{"id":6330,"date":"2020-12-01T16:03:11","date_gmt":"2020-12-01T15:03:11","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=6330"},"modified":"2020-12-01T16:03:11","modified_gmt":"2020-12-01T15:03:11","slug":"langweilig-wird-mir-wohl-noch-nicht-sofort","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/langweilig-wird-mir-wohl-noch-nicht-sofort\/","title":{"rendered":"&#8222;Langweilig wird mir wohl noch nicht sofort.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6330?pdf=6330\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6330?pdf=6330\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Ich bin Alice, 30 Jahre alt und studiere in Basel (CH). Ich geh\u00f6re zur Risikogruppe, da ich nierentransplantiert und deshalb immunsupprimiert bin. Zudem habe ich eine hochgradige Sehbehinderung. Normalerweise lebe ich in Basel. Vor rund einer Woche, als die Empfehlungen zu Hause zu bleiben h\u00e4ufiger wurden, habe ich entschieden die n\u00e4chste Zeit bei meinen Eltern zu verbringen. In Basel lebe ich allein auf 40 Quadratmetern, ohne Balkon und mitten in der Stadt. Meine Eltern leben in einer kleinen Gemeinde in der N\u00e4he von Luzern. Sie haben ein Einfamilienhaus mit grossem Garten. Die \u00dcberlegung war, hier zu bleiben, da ich hier nicht allein bin, in den Garten oder sogar spazieren gehen kann und Erledigungen ausser Haus an meine Eltern delegieren kann.<\/em><\/p>\n<p><em>In der Schweiz sind seit dieser Woche alle Schulen und Gesch\u00e4fte geschlossen. Nur Gesch\u00e4fte des lebenswichtigen Bedarfs haben ge\u00f6ffnet (Lebensmittel, Medikamente, Hygieneprodukte). Die Regierung appelliert an Personen der Risikogruppe, das Haus nicht unn\u00f6tigerweise zu verlassen und z.B. auch Eink\u00e4ufe zu delegieren.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 20. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen war Spanischkurs angesagt. Ausserordentlich, denn wir haben ihn spontan von Donnerstagabend auf Freitagmorgen verschoben. So spontan h\u00e4tte das vor den Zeiten von Home Office nie funktioniert. So schien es mir aber, dass alle sowieso zu Hause herumsitzen und man deshalb auch spontan einen Kurs auf den n\u00e4chsten Morgen legt. Man merkte deutlich, dass dies bereits die zweite Lektion im virtuellen Raum war. Alle waren p\u00fcnktlich eingeloggt, wussten wie ihre Ger\u00e4te und Programme funktionieren und auch unsere Kursleiterin wusste nun die M\u00f6glichkeiten der Software effizienter zu nutzen. Die Unterrichtsatmosph\u00e4re empfinde ich so als sehr angenehm. Ich habe sogar den Eindruck, alle seien etwas gel\u00f6ster und Wortmeldungen kommen fl\u00fcssiger. Vielleicht baut die physische Distanz etwas Hemmungen ab, \u00fcberlege ich mir. Man kennt das von Social Media.<\/p>\n<p>Andererseits sieht man direkt in die Wohnzimmer der anderen und ich ertappe mich immer wieder dabei, statt meiner Kolleg*innen deren Hintergrund im Kamerabild zu betrachten.<\/p>\n<p>Danach folgt das Mittagessen, es gibt Salat mit Thunfisch. Das ist das Resultat eines Gespr\u00e4chs mit meiner Mutter. Sie kocht praktisch immer und plant Mittag- und Nachtessen. Ich esse \u00fcblicherweise tags\u00fcber nur einen kleinen Snack und koche abends. Ich sagte ihr, dass ich nun, da ich so viel Zuhause herumsitze auch auf meine Ern\u00e4hrung achten muss und jedenfalls nicht auch noch h\u00e4ufiger essen sollte. Meine Mutter und ich waren uns einig, dass man nicht zwei Mal t\u00e4glich ein volles Menu essen muss, wenn man so viel herumsitzt und sich deutlich weniger bewegt als \u00fcblicherweise. Also gibt es viel Salat zu Mittag, wenn f\u00fcr das Abendessen eine warme, vollwertige Mahlzeit geplant ist. Nicht nur aus<\/p>\n<p>gesundheitlichen \u00dcberlegungen. Meine Mutter meinte w\u00e4hrend des Essens, wir w\u00fcrden zuk\u00fcnftig mehr Salat als Hauptmahlzeit essen. Sie habe n\u00e4mlich langsam das Gef\u00fchl, st\u00e4ndig nur am Essen zu sein. Die Ursache k\u00f6nnte die stark reduzierte Tagesstruktur sein oder deren Beschr\u00e4nkung auf den h\u00e4uslichen Bereich. Die Mahlzeiten werden so zu den deutlichsten Fixpunkten des Tages und auch irgendwie die Highlights. Man g\u00f6nnt sich etwas Leckeres und tauscht sich am Esstisch aus. Und so hangelt man sich von Mahlzeit zu Mahlzeit.<\/p>\n<p>Meine Mutter erz\u00e4hlte mir sp\u00e4ter von einem Telefonat mit der Koordinatorin eines Freiwilligeneinsatzes. Vor einer Woche hatte der Samariterverein, in welchem meine Mutter Mitglied ist, Freiwillige angefragt im Luzerner Kantonsspital im Bereich der Triage mitzuhelfen und Corona-Tests bei symptomlosen Menschen durchzuf\u00fchren. Meine Mutter und ihre Bekannte hatten sich daraufhin gemeldet. Meine Mutter fand, so k\u00f6nne sie wenigstens etwas tun, anstatt nur zu Hause herumzusitzen. Doch im Verlauf der Woche und der Zuspitzung der Situation stiegen ihre Zweifel, ob es eine gute Idee sei, mit Asthma und zwei der Risikogruppe zu Hause \u201can der Front\u201d zu arbeiten. Nun hat sie sich nochmals mit der Koordinatorin besprochen und f\u00fcr diese war schnell klar, dass meine Mutter nicht zum Einsatz kommen muss. Meine Mutter wirkt nun sehr erleichtert. Sie wollte sehr gerne helfen, aber nun da die Situation klar ist und sie auf ihre eigenen Zweifel geh\u00f6rt hat, wirkt sie deutlich entspannter.<\/p>\n<p>Nachmittags musste meine Mutter jemandem etwas im Briefkasten deponieren gehen. Sofort meldete ich mich, sie zu begleiten. Ich benutze jede Gelegenheit f\u00fcr eine Spaziergang. Dieses Bed\u00fcrfnis hat sehr stark zugenommen. Vor Corona gab es jeden Tag einen Grund rauszugehen, Universit\u00e4t, Freunde besuchen, ins Fitnesscenter oder Einkaufen gehen. Jetzt sind Spazierg\u00e4nge f\u00fcr mich die einzige M\u00f6glichkeit Haus und Garten zu verlassen. In unserem Dorf ist zum Gl\u00fcck gen\u00fcgend Platz, um anderen Passanten immer ausweichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir gingen am Dorfrand entlang \u00fcber Feldwege, dabei kamen wir an einem Bauernhaus vorbei. Kinder spielten auf einem Trampolin. Als wir uns n\u00e4herten, sammelte die Mutter den kleinsten Jungen schnell ein, damit er uns nicht vor die F\u00fcsse lief und wechselte ein paar Worte mit uns. Weiter weg sa\u00df die Grossmutter. Als sie uns sah, stand sie sofort auf und rannte ins Haus. Dabei schaute sie uns b\u00f6se an und rief: \u201cAbstand! Abstand!\u201d So unterschiedlich kann sich die Regel Abstand zu halten in ein und demselben Haushalt zeigen.<\/p>\n<p>Als wir bei der Bekannten meiner Mutter angelangt waren, waren wir noch nicht einmal beim Briefkasten angelangt, da stand diese schon in der T\u00fcr. Sie arbeitet im Home Office und hat nun wie sie sagte, immer im Blick, was vor der T\u00fcr los ist. Meine Mutter stellte die T\u00fcte auf den Boden und ging auf die andere Seite der kleinen Quartierstrasse. Dann holte ihre Bekannte die Tasche. Wir standen noch ca. eine halbe Stunde so auf der Strasse mit mindestens 5 m Abstand. Zwischendurch rannten die Kinder vorbei und wurden ermahnt, auf ihrer Seite der Stra\u00dfe zu bleiben. Die Bekannte erz\u00e4hlte, sie w\u00fcrden morgens Home Schooling machen und nachmittags durfte das Nachbarskind vorbeikommen zum Spielen. Andere Kinder aber nicht. Die Anweisung des Bundes lautet n\u00e4mlich immer die gleichen Kinder miteinander spielen zu lassen. Dann tauchte auch noch der Familienvater auf. Essend setzte er sich auf die Eingangstreppe und h\u00f6rte uns zu. Die Bekannte meinte zu uns, er sei jetzt halt auch immer zu Hause. Mir pers\u00f6nlich fiel in den vergangenen Tagen schon auf, wie pr\u00e4sent die V\u00e4ter in den G\u00e4rten pl\u00f6tzlich sind aufgrund des Home Office. Er teilte uns dann noch mit, dass der Bundesrat an einer Medienkonferenz gerade mitgeteilt habe, dass von nun an Gruppen mit mehr als f\u00fcnf Personen verboten seien. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gruppen drohen Bu\u00dfen.<\/p>\n<p>Abends nach dem Abendessen setzte ich mich mit meinen Eltern vor den Fernseher um die Sendungen \u201cSchweiz aktuell\u201d und \u201cTagesschau\u201d (SRF, t\u00e4glich 19:00 und 19:30 Uhr) zu schauen, wie immer. Nur dass seit Tagen \u00fcber kein anderes Thema mehr berichtet wird als die \u201cCorona-Krise\u201d, wie sie vom SRF genannt wird. Danach folgt schon die ganze Woche eine Sondersendung zur Corona-Krise. Generell wurde das TV Programm komplett umgestellt. Tags\u00fcber werden mehr Kinder, Schul- und Seniorensendungen gezeigt, abends haben alle Formate den Virus zum Thema. W\u00e4hrend der Sondersendung schnappe ich mir meinen Laptop und h\u00f6re nur noch mit einem Ohr zu. Ich bin sehr interessiert, aber abends nach acht Uhr hat man alle News des Tages bereits unz\u00e4hlige Male vernommen. Deshalb benutze ich diese Zeit, w\u00e4hrend im Hintergrund \u00fcber Corona diskutiert wird, den Tag auf meine Weise mit diesem Tagebuch zu reflektieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 21. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Nach der \u00fcblichen Morgenroutine setze ich mich an meinem Laptop und checke meine Social Media Kan\u00e4le. Facebook, Instagram, Mails. Alles voller Beitr\u00e4ge zum Coronavirus. Menschen die mit Bildern und Spr\u00fcchen dazu aufrufen, man solle endlich zu Hause bleiben, Geschichten von Personen aus dem Gesundheitswesen, die uns bitten, endlich die Sache ernst zu nehmen oder Konzertlocations, welche Links zu den live gestreamten Konzerten der Bands teilen, die nun nicht in diesen Lokalen auftreten konnten. Etwas ist aber neu an meiner Morgenroutine: der Corona-Liveticker des SRF (https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz). Ich checke den Liveticker mehrmals t\u00e4glich. Meistens lese ich nur die Schlagzeilen der einzelnen Eintr\u00e4ge. Damit f\u00fchle ich mich aber den ganzen Tag auf dem Laufenden gehalten. Der Liveticker l\u00f6st bei mir aber noch etwas anderes aus, ein Gef\u00fchl, das etwas schwer zu fassen ist. Vor Jahren entdeckte ich irgendwo ein Onlinespiel, bei dem es darum ging, dass man als Virus die Weltbev\u00f6lkerung ausrottet. Dieses Spiel gelangte zu so grosser Beliebtheit, dass die Hersteller von \u201cPlague Inc.\u201d heute auf ihrer Website davor warnen, es als realistischen Simulator zu verwenden. Dieses Spiel erlebt jedes Mal ein Boom, wenn ein Virus die Menschen besch\u00e4ftigt, so auch jetzt (https:\/\/www.ndemiccreations.com\/en\/news\/172-statement-on-the-current-coronavirus-outbreak). Und auch ich hatte bereits im Februar wieder mit Spielen begonnen. Man mutiert als Virus und betrachtet auf einer Weltkarte, wie sich der Virus dank der Verkehrsmittel verbreitet und die Zahlen von Angesteckten, Verstorbenen und Genesenen steigen. Das Tutorial beginnt in China, weil es einfach ist, von China aus die ganze Welt zu infizieren. Es gibt dort auch einen News-Feed und die Schlagzeilen im Spiel lesen sich wie die realen Nachrichten. Meine Mutter sah mich einmal spielen und kam heute mit dem Liveticker auf dem Mobiltelefon zu mir und meinte, \u201cjetzt ist es wirklich wie in deinem Spiel\u201d. Der Liveticker gibt der Situation einen surrealen Touch, denn bis anhin kannte ich Meldungen wie \u201cDeutschland schlie\u00dft die Schulen\u201d oder \u201cIn Land X werden die Flugh\u00e4fen geschlossen\u201d nur aus der Perspektive eines gespielten Virus und jetzt ist das Spiel auf eine Art real geworden; immer schneller scheinen die Meldungen zu kommen und ich h\u00e4nge immer noch etwas in dieser zynischen Virus-Perspektive fest.<\/p>\n<p>Nebst dem Liveticker checke ich dann noch die offizielle Seite des Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit BAG, dort interessiert mich aber eigentlich nur das S\u00e4ulendiagramm der Neuansteckungen (https:\/\/www.bag.admin.ch\/dam\/bag\/de\/dokumente\/mt\/k-und-i\/aktuelle-ausbrueche-pandemien\/2019-nCoV\/covid-19-lagebericht.pdf.download.pdf\/COVID-19_Epidemiologische_Lage_Schweiz.pdf). Die wachsenden S\u00e4ulen geben dem Geschehen etwas Rationales und Berechenbares und gleichzeitig etwas faszinierend Erschreckendes, wenn pl\u00f6tzlich die Balken, welche vor einer Woche noch gross erschienen, zusammenschrumpfen, weil die Gr\u00f6\u00dfe der Skalierung angepasst werden musste.<\/p>\n<p>Meine Mutter erhielt heute Morgen einen Anruf einer Bekannten aus einem Verein. Diese bot ihr an, zuk\u00fcnftig die Eink\u00e4ufe f\u00fcr uns zu erledigen. Ich glaube, meine Mutter war etwas \u00fcberrascht. Ich bin immunsupprimiert und mein Vater \u00fcber 81 Jahre alt, meine Mutter hat \u201cnur\u201d leichtes Asthma und ist 61 Jahre alt. Damit sehen wir drei sie als die am wenigsten gef\u00e4hrdet, weshalb sie auch die Eink\u00e4ufe erledigte. Ich habe das Gef\u00fchl, mir war bisher mehr bewusst als ihr, dass sie eigentlich auch zur Risikogruppe geh\u00f6rt. Nun wird ihr durch ein Hilfsangebot bewusst gemacht, dass sie eigentlich auch nicht mehr unter die Menschen sollte. Daraufhin hat meine Mutter beschlossen, n\u00e4chste Woche noch einmal einkaufen zu gehen und zwar in einen Supermarkt f\u00fcr Restaurants, f\u00fcr welchen auch Vereine Mitgliederkarten erwerben k\u00f6nnen. Eine Bekannte war bereits dort und meinte, es g\u00e4be fast keine Kunden mehr dort, da die meisten Restaurants geschlossen sind. Zudem ist der Supermarkt sowieso schon ger\u00e4umiger angelegt. Es gibt also viel Platz, um anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Und, ganz wichtig, anscheinend gibt es dort noch Toilettenpapier. Das ist sonst \u00fcberall hoffnungslos ausverkauft. Ich pers\u00f6nlich vermute nicht nur, weil die Menschen hamstern, sondern auch schlicht, weil alle viel mehr Zuhause sind, egal ob jung oder alt. So geht es uns jedenfalls. Meine Mutter will also noch einmal alle l\u00e4nger haltbaren Produkte dort einkaufen. F\u00fcr die frischen Produkte plant sie, zuk\u00fcnftig das Lieferangebot der Bekannten anzunehmen.<\/p>\n<p>Nach dem \u00fcblichen Samstags-Brunch verabredeten meine Mutter und ich uns mit einer Freundin der Familie. Diese lebt allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon. Da sie im Detailhandel arbeitet und die Gesch\u00e4fte geschlossen sind, sitzt sie quasi die ganze Zeit allein Zuhause. Meine Mutter hat sich vorgenommen, sich etwas um sie zu k\u00fcmmern, fast t\u00e4glich zu telefonieren und mit ihr spazieren zu gehen. Da sie nicht im selben Haushalt mit uns lebt, haben wir besprochen, dass sie mit uns spazieren gehen kann, solange meine Mutter und ich zwei Meter Abstand zu ihr halten. Das funktionierte gut. Einzig wenn ein Auto oder andere Menschen unseren Weg kreuzten, wurde es manchmal etwas kompliziert, bis wir uns alle hintereinander einsortiert hatten, ohne den Abstand zu unterschreiten. Im Wald trafen wir auf Bekannte. Quer \u00fcber den Waldweg kamen wir ins Gespr\u00e4ch. Das Thema war, wie meistens momentan, der Umgang mit den aktuellen Verhaltensweisen. Eine Dame meinte, sie kaufe nicht einmal mehr Salat, denn sie traue den frischen Lebensmitteln nicht mehr. Man wisse nicht, unter welchen Bedingungen diese geerntet und abgepackt wurden. Meine Mutter war eher der Meinung, wenn man Gem\u00fcse und Salate w\u00e4scht, sei das kein Problem und zudem brauche es schon etwas mehr als ein einzelnes Virus, um sich anzustecken. Darum seien direkte Gespr\u00e4che so viel gef\u00e4hrlicher, weil da die Viren per Tr\u00f6pfchen in gro\u00dfer Zahl angeflogen kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil des Gespr\u00e4chs w\u00e4hrend des Spaziergangs drehte sich um Strategien, wie man die Hygienevorschriften umsetzt, was man noch darf und wo der Virus \u00fcberall noch lauern k\u00f6nnte. Unsere Freundin erz\u00e4hlte zum Beispiel, dass sie ihre Wohnungst\u00fcr au\u00dfen nicht mehr anfasst, innen muss sie diese dann aber schlie\u00dfen per Hand. Dann holt sie einen Lappen und tr\u00e4nkt ihn mit Seife bis er sch\u00e4umt, denn Seife soll der Virus ja nicht \u00fcberstehen. Sie reinigt die T\u00fcrklinke, w\u00e4scht den Lappen aus und legt ihn anschliessend an die Sonne, denn UV-Strahlen seien auch sch\u00e4dlich f\u00fcr den Virus. Die Zeitung und die Post lege sie auch erst an die Sonne. Sie wirkte dabei etwas verlegen und meinte, vielleicht \u00fcbertreibe sie total, aber ihr gehe es damit besser. Meine Mutter bekr\u00e4ftigte sie, im Moment sei nichts mehr \u00fcbertrieben und \u00fcbrigens k\u00f6nne man Papier auch 24 Stunden liegen lassen, da der Virus nicht l\u00e4nger auf Papier \u00fcberlebe.<\/p>\n<p>Am Abend beim Browsen durch Social Media entdeckte ich einen geteilten Beitrag des <em>National Geographic <\/em>(https:\/\/www.nationalgeographic.com\/animals\/2020\/03\/coronavirus-pandemic-fake-animal-viral-social-media-posts). Im Artikel geht es darum, dass in den letzten Tagen einige Berichte im Internet die Runde machten, wonach Tiere einstige Lebensr\u00e4ume zur\u00fcckerobern, nun da die Menschen sich in ihre H\u00e4user zur\u00fcckgezogen haben und die Umwelt weniger belasten. Einen Tag zuvor, l\u00e4chelte auch ich \u00fcber einen Bericht mit Foto, der einen Delfin in Venedigs Kan\u00e4len zeigte (https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/in-venedig-fliesst-ploetzlich-klares-wasser-in-den-kanaelen-ld.1547153). Nun also die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung: es gab keine Delfine in Venedigs Kan\u00e4len. Die Tiere erobern die Welt nicht so schnell zur\u00fcck. Dazu kommt noch, ich bin auf Fake News hereingefallen und das, obwohl ich mich nicht gerade zu den leichtgl\u00e4ubigen Menschen z\u00e4hle. Ich lese in der Regel nicht nur die Schlagzeile, wenn mich etwas interessiert und ich schaue mir die Quelle eines Artikels an. Die Fake News wurde von einem Freund auf Facebook gepostet, der politisch und gesellschaftskritisch sehr aktiv ist und, soweit ich wei\u00df, selbst sehr auf seine Quelle achtet. Der Artikel \u00fcber die Delfine wurde auch auf der Website der NZZ, einer hoch angesehenen und traditionsreichen Schweizer Zeitung, ver\u00f6ffentlicht und dies war f\u00fcr mich ausreichend, um den Wahrheitsgehalt nicht weiter zu hinterfragen. Ich fragte mich danach, warum traue ich nun der Meldung des <em>National Geographic<\/em> mehr? Denn die Meldung, dass es sich um Fake News handelt, k\u00f6nnte auch Fake News sein\u2026 Am Ende resignierte ich vor diesen Gedankeng\u00e4ngen, aber sie stehen geradezu stereotyp f\u00fcr ein gro\u00dfes mediales Problem in Corona Zeiten. Die Nachrichtenflut scheint sich noch mehr zu beschleunigen und die Menschen um mich herum st\u00fcrzen sich geradezu gierig darauf. Jeder und jede bevorzugt andere Quellen und am Ende entbrennen Diskussionen dar\u00fcber, wessen News nun die echten sind. Und so sah auch ich mich gezwungen, den Artikel des <em>National Geographic<\/em> in einem Kommentar unter dem Post meines Freundes mit dem NZZ Artikel zu verlinken. Ich wollte ihn lediglich darauf aufmerksam machen, dass er \u201cOpfer\u201d von Fake News geworden ist und versah meinen Kommentar mit einem weinenden Emoji, denn Delfine zur\u00fcck in Venedigs Kan\u00e4len, als Retourkutsche an die Menschheit, w\u00e4re schon ein sehr sch\u00f6nes Symbol gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 22. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Ich erwache mit Kopfschmerzen. Ich hatte gestern Abend schon welche und ich hasse diese Art von Kopfschmerzen, die \u00fcber Nacht nicht weggehen. Der Grund sind Verspannungen im Nacken. Ich kenne das von Zeiten, wenn ich l\u00e4nger nicht im Fitnesscenter war. Es ist also wenig erstaunlich, dass diese nun auftauchen.<\/p>\n<p>In der K\u00fcche umarmt mich meine Mutter st\u00fcrmisch, \u201cAlles Gute zum Geburtstag!\u201d Wir hatten gestern noch davon geredet, aber eigentlich hatte ich schon wieder vergessen, dass heute mein 31. Geburtstag ist. Ich erwartete nicht so viel Besonderes von diesem Tag, kein Besuch, keinen Ausgang, keinen Ausflug mit der Familie. Mein Vater hat mir in der K\u00fcche eine Tasse f\u00fcr den morgendlichen Kakao bereitgestellt, daneben ein paar Schokoladenherzen und einen Strauss Geranien aus dem Garten. Meine Mutter meint: \u201cJetzt sind die Blumen halt aus dem Garten\u2026\u201d Wir lachen und ich finde, wenn man solche Gartenblumen hat, braucht man sich eigentlich keine kaufen. Beim dar\u00fcber Nachdenken f\u00e4llt mir auf, dass ich eigentlich meistens keine Blumen von meinen Eltern geschenkt bekommen habe. Jetzt aber kommen die Blumen mit einer Bemerkung, dass es dieses Jahr \u201cnur\u201d Gartenblumen sind. Aus der Annahme heraus, dass dieses Jahr mein Geburtstag etwas magerer ausf\u00e4llt, bem\u00fchten sich meine Eltern zus\u00e4tzlich, den stereotypen Vorstellungen eines Geburtstags gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Nach dem \u00fcblichen Brunch stand Kuchen backen auf dem Programm. Welcher Kuchen gebacken werden sollte, hing in erster Linie davon ab, welche Zutaten gerade vorr\u00e4tig waren, denn den Dorfladen aufzusuchen, war uns das Risiko nicht wert. Zwei Stunden sp\u00e4ter lachten wir \u00fcber unseren Tirolercake. Erst verbrannte er uns fast. Dann gab sich meine Mutter riesige M\u00fche und arrangierte ihn sch\u00f6n auf einem Teller mit Rechaud Kerzen (Geburtstagskerzen hatten wir keine im Vorrat) und diesem Papier, welches aussieht als h\u00e4tte es Spitzen, das man zwischen Kuchen und Teller legt. Zum Schluss schnitt sie ihn an und wir mussten feststellen, dass er innen noch komplett fl\u00fcssig war. Sie meinte, sie h\u00e4tte in all den Jahrzehnten noch nie so einen misslungenen Kuchen gebacken und wir lachten dar\u00fcber, dass dies wohl genau dieses Jahr geschehen m\u00fcsste. Ich meinte, \u201cwenigstens passiert dir das jetzt wo wir sicher keine G\u00e4ste erwarten!\u201d und wir lachten laut los.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag waren wir mit meinem Bruder und seiner Frau zum \u201cVirtual Ap\u00e9ro\u201d verabredet. Das hei\u00dft, wir setzten uns alle mit etwas Leckerem zu trinken und Knabbersachen vor den Laptop und stie\u00dfen via Skype miteinander an. Anlass daf\u00fcr war nebst meinem Geburtstag auch der morgige Geburtstag der Frau meines Bruders. Wir unterhielten uns vor allem dar\u00fcber, wie wir nun unsere Leben organisierten. Mein Bruder als Anwalt in einer gro\u00dfen Kanzlei ist seit einer Woche im Home Office. Seine Frau ist froh dar\u00fcber, denn so ist sie nicht allein zu Hause. Sie lernt momentan Deutsch und alle ihre Sprachkurse wurden abgesagt. Nun findet sie es schwer, Deutsch zu lernen ohne jegliche Interaktion mit anderen. Mit meinem Bruder f\u00e4llt sie meistens ins Englisch zur\u00fcck. Zudem ist sie sehr sportlich, getraut sich momentan aber auch nicht mehr gro\u00df spazieren zu gehen, darum sucht sie jetzt nach einem Anbieter, der Hometrainer f\u00fcr zu Hause vermietet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter klingelt es an der T\u00fcr. Eine Bekannte aus dem Dorf deponiert eine Tasche vor der T\u00fcr. Meine Mutter winkt ihr vom Balkon. Die T\u00fcte enth\u00e4lt einen zerlegten Hasen. Jemand aus dem Dorf der Hasen z\u00fcchtet, hatte M\u00fche, Abnehmer f\u00fcr sein Fleisch zu finden, da viele Hase nicht m\u00f6gen. Meine Mutter fand das eine super Idee, eine Art Fleisch-Lieferdienst. Wieder etwas weniger, das man im Supermarkt holen gehen muss. Vorsichtig entpackt meine Mutter den Inhalt und verstaut alles. Danach w\u00e4scht sie sich sofort die H\u00e4nde. Man wei\u00df nicht, wer die Plastikt\u00fcten sonst noch angefasst hat.<\/p>\n<p>Abends sitzen wir wieder vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten auf SRF. Wie immer h\u00f6re ich nicht hundertprozentig zu. Es dreht sich um Corona. Rund 7000 Infizierte. Die Intensivbetten sind fast belegt. Zum ersten Mal werden nun auch Interviews mit Genesenen gezeigt. Ein \u00e4lterer Herr beschreibt, wie das war mit Corona im Krankenhaus und bittet die Zuschauer inst\u00e4ndig, die Ma\u00dfnahmen des Bundes zu befolgen. Gut, denke ich, \u00dcberlebende sprechen zu lassen, hilft vielleicht noch den einen oder anderen mehr zu erreichen. Erfahrungsberichte schaffen N\u00e4he und lassen etwas realer werden f\u00fcr solche, die Corona momentan immer noch nicht als real genug empfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 23. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ich diese Nacht auf einem warmen Kirschkernkissen geschlafen haben, sind meine Kopfschmerzen etwas besser, jedenfalls nicht mehr stark genug um wie gestern, Paracetamol zu nehmen. \u201cEine dieser wertvollen Tabletten\u201d, wie mein Vater sie gestern nannte. Denn seit letztem Donnerstag sind fiebersenkende Arzneimittel rationiert. Als Reaktion auf Hamsterk\u00e4ufe darf nun nur noch eine Packung pro Einkauf bezogen werden. F\u00fcr unseren Haushalt kein Problem, denn wir ben\u00f6tigen selten Medikamente dieser Art.\u00a0 Aber nat\u00fcrlich war ich genau jetzt froh darum.<\/p>\n<p>Morgens hatte ich ein Seminar im virtuellen Raum. Mittlerweile gibt es keine technischen Probleme mehr. Vor Beginn der Stunde unterhalten wir uns \u00fcber unsere aktuelle Situation. Eine Studentin meint, es sei f\u00fcr sie sehr schwierig, sich auf das Seminar zu konzentrieren. Am Laptop werde sie st\u00e4ndig abgelenkt durch eintreffende E-Mails und andere Benachrichtigungen. F\u00fcr mich ist das weniger ein Problem. Aufgrund einer Sehbehinderung arbeite ich auch im \u201cphysischen\u201d Unterricht nur mit Laptop und bin an das Multitasking und die Quellen der Ablenkung gewohnt. Ich erz\u00e4hle der Runde, es gehe mir gut. Ich h\u00e4tte aber gedacht, dass ich bei so viel Zeit zu Hause, im Nu alle Arbeiten erledigt h\u00e4tte und mir schnell langweilig werden w\u00fcrde. Dem ist aber nicht so. Denn nun lebe ich wieder mit meiner Familie zusammen. Es f\u00e4llt mir schwer, \u00fcber l\u00e4ngere Zeit f\u00fcr mich allein zu arbeiten, die Zimmert\u00fcr zu schlie\u00dfen oder nicht immer mal wieder aufzustehen und mich in der K\u00fcche kurz mit meinen Eltern zu unterhalten. Langweilig wird mir wohl noch nicht sofort.<\/p>\n<p>Den Nachmittag verbringe ich am Computer. Ich erledige einige Schreibarbeiten f\u00fcr das Studium. Nebenher bin ich st\u00e4ndig am Chatten mit Freunden. So viele Messenger Nachrichten (WhatsApp, Facebook, Skype) wie in diesen Tagen habe ich schon lange nicht mehr erhalten. Vor der staatlich verordneten Isolation erhielt ich nie mehr als zehn Nachrichten t\u00e4glich. Heute waren es mindestens drei Mal so viele. Darunter sind auch Nachrichten von Freunden, von welchen ich seit Ewigkeiten nichts mehr geh\u00f6rt hatte und mich auch selbst nicht meldete. Die Menschen scheinen tats\u00e4chlich ein erh\u00f6htes Kontaktbed\u00fcrfnis zu haben und wenn es nur Textnachrichten sind. Zudem sind viele im Home Office und zu Hause kann man gut zwischen der Arbeit noch Nachrichten schreiben oder im Hintergrund einen Messenger ge\u00f6ffnet haben.<\/p>\n<p>Ich habe auch wieder angefangen Browserspiele zu spielen. Diese Spiele, bei welchen man seine Stadt aufbaut und alle paar Stunden bei allen H\u00e4usern die Steuern einziehen muss. Spiele die ich sonst immer schnell vernachl\u00e4ssigt hatte, da ich nicht so regelm\u00e4ssig Zeit und Lust hatte.<\/p>\n<p>Da ich heute nicht nach drau\u00dfen wollte und kein Fitnessprogramm machen wollte, da ich schon geduscht hatte, war ich auf der Suche nach k\u00f6rperlichen Haushaltaktivit\u00e4ten. Also nahm ich mir vor, beim W\u00e4sche aufh\u00e4ngen jeweils nur ein St\u00fcck aus dem Korb zu nehmen, dabei eine tiefe Kniebeuge machen, mit geradem R\u00fccken und dann sich ganz zur W\u00e4scheleine hoch strecken. Und so ging das, bis der Korb leer war.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag bot sich eine weitere Gelegenheit, meine Mutter erw\u00e4hnte, sie wolle noch die Dusche des einen Badezimmers putzen. Da ich die einzige bin, die dieses Badezimmer benutzt, meinte ich, ich k\u00f6nne die Dusche ja selbst putzen, was ich dann auch tat. Glast\u00fcren entkalken ist ein gutes Armtraining und wieder kann man sich dabei strecken und Kniebeugen machen. Am Ende war mir tats\u00e4chlich warm.<\/p>\n<p>Am Abend wieder die Nachrichten auf SRF. Die Kantone sind etwas am Streiten. Das Tessin, der deutlich am st\u00e4rksten betroffene Kanton, hatte angeordnet, dass s\u00e4mtliche Betriebe, die nicht an der Grundversorgung beteiligt sind, nicht mehr arbeiten d\u00fcrfen. Da habe ich mich schon gefragt, wer ist denn nicht an der Grundversorgung beteiligt? Autogaragen? Und was, wenn der Kurier eine Panne hat? Telekommunikationsanbieter? In Zeiten von Home Office? Handwerkerbetriebe? Wer kommt dann bei Rohrbr\u00fcchen oder brechenden St\u00fctzpfeilern? Nun hat der Bundesrat den Kanton zur\u00fcckgepfiffen, denn die Kantone d\u00fcrfen im Notstand keine eigenen Regeln erlassen, au\u00dfer dies ist ausdr\u00fccklich vom Bund so vorgesehen. Anscheinend will das Tessin trotzdem auf seinen Ma\u00dfnahmen beruhen und damit die Regierung an den runden Tisch bringen. Ich bin etwas besorgt \u00fcber diese Entwicklung. Die Schweiz ist sehr f\u00f6deralistisch organisiert. Das ist manchmal auch sehr sinnvoll aufgrund der unterschiedlichen geografischen, demografischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Unterschiede. Aber ich finde, nun da die Bev\u00f6lkerung stark verunsichert ist, sollte man versuchen Sicherheit durch ein geeintes Auftreten zu vermitteln. Und wenn ein Kanton allein sch\u00e4rfere Ma\u00dfnahmen erl\u00e4sst, ist man schnell im n\u00e4chsten Kanton, um die Regeln zu umgehen. Ich beobachte daher mit Spannung, ob sich Bund und Kantone schnell und friedlich einigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 24. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen verlief sehr ruhig. Ich sa\u00df am Computer und verbrachte die Zeit mit Computerspielen und Spanischhausaufgaben. Ich war nicht sehr motiviert. So langsam schleicht sich ein \u00f6des Gef\u00fchl ein. Jeder Tag l\u00e4uft identisch ab. Ist das schon der Isolations-Koller? Ich checkte kurz den Live Ticker und stellte etwas gelangweilt fest, dass es nichts \u00fcberraschend Neues gab. Die heutigen Zahlen sind noch nicht publiziert. Meine Mutter steht in der K\u00fcche und checkt ebenfalls den Live Ticker (https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/aktuelles-zum-coronavirus-maerzloehne-gesichert-3000-freiwillige-fuer-armee). \u201cEs hat sich etwas beruhigt\u201d, meinte sie. Anscheinend teilen wir eine \u00e4hnliche Empfindung. Es gibt keine gro\u00dfen, erschreckenden Neuigkeiten mehr, bzw. sie folgen nicht mehr so rasant aufeinander und man hat den Eindruck die Menschen h\u00e4tten sich etwas mit ihrer Lage arrangiert.<\/p>\n<p>Dann kam die Post. Ich warte seit Tagen auf ein Paket der Apotheke mit Blutdruckmedikamenten f\u00fcr mich. Eigentlich h\u00e4tte es schon am Freitag hier sein sollen. Wahrscheinlich sind die in der Versandapotheke auch \u00fcberlastet. Ich musste bereits am Wochenende meine Dosierung reduzieren, damit ich genug Medikamente hatte \u00fcbers Wochenende. Ich habe niemandem davon erz\u00e4hlt, um einer Moralpredigt zu entgehen. Das Medikament nehme ich erst seit Kurzem und vielleicht auch nur vor\u00fcbergehend, darum hatte ich nur eine kleine Packung.<\/p>\n<p>Die Post bringt aber kein Paket f\u00fcr mich. Meine Mutter stand schon mit desinfizierten H\u00e4nden bereit, weil meine Lieferung nur gegen Unterschrift abgegeben w\u00fcrde. Doch der Postbote bringt nur Briefpost. Ich bin genervt. Laut Sendungsverfolgung sollte es heute kommen. Nun habe ich definitiv keine dieser Tabletten mehr. Zum Gl\u00fcck ist es nur das Blutdruckmedikament. Das ist nicht so schlimm, wenn es einmal wegf\u00e4llt. Dass ich die Dosis schon vor Tagen reduziert habe, verdr\u00e4nge ich lieber. Jedenfalls deutlich weniger schlimm, als wenn mir die Immunsuppressiva ausgegangen w\u00e4ren. Meine Eltern sehen die Sache etwas besorgter als ich. Sie fragten wild durcheinander: \u201cUnd jetzt?\u201d, \u201cWof\u00fcr w\u00e4re das?\u201d.<\/p>\n<p>Nachmittags gingen wir spazieren. Unsere \u00fcbliche Runde \u00fcber den H\u00fcgel, die l\u00e4ngere Variante, welche rund eine Stunde dauert und immer wieder hoch und runter geht. Das ist super. Ich bin zwar sonst auch jemand, die Sport macht, weil es gesund ist und nicht, weil es mir Spass macht. Aber mittlerweile finde ich es ein echt gutes Gef\u00fchl, einmal am Tag die Lungen pumpen und das Herz klopfen zu sp\u00fcren. Neben meiner Mutter kam heute auch mein Vater mit. Er geht sehr selten aus dem Haus. Ich freue mich, dass er mitkommt, denn mit seinen 81 Jahren w\u00e4re es wichtig, dass er sich bewegt. F\u00fcr sein Alter ist er aber sehr gut unterwegs und kann gut mit meiner Mutter und mir mithalten. Es sind weniger Menschen unterwegs als erwartet. Vielleicht weil es sehr kalt ist, obwohl die Sonne scheint. Vielleicht aber auch, weil sich die Spazierg\u00e4nger \u00fcber den ganzen Tag verteilen. Auf dem Parkplatz stehen einige Autos aus dem Nachbarkanton. Wir spekulieren, dass das Menschen aus dem nahen St\u00e4dtchen sind, die lieber mit dem Auto zu uns ins Dorf hochfahren und hier spazieren gehen als in den dichter besiedelten Ortschaften. Unterwegs erz\u00e4hlt meine Mutter emp\u00f6rt von einem Facebook Post. Eine Kursleiterin des Samaritervereins hat einen Post geschrieben und ein Video angeh\u00e4ngt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6335\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/wonder_1.png\" alt=\"\" width=\"396\" height=\"525\" \/><\/p>\n<p>Das Video zeigt einen Arzt im Interview, der meiner Meinung nach die Sache mit dem Coronavirus herunterspielt. Er behauptet die H\u00e4lfte der Test seien falsch positiv und Erkrankte w\u00fcrden in Spit\u00e4lern am verabreichten Medikamentencocktail sterben. Meine Mutter erz\u00e4hlt, wie sich ihre Kolleginnen aus dem Verein dar\u00fcber emp\u00f6rt haben. Sp\u00e4ter zu Hause beschliesst meine Mutter den Beitrag ebenfalls zu kommentieren, denn sie findet, solche Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen verunsichern und zudem stehen sie im Widerspruch zur Funktion als Samariterlehrerin. Auch am Abend kommt meine Mutter wieder zu mir und liest mir die Antwort der Samariterlehrerin vor. Diese antwortet, dass sie auch andere Meinungen aufzeigen m\u00f6chte, die nicht eine Lobby im R\u00fccken h\u00e4tten. Ich gehe davon aus, sie spielt auf die Pharmabranche an, die ein Interesse an m\u00f6glichst vielen Tests und verabreichten Medikamenten h\u00e4tte.\u00a0 Meine Mutter schreibt ihr zur\u00fcck, dass sie dem Bundesamt f\u00fcr Gesundheit mehr vertraut als diesem Arzt aus dem Video. Die Mehrheit der anderen Kommentare sehen diesen Post ebenfalls kritisch und bitten die Urheberin keine solchen Videos mehr zu posten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 25. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Morgens plante meine Mutter ihren Einkauf von heute Nachmittag. Sie beschloss, in einen gro\u00dfen Supermarkt f\u00fcr Restaurants o. \u00e4. zu fahren, in der Hoffnung, dort seien die Platzverh\u00e4ltnisse besser als in unserem Dorfladen. Sie beschloss, auf dem R\u00fcckweg Sushi f\u00fcrs Abendessen zu holen. Schon mehrmals hatten wir dar\u00fcber gesprochen, dass man alle die Restaurants, die nun auf Take Away umgestellt hatten, eigentlich unterst\u00fctzen m\u00fcsste. Die Bestellung war erst nicht ganz einfach, da die Restaurantkette nicht mehr alle Standorte ge\u00f6ffnet hatte und man \u00fcber ein Partnerrestaurant bestellen musste. Dann beschloss ich, etwas Sport zu treiben. Mein Programm bestand aus 20 Minuten auf dem Home Trainer, w\u00e4hrend ich eine Serie auf Netflix guckte. Danach noch 20 Minuten Kraft-<\/p>\n<p>\/Gymnastiktraining nach Anleitung eines YouTube-Videos. Danach freute ich mich auf die Dusche. Die Haare wusch ich nicht. Ich wasche sie nur noch ca. alle 3 Tage und dusche auch nur noch, wenn ich Sport betrieben habe. Vor der Selbstisolation duschte ich und wusch meine Haare praktisch t\u00e4glich. Aber nun ist das nicht mehr n\u00f6tig, wenn man sich nicht mehr mit Menschen au\u00dferhalb der Familie trifft.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter brachte mir meine Mutter das Medikamentenpaket, welches seit gestern in der Postagentur unseres Dorfladens wartete. Interessant war, dass die eine Medikamentenpackung so klein ist, dass sie mir gerade mal f\u00fcr 14 Tage reicht, obwohl in der beigelegten Rezeptkopie eine Packung f\u00fcr mehr als einen Monat vermerkt wird. Woran das liegt, konnte ich nicht abschlie\u00dfend herausfinden. Beigelegt war allerdings auch eine Info \u00fcber die Rationierungsma\u00dfnahmen des Bundes. Es darf pro Medikament nur noch eine Packung bezogen werden, um Hamsterk\u00e4ufe zu vermeiden. Ausgenommen sind Patienten mit Jahresrezept (also auch ich). Diese d\u00fcrfen einen Vorrat f\u00fcr 2 Monate beziehen. Jedenfalls hei\u00dft das, ich muss nun das eine Medikament nochmals nachbestellen. Gerade begeistert bin ich nicht von dieser Online-Apotheke. Normalerweise w\u00fcrde ich die Medikamente bei der Apotheke beim Einkaufen holen oder hier im Dorf bei der Haus\u00e4rztin. Diese hat mir aber ausdr\u00fccklich davon abgeraten, momentan eine Arztpraxis zu betreten und mir zum Onlinekauf geraten.<\/p>\n<p>Den Nachmittag verbrachte ich mehrheitlich am Computer. Ein bisschen B\u00fcroarbeit, Computerspiele, neue Kopfh\u00f6rer kaufen, nat\u00fcrlich gehen die alten jetzt kaputt, wo man sie st\u00e4ndig braucht. Dann stolpere ich wieder \u00fcber einen sehr mi\u00dffallenden Facebook-Post. Eine Bekannte von mir m\u00f6chte Angst lindern und mehr Positivit\u00e4t verbreiten: \u201cIhr Lieben. dieses Video ist wichtig und augen\u00f6ffnend, ob du bewusste Angst vor dem Virus hast oder nicht. Ich w\u00fcnsche dir von Herzen gutes Gelingen, Liebe, Gesundheit und alles Lichtvolle, was zu deinem Besten dienlich f\u00fcr dich ist.\u201d Anschliessend folgt dieser geteilte Post: \u201c\u203cCorona &#8211; Warum Deine Angst t\u00f6dlicher ist als jedes Virus\u203c\u201d<\/p>\n<p>Seit Wochen wird \u00fcber die Medien die Angst vor dem Corona-Virus in einer geradezu bemitleidenswerten und gef\u00e4hrlichen Art gesch\u00fcrt, dass es sogar mich fassungslos stimmt. Alles, was man sieht, h\u00f6rt und liest, sind Schreckensszenarien. Vielen Menschen schalten ihr Gehirn vom Denkmodus in den Angstmodus, mit vollkommen irrationalen Verhaltensweisen und der Unf\u00e4higkeit, damit normal umzugehen. Aber die wirklich wichtigste Frage stellt niemand:<\/p>\n<p>IST DIESES VIRUS GEF\u00c4HRLICH F\u00dcR MICH???<\/p>\n<p>\u201cDiese Frage kann man nur mit Fakten beantworten, die in ausreichendem Ma\u00dfe zur Verf\u00fcgung stehen. Schaue Dir am besten gleich mein neuestes Video an. Ich habe dort einfach Fakten zusammengetragen, die oben genannte Frage beantworten k\u00f6nnen. Au\u00dferdem beantwortet es die Frage, warum Angst gef\u00e4hrlicher ist als das Virus, und was Du einfach gegen Deine Angst tun kannst. Klicke hier zum Video:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/angstfrei24.com\/lp\/88820\/cov?track=fbs\">https:\/\/angstfrei24.com\/lp\/88820\/cov?track=fbs \u00a0<\/a><\/p>\n<p>Herzliche Gr\u00fcsse\u00a0 A[\u2026] B[\u2026]\u201d<\/p>\n<p>Verlinkt hat sie eine Seite, welche erkl\u00e4rt, wie sch\u00e4dlich Stress und Angst f\u00fcr das Immunsystem sind und dass die ganzen Medienberichte uns nicht guttun. Der Redner in einem Video vergleicht Covid19 mit der Grippe. An Grippe sterben viel mehr Menschen, sagt er. Bei solchen Aussagen steigt mein Puls. Ich kann es nicht fassen, dass es immer noch Leute gibt, die dies behaupten. Ich hatte das zu Beginn auch geglaubt. Aber die h\u00f6here Ansteckungsrate, h\u00f6here Mortalit\u00e4tsrate, fehlende Grundimmunisierung und fehlende Impfstoffe sind meiner Meinung nach einfach zu verstehende Fakten, welche Covid19 = Grippe klar widerlegen. Also kommentiere ich den Post mit einem w\u00fctenden Emoji und schrieb:<\/p>\n<p>\u201cLeider ziemlicher Schwachsinn, der die Menschen nur dazu ermutigt, sich doch nicht an die Empfehlungen des Bundes zu halten. Die Frage IST DIESES VIRUS GEF\u00c4HRLICH F\u00dcR MICH? ist schon mal die falsche Frage, denn es geht nicht nur darum, ob es f\u00fcr dich gef\u00e4hrlich ist. Dann wird Herr Bircher als Quelle angegeben, der immer noch behauptet, das Cronona Virus sei mit einer Grippe zu vergleichen. Einfache Mathematik beweist da das Gegenteil. Das einzige was stimmt ist, dass Stress einen Einfluss auf das Immunsystem hat. Ich finds einen schlechten Ansatz, den Menschen die Angst nehmen zu wollen, indem man einfach ein Problem herunterspielt und die Schuld anderen in die Schuhe schiebt (meistens die Pharmaindustrie). Darunter leiden am Ende die gesundheitlich Schwachen.\u201d<\/p>\n<p>Sie antwortete: \u201cEs geht in keiner Weise darum, Menschen zu animieren, nicht auf geltende Vorschriften zu achten und damit RisikopatientInnen zu sch\u00fctzen. Das ist wichtig, denn jedes Menschenleben ist wertvoll und zu sch\u00fctzen und es ist auch wichtig, dass unser Gesundheitssystem jeden, der Hilfe braucht, versorgen zu k\u00f6nnen. Im Video und beim Werkzeug geht es darum, Stress und Panik zu vermindern, um das Immunsystem und unsere psychische Verfassung zu st\u00e4rken und sich auf positive Emotionen zu fokussieren, um kreativ zu werden und\/oder das Beste aus der Situation zu machen und zu vertrauen, dass es wieder besser wird. Mir ist es wichtig, diese zuversichtliche Message zu verbreiten, dass es auch m\u00f6glich ist, diese Zeit gerade m\u00f6glichst positiv gestimmt zu verbringen, weil es hilfreicher ist. Verharmlosen m\u00f6chte ich pers\u00f6nlich nichts. In dem Sinne: macht das aller Beste aus der Situation und bleibt gesund und sch\u00fctzt andere.\u201d<\/p>\n<p>Und ich wieder: \u201cIch stimme dir ja grunds\u00e4tzlich zu, was die Positivit\u00e4t betrifft und ich glaube dir sicher auch, dass du die Sache nicht verharmlosen willst \ud83d\ude09 Aber die Inhalte auf der Seite verwenden leider ganz klar falsche Fakten, um Angst zu lindern (z.B. Covid19 sei nicht schlimmer als die Grippe). Ich geh\u00f6re auch zur Risikogruppe und keine Angst habe ich, weil ich mich \u00fcber die Fakten informiere. Die Verbreitung von Videos, die aber immer noch falsche Tatsachen verbreiten, besorgt mich wesentlich mehr.\u201d<\/p>\n<p>Ich bin nicht jemand der immer alles kommentiert, was nicht meiner Meinung entspricht. Nun sp\u00fcre ich aber, dass ich mich als Risikopatientin auf eine Art pers\u00f6nlich angegriffen f\u00fchle, wenn andere Informationen verbreiten, die von meinem Standpunkt verharmlosen oder eine sehr egoistische Sichtweise vertreten. Vielleicht ist es aber nicht nur die pers\u00f6nliche Betroffenheit und Abh\u00e4ngigkeit von der Mitwirkung anderer. Ich hatte aufgrund meiner Vorerkrankung in der Vergangenheit viel Kontakt zu medizinischen Fachpersonen und wei\u00df, wie anstrengend dieser Job ist. Die Aufrufe, teilweise auch schon Hilferufe, des medizinischen Personals m\u00f6chte ich deshalb auch unterst\u00fctzen und habe wenig Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, wenn Menschen ohne medizinischen Fachhintergrund \u201cFakten\u201d verbreiten, die sie selbst nicht \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen oder wollen. Nach dieser Auseinandersetzung fiel mir auf, dass ich heute noch nie auf der Website des Live Tickers oder des BAG war und es war bereits fr\u00fcher Abend. Meine Mutter betrat das Zimmer und wir lasen gemeinsam den Live Ticker. Auch sie hatte ihn das letzte Mal am Morgen konsultiert. Wir stellten fest, dass wir viel weniger nachschauen. Jetzt sind es schon fast 10&#8217;000 Infizierte. Jeden Tag ca. 1000 mehr. Wir sprachen dar\u00fcber, wie heimt\u00fcckisch die Kurve der Neuansteckungen ist, denn diese flacht ab. Dies bedeutet aber nicht, dass die Zahl der Infizierten stark zunimmt.<\/p>\n<p>Unser Abendessen genossen wir heute besonders. Es gibt Sushi aus dem Take Away. Meine Mutter erz\u00e4hlte, wie im Restaurant zwei Reihen Tische zwischen Eingang und der Theke stehen, um den n\u00f6tigen Sicherheitsabstand zu gew\u00e4hrleisten. Auf diesen Tischen deponierte das Personal die Bestellung und entfernte sich wieder, bevor meine Mutter die Tasche entgegennahm.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6333\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/wonder_featured.png\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"296\" \/><\/p>\n<p>Nebst dessen, dass uns dieses Essen das Gef\u00fchl gibt, die leidende Gastronomie zu unterst\u00fctzen, sprechen wir immer wieder dar\u00fcber, wie wir uns mit diesem Essen etwas g\u00f6nnen. Wenn man schon zu Hause bleiben muss, dann kann man es sich doch angenehm gestalten. Ich sp\u00fcre auch, wie die gemeinsamen Mahlzeiten mit meinen Eltern wichtig sind. Tags\u00fcber ist jeder oft f\u00fcr sich besch\u00e4ftigt, irgendwo in oder um das Haus. Die Mahlzeiten geben uns die M\u00f6glichkeit uns auszutauschen und auch unseren, um Corona kreisenden Gedanken Luft zu verschaffen. Deshalb gab mein Vater sich auch M\u00fche beim Tischdecken und erw\u00e4hnte speziell die St\u00e4bchen in Kampfposition.<\/p>\n<p>Auch abends in den Nachrichten des SRF spiegelt sich dieser Widerspruch des pers\u00f6nlich Erlebten und der medizinischen Realit\u00e4t \u201cda drau\u00dfen\u201d. W\u00e4hrend wir uns an die Zahlen und Nachrichten gew\u00f6hnen, werden \u00fcberall zus\u00e4tzliche Notfallbetten organisiert. Das alte, abrissbereite Bettenhaus des Spitals Frauenfeld wird wieder in Betrieb genommen, alte unterirdische Milit\u00e4rspitale aufger\u00fcstet und Rehabilitationskliniken r\u00e4umen Korridore frei.<\/p>\n<p>\u201cDie Welle kommt\u201d h\u00f6re ich immer wieder im Fernsehen. Ich wei\u00df nicht so recht, wie ich diese Divergenz einordnen soll und ich habe auch das Gef\u00fchl, meinen Eltern geht es \u00e4hnlich. In unserem Alltag sind diese Bilder und \u201cdie Welle\u201d weit weg. Obwohl unser Alltag durch die Selbstisolation bestimmt ist, gehen wir unserem selbstgemachten Tagesstrukturen nach und erschrecken uns nicht mehr ab jeder neuen Nachricht. Dann wieder die apokalyptisch anmutenden Bilder aus Italien oder Interviews mit hospitalisierten Coronapatienten aus der Schweiz. Also werden wir Morgen wieder unserem gewohnten Tagesablauf nachgehen und auf die Welle warten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 26. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen verlief ruhig. Ich las Texte f\u00fcr mein Studium. Als Leistungsnachweis f\u00fcr ein Seminar war vorgesehen im Raum Basel eine Mini-Forschung zum Thema Migration und Mobilit\u00e4t durchzuf\u00fchren und diese mittels eines Posters zu pr\u00e4sentieren. Aus dem Poster soll nun eine PowerPoint Pr\u00e4sentation werden, aber wie und wor\u00fcber ich nun forschen soll, ist mir noch unklar. Ich bin nicht mehr in der Region Basel und werde auch generell f\u00fcr diese Forschung keine \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze aufsuchen. Vielleicht gelingt es mir (Online)Interviewpartner zu finden oder ich werde Online Content untersuchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gingen ich, meine Mutter und ihre gute Freundin wieder \u00fcber den H\u00fcgel, die kurze Route, mit zwei Meter Abstand zur Freundin. Das geht gut und f\u00fchlt sich mittlerweile nicht einmal mehr merkw\u00fcrdig an. Zumindest ich habe mich an diesen Abstand gew\u00f6hnt. Mir fiel auf, dass man mehr Menschen als \u00fcblich antrifft unterwegs. Man konnte sonst diesen Weg gehen und traf wom\u00f6glich eine Sport treibende Person und ein Rentnerp\u00e4rchen. Nun trifft man unterwegs deutlich mehr Personen aller Altersgruppen, allein, mit Freunden, P\u00e4rchen, Eltern mit Kindern etc. Und trotzdem gibt es keine Probleme mit dem Social Distancing. Alle bem\u00fchen sich, gen\u00fcgend Abstand beim Kreuzen zu wahren. Man trifft auch \u00f6fters auf Bekannte aus dem Dorf als fr\u00fcher und wir bleiben mindestens einmal pro Spaziergang stehen, um uns mit jemandem zu unterhalten und uns \u00fcber das gegenseitige Befinden in der aktuellen Situation auszutauschen.<\/p>\n<p>Gegen Abend hatte ich Spanischunterricht. Wir haben uns an den virtuellen Raum gew\u00f6hnt. Da die virtuelle Kommunikation doch etwas langsamer ist als die reale, hat unsere sehr engagierte Lehrerin Teile des Unterrichts mit \u00dcbungen aufgezeichnet. So k\u00f6nnen wir w\u00e4hrend den 90 Minuten zwischendurch auch f\u00fcr 15 oder 20 Minuten effizienter und selbstst\u00e4ndiger arbeiten. Trotzdem fand ich den Unterricht heute sehr anstrengend. Man muss sehr konzentriert sein, gerade wenn es sich um Fremdsprachenunterricht handelt und die Audioqualit\u00e4t nat\u00fcrlich nicht wie im Klassenzimmer ist. Zudem stehe ich immer etwas unter Zeitdruck, da ich aufgrund meiner Sehbehinderung bei gewissen Dingen etwas langsamer arbeite. Ich schaffe es im virtuellen Unterricht beispielsweise nicht, die \u00dcbungen zeitgerecht zu erledigen und werde sie sp\u00e4ter nachholen. Ob den anderen die Zeit ausreicht, wei\u00df ich jedoch nicht. Zudem hatten wir heute wieder vermehrt mit technischen Problemen zu k\u00e4mpfen. Die Verbindung stockte, mein Computer fror zwischendurch ein und die Lehrerin meinte, sie werde einen schnelleren Computer bei der Universit\u00e4t beantragen. Da aber die meisten von uns heute technische Probleme hatten, entstand der Verdacht, die Leistung des Netzes oder die Server der Softwareanbieter k\u00f6nnten nun langsam an ihre Grenzen sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Abends schauten wir wieder die Nachrichten des SRF. Viel blieb bei mir nicht h\u00e4ngen. Es sieht ganz so aus, als ben\u00f6tigte es bei mir langsam ziemlich erschreckende Nachrichten, damit sie noch meine volle Aufmerksamkeit bekommen. Zwei Dinge sind mir jedoch in Erinnerung geblieben. Erstens, dass das Schweizer Fernsehen zuk\u00fcnftig nicht mehr die Fallzahlen des Bundes kommunizieren wird, denn dem Bund wird unterstellt, dass die interne Verarbeitung der Daten sehr langsam l\u00e4uft und die Zahlen deshalb nie aktuell sind. Stattdessen werden vom SRF nun die Zahlen des Statistischen Dienstes Z\u00fcrich kommuniziert (<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen\">https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen<\/a>), denn dieses greift direkt die publizierten Fallzahlen der Kantone ab, bevor diese den langen Weg \u00fcber die Bundes\u00e4mter nehmen. Zweitens schauten wir uns den Dokumentarfilm \u201cDas Virus und wir\u201d (<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/dok\/video\/das-virus-und-wir?id=35e1c66f-e5c6-45ae-9849-eb4e7d31282d\">https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/dok\/video\/das-virus-und-wir?id=35e1c66f-e5c6-45ae-9849-eb4e7d31282d<\/a>)der Reporterin Andrea Pfalzgraf an, welche seit Anfangs M\u00e4rz ihren Alltag im Verlauf der Corona-Krise dokumentierte. Ich und meine Mutter versuchten dabei zu rekonstruieren, was wir an den jeweiligen Tagen gemacht hatten. Und wie auch die Reporterin im Film, staunten wir dar\u00fcber, wie lange her das alles bereits schien und wie \u00fcberholt unsere damaligen Verhaltensweisen aus heutiger Sicht wirkten. Auch ich staune selbst dar\u00fcber, wie schnell meine Einstellungen zu Corona sich ver\u00e4ndert hatten. Wie man laufend damit besch\u00e4ftigt ist, die aktuelle Lage neu zu evaluieren und sich zu fragen, was hei\u00dft das f\u00fcr mich? Welche Verhaltensweisen ergeben sich f\u00fcr mich aus der aktuellen Informationslage? Was ist ernst zu nehmen und was \u00fcbertrieben? Insofern fand ich den Dokumentarfilm sehr spannend als Einblick in den Alltag von jemand anderem, nun da man nur noch seinen eigenen Alltag erlebt. Zudem hatte es etwas Beruhigendes zu sehen, dass auch andere von den Ereignissen \u00fcberrumpelt wurden, Dinge taten, die sie zwei Tage sp\u00e4ter bereits f\u00fcr fahrl\u00e4ssig hielten und etwas ratlos versuchen die Ereignisse einzuordnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 27. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hatte ich erstaunlich viel zu tun. Morgens Sportprogramm mit meiner Mutter. Das SRF zeigt ab sofort morgens kurze Sendungen, in welchen Profisportler von Zuhause aus Fitness\u00fcbungen zeigen, die man gut zu Hause machen kann. Schnell stellten wir aber fest, dass wir heillos \u00fcberfordert sind. Der Radprofi benutzte doch einige Hilfsmittel, wie Hocker, Kissen und einen Gymball. Einen solchen hatten wir zwar sogar da, kniend auf dem Ball zu balancieren \u00fcberstieg dann aber definitiv unser Niveau. Zudem wurden die \u00dcbungen viel zu schnell und ohne beidseitige Wiederholungen vorgezeigt. Unser Fazit war, dass zumindest diesem Profisportler nicht bewusst war, wie durchmischt sein Publikum sein d\u00fcrfte. Also wechselten wir zu Heidys Theraband Programm. Die Gymnastiklehrerin meiner Mutter hatte ein Programm mit Bildern online gestellt. Das funktioniert aber nur, wenn man sonst zu ihr ins Training geht, denn ansonsten wird man aus den Bildern nicht schlau. Dieses Programm fand ich super. Vor allem auch weil ich es mit meiner Mutter gemeinsam aus\u00fcben konnte. Dank Theraband kann jede unabh\u00e4ngig an ihre Grenzen gehen.<\/p>\n<p>Danach skypte ich mit einer sehr guten Freundin. Wir studieren gemeinsam und sie sitzt nun Zuhause in Basel in Quarant\u00e4ne bis Dienstag, da sie Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Nun ist sie viel allein. Ihr Freund darf dieses Wochenende nicht vorbeikommen und sie geht nur mit Maske nach drau\u00dfen, um eine Runde ums Haus zu drehen.<\/p>\n<p>Nachmittags muss meine Mutter f\u00fcr einen Verein Post austragen im Quartier. Ich ging mit. Sport hatte ich zwar schon gemacht, aber an der frischen Luft war ich noch nicht. Ich gehe aber nur bis zum Ende unserer Stra\u00dfe. Meine Mutter muss noch weiter Richtung Dorfzentrum. Wir beide fanden aber, da sollte ich nicht hin, weil sich vor dem Dorfladen immer so viele Menschen tummeln. Schnell ging ich nach Hause, denn ich hatte mich mit einer Bekannten zum Telefonieren verabredet.<\/p>\n<p>Dann wurde es tats\u00e4chlich etwas stressig. Ich musste unbedingt noch zwei Texte f\u00fcr die Uni lesen und ein Statement dazu verfassen, welches heute noch eingereicht werden musste. Ich staunte selbst \u00fcber mich. Ich sa\u00df fast die ganze Zeit zu Hause und schaffte es trotzdem nicht, fr\u00fcher damit anzufangen. Alte Gewohnheiten legt man wohl auch in der Isolation nicht so schnell ab. Heute hatte ich richtig das Gef\u00fchl, einen vollen Tag gehabt zu haben und von einer Aufgabe zur n\u00e4chsten gerannt zu sein. Der Tag f\u00fchlte sich etwa so an, wie mein Alltag fr\u00fcher aussah. W\u00e4hrend man etwas tut, ist man bereits damit besch\u00e4ftigt zu planen, was als n\u00e4chstes getan werden soll. Ich frage mich, ob meine Stresstoleranz bereits gesunken ist. Sodass ich einen Tag, an welchem es einige \u201cTermine\u201d gab, bereits als vollgepackt empfand.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter chattete ich mit einem Bekannten aus Tunesien. Er war sehr frustriert, denn in Tunesien herrscht Ausgangssperre. Er erz\u00e4hlte mir, dass er das Haus seit zwei Tagen nicht verlassen hatte. Sein Tag bestand quasi nur aus Essen und Schlafen und er hoffe, dass das alles bald vorbei sei. Ich sagte ihm, dass dies noch einige Wochen andauern wird und dass es deshalb wichtig ist, dass er eine Tagesstruktur kreiert. Ich pers\u00f6nlich kann mir nicht vorstellen, wie man das sonst so lange aushalten soll. Ich versuchte ihm Ideen zu geben, was man tun k\u00f6nnte, aber daf\u00fcr kenne ich ihn nicht gut genug. Ich meinte aber, dies sei eine gute Zeit, um Dinge zu tun oder zu lernen, die man immer schon machen wollte, aber nie die Gelegenheit dazu fand. Ein Handwerk erlernen, eine k\u00f6rperliche F\u00e4higkeit trainieren, eine Sprache lernen oder sein Wissen \u00fcber ein Interessengebiet vertiefen. Dank Internet hat man heute schlie\u00dflich das Wissen der ganzen Welt zu Hause. Ich hatte aber das Gef\u00fchl nicht sonderlich erfolgreich zu sein bei ihm. Er wirkte auf mich so, als sei er bereits in eine Lethargie verfallen, die es schwierig macht, sich aufzuraffen und ernsthaft etwas Neues anzupacken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 28. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen war ruhig. Ich schlief bis um 10 Uhr, zwei Stunden l\u00e4nger als \u00fcblich. Danach gab es Brunch wie immer am Wochenende. Anschlie\u00dfend gingen ich, meine Mutter und ihre gute Freundin spazieren. Heute entschlossen wir uns aber nicht f\u00fcr die Route \u00fcber den H\u00fcgel. Wenn man so oft spazieren geht, wird auch diese sch\u00f6ne Route irgendwann etwas langweilig. Gerade wenn man sonst nicht mehr so viel Neues zu sehen bekommt. Also w\u00e4hlten wir einen anderen Weg, der ein St\u00fcck der Hauptstrasse entlangf\u00fchrte. Ich stellte fest, dass mich der Verkehrsl\u00e4rm nicht einmal st\u00f6rte. Irgendwie fand ich den L\u00e4rm sogar erfrischend nach so viel Ruhe den ganzen Tag. Dann ging es \u00fcber eine Wiese einen H\u00fcgel hoch. Ich setzte mich etwas von den anderen beiden ab und joggte sogar ein St\u00fcck den H\u00fcgel hoch. Das w\u00fcrde mir normalerweise nie einfallen. Heute aber hatte ich das Bed\u00fcrfnis, meinen Puls kurz einmal etwas in die H\u00f6he zu treiben und da der Weg nach oben ziemlich kurz war, legte ich einen Gang schneller ein. Dieses Bed\u00fcrfnis nach sportlicher Bet\u00e4tigung ist generell etwas, was ich nur aus Zeiten kenne, wenn ich \u00fcber mehrere Tage nur herumsitzen durfte. Beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt. Es f\u00fchlt sich aber gut an und macht mir Spa\u00df Sport jetzt pl\u00f6tzlich zu m\u00f6gen und mich nicht mehr mit rationalen Argumenten (Es ist gesund. Du isst gern, also musst du Sport treiben\u2026) motivieren zu m\u00fcssen. Sp\u00e4ter zu Hause kommt meine Mutter zu mir, w\u00e4hrend sie den SRF Live Ticker (https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/das-neueste-zur-corona-krise-zahl-der-toten-in-italien-steigt-auf-ueber-10-000) liest. Ich stellte fest, dass ich mich heute noch gar nicht mit Corona News befasst habe. Langsam sinkt mein Interesse wohl wirklich, nun da die Sache sich eher regelm\u00e4ssig entwickelt. Meine Mutter l\u00e4chelte und erz\u00e4hlte mir, dass der Bund mitgeteilt hat, dass \u201cdie schlimmste Prognose nicht eingetreten\u201d sei und zurzeit zwar 280 Personen beatmet werden m\u00fcssen, was viel sei f\u00fcr die Gr\u00f6sse der Schweiz, dass aber keine Intensivstation \u00fcberlastet sei. Meine Mutter schaute sich die Verlaufskurve an und meinte, klar g\u00e4be es immer noch sehr viele Neuinfektionen, aber wenigstens w\u00e4ren es immer etwa 1000 pro Tag, also ein linearer Anstieg. Das schlimmste Szenario w\u00e4re wohl ein exponentieller gewesen, denke ich. Dies bedeutet, dass die Welle wohl nicht ganz so schlimm wie in Italien werden wird. Aber trotzdem empfand ich wahrscheinlich weniger Hoffnung als meine Mutter, ihrem L\u00e4cheln nach zu beurteilen. Ich dachte mir eher, dass dies immer noch bedeutet, dass es noch lange dauern wird und dass die Gefahr besteht, dass die Menschen nachl\u00e4ssig werden mit der Einhaltung der Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 29. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war ein sehr ruhiger Tag. Erst den \u00fcblichen Wochenende-Brunch. Dann wollte ich eigentlich mich einer Freundin telefonieren, das funktionierte am Ende jedoch nicht, denn wir verpassten uns st\u00e4ndig. Wir hatten keinen Zeitpunkt ausgemacht, in der Annahme, wir seien beide sowieso die meiste Zeit am Computer. Jedoch kontaktierten wir uns immer \u00fcber einen Kanal, auf dem der andere gerade nicht erreichbar war, E-Mail, Skype oder WhatsApp. Zwischendurch betrieb ich am Nachmittag etwas Sport. 20 Minuten auf dem Home Trainer und 20 Minuten YouTube Workout. Wir drei verbrachten den Tag heute \u00fcberwiegend drinnen. H\u00f6chstens mein Vater erledigte zwischendurch einige Aufgaben rund ums Haus. Ansonsten war das Wetter aber auch nicht ansprechend, um spazieren zu gehen. Es war wieder bitterkalt und gegen Abend schneite es sogar.<\/p>\n<p>Den Rest des Tages verbrachte ich mit etwas Hausaufgaben, B\u00fcroarbeiten, Computerspielen und Netflix. Zwischendurch unterhielt ich mich einmal kurz mit meiner Mutter. Wir beide staunten erneut dar\u00fcber, dass man eigentlich jetzt sehr viel mehr Zeit h\u00e4tte, trotzdem erledigt man aber nichts schneller. Man vertr\u00f6delt wohl eher mehr Zeit zwischen den einzelnen Aufgaben und der Druck etwas genau jetzt erledigen zu m\u00fcssen ist sehr gering. Sp\u00e4ter hatte ich mich noch zum Telefonieren verabredet mit einer Freundin, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Um 21:30 Uhr war sie jedoch nicht erreichbar, obwohl wir zwei Stunden vorher geschrieben hatten. Auch um 22 Uhr kein Signal von ihr. Nach einer Stunde Hausaufgaben machen und warten, gab ich es auf. Ich machte mir sogar etwas Sorgen, denn sie las auch meine WhatsApp Nachrichten nicht. Vielleicht war sie am Telefon mit jemandem, dem es schlecht ging? Oder sie war von ihrem Freund nach Hause gefahren und hatte irgendwo ihr Telefon liegen lassen. Das war bei ihr nicht unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 30. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Morgens stand wieder Uni im virtuellen Raum auf dem Programm. Ich fragte mich, ob das ein Zeichen von Nachl\u00e4ssigkeit ist, dass ich beschloss vor der Lektion nicht zu duschen. Bisher hatte ich das aufrecht erhalten, weil ich irgendwo gelesen hatte, man solle im Home Office solche Routinen beibehalten. Duschen, sich was Ordentliches anziehen und so weiter. Das f\u00f6rdere die Konzentration. Ordentlich angezogen und etwas frisch gemacht habe ich mich wenigstens noch und setzte mich mit Kaffee vor den Computer. Den Kaffee genie\u00dfe ich sehr. Videokonferenzen ohne Kaffee geht bei mir im Home Office nicht mehr. Es ist das kleine bisschen Lockerheit, dass man sich zu Hause herausnehmen kann. Die Lektion verl\u00e4uft geordnet und angenehm. Irgendwann schwand jedoch meine Konzentration etwas und ich begann heimlich nebenher auf dem Computer ein Spiel zu spielen. Mehrmals \u00fcberpr\u00fcfte ich sogar, ob man mir das im Webcam Bild nicht ansieht. Es ist, wie wenn man im Second-Screen-Modus vor dem Fernseher sitzt. Ich habe zumindest das Gef\u00fchl trotz des Spiels der Diskussion gut folgen zu k\u00f6nnen. Ich fragte mich auch, ob die anderen Teilnehmenden, die alle auch in den Bildschirm guckten, ebenfalls andere Dinge taten, von denen keiner etwas bemerkte oder ob sie wirklich alle komplett aufmerksam waren. Besonders bei einem Teilnehmer, der nicht einmal \u00fcber eine Webcam verf\u00fcgte und der meist \u00fcber sehr lange Zeit schwieg. Da er mir generell nicht sehr sympathisch ist, fragte ich mich manchmal ob er wohl \u00fcberhaupt da ist oder wie er wohl zu Hause heruml\u00e4uft, da ihn ja niemand sehen kann. Am Ende der Lektion stellt unsere Dozentin noch klar, dass wir f\u00fcr unser kleines Forschungsprojekt nun keine Interviews durchf\u00fchren oder Menschen treffen m\u00fcssten. Wir sollen etwas erforschen, das vom Schreibtisch aus gemacht werden kann, irgendwelche Websites anschauen oder so. Ich bin sehr erleichtert dar\u00fcber. F\u00fcr mich war zwar schon klar, dass nichts anderes m\u00f6glich sein wird. Aber dass nun alle nochmals erinnert werden, dies so zu machen, stellt mich wieder gleich mit den anderen Teilnehmenden. Ich habe n\u00e4mlich ziemlich M\u00fche mir etwas einfallen zu lassen und bin sehr unkreativ, was ich denn online erforschen k\u00f6nnte. Nun bin ich etwas beruhigt, denn ich glaube, dass es den meisten anderen auch so geht.<\/p>\n<p>Nachmittags fing meine Mutter an, die K\u00fcche gr\u00fcndlich zu putzen. Alle Schr\u00e4nke ausr\u00e4umen, ausmisten und wieder einr\u00e4umen. Sie hatte bereits am ersten Tag der Isolation gesagt, dass sie nun Zeit daf\u00fcr h\u00e4tte. Nun, nach zwei Wochen f\u00e4ngt sie damit an. Denn wie wir bereits festgestellt hatten, man meint man h\u00e4tte unglaublich viel mehr Zeit und vertr\u00f6delt sie dann doch. Ich versprach ihr dabei zu helfen, konnte dann aber nicht viel machen, da es in unserer K\u00fcche zu zweit bereits eng wird. Dann skype ich mit meiner guten Freundin, die noch bis morgen in Quarant\u00e4ne sitzt und sich ziemlich langweilt.<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen gleich noch ein Telefonat. Diesmal mit der Freundin, welche gestern nicht erreichbar war. Sie erz\u00e4hlte mir sie sei vor lauter herumsitzen auf dem Sofa eingeschlafen. Wir sprechen viel \u00fcber das Coronavirus. Sie arbeitet teilweise im Home Office und teilweise im B\u00fcro, wenn sich Klientenkontakt nicht vermeiden l\u00e4sst. Sie plant im Juni umzuziehen und hat deshalb diese Woche einige Besichtigungen potenzieller Nachmieter. Wir sprachen dar\u00fcber, dass das im Moment auch etwas ungem\u00fctlich ist, fremde Menschen in die Wohnung lassen zu m\u00fcssen. Allerdings beruht die Abneigung wenigstens auf Gegenseitigkeit. Niemand will auch lange in einer Wohnung einer Fremden sein. Ich erz\u00e4hlte ihr von meinem Bruder. Dieser wohnt zur Untermiete bei einem Arbeitskollegen, der f\u00fcr ein Jahr im Ausland ist. Im Juli kehrt dieser zur\u00fcck, weshalb mein Bruder und seine Frau ebenfalls bald anfangen m\u00fcssten Wohnungen zu besichtigen. Mein Bruder ist allerdings ebenfalls Risikopatient aufgrund einer Immunsuppression. Zudem brauchen er und seine Frau eine moderne, wenig verwinkelte Wohnung, da sie beide eine Sehbehinderung haben. In der aktuellen Situation Wohnungen zu besichtigen und dann noch eine passende zu finden, gestaltet sich eher schwer und vorerst schieben sie dies noch etwas vor sich her. Nach \u00fcber eineinhalb Stunden beendeten wir das Telefonat. Wir beide h\u00e4tten noch viel l\u00e4nger telefonieren k\u00f6nnen, aber meine Freundin muss morgen fr\u00fch aufstehen.<\/p>\n<p>Danach schaue ich mit meiner Mutter noch die Pressekonferenz der Experten von diesem Nachmittag. Anwesend sind die Vertreter verschiedener Bundes\u00e4mter und \u201cMister Corona\u201d, wie Daniel Koch oft auch genannt wird. Er leitet die Abteilung \u201c\u00dcbertragbare Krankheiten\u201d beim BAG und verk\u00f6rpert das schweizerische Krisenmanagement. Jeden Tag ist er in den Medien zu h\u00f6ren und zu sehen und stellt sich mit sehr ruhiger Stimme und \u00e4u\u00dferst geduldig allen guten und schlechten Fragen. Obwohl er wohl kaum mehr viel Schlaf bekommt und von einem Meeting zum n\u00e4chsten rennt, wirkt er pr\u00e4sent und erreichbar. Ich selbst glaube, dass er mit seinem Auftreten der Bev\u00f6lkerung viel Sicherheit vermittelt und auch ein gro\u00dfes St\u00fcck dazu beitr\u00e4gt, dass die Menschen die Ma\u00dfnahmen gr\u00f6\u00dftenteils ernst nehmen, ohne dass man sie dazu zwingen muss (Beispielsweise gibt es keine Ausgangssperre, die meisten bleiben aber sehr viel zu Hause).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 31. M\u00e4rz 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Den Morgen verbrachte ich mehrheitlich am Computer. Zwischendurch musste ich noch einen Arzttermin absagen. Eigentlich h\u00e4tte ich n\u00e4chste Woche zur Nachkontrolle in die Nephrologie am Universit\u00e4tsspital Basel gemusst, da ich dort hospitalisiert war vor einigen Monaten. Da ich normalerweise von der Nephrologie am Kantonspital Luzern betreut werde und nun auch die Isolationszeit in der Region Luzern verbringe, ist es sinnlos, f\u00fcr eine Kontrolle nach Basel zu fahren. Also sollte mich das Unispital jetzt bereits ans Kantonspital r\u00fcck\u00fcberweisen.<\/p>\n<p>Nachmittags gingen ich, meine Mutter und ihre gute Freundin wieder spazieren. Diesmal gingen wir eine neue Route durch den nahegelegenen Wald. Bisher haben wir diesen Wald gemieden, da wir geh\u00f6rt hatten, dass sich dort viele Menschen aufhalten sollen. Viele Familien gehen dort mit den Kindern spazieren oder picknicken, da sich die Kinder im Wald super austoben k\u00f6nnen. Teilweise soll das Abstandhalten schwierig gewesen sein aufgrund der vielen Menschen, h\u00f6rten wir aus verschiedenen Quellen. Deshalb w\u00e4hlten wir auch einen Weg, der uns auf etwas abgelegenen Stra\u00dfen in den Wald f\u00fchrte und nicht den \u201cHaupteingang\u201d mit Parkplatz. Unterwegs kamen wir an mehreren Rinderweiden vorbei. Immer auf Spazierg\u00e4ngen, wenn wir an Tieren vorbeikommen, stellen wir erneut fest, wie sch\u00f6n und friedlich es die Tiere haben. Kein Stress, den Fr\u00fchling genie\u00dfen und nichts von all dem mitbekommen, was die Menschen zurzeit so besch\u00e4ftigt. Kuh m\u00fcsste man jetzt sein.<\/p>\n<p>Die Freundin meiner Mutter \u00e4u\u00dferte sp\u00e4ter etwas Bedenken \u00fcber Ostern. F\u00fcr sie ist es sehr wichtig, an diesen traditionellen Feiertagen ihre Familie, insbesondere ihre T\u00f6chter, um sich zu haben. Sie zweifelte jedoch daran, ob sie diese dieses Jahr an Ostern sehen wird. Meine Mutter und ich unterhielten uns sp\u00e4ter dar\u00fcber. Ihre Freundin macht sich immer schon sehr fr\u00fch Sorgen \u00fcber solche Dinge und hat nun noch mehr Zeit dar\u00fcber nachzudenken. Meine Mutter hatte dann die Idee wir k\u00f6nnten bei sch\u00f6nem Wetter an Ostern allenfalls einen Osterbrunch im Garten machen, mit Abstand selbstverst\u00e4ndlich. Nachdem wir am Mittag den restlichen Hasen gegessen hatten, gab es zum Abendessen einen leichten Salat. Dieses Mal gab es zum gr\u00fcnen Salat eine Ann\u00e4herung an einen griechischen. Eine Ann\u00e4herung deshalb, weil meine Mutter sich daf\u00fcr entschuldigte, dass die Tomaten fehlen. Diese sind uns nun ausgegangen und extra wegen Tomaten geht sie dieser Tage bestimmt nicht einkaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 1. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen half ich meiner Mutter dabei, die K\u00fcche zu putzen, denn heute waren die unteren Schubladen an der Reihe und meine Mutter hat etwas Probleme mit ihren Knien. Gemeinsam r\u00e4umten wir alle Schubladen aus, putzen und entr\u00fcmpelten sie. Eigentlich hatte ich heute vor, wieder mein Sportprogramm aus Home Trainer und Kraft\u00fcbungen zu machen. Nach zwei Stunden K\u00fcche r\u00e4umen, beschloss ich jedoch, dass dies jetzt meine Bewegung f\u00fcr heute gewesen sei.<\/p>\n<p>Beim Mittagessen fragte meine Mutter meinen Vater, ob er auch wieder einmal mit spazieren kommen w\u00fcrde. Sie meinte eigentlich auf den f\u00fcr morgen geplanten Spaziergang. Er jedoch verstand heute. So beschlossen wir, dass wir heute Nachmittag ebenfalls spazieren gehen, denn wenn mein Vater schon einmal mitkommen m\u00f6chte, sollten wir die Chance nutzen, da es f\u00fcr ihn wichtig w\u00e4re, sich wieder einmal etwas mehr zu bewegen. Erneut beschlossen wir eine etwas andere Route als sonst. Unterwegs setze ich mich zwischendurch etwas ab, um meinen Schritt etwas zu beschleunigen. Ich sp\u00fcre pl\u00f6tzlich, wie schnell ich sonst in der Stadt unterwegs bin, wenn ich allein bin. Nun gehe ich nie mehr so z\u00fcgig. Meine Begleiter haben in der Regel zwar ein gutes Tempo, jedoch komme ich da selten etwas ins Schwitzen. Also beschleunige ich meinen Schritt zwischendurch. Bergauf lege ich manchmal auch einen kurzen Sprint ein, obwohl ich sehr ungern renne, weil ich untrainiert und sehbehindert bin. Aber bergaufw\u00e4rts die Herzfrequenz und die Atemgeschwindigkeit etwas hochzutreiben, f\u00fchlt sich dieser Tage richtig gut an.<\/p>\n<p>Nach der verdienten Dusche stand ich vor meiner Mutter und wuschelte in meinen Haaren herum. Wie gut sie sich anf\u00fchlten so frisch gewaschen. Sie musste lachen. Vor Corona duschte ich eigentlich jeden Tag bevor ich meine Wohnung verlassen habe und wusch mir dann eigentlich auch immer die Haare, weil meine so schnell fettig werden. Nun aber spielt das nicht mehr so eine Rolle. Wenn man das Haus verl\u00e4sst, dann mit vertrauten Menschen und f\u00fcr Bewegung und Sport. Daf\u00fcr muss man nicht frisch geduscht sein. Also hatte ich seit Sonntag nicht mehr geduscht und war erstaunt, wie gut ich mich daran gew\u00f6hnt hatte. Sonst hatte ich immer das Gef\u00fchl, morgens nicht richtig wach zu werden. Vielleicht musss man momentan auch nicht so wach werden wie sonst?<\/p>\n<p>Am Abend schauten wir wieder die Tagesschau auf SRF. Die Stimmung dabei war etwas missmutig, denn nun geht bereits die Parteipolitik in der Schweiz wieder los. Bis jetzt standen alle Parteien geschlossen hinter dem Bundesrat und seinen Massnahmen. Nun da sich die Zunahme der Neuinfektionen bei ca. 1000\/Tag stabilisiert, fordert die rechte SVP der Wirtschaft zuliebe bereits eine baldige Lockerung der Ma\u00dfnahmen. Sowohl ich als auch meine Eltern finden dies zu fr\u00fch und gef\u00e4hrlich. Es ist schlie\u00dflich nicht die \u201cWelle\u201d die ihren H\u00f6chstpunkt erreicht, sondern nur die Anzahl Neuansteckungen. Das ist, als w\u00fcrde man die Beschleunigung mit der Geschwindigkeit verwechseln. Die rechten Politiker meinen, die Wirtschaft w\u00fcrde diese Ma\u00dfnahmen nicht mehr lange ertragen und massenhaft Arbeitspl\u00e4tze seien gef\u00e4hrdet. Uns geht dieses Argument langsam auf die Nerven, denn die wirtschaftsfreundlichen drohen immer damit und sch\u00fcren gezielt die Angst vor der Arbeitslosigkeit der kleinen Leute. Ein Mittepolitiker konterte mit den Worten, die Rechten k\u00f6nnten gut aus ihrem Home Office fordern, dass die arbeitende Bev\u00f6lkerung wieder nach drau\u00dfen gehen soll, w\u00e4hrend sie nicht zur Session kommen m\u00f6chten. Es gehe f\u00fcr einmal nicht um die Boni und Dividenden der rechten Unternehmer und Unternehmerinnen. Ich pers\u00f6nlich stimme diesem Herrn zu und halte die Forderungen nach Lockerungen zudem gef\u00e4hrlich bez\u00fcglich einer zweiten Welle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 2. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen wir wieder spazieren. Die k\u00fcrzere Variante \u00fcber den H\u00fcgel. Dabei waren meine Mutter, ihre Freundin und ich. Den H\u00fcgel hoch lief ich erneut etwas schneller als die beiden anderen. F\u00fcr die Freundin, die allein lebt, ist die Unterhaltung gerade so wichtig wie die Bewegung, weshalb die beiden etwas langsamer gehen. Ich konzentriere mich lieber auf das Gehen und Atmen. Jedoch war ich heute sehr energielos. Vielleicht weil es Morgen war und ich \u00fcberhaupt kein Morgenmensch bin. Ich sp\u00fcre \u00fcblicherweise auch im Fitnesscenter, dass meine k\u00f6rperliche Leistung morgens schlechter ist. Das betrifft im \u00dcbrigen auch die geistige Leistung. Aber genau deshalb gehe ich lieber morgens Spazieren. Denn zu Hause w\u00e4re ich sowieso nicht so produktiv wie nachmittags und die erfrischende Morgenluft wirkt belebend. Unterwegs trafen wir wieder einige Bekannte aus dem Dorf und unterhielten uns auf Distanz eine Weile. Wie meistens, drehten sich die Gespr\u00e4che darum, wie man sich mit den Einschr\u00e4nkungen arrangiert und welches Gl\u00fcck wir hier auf dem Land haben, dass wir spazieren gehen k\u00f6nnen. Weil wir immer wieder stehen blieben und auch etwas sp\u00e4t losgegangen sind, verz\u00f6gerte sich auch das Mittagessen bis um 14 Uhr. Aber das st\u00f6rte niemanden von uns, denn es musste ja keiner irgendwohin oder hatte Termine einzuhalten.<\/p>\n<p>Am Nachmittag traf ein riesiges Paket ein. Meine Mutter dachte erst, es seien die bestellten Kaffeekapseln. Doch es war an mich adressiert. Ich musste erst eine Weile \u00fcberlegen, ehe mir einfiel, dass mein Bruder ein Geburtstagsgeschenk zu mir senden lie\u00df. Da mein Geburtstag schon fast zwei Wochen her war, hatte ich dies vergessen, aber mittlerweile wissen alle, dass die Versanddienste quasi das Ausma\u00df eines Weihnachtsgesch\u00e4fts bei halber Belegschaft bew\u00e4ltigen m\u00fcssen und es deshalb etwas l\u00e4nger dauern kann. Das Geschenk meines Bruders finde ich super. Es ist ein Gesellschaftsspiel namens \u201cPandemic Legacy\u201d. Dem Namen und der Beschreibung nach muss es wohl eine Art Brettspiel-Version des Computerspiels \u201cPlague Inc.\u201d sein, bei welchem man als Virus die Weltbev\u00f6lkerung ausl\u00f6schen muss. Ich konnte mich kaum noch halten vor Lachen. Den zynischen Humor meines Bruders finde ich fantastisch. Am Wochenende wird das Spiel ausprobiert, meinte meine Mutter. Ich stimmte zu und freute mich darauf, fragte mich aber, warum am Wochenende? Es spielt eigentlich keine Rolle mehr an welchem Tag, da wir sowieso immer alle Zuhause sind.<\/p>\n<p>Danach machte ich zum ersten Mal Gebrauch von den zahlreichen Hilfsangeboten f\u00fcr Risikopatienten. Auf Facebook gibt es eine Gruppe f\u00fcr unser Dorf, in welcher Hilfsangebote geteilt werden k\u00f6nnen. Eine Frau, die in einer nahen Apotheke arbeitet, bietet an, Medikamente mit nach Hause zu bringen, wenn man sie nicht selbst holen kann oder sollte. Also rief ich in der Apotheke an und bestellte bei ihr mein Blutdruckmedikament. Wir vereinbarten, dass ich das Dauerrezept an die Apotheke sende und sie mir das Medikament morgen Abend in den Briefkasten legen und klingeln wird.<\/p>\n<p>Abends hatte ich wieder Spanisch Unterricht. Wir benutzten heute das erste Mal ebenfalls Zoom daf\u00fcr. Bisher hatte unsere Lehrerin Adobe Connect verwendet, bis sie bemerkte, dass alle anderen Lehrpersonen Zoom verwendeten und das Programm viel einfacher zu bedienen ist. Dies l\u00f6ste eine Diskussion in unserer WhatsApp Gruppe aus, da eine Kursteilnehmerin Zoom nicht mag, aufgrund der Ger\u00fcchte \u00fcber Sicherheitsl\u00fccken, die in letzter Zeit da und dort auftauchen. Die IT Abteilung der Universit\u00e4t versicherte ihr jedoch, dass Zoom momentan sicher (genug) sei und so f\u00fcgte auch sie sich der Umstellung. Ich fand den Unterricht mit Zoom viel angenehmer und fl\u00fcssiger. Zudem war es einfacher, einen pr\u00e4senz-\u00e4hnlichen Unterrichtsstil aufrecht zu erhalten. Unterhaltungen liefen fl\u00fcssiger und das Teilen von Informationen durch die Lehrerin war anschaulicher.<\/p>\n<p>Nachts chattete ich noch mit einem Freund in Venezuela. Auch dort sind die Menschen unter Quarant\u00e4ne und die meisten Gesch\u00e4fte sind geschlossen. Wieder sch\u00e4tze ich mich sehr gl\u00fccklich. Obwohl ich Risikopatientin bin, wohne ich an einem Ort, an welchem ich trotz Physical Distancing das Haus verlassen kann und zudem lebe ich in einem Land mit einem sehr guten Gesundheitssystem. Im maroden Venezuela gibt es keine staatlichen Systeme der sozialen Sicherheit. F\u00fcr Ladenbesitzer die schlie\u00dfen mussten, wurden lediglich die Mieten eingefroren. \u00dcber das Gesundheitssystem sagen die Venezolaner und Venezolanerinnen selbst, man werde sp\u00e4testens im Krankenhaus krank, da es an allem mangelt. Im Gespr\u00e4ch mit meinem Freund bekam ich das Gef\u00fchl, dass die Angst vor einer Ansteckung und die Vorsicht gr\u00f6\u00dfer ist als in meinem Fall. Vielleicht deshalb, weil man dort dr\u00fcben davon ausgehen muss, dass wenn man sich ansteckt, man allein mit dem Virus zurechtkommen muss. Trotz der Bedrohung durch Covid19, bezeichnet mein Freund jedoch ihren Pr\u00e4sidenten immer noch als den gr\u00f6\u00dften Virus, der nun dank Notrecht seine Macht weiter ausbauen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 3. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen stand f\u00fcr mich wieder Sport auf dem Programm. Da niemand mitmachen wollte, raffte ich mich allein auf und schwang mich 20 Minuten auf den Home Trainer. Danach 15 Minuten Ganzk\u00f6rpertraining mit einem Video des Tele Basel. Deren kurze Fitnessvideos sind mir sehr sympathisch und die \u00dcbungen f\u00fcr mich angemessen. Danach musste ich mich ziemlich beeilen, denn schon kam meine Mutter mit dem Mittagessen nach Hause. Wir hatten Take Away bestellt bei einem neuen Restaurant in einer nahen Gemeinde, welches eigentlich im M\u00e4rz er\u00f6ffnen h\u00e4tte wollen. Nun bieten sie jeden Tag zwei frische hochwertige Mittagsmenus an. Einerseits unterst\u00fctzen wir so die Gastronomie und andererseits muss meine Mutter f\u00fcr einmal nicht kochen. Gerade jetzt wo sie so viel kocht, weil immer alle zu Hause sind. Auf mein Angebot, ich w\u00fcrde auch kochen, ist sie bisher noch nicht eingegangen. Deshalb habe ich gesagt, ich w\u00fcrde einmal pro Woche ein Take Away Essen bezahlen. Davon profitieren alle und ich leiste so einen finanziellen Beitrag, nun da ich hier wieder vor\u00fcbergehend wohne. Das Essen war sehr lecker und mit viel Sorgfalt zubereitet und angerichtet. Ich hatte das Gef\u00fchl man merkte auch hier ein St\u00fcck mehr F\u00fcrsorge und Freundlichkeit als sonst. Es gab sogar ein kleines gratis Dessert, was in einer Zeit der finanziellen Knappheit wirklich nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber herrschte heute ein Kommen und Gehen. Erst kam mittags die Post, die ein riesiges Paket Kaffeekapseln brachte. Normalerweise kaufen meine Eltern diese in einem bestimmten Supermarkt. Da gehen sie nun aber nicht mehr hin und zudem ist unser Konsum klar gestiegen. Dann brachte ein Bauer eine grosse Ladung Rindfleisch vorbei. Das war nichts Ungew\u00f6hnliches, da meine Mutter immer mehrmals im Jahr bei ihm bestellt. Sp\u00e4ter holte eine Bekannte eine T\u00fcte ab, gef\u00fcllt mit alten Kinderb\u00fcchern und nicht mehr gebrauchtem Mehrweg-Plastikgeschirr und deponierte daf\u00fcr eine Packung Kekse. Sie hatte meiner Mutter vor ein paar Tagen erz\u00e4hlt, dass ihren T\u00f6chtern der Lesestoff ausgeht und dass sie oft Picknicken w\u00fcrden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Abendessens brachte unser Nachbar Lebensmittel vorbei. Wir hatten ihm einen Einkaufszettel mitgegeben, da er sowieso einkaufen gehen musste. Mit unseren Nachbarn sind wir so verblieben, dass sie uns einfach mitteilen, wann sie zu welchem Supermarkt fahren und wir dann mitteilen k\u00f6nnen, was wir von dort brauchen. Die Kosten schreiben sie auf und werden von uns dann sporadisch \u00fcberwiesen. Zu guter Letzt brachte dann die junge Frau von der Apotheke meine Medikamente vorbei. Sie rief an, sie h\u00e4tte sie auf ihrem abendlichen Spaziergang im Briefkasten deponiert. Daf\u00fcr hatte ich dort ebenfalls eine Packung Kekse f\u00fcr sie bereitgelegt. Ich und meine Mutter mussten lachen. Erst erhielten wir Kekse als Gegenleistung und dann gaben wir diese gleich weiter, weil jemand uns einen Gefallen tat und man gerade nichts Geeigneteres zu Hause hat. Wir fragten uns, welchen Weg all diese kleinen Geschenke als Gegenleistung noch nehmen w\u00fcrden, wenn andere ebenfalls so verfahren und sie weiterschenken.<\/p>\n<p>In den abendlichen TV Nachrichten des Schweizer Fernsehens sp\u00fcrte man heute die wachsende Anspannung der Beh\u00f6rden deutlich. Es geht auf Ostern zu und die Wetterprognosen f\u00fcr die n\u00e4chste Woche versprechen traumhaftes Fr\u00fchlingswetter. Zudem verreisen viele Deutschschweizer \u00fcber Ostern ins Tessin, welches aufgrund seiner N\u00e4he zu Italien massiv st\u00e4rker von der Krise betroffen ist als die meisten anderen Kantone. Eindringlich werden die B\u00fcrger gebeten, dieses Jahr \u00fcber Ostern nicht zu verreisen und keine Ausfl\u00fcge zu unternehmen. Vermehrt werden nun Seepromenaden, Parks und andere Naherholungsgebiete abgesperrt. Vor dem Gotthard Richtung S\u00fcden werden Wohnmobile aufgehalten und m\u00fcssen umdrehen, da sowieso alle Campingpl\u00e4tze im Tessin geschlossen sind. Generell ist eine Reise in den S\u00fcden aber nicht verboten, weshalb die Beh\u00f6rden nur an die Bev\u00f6lkerung appellieren k\u00f6nnen. Mittlerweile wurden auch kollektive Bewegungsprofile von Smartphones verwendet, um zu analysieren wo sich Menschenansammlungen bilden. Dies zeigte, dass der Bewegungsradius der Schweizer am Samstag mit sch\u00f6nem Wetter deutlich gr\u00f6\u00dfer war als an jenem mit schlechtem Wetter. Somit scheinen die Sorgen der Beh\u00f6rden begr\u00fcndet, dass das sch\u00f6ne Wetter die Menschen so sehr lockt, dass sie sich nicht mehr ganz so strikt an die Ma\u00dfnahmen halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 4. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen machten wir uns noch vor dem Brunch auf den Spaziergang. Erstens weil wir fanden, es sei einfacher mit leerem Bauch zu spazieren. Zweitens aber auch, weil es wunderbares Fr\u00fchlingswetter und Wochenende war und wir hofften so zahlreichen Spazierfreudigen aus dem Weg zu gehen. Wir w\u00e4hlten wieder einmal eine neue Route, welche uns an einem Bauernhof vorbeif\u00fchrte. Wir sprachen ca. 30 Minuten mit der B\u00e4uerin und ihrem Mann. Diese erz\u00e4hlten uns, dass sie auf ihrem abgelegenen Hof nicht viel von der Corona Krise merken w\u00fcrden. Kontakt mit anderen Menschen hatte man eher weniger au\u00dferhalb des Dorfes. W\u00e4hrenddessen kraulte ich ausgiebig den alten, freundlichen Hofhund und \u00fcberlegte mir, dass alle Menschen mit Haustieren nun froh sein mussten. Wenn man schon den K\u00f6rperkontakt zu Menschen einschr\u00e4nken muss, dann kann man wenigstens noch sein Haustier knuddeln. So merkte ich, dass sowohl der Hund als auch ich die Streicheleinheiten genossen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag erfuhr ich, dass ich und meine Familie im Juni nicht nach Island reisen werden. Wir planten dort einem Kongress beizuwohnen, der sich mit den wissenschaftlichen Aspekten unserer Sehbehinderung befasst. Dazu sollte es ein Programm mit Workshops und Unterhaltung f\u00fcr junge Betroffene aus aller Welt geben. F\u00fcr uns w\u00e4re das auch ein Wiedersehen mit alten Freunden von fr\u00fcheren Kongressen gewesen. Anschlie\u00dfend w\u00e4re noch eine Woche Urlaub in Island geplant gewesen, doch nun wurde der Kongress auf 2022 verschoben, denn er findet nur alle zwei Jahre statt. Ich pers\u00f6nlich war nur ein kleines bisschen entt\u00e4uscht, denn diese Nachricht war seit l\u00e4ngerem absehbar. Da ich f\u00fcr die Schweizer Jugenddelegation zust\u00e4ndig bin, ging das Organisieren los. Alle anderen mussten informiert werden und ich muss nun schauen, dass alle eine gute L\u00f6sung finden, wenn Fl\u00fcge und Unterk\u00fcnfte annulliert werden m\u00fcssen. Bereits kam etwas Nervosit\u00e4t auf in unserer Gruppe, da manche Teilnehmer noch nicht so vertraut waren mit dem Buchen solch weiter Reisen und nun etwas \u00fcberfordert schienen mit der Absage des Anlasses. Sp\u00e4ter organisierte die deutsche Jugendgruppe ein spontanes Zoom Meeting. Da die Gruppe noch jung ist, hatten sich viele bisher noch nie getroffen. Da dies nun wohl l\u00e4nger nicht zustande kommen wird und stattdessen alle Zuhause rumsa\u00dfen, ergab sich die Gelegenheit sich spontan online zu treffen. Wir besprachen zudem die Idee, anstelle des nun ausgefallenen Kongresses stattdessen eine Art virtuellen Kongress oder ein Treffen der jungen Betroffenen weltweit zu organisieren. Da momentan viele Menschen die Technologien rund um virtual Meetings ausprobieren und Erfahrungen damit sammeln, k\u00f6nnten wir doch ausprobieren, inwiefern wir diese neuen M\u00f6glichkeiten zuk\u00fcnftig f\u00fcr unsere Vernetzung nutzen k\u00f6nnten. Gerade im Zusammenhang mit Zoom oder Home Office h\u00f6re ich oft, dass diese Krise auch eine Chance sein kann. So erz\u00e4hlte mir auch ein Freund, er h\u00e4tte schon l\u00e4nger vorgehabt Teilzeit im Home Office zu arbeiten und nun k\u00f6nne er quasi stressfrei testen, wie dies funktionieren w\u00fcrde, da es sowieso keine Alternative g\u00e4be. Oder Professoren, die oft an mehreren Universit\u00e4ten in Europa unterrichten und so eine pers\u00f6nliche Sprechstunde zuk\u00fcnftig auch einmal per Zoom abhalten k\u00f6nnten. Und dann noch die Hoffnung der Klimasch\u00fctzer und \u00f6kologisch interessierten Menschen wie mich, dass zuk\u00fcnftig die Business Flugreisen etwas abnehmen k\u00f6nnten zugunsten von Conference Calls. Denn die meisten m\u00fcssten nicht mehr dem Klima zuliebe zus\u00e4tzliche Anstrengungen unternehmen, um diese Technologie kennenzulernen. Die Schulung erfolgt in dieser Krise zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Abends verfolgen wir gespannt die Nachrichten. Die offensichtliche Divergenz zwischen den Gesundheitsexperten und den Wirtschaftsvertreten ist mittlerweile so offensichtlich, dass auch die Nachrichtensendungen die beiden Positionen kontrastiert darstellen. Die Rufe nach Lockerungen der Ma\u00dfnahmen und einer sogenannten Exit-Strategie werden immer lauter. Die Wirtschaftsvertreter klingen so, als w\u00fcrden sie bereits jetzt einen konkreten Plan erwarten, wie man wieder aus der Lockdown Situation herausfinden kann. Die Regierung hingegen erwidert, man arbeite daran und weist umso vehementer darauf hin, dass es momentan sicher noch zu fr\u00fch sei, die Ma\u00dfnahmen zu lockern. Gleichzeitig scheint die Regierung ihre Aufmerksamkeit aktuell auf Ostern, das sch\u00f6ne Wetter und den zunehmenden Quarant\u00e4ne-Koller der Bev\u00f6lkerung zu richten. Aus meiner Sicht wirkt dies schon fast ein bisschen absurd und in meinem Kopf entsteht ein Bild einer Regierung, die den Blick auf die Bev\u00f6lkerung richtet und diese ermahnt und bittet, sich an die Regeln zu halten, w\u00e4hrend ihr von der Seite die Wirtschaft ins Ohr jammert, man m\u00fcsse die Regeln lockern. Dies wirkt etwas, wie wenn Eltern sich nicht einig sind, wie man mit den Kindern umgehen soll und gleichzeitig versuchen, die Kinder zu kontrollieren und nicht miteinander zu streiten. Streiten sich die Eltern (die Experten), wissen die Kinder (die Laien) gar nicht mehr, wem gefolgt werden soll und werden vielleicht am Ende einfach machen, was sie f\u00fcr angenehm halten. Wie das aussehen wird, werden die n\u00e4chsten Wochen zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 5. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen verfolgte ich eine Diskussion in einer WhatsApp Gruppe. Es handelt sich dabei um eine Gruppe f\u00fcr Menschen mit Sehbehinderungen, welche gegenseitig Tipps und Infos austauschen. Einer aus der Gruppe, der einen sehr aktiven Lebensstil pflegt, stellte die Frage, wie andere denn Einkaufen gehen w\u00fcrden. F\u00fcr Menschen mit Sehbehinderungen ist Social Distancing dieser Tage ein Dauerthema. Denn ist man allein unterwegs, kann man den Abstand zu anderen nicht absch\u00e4tzen. Ist man mit Begleitperson unterwegs, bedeutet dies k\u00f6rperlichen Kontakt und somit wird Social Distancing ebenfalls nicht eingehalten oder man macht sich abh\u00e4ngig von sehr wenigen Personen. Mir selbst war bis zu diesen Diskussionen selbst nicht bewusst, dass das auch ein Problem f\u00fcr mich geworden w\u00e4re, wenn ich in Basel geblieben w\u00e4re. Es war jedenfalls kein Beweggrund bei meinen Eltern zu bleiben. Nun bin ich aber sehr froh, hier immer jemanden zu haben, der mich drau\u00dfen begleiten kann. Denn es stimmt, auch ich f\u00fchle mich allein drau\u00dfen nicht mehr ganz wohl. Ich sehe Menschen entgegenkommen, kann aber den Abstand nicht absch\u00e4tzen und erkenne die Anzeichen nicht, auf welche Seite eine Person ausweichen wird, weshalb es zu verwirrenden Situationen kommen kann oder ich arrogant wirken k\u00f6nnte, weil ich als junge Person nicht ausweiche. Allein w\u00fcrde ich nun auch hier im Dorf nur noch mit dem Blindenstock nach drau\u00dfen gehen. Normalerweise benutze ich den nur in der Stadt. Die Beitrage zur WhatsApp Diskussion frustrierten mich etwas, obwohl ich die Seite der Betroffenen auch verstand. Ein allein Lebender meinte zum Beispiel, er h\u00e4tte pro Woche nur ca. ein oder zwei Personen getroffen und er merke nun, dass er seiner psychischen Gesundheit zuliebe mehr Menschen treffen w\u00fcrde. Er plant deshalb n\u00e4chste Woche einfach Leute zu sich nach Hause einzuladen. Er geh\u00f6re nicht zur Risikogruppe und seine Freunde auch nicht. Ich fand das sehr naiv, denn meiner Meinung nach wird dabei vergessen, dass jeder dieser Freunde auch wieder andere Menschen trifft und irgendjemand hat in dieser Verkettung auch Kontakt zu einer Person der Risikogruppe. Andererseits fand ich auch, man konnte in der Sprachnachricht die Frustration heraush\u00f6ren. Ich kann gut verstehen, dass bei Menschen, die allein wohnen, Druck und Frustration steil ansteigen und die Suche nach einer Kompromissl\u00f6sung notwendig wird. Ein anderer Teilnehmer meinte, er h\u00e4tte niemanden gesehen, da er erk\u00e4ltet gewesen sei. Er h\u00e4tte Husten gehabt. Es sei aber kein Corona gewesen, sondern weit davon entfernt. Bei solchen Aussagen frage ich mich immer leise, ob es denn wirklich so schwer ist Covid19 zu verstehen. Mittlerweile muss doch jeder und jede schon vernommen haben, dass man auch infiziert sein kann, ohne jegliche Symptome zu haben. Niemand kann also ohne Test wissen, ob er infiziert ist oder war und ich gehe nicht davon aus, dass diese Person getestet wurde. Au\u00dferdem wirkte es wie eine Beschwichtigung. Wobei ich eher denke, wenn du zu Hause warst, w\u00e4re es doch besser f\u00fcr dich, wenn es Covid19 gewesen w\u00e4re. Du h\u00e4ttest es mit leichten Symptomen hinter dich gebracht und w\u00e4rst nun wahrscheinlich sogar immun. Selbst wenn es pers\u00f6nlich besser w\u00e4re, Covid19 gehabt zu haben, scheint das Gef\u00fchl von Ekel oder Scham zu \u00fcberwiegen. Ansteckende Krankheiten haben etwas Absto\u00dfendes, im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir sollen uns schlussendlich auch distanzieren. Aber selbst, wenn die physische Distanz gew\u00e4hrleistet ist, scheint dieses Gef\u00fchl der Abneigung oder die Angst vor der Abneigung erhalten zu bleiben. Man f\u00fcrchtet soziale Konsequenzen, wie sie auch die Auss\u00e4tzigen in fr\u00fcheren Zeiten zu sp\u00fcren bekamen. Oder warum sonst, m\u00fcsste man Menschen, die man noch nie getroffen hat, via WhatsApp beruhigen, dass man nur erk\u00e4ltet war und kein Covid19 hatte?<\/p>\n<p>Die Diskussion ging weiter, indem einige andere Tipps gaben, er k\u00f6nnte doch mit jemandem mitgehen und es wurden ihm Online-Plattformen empfohlen. Es dauerte einige Zeit, bis eine Teilnehmerin vorschlug, er solle doch f\u00fcr sich einkaufen lassen. Angebote g\u00e4be es momentan schlie\u00dflich genug und selbst wenn er nicht zur Risikogruppe geh\u00f6re, w\u00fcrde man ihm sicher weiterhelfen in seiner Situation. Der Angesprochene antwortete nicht mehr auf diese Nachricht. Ich selbst hatte auch an diese M\u00f6glichkeit gedacht und mir \u00fcberlegt diesen Vorschlag zu machen. Allerdings war ich der Meinung, diese M\u00f6glichkeit sei sehr offensichtlich und dass er wohl eher etwas Hemmungen hat, solche Angebote in Anspruch zu nehmen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter widmeten ich und meine Mutter uns wieder dem Sport. Wir verwendeten daf\u00fcr wieder ein Workout Programm der Trainerin meiner Mutter. Ich pers\u00f6nlich finde das jeweils etwas m\u00fchsam, denn die Trainerin macht lediglich Fotos der \u00dcbungen und kein Video. Die Bewegungen daraus zu interpretieren funktioniert nur, wenn man die \u00dcbungen von ihr kennt. Zudem muss man zwischendurch immer wieder unterbrechen, um den Plan zu studieren.<\/p>\n<p>Den Nachmittag verbringe ich mit Computerarbeit und einer ausgedehnten Kaffeepause im Garten. Die Sonne ist so warm, dass man sich effektiv schon sonnen kann. Erneut bin ich sehr dankbar f\u00fcr den gro\u00dfen Garten meiner Eltern, mit viel Gr\u00fcn, einer Palme, vielen V\u00f6geln und Bienen. So l\u00e4sst sich Quarant\u00e4ne definitiv aushalten. Immer wieder stellen ich und meine Eltern dabei aber auch fest, wie locker die Nachbarn \u00fcbers Wochenende mit den Ma\u00dfnahmen umgehen. Da sind die S\u00f6hne der Nachbarn, die in meinem Alter sind, welche zu ihren Eltern Abendessen kommen, obwohl jeder getrennt wohnt. Da ist ein \u00e4lteres P\u00e4rchen, wohl die Eltern bzw. Grosseltern, das bei einem Nachbarn vorf\u00e4hrt und f\u00fcr mehrere Stunden im Haus verschwindet. Da ist die Familie, die bei unseren Nachbarn den Nachmittag verbringt, weil der Enkel Geburtstag hat. Meine Mutter ger\u00e4t jedes Mal in gro\u00dfe Aufregung, wenn sie so etwas beobachtet. Sie fragt sich, wo das hinf\u00fchre, wenn sich keiner an die Regeln halte. Und am Ende w\u00fcrden auch wir, die uns daran halten bestraft, denn so w\u00fcrde bestimmt die Ausgangsperre \u00fcber Ostern doch noch notwendig werden. Ich sehe das genauso. Andererseits nervt mich meine Mutter manchmal auch. Denn sie spricht \u00fcber jede \u00e4ltere Person, die sie vorbei gehen sieht und meint, die w\u00fcrden gar nicht mehr nach drau\u00dfen geh\u00f6ren. Wir selbst jedoch gehen genauso nach drau\u00dfen spazieren. Ich habe pers\u00f6nlich gro\u00dfe M\u00fche damit, wenn jemand andere verurteilt und meiner Meinung nach, selbst wenig dar\u00fcber reflektiert hat, was er oder sie selbst tut. Zudem finde ich es auch nachvollziehbar, dass nicht alle Menschen die Situation, so rational abgekl\u00e4rt betrachten k\u00f6nnen, wie ich und meine Eltern dies tun.<\/p>\n<p>Die Nachrichten am Abend zeigen, dass die Bev\u00f6lkerung gr\u00f6\u00dftenteils zu Hause geblieben sind. Viele h\u00e4tten sich an die Vorgaben gehalten, doch die Anspannung bleibt, denn Ostern steht noch vor der T\u00fcr. Meine Mutter entdeckte dann in der Luzerner Zeitung vom 3. April 2020 eine Grafik, welche die aktuelle Situation wieder in ein etwas anderes Licht r\u00fcckte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6331\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/wonder_2.png\" alt=\"\" width=\"572\" height=\"693\" \/><\/p>\n<p>Eigentlich ist es diese Grafik, die ich schon seit l\u00e4ngerem vermisst habe. Sie zeigt die Anzahl der Covid19 Infektionen im Verh\u00e4ltnis zur Gr\u00f6\u00dfe der Bev\u00f6lkerung. Denn es ist ziemlich schwierig zu vergleichen, wie stark ein Land von der Krise betroffen ist, wenn man die absoluten Zahlen von China mit einem kleinen Land wie der Schweiz zu vergleichen versucht. Diese Grafik gibt mir ein ungutes Gef\u00fchl. Ich dachte eigentlich bereits, dass wir auf einem guten Weg sind und dass so langsam USA der n\u00e4chste Hotspot sein wird. Dass wir immer noch eine der zahlreichen Varianten die Krise darzustellen, so weit oben anf\u00fchren, l\u00e4sst mich ebenfalls hinterfragen, ob wir das Schlimmste vielleicht noch nicht \u00fcberstanden haben. Zudem l\u00e4sst es die Forderungen nach Lockerung der Ma\u00dfnahmen absurd wirken. Aber schlussendlich gibt es verschiedene M\u00f6glichkeiten Grafiken zu erstellen, die dann die Krise, je nach Absicht anders darstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 6. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Im Seminar heute Morgen schauten wir einen Film. Erstaunlicherweise ging das fast problemlos. Ich h\u00e4tte erwartet, dass es mehr Probleme mit der Verbindung geben w\u00fcrde beim Streamen eines Films \u00fcber eine Videokonferenz. F\u00fcr mich war die Sache sehr anstrengend, da es sich um einen ethnographischen Film handelte. Ohne Sprecher im Off und in Originalsprache mit Untertiteln. Sonst im Unterricht h\u00e4tte ich jemanden fragen k\u00f6nnen, ob er oder sie mir zwischendurch etwas beschreibt, was gerade geschehen ist. So aber war ich 90 Minuten voll mit Untertitel lesen besch\u00e4ftigt. Die Dozentin bot mir deshalb an, ein zus\u00e4tzliches Zoom-Meeting mit mir zu machen, falls ich Fragen h\u00e4tte zum Film. Denn die Aufgabe war eine Reflexion dazu zu schreiben.<\/p>\n<p>Zwischendurch musste ich mich mit der abgesagten Konferenz in Island besch\u00e4ftigen. Einige aus unserer Gruppe haben von unserer nationalen Organisation Travel Grants f\u00fcr die Reise erhalten. Da der Kongress einfach um zwei Jahre verschoben wurde, blieben auch diese erhalten. Jedoch half das den Teilnehmenden in der aktuellen Situation nicht, da alles schon gebucht war. Prompt gibt es Unklarheiten, ob alle Teilnehmenden den Betrag von ihrer Reiseversicherung zur\u00fcckerhalten w\u00fcrden und wer wusste denn schon, wo man in zwei Jahren steckte und ob man dann noch teilnehmen wollte oder konnte. Au\u00dferdem konnten Hotelzimmer und Fl\u00fcge nicht einfach um zwei Jahre verschoben werden. Eine Teilnehmerin hatte jedoch einen sehr guten Hinweis: Man sollte die Fl\u00fcge jetzt noch nicht annullieren und stattdessen besser bis kurz vor Reiseantritt warten. Denn je nachdem wie sich die Situation entwickelt, muss am Ende die Fluggesellschaft ihrerseits den Flug stornieren und dann w\u00e4re dies f\u00fcr uns kostenfrei. Also hei\u00dft es f\u00fcr uns einmal mehr abwarten und die Situation beobachten.<\/p>\n<p>Am Nachmittag nahm ich es etwas gem\u00fctlich und schaute wieder einmal eine Serie auf Netflix. Ich hatte zu Beginn bef\u00fcrchtet, ich w\u00fcrde zum totalen Netflix-Junkie werden, aber dem ist nicht so. Ich schaue sogar weniger als bei mir Zuhause, denn dort esse ich allein und schaue gleichzeitig Serien. Hier esse ich in Gesellschaft und benutze Netflix selten zwischendurch, wenn ich bewusst eine l\u00e4ngere Pause mache oder wenn ich auf dem Home Trainer sitze.<\/p>\n<p>Genau das tat ich dann sp\u00e4ter auch. 20 Minuten Home Trainer, 10 Minuten Bauch Workout, 10 Minuten Po Workout. Langsam muss ich schauen, dass ich jeden Tag eine etwas andere Muskelgruppe trainiere. Da ich jeden Tag etwas Sportliches mache, habe ich bereits an verschiedensten Stellen Muskelkater. Es ist tats\u00e4chlich so, dass ich momentan viel disziplinierter Sport betreibe als sonst im Alltag. Ich frage mich, ob ich paradoxerweise vielleicht jetzt sogar mehr Kalorien verbrauche und Muskeln aufbaue als sonst. Allerdings ist das sehr schwer abzusch\u00e4tzen, denn es ist schwer die Alltagsbewegungen einzurechnen, welche momentan wegfallen. Danach setze ich mich f\u00fcr ein paar Minuten an die Sonne in den Garten und h\u00f6re den V\u00f6geln und Insekten zu; irgendwo weit weg lachen Kinder. Man genie\u00dft diese kleinen sch\u00f6nen Dinge deutlich bewusster jetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 7. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Etwas Lustiges zum Fr\u00fchst\u00fcck. Seit gestern geht mir ein neuer Song (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yGX4u5XfzVs\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yGX4u5XfzVs<\/a>) nicht mehr aus dem Kopf. Auf einem YouTube Kanal des SRF wurde ein Video ver\u00f6ffentlicht, welches nun die Runde macht. Es handelt sich um einen Remix, bei welchem alle Soundger\u00e4usche mittels eines Wasserhahns erzeugt wurden und dazu wurden die Stimmen zweier Bundesr\u00e4te geschnitten. Motivation war, dass man den Satz \u201cBleiben Sie zu Hause\u201d schon so oft geh\u00f6rt hat, dass man ihn bald nicht mehr h\u00f6ren kann. Das Problem ist nur, seit dieser Remix um geht, bleibt der Satz erst recht in den Ohren h\u00e4ngen. Ich jedenfalls lief schon den ganzen Morgen durch unser Haus mit dem st\u00e4ndigen Mantra im Kopf. Eigentlich war es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis ein solches Video auftauchen w\u00fcrde. Immer wieder werden lustige Episoden, Anekdoten oder Eigenheiten von Regierungsmitgliedern zu Remixes zusammengeschnitten. Ich mag solche Aktionen, denn sie bringen etwas Auflockerung in ernste Themen und sorgen so nun auch bei der Corona Krise daf\u00fcr, dass man die st\u00e4ndige Repetition der Parolen auch einmal mit Humor nehmen kann, ohne sie dabei l\u00e4cherlich zu machen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter klingelte es an der T\u00fcr. Mein Vater \u00f6ffnete und eine junge Frau stellte eine T\u00fcte vor die T\u00fcr, entfernte sich und erkl\u00e4rte, sie komme von der Gemeinde. Nachdem sie gegangen war, entpackten wir die T\u00fcte. Es handelte sich um ein \u201cFr\u00e4ssp\u00e4ckli\u201d (Fresspaket) der Gemeinde. Eine T\u00fcte mit zwei Tulpen, einem Schnittsalat, zwei kleinen M\u00fcslimischungen, zwei kalte Kaffeegetr\u00e4nke, ein paar Sudokus und Schokolade-Ostereier. Dabei war ein Brief des Sozialvorstehers der Gemeinde. Die T\u00fcte war eine kleine Aufmerksamkeit an alle \u00fcber 65-j\u00e4hrigen der Gemeinde in dieser schwierigen Zeit. Man bedankte sich f\u00fcr das Einhalten der Verhaltensregeln und es waren Hilfsangebote und Telefonnummern notiert, wo man sich melden k\u00f6nnte, falls man Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Wir freuten uns alle sehr \u00fcber diese Aufmerksamkeit, denn dies ist nichts Selbstverst\u00e4ndliches und zeigt, dass sich der Sozialvorsteher wirklich etwas \u00fcberlegt hat. Damit hat er nun ein paar Pluspunkte bei uns dazugewonnen.<\/p>\n<p>Nachmittags gingen wir wieder zu dritt spazieren. Unsere Route war etwas l\u00e4nger als sonst und f\u00fchrte uns \u00fcber Wiesen, wo man einen sch\u00f6nen Ausblick auf den nahen See hat. Momentan kann man diese Wege noch gehen, im Sommer wird es dort aber zu hei\u00df. Auf dem Weg kommen wir an der Pferdekoppel des Stalles vorbei, wo ich normalerweise Reiten gehe. Auch dies ist momentan nicht mehr m\u00f6glich f\u00fcr mich. Zwar k\u00f6nnen Pferde kein Coronavirus \u00fcbertragen, aber im Stall sind diverse Menschen unterwegs, besonders jetzt wo die Kinder nicht in der Schule sind. Gegenst\u00e4nde wie Putzsachen und Sattelzeug werden von unz\u00e4hligen H\u00e4nden angefasst und zudem w\u00e4re ich aufgrund meiner Sehbehinderung auf eine Begleitperson angewesen. Dies ist \u00fcblicherweise die Nachbarin, die ich nun auch nicht mehr treffen kann. Wir bleiben bei der Koppel stehen und zwei der Pferde kommen sogar zu uns her\u00fcber. Ich merke, dass ich die Pferde und das Reiten schon sehr vermisse, besonders jetzt im Fr\u00fchling, wo es im Wald wundersch\u00f6n ist und ich nun immer zu Fu\u00df die Wege gehe, die ich sonst geritten bin.<\/p>\n<p>Unterwegs trafen wir auch noch zwei Herren, die mitten auf dem Weg standen und miteinander sprachen. Sie standen so, dass wir zwischen ihnen hindurchgehen h\u00e4tten m\u00fcssen und dabei sicher nicht den Mindestabstand eingehalten h\u00e4tten. Als wir stoppten, traten die beiden Herren ein bisschen zur Seite, wirkten aber etwas \u00fcberrascht. Als wir vorbeigingen, sagte meine Mutter \u201cWir haben gerne Abstand\u201d und ich meinte, das seien halt keine 2 Meter. Da lachte der eine auf: \u201cAchse, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ja klar.\u201d Im Weitergehen dachte ich, dass er wohl sehr lange schon nicht mehr daran gedacht haben muss. Sp\u00e4testens wenn Menschen z\u00f6gern an dir vorbeizugehen, f\u00e4llt doch mittlerweile jedem auf, woran das liegen k\u00f6nnte. Hinzu kommt noch, dass der Mann sehr wahrscheinlich \u00fcber 65 Jahre alt war und ich mich somit wieder einmal gefragt habe, wie man zur Risikogruppe geh\u00f6ren konnte und die Sache in diesem Ausma\u00df nicht pr\u00e4sent haben konnte.<\/p>\n<p>Am Abend beim Schauen der Nachrichten f\u00e4llt mir lediglich auf, wie wenig ich mittlerweile den Live Ticker von SRF noch konsultiere. Auch die Fallzahlen \u00fcberpr\u00fcfe ich nur noch etwa ein Mal am Tag. Zudem sind die Neuansteckungen etwas zur\u00fcck gegangen in den letzten Tagen. Die Beh\u00f6rden sprechen von einer \u201cStabilisierung\u201d. Die Forderungen nach einer langsamen Lockerung der Ma\u00dfnahmen sind mittlerweile massiv. Die Wirtschaft scheint sich bereits in verschiedene Lager aufzuteilen. Die einen wollen branchenspezifische Lockerungen, die anderen gleiche Lockerungsma\u00dfnahmen f\u00fcr alle. Auch die Bev\u00f6lkerung scheint weniger Angst vor Corona zu haben und wieder etwas mehr nach drau\u00dfen zu gehen, den Abstand aber einzuhalten. Die Bundesbeh\u00f6rden kommunizieren aber ganz klar, dass es vor Ostern keine Lockerungen geben wird. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und finde der Bund hat Recht, wenn er annimmt, es k\u00f6nnte gerade \u00fcber Ostern sowieso zu mehr Verst\u00f6\u00dfen gegen die Ma\u00dfnahmen kommen. Auch dass \u00d6sterreich gewisse Ma\u00dfnahmen jetzt gelockert hat, ruft die Wirtschaftsvertreter auf den Plan, doch die Regierung kommuniziert ganz klar, sie orientiere sich an der Lage hierzulande und nicht an den Bedingungen eines Nachbarlandes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 8. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Ich sollte wieder einmal duschen. Das waren meine ersten \u00dcberlegungen heute Morgen. Ich mag es nicht, wenn meine Haare nach zwei Tagen str\u00e4hnig werden, andererseits ist es ganz gut f\u00fcr Haut und Umwelt jetzt nicht so viel zu duschen, wenn man sowieso nicht unter Menschen ist. Ich entschloss mich gegen das Duschen, denn am Vormittag half ich meiner Mutter die K\u00fcche fertig zu putzen. So hat die Krise doch noch was Gutes, meinte sie zu all den frisch einger\u00e4umten K\u00fcchenschr\u00e4nken. Eigentlich hatte ich gehofft, das Putzen w\u00fcrde meine sportliche Einheit f\u00fcr heute sein. So anstrengend war es dann aber doch nicht. Also musste ich nachmittags nochmal ran. 20 Minuten Home Trainer, 10 Minuten Arm-Workout und 10 Minuten Bauch-Workout und danach eine wohlverdiente Dusche.<\/p>\n<p>Im Radio und im Fernsehen war heute die Post ein zentrales Thema. Jetzt, kurz vor Ostern kann sie die Paketflut nicht mehr bew\u00e4ltigen. Angestellte sagen in den Nachrichten, die Auslastung sei h\u00f6her als an Weihnachten. Die Menschen sind mehr zu Hause und gehen online shoppen und aufgrund der Ladenschlie\u00dfungen muss man nun auch Dinge online bestellen, die man sonst eher im Gesch\u00e4ft gekauft h\u00e4tte. Dazu kommen noch zahlreiche Aktionen und Onlineangebote von Versandh\u00e4usern. Die Post appelliert daher an die Bev\u00f6lkerung sich zu \u00fcberlegen, was man momentan wirklich bestellen muss und man solle Bestellungen zusammenlegen und nicht beispielsweise zwei Mal am selben Tag beim selben H\u00e4ndler bestellen. Die Post meldet zudem weiter, das Personal werde knapp, weil nebst den direkten Ausf\u00e4llen durch Corona nun auch immer mehr Angestellte aufgrund der \u00dcberlastung und der langen Schichten ausfallen w\u00fcrden. Sehr erstaunt war ich \u00fcber die Meldung, die Post w\u00fcrde nun mit Konkurrenten wie DHL, DPD und so weiter, Synergien suchen und beispielsweise Routen zusammenlegen. Normalerweise ist die Konkurrenz zwischen diesen Anbietern sehr gro\u00df und man sp\u00fcrte, wie die Post zunehmend unter Druck der privaten Anbieter geriet. Dass sie nun mit diesen zusammenarbeitet, zeigt zus\u00e4tzlich wie gro\u00df der Druck auf die Post sein muss. Die eigentlich gr\u00f6\u00dfere Meldung heute, nahm ich gar nicht so stark wahr. Vielleicht weil sie nicht unerwartet war f\u00fcr mich. Der Bund beschloss den Lockdown um eine Woche, bis zum 26. April zu verl\u00e4ngern. Danach sollen schrittweise Lockerungen eingef\u00fchrt werden. Der genaue Ablauf wird aber zurzeit noch ausgearbeitet. Dass der Lockdown verl\u00e4ngert w\u00fcrde, hatte ich angenommen, da man nach Ostern die Lage wieder neu betrachten muss. Je nachdem wie diszipliniert die Menschen an Ostern waren. Dass danach aber Lockerungen stattfinden sollen, war ein Entgegenkommen an die lauten Forderungen nach Normalisierung seitens der Wirtschaft. Und ich denke, es ist auch f\u00fcr die Menschen wichtig zu h\u00f6ren, dass es bald wieder besser wird, wie ein Anker der Hoffnung f\u00fcr diejenigen, die mit ihrer Kraft auszuharren langsam am Ende sind. Vielleicht motiviert ein Datum, an welchem Lockerungen beginnen sollen sogar, jetzt \u00fcber Ostern noch einmal durchzuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 9. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen wir wieder spazieren. Es war etwas bew\u00f6lkt und deutlich k\u00e4lter als gestern. Wir fanden das gut, denn so wagten wir uns auf einen Waldspaziergang, welcher uns am grossen Parkplatz am Waldrand vorbeif\u00fchrte. Diesen meiden wir sonst, da dort alle Menschen parken, die nicht zu Fuss zum Wald gehen und es deshalb oft sehr viele Leute gibt. Bei etwas schlechterem Wetter und vormittags sch\u00e4tzten wir das Risiko jedoch gering ein. Und so war es denn auch. Es parkten etwa so viele Autos wie vor Coronazeiten dort und wir begegneten nicht sehr vielen Menschen im Wald. Immer noch mehr als sonst um diese Tageszeit, aber die Sache war problemlos. Ich sp\u00fcrte lediglich wieder einmal wie stark meine Energie \u00fcber den Tag variiert. Morgens schaffe ich die kleinen H\u00fcgel gerade mal so schnell, wie meine Mutter. Nachmittags fand ich immer, die anderen w\u00fcrden mir etwas zu langsam laufen und joggte sogar hoch. So stark aufgefallen ist mir das noch nie, weil ich sonst innert so weniger Tage nicht so oft die gleiche Art von Bewegung oder Sport betrieb und deshalb schlecht vergleichen konnte. Den Nachmittag verbrachte ich damit, Dinge f\u00fcr mein Studium zu erledigen. Nach 17 Uhr genossen meine Eltern und ich einen Ap\u00e9ro im Garten. Das ist mittlerweile zur Tradition geworden. Da das Wetter wunderbar ist und wir es sehr genie\u00dfen einen Garten zu haben, setzen wir uns jeden Tag am sp\u00e4ten Nachmittag mit einem Drink nach draussen und genie\u00dfen die Abendsonne. Ich denke, nebst dem Genie\u00dfen des Fr\u00fchlings, ist dieser Ap\u00e9ro auch wichtig geworden, da er ein Fixpunkt in der Tagesstruktur darstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 10. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute fuhr ich mit meiner Mutter nach einem Brunch nach Basel in meine Wohnung, um einige Sachen zu holen und den Briefkasten zu leeren. Wir hatten absichtlich den Karfreitag gew\u00e4hlt, da wir hofften, dass es dann h\u00f6chstens wenige LKWs auf den Stra\u00dfen h\u00e4tte und hoffentlich auch nicht so viele Autos, da niemand in den S\u00fcden fahren sollte. Dies bewahrheitete sich auch. Wir sahen genau zwei LKW und es gab auch sonst sehr viel Platz auf der Autobahn. Oft sahen wir kein einziges Auto vor uns. In Basel versuchten wir T\u00fcren und den Briefkasten m\u00f6glichst so zu \u00f6ffnen, dass wir nichts ber\u00fchrten. T\u00fcr mit dem Schl\u00fcssel aufschieben, den Briefkasten ebenfalls, den Lift mit dem Ellenbogen rufen. In der Wohnung drinnen mussten wir lachen. Denn kaum war die Wohnungst\u00fcr geschlossen, atmeten wir<br \/>\nbeide auf. Diese Wohnung wurde seit vier Wochen nicht betreten und war daher sicher Corona frei. Nachdem wir uns die H\u00e4nde gewaschen haben, stellten wir fest, dass man sich in dieser Wohnung so sicher wie selten irgendwo f\u00fchlt, dank der Gewissheit, dass hier niemand war. Es war auch kognitiv ein wenig erleichternd. Denn man konnte f\u00fcr einmal Vorsichtsma\u00dfnahmen ausblenden und musste sein Verhalten nicht st\u00e4ndig reflektieren wie sonst. Als wir das letzte Mal hier waren, hatten wir noch nicht ganz begriffen, wie lange ich weg sein w\u00fcrde und was Isolation bedeutet. Ich hatte zu wenige Kleider f\u00fcr zu Hause eingepackt und daf\u00fcr sch\u00f6nere Sachen, die ich momentan definitiv nicht ben\u00f6tige. Diese brachte ich wieder nach Basel und packte mehr bequeme Kleider ein. Zudem war der Winter nun vorbei und packte bereits einige Sommerkleider ein, da ich nicht wei\u00df, wie lange ich noch wegbleiben werde. Dies f\u00fchlte sich sehr seltsam an. Ich brachte Winterkleider zur\u00fcck und holte Sommerkleider. Mir kam pl\u00f6tzlich die Isolationszeit viel l\u00e4nger vor als davor. W\u00e4hrend ich die Post sortierte und diverse Sachen zusammensuchte, durchsuchte meine Mutter meine Lebensmittelvorr\u00e4te nach Produkten, die in den n\u00e4chsten Monaten ablaufen. Ich sagte, es sei okay, wenn wir diese mitnehmen w\u00fcrden. Nicht nur weil diese sonst vielleicht in meiner Abwesenheit ablaufen, sondern auch weil ich immer froh bin, wenn ich eine M\u00f6glichkeit habe, meinen Eltern etwas zur\u00fcckzugeben daf\u00fcr, dass ich so spontan bei ihnen bleiben durfte. Nach etwa einer Stunde war der Koffer gepackt und wir verlie\u00dfen meine Wohnung. Auf dem R\u00fcckweg fuhren wir wieder \u00fcber leere Strassen. Es war ein sehr warmer Tag und unterwegs unterhielten wir uns dar\u00fcber, dass ohne Kaffeepause schon etwas fehlen w\u00fcrde. Eine Stunde hinfahren, eine Stunde packen, eine Stunde zur\u00fcckfahren, ohne irgendwo gem\u00fctlich einen Kaffee zu trinken, war schon etwas ungewohnt f\u00fcr uns. Also entschloss sich meine Mutter kurz vor Zuhause einen Tankstellenshop aufzusuchen und statt dem Kaffee Eis zu kaufen. Zuhause hatten wir keines mehr und deshalb kaufte meine Mutter gleich mehrere Portionen f\u00fcr die Gefriertruhe. Als sie zur\u00fcckkam, berichtete sie, dass das Einkaufen schon nicht lustig sei und sie froh sei, wieder drau\u00dfen zu sein. Gerade im kleinen Tankstellenshop k\u00f6nne man den Sicherheitsabstand kaum einhalten. Zudem wuselten Kinder im Gesch\u00e4ft herum und am Ende musste man doch wieder ein Kartenzahlger\u00e4t bedienen oder Bargeld in die Finger nehmen. Meine Mutter war also froh, momentan nicht einkaufen zu m\u00fcssen und Zuhause angekommen, genossen wir ein Eis im Garten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 11. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hat meine Mutter Geburtstag. Bereits am Morgen kam eine ihrer Freundinnen vorbei und die beiden tranken einen Kaffee drau\u00dfen auf der Einfahrt, mit viel Abstand. Die Nachbarin spielte auf ihrem Akkordeon ein St\u00e4ndchen f\u00fcr meine Mutter von jenseits des Baches, der unsere Grundst\u00fccke trennt. Dann telefonierte sie mit meinem Bruder und danach mit ihrem Bruder. Eigentlich wollten wir schon l\u00e4ngst beim Brunch sitzen, doch kaum hatte sie jeweils aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. Mein Vater wurde etwas ungeduldig und m\u00fcrrisch, weil er Hunger hatte. W\u00e4hrend ich es sch\u00f6n fand, dass meine Mutter so viel Aufmerksamkeit bekam. Sie hatte auch bereits drei Blumenstr\u00e4u\u00dfe bekommen, f\u00fcr die sie kaum Vasen finden konnte. Etwa zwei Stunden sp\u00e4ter als urspr\u00fcnglich geplant, begannen wir zu essen. Ich schenkte meiner Mutter einen Gutschein f\u00fcr das Tropenhaus. Ein gro\u00dfes nachhaltiges Treibhaus mit einem tropischen Garten, Fischzucht und einem Restaurant. Es feierte zwei Wochen vor dem Lockdown seine Neuer\u00f6ffnung, nachdem es beinahe aufgegeben h\u00e4tte werden m\u00fcssen. Ich entschied mich daf\u00fcr, weil meine Eltern einerseits die Atmosph\u00e4re sehr m\u00f6gen und andererseits, weil ich das Tropenhaus so gerne unterst\u00fctzen m\u00f6chte. Es ist dumm gelaufen, dass gleich nach Neuer\u00f6ffnung der Lockdown kam.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter drehten wir eine kurze Runde durch das Dorf. Eigentlich wollten wir \u00fcber Mittag spazieren gehen, aber das verz\u00f6gerte sich nun alles ein bisschen. Auch die Freundin meiner Mutter, welche immer mit uns spazieren geht brachte Blumen vorbei. Als wir zur\u00fcckkamen sollte die Freundin meiner Mutter eigentlich noch eine weitere Freundin anrufen, damit diese auch noch herbeieilen konnte, um zu gratulieren. Meiner Mutter w\u00e4ren das aber bereits wieder zu viele Menschen auf einmal gewesen und zudem hatte sie etwas Vorbehalt, denn diese weitere Freundin arbeitet in der Kinderbetreuung. Diese kam dann etwas sp\u00e4ter allein vorbei um zwei drei Worte zu wechseln. Dazwischen telefonierte meine Mutter wieder und staunte \u00fcber die zahlreichen WhatsApp Nachrichten. Sie meinte, so lange Telefongespr\u00e4che, so viele Gl\u00fcckw\u00fcnsche und Blumen h\u00e4tte sie schon lange nicht mehr erhalten. Sie erkl\u00e4rte sich dies damit, dass alle Zuhause seien momentan. Alle h\u00e4tten Zeit und w\u00fcrden jetzt daran denken. Zudem war es Samstag, also arbeiteten auch diejenigen nicht, die noch einer geregelten Arbeit nachgehen konnten. Ich \u00fcberlegte mir zudem, dass es auch eine Art \u00dcberkompensation sein konnte. Denn auch ich erhielt an meinem Geburtstag vor ein paar Tagen mehr Gl\u00fcckw\u00fcnsche als \u00fcblich. Vielleicht haben die Mitmenschen momentan etwas Mitleid, wenn jemand w\u00e4hrend des Lockdowns Geburtstag hat und nicht gro\u00df feiern kann und um zu zeigen, dass man nicht allein ist, bem\u00fchen sich alle ein St\u00fcckchen mehr als in anderen Jahren, dies zu zeigen.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend waren wir zu einem Ap\u00e9ro mit unseren Nachbarn verabredet. Wir setzten uns mit St\u00fchlen, Tischen, Getr\u00e4nken und Knabbersachen auf unsere Seite des Baches und sie taten dasselbe auf ihrer Seite. Ganz so einfach wie ein \u00fcblicher Ap\u00e9ro war das Ganze nicht. Wir sa\u00dfen um diese Uhrzeit auf unserer Seite bereits im Schatten, zudem stellten wir schnell fest, dass \u00fcber diese Distanz immer nur eine Person sprechen konnte. In dieser Konstellation haben die beiden M\u00e4nner oft andere Themen als wir drei Frauen. Nun mussten die M\u00e4nner still sein, wenn wir \u00fcber Pferde sprachen und wir mussten zuh\u00f6ren, wenn die M\u00e4nner \u00fcbers Heimwerken sprachen. Wir lachten dar\u00fcber, dass wir Schilder basteln m\u00fcssten, die man hochhalten k\u00f6nnte, um sich zu Wort zu melden. Wir sa\u00dfen sehr lange da und beschlossen, dies wieder einmal zu tun.<\/p>\n<p>Zum Abendessen gab es Sushi, welches am Nachmittag geliefert wurde. Es war gar nicht so einfach einen Lieferdienst zu finden, welcher in unser Dorf liefert. Genau ein Sushi TakeAway in Luzern bot Lieferung an bis zu uns. Danach lie\u00dfen wir den Abend mit einem Film ausklingen. Seit einigen Tagen schauen wir nur noch die Nachrichtensendungen, welche wir immer schauen. Sondersendungen \u00fcber Corona schauten wir in den letzten Tagen gar nicht mehr. Im Moment scheint es ein bisschen, als w\u00e4re alles gesagt, alle Probleme und Konsequenzen er\u00f6rtert. Der erste Gipfel ist passiert, jetzt hei\u00dft es Abwarten und dann schauen, was geschieht, wenn die Ma\u00dfnahmen gelockert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 12. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute ist Ostersonntag. \u00dcblicherweise waren wir beiden Kinder an diesem Sonntag immer bei unseren Eltern. Und diese versteckten auch immer noch ein Osternestchen und einen Schokohasen irgendwo in der Wohnung f\u00fcr jeden von uns. Dieses Jahr gibt es nur ein kleines improvisiertes Nestchen mit ein paar Schokoeiern und zwei kleinen Hasen f\u00fcr uns alle. Und nat\u00fcrlich kommt mein Bruder nicht vorbei.<\/p>\n<p>Um 10 Uhr fiel meiner Mutter ein, dass wir ja Brot backen wollten f\u00fcr den Brunch. Ich hatte dies ebenfalls komplett vergessen. Deswegen hatten wir auch kein Brot kaufen lassen. Also fanden wir uns damit ab, dass der Brunch nach hinten verschoben wurde und machten uns ans Backen eines K\u00f6rnerbrotes und eines Zopfs. Wir genossen gem\u00fctlich unseren Brunch bis fast um 14 Uhr. Danach bekam ich eine Anfrage von meinem Bruder, seiner Frau und einem Freund zum Spielen. Wir hatten eine Online Spieleplattform mit Audiospielen entdeckt. Das sind komplett auditiv basierte Spiele, die vor allem von Menschen mit Seheinschr\u00e4nkungen genutzt werden. Die Plattform bietet eine umfangreiche Sammlung von Spielen an, von Poker \u00fcber Monopoly bis zu Cards against Humanity. W\u00e4hrend wir spielten blieben wir telefonisch \u00fcber WhatsApp miteinander verbunden. Es war ein sehr geselliger Nachmittag und wir spielten zwei Stunden. Ich fand es sehr sch\u00f6n, so auch mit meinem Bruder und seiner Frau in Kontakt zu stehen. Die beiden sind erst seit kurzen verheiratet und mein Bruder wohnte vor einem Jahr noch bei unseren Eltern. Deshalb ist es noch etwas ungewohnt, dass er nun weggezogen ist und gerade jetzt, wo wir uns nicht sehen d\u00fcrfen, vermisse ich den Kontakt etwas.<\/p>\n<p>Danach wollte ich eigentlich einen kurzen Text schreiben, den ich noch f\u00fcr die Uni machen sollte, fand aber keine Inspiration dazu. Es ist so, dass ich mich zurzeit nicht so unter Druck gesetzt f\u00fchle. Ich habe zwar immer eine lange Liste der Dinge im Kopf, die ich noch erledigen m\u00f6chte, doch wenn man keine Termine hat, verschiebe ich auch Dinge auf Morgen, ohne wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben.<\/p>\n<p>Abends wollte ich eigentlich noch mit einer Freundin per Zoom telefonieren. Allerdings fanden wir keine Gelegenheit, da unsere Essenszeiten komplett anders sind. Sie isst sehr fr\u00fch zu Abend und wenn sie fertig ist, ist bei mir Essenszeit. Wenn wir fertig gegessen haben, geht meine Freundin schon bald schlafen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 13. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen schafften ich und meine Freundin es dann schlussendlich zu \u201czoomen\u201d, per Zoom zu telefonieren. Ich merkte ein bisschen, dass wir uns gar nicht viel zu erz\u00e4hlen hatten und einfach ein bisschen herumbl\u00f6delten. Es geschieht einfach auch nicht viel im Alltag momentan, weshalb ich oft gar nicht wei\u00df, was ich anderen noch erz\u00e4hlen soll. So geht es mir im \u00dcbrigen auch mit diesem Tagebuch. Ich merke, wie die Eintr\u00e4ge k\u00fcrzer werden. Eine gewisse Routine hat sich eingespielt. Die Situation ist nicht mehr neu und die Nachrichten rund um Corona sind ruhiger geworden. Das hei\u00dft aber nicht, dass ich mich gelangweilt f\u00fchle. Ich habe mit meinem Seminar, meinem Sprachkurs, einiges an Freiwilligenarbeit, dem Pflegen von Kontakten, genug Sport, gamen und die Sonne genie\u00dfen genug Abwechslung in meinem Alltag. Nach dem Telefonat stand wieder mein Workout auf dem Programm. Mein Vater hatte zwei 0.5 Liter PET-Flaschen mit Wasser gef\u00fcllt, um diese als Hanteln zu benutzen. Diese habe ich heute mit einem YouTube Workout ausprobiert. Erstaunt stellte ich fest, dass die Gewichte f\u00fcr mich zu leicht sind. Generell stellte ich beim Blutdruckmessen in den letzten Tagen fest, dass meine Werte sehr gut sind, worauf ich mich fragte, ob ich vielleicht tats\u00e4chlich mehr Sport treibe und fitter werde als sonst.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kam eine Freundin meiner Mutter zu Besuch. Abgemacht war, dass sie bei sch\u00f6nem Wetter kommen kann und wir im Garten essen werden. Meine Mutter hat sich seit Sonntag darauf gefreut, weil sie endlich wieder einmal etwas kochen konnte, was sich ansonsten nicht lohnt f\u00fcr den Alltag. Also setzten wir uns um einen langen Tisch, sodass wir alle gen\u00fcgend Abstand hatten. Eigentlich m\u00fcsste nur die Freundin Abstand zu uns haben, aber das h\u00e4tte dann etwas merkw\u00fcrdig ausgesehen, also schauten wir, dass der Abstand zwischen allen gleich war. Bei Getr\u00e4nken und Saucen durfte sie sich nicht selbst bedienen, denn sie sollte so wenig wie m\u00f6glich anfassen. Dies funktionierte sehr gut und wir genossen den ganzen Nachmittag bei Sonne und guten Gespr\u00e4chen. Erst als die Freundin am fr\u00fchen Abend zur Toilette musste, ging sie nach Hause, denn in unser Haus sollte sie nicht kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 14. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hatte ich eine routinem\u00e4ssige Kontrolle auf der Nephrologie des Kantonspitals Luzern. Ich hatte im Voraus angefragt, welche Ma\u00dfnahmen ich ber\u00fccksichtigen m\u00fcsse und wurde informiert, es w\u00e4re gut, wenn ich nicht mit dem \u00d6V kommen w\u00fcrde und dass ich vor Ort eine Gesichtsmaske erhalten werde. Meine Mutter fuhr mich zum Krankenhaus. Die Stra\u00dfen in Luzern waren sehr leer. Es ist immer noch seltsam, die Stadt so zu sehen. Bei der Einfahrt auf das Krankenhausgel\u00e4nde wurden wir von einem Security mit Gesichtsmaske befragt. Nur Personen mit driftigen Gr\u00fcnden d\u00fcrfen auf das Areal. Im Eingangsbereich des Klinikums sa\u00df eine Frau in Krankenhausbekleidung und h\u00e4ndigte allen eintretenden eine Maske aus. Sie kontrollierte auch, ob man diese richtig aufsetzte. Sie fragte auch nach dem Grund hier zu sein und meinte, dass Begleitpersonen nur gestattet sind, wenn unbedingt notwendig. Zum Gl\u00fcck meinte meine Mutter zu Hause, ich solle meinen Blindenstock mitnehmen, damit alle w\u00fcssten, warum ich mich bei ihr einhacke und wissen w\u00fcrden, dass ich nicht ausweichen kann. Nun war dank des Stocks offensichtlich, dass ich meine Mutter als Begleitperson ben\u00f6tige, denn gerade auf der Nephrologie bewegen sich viele Risikopatienten und es ist sehr eng dort. Nach der Blutabnahme musste ich \u00fcber eine Stunde auf die Resultate warten. Normalerweise gingen wir in dieser Zeit einen Kaffee trinken, doch die Cafeteria in diesem Geb\u00e4ude war nur f\u00fcr Angestellte ge\u00f6ffnet. Eine Pflegefachfrau erkl\u00e4rte uns, im Haupthaus g\u00e4be es am Kiosk Coffee to go, also gingen wir hin\u00fcber zum Haupthaus. Auf dem Weg trafen wir einen Arzt, der unsere Familie fr\u00fcher lange betreut hatte. Wir h\u00e4tten uns mit Gesichtsmasken fast nicht erkannt. Wir unterhielten uns kurz und er meinte, es sei gut und wichtig, diese Routinekontrolle trotz allem durchzuf\u00fchren, denn es ging um mein Transplantat. Tats\u00e4chlich stiegen in den letzten Tagen die Anzahl Meldungen, wonach pl\u00f6tzlich weniger Herzinfarkte, Hirnschl\u00e4ge und andere Notf\u00e4lle gez\u00e4hlt w\u00fcrden. Anscheinend weil die Menschen aufgrund von Corona nicht mehr ins Krankenhaus gehen wollten, aus Angst sich anzustecken oder das Krankenhaus zus\u00e4tzlich zu belasten. Vor dem Eingang des Haupthauses standen zwei Securities. Wir erkl\u00e4rten, warum wir hineinwollten, aber die beiden meinten, sie d\u00fcrfen niemanden ohne Termin hineinlassen. Nach ein wenig Diskutieren willigten sie ein, dass meine Mutter kurz zwei Kaffee holen durfte. W\u00e4hrend ich draussen wartete, beobachtete ich die Menschen, die ankamen, ihren Termin nannten und hineingelassen wurden. Dann kamen zwei Frauen, die eine der Securities kannten. Sie unterhielten sich kurz und die Security Angestellte meinte, sie d\u00fcrfe eigentlich keine Begleitpersonen hineinlassen. Nach einigem tuscheln betraten beide Frauen das Geb\u00e4ude. Ich dachte mir, nat\u00fcrlich werden f\u00fcr Bekannte Ausnahmen gemacht, sowas kennt man zu gen\u00fcge.<\/p>\n<p>Mit dem Kaffee machten wir uns wieder auf den Weg zum anderen Klinikum. Es war bitterkalt also fragten wir die maskenverteilende Angestellte dort, ob wir die nahe Sitzgruppe benutzen d\u00fcrften. Sie verstand, dass es zu kalt war, f\u00fcr einen Kaffee an der frischen Luft. Wir setzten uns und sogleich fragten wir uns, wie wir nun mit Gesichtsmaske Kaffee trinken sollten. Die Angestellte meinte, es ginge besser, wenn man die Maske nach unten schob als nach oben. Und wie isst man ein Sandwich? Behalten sie die Maske an, falls sie eine Di\u00e4t machen wollen, meinte die Angestellte grinsend. Etwas sp\u00e4ter kam sie zu uns her\u00fcber und fragte meine Mutter, ob sie kurz ihren Job \u00fcbernehmen k\u00f6nnte, denn sie m\u00fcsse dringend zur Toilette. In den wenigen Minuten kam niemand herein. Als die Angestellte zur\u00fcckkehrte, war sie \u00e4u\u00dferst dankbar f\u00fcr den kurzen Einsatz. Etwas sp\u00e4ter betrat eine Frau ohne Maske in zivil das Klinikum. Freudig begr\u00fcssten sie und die Angestellte sich. Nach kurzem Z\u00f6gern umarmten sie sich mit den Worten \u201cnur schnell\u201d und die Angestellte schaute \u00fcber die Schulter ihrer Bekannten zu uns her\u00fcber und meinte: \u201cEs sieht\u2019s ja keiner\u201d. Meine Mutter konterte gespielt ernst, wir h\u00e4tten es schon gesehen. Ich wusste aber, dass meine Mutter dies sehr unpassend fand. Und auch ich bin der Meinung, dass so etwas gar nicht geht. An den Verzicht auf Umarmungen sollten sich doch alle mittlerweile gew\u00f6hnt haben.<\/p>\n<p>Selbst unter meinen Bekannten, welche Corona nicht ganz so ernst nehmen, respektieren alle, dass man sich nicht mehr umarmt. Dass nun gerade eine Person in Krankenhauskleidung am Eingang, also auch mit einer gewissen repr\u00e4sentativen Funktion, und vor zivilen Zuschauern (ich und meine Mutter) dies tut, finde ich sehr verantwortungslos.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter wurde die Angestellte von einem Kollegen abgel\u00f6st. Wir beobachteten ihn und stellten fest, dass er seinen Job wesentlich lockerer nahm als seine Kollegin. Er fragte niemanden nach dem Zweck des Aufenthalts und lie\u00df auch Paare fraglos passieren. Er h\u00e4ndigte Masken aus, aber anscheinend war ihm nicht bewusst, wie schwer es f\u00fcr Laien sein kann, diese Masken anzuziehen. Ein \u00e4lterer Herr hatte solche Probleme, dass der Angestellte ihm zu helfen versuchte. Die Maske war am Ende aber so verdreht und der Draht f\u00fcr um die Nase auf der unteren Seite der Maske, dass meine Mutter anfing, von der Seite Hilfestellungen zu rufen. Der Rest unseres Aufenthaltes verlief wie \u00fcblich.<\/p>\n<p>Am Nachmittag beschlossen ich und meine Mutter gemeinsam Sport zu treiben. Ihre Freundin hatte ihr erz\u00e4hlt, dass sie immer mit den Fitnessvideos von Bayern 3 trainiert. Also suchten wir uns zwei 15 min\u00fctige Sendungen aus. F\u00fcr mich waren die \u00dcbungen klar zu meditativ und zu einfach, weshalb ich oft mit schwereren Varianten improvisierte. Auch meine Mutter fand es eher an der unteren Grenze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 15. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich wollten wir heute fr\u00fch spazieren gehen der Freundin meiner Mutter. Doch als wir die Temperatur von 2 Grad sahen, verschoben wir den Spaziergang auf den Nachmittag. Ich besch\u00e4ftigte mich mit Freiwilligenarbeit und B\u00fcroarbeiten. Nachmittags ging es dann los. Wir gingen eine neue Route \u00fcber den H\u00fcgel. Meine Mutter sorgt daf\u00fcr, dass wir immer etwas Abwechslung haben und neue Wege ausprobieren. Unterwegs kamen wir einen schmalen Pfad \u00fcber eine Rinderweide entlang. Links und rechts waren dicht am Wegrand Stromz\u00e4une gespannt. Ich fing mir prompt noch einen Schlag ein. Als wir noch 100 Meter auf dem schmalen Pfad bis zur breiteren Stra\u00dfe zu gehen hatten, bog eine Fahrradfahrerin auf den Pfad ein und hinter ihr folgte ein P\u00e4rchen, die Frau mit Baby auf dem Arm. Als meine Mutter das sah, rief sie ziemlich energisch: \u201cHallo?! Das geht ja gar nicht. W\u00fcrden sie bitte warten!\u201dDie Passanten meinten, das ginge schon. Worauf meine Mutter w\u00fctend rief, man k\u00f6nne den Abstand nicht einhalten und auf den Z\u00e4unen sei Strom. Die Radfahrerin stieg vom Rad, wuchtete es vom Weg und dr\u00fcckte sich zur Seite. Die Frau mit dem S\u00e4ugling machte keine Anstalten zur Seite zu treten. Wahrscheinlich hatte sie Angst mit dem Baby dem Zaun zu nahe zu kommen. Es kam aber auch niemand auf die Idee, die wenigen Meter wieder zur\u00fcckzugehen. Also dr\u00fcckten wir uns an ihnen vorbei. Die beiden Gruppen trennten sich, beide w\u00fctend auf die anderen und wild diskutierend. Ein paar Meter weiter trafen wir auf unseren ehemaligen Optiker. Meine Familie kaufte 30 Jahre lang die Brillen im Gesch\u00e4ft des Paares. Dieses Jahr gingen sie in Pension. Aufgrund des Lockdowns mussten sie ihr Gesch\u00e4ft zwei Wochen fr\u00fcher als geplant schlie\u00dfen. Beide Seiten freuen sich \u00fcber das Wiedersehen. Die beiden, die in Luzern wohnen, meinten sie h\u00e4tten an uns gedacht, als sie durch unser Dorf hierhergefahren seien. Auch sie w\u00fcrden sich Orte f\u00fcr Spazierg\u00e4nge suchen, an welchen sich nicht viele Menschen aufhalten w\u00fcrden. Wir sprachen auch \u00fcber die Schlie\u00dfung ihres Gesch\u00e4fts, die nun etwas abrupt gekommen sei. Doch die beiden sagen, sie seien so froh, dass sie ihre Pensionierung genau jetzt gehabt h\u00e4tten. H\u00e4tten sie diese auf n\u00e4chstes Jahr angesetzt, w\u00e4re dies jetzt ziemlich schwierig gewesen. Und sie sind froh, sich nun keine Sorgen \u00fcber ihr Gesch\u00e4ft machen zu m\u00fcssen. Pensioniert sein, sei so sch\u00f6n und stressfrei.<\/p>\n<p>Danach gingen wir weiter. Unterwegs bei einer Bank machten mir eine kurze Pause. Ich und unsere Freundin setzten sich an die beiden Enden der Bank, meine Mutter blieb stehen. Sie zog einen Plastikbeutel aus der Tasche und hielt uns einen Stapel Einwegbecher hin. Jeder zupfte einen Becher heraus und meine Mutter verteilte Apfelschorle. Wir mussten etwas lachen, als meine Mutter meinte, es sei halt etwas improvisiert, aber so lie\u00dfen sich die Vorsichtsma\u00dfnahmen gut einhalten. Nach dem Spaziergang waren wir alle sehr m\u00fcde. Wir waren am Ende ca. 2 Stunden unterwegs. Ich und meine Mutter finden sowas gro\u00dfartig, ihre Freundin hat eher etwas M\u00fche sich f\u00fcr so viel Gehen zu motivieren. Doch wir finden, gerade deshalb sei es wichtig und tut ihrer Fitness auch gut. Sie sitzt momentan sonst den ganzen Tag allein zu Hause und gr\u00fcbelt sehr viel. Vor allem auch dar\u00fcber, wie sie arbeiten soll, sobald ihre Juwelierfiliale wieder \u00f6ffnen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 16. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen verlief sehr ruhig. Ich hatte viel zu tun f\u00fcr eine Sehbehindertenorganisation, f\u00fcr welche ich zurzeit eine Jugendgruppe aufzubauen versuche. Nachmittags hatte ich deswegen auch einige Telefonate zu erledigen. Zwischendurch widmete ich mich wieder meinen 20 Minuten Home Trainer und 20 Minuten Fitness mit der Fitnesssendung des Tele Basel. Danach eine erfrischende Dusche. Duschen und Haarewaschen genie\u00dfe ich definitiv mehr, seit ich nicht mehr t\u00e4glich dusche. W\u00e4hrenddessen lief eine wichtige Medienkonferenz des Bundes. Einen Teil h\u00f6rte ich mit, doch sie dauerte \u00fcber zwei Stunden. Heute gab der Bund bekannt, wie der Fahrplan f\u00fcr die langsame R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t aussieht. In einer ersten Etappe am 27. April d\u00fcrfen Gesch\u00e4fte mit personenbezogenen Dienstleistungen, also Coiffure, Physiotherapeuten (die eigentlich gar nie geschlossen hatten, aber sich trotzdem niemand mehr hin traute), nicht notfallm\u00e4ssige medizinische Behandlungen, aber auch Blumen- und Baum\u00e4rkte usw. \u00d6ffnen. Am 11. Mai dann d\u00fcrften die restlichen Gesch\u00e4fte wieder \u00f6ffnen. Dann sollen auch die obligatorischen Schulen wieder ge\u00f6ffnet werden. Am 8. Juni dann sollten auch die \u00fcbrigen Schulen, also auch die Universit\u00e4ten, Museen, Bibliotheken und Freizeitlokalit\u00e4ten wieder \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter rief die Nephrologie an, um mir mitzuteilen, dass die Medikamente aufgrund der Laborresultate angepasst werden m\u00fcssten und ich deshalb in zwei Wochen nochmals die Blutwerte kontrollieren m\u00fcsse. Das ist keine Seltenheit. Die Terminfindung l\u00e4uft jedoch momentan sehr einfach. Ich habe keine Termine, das Ambulatorium hat viel Zeit und meine Mutter, die mich dann hinfahren sollte, muss ich auch nicht erst fragen, ob es f\u00fcr sie dann m\u00f6glich sei.<\/p>\n<p>Am Abend hatte ich wieder Spanisch. Ich habe die Lektion sehr vermisst und sp\u00fcrte auch wie alle anderen sehr gut gelaunt waren. Ich glaube, alle freuen sich \u00fcber solche Konferenzgespr\u00e4che. Man sieht wieder einmal andere Menschen als die \u00fcblichen Gesichter im selben Haushalt. Wir waren auch bei unseren Gruppenarbeiten etwas \u00fcberdreht, lachten viel und kamen auf ziemlich verr\u00fcckte Gespr\u00e4chsideen.<\/p>\n<p>Abends im Fernsehen entbrannten dann die Reaktionen zu den Entscheiden des Bundesrates. Kleine Gesch\u00e4fte wie Coiffeursalons sind nat\u00fcrlich sehr froh, bald wieder er\u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Jedoch tauchte auch die Frage auf, warum gerade die Gesch\u00e4fte \u00f6ffnen d\u00fcrfen, wo enger K\u00f6rperkontakt notwendig ist. Der Bundesrat argumentiert, dass bei solchen Gesch\u00e4ften nie mehr als eine Person behandelt wird und somit l\u00e4sst sich der Kontakt sehr gut kontrollieren und mit den n\u00f6tigen Vorsichtsma\u00dfnahmen das Risiko minimieren. Gartencenter sind sehr gro\u00df und haben zudem momentan Hauptsaison. \u00dcber den Zeitpunkt der \u00d6ffnung der Schulen gab es ebenfalls Diskussionen. Denn der Bundesrat verk\u00fcndete, dass man nun wisse, dass Kinder selten betroffen sind das Coronavirus auch nicht stark verbreiten. Die Schulen k\u00f6nne man aber nicht schon in der ersten Etappe ge\u00f6ffnet werden, da die Schulen nun Zeit br\u00e4uchten, um zu kl\u00e4ren, wie der Pr\u00e4senzunterricht wieder eingef\u00fchrt werden soll, ob beispielsweise alle Sch\u00fcler auf einmal kommen sollen oder ob es M\u00f6glichkeiten gibt, die Klassen zu halbieren. Dass zu Beginn nur obligatorische Schulen \u00f6ffnen, wird damit begr\u00fcndet, dass Home Schooling bei den Kindern schwieriger sei. Sei es aufgrund der technischen M\u00f6glichkeiten, weil die Eltern stark involviert sind oder weil Kinder noch nicht in solchem Umfang selbstst\u00e4ndig arbeiten k\u00f6nnen. An den weiterf\u00fchrenden Schulen handle es sich um \u00e4ltere Kinder und junge Erwachsene, welche besser noch l\u00e4nger im Home Office bleiben k\u00f6nnen. Die Abst\u00e4nde der Termine sorgte ebenfalls f\u00fcr etwas Gespr\u00e4chsstoff. Zwischen 11. Mai und 8. Juni liegt laut Bundesrat genug Zeit, um die Effekte des 11. Mai beobachten und evaluieren zu k\u00f6nnen. Denn man wolle auf keinen Fall weitere Lockerungen vornehmen, ohne zu wissen, wie die letzten Lockerungen die Ansteckungszahlen beeinflusst h\u00e4tten. Warum dann aber nach dem 27. April gleich am 11. Mai die zweite Etappe folgt, bleibt auch einem befragten Epidemiologen im SRF unklar. Denn dieser Zeitraum l\u00e4sst keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Effekte der ersten Lockerungsetappe zu. Gr\u00f6\u00dfte Emp\u00f6rung herrschte im Tourismus- und Gastronomiebereich, denn dieser wurde in keiner der drei Etappen erw\u00e4hnt. Man m\u00fcsse erst schauen, wie sich die Lage entwickelte und man wolle nicht einfach vorweg Beschl\u00fcsse treffen, wie beispielsweise in Deutschland, wo Gro\u00dfveranstaltungen bereits bis Ende August verboten wurden. Der Bundesrat argumentiert also, um einem langen Verbot im Voraus zu entgehen, m\u00fcsste die Branche die Planungsunsicherheit in Kauf nehmen. Pers\u00f6nlich betrifft mich am meisten die Frage, wann ich als Risikopatientin wieder arbeiten gehen d\u00fcrfte. Ich habe ein Praktikum in Aussicht, bei welchem ich gl\u00fccklicherweise viel Freiheit habe, wann ich beginnen m\u00f6chte. Leider hatte der Bundesrat nichts zu Risikopersonen gesagt. Lediglich, dass Gro\u00dfeltern auch nach der Schul\u00f6ffnung nicht ihre Kinder betreuen sollten. Ich pers\u00f6nlich f\u00fchle mich manchmal etwas vergessen, wenn in Bezug auf Risikopersonen oft von Senioren gesprochen wird. Denn wie fr\u00fchere Diskussionen gezeigt hatten, w\u00fcrden die j\u00fcngeren Menschen die Krise sogar oft ernster nehmen, da ihr Alltag sich st\u00e4rker ver\u00e4ndert hat als derjenige der Senioren. Senioren sind wohl im Durchschnitt mehr zu Hause und bewegen sich weniger unter Menschen als j\u00fcngere. So werden auch nun Risikopersonen selten mit Arbeitst\u00e4tigkeit in Verbindung gebracht und es gibt selten Verhaltensanweisungen f\u00fcr j\u00fcngere Betroffene. Ich pers\u00f6nlich hatte mich nach all den vielen Informationen \u00fcberlegt, mich nach dem 11. Mai, wenn alle Gesch\u00e4fte \u00f6ffnen, bei meinem Arbeitgeber zu erkundigen, wie sie die Sache handhaben. Es h\u00e4ngt nun davon ab, wann die Firmen beginnen, ihre Angestellten aus dem Home Office zur\u00fcck zu holen. Denn ich kann bestimmt nicht anfangen, solange mein zuk\u00fcnftiger Arbeitsort sich noch im Home Office Modus befindet. Zudem muss dann auch noch mein Techniker, welcher die sehbehindertentechnische Einrichtung meines Arbeitsplatzes vornimmt, wieder arbeiten k\u00f6nnen. Auch er geh\u00f6rt der Risikogruppe an, aufgrund chronischer Lungenprobleme. Zudem bin ich eher skeptisch den \u00d6V genau dann wieder zu benutzen, wenn viele Angestellte aus dem Detailhandel wieder zur Arbeit gehen. Genau k\u00f6nnte die Dichte in den Transportmitteln wieder deutlich zunehmen.\u00a0 Auch die Uni \u00f6ffnet erst ab 8. Juni und ich wei\u00df nicht, ob es wirklich ratsam ist, dass ich bereits arbeiten gehe, solange noch nicht einmal die Studenten wieder zur Uni m\u00fcssen. Pers\u00f6nlich rechne ich also damit, dass sich meine Situation wohl noch bis Juni nicht sehr gro\u00df \u00e4ndern wird, vielleicht sogar bis Juli. Das ist schon frustrierend, denn ich freue mich auf mein Praktikum und m\u00f6chte das auch nicht allzu lange hinausschieben, da ich keinesfalls riskieren m\u00f6chte, dass diese M\u00f6glichkeit sich pl\u00f6tzlich in Luft aufl\u00f6st. Andererseits kann ich mich nicht beklagen, deine meine Isolationssituation ist doch sehr komfortabel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 17. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen wir wieder spazieren. Wieder eine neue Route durch den Wald. In den Wald gehen wir lieber vormittags, da es dann wohl weniger Familien mit Kindern im Wald gibt. Das Wetter momentan ist unglaublich, es ist schon fr\u00fchsommerlich warm. Nachmittags hatte ich einige Texte f\u00fcr mein Seminar zu lesen und einen kurzen Text dazu zu schreiben. Wieder einmal hatte ich die Aufgabe bis zum letzten Tag hinausgeschoben und war deshalb heute ziemlich im Stress.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 18. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen verlief gem\u00fctlich und verschlafen. Nach einem ausgiebigen Brunch und etwas Computerarbeit, war f\u00fcr mich wieder mein 40 min\u00fctiges Trainingsprogramm angesagt. Danach war ich so geschafft, dass ich mich zur Belohnung mit einem Eiskaffee in den Garten setzte und ein H\u00f6rbuch h\u00f6rte. Meine Mutter setzte sich dazu und begann N\u00fcsse zu knacken, denn wir haben vor, Brownies f\u00fcr unsere Nachbarn zu backen. Diese gehen seit Wochen f\u00fcr uns einkaufen und wir w\u00fcrden gerne etwas zur\u00fcckgeben. Um ein gewisses Gef\u00fchl f\u00fcr die Wochentage aufrecht zu erhalten, habe ich mir vorgenommen, diesen Samstag und Sonntag nichts f\u00fcr die Uni zu machen. In den letzten Tagen hatte sich bei mir innerlich ein Druckgef\u00fchl aufgebaut. Ich kann nicht sagen, was die Ursache daf\u00fcr ist. Eventuell hatte es damit zu tun, dass ich nun f\u00fcr den Aufbau einer Jugendgruppe einer NGO zust\u00e4ndig bin. Also nahm ich mir gezielt vor, dieses Wochenende gem\u00fctlich anzugehen. Somit ging dann auch meine Kaffeepause nach dem Sport fast nahtlos in den Ap\u00e9ro \u00fcber, den meine Eltern vorbereitet hatten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erhielt ich eine WhatsApp Nachricht, welche mich etwas emp\u00f6rt hatte. Ein Freund, den ich jetzt auch schon lange nicht mehr gesehen habe, meinte er w\u00fcrde n\u00e4chste Woche wieder in Basel arbeiten gehen. Er holte gerade Luft, um mich zu fragen, ob wir uns sehen k\u00f6nnten. Das wei\u00df ich, weil ich ihn gut kenne. Dann hielt er inne und meinte: \u201cAch so, du solltest ja noch ein bisschen vorsichtig sein.\u201d Ich dachte, ein bisschen? Danach erz\u00e4hlt er, er s\u00e4\u00dfe mit Freunden an einem Fluss. Im Hintergrund h\u00f6re ich einige Menschen sprechen, er z\u00e4hlt mir 4 bis 5 Namen auf und die Genannten rufen Gr\u00fc\u00dfe. Dazu muss man noch wissen, dass mein Freund bei seinen Eltern lebt und der Vater chronische Lungenprobleme hat, welche schon mehrmals zu notfallm\u00e4\u00dfiger Hospitalisation gef\u00fchrt haben. Was er genau hat, ist aber unklar. Ich war kurzfristig sehr ver\u00e4rgert. Klar mag ich ihn, aber sein Verhalten empfand ich jetzt doch als ziemlich ignorant. Dass er nur schon auf die Idee kommt, er k\u00f6nnte mich treffen, zeigt mir, wie wenig er den Ernst der Lage f\u00fcr Risikopersonen begriffen hat. Dass er sich mit Menschen trifft ist das eine, aber meine Situation sollte er auch gut genug kennen. Zudem finde ich es auch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig mit x Menschen herumzusitzen, wenn man im Haushalt mit einer Hochrisikoperson lebt und ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht, dass diese Freunde den Mindestabstand einhalten oder Hygienema\u00dfnahmen einhalten. Zudem war er seit Wochen nicht mehr arbeiten. Warum er jetzt wieder nach Basel zur Arbeit f\u00e4hrt, in einen Betrieb, welcher einem Altersheim angegliedert ist, verstehe ich auch nicht.<\/p>\n<p>Kurz danach schrieb mir ein anderer Freund auf Facebook. Er fragte mich unter anderem, ob ich immer noch bei meinen Eltern sei. Ich sagte ja. Er vergewisserte sich, dass ich aber meine Wohnung in Basel noch h\u00e4tte. Ich war etwas perplex. Das war nicht das erste Mal, dass mich jemand fragte, ob ich gleich ganz ausgezogen sei in Basel. Was soll das? Ich bin vor\u00fcbergehend bei meinen Eltern, weil ich in Basel sozial isoliert w\u00e4re und zu wenig Umfeld und Platz h\u00e4tte. Miete bezahle ich gleich viel, ob ich jetzt dort bin oder bei meinen Eltern. Und ich kenne andere junge Erwachsene, die ebenfalls vor\u00fcbergehend aus denselben Gr\u00fcnden wieder bei den Eltern sind. Warum also kommen einige auf die Idee, man sei gleich definitiv ausgezogen? Ich erkl\u00e4rte meinem Freund also nicht zum ersten Mal, warum ich bei meinen Eltern bin und dass ich wohl noch eine Weile hierbleiben werde, wenn selbst Hochschulen erst am 8. Juni \u00f6ffnen w\u00fcrden. Ich nahm die Hochschulen als Referenz, da er ebenfalls Student ist. Er meinte, man k\u00f6nne sich sicher auch schon vor Juni wieder treffen. Erneut verdrehte ich die Augen. Innerhalb weniger Stunden zwei Freunde, die mir signalisieren, es w\u00e4re bald an der Zeit uns wiederzusehen. Klar ist es sch\u00f6n zu wissen, dass man Freunde hat, welche einen gerne sehen m\u00f6chten. Aber ich sp\u00fcre gerade in diesen Tagen auch, wie der Druck auf mich als Risikoperson zunimmt, mich bald wieder mit Menschen zu treffen. Gerade mit Menschen aber, die bereits jetzt wieder anfangen, viele Menschen zu treffen, sollte ich den Kontakt noch etwas l\u00e4nger meiden. Das hei\u00dft also, die Freunde, die jetzt schon mit anderen am Fluss sitzen, die es jetzt schon kaum erwarten k\u00f6nnen, bis ich als Risikoperson, wieder mit auf ein Bier komme, genau die Freunde werde ich l\u00e4nger meiden, weil ich wei\u00df, dass sie eine eher lockere Sicht auf die aktuelle Lage haben und deshalb ihre Einschr\u00e4nkungen rascher lockern werden als andere. Ich frage mich auch, wie viele Risikopersonen den Bitten und dem (unabsichtlichen) Druck von Freunden oder Angeh\u00f6rigen nachgeben werden, beispielsweise auch Gro\u00dfeltern, deren Enkel wieder betreut werden m\u00fcssten, wenn die Kurzarbeit der Eltern endet. Oder die Frage, wie lange es dauern wird, bis ich mich als Risikoperson daf\u00fcr rechtfertigen muss, dass ich gewisse Personen, Situationen oder Orte noch meide.<\/p>\n<p>Der Rest des Abends verlief ruhig und wir gingen alle fr\u00fch schlafen. Ich hatte leichte Kopfschmerzen, was ich ab und zu habe, wenn ich ein wenig zu intensives R\u00fcckentraining gemacht habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 19. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen hatte ich immer noch Kopfschmerzen. Ich hasse es, wenn Kopfschmerzen \u00fcber Nacht nicht weggehen und insbesondere dann, wenn ich wei\u00df, dass sie vom Sport kommen. Da trainiert man voll motiviert (oder eben \u00fcbermotiviert) und kriegt davon solche Verspannungen. Das ist am Ende doch etwas frustrierend. Nachdem ich eine Stunde wach war, habe ich mich wieder f\u00fcr eine Stunde hingelegt. Interessanterweise wird es dann meistens besser. Essen hilft dann oft auch. Der Sonntagsbrunch schafft Abhilfe. Am Nachmittag wurden die Brownies gebacken. Hauptanlass war daraus ein Dankesch\u00f6n f\u00fcr die Nachbarn, welche f\u00fcr uns einkaufen zu machen. Wir mussten etwas grinsen, denn die Zutaten f\u00fcr die Brownies hatten uns diese Nachbarn gekauft und die Rechnung war noch nicht bezahlt, weil Wochenende ist. Die Baumn\u00fcsse stammten sogar von den Eltern der Nachbarin. Da bei ihnen aber niemand Baumn\u00fcsse einfach so isst, gab sie diese uns. Somit haben wir Brownies gebacken, deren Zutaten gr\u00f6\u00dftenteils noch den Nachbarn geh\u00f6rten, f\u00fcr welche die Brownies als Geschenk gedacht waren. Als die Brownies fertig waren, verpackten wir eine Portion und brachten sie den Nachbarn, die sich sehr dar\u00fcber freuten. Danach drehten wir eine Runde durchs Dorf. Auch mein Vater kam wieder einmal mit. Er ist selten f\u00fcr einen Spaziergang zu motivieren, also gehen wir erst recht, wenn er dazu bereit ist. Ganz so motiviert sind wir aber heute alle nicht, deshalb nur eine kleine Runde von etwa 40 Minuten. Die Sonne scheint nicht, weshalb es nicht zu hei\u00df ist und trotzdem war die Luft unangenehm feucht.<\/p>\n<p>Nachdem wir wieder Zuhause waren, schnappte ich mir einen Eiskaffee und einen frischen Brownie und zoomte mit meiner Freundin von der Uni. Wir telefonierten etwa eine Stunde. Es gab wieder mehr zu erz\u00e4hlen, vielleicht auch deshalb, weil wir uns diese Woche nicht so viel geschrieben haben. Beide hatten auch ihre Corona-Stories zu erz\u00e4hlen. Wir halten uns beide eher strikt an die Ma\u00dfnahmen und erleben deshalb auch oft Situationen in welchen man sich, deutlich gesagt, ziemlich verarscht f\u00fchlt, wenn andere die Ma\u00dfnahmen nicht beachten. Sie hat eine Wohnung angegliedert an ein Blindenheim, welches auch viele \u00e4ltere Bewohner beherbergt. Dort wird sehr uneinheitlich mit den Ma\u00dfnahmen umgegangen. Gewisse Bewohner weigern sich die H\u00e4nde zu desinfizieren und gehen als Risikopersonen noch selbst einkaufen. Ausw\u00e4rtige kommen zum Mittagessen in die Kantine, in welcher Abst\u00e4nde nicht eingehalten werden k\u00f6nnen. \u00dcber einen Corona-Fall unter den Angestellten wurden nicht alle informiert, so dass nicht sichergestellt werden konnte, ob alle Personen mit Kontakt in Quarant\u00e4ne gingen. Die hausinterne Werkstatt blieb auch f\u00fcr externe Angestellte offen und so weiter. Meine Freundin hingegen, die ihren Freund besuchen will, m\u00fcsste bei R\u00fcckkehr 10 Tage in Quarant\u00e4ne. Sie hat nun aber beschlossen, dies bestimmt nicht zu tun und so oder so zum Freund zu fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 20. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hat mein Vater Geburtstag. Morgens lagen f\u00fcr ihn zwei Geschenke bereit, welche ich und meine Mutter am Vorabend gepackt haben. Dazu stellten wir den verbliebenen Blumenstrau\u00df vom Geburtstag meiner Mutter. Ein anderer war nun einmal nicht da. Von meiner Mutter erhielt er Gutscheine f\u00fcr eine Schifffahrt auf dem See. Meine Mutter wollte damit auch die derzeit stillgelegte Schifffahrt unterst\u00fctzen. Sie hatte Gl\u00fcck, denn meinem Vater, der \u00fcblicherweise die Post im Briefkasten holt, fiel der Umschlag der Schifffahrtsgesellschaft nicht auf. Ich schenkte ihm zwei Tafeln Marzipanschokolade, welche meine Mutter von der Nachbarin hat kaufen lassen. Eigentlich wollte ich ihm, wie meiner Mutter, einen Gutschein f\u00fcr das Tropenhaus schenken. Die bestellten Gutscheine sind jedoch bis Dato nicht eingetroffen.<\/p>\n<p>Morgens hatte ich wieder mein Seminar per Zoom. Die Verbindung war heute nicht so gut. Die Kamerabilder froren st\u00e4ndig ein, was etwas lustig aussah teilweise, wenn Personen sich gerade bewegten oder sprachen, als das Bild stehen blieb. Auch unsere Dozentin war zwischendurch etwas verunsichert, da sie nicht wusste, ob wir noch zuh\u00f6ren w\u00fcrden. Sie hatte auch beschlossen, ihre Pr\u00e4sentation nicht mit uns zu teilen, sondern sie im Nachhinein auf die universit\u00e4re Plattform hochzuladen. Sie wollte lieber uns w\u00e4hrend der Diskussion sehen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag widmete ich viel Zeit einem Computerspiel, welches ich wieder hervorgekramt habe und schon lange wieder einmal spielen wollte. Dar\u00fcber verga\u00df ich v\u00f6llig die Zeit. Zwischendurch war ein Workout angesagt. Von einer Freundin habe ich erfahren, dass der Uni Sport angefangen hat, jede Woche zwei Trainingsstunden aus verschiedenen Fitnessbereichen hochzuladen. Heute war f\u00fcr mich Fitness Dance angesagt. Ich mag es, Fitness\u00fcbungen im Rhythmus zu Musik zu machen. Das f\u00e4llt viel leichter, als einfach vor sich hin zu trainieren und dann doch drei Wiederholungen fr\u00fcher aufzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das geht bei einem 4\/4-Takt schlechter. Ich war sehr motiviert und das Workout verging wie im Flug. Allerdings hatte ich zwei Probleme. Aufgrund meiner Sehbehinderung kann ich nur auf eine Gliedma\u00dfe fokussieren. Um den Bewegungen zu folgen, m\u00fcsste ich mir das Video wohl etwa zehn Mal anschauen und daher fehlte mir schlicht das Feedback und die Korrekturen des Trainers. Zus\u00e4tzlich stellte ich fest, dass unser Fernsehzimmer absolut zu klein ist f\u00fcr Tanzworkouts. Weil ich nicht sehe, wo die n\u00e4chsten Gegenst\u00e4nde sind, bewege ich mich z\u00f6gerlich und f\u00fchre die \u00dcbungen nicht schwungvoll und gestreckt aus. Ich trat bei einem Ausfallschritt sogar so hart auf den Fu\u00df eines Hockers, dass ich den Rest des Tages rumgehumpelt bin. Aber Spa\u00df hatte ich dabei trotzdem und kaputt war ich danach auch.<\/p>\n<p>Da mein Vater Geburtstag hatte, klingelte den ganzen Tag \u00fcber immer wieder das Telefon und eine Nachbarin unterhielt sich vor dem Balkon kurz mit uns und brachte zwei Flaschen Wein vorbei. Mein Vater erh\u00e4lt auch sonst nicht viel Besuch an seinem Geburtstag, aber auch bei ihm hatte ich das Gef\u00fchl, dass mehr Menschen gratulierten und zeigten, dass sie an ihn dachten. Wie bereits bei mir und meiner Mutter in den letzten Monaten. Viel gew\u00fcnscht hatte mein Vater sich nicht f\u00fcr heute. Es gab mittags bereits einen Ap\u00e9ro (mit den Resten einer Pizza) und ein Glas Wein zum Essen. Das Abendessen durfte er sich w\u00fcnschen von meiner Mutter. Er entschied sich bescheiden f\u00fcr eine Fr\u00fcchtew\u00e4he. Abends vor dem Fernseher schauten wir eine Gesundheitssendung, w\u00e4hrend ich Spanischhausaufgaben machte. Ich hatte angefangen diese Hausaufgaben abends vor dem Fernseher zu machen, weil ich mich nicht gerne in mein Zimmer zur\u00fcckziehe, w\u00e4hrend meine Eltern, meistens meine Mutter, auf dem Sofa sitzen. Das gemeinsame TV schauen, hat einen gewissen Ritualcharakter erhalten. Genauso, wie dass wir beide mit einem Zweitger\u00e4t davorsitzen und es eigentlich sekund\u00e4r ist, was im TV gezeigt wird. Sie spielt meistens am Tablet und ich erledige \u201cleichte\u201d Aufgaben wie Spanisch oder das Schreiben dieses Tagebuches.<\/p>\n<p>Die Gesundheitssendung Puls des SRF war jedoch sehr spannend. Es ging um die Frage, ob Gesichtsmasken nun wirksam seien oder nicht. Denn w\u00e4hrend rund um die Schweiz Masken f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung Pflicht werden, sind sie in der Schweiz weiterhin Angestellten mit engem Personenkontakt vorbehalten. Der Bund meint weiterhin, die Masken breit einzusetzen, w\u00fcrde nicht helfen. Zunehmend w\u00e4chst aber der Verdacht, dies habe damit zu tun, dass es einfach nicht gen\u00fcgend Masken gibt momentan, um alle versorgen zu k\u00f6nnen. So lese ich aus den Diskussionen und kontr\u00e4ren Meinungen in Puls, dass es zwar keine Evidenz und Beweise gibt f\u00fcr einen gro\u00dfen Nutzen der Masken, dass der Aufwand aber auch relativ gering ist. Nach dem Motto nutzt es nichts, so schadet es auch nicht. Gerade f\u00fcr mich als Risikoperson ist es deshalb eine \u00dcberlegung wert eine Maske zu tragen, wenn ich in der Zukunft das Haus wieder vermehrt verlassen werde. Meine Mutter, welche sehr gerne n\u00e4ht, denkt schon seit einigen Tagen dar\u00fcber nach, selbst Masken zu n\u00e4hen. Ich f\u00e4nde das eine gute Idee. Denn diese w\u00e4ren waschbar und wiederverwendbar und wenn schon die M\u00f6glichkeit besteht, dass ich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit werde eine Maske tragen m\u00fcssen, warum dann nicht gleich eine personalisierte, die mir auch gef\u00e4llt. Gesichtsmasken als neuer Modetrend? Warum nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 21. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen hatten wir nochmals ein Zoom-Meeting f\u00fcr unsere Mini-Forschung im Seminar. F\u00fcr uns alle war das eine spezielle Situation, denn wir konnten nun nur online forschen oder allenfalls Interviews per Videocall durchf\u00fchren. Ich hatte mich f\u00fcr das Analysieren einer Institution anhand deren Webauftritt entschieden. Auch die Pr\u00e4sentation der Ergebnisse w\u00fcrde anders ablaufen. Geplant waren Poster und nun mussten wir diese online in Zoom pr\u00e4sentieren. Dass es in PowerPoint M\u00f6glichkeiten gibt, Poster zu erstellen war mir neu und so werde ich wohl wieder aus der Not etwas Neues lernen.<\/p>\n<p>Der eine aus unserer kleinen Diskussionsgruppe wusste wohl noch nicht so recht, was er erforschen wollte und die Dozentin war lange mit ihm besch\u00e4ftigt. Ich langweilte mich ziemlich und begann nebenbei ein Computerspiel zu spielen. Das geht im Pr\u00e4senzunterricht nicht. Obwohl ich dort ebenfalls den Laptop benutze und in der hintersten Reihe auch spielen k\u00f6nnte. Aber da ist die Hemmung zu gro\u00df und man w\u00fcrde es wohl auch meinem Verhalten anmerken, dass ich abwesend w\u00e4re oder etwas anderes herumklicken w\u00fcrde. Im virtuellen Raum f\u00e4llt es viel weniger auf und keiner kann meinen Bildschirm sehen oder meine Hand, die auf dem Touchscreen herumf\u00e4hrt. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen dabei und empfinde dies als Schummeln. Gleichzeitig habe ich das Gef\u00fchl, dem Gespr\u00e4ch, was mich nur am Rande betrifft, gut genug folgen zu k\u00f6nnen, um jederzeit wieder die volle Aufmerksamkeit auf Zoom richten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nachmittags hatte ich ein l\u00e4ngeres Telefongespr\u00e4ch betreffend meiner Jugendgruppe und einigen Projekten, die geplant werden m\u00fcssen. Dann hie\u00df es wieder 20 Minuten Home Trainer und 20 Minuten TV-Workout des Tele Basel. Heute war ich jedoch wieder weniger fit. Ich beendete viele \u00dcbungen etwas fr\u00fcher und schwitzte trotzdem wie ein Wasserfall. Als ich und meine Mutter die publizierten Corona Statistiken auf der Website des SRF (<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen\">https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen<\/a>) betrachteten, waren wir sehr erfreut zu sehen, dass die Ansteckungszahlen weiter zur\u00fcckgingen. Interessanterweise gingen die Ansteckungen in plateauartigen Schritten zur\u00fcck. Erst waren sie \u00fcber mehrere Wochen bei ungef\u00e4hr 1000 Ansteckungen pro Tag, dann eine Woche lang 700 und letzte Woche 300. Diese Woche fing nun an mit 100 Ansteckungen pro Tag, was hoffen l\u00e4sst. Die Regierung meinte, bei ungef\u00e4hr 100 Ansteckungen pro Tag, k\u00f6nne man wieder mit dem Tracing der Ansteckungswege beginnen. Ich bin gespannt, ob wir bald etwas dar\u00fcber h\u00f6ren werden in den Medien. Dies war am Abend in den Nachrichten aber nicht der Fall. Aufgefallen ist mir lediglich, dass Corona erneut weniger ein Thema war. Oft gab es nun zu Beginn Meldungen zum Stand der Pandemie, dann ein Bericht \u00fcber eine sekund\u00e4re Folge, wie beispielsweise ein leidender Wirtschaftszweig und anschlie\u00dfend weitere Meldungen des Weltgeschehens, welche in den letzten Wochen stark verdr\u00e4ngt wurden durch die Corona-Krise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 22. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hatten ich und meine Mutter einen besonderen Ausflug vor. Weil wir nicht selbst einkaufen gehen und oft Zuhause sind und Ap\u00e9ros geniessen k\u00f6nnen, sind uns die salzigen und auch die s\u00fc\u00dfen Knabbereien ausgegangen. Deshalb beschlossen wir gestern, dass wir heute ins Emmental zum Kambly-Fabrikladen fahren. Normalerweise ist dieser Laden eine Attraktion, weil man alle angebotenen Kekse, Cracker und Salzgeb\u00e4cke probieren kann. Zwar kann man wegen Corona nun nichts probieren, der Laden ist aber trotzdem ge\u00f6ffnet. Wir dachten uns, dass es deshalb momentan wohl nur wenige Menschen dort haben wird. Zudem ist das Emmental sehr sch\u00f6n und etwas abgelegen. Keine Menschenstr\u00f6me und trotzdem eine sch\u00f6ne Strecke zu fahren. Zus\u00e4tzlich machten wir uns morgens auf den Weg, da wir davon ausgingen, dass es nachmittags mehr Kunden geben wird. Die Fahrt war sehr angenehm. Das Wetter sch\u00f6n, wenig Stra\u00dfenverkehr und einen sch\u00f6nen Ausblick auf Wiesen, W\u00e4lder, kleine D\u00f6rfer und Bauernh\u00f6fe. Im Fabrikladen w\u00e4ren 60 Personen erlaubt gewesen. Anwesend waren etwa f\u00fcnf, weswegen wir wirklich sorglos unsere Kekse und Knabbersachen aussuchen konnten. Von der Seite h\u00f6rte ich mit, wie eine Kundin fragte, ob sie auch Kaffee zum Mitnehmen h\u00e4tten. Normalerweise geh\u00f6rt zum Betrieb auch ein Caf\u00e9, welches nun aber leerger\u00e4umt ist. Die Kassiererin verneinte. Sie w\u00fcrden wohl pro Tag dann etwa drei Kaffees verkaufen und weil sie an der Kasse sei, m\u00fcssten sie daf\u00fcr eine zweite Person im Gesch\u00e4ft haben. Das w\u00fcrde sich finanziell und vom Aufwand her nicht lohnen. Nach unserem Einkauf \u00f6ffneten meine Mutter und ich im Auto gleich eine Packung Olivengeb\u00e4ck. Wir hatten etwas Hunger und man muss sich ja etwas g\u00f6nnen in dieser Zeit. Dann fuhren wir wieder zur\u00fcck nach Hause, entschieden uns aber f\u00fcr einen anderen Weg \u00fcber einen H\u00fcgelpass, dessen Stra\u00dfe noch ge\u00f6ffnet ist. Viele Passstra\u00dfen, auch diejenigen \u00fcber kleinere H\u00fcgel, sind gesperrt, da man Menschenansammlungen an Ausflugszielen vermeiden will und die Motorradfahrer abgehalten werden sollen. Diese haben n\u00e4mlich die Anweisung ihre Maschinen in der Garage zu lassen, denn Motorradfahren gilt als Aktivit\u00e4t mit hohem Unfallrisiko und das Gesundheitssystem sollte zurzeit geschont werden, wo immer m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Nachmittags gingen wir wieder spazieren. Wir w\u00e4hlten dieses Mal eine Route dem Waldrand entlang, welchen wir bisher gemieden haben. Da nun aber die schrittweise \u00d6ffnung kommt, besch\u00e4ftigt sich gerade meine Mutter oft mit dem Gedanken, sich langsam wieder an Menschenkontakt gew\u00f6hnen zu m\u00fcssen. Sie hat auch vor, ab n\u00e4chster Woche wieder selbst einkaufen zu gehen. Auch ihre Freundin macht sich viele Gedanken. Sie geh\u00f6rt eher zu den \u00dcbervorsichtigen und wird ab dem 11. Mai wieder in einem kleinen Gesch\u00e4ft arbeiten gehen. Also war der Gedanke, der Waldrand mit etwas mehr Menschen, aber immer noch auf dem Land, w\u00e4re ein gutes Versuchsobjekt. Es waren tats\u00e4chlich auch deutlich mehr Menschen dort als ansonsten im Wald. Dieser Weg ist sehr beliebt bei Menschen mit Hunden, da er zwischen zwei gro\u00dfen Parkpl\u00e4tzen liegt. Insbesondere Fahrr\u00e4der waren auch zahlreich unterwegs. Diese sind sowieso in deutlich gr\u00f6\u00dferer Zahl anzutreffen seit der Corona-Krise. Meine Mutter emp\u00f6rt sich ein bisschen \u00fcber die vielen E-Bikes. Diese stellten bereits zuvor ein gr\u00f6\u00dferes Risiko dar und nun gibt es wohl noch mehr untrainierte Menschen, welche sich ein E-Bike anschaffen, um sich w\u00e4hrend der Krise bewegen zu k\u00f6nnen, ohne jedoch viel Fahrraderfahrung zu haben. Im Verlauf des Spaziergangs treffen wir dann prompt auf eine Bekannte aus dem Dorf, welche mit dem E-Bike unterwegs ist. Sie f\u00e4hrt in eine nahe gelegene Ortschaft, um bei einem Bauern Spargel zu holen. Sie arbeitet als Pflegefachfrau im Kantonsspital und erz\u00e4hlte uns von ihrer Arbeit auf der Palliativstation. Weil ganze f\u00fcnf Stockwerke vorsorglich f\u00fcr Covid19 Patienten ger\u00e4umt wurden, h\u00e4tten die anderen Abteilungen auf die H\u00e4lfte des Platzes zusammenr\u00fccken m\u00fcssen. Zudem werden momentan nur noch absolut n\u00f6tige Hospitalisationen vorgenommen. Dies hat zur Folge, dass auf ihrer Station quasi eine eins zu eins Betreuung herrscht. Allerdings seien fast alles Zivildienstleistende, Hilfskr\u00e4fte und Lernende, welche momentan keine Schule haben und lediglich zwei diplomierte Pflegefachpersonen (mindestens H\u00f6here Fachschule) auf 20 Fachangestellte Gesundheit und Hilfskr\u00e4fte, wodurch die diplomierten nur am Rennen seien. Sie findet, es sei wichtig gewesen Betten frei zu machen, aber der Kanton h\u00e4tte v\u00f6llig \u00fcbertrieben. Es gibt schlie\u00dflich im Kanton Luzern noch ein weiteres provisorisch eingerichtetes Notspital, welches nicht ben\u00f6tigt wurde. Meine Mutter hielt dagegen, besser so als zu wenig Betten. Darauf lenkt unsere Bekannte etwas ein und erz\u00e4hlt stattdessen von den Minus-Stunden. Da es weniger Patienten zu betreuen gibt, aber mehr helfende H\u00e4nde, w\u00fcrden Angestellte regelm\u00e4\u00dfig fr\u00fcher nach Hause geschickt. Man wisse eigentlich nie, wann man arbeiten gehen m\u00fcsse. Manchmal geht man und kann mittags nach Hause. Manchmal hat man frei und wird angerufen, man werde gebraucht. Alle h\u00e4tten jedoch nicht nur ihre ganzen \u00dcberstunden bereits aufgebraucht, sondern bereits mindestens eine Woche Minus-Stunden. Unsere Bekannte meinte, ihr w\u00fcrde das nichts ausmachen und sie w\u00fcrde auch fr\u00fcher nach Hause gehen, wenn sie sieht, dass keine Arbeit mehr da ist. Sie ist jedoch genervt ab dem Gejammer vieler ihrer Kollegen und Kolleginnen \u00fcber die Minus-Stunden. Diese sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie dies kompensiert werden soll. Unsere Bekannte meint, niemand erwartet, dass man danach 200 % arbeitet, um die Stunden aufzuarbeiten. Sie glaubt, dies w\u00fcrde im Nachhinein \u00fcber die Kurzarbeit abgerechnet werden. Ich glaube das eher nicht, denn die Angestellten erhalten momentan ihren vollen Lohn und man wird ihnen danach wohl kaum wieder 20 % davon abziehen, weil man in Kurzarbeit nur 80 % des Lohnes erh\u00e4lt. Meiner Meinung nach werden diese Stunden irgendwie abgeschrieben und das Krankenhaus muss dann schauen, ob sie vielleicht den Schaden von Bund oder Kanton erstattet bekommen. Jedenfalls seien diese Sorgen unbegr\u00fcndet und die Bekannte findet, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen m\u00fcssten alle froh sein, dass sie \u00fcberhaupt noch arbeiten gehen k\u00f6nnen und den gleichen Lohn wie immer sicher auf ihrem Konto haben.<\/p>\n<p>Nach unserem Spaziergang lud meine Mutter ihre Freundin noch auf ein k\u00fchles Getr\u00e4nk in unseren Garten ein. Mit gen\u00fcgend Sicherheitsabstand nat\u00fcrlich. Wir waren jedoch alle der Ansicht, dass von uns wohl niemand ansteckend sei, da wir uns alle so stark einschr\u00e4nken. Trotzdem ist es gut den Abstand einzuhalten, allein schon daher, damit es Gewohnheit bleibt und man sich bei anderen Menschen dann automatisch auch daran h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 23. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war ein sehr ruhiger Tag. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Arbeiten f\u00fcr die Uni. Am Nachmittag verlegte ich f\u00fcr einmal mein Sportprogramm nach drau\u00dfen. Es war nicht ganz einfach in unserem Garten eine Stelle zu finden, wo ich meine Matte ausbreiten konnte und ich etwas gesch\u00fctzt war von den Blicken der Nachbarn und Spazierg\u00e4ngerinnen. Ein Grund warum ich heute nicht vor dem Fernseher, sondern im Garten trainieren wollte, war weil ich \u00fcber eine WhatsApp Gruppe f\u00fcr Menschen mit Seheinschr\u00e4nkungen ein 50 min\u00fctiges Pilates-Workout bekommen habe. Eine Trainerin spricht die Bewegungen so auf, dass sie auch ohne Bild nachvollzogen werden k\u00f6nnen, denn f\u00fcr Menschen mit starken Sehbehinderungen sind Videoworkouts oft unzug\u00e4nglich, wenn man die Bewegungen nicht sehen kann. Gro\u00df ins Schwitzen kam ich dabei h\u00f6chstens, weil ich an der Sonne trainierte, was aber sehr angenehm war. Ich bevorzuge eher Workouts, welche etwas pushen und nicht auf Entspannung machen. Die Pilates\u00fcbungen, welche viel mit K\u00f6rperspannung halten zu tun haben, sind sicher sehr effektiv, allerdings geh\u00f6re ich zu den Menschen, die immer gleich wieder vergessen, dass die Spannung bewusst aufrecht gehalten werden sollte. W\u00e4hrend ich trainierte, kam die Nachbarin vorbei und brachte die Eink\u00e4ufe. Sie unterhielt sich eine Weile mit meiner Mutter und sie sprachen auch \u00fcber die Pferde. Ich gehe manchmal mit dieser Nachbarin reiten. Im Dorf gibt es einen Bauernhof mit Haflingerpferden, welche man unkompliziert und spontan f\u00fcr einen Ausritt im Wald mieten kann. Zurzeit gehe ich nicht mehr reiten, da sich auf dem Hof immer viele verschiedene Menschen aufhalten und es etwas eng ist. Zudem fassen verschiedenste Personen Sattelzeug, Putzsachen usw. an und den Abstand zu meiner Nachbarin einzuhalten w\u00e4re auch schwierig, da sie mir aufgrund meiner Sehbehinderung beispielsweise das Pferd z\u00e4umt. Ich vermisse das Reiten sehr und momentan noch mehr, weil es ein kleines zutrauliches Fohlen im Stall gibt. Vielleicht gibt es in den n\u00e4chsten Wochen einmal die M\u00f6glichkeit, einfach ein bisschen Pferde putzen zu gehen, wenn gerade nicht viele Menschen im Stall sind.<\/p>\n<p>Abends hatte ich wieder Spanischunterricht. Mittlerweile sind wir ziemlich eingespielt, aber es gibt auch immer wieder kleinere Probleme. Einer aus der Gruppe war heute kaum zu verstehen, weil seine Verbindung so schlecht war, daher war er sehr passiv. Eine andere hatte ihr Arbeitsbuch nicht zur Hand, weshalb unsere Lehrerin jeweils das PDF des Buches auf ihrem Bildschirm teilen musste und es dann doch fast zu klein war, um zu lesen. Abends schauten wir eine spannende Doku namens \u201cIm Banne von Covid-19 \u2013 Die Schweiz im Ausnahmezustand\u201d (<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/dok\/video\/im-banne-von-covid-19---die-schweiz-im-ausnahmezustand?id=baf8d546-babc-4a10-b795-54f90dcd1ed8\">https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/dok\/video\/im-banne-von-covid-19&#8212;die-schweiz-im-ausnahmezustand?id=baf8d546-babc-4a10-b795-54f90dcd1ed8<\/a>). Die Doku zeigt die Krise aus verschiedenen Perspektiven entlang den Erlebnissen verschiedener Protagonisten. Von der Restaurantbesitzerin, \u00fcber den Arzt auf der Intensivstation bis zum Unternehmer, welcher pl\u00f6tzlich statt Kaffeemaschinen Beatmungsger\u00e4te herstellen soll. Die Doku war spannend, weil sie die Protagonisten von einer sehr menschlichen Seite zeigte, selbst den nationalen Corona-Krisenmanager. Sie fokussierte eher auf pers\u00f6nliche Konflikte, Gef\u00fchle und Pl\u00e4ne und zeigt, wie die Menschen versuchen L\u00f6sungen zu finden. Damit wirkt die Doku positiver als die \u00fcblichen Berichte \u00fcber Gesch\u00e4fte, die geschlossen bleiben m\u00fcssen, das Sterben auf den Intensivstationen und die vereinsamenden Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 24. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen machte ich mich auf die Suche nach Hygienemasken. Diese wurden nun von den Beh\u00f6rden im \u00f6ffentlichen Raum empfohlen, insbesondere in Gesch\u00e4ften und Betrieben, in welchen der Sicherheitsabstand nicht gew\u00e4hrleistet werden kann. Da ab n\u00e4chsten Montag auch einige Gesch\u00e4fte wieder \u00f6ffnen und meine Mutter beschlossen hat, wieder selbst einkaufen zu gehen, wollten wir uns Masken besorgen. Bei einer Online-Apotheke waren 50er Packungen im Sortiment, jedoch schien die Apotheke momentan generell Lieferverz\u00f6gerungen zu haben. Also rief ich bei der Apotheke im Nachbardorf an, bei welcher die junge Frau arbeitet, welche mir auch schon Medikamente nach Hause gebracht hatte. Ich konnte bei ihr eine 50er Packung Masken bestellen, die sogar g\u00fcnstiger war als diejenige in der Online-Apotheke. Ich bezahlte sogleich per TWINT und sie versprach, ich h\u00e4tte die Packung heute oder morgen im Briefkasten. Meine Mutter hatte gestern begonnen, selbst Masken zu n\u00e4hen. Es war gar nicht so einfach herauszufinden, welche Anleitungen etwas taugten. Baumwollstoff, das war klar. Stoffreste gibt es in unserem Haushalt genug. Somit k\u00f6nnen sogar alle noch ihren Favorit f\u00fcr die eigene Maske w\u00e4hlen. Doch welche Form sitzt wohl besser, die runde oder die mit den F\u00e4ltchen? Meine Mutter beschloss beide Formen zu n\u00e4hen. Welche wird weniger eng sitzen? Mit welcher kann man besser atmen? Und da wir alle Brillentr\u00e4ger sind, mit welcher beschl\u00e4gt die Brille nicht? Dann braucht es eine Filtereinlage und wenn ja, welches Material? Staubsaugerfilter d\u00fcrfen nicht benutzt werden aufgrund der enthaltenen Schadstoffe. Krepppapier wird auch oft erw\u00e4hnt. Wir konnten uns das schlecht vorstellen und es erwies sich auch nicht als praktisch. Denn da man die Maske t\u00e4glich hei\u00df waschen muss, m\u00fcsste man es jeden Tag herausnehmen und wieder einf\u00e4deln. Und es l\u00e4sst sich schlecht verarbeiten. Schlussendlich w\u00e4hlte meine Mutter ein Flies, welches sie einn\u00e4hte. Zum heutige Spaziergang brachte sie dann unserer Freundin die erste bunte F\u00e4ltchen-Maske mit Fliesfilter mit. Die Freundin fand sie gro\u00dfartig, bis nach drei Sekunden die Brille komplett beschlagen war. Sie meinte, sie sei trotzdem sehr sch\u00f6n und es sei auch kein Problem im \u00d6V oder beim Einkaufen die Brille auszuziehen. Mir und meiner Mutter fiel davor noch auf, dass sie sie nicht ganz korrekt angezogen hatte und einige Anweisungen brauchte. Sie zog die F\u00e4ltchen nicht auseinander bis unter das Kinn und hatte die Brille unter der Maske und den Draht nicht angepasst. Generell bin ich immer wieder entsetzt, wie viele Menschen man sieht, welche die Maske nicht nur falsch anziehen, sondern auch falsch im Gesicht haben. Selbst in den Nachrichten werden Menschen in Interviews gezeigt, welche die Maske unterhalb der Nase tragen. Ich frage mich immer, wie das kommt, denn man sieht doch momentan genug Bilder von Gesundheitspersonal, welches die Maske richtig, insbesondere \u00fcber der Nase tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dann machten wir uns auf unseren Spaziergang. Wir w\u00e4hlten eine Runde ums Dorf. Denn es war bereits um 9:30 Uhr sehr warm, weshalb wir eine eher flache Route gehen wollten. Also nicht den H\u00fcgel hoch oder in den Wald hinunter. Als wir auf dem Heimweg waren, meinte unsere Freundin, sie w\u00fcrde noch eine weitere Runde drehen. Wir waren etwas \u00fcberrascht, da wir bereits eine Stunde unterwegs waren und unsere Freundin auch nicht gerade die sportlichste ist. Anscheinend zeigten die h\u00e4ufigen Spazierg\u00e4nge bereits einen Effekt auf die Fitness. Zudem wohnte sie allein und war in Kurzarbeit. Wenn ich allein leben w\u00fcrde und Zuhause keine Arbeit auf mich wartete, w\u00fcrde ich wohl auch l\u00e4nger drau\u00dfen bleiben wollen.<\/p>\n<p>Das Mittagessen hatten wir heute wieder bei einem Restaurant bestellt, welches aufgrund der Krise nicht er\u00f6ffnen konnte. Meine Mutter ging das Essen holen und wir genossen wieder ein gro\u00dfartiges Men\u00fc, welches offensichtlich mit viel Kreativit\u00e4t und Freude zubereitet wurde. Es bereitet mir viel Freude zu sehen, wie der Koch sich bem\u00fcht und anscheinend auch den Spa\u00df an seiner Arbeit nicht verloren hat trotz der schwierigen Situation.<\/p>\n<p>Am Nachmittag ging meine Mutter nochmals K\u00e4se und Gem\u00fcse holen. Sie bestellte diese regelm\u00e4\u00dfig bei einem Bauernhof und einer K\u00e4serei, welche momentan nicht zum Markt fahren k\u00f6nnen und kurzerhand einen Onlineshop aufgebaut haben. Zwei Tage nach Bestellung kann man den Korb mit den bestellten Sachen in einer Lagerhalle in der \u00f6rtlichen G\u00e4rtnerei abholen. Der Service funktioniert gut, aber manchmal sind nicht genau die bestellten Sachen drin. Ein anderer Salat als bestellt, rote statt wei\u00dfe rote Bete. Meine Mutter meinte, sie w\u00fcrden sich wohl erlauben etwas zu variieren, je nachdem was aus eigener Produktion vorhanden war und was extern eingekauft werden m\u00fcsste. Am fr\u00fchen Abend genossen wir im Garten wieder einen Ap\u00e9ro mit den frisch gekauften Knabbereien, welche wir im Emmental geholt hatten. Danach hatte ich einen sehr langen Conference Call. Da das internationale Jugendprogramm einer Selbsthilfeorganisation im Juni in Island abgesagt wurde, beschlossen wir eine virtuelle Jugendkonferenz zu organisieren. Dies erfordert nun einiges an Arbeit. Das Zoom Gespr\u00e4ch war inhaltlich gut, aber technisch etwas schwierig. Eine Teilnehmerin konnten wir nicht h\u00f6ren. Da nur vier Leute anwesend waren, beschlossen wir, zu WhatsApp zu wechseln. Als eine f\u00fcnfte Person dazu sto\u00dfen wollte, konnten wir sie nicht dem Gespr\u00e4ch hinzuf\u00fcgen. Also wechselten wir wieder zu Zoom. Nun konnten wir alle Teilnehmenden h\u00f6ren, f\u00fcr kurze Zeit. Dann hatte ein anderer Teilnehmer Mikrofonprobleme. Er h\u00f6rte uns schrieb aber im Chat, da manche den Chat nicht lesen k\u00f6nnen, musste ich gleichzeitig zuh\u00f6ren und den Chat im Auge behalten. Nach 40 Minuten wurde das Gespr\u00e4ch automatisch beendet, da Zoom free bei Conference Calls auf 40 Minuten limitiert war. Das l\u00e4sst sich aber erstaunlich einfach umgehen, indem der Host einfach ein neues Meeting erstellt. Nach dem Gespr\u00e4ch entdeckte ich einen verpassten Anruf der Apothekerin und im Briefkasten fand ich die Packung Hygienemasken. Nun waren wir vorerst ausger\u00fcstet f\u00fcr die Lockerung der Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 25. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute standen bei mir die W\u00e4sche und Recherchen f\u00fcr die Freiwilligenarbeit im Zentrum. Es ist etwas ungewohnt f\u00fcr mich, nun nicht meinen fixen Waschtag zu haben wie bei mir Zuhause. Anfangs wollte ich hier auch immer montags waschen, bis ich gemerkt habe, dass meine Mutter sich nicht an bestimmten Tagen orientiert. Seither schiebe ich die W\u00e4sche aber auch hinaus und mache sie nicht mehr konsequent montags. Also ist es heute endg\u00fcltig f\u00e4llig. Am Morgen spiele ich etwas am Computer, dann der Brunch, W\u00e4sche, Recherche, alles relativ ruhig und erstaunlich produktiv.<\/p>\n<p>Auch das Sportprogramm, wieder einmal 20 Minuten Home Trainer und wieder einmal ein 20 min\u00fctiges Workout von SRF, welches extra gemeinsam mit Profisportlern in der Isolation Fitnessvideos erstellt hat. Oft sind diese zu streng oder ben\u00f6tigen viele Hilfsmittel. Heute hatte ich wieder einmal eines gefunden ohne Equipment. Danach wieder einmal eine Dusche und einen Eiskaffee mit H\u00f6rbuch auf der Terrasse. Solche Zeiten zum Auspannen g\u00f6nne ich mir zwar sonst auch, aber immer mit einem gr\u00f6\u00dferen schlechteren Gewissen als jetzt. Man k\u00f6nnte in der Zeit auch produktiv sein, die mentale Liste im Kopf der heutigen Aufgaben weiter abarbeiten. Diese Liste, welche abends sowieso nie komplett abgearbeitet ist. Momentan ist dieser Druck geringer. Das meisste was heute nicht erledigt wurde, kann auch morgen noch gemacht werden und wenn man am Wochenende schon keine Ausfl\u00fcge machen sollte, dann g\u00f6nnt man sich die Auszeit im Garten umso mehr. W\u00e4hrenddessen verfolge ich von der Seite ein bisschen mit, wie meine Mutter mit ihren Freundinnen skyped. Viele der Frauen hatten Skype noch nicht installiert, weshalb dieses Gespr\u00e4ch einige Vorarbeit ben\u00f6tigte und alle waren sehr erfreut und etwas aufgedreht, als es nun endlich funktioniert hat. Eine der Freundinnen hatte gro\u00dfe Probleme mit ihrem Computer und musste sich erst noch Hilfe holen, bevor sie dazu sto\u00dfen konnte. Man konnte sp\u00fcren, wie schlimm das war, denn gerade f\u00fcr sie als Alleinlebende war dieses Gespr\u00e4ch sehr wichtig. Ich h\u00f6rte, wie es sehr oft darum ging, wer nun was sah auf seinem Bildschirm. Nicht nur die Software, sondern auch Video-Konferenzen sind f\u00fcr viele relativ neu und niemand hatte zuvor oder w\u00e4hrend dem Gespr\u00e4ch wirklich die Kapazit\u00e4t, sich mit den Optionen zu befassen. Mir f\u00e4llt auf, dass es ihnen sehr wichtig war, dass alle ein gutes Bild von einander hatten, w\u00e4hrend das bei uns im Unterricht oder in Gespr\u00e4chen mit Freunden schon wieder weniger wichtig wird. Es ist auch okay, wenn man die Kamera gar nicht an macht. Zudem sprechen viele auch noch relativ laut, was eigentlich nicht n\u00f6tig ist, aber man kennt das von Mobiltelefonnutzern, welche ihr Ger\u00e4t noch nicht lange nutzen.<\/p>\n<p>Corona war heute tats\u00e4chlich kein grosses Thema. Auch in den Nachrichten am Abend, waren eher wieder indirekte Konsequenzen das Thema. Einzig die Gesch\u00e4fte wurden portraitiert, wie sie sich vorbereiten auf einen potenziellen Ansturm am Montag, wenn beispielsweise G\u00e4rtnereien oder Friseure wieder \u00f6ffnen d\u00fcrfen. Obwohl es noch viel zu tun gibt \u00fcber das Wochenende, sind die Gesch\u00e4fte der Meinung, die Er\u00f6ffnung gut bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter skypte ich noch mit meiner Mutter von einem Raum in den n\u00e4chsten. Der Zweck davon war, dass sie sich einmal in aller Ruhe mit der Benutzeroberfl\u00e4che von Skype vertraut machen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 26. April 2020<\/strong><\/p>\n<p>Auch heute startete ich den Tag gem\u00fctlich. Nach dem Brunch befasste ich mich mit der Spielanleitung des Brettspiels Pandemic Legacy, welches ich von meinem Bruder zum Geburtstag erhalten habe. Im Spiel geht es darum, die Welt vor vier Krankheitserregern zu retten. Man spielt auf einer Weltkarte, auf welcher man umherreist und versucht, Infektionsherde in den Griff zu bekommen. Sp\u00e4ter kam meine Mutter dazu. Mein Vater dr\u00fcckte sich etwas. Er spielt nicht gerne Brettspiele. Ich war etwas genervt, denn er meinte, er w\u00fcrde h\u00f6chstens missmutig mitspielen und ein klares \u201cNein ich habe keine Lust\u201d erh\u00e4lt man nicht von ihm. Irgendwann wird er dann halt nicht mehr gefragt. Ich und meine Mutter brauchten nochmals etwa eine Stunde bis wir die Grundregeln begriffen hatten. Wir spielten heute nur mit den Basisregeln, denn sp\u00e4ter kommen Legacy Regeln dazu. Das hei\u00dft, Dinge im Spiel werden so ver\u00e4ndert, dass sie auch weitere Partien beeinflussen (Dinge beschriften, Karten zerreissen\u2026). Es wird deshalb ausdr\u00fccklich empfohlen, erst einmal nur die Basisversion zu spielen. Mit der Zeit hatten wir den Dreh raus und fanden das Spiel echt gro\u00dfartig. Auch weil man anders als meistens miteinander gegen das Spiel k\u00e4mpft und gemeinsam Strategien bespricht. Leider besiegte uns jedoch das schwarze Virus.<\/p>\n<p>Eigentlich hatten wir vor, dass heute die Freundin meiner Mutter zum Abendessen vorbeikommt. Sie wollte Fleisch f\u00fcr den Grill mitbringen und so auch einmal etwas f\u00fcr uns tun, da wir immer mit ihr Spazieren gehen und meine Mutter f\u00fcr sie Gem\u00fcse beim Lieferdienst mitbestellt. Dieses Abendessen war aber nur m\u00f6glich, wenn wir drau\u00dfen mit gen\u00fcgend Abstand sitzen konnten. Und nachdem es jetzt wochenlang sch\u00f6nes Wetter war und die Natur schon wieder viel zu trocken ist, zieht genau jetzt eine Front auf. Leider m\u00fcssen wir das Essen daher auf Montag verschieben. Dann war es bereits Zeit f\u00fcr das Abendessen. Eigentlich hatte ich wieder vor heute Sport zu machen. Wegen des Spiels am Nachmittag war es mir aber nun schon zu sp\u00e4t und ich hatte auch keine Lust mehr. Ich sagte zu mir, dass es schon okay ist, wenn ich einen Tag in der Woche keinen Sport mache.<\/p>\n<p>Abends war Corona wiederum nur ein kleines Thema in den Nachrichten. Es ging vor allem um Verhandlungen zwischen den Bundesbeh\u00f6rden und den Tourismusvertretern. Denn immer noch ist nicht klar, wann Restaurants, Bergbahnen, Schifffahrtsgesellschaft und andere touristische Betriebe wieder \u00f6ffnen d\u00fcrfen. Anscheinend sind sie auf gutem Weg einen Kompromiss zu finden, sodass die Bev\u00f6lkerung im Sommer wenigstens im Inland Ferien genie\u00dfen kann. Bereits melden auch ge\u00f6ffnete Hotels vermehrt Buchungen von schweizerischen G\u00e4sten. Ich selbst finde dies eine vorteilhafte Entwicklung. In den letzten Jahren war es meiner Meinung nach, etwas sehr selbstverst\u00e4ndlich geworden, dass man irgendwo hin in die Ferien fliegt, obwohl es lokal auch sehr viel sch\u00f6ne Orte gibt, welche die Menschen von hier selbst kaum kennen. Menschen kommen aus aller Welt f\u00fcr Ferien in die Schweiz, da k\u00f6nnten wir das doch gut auch wieder mehr nutzen. Und vielleicht entdecken manche so auch wieder, dass sie ab und zu auf das Flugzeug verzichten k\u00f6nnen. Meine Mutter und ich hatten danach noch das Bed\u00fcrfnis, mehr dar\u00fcber zu erfahren, wie es denn in anderen L\u00e4ndern aussieht mit der Corona-Krise. Wir schauten die Sendung \u201cWeltspiegel\u201d (https:\/\/www.daserste.de\/information\/politik-weltgeschehen\/weltspiegel\/sendung\/index.html)in welcher Korrespondentinnen und Korrespondenten \u00fcber Geschichten aus ihren Regionen berichten. Danach schauten wir gleich noch die ARD Nachrichten und stellten fest, in Deutschland gibt es im Bev\u00f6lkerungsverh\u00e4ltnis zur Schweiz \u00e4hnlich viele F\u00e4lle und Ansteckungen einfach mit ein paar Tagen Verz\u00f6gerung. Tote gibt es etwas weniger im Vergleich zu den Infizierten. Grunds\u00e4tzlich sind die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme aber sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 27. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen hatte ich wieder mein Seminar per Zoom. Die Stunde war langweilig. Die Dozentin welche heute unterrichtete, f\u00fchlt sich nicht so ganz wohl mit dem Onlineunterricht und das merkte man. Sie hatte die Angewohnheit, nach einer gestellten Frage so schnell weiterzufahren und dabei die Frage gleich selbst zu beantworten, dass man gar nie zum Sprechen kam und es eine etwas monotone Lektion wurde. Nachmittags war bei mir wieder Uni Sport angesagt. Heute ein 50 min\u00fctiges Bootcamp Video. Das war richtig anstrengend, aber es tat sehr gut. Danach musste ich mich etwas beeilen, weil wir heute das Grillieren nachholen, welches gestern nicht stattfinden konnte. Um 16 Uhr kam die Freundin und wir setzten uns draussen zu Ap\u00e9ro und danach Abendessen hin. Kurz bevor sie kam, hatte sie \u201cihre f\u00fcnf Minuten\u201d, wie sie es nannte. Sie \u00fcbertreibt manchmal sehr mit der Angst vor Corona. Sie war sich pl\u00f6tzlich nicht mehr sicher, was sie jetzt schon alles desinfiziert hatte, bevor sie herkam und ob sie nach dem Desinfizieren vergessen hatte, die Flasche zu desinfizieren und deshalb nun die kontaminierte Flasche angefasst h\u00e4tte. Sie erz\u00e4hlte auch, dass sie auch ihre Kleidung eingespr\u00fcht h\u00e4tte. Meine Mutter grinste und meinte, das sei schon sehr \u00fcbertrieben. Etwas verr\u00fcckt ist ja, dass sie vor allem Angst hat uns Risikopersonen anzustecken, dabei sind wir weniger besorgt als sie. Sie f\u00fchlte sich auch sofort schlecht, als sie die Salatsch\u00fcssel angefasst hatte und das sofort bereute. Letztes Mal hatten wir noch die Regel, dass sie sich alles sch\u00f6pfen lassen muss. Heute grinste meine Mutter aber nur und meinte, dass sei doch kein Problem. Wir sa\u00dfen auch nicht mehr ganz so weit auseinander wie beim letzten Mal. Man m\u00fcsse sich langsam wieder an etwas mehr Kontakt gew\u00f6hnen. Auch ich habe bei ihr keine Bedenken. So vorsichtig wie sie und wir sind, kann man wohl davon ausgehen, dass keiner von uns infiziert ist. Also finde auch ich eine gewisse Lockerung in Ordnung. Zudem sehe ich auch, wie sie sich teilweise schon ziemlich verr\u00fcckt macht und im Kreis herum studiert, wo sie unvorsichtig h\u00e4tte gewesen sein k\u00f6nnen. Am besten \u00fcben wir etwas mehr Lockerheit und trotzdem vorsichtig bleiben doch mit Menschen, bei welchen wir eher sicher sind, dass nichts passieren kann. Wir stie\u00dfen also auch wieder normal mit den Gl\u00e4sern an und genossen einen Nachmittag drau\u00dfen. Als es jedoch eind\u00e4mmerte, musste unsere Freundin wohl oder \u00fcbel nach Hause gehen, denn drau\u00dfen wurde es sofort kalt und zu uns ins Haus wollten wir alle nicht mit ihr.<\/p>\n<p>In den Nachrichten war heute die Pressekonferenz des Bundes vom Nachmittag das Thema. Wieder einmal wurde etwas verwirrend kommuniziert. In den letzten Tagen stieg der Druck, dass Gro\u00dfeltern wieder ihre Enkelkinder betreuen d\u00fcrfen. Insbesondere weil mehr Menschen wieder au\u00dfer Haus arbeiten gehen (insbesondere der Detailhandel) und weil am 11. Mai die Schulen wieder \u00f6ffnen werden und der Bund in diesem Zusammenhang kommuniziert hatte, dass die Kinder selbst sehr wenig ansteckend seien. Sie erhalten die Krankheit nur selten mit Symptomen und durch weniger Husten, verteilen sie die Viren auch weniger. Nun kommuniziert das BAG Enkel betreuen sei weiterhin nicht in Ordnung, Enkel umarmen aber schon. Begr\u00fcndet wird dies damit, dass beim Betreuen der Kontakt mit den Eltern, welche die Kinder holen und bringen das Problem sei. Mit viel Abstand zu den Eltern d\u00fcrfen also Kinder kurz vorbei schauen, um Oma und Opa zu knuddeln. Ich kann sehr gut verstehen, dass diese Anweisungen f\u00fcr viele wohl etwas widerspr\u00fcchlich und konfus wirken. Auch was die Masken angeht, wird weiterhin etwas unverst\u00e4ndlich kommuniziert. Der Bund besteht vehement darauf, dass Masken nichts n\u00fctzen w\u00fcrden, oder nur 10 %. Teilweise wurde auch gesagt, die selbstgen\u00e4hten Masken w\u00fcrden das Risiko sogar erh\u00f6hen, da der Stoff schnell nass wird und dann ein zus\u00e4tzlicher Herd f\u00fcr Keime wird. Ich pers\u00f6nlich habe etwas M\u00fche diese Botschaften nachzuvollziehen. Denn ich wei\u00df zwar, dass diese Masken nicht viel n\u00fctzen, aber immerhin. Oder wie ein Freund von mir k\u00fcrzlich online postete: \u201cStell dir vor du bist nackt und jemand pinkelt dich an. Dann bist du nass. Tr\u00e4gst du eine Hose, wirst du ein bisschen weniger nass. Tr\u00e4gt der Pinkler auch eine Hose, beh\u00e4lt er sein Pipi bei sich\u201d. Mittlerweile fragt man nebst, \u201cwieso sollen die Masken so schlecht sein\u201d auch \u201cWieso kommuniziert der Bundesrat auf diese Weise? Viele suchen nach den Motiven f\u00fcr das Abraten von Masken, wo doch Nachbarl\u00e4nder Maskenpflichten einf\u00fchren und Epidemiologen ebenfalls sagen, es sei besser als nichts. Ein Argument w\u00e4re die Knappheit an Masken und dass man Hamsterk\u00e4ufe verhindern will. Ein anderes, dass man Angst davor hat, die Menschen w\u00fcrden den Abstand und andere Sicherheitsma\u00dfnahmen weniger ernst nehmen, sobald sie Masken tragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 29. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute regnet es seit langem wieder einmal. Das ist super f\u00fcr die Natur. Ich hingegen werde nicht so richtig wach. Ich mache viel Computerarbeit und etwas W\u00e4sche. Am Nachmittag entdecke ich, dass das Migros-Fitnesscenter, bei welchem ich Mitglied bin, ein riesiges Angebot an Online Kursen hat. Also probiere ich heute nach den \u00fcblichen 20 Minuten Home Trainer gleich ein Bauch-Beine-Po Training aus. Ich finde diese Seite super, endlich eine riesige Auswahl an gut gemachten Videos. Ich trainiere gerne mit diesen Videos, aber ich brauche welche, die wirklich gut gemacht sind, damit ich den \u00dcbungen trotz Sehbehinderung folgen kann und ich mache immer gerne neue Trainings. Da ich nicht so leicht zu motivieren bin, wecken neue Videos meine Neugier deutlich mehr.<\/p>\n<p>Abends hatte ich das erste Online-Gespr\u00e4ch mit der neuen Jugendgruppe der Retina Suisse, welche ich daran bin aufzubauen. Es ist auch das erste Zoom-Meeting, welches ich hostete. So langsam kommen diese Gespr\u00e4che in Fahrt. Immer seltener muss am Anfang Zeit eingerechnet werden, in welchen noch technische Probleme einiger Mitglieder zu l\u00f6sen sind. Daf\u00fcr, dass wir uns alle nicht kannten und ein physisches Treffen wohl ungezwungener gewesen w\u00e4re, war die Stimmung super locker und wir unterhielten uns deutlich l\u00e4nger als urspr\u00fcnglich geplant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 29. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen musste ich ins Krankenhaus f\u00fcr eine Blutabnahme, um den Spiegel meiner k\u00fcrzlich angepassten Immunsuppressiva zu \u00fcberpr\u00fcfen. Meine Mutter fuhr mich hin und begleitete mich. Am Eingang wurden uns wie beim letzten Mal Masken ausgeh\u00e4ndigt und wieder wurde uns gesagt, dass Begleitpersonen eigentlich nicht mit hineind\u00fcrfen. Also erkl\u00e4rte ich, mit Blindenstock in der Hand erneut, dass ich allein nicht f\u00fcr die Einhaltung des Abstandes sorgen kann. Auf der Nephrologie mussten wir lange warten. Auf der Bank waren mit Klebstreifen Markierungen angebracht, welche die Sitze markierten. Nach der Blutentnahme gingen wir wieder. Ich erkundigte mich online, ob mein neuer Optiker ge\u00f6ffnet hat. Gestern hatte ich mir meine Brille verbogen, so dass sie nun dr\u00fcckt. Der Optiker unserer Familie ging vor dem Lockdown in Pension und wir wurden an ein befreundetes Gesch\u00e4ft verwiesen. Der neue Optiker hatte ge\u00f6ffnet, einfach etwas k\u00fcrzer als sonst. Ich behielt meine Maske gleich auf und wir fuhren in die Innenstadt. Auf dem Weg durch das Einkaufscenter holten wir uns ein Croissant und einen Coffee to go. Wir stellten uns zwischen die geschlossenen L\u00e4den und genossen die Pause. Es war schon merkw\u00fcrdig, all die Gesch\u00e4fte geschlossen zu sehen. Nur die B\u00e4ckerei, die Apotheke und der Gro\u00dfverteiler hatten ge\u00f6ffnet. Danach machten wir uns auf den Weg zum Optiker. Meine Mutter bemerkte grinsend, dass mir nun mit Blindenstock und Maske, alle anderen erst recht aus dem Weg gehen w\u00fcrden. Das hatte ich gehofft, denn dies k\u00f6nnte sehr n\u00fctzlich sein, wenn ich wieder allein unterwegs sein werde. Meine Mutter \u00fcberlegte, dass sie vor dem Gesch\u00e4ft warten k\u00f6nnte, da nur drei Personen sich drinnen aufhalten d\u00fcrfen. Ich wollte gerade zustimmen, als mir einfiel, dass ich dieses Gesch\u00e4ft ja noch nicht kenne. Bleibt meine Mutter drau\u00dfen, m\u00fcsste mich einer der Angestellten im Gesch\u00e4ft f\u00fchren und momentan halte ich lieber an jemandem aus meinem Haushalt fest als an anderen. Das Gesch\u00e4ft war bis auf die zwei Angestellten leer. Ich h\u00e4ndigte meine Brille aus und wir setzten uns. Um zu kontrollieren, ob die Brille richtig sitzt, n\u00e4herte sich der Angestellte vorsichtig. Uns fiel jedoch auf, dass dieser Angestellte keine Maske trug, w\u00e4hrend der andere im Hintergrund eine trug. Trotzdem f\u00fchlte ich mich in dieser Situation nicht gef\u00e4hrdet. Danach gingen wir wieder nach Hause. Nachmittags wollten wir eine L\u00fccke zwischen den Regenschauern f\u00fcr einen Spaziergang nutzen. Allerdings erwies sich das Wetter als zu unberechenbar und wir drehten nur eine 40 min\u00fctige Runde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 30. April 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen zoomte ich mit meiner Freundin von der Uni. Wir sprachen \u00fcber unsere Aktivit\u00e4ten. Sie insbesondere \u00fcber ihr Gem\u00fcse im Wohnzimmer und auf dem Balkon. Nicht nur ihre Pflanzen, sondern auch sie bl\u00fcht in letzter Zeit auf und hat einen richtig gr\u00fcnen Daumen bekommen. Ich erz\u00e4hlte von meiner Freiwilligenarbeit, die sehr viel zu tun gibt. Trotzdem ging uns doch langsam der Gespr\u00e4chsstoff aus und das Gespr\u00e4ch wurde ruhiger. Es geschieht nicht mehr so viel Neues. Nach dem Mittagessen rief eine Mitarbeiterin der Organisation an, f\u00fcr die ich die Jugendgruppe organisiere. Gemeinsam wollten wir die Funktionen von Microsoft Teams testen. Da die Organisation f\u00fcr Videocalls nun eine Lizenz erworben hat. Etwa zwei Stunden \u00fcbten wir. Einiges gelang, anderes nicht. Deshalb beschloss ich, dass ich am Wochenende nochmals mit Menschen \u00fcben muss, welche nicht innerhalb der Organisation sind und deshalb nicht schon Administratorenrechte hatten. Zudem informierte sie mich, dass meine Schw\u00e4gerin, welche ebenfalls in der Jugendgruppe ist, im Chat gewisse Grenzen \u00fcberschritten hat, was ihre fachliche Kompetenz betrifft. Ich versuchte also meiner Schw\u00e4gerin zu erkl\u00e4ren, weshalb sie zurechtgewiesen wurde. Ich wusste aber nicht, inwiefern sie verstanden hatte. Danach f\u00fchlte ich mich sehr angespannt. Solche Auseinandersetzungen, gerade mit Menschen, welche mir nahestehen, machen mir sehr zu schaffen. Ich versuchte, mit einem Kaffee und Computerspielen etwas herunter zu fahren, bevor es zum Spanischunterricht ging. Es gelang mir jedoch nur m\u00e4\u00dfig. Dann folgte der Unterricht via Zoom. Heute war die Verbindung nicht sehr gut und wurde<\/p>\n<p>mit der Zeit so schlecht, dass ich die Anweisungen der Lehrerin kaum noch verstand. Nach dem Unterricht war ich geistig fix und fertig. Man kennt doch dieses Gef\u00fchl, wenn man zwar nicht k\u00f6rperlich m\u00fcde ist, das Gehirn sich aber komplett ausgelaugt anf\u00fchlt. Ich hatte heute f\u00fcnf Stunden in Videocalls verbracht und merke nun, wie anstrengend das ist. Ich bin von Natur aus jemand, der irgendwann einmal genug hat von Telefonaten. Ich h\u00e4nge nicht so gerne stundenlang in der Leitung. Videogespr\u00e4che entpuppen sich aber als noch anstrengender. Man muss irgendwie pr\u00e4senter sein. Vielleicht weil man aufgrund der Audioqualit\u00e4t besser zuh\u00f6ren muss? Weil viele nonverbale Signale fehlen? Ich wei\u00df es nicht.\u00a0 Auch die innere Anspannung lie\u00df nicht mehr nach. Ich kam ziemlich ins Gr\u00fcbeln und alte Emotionen kamen wieder hoch. Als ich schlafen ging, verwendete ich seit langem wieder einmal einen Meditations-Podcast zum Einschlafen, damit ich mich auf etwas konzentrieren konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 1. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen drehten wir vor dem Brunch eine Runde durchs Dorf, denn nachmittags sollte es wieder regnen. Im Dorf trafen wir auf meinen Vater. Er war seit langem wieder einmal im Dorf unterwegs. W\u00e4hrend wir spazieren gingen, musste er kurz bei der Haus\u00e4rztin ein Medikament holen gehen. Die \u00c4rztin hatte ihm das bestellte Medikament in den eigenen Briefkasten gelegt. Es war in einen Plastiksack eingewickelt, welcher zugetackert war und auf welchen einen Zettel mit dem Namen meines Vaters aufgeklebt war. Mein Vater spekulierte, dass so wohl versucht wurde, die Privatsph\u00e4re zu wahren, dass nicht jeder, der den Briefkasten \u00f6ffnete, sehen konnte, welche Medikamente Person X ben\u00f6tigt. Am Nachmittag hatte ich einiges f\u00fcr die Uni zu tun. Meine Mutter ging heute den zweiten Tag in Folge nach Thalwil. Mein Bruder und seine Frau sind zurzeit auf Wohnungssuche. Da die beiden ebenfalls Seheinschr\u00e4nkungen haben und mein Bruder sehr viel arbeitet, geht meine Mutter mit meiner Schw\u00e4gerin zu den Wohnungsbesichtigungen. Sie erz\u00e4hlte, selbst in der Rush Hour h\u00e4tte man gut ein Viererabteil f\u00fcr sich allein im Zug. Aber es gab auch eine Situation, in welcher ein junger Mann sich an der Zugt\u00fcr vordr\u00e4ngelte. Meine Mutter wies ihn zurecht, dass er zwei Meter Abstand halten solle. Er meinte aber nur er habe es eilig. Daraufhin trat meine Mutter zur Seite und dachte sich, wenigstens m\u00fcsse er dann auch den T\u00fcr\u00f6ffner dr\u00fccken. Die Wohnungsbesichtigungen waren manchmal einzeln ausgemachte Termine, sodass jeweils nur meine Mutter, meine Schw\u00e4gerin und die aktuellen Mieter anwesend waren. Bei einem Termin, bei welchem mehrere Interessenten anwesend waren, schloss die Verwalterin alle T\u00fcren auf und verlie\u00df die Wohnung wieder. Die Interessenten, welche immer mit zwei Meter Abstand im Treppenhaus Schlange standen, betraten einzeln die Wohnung, sodass es nicht zu eng in den R\u00e4umlichkeiten wurde. Wieder Zuhause meinte meine Mutter, man habe schon ein bisschen das Gef\u00fchl der b\u00f6sen Welt da drau\u00dfen. Sie f\u00fchle eine gro\u00dfe Erleichterung, sobald sie wieder zu Hause sei. Nicht immer achtsam sein, nicht immer studieren, was man alles angefasst hat oder wer einem zu nahekommen k\u00f6nnte. Sie stellte auch fest, dass es wirklich wenige Menschen auf den Bahnh\u00f6fen gibt und vor allem alles J\u00fcngere. Obwohl seit Montag wieder einige Gesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet haben, scheint dies noch keine gr\u00f6\u00dferen Auswirkungen auf Personenstr\u00f6me zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 2. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute vor dem Brunch stand Fitness mit meiner Mutter auf dem Programm. Die Fitnesstrainerin meiner Mutter hat diese Woche zum ersten Mal ein Video einer Lektion erstellt. Sie versendet die Links zu den Videos auf pers\u00f6nliche Anfrage, denn sie verrechnet daf\u00fcr 15 Franken. Der Grund daf\u00fcr ist, dass sie aufgrund des Lockdowns einige Stunden nicht abhalten konnte, welche bereits bezahlt waren. Ihr Berufsverband verlangt, dass diese Beitr\u00e4ge zur\u00fcckerstattet werden. Da dies etwas umst\u00e4ndlich ist, bietet sie die Videos nun zum Stundenpreis an und verrechnet dies nun mit den bereits bezahlten Beitr\u00e4gen. Das Programm macht sehr viel Spa\u00df und ich finde es auch toll, zwischendurch mit meiner Mutter zusammen Sport treiben zu k\u00f6nnen. Zu zweit ist man mehr motiviert. Nach dem Brunch stand die Microsoft Teams \u00dcbung an. Gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Freundin von der Uni, \u00fcbte ich die Funktionen von Teams zu verwenden, denn f\u00fcr meine Jugendgruppe plane ich bald, Teams, statt Zoom zu verwenden. Nach zwei Stunden \u00fcben, waren alle Fragen gekl\u00e4rt und ich m\u00fcde. Danach g\u00f6nnte ich mir eine Auszeit beim Computerspielen. Zwischendurch erledigte ich noch kleine B\u00fcroarbeiten, aber eigentlich vertr\u00f6delte ich den restlichen Samstag gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 3. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Gestern Abend ist meiner Mutter der Computer abgest\u00fcrzt. Und zwar so, dass Windows nicht mehr gestartet werden konnte. Deshalb waren wir heute fast den ganzen Tag damit besch\u00e4ftigt, L\u00f6sungen zu finden. Am Ende blieb uns nur noch, ihren Computer neu aufzusetzen, davor mussten jedoch noch auf Umwegen ihre Daten gerettet werden, da sie keine Sicherung erstellt hatte. Dazwischen spielten wir wieder das Pandemic Legacy Brettspiel. Zum Gl\u00fcck haben wir einen Wintergarten. Trotz Regenwetter l\u00e4sst es sich dort gut spielen bei etwas mehr Tageslicht. So verbrachten wir den Tag irgendwo zwischen Spiel und Computer. Der Sonntag war zudem der erste Tag, an welchem das Schweizer Fernsehen vermeldete, dass die Ansteckungszahl unter hundert war. Sie lag irgendwo bei 70. Nat\u00fcrlich muss man noch bedenken, dass am Sonntag weniger Menschen positiv getestet werden. Um ehrlich zu sein, interessieren mich die Corona-News wirklich nicht mehr. Ich besuche nie mehr die Newsseiten oder den Liveticker. Nicht weil ich irgendwann genug davon hatte, oder mir die Infos zu schaffen machten, sondern weil es mich einfach nicht mehr interessierte und meine Aufmerksamkeit nicht mehr erregen konnte. Stattdessen f\u00fclle ich immer \u00f6fters Umfragen zu Corona aus. Sei es f\u00fcr eine Seminararbeit, f\u00fcr die Freundin, welche in einem anderen Land als Psychologin doktoriert oder eine Umfrage zur Befindlichkeit einer Selbsthilfeorganisation. Beim Ausf\u00fcllen f\u00e4llt mir immer auf, dass ich meine Situation gar nicht so schlecht empfinde. Irgendwie habe ich aber das Gef\u00fchl, die Umfragen w\u00fcrden eher eine Verschlechterung der pers\u00f6nlichen Situation oder der emotionalen Lage erwarten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 4. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen hatte ich wieder mein Online Seminar. Ich k\u00f6nnte mich sehr an diesen Wocheneinstieg gew\u00f6hnen. Ich bin eine ausgepr\u00e4gte Nachteule und schlafe nat\u00fcrlicherweise zwischen 02:00 und 09:00. Das Seminar, welches um 10 Uhr beginnt, erm\u00f6glicht mir immer noch ein gem\u00fctliches Aufstehen zu meiner Zeit. Zudem muss man dann f\u00fcr das Online Seminar noch nicht das Haus verlassen und kann sich nochmals einen Kaffee machen. Dann 90 Minuten Fachdiskussion \u00fcber spannende Themen, damit das Gehirn in Fahrt kommt. Diesen gem\u00fctlichen Einstieg in die neue Woche zu meiner Zeit finde ich super. W\u00e4hrend dem Mittagessen brachte ein Lieferdienst ein Paket zu unseren Nachbarn. Beim Wenden fuhr er r\u00fcckw\u00e4rts in unseren Schuppen, sodass ein Ziegel zu Bruch ging. Mein Vater ging hin\u00fcber und schaute sich die Sache an. Als meine Mutter nachschaute, sah sie, wie mein \u00fcber 80-j\u00e4hriger Vater die Nachbarin, welche die Vorsichtsma\u00dfnahmen nicht sehr ernst nimmt und mit dem Lieferanten dicht beisammensteht und diskutiert. Sie ging hin\u00fcber und ermahnte die drei Abstand zu halten. W\u00e4hrend die Nachbarin eher genervt reagierte, erschrak mein Vater. In der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation, welche ihn sehr forderte, hatte er die Abstandsregeln schlicht vergessen. Man einigte sich schnell darauf, dass der Schaden minimal sei und nichts unternommen werden musste. Meiner Mutter tat der Fahrer sehr leid, denn diese m\u00fcssen oft Sch\u00e4den selbst bezahlen, haben viel Stress und sind schlecht bezahlt. Mein Vater war die n\u00e4chsten Stunden sehr ruhig und die Stimmung meiner Eltern etwas angespannt. Sie machten auch noch Witze dar\u00fcber. Als meine Mutter meinen Vater kurz musterte, fragte er verlegen lachend, ob sie noch Viren von ihm abfallen sehe, beide lachten. Man konnte sp\u00fcren, dass er wirklich sehr erschrocken dar\u00fcber war, dass er die Regeln so einfach vergessen hatte und sich in eine Risikosituation begeben hatte. Ich finde das sehr nachvollziehbar. Menschen, die in den letzten Wochen t\u00e4glich nach drau\u00dfen mussten, haben den gr\u00f6\u00dferen Abstand wohl schon verinnerlicht, oder zumindest etwas automatisiert. Menschen wie wir, welche kaum nach drau\u00dfen gegangen sind, haben nun keine \u00dcbung im Abstand halten. Sobald eine Situation auftritt, die uns irgendwie kognitiv mehr fordert, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass wir die Regeln vergessen.<\/p>\n<p>Nachmittags gingen wir wieder spazieren. Heute war auch das Wetter wieder sch\u00f6n und wir drehten wieder einmal eine Runde \u00fcber den Berg. Dabei kam auch wieder das Thema zur Sprache, dass wir alle viel weniger die News checken. W\u00e4hrend ich fast gar nicht mehr danach suche und stattdessen einfach abends noch die Nachrichten schaue, wie sonst auch, checken meine Mutter und ihre Freundin schon noch einmal am Tag die Verlaufszahlen. Dann trafen wir eine Bekannte, welche meine Mutter und ihre Freundin ermahnte, die beiden h\u00e4tten keine zwei Meter Abstand. Sie hatte recht. Die beiden achteten zwar immer darauf, Abstand zu halten, aber zwei Meter waren es nicht. Meine Mutter besch\u00e4ftigte dies sehr. Ich hatte das Gef\u00fchl, sie nahm die Zurechtweisung sehr pers\u00f6nlich. Andererseits fand ich diese Erfahrung auch gut. Denn meine Mutter schlug manchmal auch einen etwas forscheren Ton an, wenn sie in letzter Zeit andere zurechtgewiesen hat. Sie fand die Reaktion der Bekannten \u00fcbertrieben und meinte, bei ihr und ihrer Freundin sei das etwas anderes, weil wir oft gemeinsam unterwegs sind und sonst keine Kontakte haben. Ich meinte, es sei aber auch gut, einmal auf der anderen Seite zu stehen und zu sehen, wie man selbst sonst so ankommt, wenn man andere zurechtweist. Meine Mutter aber blieb der Meinung, dass sei bei uns etwas anderes. Ich finde jedoch nicht, denn wenn wir andere ermahnen, kennen wir die Hintergr\u00fcnde auch nicht und wissen auch nicht, ob diese Personen ansonsten die Ma\u00dfnahmen vielleicht strikt befolgen.<\/p>\n<p>Die Freundin meiner Mutter hat bald Geburtstag, wir \u00fcberlegten, wie eine gem\u00fctliche Runde m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. Zuhause kommt nicht in Frage, in die \u201cpers\u00f6nliche Schutzzone\u201d wollen wir alle noch niemanden hineinlassen. Vielleicht zu f\u00fcnft auf dem Vorplatz ihres Wohnblocks in einem gro\u00dfen Kreis mit Campingstuhl und Getr\u00e4nken? Dann gehen wir auf den Bouleplatz, wo unter einem gro\u00dfen Baum ein Steintisch steht. Wir setzen uns dort hin und \u00fcberlegen, wo sich f\u00fcnf Leute verteilen k\u00f6nnten. Die Freundin kommt jedoch schnell zum Schluss, dass man dann im \u00f6ffentlichen Raum \u201c\u00fcberz\u00e4hlige\u201d Freundinnen quasi ausladen m\u00fcsste. Stattdessen \u00fcberlegt sie sich also, mit ihren beiden T\u00f6chtern brunchen zu gehen, da die Caf\u00e9s nun die Tische auseinanderstellen mussten und man zu viert ab 11. Mai wieder einkehren darf. Sp\u00e4ter waren ich und meine Mutter wieder mit ihrem Computer besch\u00e4ftigt. Ich konnte zwar etwas arbeiten, sie rief mich aber immer wieder um Hilfe. Eigentlich k\u00f6nnte sie diese Dinge auch, aber sie vergewissert sich gerne bei mir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 5. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen fuhren meine Mutter und ich zu einer Fischfarm in der Region. Normalerweise verkauft der Hof seine Produkte auf dem Markt und meine Mutter achtet darauf die Betriebe, welche nun nicht zum Markt fahren k\u00f6nnen, zu unterst\u00fctzen. Wir kauften ziemlich viel ein, aber es soll sich ja auch lohnen, wenn man sich schon auf den Weg macht. Der Hofladen war eigentlich mehr Fischverarbeitungsraum mit einigen ausgelegten R\u00e4ucherwaren. Die restlichen Fische werden bei Bedarf vakuumiert. Bezahlen konnte man mit TWINT. Wir stellten sp\u00e4ter fest, dass TWINT wohl einen riesigen Schub erlebt momentan. Denn gerade den Kleinbetrieben, welche ansonsten wohl nur Bargeld nehmen w\u00fcrden, erspart die App die Anschaffung eines Bezahlterminals und kostenfrei ist es auch noch. Meine Mutter stellte auch fest, dass wir dabei den Mindestabstand nicht eingehalten haben. Aber von uns hatte sich keine Sorgen gemacht deshalb, denn es war nur kurz und geh\u00f6rt f\u00fcr uns in die Kategorie \u201cman muss ja auch ein gewisses Mass von normalem Umgang wiederfinden\u201d.<\/p>\n<p>Danach gingen wir noch zum Supermarkt. Dort wurde aus Absperrband eine Schlange abgesperrt, eine Angestellte begr\u00fc\u00dfte jeden und z\u00e4hlte so die Kunden. Eine Ampel erlaubte den Einlass oder eben nicht. Mein Vater meinte dazu sp\u00e4ter, dass man wohl zum Schluss gekommen sei, dass die Menschen eher einer Ampel gehorchten, als einer Person. Ich kann mir das gut vorstellen. Steht dort ein Mensch im Weg, kann man versuchen zu diskutieren, \u201cich muss nur kurz\u2026\u201d. Mit einer Ampel ist das zwecklos. Die Menschenanzahl im Gesch\u00e4ft war in Ordnung. Wir stellten fest, dass die Kunden generell viel vorsichtiger unterwegs waren, es wurde in den schmalen Regalg\u00e4ngen nicht gedr\u00e4ngelt, sondern man ging zur Seite und lie\u00df andere passieren oder wartete, bis jemand am Regal seine Entscheidung getroffen hatte. Es gab auch deutlich mehr Menschen, welche Gesichtsmasken trugen.\u00a0 Als Mittagessen gab es dann einen leckeren Fisch. Das hatte sich definitiv gelohnt. F\u00fcr mich selbst habe ich festgestellt, dass es mir nichts ausmacht, wieder unter Menschen zu sein. Ich hatte w\u00e4hrend der Krise eigentlich nie Angst und so auch jetzt nicht. Ich werde zwar vorsichtig bleiben und andere auch ermahnen, wenn es sein muss. Aber ich halte mich auch gerne wieder unter Menschen auf.<\/p>\n<p>Am Nachmittag telefonierte ich mit meiner Psychologin. Ich habe nicht mehr so viel Kontakt mit ihr. Aber wir wollen die Sache nicht einfach \u201causlaufen\u201d lassen, nur weil wir uns jetzt nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Also telefonieren wir einmal im Monat, bis wir uns noch mindestens einmal sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Danach stand Sport auf dem Programm. 20 Minuten Home Trainer und 30 Minuten Muskeltraining. Danach war ich fertig und konnte kaum noch Treppen steigen, aber gut hatte es getan. Und ich lerne langsam, dass mir Sport deutlich leichter f\u00e4llt und ich viel leistungsf\u00e4higer bin, wenn es Nachmittag um ca. 16 Uhr ist und insbesondere, wenn ich an diesem Tag schon einmal das Haus verlassen hatte und damit der Kreislauf schon einmal etwas in Schwung kam, wenn auch nur minimal. Am Abend war wieder Salat angesagt. Meine Mutter und ich hatten uns die Routine eingerichtet, dass wir immer Dienstag und Donnerstag abends Salat essen. Dies kommt daher, weil \u00fcblicherweise am Dienstag meine Mutter zum Training ging und danach nur noch einen Salat isst. Und wenn mein Vater Donnerstag im Training ist, kann sie ebenfalls getrost einen Salat essen, da sie nicht f\u00fcr meinen Vater etwas vorbereiten muss, da er keinen Salat mag. Beim R\u00fcsten erh\u00e4lt sie einen Anruf. Sie hatte vergessen, dass sie sich mit ihren Freundinnen zum Zoomen verabredet hatte. Dies ging irgendwie vergessen, da der Computer abgest\u00fcrzt war. W\u00e4hrend ich und mein Vater a\u00dfen, zoomte sie ganze drei Stunden lang. Sie fand im Anschluss aber auch, dies sei nun definitiv zu lange gewesen. Sie ist auch nicht der Typ, welcher stundenlang telefonieren mag, wie ich auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 6. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Der Morgen verlief sehr ruhig und ich arbeitete am Computer. Meine Mutter arbeitet bei den Tagesstrukturen der Primarschule im Dorf. Sie hatte heute Morgen die erste Sitzung seit Beginn der Krise. Seit der Schulschlie\u00dfung wurden die Eltern gebeten ihre Kinder selbst zu betreuen. Lediglich Eltern im Gesundheitswesen durften ihre Kinder weiterhin zur Betreuung bringen. Mit dem Schulstart n\u00e4chste Woche mussten nun die Verhaltensregeln gekl\u00e4rt werden. Am wichtigsten sei der Schutz der Betreuerinnen untereinander, denn Erwachsene sind angeblich ansteckender als Kinder. Dazu sollen beispielsweise in der K\u00fcche Hygienemasken getragen werden. Die Leiterin findet, dass Masken im Umgang mit Kindern etwas ung\u00fcnstig seien, da man keine Mimik erkennen kann, deshalb hat sie Visiere bestellt, wie man sie beispielsweise f\u00fcr Schwei\u00dferarbeiten verwendet. Nachmittags drehten wir eine gro\u00dfe Runde ums Dorf. Meine Mutter und ihre Freundin fangen vorsichtig an zu \u00fcberlegen, ob sie n\u00e4chste Woche essen gehen sollen. Die Restaurants werden mit viel Abstand zwischen den Tischen wieder \u00f6ffnen und insbesondere bei meiner Mutter ist das Bed\u00fcrfnis gro\u00df, Betriebe zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter wird eine aus dem Freundeskreis Geburtstag haben. Jemand hatte die Idee die Gruppe k\u00f6nnte sich mit Klappst\u00fchlen unter dem Balkon verteilen und jeder sollte seine eigenen Getr\u00e4nke mitbringen. Meine Mutter und ihre Freundin sind etwas skeptisch, denn es w\u00e4ren dann mehr als f\u00fcnf Personen. Morgen wollen wir wieder einmal nach Basel fahren, um meinen Briefkasten zu leeren. Meine Mutter \u00e4u\u00dfert die Idee, wir k\u00f6nnten mit dem Zug hinfahren. Jetzt da die Z\u00fcge noch ziemlich leer sind. Ich willige sofort ein, denn ich vermisse das Zugfahren sehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 7. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck machen wir uns am sp\u00e4teren Vormittag auf den Weg nach Basel. Der Bus war ziemlich leer und deswegen auch \u00fcberp\u00fcnktlich, sodass wir unseren Anschluss gut erwischten, welcher sonst etwas knapp ist. Auch im Zug war Abstand halten kein Problem. In jedem Vierer-Abteil sa\u00df eine Person. Deshalb zogen wir uns unsere selbstgen\u00e4hten Stoffmasken auch nicht an, obwohl die SBB empfiehlt mit Maske zu reisen. Man merkt an der Belegung gut, dass Sch\u00fcler und Studenten noch fehlen. Auch die arbeitende Bev\u00f6lkerung pendelt momentan nicht oder arbeitet im Zug auf dem Weg zu Sitzungen. Auch die Tagesausfl\u00fcgler und Senioren sind nicht unterwegs, denn die meisten Sehensw\u00fcrdigkeiten oder Shoppinglocations sind ja noch geschlossen. Ticketkontrollen gibt es keine, die wurden bereits seit Beginn der Krise abgeschafft. Uns kam die Fahrt einfach unglaublich lange vor.<\/p>\n<p>Wir sind das Zugreisen und so weit weg von Zuhause zu gehen wohl wirklich nicht mehr so gewohnt. Auch der Bahnhof in Basel ist viel leerer als sonst. Damit hatte ich gerechnet, aber doch sauge ich die andersartige Atmosph\u00e4re auf. Man h\u00f6rt andere Ger\u00e4usche als sonst, weil die Menschenstimmen fehlen. Es herrscht keine Hektik, es wird nicht gerannt und es stehen keine Reisekoffer im Weg.<\/p>\n<p>Da das Wetter so sch\u00f6n ist, gehen wir die 20 Minuten zu meiner Wohnung zu Fu\u00df. Auch die Innenstadt ist ungewohnt leer. Keine Hektik auf dem Bahnhofsplatz und immer gen\u00fcgend Raum, um auszuweichen. Wenig \u00e4ltere Menschen sind unterwegs und generell mehr Maskentr\u00e4ger. Einzig der Eingang meines Hauses ist etwas schwierig, wenn gerade noch eine zweite Person hinter uns das Haus betreten will, w\u00e4hrend ich denn Briefkasten leere. Der Eingangsbereich ist so eng, dass man kaum die T\u00fcr \u00f6ffnen kann, wenn ein Postfach offen steht. Irgendwie wurschteln wir uns alle aneinander vorbei, aber den Mindestabstand kann man da nat\u00fcrlich nicht einhalten. In der Wohnung kurz l\u00fcften und die Wasserleitungen durchsp\u00fclen. Ich sortiere kurz die Post. Es gibt tats\u00e4chlich noch Rechnungsteller, welche Papierpost senden. Die ist mittlerweile \u00fcberf\u00e4llig, aber so kleinlich wird momentan wohl niemand sein. Dann packe ich noch ein paar sch\u00f6nere Kleidungsst\u00fccke ein. F\u00fcr den Fall, dass ich pl\u00f6tzlich von einem Tag auf den anderen mein Praktikum starten k\u00f6nnte und dann immer noch bei meinen Eltern w\u00e4re. Dort habe ich momentan eher gem\u00fctliche Kleidung f\u00fcr zu Hause. Dann gehen wir bereits wieder, denn wir w\u00fcrden gerne den Zug vor der Rush Hour erwischen. F\u00fcr den R\u00fcckweg nehmen wir das Tram. Zwar muss man keine Kn\u00f6pfe dr\u00fccken, da der Fahrer die T\u00fcren selbst \u00f6ffnet, aber angenehm finde ich das Tramfahren trotzdem nicht. Es ist eng in Trams, enger als in Z\u00fcgen oder Bussen und die anderen m\u00fcssen sich an den Sitzenden vorbei schieben. Beim Bahnhof gehen wir noch in den Supermarkt, um uns einen kalten Kaffee zu holen. Auch hier gibt es Desinfektionsmittel und ein Ampelsystem beim Einlass. Im Gesch\u00e4ft staune ich nicht schlecht. Ich habe diesen Laden noch nie so leer gesehen. Normalerweise ist dieser\u00a0 Supermarkt v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt mit gestressten Pendlern, welche auf dem Nachhauseweg noch schnell das Abendessen einkaufen. Man wird zur Seite geschoben, angefaucht und von Rollkoffern \u00fcberfahren. Das Gesch\u00e4ft ist riesig was die Produkte angeht, aber sehr klein in Bezug auf die Ladenfl\u00e4che. Heute erscheint mir das Gesch\u00e4ft vier Mal so gro\u00df und es ist ruhig und angenehm k\u00fchl hier drin. W\u00e4re dieses Gesch\u00e4ft immer so, w\u00fcrde ich regelm\u00e4\u00dfig hier einkaufen und w\u00fcrde nicht jeweils genervt hier herauskommen. Die Zugfahrt kam uns auf dem R\u00fcckweg nicht mehr so lange vor und die Belegung war wieder in Ordnung. In Luzern gingen wir noch einige Busstationen zu Fu\u00df dem See entlang. Normalerweise ist dieser \u00fcberf\u00fcllt von Touristen, \u00fcberwiegend chinesischer Herkunft. Nun genie\u00dfen viele Menschen in Luzern, dass wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, zumindest vor\u00fcbergehend. Der Bus nach Hause war dann richtig voll. Wir fanden gerade noch zwei Sitzpl\u00e4tze, aber auf diese kurze Distanz fremden Menschen gegen\u00fcber zu sitzen, f\u00fchlte sich schon etwas ungem\u00fctlich an. Insgeheim hofft man einfach, das Gegen\u00fcber m\u00fcsse nicht pl\u00f6tzlich niesen oder husten. Dies brachte mich wieder ins Gr\u00fcbeln, ob ich mir wirklich vorstellen kann, schon bald mein Praktikum zu beginnen und mich regelm\u00e4\u00dfig zu Sto\u00dfzeiten in den \u00d6V zu setzen. Insbesondere weil der Bus jetzt schon so voll war, obwohl die meisten Menschen noch von zu Hause arbeiten und Gesch\u00e4fte geschlossen sind. Abends hatte ich wieder Spanischunterricht. Ich war heute besser aufgelegt als auch schon und auch die Verbindung war heute wieder gut. Daf\u00fcr war die Lehrerin etwas gestresst, weil sie immer wieder Sachen nicht auf Anhieb fand und sich dann selbst nerv\u00f6s machte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 8. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Der heutige Tag war sehr ruhig, aber auch etwas stressig f\u00fcr mich. Ich hatte sehr viel f\u00fcr die Uni zu tun.<\/p>\n<p>Mein Bruder und seine Frau hatten heute erfahren, dass sie eine der Wohnungen voraussichtlich beziehen kann, welche meine Mutter und meine Schw\u00e4gerin in den letzten Wochen besichtigt hatten. Da der Mietvertrag noch nicht vorhanden war, beschlossen sie jedoch, an diesem Tag noch eine weitere Wohnung zu besichtigen. Meine Mutter ist jedoch sehr froh, dass diese Besichtigungen wohl bald zu Ende sein werden. Gegen Abend hatte ich noch eine virtuelle Vorstandssitzung. Dabei musste ich mir teilweise in Erinnerung rufen, dass ich vor einer Kamera sitzen und meine Mimik daher etwas kontrollieren sollte. Die meisten Vorstandsmitglieder sind den Umgang mit virtuellen Konferenzen und den dazugeh\u00f6rigen Programmen nicht gewohnt. Deshalb gab es viele technische Probleme und vergebliche Versuche diese zu l\u00f6sen. Dies ging so weit, dass Mitglieder der Konferenz mit einem Ohr beiwohnten und auf dem anderen Ohr jemanden am Telefon hatten, der es nicht schaffte sich einzuloggen. Eine Teilnehmerin mit unbrauchbar schlechter Verbindung meinte, die Wifi-Netzwerke der Privathaushalte seien gar nicht ausgelegt f\u00fcr solche Konferenzen. Diese Aussage nervte mich, denn mit der m\u00e4\u00dfig guten Verbindung meines Elternhauses hatte ich noch nie ernsthafte Probleme. Das Problem war die Verbindung dieser einen Person. Es klang f\u00fcr mich wie eine Ausrede, um m\u00f6glichst schnell wieder von dieser Art Konferenzen wegzukommen. Gleich im Anschluss hatte ich noch eine virtuelle Konferenz mit der Jugendgruppe dieser Organisation. Das war der pure Kontrast. Keine technischen Schwierigkeiten, obwohl wir uns aufgrund der Zoom free Restriktionen mehrmals neu einloggen mussten. Danach musste ich noch einige Uniarbeiten fertigstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 9. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute schliefen wir alle etwas l\u00e4nger. Nach einem Brunch gingen ich, meine Mutter und ihre Freundin spazieren. Da es ein sehr warmer Tag war, hatten wir keine Lust den H\u00fcgel hochzugehen. Auch in den Wald hinunter wollten wir nicht, dann m\u00fcssen wir jeweils wieder an der prallen Sonne durch das Dorf hoch gehen. Also setzten wir uns heute das erste Mal in unsere Autos und fuhren etwas weiter zum Spazieren. Unsere Runde liegt im selben Wald, einfach ein Dorf weiter. Wir genie\u00dfen die etwas andere Waldflora und -fauna sehr. Es tut gut, auch bei den kleinen Spazierg\u00e4ngen ab und zu neue Eindr\u00fccke zu haben und nicht immer die gleichen Wege abzulaufen. Gro\u00dfes Gespr\u00e4chsthema war die Wiederer\u00f6ffnung der Filiale der Freundin. Diese hatte vom Hauptsitz Anweisungen und eine Umsetzung des Schutzkonzepts erhalten, welche \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig sind. Pro 10 Quadratmeter darf sich laut Bund eine Person im Lokal aufhalten. Die Gesch\u00e4ftsleitung verwendete zur Berechnung die Bruttofl\u00e4che des Gesch\u00e4fts anstatt die Verkaufsfl\u00e4che. Dies ergab eine viel zu hohe Personenzahl. Die Freundin entschloss sich, sich dar\u00fcber hinwegzusetzen und nur so viele Personen, entsprechend der Nettofl\u00e4che hineinzulassen, was ungef\u00e4hr der H\u00e4lfte der vorgegebenen Anzahl entsprach. Eine andere Regel besagte, dass bei einer ausf\u00fchrlicheren Beratung das Personal Schutzmasken tragen solle, die Kundschaft jedoch nicht. Wir stimmten ihr jedoch zu, dass Masken eigentlich nur sinnvoll sind, wenn beide Parteien sie tragen. Auch Plexiglasscheiben f\u00fcr den Tresen musste sie sich selbst organisieren, weil die Gesch\u00e4ftsleitung diese f\u00fcr nutzlos h\u00e4lt. Die Freundin ist jedoch entspannter, denn wie sie selbst sagt, sie hat nun einen Plan im Kopf und wei\u00df, wie sie diese n\u00e4chste herausfordernde Woche angehen wird. Meine Mutter und sie sprachen auch wieder \u00fcber die Idee, essen zu gehen. Und zwar ins selbe Restaurant wie kurz vor dem Lockdown. Sie waren damals an diesem Freitag im M\u00e4rz essen, als die Schulschlie\u00dfung angeordnet wurde. Sie scherzten damals noch dar\u00fcber, dies sei vielleicht das letzte Mal ausw\u00e4rts essen f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit. Am darauffolgenden Montag wurden dann alle Gastst\u00e4tten und Gesch\u00e4fte geschlossen. Nun wollen sie die \u201cSaison\u201d im selben Restaurant wieder starten. Die Freundin meinte, man m\u00fcsse dann einfach abkl\u00e4ren, ob sie diagonal an einem Vierertisch sitzen k\u00f6nnten, denn direkt gegen\u00fcber sei zu nah. Meine Mutter erwiderte, sie wolle so nicht essen gehen. Wenn sie diagonal sitzen m\u00fcssten, sei das zu wenig gemeinsam. Dann k\u00f6nne man auch gleich allein essen gehen. Die Freundin meinte, f\u00fcr sie sei direkt gegen\u00fcber auch in Ordnung, wenn das f\u00fcr meine Mutter stimmen w\u00fcrde. Es ist so, dass sie oft sehr vorsichtig ist, um meine Familie zu sch\u00fctzen, weil ich und mein Vater zur Risikogruppe geh\u00f6ren. Ich meldete mich und erkl\u00e4rte ihr, sie brauche uns nicht zu sch\u00fctzen. Sie mache sich sehr viele Gedanken, um uns zu sch\u00fctzen, w\u00e4hrend ich und meine Mutter viel lockerer damit umgehen und diese Woche mit dem Zug gefahren sind. Dies f\u00fchrt zur paradoxen Situation, dass sie die Ma\u00dfnahmen viel strikter befolgt, um Menschen zu sch\u00fctzen, welche die Ma\u00dfnahmen selbst lockerer nehmen. Damit war klar, dass die beiden nicht diagonal sitzen werden und ich hoffe, dass die Freundin von nun an generell etwas entspannter mit der Ansteckungsgefahr umgehen kann. Wieder Zuhause zoomte ich mit meiner Freundin von der Uni. Da sie in einer Wohnung lebt, welche an ein Heim angegliedert ist, kennt sie die Situation der Freundin meiner Mutter etwas. Sie selbst geh\u00f6rt nicht zur Risikogruppe, nimmt die Ma\u00dfnahmen aber sehr viel ernster als viele der Heimbewohnenden und des Personals. Sie hat nicht Angst davor, selbst zu erkranken, aber sie findet die Vorstellung schrecklich, wenn sie den Virus ins Heim einschleppen w\u00fcrde. Sie meint, es sei ein st\u00e4ndiges Abw\u00e4gen. Einerseits wolle sie die Menschen dort sch\u00fctzen, so gut sie k\u00f6nne, andererseits \u00e4rgert es sie auch, wenn die Risikopatienten selbst den Ma\u00dfnahmen mit Gleichg\u00fcltigkeit oder Ablehnung begegnen. Warum solle sie sich an die Regeln halten, wenn es die st\u00e4rker Betroffenen selbst nicht tun? Zum Thema Unternehmen und ihre Strategien ihre Angestellten zu sch\u00fctzen, oder auch nicht, hatte sie auch etwas zu erz\u00e4hlen. Ihr Freund arbeitet in einem Kino. Ab n\u00e4chster Woche soll er wieder arbeiten gehen. Da er eine Sehbehinderung hat, ist er f\u00fcr den Arbeitsweg auf den \u00d6V angewiesen. Das Unternehmen will jedoch auf keinen Fall, dass die Angestellten den \u00d6V benutzen. Darum haben diese die Pendler nun so organisiert, dass ihr Freund von Mitarbeitern auf dem Arbeitsweg per Auto abgeholt wird. Wir telefonierten zwei Stunden lang und das obwohl wir immer wieder feststellten, dass es eigentlich nicht viel Neues zu erz\u00e4hlen gibt.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4hrend der letzten Abende, schauten wir die Nachrichten. Danach bleiben meine Mutter und ich meist noch vor dem TV sitzen mit unseren zweiten Endger\u00e4ten auf dem Scho\u00df. Ich schreibe Tagebuch, spiele oder mache administrative Arbeiten. Corona spielt dabei nur noch eine sehr kleine Rolle. In den Nachrichten werden Reportagen gesendet, zu den Konsequenzen der Krise. Betroffene Betriebe, die Umsetzung der Ma\u00dfnahmen zur Wiederer\u00f6ffnung. Eigentlich gibt es aber nicht mehr viel Neues.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 10. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute ist Muttertag. Wirklich gro\u00df gefeiert wurde dieser noch nie. Dieses Jahr kommt hinzu, dass man nicht noch schnell Blumen oder sonst etwas besorgen konnte. Mein Vater erlaubt sich einen Spa\u00df und stellt meiner Mutter eine Kartonschachtel hin, welche ein absolut stressfreies, \u00f6kologisches Geschenk enth\u00e4lt. Es sind einfach mehrere leere Schachteln ineinander. Ich schenke meiner Mutter eine Tafel Schokolode, die ich beim letzten Briefkastenleeren bei mir mitgenommen hatte, damit sie nicht alt wird. Danach f\u00e4llt uns ein, dass wir f\u00fcr den Brunch noch ein Brot backen wollten. Somit wird der Brunch wieder auf den Mittag verschoben, wie bereits beim letzten Mal als wir ein Brot gebacken haben. Nachmittags spielen wir wieder eine Runde Pandemic Legacy. Wir verstehen das Spiel schon etwas besser, jedoch schaffen wir es auch diesmal nicht die Welt vor den Viren zu retten. Diesmal gibt es nicht zu viele Ausbr\u00fcche, aber wir sind zu langsam. Trotzdem macht dieses Spiel unglaublich Spa\u00df und der Nachmittag vergeht wie im Flug. Danach helfe ich meiner Mutter beim Kochen, wie ich es immer mache am Muttertag. Ich sage ihr immer wieder, dass ich auch sonst gerne beim Kochen helfe, sie br\u00e4uchte mir nur zu sagen, wenn ich etwas helfen kann. Sie wei\u00df zudem auch, dass ich sehr gerne koche und jetzt wo ich mich hier seit Monaten an einen gedeckten Tisch setze, gerne mithelfe. Allerdings ist unsere K\u00fcche sehr klein und meine Mutter hat auch Recht, wenn sie meint, zu zweit kochen sei schwierig in dieser K\u00fcche. Ich gehe also nicht davon aus, dass meine Mutter mich zuk\u00fcnftig \u00f6fter fragen wird, ob ich kochen helfen m\u00f6chte. Darum werde ich weiterhin ein Mal pro Woche ein Essen bezahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 11. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war f\u00fcr mich ein gew\u00f6hnlicher Montag. Um 10 Uhr hatte ich mein Online-Seminar. Die Stunde war spannend und wie bereits vor einer Woche beschrieben, ein angenehmer Start in die Woche.<\/p>\n<p>Der Nachmittag verlief ruhig. Ich hatte einiges zu tun am Computer und absolvierte zwischendurch noch ein 50 min\u00fctiges Fitness Workout von meinem Fitnesscenter. Ich hatte vor kurzem entdeckt, dass meine Fitnesscenter eine Plattform mit einer riesigen Auswahl an Trainingsvideos hat. Ein spezieller Tag ist es aber f\u00fcr viele andere. Heute \u00f6ffneten die Regelschulen wieder. In den TV-Nachrichten werden Sch\u00fcler und Lehrer interviewt wie denn der erste Schultag gewesen sei und wie es war mit den neuen Regeln umzugehen. Gewisse Kantone unterrichten in Halbklassen andere unterrichten wieder im normalen Klassenverband. Die meisten Schulen haben jedoch verschiedene Ein- und Ausg\u00e4nge eingerichtet. Die unterschiedlichen Systeme mit, welche die Kantone den Unterricht wieder durchf\u00fchren, f\u00fchren auch zu einigen Diskussionen, weil es immer Eltern und Lehrpersonen gibt, welche das jeweils andere System besser f\u00e4nden. Nach Ansicht der Lehrer funktionierte der erste Tag jedoch einigerma\u00dfen gut. Die Sch\u00fcler h\u00e4tten die neuen Regeln gut angenommen. Sie w\u00fcrden diese zwar manchmal noch vergessen, aber wenn man sie ermahnt, dann w\u00fcrden sie sich daran halten. Einige Lehrpersonen meinten, sie h\u00e4tten sich vor einigen Monaten nicht tr\u00e4umen k\u00f6nnen, dass die Sch\u00fcler pl\u00f6tzlich alle so gerne zur Schule kommen w\u00fcrden. Nebst den Schulen sind heute auch die Gesch\u00e4fte wieder ge\u00f6ffnet. So zum Beispiel auch das Gesch\u00e4ft in welchem die Freundin meiner Mutter Filialleiterin ist. Der Tag verlief anscheinend ganz in Ordnung und die meisten Kunden w\u00fcrden sich an die neuen Abstandsregeln und die neue Organisation des Ladenlokals halten. Auch die Restaurants sind nun wieder ge\u00f6ffnet, sie d\u00fcrfen jedoch nur Vierertische mit gen\u00fcgend Abstand dazwischen anbieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 12. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Der Vormittag heute war sehr ruhig, nachmittags gingen ich und meine Mutter in die Stadt, weil wir einiges zu besorgen hatten. Erst gingen wir in einen Drogeriegesch\u00e4ft. Am Eingang erhielten alle Besucher ein kleines Nummernschildchen. Nach unserem Einkauf mussten wir dieses an der Kasse beim Bezahlen wieder abgeben. Mir viel auf, dass in diesem Gesch\u00e4ft keine Scheibe die Verk\u00e4uferin von den Kunden trennte. Danach betraten wir einen kleines Stoffgesch\u00e4ft, da meine Mutter passende Stoffe f\u00fcr neue Masken kaufen wollte. Eine Verk\u00e4uferin wies uns darauf hin, dass beim Eingang Tickets liegen w\u00fcrden und jede von uns eines nehmen musste, damit nur sechs Personen im Gesch\u00e4ft sind. Meine Mutter suchte f\u00fcr sich lustige Stoffe, da sie Ende der Woche wieder in den Tagesstrukturen mit Kindern arbeiten wird. Ich suchte mir f\u00fcr meine Masken einen h\u00fcbschen gr\u00fcn gemusterten Stoff aus, den ich auch f\u00fcr mein Praktikum tragen konnte. Zudem noch einen schwarzen mit Totenkopf und roter Rose im Gothicstyle. Daraus wird es eine Maske f\u00fcr den Ausgang geben. Ich hoffe, ich werde es dieses Jahr noch zu Rock- und Metalkonzerten schaffen und finde die Idee jetzt schon ziemlich lustig, dort mit dieser Maske aufzutauchen. W\u00e4hrend wir im Gesch\u00e4ft waren betraten immer wieder Kundinnen das Gesch\u00e4ft, ohne ein Ticket zu nehmen. Die Tickets waren auf der Fensterbank platziert und wirklich nicht sehr auff\u00e4llig. Die Verk\u00e4uferinnen m\u00fcssen also immer sehr wachsam sein und die T\u00fcr immer im Blick haben. Als ich meine Stoffe ausgesucht hatte und meine Mutter noch nicht fertig war, verlie\u00df ich bereits den Laden. Ich wollte nicht ein Ticket blockieren f\u00fcr jemanden der vielleicht etwas kaufen wollte und wartete stattdessen drau\u00dfen. Danach gingen wir in einen Supermarkt, weil ich noch einige Artikel f\u00fcr ein Geschenk kaufen wollte. Meine Freundin hat n\u00e4chste Woche Geburtstag und da ich ihr nichts Kleines vorbeibringen kann, werde ich ihr einen \u201cNotvorrat\u201d schicken. Ein Paket mit Lebensmitteln drin. Zum Beispiel Pasta in Tintenfisch, Muschel und Seepferdform, damit sie den Strandspa\u00df Zuhause genie\u00dfen kann. Auf dem R\u00fcckweg zum Parkhaus merke ich, wie bei meiner Mutter die Anspannung steigt. Sie scheint sich immer mehr \u00fcber andere Passanten zu nerven, welche uns zu nahe kommen. Die Situation spitzt sich zu als meine Mutter das Parkticket bezahlt und eine andere Frau den Automaten daneben benutzt. An den Automaten h\u00e4ngt ein Schild, man solle zwei Meter Abstand halten. Die Automaten stehen jedoch keinen halben Meter auseinander und sind beide in Betrieb. Meine Mutter sagt in gereizten Ton zu der Frau, das seien keine zwei Meter. Die Frau reagiert erst auf wiederholtes Ansprechen und ist ziemlich entr\u00fcstet und f\u00fchlt sich angegriffen. Meine Mutter l\u00e4uft weg und wir gehen zum Aufzug. Sie \u00e4u\u00dfert ihren Unmut \u00fcber diese Person, die den Abstand nicht einh\u00e4lt. Ich jedoch finde, dass meine Mutter \u00fcberreagiert hat und sage ihr das auch. Ja, es waren keine zwei Meter, aber ich fand die Situation mit den Automaten die n\u00e4her standen auch etwas widerspr\u00fcchlich. Zudem war mir der Ton meiner Mutter ehrlich gesagt peinlich. Ich finde, man kann andere beim ersten Mal freundlich auf etwas hinweisen. Bei meiner Mutter hatte sich wohl der \u00c4rger schon so angestaut, dass das nicht mehr m\u00f6glich war. Beim Auto angekommen, stellte sie dann fest, dass sie ihr Ticket nicht mehr hatte. Wahrscheinlich hatte sie es bei der Aufregung im Automaten stecken lassen. Es folgt eine l\u00e4ngere Odyssee, in welcher meiner Mutter das Ticket sucht und versucht eine L\u00f6sung zu finden, bei welcher sie nicht die 50 Franken Strafgeb\u00fchr bezahlen muss, um das Parkhaus ohne Ticket verlassen zu k\u00f6nnen. Da jedoch niemand \u00fcberpr\u00fcfen kann, dass sie die Parkgeb\u00fchr bezahlt hat, weil die Kreditkarte erst am n\u00e4chsten Tag verbucht wird, kommt sie nicht darum herum. Sehr genervt f\u00e4hrt sie nach Hause und beschlie\u00dft gleich einen Ap\u00e9ro mit meinem Vater zu genie\u00dfen, um sich zu entspannen.<\/p>\n<p>Abends nehme ich noch an einem Webinar teil. Da ich nun eine Jugendgruppe und damit quasi eine Selbsthilfegruppe leite, hat mir der Fachstellenleiter unserer Organisation diesen Workshop empfohlen. Es geht darum, wie man in Corona-Zeiten eine Selbsthilfegruppe leitet und wie man diese online moderiert. Ich profitiere jedoch nicht sehr viel und unterst\u00fctze sogar eher die Moderatorin, da ich schon diverse Programme f\u00fcr Videokonferenzen kenne. Es geht fast die ganze Stunde um technische Fragen rund um die Programme, welche Vorteile und Nachteile sie haben und wie sie anzuwenden sind. Wir verabreden uns jedoch f\u00fcr ein weiteres Treffen, bei welchem es dann um eher didaktische Themen gehen soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 13. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich sehr mit einem Projekt f\u00fcr die Uni besch\u00e4ftigt. Als Leistungsnachweis sollten wir ein wissenschaftliches Poster zu einer eigenen kleinen Forschung erstellen. Urspr\u00fcnglich war geplant, diese Poster aufzuh\u00e4ngen. Nun werden wir sie uns einfach gegenseitig via Zoom pr\u00e4sentieren. Auch die Forschung hat sich dadurch ver\u00e4ndert, da wir nirgends vor Ort sein konnten, um direkt zu beobachten. Ich entschied mich deshalb, Websites von bestimmten Unternehmen zu analysieren. Morgen will die f\u00fcr mich zust\u00e4ndige Dozentin von ihren Betreuten ein Posterentwurf sehen, da wir diese zwischen Freitag und Sonntag einreichen sollen. Mich stellt das vor eine gro\u00dfe Herausforderung, da Layouten aufgrund meiner Sehbehinderung sehr schwierig ist f\u00fcr mich. Ich verbrachte heute also zahlreiche ziemlich frustrierende Stunden vor dem PC.<\/p>\n<p>Mittags gingen ich und meine Eltern in die Pizzeria im Dorf. Diese hat nun, mit umgesetzten Vorsichtsma\u00dfnahmen, wieder ge\u00f6ffnet. Am Eingang werden die H\u00e4nde desinfiziert, drinnen wird gewartet, bis man zu einem Tisch begleitet wird. Wir sitzen an einem langen Tisch und die Bedienung stellt Teller und Gl\u00e4ser immer etwas weiter weg von uns auf den Tisch. Wir genie\u00dfen es sehr, endlich wieder einmal essen zu gehen und dabei auch noch unser Dorfcaf\u00e9\/Pizzeria zu unterst\u00fctzen. Auch die Angestellten scheinen froh zu sein, endlich wieder arbeiten zu k\u00f6nnen. Jedenfalls sind sie alle gut gelaunt und zu Sp\u00e4\u00dfen aufgelegt. Das Restaurant ist gut gef\u00fcllt, jedenfalls an den Tischen, die noch drinnen stehen bleiben durften.<\/p>\n<p>Nachmittags war ich wieder mit meinem Poster besch\u00e4ftigt und geriet langsam ziemlich in Stress. Abends hatte ich noch ein Zoom-Meeting mit meiner Jugendgruppe. Heute waren es zehn Teilnehmende, noch einmal deutlich mehr als beim ersten Mal. Wieder lief das Gespr\u00e4ch sehr fl\u00fcssig und ich brauchte nicht viel zu moderieren. Statt der geplanten Stunde, sprachen wir \u00fcber zwei Stunden, bis die meisten langsam zu Bett gehen mussten. Ich bin \u00fcberw\u00e4ltigt von dem gro\u00dfen Gespr\u00e4chsbedarf, der hier vorhanden zu sein scheint. F\u00fcr mich geht es danach nochmals weiter mit Arbeiten f\u00fcr mein Poster, bis ich v\u00f6llig fertig ins Bett falle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 13. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen ich, meine Mutter und ihre Freundin eine Runde durchs Dorf drehen, da die Freundin morgens frei hat. Das Gesch\u00e4ft, in dem sie arbeitet, hat zurzeit nur nachmittags ge\u00f6ffnet, da Erfahrungen der Branche gezeigt haben, dass es sich momentan noch nicht lohnt, ganztags zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal seit langem k\u00f6nnen wir nach unserem Spaziergang wieder im Dorfcaf\u00e9 einen Cappuccino trinken gehen. Darauf haben wir uns alle sehr gefreut und genie\u00dfen es sehr. Nach einer gem\u00fctlichen Auszeit m\u00fcssen wir aufbrechen. Die Freundin muss zur Arbeit und ich habe meinen Call mit meiner Dozentin und den anderen zwei Studenten, welche von ihr betreut werden. Das Gespr\u00e4ch ist etwas anstrengend, denn die Dozentin hat noch einiges an all unseren Entw\u00fcrfen zu verbessern.<\/p>\n<p>Nachmittags geht der Poster-Stress also weiter f\u00fcr mich. Zwischendurch bin ich noch mit den Computerproblemen der Hilfsorganisation, f\u00fcr die ich mich engagiere, besch\u00e4ftigt. Abends steht wieder Spanischunterricht auf dem Programm. Heute haben die ersten Teilnehmenden ihre Semesterendpr\u00e4sentationen. Diese haben sie alle im Voraus aufzeichnen k\u00f6nnen, um eine st\u00f6rungsfreiere \u00dcbertragung zu erm\u00f6glichen. Die Bedingung war einfach, dass nicht abgelesen werden darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 15. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich wieder den Grossteil des Tages mit meinem Posterprojekt besch\u00e4ftigt. Meine Mutter ist heute das erste Mal wieder zur Arbeit gefahren. Da die Schule wieder ge\u00f6ffnet ist, m\u00fcssen auch die Kinder mittags wieder betreut werden. Meine Mutter hat weniger mit den Kindern zu tun als ihre Chefin. Sie konzentriert sich lieber auf die K\u00fcche. Zuhause \u00fcbernehme ich inzwischen die K\u00fcche. Obwohl ich gerne koche, komme ich hier selten dazu, denn meine Mutter kocht auch gerne und f\u00fcr zwei ist die K\u00fcche zu klein. Mein Vater hat sich von mir mein Risotto gew\u00fcnscht. Ich genoss es, endlich wieder einmal am Herd zu stehen.<\/p>\n<p>Als meine Mutter nachmittags nach Hause kommt, erz\u00e4hlt sie, der erste Tag sei gut gelaufen. Sie hatte zuvor noch je zwei Masken f\u00fcr sich und ihre Chefin gen\u00e4ht. Diese sind aus zwei lustig bunten Stoffen mit Bildchen darauf gemacht. Die Kinder h\u00e4tten die Masken erst etwas merkw\u00fcrdig, aber lustig gefunden. Sie h\u00e4tten sich aber rasch daran gew\u00f6hnt. Sp\u00e4ter arbeitete meine Mutter dann auch noch mit Visier statt Maske und meinte, das Visier sei schon einiges angenehmer als die Maske, weil man frei atmen kann. In der K\u00fcche \u00fcber den Lebensmitteln ist aber ganz klar Maskenpflicht. Die Kinder sitzen zum Essen neu in Kleingruppen und es herrscht eine strenge H\u00e4ndewasch-Kontrolle. Beim Spielen seien die Kinder aber nicht voneinander zu trennen, besonders diejenigen der unteren Primarstufen.<\/p>\n<p>Nachmittags betreiben ich und meine Mutter noch gemeinsam Sport. Ihre Gruppentrainerin sendet ihrer Gruppe jede Woche ein neues 40 min\u00fctiges Training. Ich finde, diese gemeinsamen Trainings viel unterhaltsamer als allein vor dem Bildschirm zu zappeln.<\/p>\n<p>Abends backe ich eine Apfelw\u00e4he zum Abendessen f\u00fcr mich und meinen Vater. Meine Mutter geht das erste Mal wieder in Luzern ausw\u00e4rts essen mit ihrer besten Freundin. Sie gehen daf\u00fcr in genau dasselbe Restaurant, in welches sie an jenem Abend gingen, als verk\u00fcndet wurde, dass die Schulen geschlossen werden. Sie begannen die Restaurant-Saison also da, wo sie aufgeh\u00f6rt hatte und beide freuten sich riesig auf diesen Abend. Meine Mutter erz\u00e4hlte sp\u00e4ter, es sei nicht nur lecker gewesen, sondern es h\u00e4tte auch alles gut funktioniert mit den Vorsichtsma\u00dfnahmen. Auch der Bus sei nicht zu voll gewesen, vor allem da die beiden entgegen der Pendlerstr\u00f6me gefahren sind.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte ich vor heute mein Poster noch einzureichen, aber abends sp\u00e4t t\u00fcftelten ich und meine Mutter noch daran herum, da sie mir mit dem Layout hilft. Dann realisiere ich, dass nur wenige der anderen Studierenden ihre Poster bereits eingereicht hatten. Da wir zu m\u00fcde waren, verschoben wir die Fertigstellung auf morgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 16. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Den Vormittag verbrachten wir wieder mit dem Layout meines Posters. Nachmittags kommen mein Bruder und seine Frau zu Besuch. Wir haben uns gef\u00fchlt seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Als die beiden ankommen, steuert meine Schw\u00e4gerin gleich den Garten an. Die beiden leben in einer kleinen Wohnung mitten in Z\u00fcrich und w\u00fcrden so gerne einen Garten haben. Die n\u00e4chsten Stunden verbringt sie mit J\u00e4ten, hilft meiner Mutter einige Gem\u00fcse anzus\u00e4en und lernt von meinem Vater gleich noch, wie man mit der Sense m\u00e4ht. W\u00e4hrenddessen spiele ich mit meinem Bruder eine Runde Pandemic Legacy. Er war es, der mir das Brettspiel zum Geburtstag geschenkt hatte und wollte es unbedingt selbst ausprobieren. Nat\u00fcrlich verlieren wir und schaffen es wieder nicht die Welt vor den vier Viren zu retten. Danach bereiten wir gemeinsam das Abendessen zu. Mein Bruder hat sich das Thaicurry meiner Mutter gew\u00fcnscht. Wir sitzen noch lange beisammen und reden. Dann m\u00fcssen die beiden wieder auf den Bus. Sonst hatten sie oft auch bei meinen Eltern \u00fcbernachtet, doch wir fanden alle, dass das nun doch noch etwas zu viel N\u00e4he sei. Beim Abschied konnten wir uns allerdings nicht mehr zur\u00fcckhalten und mussten uns alle einmal umarmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 17. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute wollte ich mich von dem ganzen Posterstress der letzten Tage erholen. Ich merkte richtig, wie ich wieder einmal an meine Grenzen kam. Den Stress eines Abgabetermins bin ich grunds\u00e4tzlich gewohnt, aber was nun etwas anders als sonst ist, dass alle die anderen T\u00e4tigkeiten auch schnell erledigt sein wollen, weil man ja jetzt so viel Zuhause ist. Beispielsweise, dass Menschen davon ausgehen, da man Zuhause sitze, h\u00e4tte man Zeit wegen jedem kleinen Problemchen zu telefonieren oder Computerprobleme zu l\u00f6sen. Zuhause = verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Darum startete ich erst einmal mit Computerspielen in den Tag. Nach dem Brunch d\u00fcmpelte ich weiter in den Tag hinein. Sport stand dann doch noch auf dem Programm. Seit l\u00e4ngerem gehe ich wieder einmal 20 Minuten auf den Home Trainer und absolviere ein 20 min\u00fctiges Trainingsvideo. Danach setzte ich mich mit einem Eis gemeinsam mit meiner Mutter in den Garten an die Sonne. An sch\u00f6nen Tagen ist dies quasi mein Belohnungsritual nach dem Indoor-Sportprogramm. Ungef\u00e4hr eine halbe Stunde an der Sonne die Beine hochlegen mit einem Eis oder einem kalten Kaffee. Manchmal einfach so, manchmal mit einem H\u00f6rbuch dazu. Danach investiere ich doch noch wenige Minuten in mein Studium. Morgen muss ich mein Poster pr\u00e4sentieren und daf\u00fcr noch kurz ein paar Notizen machen, was ich in der stark begrenzten Zeit sagen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Montag, 18. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute hatte ich meine Posterpr\u00e4sentation im Online-Seminar. Das Ganze lief gut und die Stunde verflog deshalb auch sehr schnell. Ich war unglaublich erleichtert, diese Sache nun abgeschlossen zu haben. Nachmittags war ich sehr produktiv. Ich erledigte einiges an B\u00fcroarbeit, machte die W\u00e4sche und absolvierte ein sehr intensives Intervalltraining. Danach zog es mich wieder mit einem Kaffee nach drau\u00dfen. Abends gab es erschreckende Bilder aus Basel zu sehen. In vielen St\u00e4dten hatte die Regierung bewilligt, dass Gastrobetriebe etwas mehr Platz f\u00fcr die Au\u00dfenbestuhlung benutzen d\u00fcrfen, ohne komplizierte Antr\u00e4ge stellen zu m\u00fcssen. Somit konnten die Betriebe einige Tisch mehr aufstellen, trotz der Abstandsregelungen von zwei Metern\u00a0 zwischen den Vierertischen. An diesem sch\u00f6nen warmen Wochenende f\u00fcllte sich die Steinenvorstadt in Basel jedoch extrem. Aufnahmen von oben zeigten, dass es fast kein Durchkommen in der beliebten Fussg\u00e4ngerzone mehr gab und Betriebe bedienten auch stehende Kunden, was verboten war. Mich erschreckten diese Bilder sehr. Es war das erste Wochenende an welchem Ausgang wieder m\u00f6glich war bis Mitternacht. Erstaunlich fand ich nicht nur, dass es gleich so viele Menschen waren, sondern auch dass es so viele Menschen \u00fcberhaupt nicht zu st\u00f6ren schien, dass sie so dicht gedr\u00e4ngt waren. Ansonsten w\u00e4ren einige bestimmt gegangen. Pers\u00f6nlich hatte ich eigentlich gehofft, bald wieder nach Basel in meine eigenen vier W\u00e4nde zu k\u00f6nnen, sp\u00e4testens Anfangs Juni, wenn ich gerne mit meinem Praktikum anfangen w\u00fcrde. Diese Bilder lassen mich nun aber wieder ein bisschen zweifeln. Basel hat sonst schon eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssig hohe Infiziertenzahl pro Kopf. Wenn von nun an das Ausgehverhalten in Basel so aussieht, wie sicher ist es denn f\u00fcr mich, mich frei in dieser Stadt zu bewegen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 19. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Vormittag erreichte ich meinen zuk\u00fcnftigen Chef meines Praktikums. Wir waren so verblieben, dass ich mich melde, sobald ich mich wieder sicher genug f\u00fchlen w\u00fcrde, die Stelle anzutreten. Ich teilte ihm mit, dass ich mir vorstellen k\u00f6nnte, im Juni anzufangen. Nat\u00fcrlich kann niemand definitiv sagen, wie sich die Lage bis dahin noch entwickeln wird. Er erz\u00e4hlt mir, dass seine Abteilung bis Ende Juni komplett im Home Office sein wird. Ich kann nicht anfangen mit meinem Praktikum, solange alle im Home Office sind, weshalb sich mein Praktikum weiter verz\u00f6gern wird. Wir verbleiben so, dass wir im Juni die Lage wieder besprechen werden. F\u00fcr mich war das nicht sehr \u00fcberraschend. Mir war klar, dass die erste Voraussetzung ist, dass Home Office zumindest teilweise wieder aufgehoben sein muss. Zudem hatte ich den Chef als bedachten und auch humanen Menschen kennengelernt. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass keine Gefahr besteht und da er selbst zurzeit nicht mit dem \u00d6V zur w\u00f6chentlichen Sitzung geht, ist es klar, dass es somit f\u00fcr mich als Risikopatientin erst recht zu fr\u00fch w\u00e4re. Wir sprachen auch noch \u00fcber die Partybilder aus Basel. Diese haben uns beide wieder etwas nachdenklich gestimmt. Nach einem ersten Optimismus, folgt somit bereits die Ern\u00fcchterung, es k\u00f6nnte doch noch zu fr\u00fch sein und man warte besser noch etwas ab, wie sich die Lage entwickelt.<\/p>\n<p>Danach machten ich, meine Mutter und ihre Freundin uns auf einen etwas l\u00e4ngeren Spaziergang. Wir gingen den H\u00fcgel hoch und dann weiter bis zu einem Landgasthof. Als Kind waren wir oft hier, weil die damalige P\u00e4chterin einen Sohn in meinem Alter hatte und es einen gro\u00dfen Spielplatz gibt. Seit Kindertagen bin ich diesen Weg aber nicht mehr gegangen und habe mich deshalb gefreut. Als wir beim Gasthof ankamen, kassierten wir erst einmal einen R\u00fcffel, der sich gewaschen hatte, weil wir nicht reserviert hatten. Der Wirt meinte, er h\u00e4tte nur eine begrenzte Anzahl Tische und auch weniger Personal als \u00fcblich, deshalb m\u00fcsse man momentan immer und \u00fcberall im Vorhinein reservieren. Wir bef\u00fcrchteten insgeheim schon, mit leerem Bauch wieder umkehren zu m\u00fcssen, erhielten dann aber doch noch einen Tisch. Das Restaurant war um halb zw\u00f6lf noch so gut wie leer. Der R\u00fcffel kam bei uns sehr schlecht an, da der Wirt dann aber sehr aufmerksam war, was meine Sehbehinderung anging und auch sonst sehr humorvoll war, machte er dies bei mir fast komplett wieder wett. Wir genossen ein gem\u00fctliches Mittagessen und machten uns danach auf einer etwas anderen Route wieder auf den Nachhauseweg.<\/p>\n<p>Als wir wieder Zuhause waren, h\u00fcpfte ich kurz unter die Dusche. Danach ging ich mit meiner Mutter einkaufen. Ich musste zur Apotheke Medikamente holen gehen. Ich war das erste Mal wieder dort nach dem Lockdown. Beim Betreten merkte man sofort, dass es sich um ein Gesch\u00e4ft handelt, in welchem sich die Angestellten mit dem Gesundheitswesen auskennen. Das kleine Gesch\u00e4ft war perfekt organisiert was die Gesundheitsma\u00dfnahmen betraf. Es gab eine klar verst\u00e4ndliche Kundenf\u00fchrung, so dass alle in derselben Richtung gehen mussten und im Bereich der Kasse war klar signalisiert mit Klebband, Absperrband, Scheiben und Schildern wer wo zu stehen und was anzufassen hatte. Danach gingen wir in den Supermarkt daneben. Wir sind selten hier, waren aber \u00fcberrascht, dass er gr\u00f6\u00dfer war als wir ihn in Erinnerung hatten. Auch hier stellten wir fest, dass das Einkaufen gut funktionierte. Die allermeisten Menschen verhalten sich vorsichtig, ruhig und r\u00fccksichtsvoll. Bei Engp\u00e4ssen wird geduldig gewartet, bis der Weg frei wird; beim Anstehen wird Abstand gehalten und man versucht, sich selbst aus dem Weg anderer zu navigieren.<\/p>\n<p>Wieder Zuhause mache ich es mir am PC gem\u00fctlich. Meine Mutter hat noch eine Verabredung. Eine Bekannte hat Geburtstag. Eine Gruppe von Frauen trifft sich bei ihr auf der Terrasse, welche gl\u00fccklicherweise von au\u00dfen zug\u00e4nglich ist, denn durch eine fremde Wohnung gehen, w\u00e4re immer noch nicht in Ordnung, wie die meisten finden. Da sie mehr als f\u00fcnf Personen sind, haben sie sich darauf geeinigt, dass zwei nach einer Stunde gehen werden, damit die zwei verbleibenden Personen kommen k\u00f6nnen. Eine der zweiten Schicht hatte die E-Mail falsch gelesen und stand dann doch schon zu Beginn da. Sie wurde aber konsequent wieder nach Hause geschickt und musste wie abgemacht in einer Stunde wieder kommen.<\/p>\n<p>Das Thema in den Nachrichten waren heute die Hygienemasken. Seit letzter Woche schon empfehlen die Verkehrsbetriebe im \u00d6V Masken zu tragen. Die Z\u00fcrcher Verkehrsbetriebe haben dazu sogar einem Tram eine Maske angezogen (umlackiert), um mit gutem Vorbild voran zu gehen. Die ganzen Empfehlungen n\u00fctzen jedoch herzlich wenig. Fast niemand tr\u00e4gt Masken im \u00f6ffentlichen Raum generell. Die Hemmung scheint sehr gro\u00df zu sein. Viele sagen ganz offen vor der Kamera, sie w\u00fcrden keine tragen, solange es nicht obligatorisch sei. Ich denke, der Bund hat sich mit seiner Kommunikation zu den Masken damals ein Eigentor geschossen, als die Masken noch Mangelware waren. Damals wurde kommuniziert, die Masken w\u00fcrden kaum bis gar nichts n\u00fctzen. Ja, es gibt keine Evidenz f\u00fcr einen Schutz und diverse Gesundheitsexperten haben noch unterschiedlichere Meinungen. Man wird aber den Eindruck nicht los, dass der geringe Nutzen so betont wurde, um keinen Run auf die Mangelware auszul\u00f6sen. Der Bund hatte es vers\u00e4umt den existierenden Pandemieplan umzusetzen und einen Notvorrat an Masken und anderen Materialien anzulegen. Nun sind viele davon \u00fcberzeugt, die Masken w\u00fcrden definitiv \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzen und zudem ist es ein sehr gutes Argument, f\u00fcr jene die sowieso lieber keine tragen m\u00f6chten. Da nun im \u00d6V wieder Ticketkontrollen durchgef\u00fchrt werden, tragen die Kontrolleure alle Masken. Diese haben sich nun beschwert, dass die Passagiere ihrerseits jedoch fast nie welche tragen w\u00fcrden. Die Z\u00fcrcher Verkehrsbetriebe haben deshalb angefangen, Masken zu verteilen und hoffen, so die Fahrg\u00e4ste auch zum Ausprobieren animieren zu k\u00f6nnen. Man folgt der Tatsache, dass Menschen oft einfach das tun, was andere auch tun und somit als normal angesehen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 20. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute machten meine Eltern und ich einen Ausflug. Gerade auch weil das Maskentragen momentan eine gro\u00dfe Diskussion ist, beschlie\u00dfen wir drei, konsequent Masken zu tragen im \u00d6V. Ich freue mich sogar etwas darauf. Ich mag die selbstgen\u00e4hte Maske von meiner Mutter und ich finde sie zudem sehr angenehm zu tragen. Dies best\u00e4tigte sich auch heute. Obwohl die Temperaturen warm waren, schwitze ich darunter kaum, sie sa\u00df locker genug, um nicht zu st\u00f6ren und doch hatte sie eine gute Passform. Zudem beschlug die Brille nicht. Der Bus war schon gut gef\u00fcllt und wir setzten uns ganz hinten hin. Wir waren die einzigen mit Masken und sahen auch viele Senioren und Seniorinnen ohne Masken. Erst in N\u00e4he der Stadt stiegen etwas mehr Menschen mit Masken zu. Die R\u00fcckbank hatten wir jedoch f\u00fcr uns. Niemand machte Anstalten nach hinten zu kommen. Wir waren alle der Meinung die Masken k\u00f6nnten dazu beigetragen haben. Erstens weicht man vielleicht Maskierten immer noch eher aus, weil viele intuitiv das Gef\u00fchl haben, Maskierte k\u00f6nnten ansteckend sein. Zudem werden Passagiere ohne Masken in unserer Gegenwart automatisch mit der Maske konfrontiert. Es k\u00f6nnte also sein, dass man uns auch etwas mied, um dem stillen Vorwurf zu entgehen. Im Zug waren wir dann ziemlich allein. Da wir zudem Kaffee und Sandwiches dabei hatten, beschlossen wir, dass wir die Masken nun ausziehen k\u00f6nnen. Auch am Zielbahnhof ben\u00f6tigten wir die Masken nicht, da es dort kaum Menschen gab. Wir machten uns auf den Weg und wanderten rund zwei Stunden einem kleinen Fluss entlang. Wir trafen nur wenige Menschen und das war gut so. Deshalb hatten wir den heutigen Tag ausgew\u00e4hlt, denn Morgen ist ein Feiertag und dann werden hier bestimmt mehr Menschen unterwegs sein. Diejenigen die wir trafen, waren alle sehr vorsichtig und der Abstand wurde gut eingehalten. Unterwegs fanden wir eine lustige Bank. Ein halbierter Baumstamm wurde als Sitzfl\u00e4che benutzt. Gebaut wurde diese Bank wohl erst vor kurzem. Speziell war, dass der Baumstamm etwa zehn Meter lang war. Also setzten ich und mein Vater uns an den beiden Enden hin und scherzten, so s\u00e4he der Mindestabstand nach der zweiten Welle aus. Meine Mutter fotografierte uns von hinten. Daraus entstand ein Facebook-Post mit der Bild\u00fcberschrift \u201cSitzbank nach der 2. Welle\u201d.<\/p>\n<p>Als wir am Zielort ankamen, besuchten wir ein Restaurant. Meine Mutter hatte diesmal reserviert, um einen R\u00fcffel wie gestern zu vermeiden. Hier w\u00e4re es aber nicht n\u00f6tig gewesen, obwohl es bereits ein Uhr war, gab es nicht viele andere G\u00e4ste, aber so wusste die K\u00fcche wenigstens, dass noch Kundschaft kommt. Wir genossen das leckere Essen sehr. Man merkte aber, dass hier im tiefen Hinterland von Luzern Corona bereits etwas weiter weg war. Die Vorschriften wurden eingehalten, man sp\u00fcrte aber, dass die Angestellten weniger Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit den G\u00e4sten hatten. Sie traten an den Tisch heran und scheuten auch nicht den engen Kontakt, wenn sie die Teller direkt vor den Gast stellten. Mir ist dies zwar aufgefallen und es f\u00fchlte sich schon ungewohnt an, aber Angst machte mir dies nicht. Es ging eher unter \u201cDinge, an die man sich wieder gew\u00f6hnen muss\u201d. Die Interaktionen war schlie\u00dflich auch nur kurz. Ich beschloss die Bezahlung zu \u00fcbernehmen, da ich einmal pro Woche meinen Eltern ein Essen zahle, w\u00e4hrend ich bei ihnen wohne. Ich wollte mit Karte bezahlen und war etwas \u00fcberrascht, als ich merkte, dass dies nicht selbstverst\u00e4ndlich war f\u00fcr die Bedienung. Gerade jetzt wird sonst \u00fcberall von der Barzahlung abgeraten und um kontaktlose Kartenzahlung gebeten. Hier war wohl das Bargeld noch etwas \u00fcblicher als die Karte. Danach fuhren wir wieder mit dem Zug nach Luzern zur\u00fcck. Die Masken trugen wir im Zug nicht, da wir den Wagen anfangs f\u00fcr uns hatten. Es stiegen war Menschen zu, aber in unserem Abteil sa\u00dfen nur wir drei. Kurz vor dem Aussteigen setzten ich und meine Mutter uns wieder die Masken auf. Mein Vater nicht, als meine Mutter ihn am Bahnsteig darauf ansprach, fragte er, ob er sie denn hier tragen m\u00fcsse, man k\u00f6nne den Abstand doch gut einhalten. Grunds\u00e4tzlich hatte er Recht. Wir Frauen trugen unsere aber auch, weil wir mit gutem Beispiel vorangehen wollten. Ich pers\u00f6nlich bin der Meinung, mein Vater dr\u00fcckte sich bereits etwas vor der Maske, wahrscheinlich weil sie ungewohnt ist, weil es nicht ganz so komfortabel ist wie ohne und weil man damit auff\u00e4llt. Mich pers\u00f6nlich nervt es ein bisschen, dass mein Vater nicht zu bemerken scheint, dass er damit genau zu der Gruppe Senioren geh\u00f6rt, \u00fcber die wir uns schon gemeinsam ge\u00e4rgert haben. Viele Menschen dr\u00fccken sich davor, Masken zu tragen, aber das Unverst\u00e4ndnis ist gr\u00f6\u00dfer, wenn es Menschen tun, die einem h\u00f6heren Risiko ausgesetzt sind und dann selbst diese einfache Ma\u00dfnahme verweigern, die vielleicht nicht sehr stark sch\u00fctzt, aber auch nicht schadet. Besonders nervt es mich als junge Person, denn oft sind es die \u00e4lteren Menschen, die den j\u00fcngeren vorwerfen, sie seien heute viel egoistischer und unsolidarischer.<\/p>\n<p>Wir gingen zum Bus. Hier zog nun auch mein Vater seine Maske auf. die Platzverh\u00e4ltnisse waren jedoch v\u00f6llig in Ordnung. Kurz vor unserer Haltestelle zog sie mein Vater wieder aus. Zu fr\u00fch! Auf der Hinfahrt hatten wir noch die K\u00f6pfe gesch\u00fcttelt \u00fcber eine Frau, welche die Maske auszog als sie sich vom Sitz erhob und dann ohne Maske dicht gedr\u00e4ngt an der Bust\u00fcr stand, dann noch hustete und sich dann mit anderen Passagieren herausdr\u00e4ngte. Und nun tut mein Vater wieder genau dasselbe. Die gr\u00f6\u00dfte Chance f\u00fcr ein Gedr\u00e4nge besteht doch klar beim Ein- und Aussteigen, aber mein Vater scheint es kaum erwarten zu k\u00f6nnen, die Maske vom Gesicht zu haben. Ich und meine Mutter ziehen unsere erst drau\u00dfen ab und stellen fest, Maske tragen ist weniger unbequem als gedacht, aber auch hier muss man wieder aushandeln, wann und wo es sinnvoll ist, sie an- und auszuziehen. Den Rest des Tages lie\u00dfen wir Zuhause gem\u00fctlich ausklingen. Meine Mutter und ich haben schon seit l\u00e4ngerem vor, diesen Sommer zwei Tage wandern zu gehen in Graub\u00fcnden. Es sollte eine Tour werden, bei welcher wir einen Tag anreisen, dann eine zweit\u00e4gige Route gingen und dann einen Tag wieder nach Hause reisen. Da mein Praktikum nun bis Juli aufgeschoben ist, planen wir diese Tour bereits im Juni zu machen. Der einzige Knackpunkt ist, dass im Juni viele Hotels noch geschlossen haben, da es in der Zwischensaison nur wenig G\u00e4ste im B\u00fcndnerland gibt. Wir hoffen trotzdem ein Hotel buchen zu k\u00f6nnen und dass vielleicht einige mehr oder weniger spontan \u00f6ffnen werden, je nachdem welche neuen Regelungen bis Juni verk\u00fcndet werden. Jedenfalls m\u00f6chten wir nun jede Woche f\u00fcr mehrere Stunden wandern gehen, um unsere F\u00fc\u00dfe und Knie etwas vorzubereiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 21. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute gab es Brunch, da es ein Feiertag ist. Nicht, dass der Feiertag sonst irgendetwas an unserem Tag \u00e4ndern w\u00fcrde, aber meine Eltern behandeln ihn wie einen freien Tag. Auch ich nehme mir diesen Tag frei und verbringe viel Zeit mit Computerspielen. Am Nachmittag nehme ich mir wieder ein Fitnessvideo der Trainerin meiner Mutter. Heute war ein Hanteltraining angesagt, mit den allseits beliebten Corona-Ersatzhandeln alias gef\u00fcllte PET-Flaschen. Danach setze ich mich mit einem kleinen Snack und kaltem Kaffee f\u00fcr eine Stunde in den Garten und h\u00f6re ein H\u00f6rbuch. Auch der Rest des Tages verlief sehr ruhig und wir anden es alle sch\u00f6n, dass dies einer der Tage war, an welchem man nicht von einer Aufgabe zur n\u00e4chsten rennen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 22. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen ich, meine Mutter und ihre Freundin in den Wald spazieren. Es sollte ein hei\u00dfer Tag werden und im Wald war es angenehm k\u00fchl. Danach setzten wir uns noch kurz auf die Terrasse des Dorfcaf\u00e9s und tranken etwas. Die Terrasse ist wunderbar. Das haben wir w\u00e4hrend dem Lockdown sehr vermisst und wir f\u00fchlen uns hier auch sehr sicher, weil die Angestellten sehr auf die Umsetzung der Hygienema\u00dfnahmen achten und gut gelaunt sind. Nachmittags besch\u00e4ftigte ich mich mit B\u00fcroarbeit und Computerspielen. Abends stand noch ein Videochat mit einigen jungen unserer Selbsthilfeorganisation an. Es war ein sehr freundschaftliches, aber anstrengendes Gespr\u00e4ch, denn wir als OK eines Jugendevents f\u00fchlen uns von der Organisationsleitung nicht unterst\u00fctzt Wir organisieren eine virtuelle Jugendkonferenz, nachdem die \u201cphysische\u201d Konferenz wegen der Corona-Situation abgesagt wurde. Es eilt, denn diese soll bereits Ende August stattfinden und die Leitung \u00e4ndert uns andauernd unsere Pl\u00e4ne. Deshalb m\u00fcssen wir sie nun zu einem dringenden Videocall bringen, denn die Zeit eilt und nun da wir alles via Internet organisieren m\u00fcssen, ben\u00f6tigen einige Dinge noch etwas mehr Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 23. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Auch heute war ein gem\u00fctlicher Tag. Seit ich dieses Posterprojekt f\u00fcr die Uni hinter mir habe, sehe ich die Tage viel gelassener und entspannter. Ich erlaube mir zwischen den einzelnen Aufgaben meines Tagesplans immer wieder eine Pause f\u00fcr Spiele, Unterhaltung oder einfach um etwas Zeit zu vertr\u00f6deln. Nach dem Brunch verschwand ich wieder hinter meinem Computer, um Spanischhausaufgaben zu erledigen. Danach half ich meiner Mutter eine englische E-Mail zu verfassen. In ungef\u00e4hr einer Woche w\u00e4ren wir nach Island zum Retina International World Congress geflogen. Nach dem Kongress, der nur wenige Tage dauert, wollten wir noch zehn Tage Ferien anh\u00e4ngen. F\u00fcr diese Zeit hat meine Mutter das Hotel f\u00fcr uns alle gebucht. Das Hotel bietet Gutscheine als Kompromissl\u00f6sung bei Stornierungen aufgrund Corona an. Wir dachten zuerst, dass wir keinen Gutschein wollen, da wir noch nicht sicher sein k\u00f6nnen, ob wir in zwei Jahren am verschobenen Kongress teilnehmen werden. Von diversen Medienstellen war zu h\u00f6ren, dass man Gutscheine nicht akzeptieren muss und stattdessen auch das Geld zur\u00fcckfordern kann. Meine Mutter hat zudem eine private Reiseversicherung und eine \u00fcber die Kreditkarte, mit welcher sie bezahlt hat. Die Versicherungen meinen, man solle erst versuchen mit dem Dienstleister eine L\u00f6sung zu finden. Also schreiben wir eine Mail, ob es eine M\u00f6glichkeit g\u00e4be, das Geld f\u00fcr die Hotelzimmer zur\u00fcck zu erhalten, da ein Gutschein f\u00fcr uns nicht optimal sei. Dann realisieren wir jedoch, dass nur meine Mutter und mein Bruder, zwei von vier Personen, eine Reiseannulationsversicherung haben. Die Versicherung der Kreditkarte mit der bezahlt wurde, deckt nur Personen innerhalb des Haushaltes. Das hei\u00dft, wir w\u00fcrden von der Versicherung wohl nur die H\u00e4lfte der Kosten r\u00fcckerstattet bekommen. Nun \u00fcberlegen wir uns, doch einen Gutschein zu nehmen, warten aber erst einmal die Antwort des Hotels ab. Beim Flug hatte meine Mutter bereits einen Gutschein beantragt. Anscheinend h\u00e4tte man auch dort warten k\u00f6nnen, bis die Airline den Flug annulliert und so das Geld zur\u00fcck erhalten. Da sie nun aber bereits einen Gutschein beantragt hat, beschlie\u00dfe ich dies auch zu tun. Falls wir nicht am Kongress teilnehmen k\u00f6nnen, machen wir sonst Ferien in Island. Nun hei\u00dft es also warten, bis die Firmen auf unsere Anfragen antworten.<\/p>\n<p>Danach widme ich mich wieder dem Sport. 20 Minuten Home Trainer und 20 Minuten Boden-Core-Training. Danach f\u00fchrte ich den Tag fort mit Kaffee und Computerspiel und danach noch einiges an Computerarbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 28. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Die letzten Tage waren ziemlich unspektakul\u00e4r au\u00dfer, dass ich ziemlich im Unistress war, da es auf Semesterende zu geht. Meine Tagesroutine setzte sich zusammen aus den Mahlzeiten, eine Stunde Sport mit Video pro Tag einer Kaffee- und Computerspielpause am Nachmittag und den TV-Nachrichten am Abend. Am Montagmorgen hatte ich zum letzten Mal mein Onlineseminar. Es war sehr gem\u00fctlich, da ich mein Referat bereits hinter mir hatte und so meine Rolle als aktive Zuh\u00f6rerin einnehmen konnte. Die Abschlussrunde war sehr herzlich. Alle empfanden das Seminar als sehr angenehm, gut organisiert und sehr lehrreich, trotz der etwas ungew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nde. Es schien als h\u00e4tten sich die meisten gut an den Online-Unterricht gew\u00f6hnt. Am Dienstagabend hatte ich erneut zwei Videokonferenzen. Erst eine mit Selbsthilfe Schweiz, bei welcher es das zweite Mal darum ging, wie man eine Selbsthilfegruppe online leitet. Nachdem letztes Mal viel \u00fcber die unterschiedlichen Softwarel\u00f6sungen und deren Funktionsweisen gesprochen wurde, hoffte ich, es ginge heute mehr um die strategischen Aspekte, wie man moderiert, was man beachten sollte o.\u00e4. Meine Erwartungen diesbez\u00fcglich wurden aber nicht erf\u00fcllt. Wieder ging es mehrheitlich um die Programme. Ich war auch deutlich die j\u00fcngste in der Runde und die \u00e4lteren hatten wohl noch deutlich weniger Erfahrung mit dieser Technologie. Am Ende verbrachte ich eine Stunde mit Candy Crush spielen nebenher. Wirklich gelohnt hatte sich das nicht. Etwas sp\u00e4ter hatte ich dann noch die zweiw\u00f6chentliche Runde mit meiner Jugendgruppe, die ich leite. Wir testeten heute zum ersten Mal Microsoft Teams als unsere Plattform. Es funktionierte ganz gut. Eine Person meldete sich f\u00fcr l\u00e4nger ab. Sie m\u00f6chte sich nicht noch einmal mit neuer Software befassen und st\u00f6\u00dft wieder zu uns, sobald wir uns real treffen k\u00f6nnen. Das Gespr\u00e4ch war ein bisschen anstrengend. Ich hatte nicht genug Zeit, um wirklich etwas vorzubereiten und darum hatte ich das Gef\u00fchl, das Gespr\u00e4ch lief etwas schleppend. Trotzdem dauerte es zwei Stunden.<\/p>\n<p>Heute Morgen fuhren ich und meine Eltern nach Engelberg. Normalerweise ein touristisch \u00fcberf\u00fclltes Dorf. Wir nutzen also die touristenfreie Zeit und den leeren Zug, um dort hin zu fahren. Im Bus tragen meine Mutter und ich wieder eine Maske, wir setzen uns in ein Viererabteil. Eine Bekannte von meiner Mutter, die ebenfalls eine Maske tr\u00e4gt, m\u00f6chte sich zum reden zu uns setzen. Mein Vater setzt sich daraufhin in das Abteil auf der anderen Seite des Ganges. Er meint es h\u00e4tte genug Platz und so m\u00fcsse er keine Maske anziehen. Ich rolle die Augen, unglaublich, was er alles tut, um nur irgendwie diese Maske zu vermeiden. W\u00e4hrend der Fahrt setzt sich ein junger Herr im gegen\u00fcber hin. Als dieser niest, registriere ich, dass mein Vater immer noch keine Maske tr\u00e4gt. Als wir aussteigen, spricht meine Mutter ihn darauf an und fragt, warum er keine aufgezogen hat, als sich jemand zu ihm setzte. Er wurde w\u00fctend und schnauzte meine Mutter an: \u201cDamit du was zu jammern hast!\u201d Die beiden sprechen danach die ganze Zugfahrt kein Wort miteinander und mein Vater sagt \u00fcberhaupt nichts mehr. Ich glaube, er merkte, dass diese Reaktion komplett unangebracht war. Ich fand es nur richtig, dass meine Mutter ihn konfrontierte. Ich konnte mir auch am Rande den Spruch nicht unterdr\u00fccken, dass es dann wieder hie\u00dfe, die jungen Menschen w\u00fcrden die \u00e4lteren nicht sch\u00fctzen wollen. Ich \u00fcberlegte mir sogar meinen Vater darauf anzusprechen, dass er nun eine Gefahr f\u00fcr mich darstellen k\u00f6nnte, da ich ja auch zur Risikogruppe geh\u00f6re. Erst in Engelberg setzten ich und meine Mutter die Masken ab. Danach spazierten wir eine gute Stunde zu einem abgelegenen Landgasthof \u201cam Ende der Welt\u201d. Der Ort hie\u00df so, weil die Stra\u00dfe hier endete und der Ort auf drei Seiten von steilsten Felsw\u00e4nden umgeben war, \u00fcber welche nicht einmal Bergwege f\u00fchrten. Hier sollten sich wohl nicht so viele Menschen hin verirren. Es gab dann auch gut Platz auf der Terrasse. Zu Mittag wurde das Restaurant aber doch gut gef\u00fcllt mit Spazierg\u00e4ngern und Ausflugsg\u00e4sten. Die Ma\u00dfnahmen waren wie \u00fcblich umgesetzt. Die Tische standen weit auseinander, es gab gen\u00fcgend Desinfektionsmittel und man bezahlte, wenn m\u00f6glich mit Karte.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kreuzten uns deutlich mehr Menschen als am Vormittag. Ich hatte jedoch den Eindruck, alle w\u00fcrden sich M\u00fche geben, beim Kreuzen m\u00f6glichst viel Abstand zu haben. Danach gings mit Zug und Bus zur\u00fcck nach Hause. Diesmal zog mein Vater im Bus auch seine Maske an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 28. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen gingen wieder einmal eine Stunde spazieren \u00fcber den H\u00fcgel mit der Freundin meiner Mutter. Wir gehen nun nicht mehr so oft, da sie wieder mehr arbeitet. Ohne sie gehen auch meine Mutter und ich nicht spazieren. Es geht wohl, nebst der k\u00f6rperlichen Bet\u00e4tigung auch um den Sozialkontakt der beiden. In den Tagen dazwischen halte ich mich nun mehr mit Videos fit und meine Mutter k\u00fcmmert sich um den Garten, der aufgrund des sch\u00f6nen Wetters nun auch oft gegossen werden muss. Unterwegs fragt uns ein P\u00e4rchen nach dem Weg zum nahegelegenen Landgasthof, bei welchem wir auch vor ca. einer Woche essen waren. Wir beschrieben ihnen den Weg und sprachen noch ein bisschen \u00fcber die aktuelle Corona-Situation und dass man mehr spazieren geht. Auch mit fremden Menschen hat man dank Corona ein gemeinsames Thema und kommt schnell ins Gespr\u00e4ch. Dabei erz\u00e4hlt uns das Paar, dass sie beide den Virus hatten. Der Mann war sehr krank, aber zu Hause und seine Frau hatte keine Symptome. Beide wurden jedoch vom Hausarzt positiv Corona getestet und nehmen die Sache nun sehr ernst. F\u00fcr uns war das nun doch etwas speziell, denn wir hatten tats\u00e4chlich noch nie Menschen getroffen, welche selbst das Virus hatten. Wir fragten dann aber nicht weiter nach und lie\u00dfen die beiden zu ihrem Mittagessen aufbrechen.<\/p>\n<p>Den Rest des Tages war ich komplett mit meinem Referat f\u00fcr Spanisch besch\u00e4ftigt, welches ich heute Abend halten musste. Wir k\u00f6nnen das Thema frei w\u00e4hlen. Ich beschloss etwas zu den Verschw\u00f6rungstheorien rund um Bill Gates zu machen. Nun da man \u00fcberall Bilder sieht, von Menschen, die gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen demonstrieren, schein sich die Gesellschaft wieder einmal in Gegner und Bef\u00fcrworter von Verschw\u00f6rungstheorien zu spalten, wobei die Bef\u00fcrworter nat\u00fcrlich nicht von Verschw\u00f6rungstheorien sprechen. Viele Menschen sieht man Schilder hochhalten, die Bill Gates f\u00fcr die Krise verantwortlich machen. Da ich den Zusammenhang \u00fcberhaupt nicht verstand, beschloss ich dies gleich im Rahmen meines Spanischreferats herauszufinden. Wie ich herausfand, gab es einige Anschuldigungen: Sein gro\u00dfer finanzieller Einfluss auf die WHO verleitet zum Gedanken, er h\u00e4tte diese unter Kontrolle. Zudem unterst\u00fctzt er ein Projekt zur Entwicklung eines Hautimplantats, welches als \u201cdigitaler Impfausweis\u201d dienen soll in Regionen, wo Menschen keine Papiere besitzen. Dies wiederrum verleitet manche zur Idee, Gates wolle die Menschheit chippen. Es gibt einige weitere \u201cwahre Kerne\u201d welche von den Menschen auf der Stra\u00dfe so verwoben und hochstilisiert werden, dass Gates am Ende immer die Weltherrschaft anstrebt oder diese heimlich schon errungen hat. Da wir die Referate via Zoom halten sollen und die Verbindung nicht immer stabil ist, durften wir sie im Voraus aufzeichnen. Abgemacht war, dass wir aber nicht ablesen durften. Es ben\u00f6tigte ziemlich viel Zeit, bis ich die Aufnahme zufriedenstellend gemacht hatte. Die Lektion verlief dann auch sehr angenehm und ohne die \u00fcbliche Nervosit\u00e4t vor Referaten, da man nur noch das Video zu starten brauchte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freitag, 29. Mai 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen machte ich nichts. Ich hatte mein Semester zu Ende gebracht und g\u00f6nnte mir etwas Nichtstun. Am Nachmittag ging ich mit meiner Mutter in ein M\u00f6belgesch\u00e4ft. Mein Bruder und seine Frau haben endlich eine neue Wohnung gefunden und werden n\u00e4chste Woche umziehen. Das Sofa ist bereits ausgesucht und meine Mutter und ich sollten es nun bestellen gehen. M\u00f6belgesch\u00e4fte sind definitiv kein Problem, was das Abstandhalten angeht. Es gibt gen\u00fcgend Platz und an der Kasse muss man selten warten. Danach gingen wir noch einen Kaffee trinken. Das Caf\u00e9 im M\u00f6belhaus war komplett leer, wir fragten uns, warum sich die Leute nicht hierhin getrauten. Dann fiel uns jedoch ein, dass heute sch\u00f6nes Wetter war. Manchmal \u00fcberinterpretiert man tats\u00e4chlich gewisse Dinge und meint, alles m\u00fcsse irgendwie mit den Folgen der Corona-Krise zu tun haben.<\/p>\n<p>Der Bundesrat hat zudem heute weitere Lockerungen beschlossen. Ab dem Wochenende d\u00fcrfen wieder gr\u00f6\u00dfere Gruppen mit mehr als vier Menschen gemeinsam essen gehen. Urspr\u00fcnglich w\u00e4ren weitere Lockerungen f\u00fcr den 8. Juni angesagt gewesen, doch nun sind die Fallzahlen besser als erwartet. Weshalb bereits vor Pfingsten, am 6. Juni, wieder Veranstaltungen bis 300 Personen stattfinden d\u00fcrfen. An diesem Wochenende d\u00fcrfen auch Bergbahnen, Campingpl\u00e4tze, Zoos usw. wieder \u00f6ffnen, was bedeutet, dass der Tourismus wieder voll in Gang kommen kann. Diesen Sommer m\u00fcssen die Betriebe wohl gr\u00f6\u00dftenteils auf Touristen auf dem Ausland verzichten und die Schweizer k\u00f6nnen nicht ins Ausland reisen. Darum sollen nun die Schweizer ihre Ferien hierzulande geniessen k\u00f6nnen. Schlussendlich sollen ab Mitte Juni auch die Grenzen zu den anderen deutschsprachigen L\u00e4ndern wieder ge\u00f6ffnet werden. Heute kaufte ich noch ein Ticket f\u00fcr ein Online-Musikfestival. Einige meiner Lieblingsbands hatten sich das ausgedacht, weil diesen Sommer keine Festivals stattfinden. Mit einem gekauften Code, f\u00fcr den man bezahlen konnte, soviel man wollte, bekam man Zutritt zu einer Onlineplattform. Dort gab es einen Gel\u00e4ndeplan eines Festivals, hinter dessen Arealen sich verschiedene Videos versteckten. Nebst einer B\u00fchne, wo die K\u00fcnstler Videos von Konzerten oder extra gedrehte Home-Performances pr\u00e4sentierten, gab es beispielsweise auch eine Bar, wo die K\u00fcnstler ihre Lieblingsdrinks mixten, einen Cateringbereich mit Kochvideos, ein Gym, eine Workshop-Area und vieles mehr. Ich weiss bereits jetzt schon, dass ich, wie an einem echten Festival, nicht alles betrachten werden kann, da es einfach zu viel Material ist. Ich bin aber sehr gespannt auf die vielen Inhalte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 30. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute kamen mein Bruder und seine Frau zu Besuch. Erst k\u00fcmmerten sie sich noch um den ganzen Kleinkram, den mein Bruder noch hier hat und der in einer Woche mitumziehen soll. Nach dem Kistenpacken macht sich meine Schw\u00e4gerin auf in den Garten. Sie vermisst die Natur und die k\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung sehr seit dem Lockdown. Mein Bruder, meine Mutter und ich spielen eine Runde Pandemic. Danach essen wir gemeinsam zu Abend und die Stimmung ist sehr locker und Corona endlich nicht mehr das Tischthema.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 31. Mai 2020<\/strong><\/p>\n<p>Heute waren wir am sp\u00e4teren Nachmittag bei den Nachbarn zum Ap\u00e9ro eingeladen. Diese waren eine Woche in den Ferien gewesen und meine Mutter k\u00fcmmerte sich um ihren Garten. Bis kurz vor Beginn wusste ich nicht, ob ich auch eingeladen war, da ich sonst nicht mehr hier wohne. Ich durfte dann aber mit. Eigentlich wollten wir drau\u00dfen sitzen, doch die Brise blies kalt und so gingen wir in deren Wintergarten, lie\u00dfen aber die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. \u00dcber den Tisch konnten wir die zwei Meter nicht einhalten und wir wissen, dass diese Nachbarn auch w\u00e4hrend der Krise viel Kontakt zu anderen Menschen hatten. Einen Ap\u00e9ro mit ihnen h\u00e4tten wir wohl vor wenigen Wochen noch nicht gemacht. Die Platten mit den Leckereien hatten sie so angerichtet, dass man einfacher einzelne St\u00fccke nehmen konnte, ohne gleich die halbe Platte zu betatschen. Da ich aufgrund der Sehbehinderung nicht auf ein St\u00fcck abzielen kann, lie\u00df ich mir von meinen Eltern etwas auf meinen Teller geben. Als wir nach Hause gingen, kamen wir an ihrem Biotop vorbei und blieben dort nochmals kurz stehen. Meine Nachbarin konnte nicht so schnell reagieren und lief auf mich auf. Deshalb stand sie danach sehr nahe bei mir und als sie etwas zu mir sagte, fasste sie dabei meinen Unterarm mit beiden H\u00e4nden. Mir war das definitiv zu viel K\u00f6rperkontakt. Ich sagte aber nichts, weil ich wei\u00df, dass sie das nicht einmal bemerkt. Sie geh\u00f6rt zu den Menschen, welche auch sonst immer sehr nahe kommen beim Sprechen und regelm\u00e4\u00dfig die komfortable Distanz unterschreiten. Gerade deshalb war es mir aber zus\u00e4tzlich unangenehm, weil ich davon ausgehe, dass sie sehr vielen Menschen so nahe kommt. Also pr\u00e4gte ich mir einfach ein, dass ich jetzt auf keinen Fall das H\u00e4ndewaschen vergessen darf, sobald wir zu Hause ankommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 2. Juni 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute machten ich, meine Mutter und ihre Freundin uns auf den Weg nach Meiringen. Ein sonst eher touristischer Ort, unter anderem deshalb, weil sich dort die Wasserf\u00e4lle befinden, in welche Sherlock Holms mit seinem Gegner im letzten Buch st\u00fcrzte. Unsere Nachbarn hatten uns gestern beim Ap\u00e9ro erz\u00e4hlt, das Dorf sei momentan wie ausgestorben. Also sicher kein Gedr\u00e4nge. Im Bus trugen wir drei wieder Masken. Meine Mutter brachte ihrer Freundin eine weitere gen\u00e4hte Maske mit. Dieses Mal eine mit einem etwas neutraleren Muster, die sich auch super zu einem Arbeitsoutfit kombinieren l\u00e4sst. Wie erwartet, waren wir fast die einzigen, die Masken trugen. Die beiden Frauen sprachen dar\u00fcber, dass sie durchaus auch andere Leute zum Maskentragen auffordern w\u00fcrden, wenn die zu nahe kommen w\u00fcrden. Kurz darauf setzte sich eine Seniorin zu uns ins Abteil und ihre Begleiterin im \u00e4hnlichen Alter ins Abteil gegen\u00fcber des Ganges. Sie setzte sich neben mich, was ich aufgrund meines R\u00f6hrenblicks nicht einmal bemerkte. Die Freundin meiner Mutter bat sie freundlich, doch bitte eine Maske aufzusetzen. Auf die Frage, ob sie denn eine dabei habe, bejahte die Seniorin und kramte ihre Maske aus der Tasche. Die Freundin sagte ihr noch, das blaue m\u00fcsse au\u00dfen sein. Am Ende landete die Maske dann aber mit dem Draht nach unten im Gesicht der Frau. Ihre Freundin auf der anderen Seite des Ganges zog wohl aus Solidarit\u00e4t zu ihrer Bekannten ebenfalls ihre Maske aus der Tasche und zog sie an. Wir beobachteten dann, wie die beiden Frauen ihre Masken aufbehielten, als sie den Bus verlie\u00dfen. Ganz so schlimm war das Tragen wohl doch nicht. Als wir danach dar\u00fcber sprachen, stellten wir etwas verst\u00e4ndnislos fest, dass diese Frau bei uns im Abteil ihre Maske eindeutig noch nie getragen hatte und keine Ahnung hatte, wie man sie richtig trug. Ich erinnerte mich an eine Frage in einem Gruppenchat, bei welcher gefragte wurde, wer denn Maske trage und die meisten antworteten, sie w\u00fcrden keine tragen, h\u00e4tten aber eine dabei, falls sie die Distanz nicht einhalten k\u00f6nnen. Ob sie das dann tun, wage ich zu bezweifeln, denn dies h\u00e4tte vielleicht auch unsere Mitfahrerin gesagt. Gut m\u00f6glich, dass man dann in einem Viererabteil spontan denkt, so nah sei es nun auch wieder nicht oder man sei nur kurz im Bus. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war zudem lehrreich, dass ich die Frau gar nicht bemerkt hatte. Das hei\u00dft es ist f\u00fcr mich umso wichtiger, mich selbst so gut wie m\u00f6glich zu sch\u00fctzen, denn ich merke nicht, wenn jemand die Distanz zu mir unterschreitet und da ich keine Seniorin bin, werden wohl viele sich auch nichts dabei denken, wenn sie mir nahe kommen. In Gedanken \u00fcberlege ich mir ebenfalls, ob ich wenigstens bei l\u00e4ngeren Fahrten oder bei meinen kommenden Pendlerfahrten im Zug Menschen auch auffordern soll eine Maske zu tragen, wenn sie sich zu mir ins Abteil setzen. Unter Umst\u00e4nden auch mit der Offenlegung, dass ich Risikopatientin bin und selbst den Abstand aufgrund der Sehbehinderung schlecht kontrollieren kann.<\/p>\n<p>Der Zug war gut besetzt. Die meisten Abteile waren mit Seniorenp\u00e4rchen besetzt, von welchen praktisch niemand eine Maske trug. Wir zogen unsere nur aus, um unser Imbiss zu essen. Die Ticketkontrolleurin demonstrierte den Unmaskierten gegen\u00fcber deutliches Misstrauen. W\u00e4hrend sie sich bei uns normal verhielt, n\u00e4herte sie sich den Unmaskierten nur auf die absolut n\u00f6tige Arml\u00e4nge, so dass sie und der Fahrgast ihre Arme ausstrecken mussten, um einen Fahrschein vorzuzeigen. Wir mussten dabei etwas schmunzeln. Ich glaube, dass dieses Verhalten \u201cIch will dir nicht zu nahe kommen\u201d bei den G\u00e4sten auch als \u201cSie sind mir unangenehm\u201d ankommt und somit vielleicht mehr Eindruck hinterl\u00e4sst als die Maske an sich selbst.<\/p>\n<p>Unser Zielort war tats\u00e4chlich ziemlich ausgestorben und wir machten uns auf den geplanten Spaziergang, der uns nach 90 Minuten wieder ins Dorf zur\u00fcckf\u00fchrte. Es ging zeitweise steil den Wald hinauf. Und grinsend stellten wir fest, dass wir uns beim Aufstieg unterhalten konnten. Wir hatten das Gef\u00fchl, w\u00e4hrend dem Lockdown tats\u00e4chlich fitter geworden zu sein. Wir suchten uns ein Restaurant f\u00fcr das Mittagessen. Es war ein eher besseres Restaurant, daf\u00fcr f\u00fchlten wir uns sehr wohl. Die Tische waren riesig und standen im Garten weit auseinander. Das Personal hielt gro\u00dfen Abstand und desinfizierte jedes Mal die H\u00e4nde, wenn sie ins Haus gingen oder herauskamen. Die Men\u00fckarten waren aus Papier, welches nachher weggeworfen wurde und nicht die Lederb\u00fccher, wie es sonst h\u00e4ufig \u00fcblich ist. Auch hier war das Personal wieder sehr locker und gut gelaunt, was uns schon des \u00d6fteren in den letzten Wochen positiv aufgefallen ist. Viele sind wohl froh, wieder arbeiten zu k\u00f6nnen und der gemeinsam durchgestandene Lockdown l\u00f6ste etwas die Hemmungen bei manchen. Nach einem kurzen Abstecher in die Metzgerei und Molkerei, um Lokalit\u00e4ten zu kaufen, machten wir uns auf den Heimweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 3. Juni 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Heute war ich das erste Mal nach dem Lockdown wieder auf dem Pferder\u00fccken. Ich gehe nicht regelm\u00e4\u00dfig reiten, seit ich nach Basel gezogen bin. Aber wenn ich im Dorf bin und meine Nachbarin Zeit hat, gehen wir Ausreiten. Viele gingen auch w\u00e4hrend des Lockdowns reiten, mir war das aber zu heikel. Der Stall und die Putzpl\u00e4tze sind eng und Putzzeug und Sattelzeug wird von vielen Menschen angefasst. Zudem waren die Kinder nicht in der Schule und so manche Eltern kamen spontan auf die Idee, an einem sch\u00f6nen Tag ein Pony zu mieten. Nun sind die Kinder aber wieder in der Schule und die Fallzahlen tief. Meine Nachbarin hatte ich bisher auch noch nie getroffen nach dem Lockdown.<\/p>\n<p>Es waren tats\u00e4chlich einige andere Reiterinnen dort, doch wir unterhielten uns mit Abstand. Um die Pferde herum kommt man sich sowieso nicht so nahe wie sonst, da meist irgendwelches Ger\u00e4t oder ein Tier dazwischen steht. Eine Reiterin, die wir noch nicht kannten, war dann gleichzeitig aufbruchbereit wie wir und wir boten ihr kurzerhand an, mit uns auszureiten. Zu Pferd fiel mir im Wald auf, dass immer noch deutlich mehr Menschen unterwegs sind und spazieren als vor dem Lockdown. Mit Pferd f\u00e4llt das auf, weil andere Menschen oder anderes Unbekanntes im Wald ein Pferd m\u00f6glicherweise erschrecken lassen. Wir trafen auf deutlich mehr Gruppen und mussten uns des \u00d6fteren mit Spazierenden absprechen, wer wo lang wolle oder ob wir \u00fcberholen d\u00fcrften. Dass viele Menschen unterwegs waren, die zuvor seltener im Wald waren, merkten wir auch daran, dass wir mehrmals Komplimente f\u00fcr unsere h\u00fcbschen Haflingerpferde erhielten. F\u00fcr die meisten Menschen, die im Dorf wohnen und \u00f6fter hier unterwegs sind, ist der Anblick von Haflingern hier bereits normal und sie wissen oft auch zu welchem Hof diese geh\u00f6ren. Abends kamen mein Bruder und seine Frau zu Besuch. Sie sind noch auf der Suche nach neuen M\u00f6beln und k\u00f6nnen heute eine Ausstattung besichtigen von jemandem, die ihren Haushalt aufl\u00f6sen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samstag, 7. Juni 2020<\/strong><\/p>\n<p>Wie sich herausstellt, werden auch meine Tagebucheintr\u00e4ge langsam etwas unregelm\u00e4\u00dfig. Ich stelle fest, dass erstens Corona nicht mehr so pr\u00e4sent ist im Alltag. Zumindest bei mir nicht. Ich h\u00f6re von anderen aber immer wieder, dass es durchaus noch Menschen gibt, welche immer noch sehr vorsichtig sind und das Thema sehr zentral ist. Beispielsweise Ehepaare, welche immer noch nicht mit einer guten Freundin Kaffee trinken gehen oder sie \u00fcberhaupt sehen m\u00f6chten. Oder auch Menschen, die sehr d\u00fcnnh\u00e4utig sind und sofort die Stimme erheben, wenn sie sich bedr\u00e4ngt f\u00fchlen. Zweitens hat sich der Alltag eingespielt. Da ich momentan weder Vorlesungen habe noch mit meinem Praktikum begonnen habe, bin ich sowieso viel Zuhause am Computer. Der Unterschied zurzeit vor Corona besteht darin, dass ich hier keinen Haushalt machen und nicht einkaufen muss. Den Haushalt f\u00fchren meine Eltern und ich biete meine Hilfe immer wieder an, aber das ist trotzdem nicht dasselbe. Einkaufen gehen ist nicht sehr sinnvoll hier, da meine Mutter das sonst auch tut und zudem nicht zur Risikogruppe geh\u00f6rt. Bei mir in Basel w\u00fcrde ich zudem auch \u00f6fter allein spazieren, ins Fitness oder Freunde besuchen gehen. Viel los ist hier also tats\u00e4chlich immer noch nicht.<\/p>\n<p>Am Donnerstag zoomte ich mit einer guten Freundin. Sie lebt in einer Wohnung angegliedert an ein Blinden- und Seniorenheim und nervte sich ziemlich dar\u00fcber, dass sie immer noch keinen Besuch empfangen darf, weil die Institution ein Altersheim ist. Sie darf nun wenigstens Freunde im Park gegen\u00fcber des Hauses treffen. Besonders st\u00f6rt sie aber, dass viele der Risikogruppe, welche ebenfalls in diesem Haus wohnen, sich \u00fcberhaupt nicht an die Anweisungen halten und rege Besuch bekommen. Meine Freundin sagt aber, sie schaffe es trotzdem nicht, die Regeln ebenfalls zu brechen, denn es gibt in dieser Institution auch eine Abteilung f\u00fcr stark pflegebed\u00fcrftige Menschen und sie sagt, sie k\u00f6nnte nicht damit umgehen, wenn sie jetzt diejenige w\u00e4re, welche das Virus einschleppen w\u00fcrde. Ich von meiner Seite erz\u00e4hlte ihr, dass ich plane n\u00e4chste Woche definitiv nach Basel zur\u00fcckzukehren. Nun da ich einige Male wieder Tagesausfl\u00fcge gemacht habe, kann ich auch selbst wieder einkaufen gehen. Auch auf das Fitnesscenter freue ich mich sehr. Meine Mutter wird mich begleiten, damit wir zwei Koffer mitnehmen k\u00f6nnen. Zudem kann sie mich bei meinem ersten Einkauf begleiten. Allein w\u00e4re es f\u00fcr mich mit der Sehbehinderung schwierig auf Anhieb alle Anweisungen im Supermarkt richtig zu erkennen und zu befolgen. Bald kehrt dann also die \u201cneue Normalit\u00e4t\u201d ein. Diesen Ausdruck h\u00f6rt man momentan fast in jeder Stellungnahme des Bundesrates. Lustigerweise wird von der \u201cR\u00fcckkehr zur neuen Normalit\u00e4t\u201d gesprochen. Wie kehrt man denn zu etwas neuem zur\u00fcck? Ich finde, dieses Schlagwort wieder einmal sehr symbolisch f\u00fcr die ganze Coronastrategie des Bundes. Fast alle Anweisungen des Bundes warfen Fragen auf und enthielten Widerspr\u00fcche, was oft zu Diskussionen f\u00fchrte und je l\u00e4nger je mehr Kritik an der Strategie und der Kommunikation zu Tage f\u00f6rderte. Auch die R\u00fcckkehr zur neuen Normalit\u00e4t ist wieder der Versuch eines Spagates, ein Kompromiss, um irgendwie alle zufrieden zu stellen. Die Menschen beruhigen und gleichzeitig ermahnen. Die Menschen sollen optimistisch sein und ruhig bleiben, also verspricht man die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t. Allerdings sollen sich die Menschen weiterhin an die zus\u00e4tzlichen Ma\u00dfnahmen halten. Diese k\u00f6nnten unter Umst\u00e4nden gelten, bis ein Impfstoff vorhanden ist. Dies wiederrum m\u00f6chte man den Menschen nicht gerade so direkt sagen, sonst kehrt die versprochene Normalit\u00e4t noch lange nicht zur\u00fcck. Als Folge entsteht eine Mischform, die einen Zustand suggeriert, der eigentlich der Normalit\u00e4t plus ein paar Sonderregeln entspricht. Freitagabend haben mein Bruder und seine Frau bei uns \u00fcbernachtet, denn heute stand der Umzug auf dem Programm. Mit drei Autos und sechs Menschen war die Truppe den ganzen Tag dabei Material zu transportieren und M\u00f6bel aufzubauen. Bez\u00fcglich Corona reiste eine gro\u00dfe Flasche Desinfektionsmittel mit. Ansonsten wurden keine Ma\u00dfnahmen getroffen. Bei den meisten Helfenden handelt es sich sowieso um Freunde, die regelm\u00e4ssig getroffen werden und bei einem Umzug ist es grunds\u00e4tzlich sehr schwierig irgendwelche Abst\u00e4nde einzuhalten. Die Flasche kam genauso voll wieder nach Hause, niemand hatte daran gedacht, diese irgendwo aufzustellen und anscheinend hatte auch niemand von sich aus das Bed\u00fcrfnis ge\u00e4u\u00dfert, die H\u00e4nde zu desinfizieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 11. Juni 2020<\/strong><\/p>\n<p>Die letzten Tage verliefen wieder ruhig. Am Dienstagabend hatte ich das erste Mal wieder eine Vorstandssitzung vor Ort. Diese fand jedoch in einem anderen B\u00fcro statt als \u00fcblich, da dieses zu klein f\u00fcr acht Personen gewesen w\u00e4re. Darum d\u00fcrfen wir ein anderes B\u00fcro benutzen, dass extra umgestellt wurde. Normalerweise waren die Tische in der Mitte zu einem gro\u00dfen Sitzungstisch zusammengeschoben. Nun standen sie alle mit zwei Meter Abstand im Raum. Es sah etwas aus wie Pr\u00fcfungsbestuhlung damals am Gymnasium. Bereits vor Corona arbeiteten manche Mitarbeiter der Fachstelle, die von diesem Verein betrieben wird, im Home Office. Der Plan war sowieso dies auszubauen. Als der Lockdown kam war die Umstellung auf das komplette Home Office also nicht sehr aufw\u00e4ndig. Ein Mitarbeiter, der oft in Kontakt steht mit Architekten aus anderen Regionen der Schweiz meinte, man habe sich untereinander schnell mit Videocalls arrangiert. Viele B\u00fcros w\u00fcrden sogar sagen, sie w\u00fcrden zuk\u00fcnftig nicht mehr f\u00fcr eine Besprechung nach Luzern fahren, sondern man k\u00f6nne viel Zeit und Stress sparen, wenn man die Besprechung online abh\u00e4lt. Rein gesch\u00e4ftlich ist unsere Fachstelle noch nicht gro\u00df von der Krise betroffen, da es sich vor allem um Bauberatungen und Planpr\u00fcfugen handelt. Zuk\u00fcnftig h\u00e4ngt dies aber von der Entwicklung der Baut\u00e4tigkeiten ab. Der Einfluss der Corona-Krise k\u00f6nnte sich also versp\u00e4tet noch auswirken. Am Mittwoch wollte ich eigentlich wieder mit meiner Nachbarin reiten gehen, das Wetter war aber so schlecht, dass wir zu Hause blieben.<\/p>\n<p>Heute war es dann endlich so weit und ich beendete meinen pers\u00f6nlichen Lockdown. Gemeinsam mit meiner Mutter und zwei gro\u00dfen Koffern ging es f\u00fcr mich zur\u00fcck in meine Wohnung nach Basel. Wenn ich wieder verschiedene Menschen treffen kann, kann ich schlie\u00dflich auch wieder selbst f\u00fcr mich sorgen. Wir gingen zuerst in meine Wohnung und deponierten die Koffer. Danach gingen wir Sushi essen. Leider gibt es bis auf Weiteres nur Tischservice und kein Band, da f\u00fcr Buffets immer noch strenge Schutzkonzepte aufgestellt werden m\u00fcssten. Im Anschluss gingen wir einkaufen. Ich wollte, dass meine Mutter beim ersten Einkauf dabei ist und mir so bei der Orientierung helfen kann. In der gro\u00dfen Migros war ich prompt froh darum. Dort war mit Sperrband ein Einbahnsystem eingerichtet und eine Ampel aufgestellt. Allein w\u00e4re ich sehr wahrscheinlich falsch gelaufen oder h\u00e4tte die Ampel \u00fcbersehen. Die Selfcheckout-Automaten sind durch Plexiglasw\u00e4nde getrennt, welche ich bestimmt \u00fcbersehen h\u00e4tte. Wenn ich aber einmal gelernt habe, wo sich die Dinge befinden, stellt das kein Problem mehr dar. Bei meinem Stamm-Supermarkt hingegen gibt es so gut wie keine Ma\u00dfnahmen. Beim Eingang steht ein Tisch mit Desinfektionsmittel, ansonsten wurde aber nichts umgestellt, es gibt keine Kundenf\u00fchrung und die Selfcheckout-Automaten sind auch alle normal benutzbar. Generell ist dieses Gesch\u00e4ft sehr eng und der Abstand lie\u00dfe sich wohl beim besten Willen nicht einhalten. Allerdings vor allem beim Bezahlen. Das Gesch\u00e4ft selbst ist selten sehr voll und man kann sich eigentlich meist gut aus dem Weg gehen. Deshalb beschloss ich, beim Einkaufen auf eine Maske zu verzichten. Mir und meiner Mutter fiel jedoch auf, dass man in Basel viel mehr Menschen mit Masken sieht als in Luzern. Besonders im \u00d6V, aber auch in den Superm\u00e4rkten. Meistens sind es Senioren, aber man sieht auch junge Menschen. Es gibt auch eine junge Frau in meinem Wohnhaus, welche auf der Stra\u00dfe immer eine Maske tr\u00e4gt. Danach gehen wir wieder zu mir nach Hause und meine Mutter nimmt einen der Koffer gleich wieder mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 23. Juni 2020 <\/strong><\/p>\n<p>Die erste Woche in Basel war sehr ruhig und ich war viel Zuhause. Tats\u00e4chlich merkte ich, dass ich etwas Zeit ben\u00f6tigte, um wieder in meinem Alltag anzukommen. Bei meinen Eltern musste ich so gut wie nichts im Haushalt mithelfen. Ich hatte zwar meine Hilfe immer wieder angeboten, doch meine Eltern f\u00fchlten sich meist so gut organisiert, dass sie mein Angebot ablehnten und ich eher das Gef\u00fchl hatte, sie besser machen zu lassen. Nun musste ich mich wieder selbst organisieren und merke, dass das tats\u00e4chlich eine gewisse Zeit ben\u00f6tigt. Ich bin irgendwie weniger effizient. Oder jedenfalls ist mein Tag mit den \u00fcblichen Haushaltsaktivit\u00e4ten, Einkaufen, ins Fitness gehen usw. viel voller als sonst. F\u00fcr mein Studium h\u00e4tte ich noch Arbeiten, die irgendwann geschrieben werden sollten, aber keine Deadline haben und im Moment ist der Tag immer schon rum, bevor ich \u00fcberhaupt damit angefangen habe. Ich k\u00f6nnte mir gut vorstellen, dass die aufgezwungene Entschleunigung noch ihre Nachwirkungen hat und ich tats\u00e4chlich langsamer geworden bin. Zudem hatte ich drei Monate Zeit, mir zu \u00fcberlegen, mit welchen Dingen ich denn meinen Alltag noch f\u00fcllen k\u00f6nnte und habe Projekte wie die Jugendgruppe gestartet. Diese neuen gefundenen Aktivit\u00e4ten sind nun nicht einfach weg und fordern weiterhin ihre Zeit ein.<\/p>\n<p>Am vorletzten Freitag (12. Juni 2020) war ich mit meiner Freundin von der Uni und einigen anderen Bekannten spazieren. Meine Freundin muss eine Maske tragen im Kontakt mit anderen Menschen, da sie eine Wohnung in einem Heim bewohnt, welches noch immer sehr strikte Regeln befolgt. Also habe ich beschlossen, ebenfalls eine zu tragen, der Fairness halber und damit wir nicht st\u00e4ndig auf den Abstand achten m\u00fcssen, was f\u00fcr Menschen mit Sehbehinderung sowieso schwierig ist. Es waren auch ein paar \u00e4ltere Personen auf dem Spaziergang dabei, von denen trug niemand eine Maske. Wieder einmal hatte ich etwas das Gef\u00fchl, die \u00e4lteren w\u00fcrden die Maske gerne verdr\u00e4ngen, da sie an eine Bedrohung erinnert. Die Art wie ich angesehen wurde und die Art der Bemerkung \u201caha du tr\u00e4gst auch eine Maske\u2026\u201d gab mir das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde ich hier gewisse Personen mit einem Tabuthema konfrontieren. Danach wurde jedenfalls schnell das Thema gewechselt. Wir kamen auf unserem Spaziergang wie immer auch bei einem Hofladen vorbei. Ich wollte die Verk\u00e4uferinnen und ihren Laden testen und sehen, ob man auch hier bargeldlos bezahlen kann. Das w\u00e4re auch m\u00f6glich gewesen mit TWINT, doch leider musste ich feststellen, dass der Hof so nahe an der Landesgrenze liegt, dass mein Handy bereits kein Netz mehr hat und damit auch die App nicht funktioniert. Danach gingen die meisten noch in ein Caf\u00e9. Meine Freundin darf aufgrund der Heimregeln immer noch nicht und da ich das wusste, hatte ich mir einen Kaffee in einem Thermobecher f\u00fcr unterwegs mitgenommen. Den Becher hatte ich mir extra am Tag zuvor gekauft. Ich wollte schon lange so einen, nun da man vielleicht zwischendurch einmal mehr ein Caf\u00e9 meidet, entpuppt sich das als eine super Anschaffung.<\/p>\n<p>Dass meine Freundin die Regeln so akribisch verfolgt, finde ich langsam doch auch etwas \u00fcbertrieben und wir haben auch dar\u00fcber gesprochen. Sie l\u00e4sst sich wirklich immer noch sehr stark einschr\u00e4nken, den Bewohnern des Altersheims, insbesondere den der Pflegestation zuliebe. Sie will um jeden Preis verhindern, das Virus einzuschleppen. Ich bewundere sie f\u00fcr dieses selbstbewusste einstehen, f\u00fcr das was sie richtig findet. Ich merke ja selbst, wie es doch \u00dcberwindung braucht, als Einzige in einem Zug nur schon eine Maske zu tragen. Sie schr\u00e4nkt sich aber noch viel mehr ein und das obwohl viele der anderen Bewohnenden die Regeln \u00fcberhaupt nicht mehr befolgen. Au\u00dferdem ist es f\u00fcr mich als Risikopatientin etwas seltsam neben ihr. Ich bin gef\u00e4hrdeter, g\u00f6nne mir selbst aber viel mehr Freiheiten und habe trotzdem neben ihr das Gef\u00fchl, ich k\u00f6nnte eine Gefahr f\u00fcr sie, bzw. indirekt die anderen Heimbewohner sein und nicht umgekehrt, da ich mir ihretwegen auch strengere Regeln auferlege. Letzte Woche wollten wir auch einmal gemeinsam einen Kaffee trinken. Sie darf ihre Freunde in einem nahen Park treffen. Allerdings regnete es und weil ich sagte, ich setze mich sicher nicht vor der Haust\u00fcr unters Vordach auf den Boden, konnten wir uns dann nicht sehen. Auf eine nahegelegene Bank bei sch\u00f6nem Wetter ist total okay, aber mich da auf den Boden setzten, wo alle paar Minuten Menschen hinein und hinaus gehen und frieren, obwohl ich Nichtraucherin bin, ging nun doch \u00fcber meine Komfortzone hinaus.<\/p>\n<p>Ich war am vorletzten Wochenende nochmals bei meinen Eltern f\u00fcr eine Nacht. Am Sonntag kamen mein Bruder und meine Schw\u00e4gerin zu Besuch, da er unbedingt wieder eine Runde Pandemic spielen wollte. Am Montag gingen meine Mutter und ich shoppen. Endlich konnte man sich um Sommerbekleidung k\u00fcmmern, da der Sommer ja nun doch stattfindet. Wir benutzten zudem das touristenfreie Luzern und gingen im Caf\u00e9 Bachmann etwas trinken. Ein Caf\u00e9 am Touristenhotspot der Stadt, welches normalerweise komplett von asiatischen Touristen in Anspruch genommen wird. Jetzt stehen nur sehr wenige Tische zur Verf\u00fcgung und trotzdem findet man problemlos einen Platz. \u00dcber das vergangene Wochenende war ich mit meiner Mutter im L\u00f6tschental unterwegs. Wir reisten am Samstag an und wanderten am Sonntag und Montag das Tal hinauf. Wir trugen unser Gep\u00e4ck im Rucksack mit und \u00fcbernachteten jede Nacht in einem anderen Hotel weiter oben im Tal. Wandern ist im Moment echt eine super Sache. Etwas weiter weg von den Naherholungsgebieten der St\u00e4dte oder den bekannten Touristenhotspots verteilen sich die Menschen stark, obwohl momentan alle wandern gehen, da viele ihre Ferien hier verbringen. Zudem ist man viel in der Natur und danach ist das Bed\u00fcrfnis momentan auch sehr gro\u00df, nachdem man monatelang seine vier W\u00e4nde h\u00e4ufiger als sonst betrachtet hat. Die Hotels waren sehr gut belegt. Am Dienstag fuhren wir mit einer Seilbahn auf eine Alp oberhalb eines Dorfes. Im Winter war dies ein gro\u00dfes Skigebiet. Wir staunten nicht schlecht, als wir die riesige Sonnen- und Aussichtsterrasse ganz f\u00fcr uns allein hatten. Wir \u00fcberlegten lange, ob hier um diese Zeit des Jahres immer so wenig los war oder ob dies auch eine Auswirkung der Pandemie ist und sich die Menschen weniger hierhin getrauen. An der Seilbahn konnte es jedenfalls nicht liegen, denn die war sehr ger\u00e4umig und ebenfalls nur schwach besetzt. Bez\u00fcglich Corona stellten wir nach diesen Tagen generell fest, dass man im L\u00f6tschental merkt, dass das Wallis st\u00e4rker vom Virus betroffen war. Der Kanton teilt die Landesgrenze mit Italien und grenzt sowohl an das Tessin und an die Westschweiz, welche ebenfalls viel mehr F\u00e4lle hatten als die \u00fcbrige Deutschschweiz. Die Tische in den Restaurants waren sehr weit auseinander gestellt, teilweise drei Meter und mehr. Bei den Fr\u00fchst\u00fcckbuffets mussten Handschuhe getragen werden und an einem Ort sogar eine Maske. Ein Hotel hatte eine ganz komplizierte Personenf\u00fchrung, sodass \u00fcberall Einbahnverkehr herrschte im Restaurant. Daran hielten wir uns meistens nicht, da wir es schlicht vergassen oder auch nicht verstanden, welche T\u00fcr wir jetzt in welche Richtung benutzen durften. Uns fiel auch auf, dass es hier viele Touristen aus der Westschweiz gibt, was vielleicht ebenfalls zu mehr Sensibilit\u00e4t f\u00fchren k\u00f6nnte, da diese das Virus eher mitbringen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 1. Juli 2020<\/strong><\/p>\n<p>Die Tage nach der Wanderung waren wieder ruhig. Ich ging regelm\u00e4ssig ins Fitnesscenter. Die Einschr\u00e4nkungen dort halten sich in Grenzen. Dort wo Ger\u00e4te zu eng stehen, sind gewisse gesperrt. Einzig der Zirkel, bei welchem mehrere Ger\u00e4te hintereinander absolviert werden sollen, ist etwas umst\u00e4ndlicher. Will man jedes Ger\u00e4t nach dem Gebrauch desinfizieren, unterbricht man st\u00e4ndig das Training und der Rundgang verz\u00f6gert sich, da alle Ger\u00e4te des Zirkels zentral aufeinander abgestimmt und getaktet sind. Ich habe mir deshalb vorgenommen, solange ich allein den Zirkel absolviere, nur alle paar Ger\u00e4te inne zu halten, um die letzten Ger\u00e4te zu desinfizieren. Wenn noch andere Menschen den Zirkel benutzen, desinfiziere ich nach zwei Ger\u00e4ten, bevor die anderen Menschen zu diesem Ger\u00e4t kommen. Im Verlauf der Woche erfuhr ich zudem, dass ich am 13. Juli nun endlich mit meinem Praktikum beginnen darf. Die Angestellten werden nun Ende Juni wieder aus dem Home Office zur\u00fcckkehren und mich ab dem 13. einarbeiten k\u00f6nnen. Ich freue mich wirklich sehr endlich dort beginnen zu k\u00f6nnen. Endlich einmal das Studium gegen Arbeit auszutauschen, freute mich vor Corona schon. Doch nun kommt noch die Tatsache hinzu, dass ich die letzten Monate besonders viel herumgesessen habe und nun gerne wieder etwas mehr Tempo zulegen werde. Zudem scheint mein Chef sehr verst\u00e4ndnisvoll und fragt auch jetzt noch bei jedem Telefonat, ob ich mich wirklich sicher genug f\u00fchlen w\u00fcrde, als Risikopatientin wieder arbeiten zu gehen.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen haben die F\u00e4lle in der Schweiz wieder zugenommen. Oft infizieren sich die Menschen im Ausgang. Vermehrt h\u00f6rt man Geschichten, wonach Partyg\u00e4nger in den Clubs falsche Kontaktangaben hinterlie\u00dfen und so das Tracking erschwerten. Dass die Fallzahlen wieder zunehmen w\u00fcrden, hatte ich erwartet und es wurde von den Experten auch prognostiziert. Allerdings bringt dies mich doch wieder ins Gr\u00fcbeln. F\u00fcr unsere Jugendgruppe bin ich nun gerade dabei, ein Treffen zu organisieren. Wir w\u00e4ren wohl so um die zehn Personen aus den unterschiedlichsten Regionen des Landes. Gef\u00fchlt finde ich ein solches Treffen in Ordnung und ich muss auch zugeben, dass mir Corona im Alltag nicht mehr immer pr\u00e4sent ist. Ich ziehe konsequent im \u00d6V die Maske an, aber bei Gespr\u00e4chen vergesse ich doch immer \u00f6fter den Mindestabstand. Nun hinterfrage ich bereits wieder, ob ein solches Treffen wirklich schon okay ist. Einerseits ob man als Organisation dies verantworten kann und andererseits pers\u00f6nlich, ob ich mich wieder mit so vielen unbekannten Menschen gleichzeitig treffen sollte. Momentan plane ich noch weiter, aber ich bin gespannt, wie die Sache sich weiterentwickeln wird. Gestern bin ich wieder zu meinen Eltern gefahren, da ich heute mit meiner Nachbarin reiten ging. Wieder fiel mir auf der Reise auf, dass die Anzahl der Maskentragenden abnahm, je mehr es in die Zentralschweiz und aufs Land hinaus ging. Als ich den Bus nach Hause betrat, war nur noch ein Viererabteil frei. Das d\u00e4mpfte mein Stimmung bereits, denn ich hatte mir fest vorgenommen, Menschen, die sich zu mir setzen zu bitten, auch eine Maske anzuziehen. Nun hatte ich drei Pl\u00e4tze zu \u201cbewachen\u201d und zudem war klar, dass der Bus voll werden w\u00fcrde, da es schon Rush Hour war. Hinter mir sa\u00dfen zwei \u00e4ltere Damen, die ebenfalls beide Masken trugen. Das gab mir wortw\u00f6rtlich etwas das Gef\u00fchl von R\u00fcckendeckung, denn so f\u00fchlte ich mich weniger als Exotin. Dann setzte sich ein Bekannter des Busfahrers neben mich und unterhielt sich laut quer durch den Bus mit dem Fahrer. Ich bat ihn freundlich eine Maske anzuziehen. Er reagierte sehr ungl\u00e4ubig und setzte sich auf den Platz diagonal von mir. Ich meinte, ich w\u00e4re trotzdem froh, er w\u00fcrde eine anziehen, da ich zur Risikogruppe geh\u00f6re. Er grinste ungl\u00e4ubig und setzte sich woanders hin. Der Busfahrer lachte sp\u00f6ttisch und sein Bekannter meinte kopfsch\u00fcttelnd: \u201cGar nicht diskutieren.\u201d Da musste ich mich sehr beherrschen, still sitzen zu bleiben. Dass der Busfahrer f\u00fcr mein Verhalten anscheinend auch keinerlei Verst\u00e4ndnis hatte und es l\u00e4cherlich fand, wie sein Lachen zeigte, fand ich schlimm. Die Verkehrsbetriebe empfehlen offiziell generell Masken zu tragen und er steht nicht einmal hinter den Empfehlungen seines Betriebs, wenn es einen zus\u00e4tzlichen Grund g\u00e4be, eine Maske zu tragen (eine Person in der N\u00e4he, die zur Risikogruppe geh\u00f6rt). Zudem fand ich es verletzend, dass ich quasi als Spinnerin betrachtet wurde, die unbegr\u00fcndete \u00c4ngste hat oder \u00fcbertreibt. Wenn ich mit meinem Alter sage, ich sei Risikoperson, gebe ich preis, dass ich chronisch krank bin. Eine Idee, dass diese Zeit f\u00fcr mich vielleicht nicht ganz so einfach sein k\u00f6nnte und dass ich es vielleicht auch nicht lustig finde, immunsuppressiert in einem \u00fcberf\u00fcllten Bus zu sitzen, neben Menschen, die sich sorglos \u00fcberall herumtreiben, dieser Gedanke war wohl sehr weit weg. Am liebsten w\u00e4re ich aufgestanden und h\u00e4tte den Bekannten damit konfrontiert, dass ich das Ganze nicht so am\u00fcsant finde. Sp\u00e4ter stieg eine Frau ein uns setzte sich zu mir. Ich \u00e4u\u00dferte wieder meine Bitte. Sie fragte etwas sp\u00f6ttisch: \u201cWarum? Haben sie Angst?\u201d Ich erkl\u00e4rte ihr, ich sei Risikoperson, worauf sie lange in ihrer Tasche kramte, dann aufstand und einen anderen Platz suchte. Ich vermute, sie suchte ihre Maske und stellte fest, dass sie keine dabei hatte. Der dritte Fahrgast war der absolute Hammer. Er setzte sich zu mir, ich \u00e4u\u00dferte meine Bitte und er meinte, nein, er w\u00fcrde nie eine Maske tragen und ich br\u00e4uchte ihm jetzt gar kein schlechtes Gewissen zu machen. Er rechtfertigte sich weiter, er w\u00fcrde unter der Maske keine Luft bekommen und trage deshalb nie eine. Schlussendlich behauptete er noch, er sei selbst Risikopatient. Ich wollte ihm das nicht glauben und er meinte blo\u00df, ich k\u00f6nne sagen, was ich wolle, er w\u00fcrde keine Maske anziehen. Er murmelte noch weiter, was mir nur zeigte, wie unangenehm ihm die Situation war. Er war bestimmt kein Risikopatient, denn erstens h\u00e4tte er dann kein schlechtes Gewissen haben m\u00fcssen und zweitens h\u00e4tte er auf eine Risikopatientin verst\u00e4ndnisvoller reagiert und seine Situation erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Als ich Zuhause ankam, war ich sehr frustriert \u00fcber unsere unsolidarische Gesellschaft. Meine Mutter hatte mir erz\u00e4hlt, die Menschen im Bus w\u00fcrden widerwillig, aber ohne Klagen eine Maske anziehen, wenn man sie bat. 3\/3 Personen auf einer Fahrt waren bei mir nicht dazu bereit und zudem gaben mir alle drei das Gef\u00fchl mich absurd zu verhalten. Ich habe mir auch \u00fcberlegt, ob es am Alter liegen k\u00f6nnte. Ich fragte mich, ob Menschen vielleicht mit mehr Verst\u00e4ndnis reagieren w\u00fcrden, wenn eine \u00e4ltere Person, sie bittet, eine Maske zu tragen und ob meine Mutter vielleicht deshalb andere Erfahrungen gemacht hat. Bei mir hatte ich jedoch das Gef\u00fchl, dass ich Risikopatientin bin, hatte kein Gewicht. Vielleicht weil ich weniger zerbrechlich wirke oder sich einfach der Gedanke so stark verinnerlicht hat, dass junge Menschen nicht so stark von Covid-19 betroffen sind. Das war f\u00fcr mich wirklich sehr emotional und sorgte f\u00fcr viel Frust und Wut, wie ich es sonst nur kenne, wenn ich ganz klar aufgrund meiner Sehbehinderung irgendwo diskriminiert werde, was gl\u00fccklicherweise selten vorkommt. Die Menschen finden nur die Maske \u00fcbertrieben, aber f\u00fcr mich geh\u00f6rt der Hintergrund mit meiner Krankheit auch dazu, somit hatte ich ein St\u00fcck weit auch das Gef\u00fchl, als sei ich mit meiner Aussage, ich sei Risikopatientin irgendwie l\u00e4cherlich. Diese Busfahrt war einer der Gr\u00fcnde warum ich beschlossen habe, heute nochmals einen Eintrag zu schreiben. Der andere Grund hing mit dem gestrigen Erlebnis zusammen. Heute verk\u00fcndete der Bundesrat, dass ab Montag, 6. Juli 2020 eine Maskenpflicht im \u00d6V gelten wird. Kontrollpersonal hat die Kompetenz Bu\u00dfen auszustellen und Personen, die sich weigern, eine Maske aufzusetzen, aus dem Fahrzeug zu begleiten. Ich und meine Mutter sa\u00dfen gerade im Auto auf dem Weg an den See, um das erste Mal schwimmen zu gehen nach Corona, als die Meldung im Radio kam. Wir jubelten beide triumphierend. F\u00fcr uns, die immer der maskenlosen Masse getrotzt haben, ist es eine gro\u00dfe Genugtuung, dass nun alle, die uns bel\u00e4chelt haben, auch eine tragen m\u00fcssen. Insbesondere wenn ich an meine drei Bekanntschaften von gestern denke, f\u00fchle ich ziemlich viel Schadenfreude. Genau wegen Menschen wie diesen wurde diese Vorschrift nun notwendig. Ich bin auch f\u00fcr Eigenverantwortung, aber hier scheiterte sie leider. Ich freue mich zudem auch f\u00fcr all die anderen \u201cExoten und Exotinnen\u201d mit Maske, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Oft habe ich mir \u00fcberlegt, was sie wohl dazu bewogen hatte, eine zu tragen. Von allen diesen Menschen f\u00e4llt nun der Druck der letzten Wochen ab, die Blicke der anderen aushalten zu m\u00fcssen. Morgen werde ich nach Hause fahren mit Maske und mein Auftritt wird wahrscheinlich selbstbewusster sein. F\u00fcr mich wird die neue Vorschrift keine Umstellung sein. Ich finde die Maske nicht mehr so furchtbar, weil ich mich bereits daran gew\u00f6hnt habe und ich hatte Recht, es war richtig eine anzuziehen. Es f\u00fchlt sich an wie ein kleiner Sieg und ich bin gespannt wie die Menschen mit der neuen Vorschrift umgehen werden\u2026<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[356,357,358,359,382,434,435,454,455,456],"autor":[453],"class_list":["post-6330","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","tag-march","tag-april","tag-may","tag-june","tag-july","tag-deutsch","tag-german","tag-switzerland","tag-basel","tag-luzern","autor-alice-wonder"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6330"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}