hause. Mir macht das Fahrradfahren mittlerweile richtig Spa\u00df. Die Bewegung tut gut, au\u00dferdem bin ich fr\u00fcher schon immer gerne Rad gefahren, allerdings ausschlie\u00dflich als Freizeitbesch\u00e4ftigung. Ich freue mich, dass ich das Radfahren durch Corona widerentdeckt habe. Im Freiburger Stadtverkehr f\u00fchle ich mich ein bisschen wie eine Anf\u00e4ngerin, weil ich die ganzen coolen Abk\u00fcrzungsstrategien an Ampeln etc. noch nicht drauf habe. Nach zwei Dritteln des Weges ruft pl\u00f6tzlich jemand Hallo! Es ist ein Kollege, wir machen \u00f6fters eine Zigarettenpause zusammen. Ich stoppe, kehre um und unterhalte mich \u00fcber die Stra\u00dfe hinweg mit ihm. Dann sage ich, ach was, wir sollten eine Zigarette zusammen rauchen, mit dem geb\u00fchrenden Abstand versteht sich. Er kommt r\u00fcber, wir rauchen.<\/p>\n<p>Mein Kollege ist 50 Jahre alt und alleinstehend. Er sagt, ihm fehlt der soziale Kontakt, die Ansprache, die er sonst im Kollegenkreis hat. Noch dazu hat sich mein Kollege \u2013 sehr bewusst \u2013 gegen Internet zuhause entschieden. Homeoffice ist f\u00fcr ihn nicht realisierbar. Er ist kein Fahrradfahrer und die Tram mag er wegen Corona auch nicht benutzen. Deswegen geht er nun an einigen Tagen in der Woche zu Fu\u00df ins Institut, ca. 50 Minuten pro Strecke. Als Nicht-Digitaler hat er zudem auch noch sein Hobby verloren: Filme. Die hat er sich bisher immer in der Stadtteilb\u00fccherei auf DVD ausgeliehen. Die ist jetzt zu. Daf\u00fcr hat er jetzt einen Fernseher. 20 Jahre lang habe er keinen gehabt, aber jetzt habe ihm ein Freund einen alten gebrauchten geschenkt, und ja, der Fernseher w\u00fcrde es schon ein bisschen besser machen.<\/p>\n<p>Viele, die es wollen, haben kein Highspeed Internet, andere besitzen einfach nicht die erforderliche digitale Ausstattung, um von zuhause zu arbeiten. Maik konnte ja auch nicht aktiv an der Videokonferenz seines Vereins teilnehmen. Ich beschlie\u00dfe, meinem Kollegen ein Unterhaltungsangebot aus meinen eigenen DVDs zusammenzustellen. Irgendwann werden wir uns n\u00e4chste Woche wohl mal im Institut sehen. Es ist wirklich seltsam. Ich, die immer Homeoffice propagiert hat, freut sich jetzt, zur Arbeitsst\u00e4tte zu fahren. Ja, mir fehlen sie auch alle, die Kolleginnen und Kollegen.<\/p>\n<p>Abends langes Telefonat mit einer Freundin aus D\u00fcsseldorf. Im Ballungsgebiet scheint Einkaufen deutlich schwieriger zu sein als hier bei mir, am Rand von Freiburg. Sie und ihr Freund versuchen nun tats\u00e4chlich schon seit zwei Wochen Klopapier zu kaufen. Und sie haben da viele L\u00e4den, in D\u00fcsseldorf. Sie haben sich vorerst mit einem P\u00e4ckchen Taschent\u00fcchern begn\u00fcgt, das sie noch irgendwo ergattert haben. Auch Nudeln, Sahne, Salz \u2013 Fehlanzeige seit Tagen.<\/p>\n<p>Das letzte Mal haben wir am Donnerstag, den 12. M\u00e4rz telefoniert. Eigentlich hatte sie mich vom 13. bis 15. M\u00e4rz besuchen wollen. An dem Mittwoch zuvor, dem 11. M\u00e4rz, war das 30 Kilometer entfernte Elsass zum Risikogebiet erkl\u00e4rt worden. Corona war pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr. Wie sich die Situation in Freiburg entwickeln w\u00fcrde, war nicht abzusehen. Ich riet ihr, nicht zu kommen, weil sie, falls Freiburg w\u00e4hrend ihres Aufenthalts ebenfalls zum Risikogebiet erkl\u00e4rt werden w\u00fcrde, nach ihrer R\u00fcckkehr 14 Tage in Quarant\u00e4ne m\u00fcsse. Obendrein hatte sie gerade eine heftige Erk\u00e4ltung mit wirklich fiesem Husten und wollte mit dem Zug reisen (und neben mir in einem Bett schlafen). Wir entschieden gemeinsam, dass sie besser nicht kommt. Im heutigen Telefonat lassen wir alles nochmal Revue passieren. Es ist gerade zweieinhalb Wochen her, kommt mir aber schon viel l\u00e4nger vor. Ich sage, es war die richtige Entscheidung, dass du nicht gekommen bist. Sie sagt, auf alle F\u00e4lle und wei\u00dft du was, ich habe in meinem Kalender \u201eCorona Wendepunkt\u201c am 12. M\u00e4rz eingetragen, da habe ich es erst begriffen. Ich auch meine Liebe. Bis zum 12. M\u00e4rz habe ich gedacht, da drau\u00dfen gibt es ein Virus, aber irgendwie tickt bei mir alles ganz normal weiter. Dann reden wir noch \u00fcber Allerlei, aber auch immer wieder \u00fcber Corona. Sie empfiehlt mir Frontal 21 vom Dienstag dieser Woche.<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Ich schaue mir Frontal 21 vom 24. M\u00e4rz 2020 an. Der Beitrag, um den es meiner Freundin ging, berichtet dar\u00fcber, dass das Robert Koch Institut bereits im Jahr 2013 dem Bundestag eine Risikoanalyse vorgelegt hat, in der ziemlich genau die jetzige Situation prognostiziert wird, verbunden mit der Empfehlung, rechtzeitig daf\u00fcr zu sorgen, dass es unter anderem gen\u00fcgend Atemschutzmasken, Einweghandschuhe und Desinfektionsmittel gibt, weil hier Engp\u00e4sse bei der Lieferkette bef\u00fcrchtet werden. Ich bin entsetzt! Ich war bereit gewesen, noch weitergehende Beschr\u00e4nkungen meiner B\u00fcrgerrechte zu akzeptieren, wenn sich die Verbreitung des Virus dadurch eind\u00e4mmen lie\u00dfe. Ich h\u00e4tte noch strengere Vorgaben als die, die wir haben, seitens der Politik unterst\u00fctzt. Der Bericht \u00fcber die vers\u00e4umte Vorsorge ersch\u00fcttert mein Vertrauen in die Politik zutiefst. Ist die Vorsorge einem Sparkurs im Bundeshaushalt zum Opfer gefallen? Wurde nicht recht priorisiert? Ich bin beeindruckt, wie genau das Robert Koch Institut die Dinge scheinbar vorausgesehen hat. Das Dokument ist als \u201eDrucksache 17\/12051\u201c des deutschen Bundestages zu finden, \u201eBericht zur Risikoanalyse im Bev\u00f6lkerungsschutz 12\u201c.<\/p>\n<p>Ausz\u00fcge:<\/p>\n<p><em>Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus, welches den Namen Modi-SARS-Virus erh\u00e4lt. Mehrere Personen reisen nach Deutschland ein, bevor den Beh\u00f6rden die erste offizielle Warnung durch die WHO zugeht. Darunter sind zwei Infizierte, die durch eine Kombination aus einer gro\u00dfen Anzahl von Kontaktpersonen und hohen Infektiosit\u00e4t stark zur initialen Verbreitung der Infektion in Deutschland beitragen. Obwohl die laut Infektionsschutzgesetz und Pandemiepl\u00e4nen vorgesehenen Ma\u00dfnahmen durch die Beh\u00f6rden und das Gesundheitssystem schnell und effektiv umgesetzt werden, kann die rasche Verbreitung des Virus aufgrund des kurzen Intervalls zwischen zwei Infektionen nicht effektiv aufgehalten werden. Zum H\u00f6hepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt. Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen. <\/em>[\u2026] <em>Nachdem die erste Welle abklingt, folgen zwei weitere, schw\u00e4chere Wellen, bis drei Jahre nach dem Auftreten der ersten Erkrankungen ein Impfstoff verf\u00fcgbar ist. Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass es erstens die gesamte Fl\u00e4che Deutschlands und alle Bev\u00f6lkerungsgruppen in gleichem Ausma\u00df betrifft, und zweitens \u00fcber einen sehr langen Zeitraum auftritt. Bei einem Auftreten einer derartigen Pandemie w\u00e4re \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahren mit drei voneinander getrennten Wellen mit immens hohen Opferzahlen und gravierenden Auswirkungen auf unterschiedliche Schutzgutbereiche zu rechnen. <\/em>(S. 5-6)<\/p>\n<p><em>Das hypothetische Modi-SARS-Virus ist mit dem nat\u00fcrlichen SARS-CoV in fast allen Eigenschaften identisch<\/em> [\u2026] <em>Die Letalit\u00e4t ist mit 10% der Erkrankten hoch, jedoch in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt. Kinder und Jugendliche haben in der Regel leichtere Krankheitsverl\u00e4ufe mit Letalit\u00e4t von rund 1%, w\u00e4hrend die Letalit\u00e4t bei \u00fcber 65-J\u00e4hrigen bei 50% liegt<\/em> [\u2026] <em>Mit Auftreten der ersten Symptome sind die infizierten Personen ansteckend. Dies ist der einzige Unterschied in der \u00dcbertragbarkeit zwischen dem hypothetischen Modi-SARS und dem SARS-CoV \u2013 der nat\u00fcrlich vorkommende Erreger kann erst von Mensch zu Mensch \u00fcbertragen werden, wenn eine Person bereits deutliche Krankheitssymptome zeigt. Zur Behandlung stehen keine Medikamente zur Verf\u00fcgung, so dass nur symptomatisch behandelt werden kann. Ein Impfstoff steht ebenfalls f\u00fcr die ersten drei Jahre nicht zur Verf\u00fcgung. Neben Einhaltung von Hygienema\u00dfnahmen k\u00f6nnen Schutzma\u00dfnahmen in dem Sinne also ausschlie\u00dflich durch Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverd\u00e4chtiger, sowie den Einsatz von Schutzausr\u00fcstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden. Absonderung, Isolierung und Quarant\u00e4ne sind aber nur von begrenzter Wirksamkeit, da schon bei Beginn der Symptomatik eine sehr ausgepr\u00e4gte Infektiosit\u00e4t besteht (Fraser et al., 2004) Die Infektionskrankheit breitet sich sporadisch und in Clustern aus. Eine \u00dcbertragung findet insbesondere \u00fcber Haushaltskontakte und im Krankenhausumfeld, aber auch in \u00f6ffentlichen Transportmitteln, am Arbeitsplatz und in der Freizeit statt.<\/em> (S. 58-59)<\/p>\n<p>Der Mensch taucht in den Risikoanalysen als \u201eSchutzgut MENSCH\u201c auf mit den \u201eSchadensparametern: Tote (M<sub>1<\/sub>); Verletzte und Erkrankte (M<sub>2<\/sub>); Hilfebed\u00fcrftige (M<sub>3<\/sub>) und Vermisste (M<sub>4<\/sub>). Weitere Schutzg\u00fcter sind: UMWELT, VOLKSWIRTSCHAFT, IMMATERIELL \u2013 Schutzg\u00fcter sind immer in Kapitalen geschrieben. Und das sind die vier, die wir in der BRD haben. Zum IMMATERIELLEN Schutzgut geh\u00f6ren \u00fcbrigens die Schadensparameter: Auswirkungen auf die \u00f6ffentliche Sicherheit und Ordnung (I<sub>1<\/sub>); Politische Auswirkungen (I<sub>2<\/sub>); Psychologische Auswirkungen (I<sub>3<\/sub>) und Sch\u00e4digung von Kulturgut (I<sub>4<\/sub>). Tote als Schadensparameter beim Schutzgut MENSCH leuchtet mir noch ein. Die kann man z\u00e4hlen, vorausgesetzt jeder Tod wird auf die genaue Ursache zur\u00fcckgef\u00fchrt. Dass die psychologischen Auswirkungen als Schadensparameter dem Schutzgut IMMATERIELL zugeordnet werden und nicht dem Schutzgut MENSCH, finde ich bemerkenswert. Wie kann man das trennen? Und vor allem, wie wird das im Vergleich zu Totenzahlen oder gesch\u00e4digten Nutzfl\u00e4chenquadratmetern gemessen? Muss ich mich f\u00fcr eine Therapie mit dem Codewort Corona melden, um in die Statistik einzugehen?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6343\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-2.png\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"418\" \/><\/p>\n<p>Aber noch etwas besch\u00e4ftigt mich. Ich erinnere mich daran, dass 2015 ein Jahr war, in dem ich auff\u00e4llig oft h\u00f6rte, dass jemand mit einer Lungenentz\u00fcndung ins Krankenhaus gekommen sei. Ich wei\u00df nicht mehr wer, aber ich wei\u00df noch, wie ich in Gespr\u00e4chen gesagt habe, dass ich vorher nie so oft von Lungenentz\u00fcndungen geh\u00f6rt habe. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht, habe es als auff\u00e4llige Beobachtung verbucht. Jetzt finde ich es schlimm. Ich finde es unfassbar, dass mir Corona wie eine neue Bedrohung pr\u00e4sentiert wurde, die pl\u00f6tzlich aus einem Virenlabor oder auf einem Wildtiermarkt in Wuhan ausgebrochen ist. Dabei war das Viech oder etwas \u00e4hnliches dem Robert Koch Institut anscheinend schon seit Jahren bekannt und der deutschen Regierung durch die Risikoanalyse auch.<\/p>\n<p>Weil ich ja gerade dabei bin und es mir von der ZDF Mediathek nach Frontal 21 angeboten wird, schaue ich auch noch \u201eZDF zoom: Der Corona Effekt. Wie reagieren wir auf das Virus? Was bedeutet es f\u00fcr uns als Gesellschaft?\u201c. Ich habe das eher so im Hintergrund laufen, als ich pl\u00f6tzlich meine, ich h\u00f6re nicht richtig. Matthias Horx wird pr\u00e4sentiert oder pr\u00e4sentiert sich selbst als <em>der<\/em> Zukunftsforscher der Stunde (siehe meinen Eintrag vom 20. M\u00e4rz 2020). Ich kann es nicht glauben! Mein Gott, der Mann ist Unternehmensberater und bekommt jetzt eine riesige Werbefl\u00e4che als gesellschaftlicher Krisenmanager. Wie hat der es ins \u00d6ffentlich Rechtliche geschafft? Wieso konnten die nicht jemanden aus der Soziologie nehmen? Marketingm\u00e4\u00dfig ist er wohl auf Zack. Ich bin aber nur kurz beeindruckt von so viel Selbstmarketingkompetenz. Denn sofort erklingen wieder die gewohnten Pseudo-Weisheiten, die durch den Zusatz \u201ewissenschaftlich\u201c vertrauensvoll und evident anmuten sollen.<\/p>\n<p>Zitat Horx:<\/p>\n<p><em>\u201eZukunft entsteht, wenn wir uns in Reaktion auf den Wandel der Welt innerlich selbst ver\u00e4ndern. Zukunft entsteht dann, wenn wir in Krisensituationen \u00fcber uns selbst hinauswachsen und uns dadurch neu erfinden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Eine bestimmte Zukunft entsteht vielleicht, wenn ich mich jetzt wegen Corona \u00e4ndere, aber die Zukunft an sich kommt doch sowieso, auch ohne mich und mein Tun, sie kommt einfach, mit Trumps, Coronas und in drei Jahren f\u00e4llt in China nochmal ein Sack Reis um. Was ist das denn f\u00fcr eine Konditionalkonstruktion Herr Horx: Zukunft entsteht dann, wenn\u2026? Und wieso muss ich daf\u00fcr \u00fcber mich hinauswachsen, noch dazu, wo Herr Horx ja andererseits auch gerne darauf hinweist, dass wir gerade jetzt lernen sollten, dass Wachstum nicht alles ist? Anscheinend ist Herr Horx zum Schutzbeauftragten f\u00fcr den Schadensparameter I<sub>3<\/sub>, psychologische Auswirkungen, aus obiger Risikoanalyse erkoren worden. Die Menschen m\u00fcssen eben ver\u00e4nderungsbereit sein, am besten mit ein bisschen Tempo, dann bleibt der Wert klein.<\/p>\n<p>Wann hat das eigentlich angefangen, dass das Beibehalten, das Konservieren und Konservative, aber auch das Sich-treu-bleiben, so einen schlechten Ruf bekommen hat? Als w\u00e4re das alles per se ungut. Und nach meinen Erfahrungen aus dem letzten Jahr, die mich zu Boden gehen lie\u00dfen, glaube ich, wer in einer Krise die Kontrolle beh\u00e4lt, hat noch keine echte Krise erlebt. Krise <em>ist<\/em> Kontrollverlust, Chaos. Da wieder herauszukommen, ist gro\u00dfartig. Ich kriege das hier nicht recht auseinandergedr\u00f6selt, aber irgendwie glaube ich, ich bin gewachsen, weil die Krise eine zeitlang die Oberhand hatte. Wie Ph\u00f6nix aus der Asche, so habe ich mich damals gef\u00fchlt. Ich m\u00f6chte nicht, dass Menschen in ihren Krisen verbrennen, aber ich kann auch nicht uneingeschr\u00e4nkt bef\u00fcrworten, dass Menschen, wie es in der Coachingwelt hei\u00dft, schnellstm\u00f6glich wieder \u201eins Handeln kommen\u201c. Viele \u201eWege aus der Krise\u201c h\u00f6ren sich f\u00fcr mich so an, als w\u00e4ren es eigentlich Krisenvermeidungsstrategien. Denn wer rumkriselt, ist ein Problem, weil er nicht produktiv ist, und ein noch gr\u00f6\u00dferes, wenn er zum psychologischen Dauerpatienten wird. Ich empfinde meine eigene Krise r\u00fcckblickend als Bereicherung. Ich habe mich besser kennengerlernt, das Zusammenspiel von K\u00f6rper und Psyche, viel \u00fcber meine Sozialbeziehungen gelernt, wer wie da war, wer nicht. Und ich bin froh, dass ich dem allen ein eigenes Tempo geben durfte, viel Raum sozusagen, dem Niedergang, der Krise und dem Wiederaufstehen. Auf eine Art habe ich die Krise gebraucht, irgendwie war danach vieles besser. Wie lange sie dauerte, hat nicht mein Kopf alleine bestimmt. Vielleicht ist es einfach das: Ich vermisse bei Horx und Konsorten, dass sie den Menschen zugestehen, Krise zu erleben, und ihnen etwas mehr Zeit geben, den Rhythmus wiederzufinden. Aber vielleicht w\u00fcrden dann weniger Krisenberater gebraucht.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6345 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-3.png\" alt=\"\" width=\"505\" height=\"281\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><a href=\"https:\/\/www.zukunftshaus.at\/\">https:\/\/www.zukunftshaus.at\/<\/a><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach diesem Wiedersehen mit Herrn Horx komme ich nicht umhin, endlich einen Blick auf seine Webseite zu werfen, auch wenn es ihm einen Klick mehr einbringt. Wer ist dieser Mann, wie verkauft er sich? Offensichtlich als jemand, der sogar zwei schicke H\u00e4user im Gr\u00fcnen bei Wien besitzt, sodass er auf das eine \u201eHOME\u201c und das andere nebenan \u201eWORK\u201c schreiben kann. Das vermittelt Struktur und Konsequenz und Wohlstand und somit das gelingende Zusammenspiel dieser Trias. Ich arbeite knapp zwei Meter neben meinem Bett und ehrlich gesagt mag ich das, wenn sich Arbeit und Zuhause vermischen, ich so arbeiten kann, wie ich will, auch mal ungeduscht, wenn ich gerade eine Idee habe, mit M\u00fcsli oder Rotwein oder einem Aschenbecher oder allem zusammen auf dem Tisch, und vor allem: wann ich will. Auch in einer 100 Quadratmeterwohnung w\u00fcrde ich gerne so arbeiten, zuhause, im HOME. Ich kenne den Diskurs \u00fcber die r\u00e4umliche und zeitliche Entgrenzung von Arbeit in der modernen Zeit und ich habe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr viele Bedenken, die damit verbunden sind, kann akzeptieren, dass es f\u00fcr viele Arbeitende problematisch und eine Belastung ist. Ich pers\u00f6nlich finde es aber bequem, wenn nicht sogar privilegiert, Arbeits-Ich und Privat-Ich an einem Ort sein zu d\u00fcrfen. Ich bin ein besseres Arbeits-Ich in meinem Zuhause. Ich arbeite viel konzeptionell und kreativ und das macht mir Spa\u00df. Ich habe mich aber fr\u00fch davon verabschiedet, dass sich diese Arbeit an Stundenpl\u00e4ne h\u00e4lt. Es ist fertig, wenn es gut ist. Ich wei\u00df, was meine Kopfarbeit beg\u00fcnstigt, aber minuti\u00f6s planbar ist der Output einfach nicht. Ich finde es albern, wie plakativ Herr Horx die Wichtigkeit einer verstandenen Work-Life-Balance deutlich macht, indem er sie auf seine zwei H\u00e4user pinselt. Die Trennung der R\u00e4ume hat vermutlich etwas mit Achtsamkeit und diesem neuen \u201eKlar Sein\u201c zu tun. Jetzt nur Arbeits-Ich, jetzt nur Zuhause-Ich. Fokussiert sein. Der Mann der Stunde schreibt auf seine H\u00e4user, wer er wo sein soll und was er dort zu tun hat. Ich benutze Post-its, damit ich nichts Wichtiges vergesse. Beim Abendbrottisch im HOME w\u00e4re ich ja gerne mal M\u00e4uschen. Ob er da wirklich sein Unternehmer- und Berater-Ich ablegt, weil drau\u00dfen nicht WORK draufsteht?<\/p>\n<p>Weitere Info auf der Webseite zum Zukunftsforscher Horx: \u201eals leidenschaftlicher Europ\u00e4er pendelt er zwischen London, Frankfurt und Wien\u201c und erlebt durch die Coronasituation gerade ein ganz \u201einteressantes Groundinggef\u00fchl\u201c. Na dann hat er ja jetzt viel Zeit f\u00fcr seinen bl\u00fchenden Gem\u00fcsegarten, der ja, wie er selbst sagt, einer der wichtigsten Werte nach Corona sein wird. Wer k\u00fcmmert sich eigentlich um den, wenn er immer zwischen London, Frankfurt und Wien unterwegs ist?<\/p>\n<p>Ich muss mich an dieser Stelle bei Herrn Horx entschuldigen. Ich habe keins seiner B\u00fccher gelesen. Aber er hat es mit einem viral verbreiteten Link und einem einzigen Fernsehauftritt geschafft, bei meiner Suche nach Krisengewinnern der chinesischen Regierung den Rang abzulaufen. \u201eChina\u201c hat gerade eine weltweite Hilfsoffensive gestartet. Ich denke immer noch, dass die Hilfe berechnend sein wird. Aber die chinesische Regierung hat auch nie wie Herr Horx gesagt, dass Verm\u00f6gen nach Corona eine deutlich kleinere Rolle spielen wird. Und ja, ich kann jetzt versuchen, die Coronakrise als Chance zu begreifen und \u00fcber mich hinauszuwachsen. Ich f\u00e4nde es aber auch toll, wenn ich einfach von meinen B\u00fcrgerrechten Gebrauch machen k\u00f6nnte, um eine Partei zu w\u00e4hlen, die daf\u00fcr sorgt, dass Pflegekr\u00e4fte, Mediziner*innen, Verk\u00e4ufer*innen und Paketbot*innen in Zukunft besser bezahlt werden und unsere Gesellschaft gerechter w\u00fcrde. Wahrscheinlich h\u00e4tte das doch auch sehr positive, nachhaltige Auswirkungen auf den Schadensparameter I<sub>3<\/sub>.<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberraschung im Briefkasten: Meine neuen Handschuhe mit Touchscreen-Funktion sind schon da. Dabei hatte Amazon die erste Aprilwoche als Lieferdatum angegeben.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>ZDF: <em>Frontal 21 vom 24. M\u00e4rz 2020. Themen: Wucherpreise f\u00fcr Schutzausr\u00fcstungen, Pflege in der Corona-Krise, R\u00fcckholaktionen und Reisewarnungen, Vers\u00e4umte Pandemie-Vorsorge.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/frontal-21-vom-24-maerz-2020-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/frontal-21-vom-24-maerz-2020-100.html<\/a> [Aufruf: 26.03.2020]<\/p>\n<p>Deutscher Bundestag: <em>Drucksache17\/12051. Bericht zur Risikoanalyse im Bev\u00f6lkerungsschutz<\/em> <em>2012<\/em>. <a href=\"https:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/120\/1712051.pdf\">https:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/120\/1712051.pdf<\/a> [Aufruf: 27.03.2020]<\/p>\n<p>ZDF: <em>ZDF zoom vom 25. M\u00e4rz 2020. Der Corona-Effekt.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfzoom\/zdfzoom-der-corona-effekt-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfzoom\/zdfzoom-der-corona-effekt-100.html<\/a> [Aufruf: 26.03.2020]<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3>Freitag, 27.03.2020<br \/>\nCorona ist eine empathische Erfahrung<\/h3>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen bin ich sehr fr\u00fch aufgewacht, schlecht getr\u00e4umt. Texte gelesen. Masterstudierende haben einen Blog ins Leben gerufen: <a href=\"https:\/\/alltaginderkrise.org\">https:\/\/alltaginderkrise.org<\/a>. Da will ich was f\u00fcr schreiben, muss aber erst noch Literatur lesen, damit es irgendwie schlau wird. Gegen 14.30 Uhr radle ich ins Institut, niemand da au\u00dfer mir. Nach knapp drei Stunden fahre ich mit Mappen voller ausgedruckter Texte f\u00fcr die Seminarvorbereitung und f\u00fcr den anstehenden Blogpost zur\u00fcck. Wieder zuhause ist Corona ganz weit weg. Corona ist der Titel, die \u00dcberschrift, die \u00fcber einigen meiner aktuellen Vorhaben steht, ein Ph\u00e4nomen, das ich beobachte und mit dem ich mich auseinandersetze, das ich aber selbst nicht unmittelbar erfahre. Ich kenne niemanden, der es hat, habe keine Verbindung zu Menschen in rot eingef\u00e4rbten Krisengebieten. Aber meine Familie habe ich jetzt schon echt lange nicht gesehen und die letzte Party ist ewig her. Durch meine vielen Umz\u00fcge ist mir das Alleinsein allerdings \u00fcber eine gewisse Zeitspanne vertraut. Ich war aber auch nie ein Cliquenmensch, kann gut f\u00fcr mich sein. Wann f\u00e4ngt diese Zeitspanne an, zu lang zu werden? Irgendwie warte ich drauf, aber es ist noch nicht soweit.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Abends telefoniere ich mit meiner l\u00e4ngsten Freundin. Sie wiederum hat eine andere langj\u00e4hrige Freundin, die seit mehreren Jahren in Madrid lebt. Beide sind alleinerziehende M\u00fctter. Vor einigen Tagen hat sich die Freundin aus Madrid bei ihr gemeldet und gesagt, dass es ihr nicht gut ginge, sie sei krank. Von da an hatten sie jeden Tag Kontakt. Das letzte Lebenszeichen aus Madrid hat meine Freundin vor zwei Tagen erhalten. Da ist ihre Freundin mit starkem Husten und einer Lungenentz\u00fcndung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Meine Freundin und ich wissen, dass Corona eine gro\u00dfe Gefahr ist, aber wir erleben es nicht selbst, erfahren es nicht als solche. Deswegen bleibt Corona abstrakt. Corona ist nicht greifbar, nicht fassbar, nicht be-greifbar. Es ist ein Kampf, der um uns herum tobt, aber dessen Elend wir in unserem Alltag nicht sehen, h\u00f6ren, schmecken, riechen und anfassen k\u00f6nnen, Pflegekr\u00e4fte und Mediziner*innen ausgenommen. Wenn Corona meine Sinne nicht erreicht, so lange ich nicht infiziert bin, bleibt es in erster Linie eine kognitive und psychische Erfahrung. Ich glaube, das ist es, was viele Menschen gerade fordert. Der Sinneseindruck von Welt deckt sich nicht mit dem, was gerade in der Welt passiert, wie sich eine Katastrophe anf\u00fchlen <em>sollte<\/em>.<\/p>\n<p>Corona als Ph\u00e4nomen betrifft alle, involviert alle, ungefragt, und passiert akut als Krankheit woanders, punktuell. Corona wird oft als Naturkatastrophe bezeichnet. Das irritiert mich immer. Ich denke ein Unterschied liegt darin, ob die Sch\u00e4den sichtbar und zeigbar sind oder nicht. Letztendlich k\u00f6nnen wir nicht nur das Virus als Aggressor nicht sehen, wir sehen auch nicht wirklich, was es anrichtet. Wir bekommen dar\u00fcber berichtet, aber wir werden \u2013 auch wenn es sich hier deplatziert anh\u00f6ren mag \u2013 sinnlich nicht involviert. Bei der Bek\u00e4mpfung ja, aber nicht bei dem, was bek\u00e4mpft wird. Das l\u00e4sst Corona abstrakt, geradezu surreal erscheinen. Mein Kopf sagt, es ist schlimm, aber mein K\u00f6rper sp\u00fcrt nichts davon. F\u00fcr mich ist Corona zuvorderst eine empathische Erfahrung. Wie geht mein Gegen\u00fcber damit um, was ist angemessenes Verhalten anderen gegen\u00fcber; wie geht es denen, die einsam sind, oder denen, die aufgrund ihrer Arbeit einem hohen Risiko und besonderen Belastungen ausgesetzt sind?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Samstag 28.03.2020<br \/>\nCorona ist drau\u00dfen, vor der T\u00fcr<\/h3>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Maik hat sich gestern mit seiner Tochter getroffen. Weil die Schulen geschlossen sind, \u00fcbernachtet sie jetzt zweimal, statt wie sonst einmal die Woche bei ihm. Ich habe wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich mich frage, ob mich meine Eltern doch bitten w\u00fcrden, sie mal zu besuchen, wenn ich keinen Kontakt mit Maik h\u00e4tte. Gegen 16 Uhr bin ich bei ihm. Wir machen einen Spaziergang durch die Innenstadt, kaufen noch ein. Weil es sich jetzt eingependelt hat, dass wir die Wochenenden bei Maik verbringen, revanchiere ich mich gerne damit, dass ich unsere gemeinsamen Eink\u00e4ufe bezahle. Seit ich wochenends nicht mehr feiern gehe und in der Mittagspause nicht mehr zum B\u00e4cker, habe ich das Gef\u00fchl, mehr Geld als sonst auf dem Konto zu haben.<\/p>\n<p>In der K\u00fcche ist Maik immer der Chef, ich assistiere mit Schnibbelarbeiten, decke den Tisch und mache hinterher den Abwasch. Dabei h\u00f6ren wir immer sehr gute(!) Musik. Ich mag unsere gemeinsamen Kochsessions sehr. Sie f\u00fchlen sich so <em>normal<\/em> an, sehr heimelig, als ob wir ein ganz normales, also richtiges Paar w\u00e4ren. Und Corona ist drau\u00dfen, vor der T\u00fcr. Dieses Bild habe ich sehr oft, wenn ich bei Maik abtauche. Corona ist drau\u00dfen, vor der T\u00fcr. Als w\u00e4re das Virus auf die Welt hinter den Fenstern gebannt und k\u00f6nnte gar nicht hereinkommen. Als w\u00e4re Corona wie ein verfluchter Geist aus einer d\u00fcsteren Erz\u00e4hlung, der die T\u00fcrschwelle zur eigenen Wohnung nur \u00fcbertreten kann, wenn er hineingebeten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sonntag, 29.03.2020<br \/>\nPulsierende R\u00e4ume und der Tod eines Finanzministers<\/h3>\n<p><strong>Beziehung &amp; Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Wintereinbruch! Es ist nochmal furchtbar kalt geworden. Spazierengehen f\u00e4llt flach, undenkbar. Wir h\u00f6ren Platten, kuscheln, zappen uns durch die arte Mediathek und entscheiden uns f\u00fcr ein Portr\u00e4t \u00fcber die amerikanische Band Blondie. Wir m\u00f6gen beide den Spirit der 1970er in der Kunst. London und New York waren die Hot Spots einer neuen, alternativen Kunstszene. Runtergekommene Stadtviertel wurden zu experimentellen Keimzellen. Es scheint, als ob alle, die Lust dazu hatten, sich ausprobieren konnten, ohne sich allzu gro\u00dfe Sorgen dar\u00fcber machen zu m\u00fcssen, wie sie die Wuchermiete f\u00fcr den Monat zusammenbekommen. Nach der Doku fantasieren wir dar\u00fcber, ob es nach der Coronakrise wieder solche Strukturen geben k\u00f6nnte, freie billige R\u00e4ume, in denen sich eine pulsierende Kunstszene entfalten kann. Vielleicht? Wenn einige Immobilienblasen erneut platzen?<\/p>\n<p>Abends erreicht uns die Meldung, dass sich der hessische Finanzminister Thomas Sch\u00e4fer anscheinend wegen der Coronakrise das Leben genommen hat. Die Leiche des 54-J\u00e4hrigen sei an einer ICE-Strecke im Main-Taunus-Gebiet gefunden worden. Das besch\u00e4ftigt uns eine Weile, aber die Nachricht ber\u00fchrt mich nicht, wirft nur Fragen auf. Wieso beging der Finanzminister Selbstmord? Da es zumindest heute noch keinen Abschiedsbrief oder eine andere Art von Erkl\u00e4rung gibt, gibt es nur Spekulationen. Volker Bouffier, der hessische Ministerpr\u00e4sident, bringt zum Ausdruck, dass Sch\u00e4fer Herausforderungen durch Corona kommen sah, die nicht zu stemmen seien. F\u00fcr mich hat sich Sch\u00e4fer folglich in erster Linie als Finanzminister umgebracht. Sah er einen finanziellen Zusammenbruch kommen? Hatte Sch\u00e4fer Angst, dass durch die Coronakrise und die damit verbundenen finanziellen Anstrengungen zur Stabilisierung der Wirtschaft dunkle Flecken in seinem Ministerium zum Vorschein kommen? Oder hat er sich als Privatperson das Leben genommen? Hat er als Mensch eine unertr\u00e4gliche Belastung gef\u00fchlt? Als \u00e4lterer Mensch?<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Spiegel online: <em>Hessischer Finanzminister Thomas Sch\u00e4fer ist tot.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/hessens-finanzminister-thomas-schaefer-ist-tot-a-f5ba02d7-1398-4c02-9794-15d800d5944f\">https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/hessens-finanzminister-thomas-schaefer-ist-tot-a-f5ba02d7-1398-4c02-9794-15d800d5944f<\/a> [Aufruf: 29.03.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Montag, 30.03.2020<br \/>\nKann ich staatliche Ma\u00dfnahmen angemessen beurteilen?<\/h3>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Ich schaue das ZDF heute Journal von gestern, 29.03.2020. Zuerst geht es um die wirtschaftlichen Hilfen f\u00fcr Selbstst\u00e4ndige, Kleinunternehmer, Freiberufler. F\u00fcr sie stellt der Bund nun Soforthilfen bereit in einem Gesamtvolumen von 50 Milliarden Euro, die ab morgen beantragt werden k\u00f6nnen. Laut Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist ein Formular entwickelt worden, dass eine m\u00f6glichst schnelle, unb\u00fcrokratische Beantragung \u2013 also schnelle Hilfe \u2013 erm\u00f6glichen soll. Auch Supermarktmitarbeiter, Lagerarbeiter, Pflegekr\u00e4fte \u2013 Menschen mit aktuell systemrelevanten T\u00e4tigkeiten \u2013 sollen profitieren und k\u00f6nnen mit steuerfreien Zuschl\u00e4gen belohnt werden.<\/p>\n<p>Die psychischen Auswirkungen der Coronakrise r\u00fccken immer mehr in den Fokus. Vielleicht durch den Selbstmord von Thomas Sch\u00e4fer? Der Zusammenhang von Menschenleben und Krise wird \u00fcber die wirtschaftliche Akutsituation hinaus beleuchtet. Der Kampf gegen das Virus koste auch Menschenleben, sagt der Moderator.<\/p>\n<p>Ursachenbeispiele aus dem Beitrag:<\/p>\n<ul>\n<li>medizinische Ma\u00dfnahmen, die aus hygienischen Gr\u00fcnden nicht durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen (Prof. G\u00e9rard Krause, Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung)<\/li>\n<li>wirtschaftliche Folgen, die zu gesundheitlichen Sch\u00e4den f\u00fchren \u2013 das Ausma\u00df kann hier gr\u00f6\u00dfer sein als das Ausma\u00df der Pandemie selbst (ebenfalls Prof. G\u00e9rard Krause, Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung)<\/li>\n<li>Arbeitslosigkeit als Risikofaktor f\u00fcr h\u00f6here Sterblichkeit (englische Studie)<\/li>\n<li>krisenhafte Entwicklung im h\u00e4uslichen Bereich \u2013 laut dem D\u00fcsseldorfer Oberb\u00fcrgermeister Thomas Geisel sind die Frauenh\u00e4user voll<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ausz\u00fcge Beitrag:<\/p>\n<p>Moderator: <em>\u201eHeute verbreitet sich das Virus ungebremst, sprengt das die medizinische Versorgungskapazit\u00e4t. Die Folge: Mangel an Beatmungskapazit\u00e4ten, sehr viele Tote in Deutschland. Kontakt- und Veranstaltungsverbote verlangsamen die Ausbreitung der Epidemie, doch die Einschr\u00e4nkungen k\u00f6nnten sehr lange n\u00f6tig sein. Die Folgen dann: Ein beispielloser Wirtschaftseinbruch, Depressionen, Suizide, h\u00f6here Sterblichkeit aufgrund von Arbeitslosigkeit und h\u00e4uslicher Gewalt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Prof. Christiane Woopen, Vorsitzende Europ\u00e4ischer Ethikrat: <em>\u201eEs hat ja keinen Zweck, wenn wir innerhalb der Krankenh\u00e4user jetzt viele Menschenleben retten, aber au\u00dferhalb der Krankenh\u00e4user viele Leben zerst\u00f6ren. Es ist ja verst\u00e4ndlich, dass man erstmal nun angesichts dieser furchtbaren Bilder auch aus dem Ausland sich darauf konzentriert, Menschenleben zu retten, das ist ja auch richtig so, aber es kann nicht sein, dass das auf Kosten von allen anderen gesellschaftlichen Folgen passiert, die uns dann in noch ganz anderer Weise \u00fcberrollen w\u00fcrden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn man den politischen Entscheidungsprozess ethisch bewertet, was wird dann am Ende das ausschlaggebende Entscheidungsmoment sein \u2013 der ausschlaggebende \u201eSchadensparameter\u201c, um im Sprech der Risikoanalysten zu bleiben? Das Schutzgut Mensch oder das Schutzgut Wirtschaft? Oder wird sich beides gleichwertig sch\u00fctzen lassen? L\u00e4uft es am Ende darauf hinaus, dass sich das Schutzgut Mensch besser vor Schaden bewahren l\u00e4sst, wenn die Wirtschaft gesch\u00fctzt ist? Oder anders herum? Wenn Zahlen den Ausschlag geben, hard facts, dann wird auch die Debatte \u00fcber Kollateralsch\u00e4den daran h\u00e4ngen, wie welche Zahlen erhoben werden und vor allem daran, wie sie miteinander in Zusammenhang gebracht werden. Corona k\u00f6nnte in vielen Lebenslagen mehr ein Katalysator in einer Gemengelage sein und weniger die einzige Ursache. Das eine Qu\u00e4ntchen, das zu viel ist. Wie will man das sp\u00e4ter bei der Erhebung von Fallzahlen auseinanderdr\u00f6seln?<\/p>\n<p>Im weiteren Tagesverlauf werden die Medien von den Notstands-Nachrichten aus Ungarn bestimmt. Orban darf k\u00fcnftig per Dekret regieren.<\/p>\n<p>Auszug aus einem Artikel von Die Zeit online:<\/p>\n<p><em>\u201eDer ungarische Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n darf k\u00fcnftig im Rahmen eines Notstands von unbegrenzter Dauer per Dekret regieren. Das Parlament in Budapest billigte mit deutlicher Mehrheit einen entsprechenden Gesetzentwurf der Regierung. Kritiker werfen Orb\u00e1n vor, die Corona-Pandemie als Vorwand zu nutzen, um die Machtstellung seiner nationalkonservativen Regierung noch weiter auszubauen. Ungarn hatte am 11. M\u00e4rz den Notstand verh\u00e4ngt. Dem neuen Gesetz zufolge kann die Regierung diesen Notstand ohne die Zustimmung des Parlaments unbegrenzt verl\u00e4ngern. <\/em><em>[\u2026] Justizministerin Judit Varga verteidigte den Gesetzentwurf vor der Parlamentsabstimmung mit der Pandemie: &#8222;Wir m\u00fcssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.&#8220; Das Gesetz f\u00fcge sich &#8222;perfekt in den verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rahmen&#8220;. Zahlreiche unabh\u00e4ngige Organisationen verweisen jedoch darauf, dass es in Ungarn seit 2010 vielfache Angriffe auf den Rechtsstaat in den Bereichen Justiz, Zivilgesellschaft und Meinungsfreiheit gegeben habe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an den Artikel von der Freitag (siehe Eintrag 21.03.2020), der genau auf solche Entwicklungen hingewiesen hatte. Wie leicht es doch zu sein scheint, ein Land in eine Diktatur umzubauen. Ich habe die Sorge, dass ich zu unkritisch bin und zu viel hinnehme, den Punkt verpasse, wo ich auf die Stra\u00dfe gehen sollte. Bisher sehe ich diesen Punkt aber einfach nicht, finde die Einschr\u00e4nkungen und Verbote sinnvoll. Wichtig ist f\u00fcr mich, dass am Ende in allen Gesellschaftsbereichen gleicherma\u00dfen geholfen wird, nicht nur den gro\u00dfen Unternehmen, sondern auch den Freischaffenden, den Solounternehmern, dem Gemeinwesen, Kultur, Pflege, Bildung. Ich muss nicht auf die Stra\u00dfe gehen, nur um als kritisch wahrgenommen zu werden, wo ich nichts Konkretes zu kritisieren habe. Tats\u00e4chlich habe ich immer noch Vertrauen in die Politik, geradezu Mitleid angesichts der Entscheidungen, die jetzt zu treffen sind. Ich finde es schlimm, wenn sich Angeh\u00f6rige wegen Zutrittsverbot nicht von Sterbenden verabschieden d\u00fcrfen, Menschen alleine sterben, Familien durchdrehen, Existenzen bankrottgehen. Aber ich kenne auch keinen Alternativvorschlag, dem ich traue oder der sich kurzfristig realisieren lie\u00dfe wie mehr Personal an bestimmten Stellen. Wo sollte das pl\u00f6tzlich herkommen? Ich w\u00fcrde nicht entscheiden m\u00fcssen wollen. Aber trotzdem die Sorge: Bin ich in der Lage, sinnvolle Ma\u00dfnahmen von gef\u00e4hrlichen autokratischen Entwicklungen zu unterscheiden? Ich hoffe es.<\/p>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Ich brauche neue Heuschnupfentabletten und gehe in die Apotheke gegen\u00fcber. Au\u00dfer mir keine Kundschaft. Ich frage den Apotheker, wie es so geht. Er erz\u00e4hlt, dass sich die Nachfrage nach medizinischen Waren beruhigt habe. Am Anfang h\u00e4tten sich die Menschen alle eingedeckt, jetzt sei es ruhiger geworden. Auch er mache sich jetzt mehr Sorgen um die psychische Gesundheit der Menschen, drohende Arbeitslosigkeit, Stress, Depression. Einige M\u00fctter w\u00fcrden mittlerweile fragen, ob sie ihre Kinder mit ins Gesch\u00e4ft nehmen d\u00fcrften. In anderen Gesch\u00e4ften w\u00e4ren Kinder, die als hochinfekti\u00f6s gelten, wohl nicht mehr willkommen.<\/p>\n<p>Kinder zu haben ist also auch \u00fcber die Betreuungssituation hinaus zum Stressmoment geworden. Die Gesellschaft strukturiert sich immer mehr \u00fcber den Faktor des Infektionsrisikos in \u00dcbertr\u00e4ger und Gef\u00e4hrdete, in T\u00e4ter, die andere infizieren, und Opfer, die infiziert werden.<\/p>\n<p>Durch meine eigene neue Beziehungssituation denke ich in den letzten Tagen auch immer \u00f6fter an andere Paare. Wie geht es \u2013 gerade in dieser psychischen Stresssituation \u2013 Paaren, die sich nicht sehen k\u00f6nnen, zum Beispiel wegen der Grenzschlie\u00dfungen? Werden Menschen mit einer Fernbeziehung diese durch Corona \u00fcberdenken? Und wie beurteilen gerade selbst gew\u00e4hlte Singles ihre Lebenssituation, wenn Kontakte im sozialen Raum als Mittel gegen das Alleinsein ausbleiben? Wie lange k\u00f6nnen Telefonanrufe und Videocalls f\u00fcr einzelne Menschen direkte Begegnungen ersetzen?<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>ZDF: <em>ZDF heute Journal vom 29.03.2020<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute-journal\/heute-journal-vom-29-maerz-2020-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute-journal\/heute-journal-vom-29-maerz-2020-100.html<\/a> [Aufruf: 30.03.2020]<\/p>\n<p>Zeit online vom 30.03.2020: <em>Ungarn \u2013 Viktor Orb\u00e1n darf jetzt per Dekret regieren<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-03\/ungarn-notstandsgesetz-victor-orban-parlament-regierung\">https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-03\/ungarn-notstandsgesetz-victor-orban-parlament-regierung<\/a> [Aufruf: 30.03.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Dienstag, 31.03.2020<br \/>\nMasken und Soforthilfen kommen, Wucherpreise f\u00fcr Schutzkittel<\/h3>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Mittags Telefonat mit meiner Mutter, sie will Atemschutzmasken f\u00fcr die ganze Familie n\u00e4hen lassen und hat in ihrer lokalen \u00c4nderungsschneiderei schon deswegen nachgefragt. Die Schneiderin macht es, wenn meine Mutter selbst den Stoff bringt. Zuerst denke ich: Brauche ich nicht, sieht doch komisch aus \u2013 an mir selbst! Denn wenn ich mittlerweile Menschen mit Masken in der der \u00d6ffentlichkeit sehe, finde ich das okay, egal wie alt sie sind. Ich registriere es eigentlich nicht mal mehr gro\u00df. Handschuhe hatte ich mir sofort besorgt, aber zu meiner Mutter sage ich, dass ich nicht denke, dass ich eine Maske brauche. Ich will in der \u00d6ffentlichkeit nicht panisch aussehen, obwohl ich, wie gesagt, Menschen, die eine Maske tragen, gar nicht (mehr) als panisch empfinde. Gleichzeitig beschleicht mich das Gef\u00fchl, dass meine Eltern mir konkrete Hilfe bieten, wo ich doch f\u00fcr sie dasein sollte. Meine Mama besteht drauf, sie macht das jetzt.<\/p>\n<p>Ich denke auch, dass meine Mama froh ist, dass sie mit der Maskenproduktion ein Projekt hat, um das sie sich k\u00fcmmern kann. Sie leidet zunehmend unter den Beschr\u00e4nkungen, dass sie nicht einfach mal alleine raus kann und ihre Freundinnen treffen. Und t\u00e4gliche Besorgungen in Gesch\u00e4ften zu erledigen, ist f\u00fcr meine Mutter nicht nur ihr Beitrag zur klassischen h\u00e4uslichen Arbeitsteilung, sondern auch Freiheit. Freiheit, von der nicht immer harmonischen Zweisamkeit zuhause, Freiheit sich etwas zu g\u00f6nnen, ohne jemanden daneben stehen zu haben, vor dem man sich rechtfertigen muss, ob man dieses oder jenes denn nun braucht. Einkaufen bedeutet f\u00fcr meine Mutter, ihrem Gatten seine Knausrigkeit beim Haushaltsgeld in Form von Lustk\u00e4ufen heimzuzahlen. Unautorisierte Lustk\u00e4ufe sind f\u00fcr meine Mutter Lebensqualit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit. Seit der Coronakrise geht meine Mutter nur noch mit meinem Vater, der Finanzverwaltung, einkaufen, weil sie zusammen mehr transportieren k\u00f6nnen und somit seltener in den Supermarkt m\u00fcssen. K\u00fcrzlich gab es wohl einen gro\u00dfen Ehekrach, weil ein P\u00e4ckchen Sahne kaputt gegangen war und vehemente Uneinigkeit dar\u00fcber herrschte, wer daf\u00fcr verantwortlich war. Sie k\u00f6nnen es einfach nicht, zusammen einkaufen.<\/p>\n<p>Kurze Zeit nach dem Telefonat h\u00f6re ich im Radio, dass dar\u00fcber diskutiert wird, Atemschutzmasken in der \u00d6ffentlichkeit zur Pflicht zu erkl\u00e4ren. In China wurde das unter anderem so gemacht. Kommt das wom\u00f6glich auch bald hier in Deutschland? In Freiburg? Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich h\u00e4tte meine Mutter einfach darin best\u00e4rken sollen, dass es eine gute Idee ist, sie loben und mich bedanken sollen. Jetzt tut es mir leid, dass ich das nicht getan habe.<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder habe ich den letzten Tag in den Medien geh\u00f6rt, dass die Schutzwirkung der Masken auch angezweifelt wird und wenn \u00fcberhaupt, helfen wie anfangs bei den H\u00e4ndedesinfektionsmitteln wohl nur ganz bestimmte. Diese Diskussion verstehe ich nicht. Soweit ich wei\u00df, besteht das gr\u00f6\u00dfte Infektionsrisiko bei Corona durch eine Tr\u00f6pfchen\u00fcbertragung. Deswegen ist in die Armbeugen zu Husten oder zu Niesen nicht mehr nur erste Hygiene- sondern auch oberste solidarische B\u00fcrgerpflicht. Selbst wenn manche Masken die eigene Ansteckung nicht verhindern k\u00f6nnen, wohl aber die \u00dcbertragung durch einen Infizierten eind\u00e4mmen, erscheint es doch sinnvoll, die Masken zumindest in manchen Kontexten zur Pflicht zu machen. Letztendlich bleibt doch der Eindruck, dass alle Welt gerade h\u00e4nderingend versucht, an Schutzmasken zu kommen. Wieso werden gleichzeitig Informationen gestreut, die die Schutzwirkung anzweifeln? Ich finde das sehr verwirrend, stelle aber auch fest, dass ich zu dem Tragen einer Maske bereit bin, sollte es verordnet werden. Allerdings bleibt f\u00fcr mich unklar, wo dann alle Menschen eine Maske herbekommen sollen.<\/p>\n<p>Auszug tageschau online vom 31.03.2020:<\/p>\n<p><strong><em>Experten sind uneins<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Virologen und \u00c4rzte sind in der Frage, ob das Tragen einer Maske an der Supermarkt-Kasse oder im Bus tats\u00e4chlich die Ausbreitung des Virus abbremsen kann, gespalten. Der Chef der Kassen\u00e4rztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, h\u00e4lt die Ma\u00dfnahme f\u00fcr &#8222;reine Symbolpolitik&#8220;. Die Maske vermittele eine tr\u00fcgerische Sicherheit, helfe aber so gut wie gar nicht, sagte er dem &#8222;Handelsblatt&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Virologe Alexander Kekul\u00e9 sagte dagegen im Gespr\u00e4ch mit dem MDR, aus Hongkong wisse man, dass das Tragen einer Maske in Kombination mit anderen Verhaltensregeln erheblich dazu beitragen k\u00f6nne, die Krankheit unter Kontrolle zu halten. Der Pr\u00e4sident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, betonte, auch ein selbstgebauter Schutz halte Tr\u00f6pfchen zur\u00fcck, wenn man huste und niese.<\/em><\/p>\n<p><strong>Beziehung &amp; Wirtschaft:<\/strong><\/p>\n<p>Am Nachmittag kommt Maik kurz vorbei. Er ist in 50% Teilzeit besch\u00e4ftigt und nebenbei kleiner Einzelunternehmer, Vertrieb f\u00fcr Veranstaltungen auf selbstst\u00e4ndiger Basis. Da das finanzielle Hilfspaket der Regierung auch Freiberufler und Einzelunternehmer unterst\u00fctzen soll, m\u00f6chte er einen Antrag auf Corona-Soforthilfe stellen. Weder als Besch\u00e4ftigter in Teilzeit, noch als Einzelunternehmer verdient er genug, um davon leben zu k\u00f6nnen. Mit beidem zusammen reicht es so gerade. Allerdings bef\u00fcrchtet er, dass der Betrieb, indem er angestellt ist, bald Kurzarbeit anmeldet. Laut eigener Aussage bedeutet das dann f\u00fcr ihn, nur noch knapp 67% von einem halben Gehalt zu bekommen. Da alle Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit abgesagt sind, f\u00e4llt sein Vertriebsjob in n\u00e4chster Zeit auch weg. Im Notfall m\u00fcsste er dann \u00fcber die ARGE aufstocken, um auf ein finanzielles Existenzminimum zu kommen. Er will also einen Antrag stellen, hat aber keinen funktionsf\u00e4higen Drucker zuhause. Wieder denke ich, dass Maik bestimmt nicht der Einzige ist, bei dem das Krisenmanagement am n\u00f6tigen Equipment scheitert.<\/p>\n<p>Er kommt also vorbei und wir drucken den Antrag aus, er unterschreibt, wir scannen die letzte Seite mit Handschrift ein. Dann kann er alles noch heute Abend elektronisch wegschicken. Maik meint schlie\u00dflich, er sei sich nicht sicher, ob er die finanzielle Krisenhilfe \u00fcberhaupt verdiene, also ob es ihm zust\u00fcnde, wo andere doch noch viel schlechter dran seien, und habe den beantragten Ausgleichsbetrag, den veranschlagten Verdienstausfall f\u00fcr zwei Monate deswegen auf 1.500 Euro nach unten abgerundet.<\/p>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Ich schiebe die Vorbereitung meiner Seminare f\u00fcr das Sommersemester weiter raus. Inhaltlich habe ich schon einige Ideen, aber jetzt will\/muss ich mich auch mit digital-didaktischen M\u00f6glichkeiten auseinandersetzen, denn es sieht nicht danach aus, als k\u00f6nnten wir Pr\u00e4senzlehre veranstalten. Einfach nur einen Grundlagentext mit f\u00fcnf Fragen dazu hochladen, will ich nicht. Es wird also einige Vorbereitungszeit brauchen, da das digitale Lehren Neuland f\u00fcr mich ist. Eigentlich f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Teile des universit\u00e4ren Lehrbetriebs. Ich freue mich darauf, mich damit zu besch\u00e4ftigen. Dar\u00fcber, dass das bedeutet, dass ich deutlich \u00fcber mein Stundenkontingent hinausarbeiten werde, darf ich nicht nachdenken.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Eine Freundin von mir ist seit November f\u00fcr Kommunikation und \u00d6ffentlichkeitsarbeit in einer Klinik verantwortlich, 50% Teilzeit. Die Klinik ist eine Reha-Klinik und geh\u00f6rt einem \u00fcberregionalen Klinikverbund an. In unserem abendlichen Telefonat berichtet sie mir, dass bereits zwei Kliniken aus dem Verbund geschlossen sind. Erst gab es wegen Corona einen Aufnahmestopp f\u00fcr Patient*innen, schon kurz darauf konnten die Geh\u00e4lter an das Personal nicht mehr ausgezahlt werden. Ich wundere mich, dass die Geh\u00e4lter so schnell knapp werden. In der wievielten Coronawoche sind wir jetzt? Woche sechs? Und da werden einer gutgehenden Klinik schon die Mittel knapp?<\/p>\n<p>Weiter erz\u00e4hlt mir meine Freundin, dass sie zwei Coronaf\u00e4lle in der Klinik haben, aber laut Chefarzt nicht verpflichtet sind, das \u00f6ffentlich zu machen. Auf dezidierte Anfrage hin, sei man ehrlich, ansonsten w\u00fcrde das nicht kommuniziert, so die Ansage aus der Chefetage. Ich frage mich, ob der Chefarzt als Arzt urteilt oder als Unternehmer und ob beides zusammengeht? Wegen der Coronaf\u00e4lle gehen jetzt aber auch in dieser Klinik die Schutzmittel aus. Schutzkittel w\u00fcrden dringend gebraucht. Die h\u00e4tten vor Corona 3,50 Euro pro St\u00fcck gekostet, jetzt m\u00fcssten sie 23 Euro pro St\u00fcck bezahlen, zumindest bei dem Anbieter, bei dem sie auf die Schnelle noch welche bekommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und dann macht sich meine Freundin auch gro\u00dfe Sorgen um ihren Job. Es gibt zwar jeden Morgen eine Corona-Runde im Haus, aber fast nichts f\u00fcr sie zu tun, weil sie keine Veranstaltungen planen kann, und sie ist noch sechs Wochen lang in der Probezeit.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt sie mir noch eine Social-Media-Anekdote. (Ich bin nicht auf Facebook, Twitter oder Instagram. Deswegen berichten mir meine Freund*innen ab und an dar\u00fcber, was da los ist.) Eine Bekannte von ihr hatte auf Facebook gepostet, dass es in Laden X frische Backhefe gebe. Die Bekannte wusste, dass irgendwelche Gruppenmitglieder auf der Suche waren, wahrscheinlich war die mangelnde Hefeversorgung in der Facebookgruppe thematisiert worden. Die Bekannte denkt also, sie tut anderen einen Gefallen, indem sie ihnen den Tipp mit Laden X gibt. Tats\u00e4chlich sei sie daraufhin aber angefeindet worden mit dem Vorwurf, sie w\u00fcrde zu Hamsterk\u00e4ufen aufrufen. Ist den Leuten so langweilig, dass sie jetzt an der falschen Front Zinnober machen m\u00fcssen?<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Tagesschau online vom 31.03.2020: <em>Bundesregierung gegen Maskenpflicht &#8222;In der jetzigen Lage keine Notwendigkeit&#8220;.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/corona-deutschland-mundschutz-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/corona-deutschland-mundschutz-101.html<\/a> [Aufruf: 31.03.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Mittwoch, 01. April 2020<br \/>\nEndlich nochmal aufh\u00fcbschen<\/h3>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Um 17.45 Uhr holt mich Maik mit dem Rad ab. Er hat zwei Wochen Urlaub genommen und Zeit und Lust auf Bewegung. Ich fahre gerne hinter ihm her, sieht auch ganz gut aus. Da er ein passionierter Mountainbiker ist, der angeblich schon einschl\u00e4gige Profi-Strecken im Schwarzwald bew\u00e4ltigt hat, f\u00e4llt mir positiv auf, dass er sehr langsam f\u00e4hrt, nat\u00fcrlich mir zu Liebe. Weil heute wieder eine Mitglieder-Videokonferenz vom Verein ist, in dem Maik aktiv ist, habe ich meinen Laptop im Gep\u00e4ck. Bei ihm angekommen, kochen wir und machen dann die Technik bereit. Maik ist begeistert! Obwohl mein Laptop im unteren Segment rangiert, kann Maik mit fl\u00fcssigem Bild und verst\u00e4ndlichem Ton an der Konferenz teilnehmen. Letztes Mal, \u00fcber seinen PC, war er nur in very slow Stockmotion zu sehen und das Mikro funktionierte auch nicht. Er konnte eigentlich nix, au\u00dfer passiver Beisitzer zu sein. Er macht einen guten Vorschlag und freut sich sehr. Ich freue mich auch, weil er so stolz ist, und dass ich ihm mit der Technik helfen konnte. Danach h\u00f6ren wir uns wieder durch seine ph\u00e4nomenale Plattensammlung.<\/p>\n<p>Hinein in die musikalische Zweisamkeit auf dem Sofa kommentiert Maik mein Outfit. Es gef\u00e4llt ihm. Und ich muss sagen, es tut mir sehr gut! Es tut mir gut, einen Anlass zu haben, mich f\u00fcr jemandem aufzuh\u00fcbschen. Ich bin nicht \u00fcberaus eitel, mittelm\u00e4\u00dfig denke ich \u2013 \u00fcbertrieben w\u00fcrden die einen, untertrieben wohl andere sagen. Aber neben den sozialen Anl\u00e4ssen fehlt es mir auch, mich f\u00fcr die Arbeit oder eine Party optisch in Szene zu setzen. Mein Frausein, meine soziale Pers\u00f6nlichkeit funktioniert gerne \u00fcber einen bestimmten Look, der im Homeoffice und privaten Lockdown aber fehl am Platz ist. Duschen und halbwegs Zurechtmachen bleiben auch jetzt Alltagsroutinen. Meine Partygarderobe geh\u00f6rt aber eben nicht zum Alltag, sondern zu einer Szene und auf eine Tanzfl\u00e4che mit Nebelmaschine. Wenn sie niemand sieht, macht es keinen Spa\u00df, sie anzuziehen. Zuhause kommen mir die Klamotten deplatziert vor. Ich brauche das Drumrum f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Freitag, 3. April 2020<br \/>\nDie Maske als Mode- und Piratenartikel<\/h3>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Telefonat mit meiner Mutter, die Atemschutzmasken f\u00fcr die Familien n\u00e4hen l\u00e4sst, habe ich den Eindruck, dass die Maske immer mehr zum Thema im Alltag wird. Am Nachmittag h\u00f6re ich zuf\u00e4llig einen Beitrag dazu im Deutschlandradio. In der Sendung Corso vom 03. April 2020 interviewt der Moderator Fabian Els\u00e4\u00dfer den freien Produktdesigner und Absolvent der Berliner Kunsthochschule DesignFarm Maximilian Mahal. Mahal ist anscheinend Teil des \u201eMaskOnCollective\u201c. Als MaskOnCollective haben Berliner Designer*innen k\u00fcrzlich via Instagram eine Kampagne f\u00fcr das Tragen von Schutzmasken gestartet.<\/p>\n<p>Auszug aus dem Interview:<\/p>\n<p><em>Moderator Els\u00e4\u00dfer: \u201eWenn man jetzt wirklich eine Maskenpflicht einf\u00fchren w\u00fcrde, w\u00fcrde das ja auch einen starken Kulturwandel in der Art wie wir rausgehen, wie wir auch miteinander rausgehen, bedeuten. Meinen Sie, der l\u00e4sst sich durchsetzen, ein solcher Wandel?<\/em><\/p>\n<p><em>Mahal: Hm, ja, durchsetzen, ob er sich jetzt von oben durchsetzen l\u00e4sst, wei\u00df ich nicht (\u2026) Im asiatischen Raum ist es ja schon deutlich verbreiteter, da ist es auch eher als solidarischer Akt angesehen. Man tr\u00e4gt Maske dort eher deswegen, um das Umfeld vor einem selber zu sch\u00fctzen. Da wird man dann teilweise auch schon komisch angekuckt, wenn man ohne Maske ruml\u00e4uft, also es ist viel mehr selbstverst\u00e4ndlicher. Ich glaube, was bei uns ein bisschen ungewohnt ist, ist die \u00c4sthetik der Maske (\u2026) die stammt halt aus dem medizinischen Kontext (\u2026) und das liest man ja mit, wenn man dieses Objekt sieht, und der wird jetzt halt \u00fcbertragen in einen fremden Kontext, also den \u00f6ffentlichen Raum, und dadurch erf\u00e4hrt es dann erstmal relativ viel Aufmerksamkeit. Ich sehe das aber auch positiv, weil die Maske als Objekt halt dieses unsichtbare Virus auch wieder sichtbar macht, man hat einfach einen Erinnerungstr\u00e4ger direkt vor den Augen.<\/em><\/p>\n<p><em>Els\u00e4\u00dfer: (\u2026) Glauben Sie, dass Design kann auch f\u00fcr die Akzeptanz der Maske sorgen?<\/em><\/p>\n<p><em>Mahal: Auf jeden Fall, also ich glaube, das andersartige Gestaltung, also jenseits der Medizinoptik, durchaus dazu beitragen kann. Also es gibt auch einige gro\u00dfe Modedesignunternehmen, die das auch gerade wieder f\u00fcr sich entdecken, das Objekt der Maske. Also es wird durchaus immer st\u00e4rker auch als Modeaccessoire dann schon auch betrachtet. <\/em><\/p>\n<p>Objekt, Erinnerungstr\u00e4ger, Modeaccessoire \u2013 ich finde es interessant und inspirierend, wie Mahal die Atemschutzmaske deutet. Die Beobachtung, dass ihre Anwesenheit im allt\u00e4glichen, \u00f6ffentlichen Raum neu ist, ist vielleicht nicht wahnsinnig scharfsinnig, aber es regt zu \u00dcberlegungen an. Pflaster und Pinzette geh\u00f6ren heute in fast jedem westlichen Haushalt zur Grundausstattung, m\u00f6chte ich meinen. Wahrscheinlich mussten diese Nutzgegenst\u00e4nde auch mal den Sprung aus dem medizinischen Behandlungsraum in die h\u00e4usliche Schublade schaffen. Allerdings bleibt zumindest die Pinzetten auch eher zuhause. Arbeiten mit der Pinzette geh\u00f6ren zur Intimhygiene, an einem sichtbaren Pflaster st\u00f6rt sich hingegen kaum jemand. Pflaster gibt es auch schon lange mit lustigen Designs zu kaufen, damit der Schnitt im Finger oder das aufgesch\u00fcrfte Knie ein bisschen weniger weh tut. Assoziation: Krankenhausserien. Der Anblick der Maske ist mir aus dem Fernsehen am vertrautesten, allerdings fast immer in Verbindung mit einer Szene im OP. Bei Maske und Schutzkittel denke ich an schwerwiegende Operationen. Als ich w\u00e4hrend der Vogelgrippe erstmals Asiat*innen in den Nachrichten und dann und wann mal auf der Stra\u00dfe mit Masken sah, fand ich das sehr irritierend und habe mich gefragt, wen sie damit sch\u00fctzen wollen? Sich selbst oder die Umwelt, weil sie selber krank sind? Ich denke, dass k\u00f6nnte auch bei Corona weiterhin f\u00fcr Hemmungen sorgen, gerade wenn man nicht offensichtlich einer Risikogruppe angeh\u00f6rt: Die Angst, selber als infiziert wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Abends lese ich im Spiegel Corona-Newsletter, dass die USA angeblich auf einem Flughafen in Bangkok 200.000 Schutzmasken konfisziert haben, die f\u00fcr die Berliner Polizei bestimmt waren. Der Berliner Innensenator wirft Trump einen Akt \u201emoderner Piraterie\u201c vor. Wer h\u00e4tte gedacht, dass sich das Weltgeschehen mal so sehr um dieses kleine Ding drehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Meine Eltern kommen vorbei, bringen mir zwei Atemmasken, Spargelspitzen und zwei Flaschen Wein. Begr\u00fc\u00dfung und \u00dcbergabe der Waren erfolgen mit angemessenem Abstand. Wir stehen kurz drau\u00dfen vor der Haust\u00fcr, leider ist es sehr kalt. Nach f\u00fcnf Minuten sind sie wieder weg, aber wir haben uns wenigstens nochmal kurz gesehen. Die zwei Masken, die ich nun besitze, sind aus einem alten Biberw\u00e4sche-Bettbezug meiner Eltern gen\u00e4ht. Modeaccessoires werden sie nicht werden.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Deutschlandradio Corso vom 03.04.2020: <em>Schutzmasken: Eine Frage des Designs.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/schutzmasken-eine-frage-des-designs.807.de.html?dram:article_id=473942\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/schutzmasken-eine-frage-des-designs.807.de.html?dram:article_id=473942<\/a> [Aufruf: 03.04.2020]<\/p>\n<p>Spiegel online: <em>Coronakrise: USA konfiszieren 200.000 f\u00fcr Berlin bestimmte Schutzmasken. <\/em><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/corona-krise-usa-konfiszieren-200-000-fuer-berlin-bestimmte-schutzmasken-a-7e22b2d4-53b4-4675-8cce-1778b4333dd6\">https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/corona-krise-usa-konfiszieren-200-000-fuer-berlin-bestimmte-schutzmasken-a-7e22b2d4-53b4-4675-8cce-1778b4333dd6<\/a> [Aufruf: 03.04.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Samstag, 4. April 2020<br \/>\nMaskierte Historie<\/h3>\n<p><strong>Beziehung:<\/strong><\/p>\n<p>Nachmittags fahre ich zu Maik. Ich habe vier Dosen Bier, Spargelspitzen und eine Flasche Wei\u00dfwein als Mitbringsel im Gep\u00e4ck. Am Nachmittag sitzen wir auf seinem Balkon und ich erz\u00e4hle ihm von der Begegnung mit meinen Eltern und dem Interview mit dem Designer Mahal, das ich gestern geh\u00f6rt habe. Er sagt, das mit den Masken sei ja eigentlich nichts Neues. Die Pestmaske sei auch sp\u00e4ter in Venedig zum Karnevalsartikel und in der Steampunk Szene zum Accessoire geworden. Stimmt, daran hatte ich gar nicht gedacht.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6353 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-extra.png\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-extra.png 1000w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-extra-920x290.png 920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\">Links: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pestdoktor\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pestdoktor<\/a><br \/>\nMitte: <a href=\"https:\/\/www.figuren-shop.de\/en\/steampunk-mask-plague-doctor\">https:\/\/www.figuren-shop.de\/<\/a> (Bild: All rights reserved.)<br \/>\nRechts: <a href=\"https:\/\/www.thedarkstore.com\/en\/masks-and-harness\/104-155-brown-silent-hill-steampunk-mask.html\">https:\/\/www.thedarkstore.com\/<\/a> (Bild: All rights reserved.)<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<h3><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sonntag, 5. April 2020<br \/>\nEin Single braucht Sonne<\/h3>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><br \/>\nWir machen einen uuunglaublich langen Spaziergang. Es ist mehr schon eine Wanderung. Das Wetter ist super sommerlich. Am Ende unseres R\u00fcckweges kommen wir an der Adresse einer Bekannten vorbei. Erst letztes Wochenende war mir aufgefallen, dass Maik gar nicht weit weg von ihr wohnt. Ich rufe sie kurz an und frage, ob sie Lust hat, mit uns zu Fenstern. Seid ihr etwa vor dem Haus? Moment, ja, ich muss mir nur eine M\u00fctze anziehen, ich sehe furchtbar aus.<\/p>\n<p>Ihr geht es so na ja, aber aussehen tut sie trotz M\u00fctze wirklich nicht gut. Als das Fenster aufgeht, schaut ein kr\u00e4nkliches, fahles Gesicht heraus. Ihr habt ja richtig Farbe im Gesicht, meint sie zu uns. Dann erz\u00e4hlt sie, dass sie so gut wie gar nicht drau\u00dfen ist. Sie hat Homeoffice verordnet bekommen, kaum soziale Kontakte und alleine mag sie nicht gro\u00df raus. Sie ist Single und auch die regelm\u00e4\u00dfigen Treffen mit ihrer Familie fallen jetzt aus. Dabei stehen in ihrer Familie gro\u00dfe Ereignisse an: ein 30. Geburtstag, eine Heirat und in wenigen Tagen wird sie gleich zweimal Tante werden. Wegen der Geburten will niemand ein Risiko eingehen, totales Kontaktverbot. Ein Baby soll direkt auf der anderen Stra\u00dfenseite auf die Welt kommen und sie darf es nicht sehen. Nach der heimischen Computerarbeit n\u00e4ht sie Masken, die sie an Altenheime und Menschen mit kleinen Kindern verschenkt. Ein paar hundert habe sie schon gen\u00e4ht, es g\u00e4be ja sonst nichts zu tun. Letztes Wochenende habe sie sich mal mit einer Freundin auf dem Friedhof getroffen. In Freiburg gilt ja derzeit ein Verbot f\u00fcr \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze, da bleibt nicht mehr viel, wenn man nicht durch die Gegend laufen oder fahren mag. Das Treffen sei gut gewesen. Auch endlich noch einmal ein Grund, sich zurechtzumachen. Zuhause nur Jogginghose, kein Friseur, keine Verabredung, man verlottert.<\/p>\n<p>Wir verabreden, uns n\u00e4chstes Wochenende spontan zu kontaktieren und uns auf jeden Fall auch auf dem Friedhof treffen. Ich kann sie so gut verstehen. Wenn ich Maik nicht h\u00e4tte, w\u00fcrde ich auch die meiste Zeit drinnen hocken. Ich habe auch keine Drau\u00dfen-Hobbies und war auch noch nie gut darin, alleine etwas zu unternehmen. Au\u00dfer Tanzen zu gehen, aber da wei\u00df ich auch immer, dass ich ein paar Leute im Club treffe. Vor ein paar Tagen hatte ich mal mit meiner Bekannten gechattet, weil ich mir Sorgen um ihre Seele gemacht habe. Psychisch scheint sie einigerma\u00dfen stabil zu sein, aber ich bin wirklich froh, dass ich sie heute mal gesehen habe. Sie muss raus! Wir m\u00fcssen sie nach drau\u00dfen holen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Montag, 6. April 2020<br \/>\nE-Learning und Osterstress<\/h3>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe nun alles f\u00fcr einen kleinen Ostergru\u00df f\u00fcr Schwester und Schwager in der Schweiz beisammen und packe ein Coronakrisen-P\u00e4ckchen mit Lakritz, Schokolade, Tee, DVD, Seife und einer Rolle Klopapier. Vor der Post hat sich eine 20 Meter lange Schlange gebildet, es geht aber schneller als gedacht. Nach knapp zehn Minuten bin ich an der Reihe. Dann schlucke ich: 29,90 Euro sagt der Postmitarbeiter, weil \u00fcber 2 kg (es sind 2,75 kg) und in die Schweiz, das ist EU-Ausland. Es ist vermutlich die teuerste Lakritzverschickung der Geschichte, die Luftlinie gerade mal 50 Kilometer s\u00fcdw\u00e4rts geht. In \u201eechten\u201c Krisenzeiten mit existenziellen Versorgungsengp\u00e4ssen m\u00fcssten wir uns etwas anderes f\u00fcr die Versorgung einfallen lassen. Irgendjemand m\u00fcsste das Zeug dann heimlich \u00fcber die Grenze schmuggeln\u2026<\/p>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe etwas Neues gefunden, das mich im Homeoffice von der Vorbereitung meiner Seminare ablenkt: Coursera, eine Art Online-Universit\u00e4t. Meine Schwester hat von Ihrem Konzernarbeitgeber zwei Lizenzen zum Verschenken an Freunde und Familie w\u00e4hrend der Corona-Pandemie bekommen, weil ja jetzt viele zuhause sind. Typisch, habe ich gedacht, der Konzern bleibt sich treu und verkauft es als Geschenk, dass die Mitarbeiter*innen und ihr Umfeld die Krise f\u00fcr die pers\u00f6nliche Weiterbildung, also sinnvoll nutzen. Die Vorstellung, dass Familien im Homeoffice gemeinsam faulenzen, \u201eMensch \u00e4rgere dich nicht\u201c spielen, Zeit brauchen, um f\u00fcr das Projekt Klopapier eine Strategie zu entwickeln, passt wahrscheinlich nicht zur Corporate Culture. Aber tats\u00e4chlich ist es ja auch eine gute Idee und keine knauserige, da ich meine, meine Schwester h\u00e4tte gesagt, dass eine Lizenz f\u00fcr ein Jahr normalerweise um die 15.000 Euro kostet. Vielleich ist es auch Teil einer Imagekampagne, weil der Konzern, f\u00fcr den meine Schwester arbeitet, zu den profitablen Grundfesten des Gesundheitswesens geh\u00f6rt und seine gesamte Produktion aufgrund wirtschaftlicher Logiken nach Asien ausgelagert hat, was jetzt gro\u00dfe Probleme in den Lieferketten macht.<\/p>\n<p>Unter <a href=\"http:\/\/www.coursera.org\">www.coursera.org<\/a> werden Kurse in den verschiedensten F\u00e4chern angeboten. Ich belege einen Kurs, weil mich interessiert, wie hier die E-Didaktik funktioniert. Vielleicht finde ich Anregungen f\u00fcr meine digitale Seminarplanung. Aber ich m\u00f6chte auch etwas machen, das inhaltlich zur aktuellen Lage passt. Deswegen starte ich den Kurs \u201ePublic Health: Essential Epidemiologic Tools for Public Health Practice (in the US)\u201c. Meine Dozentin hei\u00dft Aruna Chandran und ist von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Der Kurs soll vier Wochen dauern. Pro Woche wird ein thematischer Lehrblock anhand von ca. sechs Videos vermittelt, die jeweils drei bis zehn Minuten lang sind. Dabei werden verschiedene Charts per Videofunktion eingespielt, dazu h\u00f6rt man die Stimme der Dozentin. Der gesamte Sprechtext, Arunas Skript, ist unter dem Videofenster noch einmal zum Mitlesen verschriftlicht. Das ist super, nicht nur, weil ich keine Muttersprachlerin bin und geschriebenes Englisch besser verstehe, ich kann dadurch auch zentrale Stellen einfach per Copy and Paste selektieren und als pers\u00f6nliche Notizen abspeichern. Am Ende jeder Woche bzw. nach einer Lehreinheit gibt es ein kleines Quiz, wie ich dem Plan entnehme. Inhaltlich richtet sich das Kursdesign an Berufst\u00e4tige, die sich nebenher weiterbilden m\u00f6chten. Alle k\u00f6nnen nach ihrem eigenen Tempo und Zeitbudget lernen, das gef\u00e4llt mir.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Telefonat mit meiner Mutter. Sie m\u00f6chte, dass ich an Ostern zu ihnen komme. Sie m\u00f6chte backen und kochen, Spargel, und ich glaube, das gibt ihr Halt. Meine Mutter ist nicht religi\u00f6s, aber traditionell und die Vorstellung, dass die Familie an den Feiertagen nicht zusammen ist, belastet sie. Au\u00dferdem haben diese T\u00e4tigkeiten zeitlebens ihrer Rolle entsprochen. Das Festmahl zu planen gibt ihr Normalit\u00e4t und sp\u00fcrbar Energie. Dann fragt sie mich, wie es mir geht. Ich bin nicht auf Zack, sage, dass ich Kopfschmerzen und eine Magenverstimmung habe, was stimmt, was ich aber haupts\u00e4chlich sage, um damit zu entschuldigen, dass ich bei unserem Gespr\u00e4ch nicht ganz bei der Sache bin und mit meinen Gedanken woanders. Meine Bauchgeschichte ist nicht dramatisch, aber sie hat gefragt und ich habe geantwortet, ohne daran zu denken, dass Coronazeiten sind. Fehler! Sie schluckt und macht diesen Hm-hm-hm-Ton, wie damals, als ich l\u00e4ngere Zeit arbeitslos war. Hm-hm-hm bedeutet Drama, Sorgen und ich bin verantwortlich daf\u00fcr. Ich kann mit diesem Hm-hm-hm nicht umgehen. Das sind Vorwurfslaute, aber sie spricht keinen Vorwurf aus, auf den ich reagieren kann Hm-hm-hm hei\u00dft immer, dass meiner Mutter gerade einf\u00e4llt, dass sie nicht sagen sollte, was sie gerne sagen w\u00fcrde. Ausdruck einer negativen Bestandsaufnahme. Mir w\u00e4re Klartext lieber. Denn so muss ich die passenden Worte daf\u00fcr finden, was meine Mutter beunruhigt, und am Ende bin das immer ich und ich werde patzig. Ich frage sie, ob ich auf die Frage, wie es mir geht, in n\u00e4chster Zeit am besten nicht mehr antworten soll, weil sie wom\u00f6glich sofort Angst bekommt, dass ich Corona habe.<\/p>\n<p>Oben drauf erz\u00e4hle ich ihr, dass ich mich am kommenden Osterwochenende auch mit meiner blassen Freundin treffen muss, damit sie mal raus kommt. Wieder dieses Hm-hm-hm. Es macht mich wahnsinnig, ich f\u00fchle mich zutiefst f\u00fcr mein Verhalten kritisiert. Rechtfertigungsdruck. Meine blasse Freundin w\u00e4re der zweite Direktkontakt innerhalb von vier Wochen. Meine Mutter gibt mir aber das Gef\u00fchl, dass ich total unverantwortlich bin. Mann, bin ich angekratzt!<\/p>\n<p>Ich versuche eine neue Strategie und m\u00f6chte sie damit vers\u00f6hnen, dass ich gerade in einer privilegierten Stellung bin, die es mir erlaubt, meine Kontakte auf ein Minimum runterzufahren. Ich muss nicht weiter an irgendeiner \u00f6ffentlichen Arbeitsst\u00e4tte t\u00e4tig sein und bin im \u00f6ffentlichen Dienst auch nicht von Kurzarbeit bedroht. Meine Mutter reagiert mit einem Themenwechsel. Sie bek\u00e4me wieder weder Mehl noch Hefe, ob ich ihr das besorgen k\u00f6nne. AHHH! Meine Mutter ist eine herzensgute Frau, aber sie hat auch ein Talent, mich binnen Minuten auf 180 zu bringen. Wenn ich eine Freundin treffe, bedeutet das h\u00f6chste Sorgenstufe. Mangelg\u00fcter wie Mehl und Hefe zu besorgen, ist aber in Ordnung und ich frage mich wirklich inst\u00e4ndig, wie viele Supermarktbesuche meinerseits sie daf\u00fcr f\u00fcr vertretbar h\u00e4lt. Setzt sie darauf, dass ich direkt im ersten Supermarkt f\u00fcndig werde? W\u00fcrde sie eine ausgedehnte Suche in mehreren M\u00e4rkten zwar besorgt kommentieren, aber letztlich als Liebesbeweis deuten? Oder ist die Einkaufswelt trotz Handschuhen und Atemmasken f\u00fcr sie immer noch eine berechenbarere Welt als die Sozialwelt ihrer Tochter unter freiem Himmel? Letztlich ist die Supermarktwelt aktuell wohl die einzige, an der sich meine Mutter festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gut durch diese Krise zu gehen, bedeutet f\u00fcr mich, hilfsbereit zu sein, auch wenn ich bisher da nicht sonderlich gegl\u00e4nzt habe. Aber was, wenn das eine Helfen, das andere Helfen zur Bedrohung macht? Wenn ich meiner Freundin helfe, einen Sozialkontakt, Sonne und frische Luft zu haben, empfindet das meine Mutter als Gefahr. Wenn ich meiner Mutter helfen will, gehe ich am besten in die totale Isolation, die ich nur verlasse, um f\u00fcr sie Hefe und Mehl zu besorgen. Ich muss meine Mutter genauer fragen, was ihr Angst macht. Ist es einfach nur ein Bild, dass ich meine Freundin umarme? Was genau macht ihr Angst? Mir macht Angst, dass sie mich f\u00fcr verantwortungslos halten k\u00f6nnte. Ich bin eben die Kleine in der Familie, das Nesth\u00e4kchen, und werde nie erwachsen. Wir werden an Ostern viel Gespr\u00e4chsstoff haben&#8230;<\/p>\n<p>Abends Telefonat mit meiner Schwester. Ich bin froh, dass wir diesmal kein Videogespr\u00e4ch f\u00fchren, sondern ein normales Telefongespr\u00e4ch wie sonst auch. Meine Schwester ist auch besorgt, aber auf eine ganz andere Art als meine Mutter. Sie hat aufgrund ihrer Arbeit ein sehr gro\u00dfes, weltweites Netzwerk. Sie kennt mittlerweile mehrere Menschen, die eine*n Angeh\u00f6rige*n an Corona verloren haben. In ihrer Welt ist der Corona-Tod deutlich pr\u00e4senter als in meiner. Das nimmt sie mit, aber sie reagiert darauf, indem sie sagt: Versuch, das Leben den Umst\u00e4nden entsprechend zu genie\u00dfen! Sie fragt mich, wie es mit Maik l\u00e4uft, findet das alles sch\u00f6n. Daf\u00fcr bewundere ich sie und bin ihr sehr dankbar. Sie macht mir kein schlechtes Gewissen wegen Maik oder sonst was, sondern freut sich, wenn ich ihr sage, ich tue dies und das und das tut mir gut. So gestalte ich die Krise f\u00fcr mich und es geht mir gut damit. Danke, gro\u00dfe Schwester! Danach reden wir dar\u00fcber, wie Corona wohl die Arbeitswelt ver\u00e4ndern wird. Mehr Homeoffice, weniger die Menschen und die Umwelt belastende Reisen dank Videokonferenzen, gleichwohl besondere Wertsch\u00e4tzung der pers\u00f6nlichen Begegnung. Meine Schwester musste die letzten 20 Jahre unglaublich viel durch die Welt fliegen. Einmal ist sie 20 Stunden geflogen, f\u00fcr ein einziges Meeting, das ein paar Stunden dauerte, danach direkt wieder zur\u00fcck. So ein Wahnsinn. Sie genie\u00dft das Arbeiten im Homeoffice sehr und ihr Lebensgef\u00e4hrte, der immer gesagt hat, er kann seinen Job nicht im Homeoffice machen, kann das jetzt pl\u00f6tzlich doch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Dienstag, 7. April 2020<br \/>\nInformationsh\u00fcrden<\/h3>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>In der ungef\u00e4hr vierten Coronawoche hat sich bei mir ein seltsames Normalit\u00e4tsgef\u00fchl eingestellt. Die Ausnahme bekommt Routine. Mein Tagesablauf ist strukturiert, ich wei\u00df, wie es in welchen L\u00e4den beim Einkaufen l\u00e4uft, habe mich ans Radfahren gew\u00f6hnt und die festen Tage mit Maik. Als ich gestern Abend meinen Pfandsack wegbringen wollte, gab es allerdings eine j\u00e4he \u00dcberraschung: der Edeka hat neuerdings nur noch bis 20 Uhr statt wie normal bis 21 Uhr ge\u00f6ffnet. Der Pfandsack ist voll, muss weg und ich will auch noch Getr\u00e4nke besorgen.<\/p>\n<p>Heute also auf ein Neues. Den Edeka kann man seit einiger Zeit nur noch \u00fcber einen von zwei Eing\u00e4ngen betreten und man kommt nur mit Einkaufswagen rein. Als ich ankomme, gibt es eine kleine Schlange. Sobald jemand mit einem Wagen rauskommt, wird der Griff von einem Securitymitarbeiter desinfiziert und die oder der Erste aus der Schlage darf rein. An der Seite steht ein Schild, auf dem um Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr gebeten wird, dass die Leute alleine zum Einkaufen kommen sollen und einen Wagen nehmen m\u00fcssen. W\u00e4hrend ich auf meinen Wagen warte, kommt eine Afrikanerin heraus, Einkaufstaschen voll, aber kein Wagen. Der Securitymensch geht sie sofort harsch an. Sie geht an ihm vorbei, faucht etwas zur\u00fcck. Ich verstehe weder was der eine, noch was die andere sagt, trotzdem h\u00f6rt sich das nach Reiberei an.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wie das mit der Informationslage aktuell in verschiedenen Lebenskontexten aussieht. Mein Vater ist seit drei\u00dfig Jahren ehrenamtlich in der Fl\u00fcchtlingshilfe aktiv. Seit einem Jahr betreut er eine afghanische Familie, die vor zwei Jahren als Analphabeten nach Deutschland gekommen sind und seiner Meinung nach beim Deutschlernen sehr schlechte Fortschritte machen. Es wird viele Menschen geben, die das Edeka Schild nicht lesen k\u00f6nnen, die nicht t\u00e4glich den Corona-Newsletter vom Spiegel lesen und die wahrscheinlich weiterhin haupts\u00e4chlich die Nachrichten aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern verfolgen, in denen \u00fcber Kabul, Damaskus oder Beirut, nicht aber unbedingt \u00fcber Freiburg im Breisgau berichtet wird. Wie wird in einer pluralistischen Gesellschaft Krisenkommunikation f\u00fcr alle gew\u00e4hrleistet? Gibt es da engagierte Helfer*innen, die Ausz\u00fcge aus der Badischen Zeitungen f\u00fcr ihre Community \u00fcbersetzen? Und selbst wenn \u2013 haben alle aus dieser Community Zugang zu diesen Informationen? Ich w\u00fcsste gerne, wie sich die Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen informieren.<\/p>\n<p>Im Lidl l\u00e4uft das Einkaufen ganz anders als im Edeka. Wagen ist keine Pflicht, wenn es eine zahlenm\u00e4\u00dfige Zutrittsbeschr\u00e4nkung gibt, habe ich sie noch nicht bemerkt. Ich finde es ein bisschen schwierig, dass alles irgendwie \u00fcberall anders geregelt ist. Im Lidl so, im Edeka anders, in Baden-W\u00fcrttemberg darf man dieses, in Freiburg nicht mehr jenes, in Bayern nur das und dies und in NRW wieder was ganz anderes, besonders in Heinsberg, Deutschlands aktuellem Corona Hot-Spot. Ich muss aufpassen, dass ich Regelungen in den Nachrichten f\u00fcr andere Regionen nicht mit den \u00f6rtlichen Regelungen durcheinanderbringe bzw. dass die f\u00fcr mich relevanten Lokalregelungen nicht untergehen. Dass es in Freiburg ein Verbot f\u00fcr \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze gibt, hatte ich letztes Wochenende schon wieder vergessen, bis meine Freundin meinte, dass uns f\u00fcr ein Treffen nur noch der Friedhof bleibt. Mit gen\u00fcgend Abstand h\u00e4tte ich mich mit ihr und zwei Bierchen auch glatt ans Siegesdenkmal gesetzt \u2013 unwissentlich illegitim, aber Unwissenheit sch\u00fctzt ja bekanntlich vor Strafe nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Mittwoch, 8. April 2020<br \/>\nFreud und Leid unterm Kirschbaum<\/h3>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Um 15 Uhr bin ich mit einem Kollegen im Institut verabredet. Ich denke, es geht um Angelegenheiten das Sommersemester betreffend. Aber als ich ankomme, begr\u00fc\u00dft er mich mit der Ansage, dass er zwei Dosen Gin Tonic kaltgestellt hat. Das erste Wiedersehen seit vier Wochen! Alles in allem kommen wir beide ganz gut zurecht, stellen wir fest. Nach dem Gin Tonic beschlie\u00dfen wir, noch ein Bier zu trinken. Als ich mit zwei Bier aus dem Haus komme, laufe ich in meine Lieblingskollegin und Freundin hinein, die zuf\u00e4llig da ist, weil sie etwas aus ihrem B\u00fcro holen musste. Auch sie nimmt ein Bier. Gegen Ende des Bieres kommt ein weiterer Kollege hinzu, den ich sehr mag. Er ist derjenige, der neuerdings \u2013 nach 22 Jahren \u2013 wegen Corona wieder einen Fernseher besitzt. Ich denke, er hat es von allen in dieser Runde am schwersten.<\/p>\n<p>Das spontane Treffen tut uns allen sooo gut. Ich bin gl\u00fccklich. Ich freue mich, dass die, die mir bei der Arbeit die Liebsten sind, alle zuf\u00e4llig gerade hier sind. Zu viert sitzen wir in einem ausgedehnten Stuhlkreis im Garten unter dem bl\u00fchenden Kirschbaum, trinken Bier, berichten, wie es so geht, nehmen Anteil, machen Sp\u00e4\u00dfe. Das hat es so vorher auch noch nicht gegeben. Aber es gibt auch gro\u00dfes Leid. Der Vater meiner Kollegin hat letzte Woche eine schlechte Diagnose bekommen. Unklar, wie lange er noch lebt, vielleicht f\u00fcnf Jahre, vielleicht f\u00fcnf Monate. Zu Ostern hat die Familie deswegen die Kontaktsperre aufgehoben. Der Satz hallt noch nach: Meine Familie hat die Kontaktsperre aufgehoben, ich fahre hin und komme deswegen nach Ostern zwei Wochen lang nicht mehr ins Institut. Quarant\u00e4ne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Donnerstag, 9. April 2020<br \/>\nSpargelpromis, Corona-App und Gott macht auch mit<\/h3>\n<p><strong>Arbeitssituation:<\/strong><\/p>\n<p>Erneut verschiebe ich meine Seminarvorbereitung. Mittlerweile habe ich aber auch ausreichend Texte gesichtet. Au\u00dferdem bietet unsere Unibibliothek seit Dienstag f\u00fcr 5,50 Euro einen Scan-Service und Buchversand an. Klasse!<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Heute besch\u00e4ftigen mich besonders zwei Meldungen zur Coronakrise, die die Nachrichten bestimmen:<\/p>\n<ol>\n<li>z. B. auf Deutschlandradio: <em>Erste Erntehelfer aus Rum\u00e4nien in Deutschland angekommen<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit welcher Freude rum\u00e4nische Saisonarbeiter in Deutschland empfangen werden k\u00f6nnen, wenn es um den Spargel geht! Die Spargelernte war\/ist n\u00e4mlich wegen Personalmangels aufgrund der Grenzschlie\u00dfungen, Ein- und Ausreiseverbote in h\u00f6chster Gefahr. Die Erntehelfer aus Osteuropa fehlen. 80.000 k\u00f6nnen nun aber doch kommen. Sie werden eingeflogen. Gro\u00dfe Politiker*innen werden eingeflogen, Blauhelme, \u00c4rzt*innen und Atemschutzmasken \u2013 und rum\u00e4nische Erntehelfer. Ich finde das h\u00f6chst am\u00fcsant, dass f\u00fcr den deutschen Spargel aktuelle Regelungen hopplahopp au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Einerseits verstehe ich, dass die Landwirtschaft in Not ger\u00e4t, wenn der Spargel nicht gestochen wird. Andererseits ist Spargel doch mitunter das elit\u00e4rste Gem\u00fcse, das auf deutschen Feldern w\u00e4chst. \u00dcber die Sonderbehandlung und Beachtung, die die Erntehelfer aus den \u201eSchmarotzerl\u00e4ndern\u201c nun wegen des Spargels erfahren, freue ich mich aber.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>z. B. auf ZDF online: <em>Wegen Betrugsverdachts: NRW stoppt Corona-Soforthilfe<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Das macht mich richtig sauer, nicht zuletzt, weil ich wei\u00df, wie viel Energie Maik in seinen Antrag steckt, bei dem es gerade mal um 1.500 Euro geht. Sein Mini-Unternehmen als Verteiler f\u00fcr Veranstaltungsmaterialien liegt nun wirklich brach. Heute erarbeitet er mit einem Gesch\u00e4ftspartner die dritte Fassung seines Antrags, den er dann erneut bei der IHK Baden-W\u00fcrttemberg einreichen will. Anscheinend haben Kriminelle fix eine Webseite aufgesetzt, die offiziell aussieht und bei einer Google-Suchanfrage f\u00fcr das Bundesland Nordrhein-Westfalen an erste Stelle erscheint. Hier haben Antragsteller*innen ihre Daten eingegeben, die dann von den Kriminellen genutzt wurden, um die Hilfen an die diversen Unternehmen einzustreichen. Im Radio wird erg\u00e4nzend dar\u00fcber berichtet, dass die Pr\u00fcfungsvorg\u00e4nge deutschlandweit \u00fcberall verschieden sind, so w\u00fcrde in Bayern fast gar nicht gepr\u00fcft und weder eine Steuernummer, noch eine Personalausweisnummer zur Verifizierung verlangt, weil die Ansage der Politik lautet, m\u00f6glichst schnell auszuzahlen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter bekomme ich am Rande ein Interview im Deutschlandradio mit, in dem es dem Gespr\u00e4chspartner gelingt, das Ph\u00e4nomen der Hamstereink\u00e4ufe etwas zu relativieren. Nat\u00fcrlich gebe es die, aber man m\u00fcsse auch daran denken, dass die Menschen nun einfach viel mehr zuhause essen und dementsprechend mehr einkaufen. Keine Schulmittagessen mehr, keine Kantine, keine Restaurants. Ganze Familien essen nun wom\u00f6glich dreimal t\u00e4glich zusammen zuhause, da m\u00fcssen sie nat\u00fcrlich auch mehr Lebensmittel einkaufen.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6355 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-7.png\" alt=\"\" width=\"343\" height=\"200\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/auslandsjournal\/auslandsjournal-vom-8-april-2020-102.html\">https:\/\/www.zdf.de\/<\/a><br \/>\n(Video verf\u00fcgbar bis 8. April 2021)<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Abends schaue ich das ZDF Auslandsjournal von gestern. Der letzte Beitrag widmet sich angesichts des anstehenden Osterfestes der Lage in Jerusalem. Vor der Klagemauer werden gl\u00e4ubige Juden interviewt wie Shmuel Epstein. Er sagt: <em>\u201eGott hat das Virus geschickt, die Lage h\u00e4ngt von ihm ab. Gott zeigt uns, dass er die Macht hat, nicht die Mediziner, die das Virus nicht unter Kontrolle kriegen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Beitrag bewegt mich. Er fokussiert darauf, wie schwer die Schutzma\u00dfnahmen der israelischen Regierung in streng orthodoxen Vierteln durchsetzbar sind. Ich frage mich, an wie vielen Orten der Welt sich religi\u00f6se, esoterische und wissenschaftliche \u00dcberzeugungen in der Coronakrise gegen\u00fcberstehen. Wo \u00fcberall sind die Schutzma\u00dfnahmen mit religi\u00f6sen Praktiken unvereinbar und werden deswegen nicht akzeptiert? In meinem Coursera Kurs wurde kulturelle Sensibilit\u00e4t als eine Kernkompetenz von Public Health Professionals genannt. Wie w\u00fcrde ich einen tief religi\u00f6sen Menschen von Quarant\u00e4ne, Ausgangssperre, Mundschutz und Abstandhalten \u00fcberzeugen, der seine religi\u00f6se Praxis \u00fcber Gemeinschaft und die Allmacht bzw. den Willen eines Gottes definiert? Ich bin gespannt, ob dieses Thema im weiteren Kursverlauf bei Coursera noch einmal tiefergehend behandelt wird. Wie entwickle, kommuniziere und setze ich Gesundheitsma\u00dfnahmen in Gesellschaftsgruppen durch, die nicht an westliche Wissenschaftskonzepte glauben?<\/p>\n<p>Via dem Messengerdienst Telegram erreicht mich eine Nachricht des Bundesgesundheitsministeriums (BGM).<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6357 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-8.png\" alt=\"\" width=\"844\" height=\"346\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><a href=\"https:\/\/t.me\/corona_infokanal_bmg\/9\"><em>https:\/\/t.me\/corona_infokanal_bmg\/9<\/em><\/a><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unter der Kampagne \u201eDatenspende\u201c wird die neue Corona-Datenspende-App des Robert Koch Instituts beworben. Es ist das erste Mal in der Coronakrise, dass ein pers\u00f6nlicher Social Media Kanal von mir von der Regierung genutzt wird. Ich finde es modern, aber auch seltsam, abonniere den Kanal aber auf Telegram. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem Kanal beigetreten w\u00e4re, wenn ich kein Corona Tagebuch schreiben w\u00fcrde. Die App weckt mein Interesse. Ich bin aber unschl\u00fcssig, ob ich sie nutzen will. Einerseits lehne ich Datenerfassung wann m\u00f6glich ab, bin weder auf Facebook, Twitter, Instagram noch WhatsApp, andererseits bin ich neugierig, was das Robert Koch Institut da entwickelt hat:<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6359 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-9.png\" alt=\"\" width=\"851\" height=\"404\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><a href=\"https:\/\/corona-datenspende.de\">https:\/\/corona-datenspende.de<\/a><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die App wird auf dem Smartphone installiert. Allerdings funktioniert die Datenerfassung nur in Verbindung mit einem Fitnessarmband oder einer Smartwatch: <em>\u201eSo funktioniert\u2019s: F\u00fcr die Corona-Datenspende-App werden ein Smartphone und ein Fitnessarmband oder eine Smartwatch ben\u00f6tigt. Mit diesen sogenannten Wearables k\u00f6nnen wir fr\u00fchzeitig Symptome einer Infektion mit dem Coronavirus erkennen und die geografische Ausbreitung erfassen.\u201c<\/em> Wie viele Bundesb\u00fcrger*innen besitzen denn bitte sch\u00f6n ein Fitnessarmband oder eine Smartwatch? Wieso entwickelt das RKI eine App, die nur Bev\u00f6lkerungsteile nutzen k\u00f6nnen, die die erforderlichen \u201eWearables\u201c besitzen? Selbst, wenn ich mitmachen wollte \u2013 ich kann es gar nicht. Ich kann es nicht belegen, aber vielleicht sind der Besitz und das Tragen solcher Wearables mit bestimmten Lebensstilen verbunden. Die erfassten Infektionswege von Corona k\u00f6nnen dann nur in bestimmten Milieus verfolgt werden. Wie viele Menschen, die in systemrelevanten Bereichen wie Krankenh\u00e4usern, Pflegeeinrichtungen oder Superm\u00e4rkten arbeiten und einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, besitzen solche Gadgets? Die Nutzung einer einfachen App auf meinem Smartphone halte ich zumindest f\u00fcr vorstellbar. Wegen des notwendigen Sonderequipments \u00fcberzeugt mich die Erfindung aber nicht und ich habe eine gro\u00dfe Skepsis dem Aussagewert der erhobenen Daten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Deutschlandfunk: <em>Corona-Krise: Erste Erntehelfer aus Rum\u00e4nien in Deutschland angekommen.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/landwirtschaft-corona-krise-erste-erntehelfer-aus-rumaenien.1939.de.html?drn:news_id=1119106\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/landwirtschaft-corona-krise-erste-erntehelfer-aus-rumaenien.1939.de.html?drn:news_id=1119106<\/a> [Aufruf: 09.04.2020]<\/p>\n<p>ZDF online: <em>Wegen Betrugsverdachts &#8211; NRW stoppt Corona-Soforthilfe.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/wegen-betrugsverdachts-nrw-stoppt-corona-soforthilfe-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/wegen-betrugsverdachts-nrw-stoppt-corona-soforthilfe-100.html<\/a> [Aufruf: 09.04.2020]<\/p>\n<p>ZDF Auslandsjournal vom 8. April 2020: Wie das Virus die Welt ver\u00e4ndert. <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/auslandsjournal\/auslandsjournal-vom-8-april-2020-102.html\">https:\/\/www.zdf.de\/politik\/auslandsjournal\/auslandsjournal-vom-8-april-2020-102.html<\/a> [Aufruf: 09.04.2020]<\/p>\n<p>Corona-Datenspende-App des Robert Koch Instituts: <a href=\"https:\/\/corona-datenspende.de\/\">https:\/\/corona-datenspende.de\/<\/a> [Aufruf: 09.04.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Freitag, 10. April 2020 (Karfreitag)<br \/>\nFeierlichkeiten \u2013 warum eigentlich nicht f\u00fcrs Grundgesetz?<\/h3>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Das Osterwochenende ist da. Im Deutschlandradio streiten sich deutsche Pfarrer dar\u00fcber, ob digitale Gottesdienste den Gemeinden n\u00fctzen oder ob damit das Amt des Pfarrers oder Priesters \u00fcberbewertet wird, da ein Gottesdienst eine Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen bedeutet. Ich denke, der skeptischen Position geht es ein bisschen wie mir: Ich kenne nur Pr\u00e4senzlehre, bin nicht besonders technikaffin und tue mich jetzt schwer damit, digitale Formate zu entwickeln. Video-Ansprachen der Bundeskanzlerin oder des Bundespr\u00e4sidenten hingegen sind mittlerweile ein probates Mittel, sich an die Bundesb\u00fcrger*innen zu wenden. Wenn die alleine vor der Kamera sitzen, sagt auch niemand, Politik funktioniert nur in der Gemeinschaft. Da scheint es selbstverst\u00e4ndlich. Coronapolitik funktioniert nur gut in Gemeinschaft, Pandemiebek\u00e4mpfung gelingt nur zusammen, wenn alle mitmachen, auch ohne eine erhebende Gruppenzeremonie. Das fehlt gerade allen, das ist n\u00e4mlich im weitesten Sinne Feiern. Vielleicht fehlt es der deutschen Demokratie in der breiten Basis an Feierlichkeit. Die Kampagne \u201e70 Jahre Grundgesetz\u201c fand ich gut und wichtig, aber zu leise. Vielleicht sollte man f\u00fcr das Grundgesetz einen Feiertag einrichten. Das w\u00e4re doch ein sch\u00f6nes Signal. Damit soll das Grundgesetz ja nicht verewigt werden, im Gegenteil, es w\u00e4re ein Tag f\u00fcr Debatten \u00fcber Anpassungen, Schieflagen, aber auch f\u00fcr die Bewusstwerdung \u00fcber einen der wenigen gemeinsamen gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen kleinsten Nenner in diesem Land und was gut daran ist.<\/p>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde das ganze Osterwochenende mit und bei Maik verbringen. Endlich mal ein paar Tage am St\u00fcck zusammen. Wir h\u00f6ren viel Musik und betrinken uns. Das Osteressen bei meinen Eltern ist am Montag. Haben sie das extra so gelegt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Samstag, 11. April 2020 (Ostersamstag)<br \/>\nVolles Kaufland, leerer Petersdom<\/h3>\n<p><strong>Daily Life:<\/strong><\/p>\n<p>Maik und ich starten mit einem gro\u00dfen Kater in den Tag. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck am Mittag m\u00fcssen wir einkaufen. Der n\u00e4chste Supermarkt ist das Kaufland \u2013 das Einkaufsparadies der Unterschicht, wie Maik es gerne nennt. Es gibt keine f\u00fcr mich ersichtliche Zugangsbeschr\u00e4nkung, bei den Einkaufsw\u00e4gen stehen zwar Halterungen mit Papierrollen, aber ich sehe kein Desinfektionsmittel oder Hinweise dazu. In der T\u00fcr steht zwar ein Securitymann, aber ich f\u00fchle mich trotzdem nicht sehr wohl. Diese Securitym\u00e4nner scheinen sich nicht daf\u00fcr verantwortlich zu f\u00fchlen, darauf zu achten, dass alle die Regeln einhalten. Vielleicht ist ihre Aufgabe eher \u2026 Mediation \u2026 wenn es zu Rangeleien ums Klopapier kommt. Auch ohne Corona w\u00e4re das Kaufland wohl nicht sehr einladend. Die Atmosph\u00e4re ist bedr\u00fcckend, komisches k\u00fcnstliches Licht und schlechte Luft. Ganze Gro\u00dffamilien sind unterwegs, rufen sich etwas zu, egal, wer gerade neben ihnen steht, dr\u00e4ngeln sich vorbei, an den Kassen ist es un\u00fcbersichtlich, wieder Gedr\u00e4ngel. Ich bin froh, als wir wieder drau\u00dfen sind.<\/p>\n<p><strong>Medien:<\/strong><\/p>\n<p>Abends zappen wir ein bisschen durchs Fernsehprogramm. Bei den ARD Nachrichten bleiben wir h\u00e4ngen: Der Papst ist zu sehen, wie er am Karfreitag abends den Kreuzweg vor dem Petersdom betet, ohne Pilger. Das Bild hat f\u00fcr mich irgendwie etwas Mystisches, auf jeden Fall etwas Einzigartiges und Faszinierendes. Es ist befremdlich, wie das katholische Oberhaupt eine religi\u00f6se Praktik ohne eine gl\u00e4ubige Gemeinschaft vollzieht, einsam, f\u00fcr sich alleine. Gerade weil die Wenigen, die dabei sind, so verloren auf dem gro\u00dfen Platz aussehen, wirkt es auf mich erhaben. Als ob da \u201ewas Gro\u00dfes\u201c passiert.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6361 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-10.png\" alt=\"\" width=\"906\" height=\"533\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\">ARD\/MDR aktuell vom 11.04.2020, 16:20 Uhr: <em>Papst begeht Karfreitag ohne Pilger: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/ard\/player\/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy85NzA3YWU0Ny02NTc3LTRlYmItYTMyZi01N2I3NGZkNzZjMTc\/papst-begeht-karfreitag-ohne-pilger\">https:\/\/www.ardmediathek.de\/ard\/player\/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy85NzA<br \/>\n3YWU0Ny02NTc3LTRlYmItYTMyZi01N2I3NGZkNzZjMTc\/papst-begeht-karfreitag-ohne-pilger<\/a> [Aufruf: 12.04.2020]<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sonntag, 12. April 2020 (Ostersonntag)<br \/>\nEins, zwei, drei \u2013 Polizei<\/h3>\n<p><strong>Social Life:<\/strong><\/p>\n<p>Um 16 Uhr holen wir meine Freundin ab, mit der wir uns letztes Wochenende verabredet hatten. Sie sieht immer noch fahl aus. Umso mehr freut sie sich \u00fcber die Gesellschaft und den Drau\u00dfentermin. Wir gehen zu dem alten Friedhof, der sich direkt die Stra\u00dfe runter hinter ihrem Haus befindet. In der N\u00e4he des Eingangs finden wir sofort eine freie Bank. Maik und ich hocken uns nebeneinander auf die Bank, meine Freundin sitzt mit 1,5 m Abstand auf einer Decke auf dem Boden. Wir haben ein Sixpack Bier dabei, meine Freundin schokoladige Ostergeschenke f\u00fcr uns. Sie sagt, dass ihr \u2013 neben dem Friseur \u2013 das Ausgehen am meisten fehlt. Ich brauche laute Musik, sagt sie. Der Club, in den wir alle am liebsten gehen, sendet mittlerweile Live Streams, bei denen auch zu Spenden zum Beispiel f\u00fcr ein virtuelles Bier aufgerufen wird. Meine Freundin berichtet von einem anderen P\u00e4rchen, das wir kennen, das sich am Wochenende f\u00fcr die Streams aufstylt und zuhause feiert. Sie sagt, das w\u00fcrde sie auch gerne, aber sie k\u00e4me sich komisch dabei vor, alleine zuhause zu tanzen.<\/p>\n<p>Dass sie die bevorstehenden Geburten der Kinder ihrer zwei Br\u00fcder verpassen wird, macht sie immer noch traurig. Zumindest in dem einen Krankhaus w\u00e4re es so, dass der Vater zwar zur Geburt mit in den Kreissaal d\u00fcrfe, aber danach das Krankenhaus wieder verlassen m\u00fcsste und wegen Besuchsstopp Frau und Kind nicht mehr sehen k\u00f6nnte, bis beide nach Hause kommen. Die werdenden Eltern tun mir leid.<\/p>\n<p>Wir tauschen uns weiter aus, trinken Bier und rauchen, genie\u00dfen die warme Sonne und das Beisammensein. Nach ca. eineinhalb Stunden m\u00fcssen wir abbrechen. Zwei Polizistinnen kommen auf uns zu. Sie weisen uns darauf hin, dass sich nur Menschen hier versammeln d\u00fcrfen, die in einem Haushalt leben. Sie sind wirklich sehr freundlich und wirken so, als wollten sie sich f\u00fcr ihr Einschreiten entschuldigen. Sie geben uns noch den Tipp, dass wir uns einen privaten Balkon suchen sollen, privat w\u00e4ren zwei Hausst\u00e4nde in Ordnung. Wahrscheinlich hat sich jemand beschwert, weil wir auf dem Friedhof Bier trinken und rauchen wie Teenager. Uns war bewusst, dass das passieren k\u00f6nnte, deswegen diskutieren wird auch nicht, sondern sammeln die Kippen auf, packen unsere leeren Flaschen ein und ziehen ab.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es aber auch ganz unerheblich, dass wir uns auf einem Friedhof getroffen haben. Seit einigen Tagen ist eine neue Gruppe aktiv: Corona-Denunzianten. Im Deutschlandradio gab es dazu einen Beitrag: Seltsame Mentalit\u00e4t \u2013 Denunziantentum in Corona-Zeiten.<\/p>\n<p>Auszug:<\/p>\n<p><em>Nun sollen aufmerksame B\u00fcrger keineswegs verglichen werden mit dem urspr\u00fcnglich von den Nazis erfundenen \u201eBlockwart\u201c, der als unterster Hierarch der NSDAP im Wohnquartier f\u00fcr Ruhe und Ordnung sorgen sollte. Doch im \u00fcbertragenen Sinne hat sich die Blockwart-Metapher durch alle Zeiten gehalten. Wer sich an vermeintlich \u00fcberbordenden individuellen Freiheiten reibt, sieht jetzt seine Chance gekommen: f\u00fcr Ruhe und Ordnung im Revier sorgen. Schn\u00fcffeln, spitzeln und denunzieren im Dienste der gro\u00dfen Sache. Inzwischen l\u00e4stern ausl\u00e4ndische Medien schon \u00fcber das deutsche Ph\u00e4nomen: So beschrieb ein Artikel der Nachrichtenagentur Reuters in britischen Medien, wie der Denunzianten-Ungeist im Schatten der Coronakrise wiedererwacht.<\/em><\/p>\n<p>Die Coronakrise bietet einen guten Rahmen, das Ph\u00e4nomen des Denunzierens zu erkunden. Ist es in Deutschland wirklich besonders ausgepr\u00e4gt? Ich habe das auch in mir. Also ich denunziere nicht (wobei ich Denunzieren hier von polizeilichen Anzeigen bei Rechtsverst\u00f6\u00dfen unterscheide), aber ich kenne das Gef\u00fchl, das dahinter steckt. Es macht mich wahnsinnig, wenn andere einfach nur dreist genug sind, eine Regel brechen, und dadurch einen Vorteil haben und ungestraft davonkommen. Diese Leute, die sich zur Pause nicht ausstempeln und dann auch noch fr\u00fcher gehen. Die einfach ohne Einkaufswagen in den Supermarkt marschieren, ohne Konsequenzen. Warum nagt das so an manchen wie auch mir? Ich will, dass sie auffliegen, zurechtgewiesen werden. Vielleicht weil die, die sich an Regeln halten, keine Belohnung daf\u00fcr bekommen, weil es eben eine Regel ist und somit das erwartbare Mindestma\u00df an Verhalten. Dann m\u00fcssen aber zumindest die, die sich nicht dran halten, abgestraft werden, sonst sehe ich auf meiner Habenseite nur Minus. Ich mache mit, der andere nicht und kommt damit anscheinend besser weg. So funktioniert das doch nicht, wo bleibt denn da der Anreiz?! Es ist die Angst, zu kurz zu kommen, als die oder der Dumme dazustehen, und die Angst, dass Regelsysteme ins Wanken geraten, wenn Verr\u00e4ter*innen geduldet werden. Regelsysteme sind eben nicht freiwillig, sie sind verbindlich, ohne zwangsl\u00e4ufig mit einem Bu\u00dfgeldkatalog daherzukommen. Und doch sind viele Regeln, solange sie nicht gesetzlich verankert sind, eine soziale Aushandlungs- und Entscheidungssache. Und hier kracht es dann oft, wenn die Regel f\u00fcr den einen Diktat, f\u00fcr den anderen aber nur eine Option ist. Bei den Regelkonformen sorgt das f\u00fcr Verunsicherung, eine m\u00f6gliche Neubewertung. W\u00e4hrend die Mehrheit die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dft, darauf hofft, dass eine Autorit\u00e4t oder eine andere h\u00f6here Gewalt eines Tages doch noch f\u00fcr ausgleichende Gerechtigkeit sorgt, und sich dann wieder zum Regelsystem bekennt, kommen Denunziant*innen recht schnell ins konkrete Handeln. So gesehen ist Denunzieren praktiziertes Empowerment, Selbsterm\u00e4chtigung. Was Denunziant*innen allerdings dabei fehlt, ist Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. Wer mit Vorliebe kleine Verst\u00f6\u00dfe, die eigentlich keinen nennenswerten Schaden verursachen, zur Selbsterm\u00e4chtigung braucht, zeigt auf mitleiderregende Weise, wie unbedeutend er sich vorkommen muss.<\/p>\n<p><strong>Quellenmaterial:<\/strong><\/p>\n<p>Deutschlandfunk vom 11.04.2020: <em>Seltsame Mentalit\u00e4t: Denunziantentum in Corona-Zeiten.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/denunziantentum-in-corona-zeiten-seltsame-mentalitaet.720.de.html?dram:article_id=474468\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/denunziantentum-in-corona-zeiten-seltsame-mentalitaet.720.de.html?dram:article_id=474468<\/a> [Aufruf: 13.04.2020]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Montag, 13. April 2020<br \/>\nDie Zeit flie\u00dft wieder schneller<\/h3>\n<p><strong>Sozialleben:<\/strong><\/p>\n<p>Um 14 Uhr holt mich mein Vater zuhause mit dem Auto ab. Ich ziehe die Atemmaske auf und setze mich hinten auf die R\u00fcckbank. Mein Vater tr\u00e4gt keine Schutzartikel und wirkt entspannter als ich. Ich f\u00fchle mich ein bisschen unwohl und leicht gereizt. Meine Eltern haben alles f\u00fcr unser erstes Coronatreffen vorbereitet: Auf dem gro\u00dfen Balkon stehen zwei Tische ungef\u00e4hr drei Meter auseinander. Mit 42 Jahren sitze ich nochmal an einem Kindertisch. Insgesamt geht es so ganz gut. Wir finden es anfangs sehr schr\u00e4g, machen Witze, dann finden wir uns mit der Situation ab. Nachmittags gibt es Rhabarberkuchen, abends Spargel. F\u00fcr mich erweist sich die Konstellation sogar als \u00fcberaus angenehm. Da ich als Risikotr\u00e4gerin wahrgenommen werde, darf ich nicht in der K\u00fcche helfen und werde die ganz Zeit von meinen Eltern bedient.<\/p>\n<p>Als ich abends neben Maik einschlafe, denke ich, dass ich mich nun doch irgendwie viel zu schnell verliebt habe. Verdammt, so hatte ich das nicht geplant. Aber nun gut \u2026 sch\u00f6n. Meine Strategie, einen Fu\u00df ins Gesundheitswesen zu bekommen, muss ich jetzt erstmal zur\u00fcckstellen. Aber was das Private angeht, bin ich auf alle F\u00e4lle eine Krisengewinnerin.<\/p>\n<p>Und damit schlie\u00dfe ich mein Corona Diary. Am Anfang habe ich es als Entlastung empfunden, Corona ein St\u00fcck weit durchs Schreiben zu bew\u00e4ltigen. Jetzt wird es zur Belastung. Jeden Tag passiert so viel, das ich gerne aufnehmen w\u00fcrde, in dem Themen stecken, die meinen Kopf besch\u00e4ftigen. Corona war durch Gespr\u00e4che, die Medien, meine Verhaltensweisen viel zu selten nur drau\u00dfen vor der T\u00fcr, sondern ist zu einem dauerhaften Untermieter in meinem Leben geworden. Dabei hat es sich ziemlich breit gemacht, nicht zuletzt auch durch dieses Tagebuch. Jetzt hat sich die anf\u00e4ngliche Coronastarre gel\u00f6st, die Zeit flie\u00dft wieder schneller und ich brauche Platz f\u00fcr anderes. Das erste Corona-Semester will auch bei mir einziehen und klopft schon seit einer Weile an. Dann mal hereinspaziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Nachtrag<\/h3>\n<p>Es ist der 25. November 2020. Vor einigen Tagen haben mich die Initiatoren des Corona Diary von Curare angeschrieben, ich kann vorher nochmal \u00fcber den Text schauen, bevor er im Blog online geht. Seit meinem letzten Eintrag ist so viel passiert. Trump ist abgew\u00e4hlt worden, will es aber bis heute nicht akzeptieren. Unerm\u00fcdlich propagiert er, die Demokraten h\u00e4tten die Wahl gestohlen, es h\u00e4tte Wahlbetrug gegeben, egal was er der Demokratie damit antut. Verschw\u00f6rungstheorien verbreiten sich, wie die von QAnon, die behaupten, dass eine weltweite politische Eliten kleine Kinder ermordet, um aus ihrem Blut eine Verj\u00fcngungsdroge herzustellen. Trump w\u00fcrde diese Elite bek\u00e4mpfen\u2026 Unfassbar, f\u00fcr was manche Menschen empf\u00e4nglich sind. Unfassbar positiv die Bilder aber auch, die in den letzten Monaten die internationalen Nachrichten bestimmt haben: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu einer anderen Zeit in meinem Leben in so vielen L\u00e4ndern Menschen im Protest und f\u00fcr ihre Grundrechte auf die Stra\u00dfen gegangen sind. In Amerika Im Zuge der Black Lives Matter Bewegung nach der Ermordung von George Floyd, in Hongkong gegen das Sicherheitsgesetz der chinesischen Regierung und das Ende der \u2013 wenigstens \u2013 Halbsouver\u00e4nit\u00e4t, in Belarus gegen den autokratischen Pr\u00e4sidenten Lukaschenko, in Polen gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsrechts.<\/p>\n<figure style=\"width: 382px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6363 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/winter-11.jpg\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"255\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><a href=\"https:\/\/apps.derstandard.de\/privacywall\/story\/2000119674725\/deutsche-regierungsvertreter-ueber-eskalation-in-berlin-entsetzt\">https:\/\/apps.derstandard.de\/<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Und in Deutschland? Hier treibt eine krude Mixtur aus Verschw\u00f6rungstheorien, Impfgegnern, rechtsextremen Milieus und sogenannten Querdenkern die Menschen auf die Stra\u00dfe. Vor drei Wochen haben in Leipzig 20.000 Menschen gegen die Coronapolitik demonstriert, ohne Abstand, ohne Maske. Bei einer Demo in Berlin wurde versucht, den Reichstag zu st\u00fcrmen. Woanders steht ein elfj\u00e4hriges Kind auf der B\u00fchne und sagt, es f\u00fchle sich wie Anne Frank, weil es seinen Geburtstag mucksm\u00e4uschenstill feiern musste, eine Querdenkerin h\u00e4lt sich f\u00fcr eine gro\u00dfe Widerstandsk\u00e4mpferin und vergleicht sich daher mit Sophie Scholl.<\/p>\n<p>Seit dem 1. November befindet sich Deutschland wieder in einem Lockdown. Im Herbst waren die Infektionszahlen wieder stark gestiegen, die zweite Welle ist da. Die Maskenpflicht ist im \u00f6ffentlichen Raum ausgedehnt worden, wieder gibt es Beschr\u00e4nkungen beim Einkaufen. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen laufen viele Bereiche nahezu normal. Die Gesch\u00e4fte haben auf, die Stra\u00dfenbahnen wieder voll, Schulen und Kitas offenzuhalten, ist oberstes Ziel, damit die Menschen ihrer Arbeit nachgehen k\u00f6nnen. Privat allerdings gibt es harte Einschr\u00e4nkungen. Aktuell d\u00fcrfen sich mal zehn, mal f\u00fcnf Personen aus maximal zwei Haushalten treffen. Und als einzige Erwerbsbranche ist die Gastronomie radikal und komplett ausgeschaltet. Selbst dort, wo es funktionierende Hygienekonzepte gab, ist wieder alles dunkel, in Kneipen, Restaurants, Clubs, die kleine Kaffee-Ecke beim B\u00e4cker gegen\u00fcber. Grund daf\u00fcr ist, dass zuvor vor allem private Feiern und Orte mit Ausschank als Hot Spots in den Fokus ger\u00fcckt waren. Vor allem die Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Gastronomie finde ich zu hart und ungerecht, weil sie zu pauschal sind. Als w\u00fcrden sich \u00fcberall fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Menschen besoffen um den Hals fallen und die Lokalit\u00e4t in einen Infektionsherd verwandeln. Im \u00d6PNV warte ich hingegen bis heute auf L\u00f6sungen, die es m\u00f6glich machen, die Abstandsregel einzuhalten. An vielen Arbeitsst\u00e4tten arbeiten die Menschen wieder zusammen, aber zum Feierabend d\u00fcrfen sie nur einen weiteren Hausstand aus ihrem n\u00e4chsten Umfeld treffen. Kinder gehen in die Schule, nachmittags d\u00fcrfen sie nur zu zweit sein.<\/p>\n<p>Es ist immer noch nicht so, dass ich pers\u00f6nlich durch den aktuellen Kurs meine Grundrechte in Gefahr sehe, aber ich kann ihn schwerer nachvollziehen. Es werden Unterschiede gemacht, die ich ungerecht und wenig sinnvoll finde, weil sie punktuell sind, raum- und branchenspezifisch. Wenn ich eine Kneipe mit Hygienekonzept h\u00e4tte, w\u00fcrde ich vielleicht auch jetzt auf eine Corona-Demo gehen und mir dabei sagen, dass hier einfach nur Menschen zusammen protestieren, die mit der Politik unzufrieden sind. Von dem Reichsb\u00fcrger neben mir r\u00fccke ich einfach ein St\u00fcck weg. Ich bin ja in eigener Sache hier, auch wenn die Querdenker den Platz organisiert haben&#8230;<\/p>\n<p>Soeben wurden die Ma\u00dfnahmen bis zum 20. Dezember verl\u00e4ngert. Weihnachten, das gro\u00dfe Familienfest, r\u00fcckt n\u00e4her und ist in diesem Coronajahr zum politischen hei\u00dfen Eisen geworden, an dem sich niemand verbrennen will. Weihnachten muss stattfinden, wird stattfinden, da bin ich mir sicher, vielleicht mit einer freiwilligen Selbstkontrolle. Dann kommt noch Silvester und danach schie\u00dfen die Zahlen wahrscheinlich wieder in die H\u00f6he und der n\u00e4chste Lockdown wird verh\u00e4ngt. Gleichzeitig gibt es einen ersten Impfstoff, der im Eilverfahren entwickelt und zugelassen wurde, findige Start-ups arbeiten an Corona-Schnelltests. Dadurch stehen neue gesellschaftliche Debatten an. Es wird um Verteilungsgerechtigkeit gehen und darum, in welcher Form Infektionsschutz auf lange Sicht B\u00fcrgerpflicht werden wird. Vielleicht haben wir in Zukunft st\u00e4ndig ein R\u00f6hrchen dabei, in das wir wie selbstverst\u00e4ndlich reinpusten, bevor wir unseren Arbeitsplatz, eine Kneipe oder die Wohnung unserer Eltern betreten.<\/p>\n<p>Was auch kommt, ich bin sehr froh und dankbar, dass ich bisher niemanden durch Corona verloren habe, weder gesundheitlich noch sozial, und dass ich bei allem, was noch kommt, jemanden an meiner Seite haben werde. Maik und ich sind immer noch sehr gl\u00fccklich miteinander und auch in der Familie bekommen wir alles gut hin. Die gr\u00f6\u00dfte Sorge bereitet mir aktuell das politische Geschehen in Deutschland. Im Oktober 2021 sind Bundestagswahlen, Angela Merkel dankt ab, es geht um politische Machtk\u00e4mpfe und Kr\u00e4fte wie die AfD arbeiten auf eine massive Umw\u00e4lzung hin. Coronapolitik war von Beginn an auch Wahlkampf. Es wird eine Corona-Wahl werden. Trump ist nicht mehr Pr\u00e4sident, aber mit dem Trumpismus ist eine andere Krankheit aufgezogen, die sich epidemisch verbreitet und die ich f\u00fcr schlimmer halte als Corona. Zu Weihnachten w\u00fcnschen ich mir, dass auf ganz vielen Wunschzetteln steht, dass wir auch einen Impfstoff gegen dieses Virus und seine Mutationen finden und wir es zusammen schaffen, unsere Demokratie und die Werte, die damit verbunden sind, auf einem gesundem Wege zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[356,357,366,434,435,457,458],"autor":[459],"class_list":["post-6338","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","tag-march","tag-april","tag-germany","tag-deutsch","tag-german","tag-freiburg","tag-freiburg-im-breisgau","autor-isa-winter"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6338"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}