{"id":6245,"date":"2020-11-26T11:00:05","date_gmt":"2020-11-26T10:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=curarecoronadiaries&#038;p=6245"},"modified":"2020-11-23T16:25:38","modified_gmt":"2020-11-23T15:25:38","slug":"es-scheint-alles-in-ordnung-zu-sein-auf-den-ersten-blick-nach-drausen-aber-der-eindruck-tauscht","status":"publish","type":"curarecoronadiaries","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/curarecoronadiaries\/es-scheint-alles-in-ordnung-zu-sein-auf-den-ersten-blick-nach-drausen-aber-der-eindruck-tauscht\/","title":{"rendered":"\u201eEs scheint alles in Ordnung zu sein auf den ersten Blick nach drau\u00dfen, aber der Eindruck t\u00e4uscht&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6245?pdf=6245\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6245?pdf=6245\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/preview-1_resized_cropped-920x518.png\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"518\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6246\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/preview-1_resized_cropped-920x518.png 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/preview-1_resized_cropped-550x310.png 550w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/preview-1_resized_cropped.png 1200w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/preview-1_resized_cropped-550x310@2x.png 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Photograph by author.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Klara Perle (Pseudonym, 34 Jahre) ist Doktorandin der Kultur- und Sozialanthropologie und lebt zusammen mit ihrem Mann (37 Jahre) und ihrer vierj\u00e4hrigen Tochter in M\u00fcnchen in einer Wohnung in einem Mehrparteienhaus. In diesem Haus leben neben ihren Eltern (~70 Jahre), ihre Tante und ihr Onkel (~80 Jahre) v\u00e4terlicherseits sowie andere Nachbar*innen. W\u00e4hrend des Lockdowns verbrachte Klara Perle die Tage im Home-Office zusammen mit ihrer Tochter, w\u00e4hrend ihr Mann weiterhin in einer sozialp\u00e4dagogischen Werkstatt arbeitete. Klara Perle beobachtet und beschreibt in ihren Tagebuchnotizen die eigenen inneren Ver\u00e4nderungsprozesse, die Interaktionen innerhalb ihrer Familie sowie das Zusammenleben im Haus w\u00e4hrend des Corona-Lockdowns. <\/em><\/p>\n<p><em>Die folgenden Tagebuchnotizen sind zum Schutz der Personen anonymisiert. Der vollst\u00e4ndige Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. <\/em><\/p>\n<p><strong><u>\u00a0<\/u><\/strong><\/p>\n<p><em>Die Tagebuchaufzeichnungen beginnen am 18.3.20. Aber bereits vorher vermehrten sich die Anzeichen, dass sich das Corona-Virus langsam ausbreiten und immer engere Kreise um unser Leben ziehen w\u00fcrde nach dem ersten Ausbruch bei Webasto in Starnberg. Pl\u00f6tzlich waren alle Desinfektionsmittel in den Apotheken ausverkauft; nach und nach schlossen die Schulen in unserer Nachbarschaft wegen Infektionsgefahr; reihenweise wurden Veranstaltungen und Termine abgesagt und pl\u00f6tzlich stellte sich heraus, dass jemand in der Familie einer Freundin bei Webasto arbeitete und k\u00fcrzlich Kontakt zu der chinesischen Kollegin hatte, die das Virus aus China eingeschleppt hatte. Schlussendlich schloss dann auch noch aus Sicherheitsgr\u00fcnden der Kindergarten unserer Tochter. Das Virus war angekommen und so beschloss ich am 18.3.20 ein ethnographisches Tagebuch \u00fcber das Leben mit dem Virus zu schreiben. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 18.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Heutige Geschehnisse: Nachdem ich meine vierj\u00e4hrige Tochter zu meinen Eltern gebracht habe und mich an meinen Arbeitsplatz im Home-Office setzen wollte, erreichten mich zahlreiche Anrufe. Die Familie, alte Bekannte, die mir noch nachtr\u00e4glich zum Geburtstag gratulieren wollten und pl\u00f6tzlich die Zeit hatten sich zu erinnern. Wo doch diese Art von Geburtstagsgratulanten die letzten Jahre immer seltener wurden, weil wohl Facebook sie nicht mehr daran erinnerte\u2026 Alle versuchten pl\u00f6tzlich mitten unter der Woche hereinzuklingeln, was sonst nie der Fall war. Wen hat man mittwochs vormittags unter normalen Umst\u00e4nden denn schon per Telefon erreicht? Was f\u00fcr eine Unversch\u00e4mtheit bei jemanden anzurufen \u2013 da musste es schon ganz doll brennen. Und jetzt? Jetzt haben sie alle Zeit, weil auch sie jetzt im Home Office sitzen, was ich eigentlich schon immer gemacht habe \u2013 aber eben fast kein anderer so wirklich. Diese anderen durfte man morgens gegen 10 Uhr eigentlich nie anrufen. Mich aber jetzt schon?! Ich sp\u00fcre Trotz und Wut und gehe nicht ran. Meine m\u00fchsam \u00fcber die letzten Jahre erarbeitete Arbeitsroutine will ich mir jetzt nicht einfach nehmen lassen. W\u00e4hrenddessen schickt mir ein Freund WhatsApp-Nachrichten von seinem Home Office \u2013 darauf ein Bild von seinem Kind in einer Babywippe neben seinem aufgeklappten Laptop. Ich frage mich, ob das Bild inszeniert ist, oder ob er wirklich gleichzeitig auf die Tochter aufgepasst und Zeit zum Arbeiten hat? Ich entscheide mich f\u00fcr die Inszenierung \u2013 nur zu gut erinnere ich mich an meine Zeit, als ich versuchte mit anderen M\u00fcttern zusammen ein Elternb\u00fcro aufzubauen: Arbeiten mit Kind?! Es scheiterte an der Unvereinbarkeit!<\/p>\n<p>Es ist kurz nach 12 Uhr, ich hole meine Tochter bei meiner Mutter ab und werde von ihr zum Mittagessen eingeladen. Das war schon lange nicht mehr der Fall\u2026 Meine Mutter ist ganz aufgel\u00f6st, weil mein Vater seit 8 Uhr morgens nicht mehr vom Zahnarzt zur\u00fcckgekehrt ist. Ich rate ihr doch einfach dort anzurufen \u2013 wann h\u00e4tte meine Mutter je zuvor bei einem Arzt angerufen, um sich nach dem Verbleib meines Vaters zu erkundigen? Daf\u00fcr war sie immer zu besch\u00e4ftigt. Ich frage sie, wie er denn unterwegs sei? Es sei mit dem Fahrrad gefahren \u2013 ich schlucke. Einerseits bin ich froh, dass er nicht mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist wegen der Ansteckungsgefahr. Fahrrad fahren ist gerade das neue Fortbewegungsmittel \u2013 aber ob das so eine gute Idee war mit dem Rad zu einer Zahn-OP fahren? Sp\u00e4ter kommt mein Vater dann doch noch sichtlich geschafft von der Operation nach Hause. Ich bin ver\u00e4rgert und schimpfe ihn fast, warum er sich hat nicht hinfahren lassen. Au\u00dferdem finde ich es gerade h\u00f6chst unverantwortlich, wenn sie als \u00fcber 70j\u00e4hrige \u2013 also die Risikogruppe \u2013 momentan medizinische Operationen vornehmen lassen. Das senkt doch ihre Immunabwehr enorm! Au\u00dferdem empfehle ich meinem Vater, der immer noch einen Seniorposten in einer Firma innehat, doch bitte auch endlich mal alle Treffen und Termine per Skype abzuhalten wie alle anderen auch. Er schaut mich nur ver\u00e4chtlich an. Meine Mutter erkl\u00e4rt, selbst die Parteivorsitzenden w\u00fcrden ihre Sitzungen in M\u00fcnchen zur anstehenden OB- und Stadtratswahl jetzt auch online abhalten\u2026 Sp\u00e4ter rede ich meiner Mutter ins Gewissen \u2013 erst erkundige ich mich noch, ob sie denn momentan noch Termine habe. Sie verneint. Dann k\u00f6nne sie meinen Vater doch bitte mit dem Auto zum Arzt fahren, meine ich. Ich f\u00fcge hinzu, im Moment kann sich keiner einen Radunfall leisten, denn keiner wei\u00df wer da momentan noch im Krankenhaus aufgenommen und gut versorgt wird \u2013 geschweige denn man steckt sich dann schlussendlich noch vor Ort mit dem Virus an! Ich frage mich insgeheim, ob ich zu viel Panik mache? Wir verabschieden uns und verabreden uns f\u00fcr das Wochenende, um gemeinsam das neue Hochbeet im Garten aufzubauen.<\/p>\n<p>Ersch\u00f6pft von der Dichte der Diskussionen in diesem kurzen Zeitraum brauche ich eine Mittagspause \u2013 eigentlich nichts neues, die habe ich mir auch schon in fr\u00fcheren Zeiten vor dem Virus geg\u00f6nnt. Das ist schlie\u00dflich ein Vorteil am Home Office. Am Nachmittag w\u00e4ge ich ab, ob ich nun wirklich mit meiner Tochter zur tagt\u00e4glichen Besorgungsrunde mit dem Fahrrad ausr\u00fccken soll, aber die gestrigen Erlebnisse halten mich davon ab. Schlie\u00dflich wurde ich gestern im Supermarkt von mehreren alten Leuten bl\u00f6d angesprochen, ich h\u00e4tte doch bitte mein Kind zu Hause lassen sollen, schlie\u00dflich sei dies die Hauptansteckungsquelle Nr. 1!<\/p>\n<p>So widme ich mich unserem Balkon, der noch im Winterschlaft steckt, aber wohl in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten zu unserem pers\u00f6nlichen Frischluftrefugium werden wird. Ich habe noch keine Viertelstunde dort verbracht, als mich meine Tante von nebenan anruft, sichtlich aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Sie, \u00fcber 80 und lungenkrank, geh\u00f6rt zur hochgef\u00e4hrdeten Risikogruppe. Seit einigen Tagen leidet sie an Erk\u00e4ltungssymptomen und geht nicht mehr vor die T\u00fcr. Sie ist hin- und hergerissen, die Symptome auf ein besonderes Asthmamedikament zu schieben oder doch auf Corona. Ihr kommen die Tr\u00e4nen. Sie habe versucht die M\u00fcnchner Corona-Hotline zu erreichen, aber es gibt kein Durchkommen. Was solle sie machen? Sie kann sich nicht testen lassen. Ein Anruf bei ihrer Haus\u00e4rztin bringt sie auch nicht weiter \u2013 sie k\u00f6nne keinen Test machen, weil sie nicht in einem Risikogebieten war. Au\u00dferdem habe sie jetzt von ihrer Schwester in NRW erfahren, dass sich dort Bekannte angesteckt h\u00e4tten und einer davon jetzt auf der Intensivstation liege. Und besonders ansteckend seien ja die kleinen Kinder, die k\u00f6nnen gleich drei, vier andere auf einen Schlag anstecken\u2026 Jetzt sind also die kleinen Kinder die Haupt\u00fcbertr\u00e4gergruppe! Ich versuche sie zu beruhigen und biete ihr an ab sofort f\u00fcr sie und meinen Onkel die Eink\u00e4ufe zu \u00fcbernehmen. Aber genau heute haben sich ihre lange verschollenen Kinder gemeldet, und ihr das auch angeboten. Sie haben jetzt mehr Zeit meinte sie, da der eine arbeitslos sei und der andere im Home Office arbeite. Insgeheim bin ich erleichtert \u2013 ihre Kinder k\u00fcmmern sich endlich um ihre Mutter, was bisher immer meine Familie \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Ich widme mich wieder meinem Balkon und \u00fcberlege dieses Jahr vor allem Gem\u00fcse und Obst anzubauen. Ich tr\u00e4ume schon seit langem von einem Selbstversorgerbalkon \u2013 wenn das nicht der perfekte Moment daf\u00fcr ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>\u00dcbertreibe ich zu sehr mit meinen Sorgen? Oder ist die Situation in M\u00fcnchen schon alarmierender als in Hamburg?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz darauf meldet sich per Telefon eine Freundin aus Hamburg. Sie gratuliert mir noch nachtr\u00e4glich zum Geburtstag. Wie lange haben wir schon nicht mehr telefoniert? F\u00fcnf Monate oder sieben Monate? Sie erz\u00e4hlt mir ganz beschwingt, dass sie jetzt endlich Zeit habe tags\u00fcber zu telefonieren, da sie im Home Office sei. Ich freue mich auch. Sie arbeitet bei einer NGO, die Mitarbeiter*innen in Entwicklungsprojekte in die ganze Welt entsendet. Den ganzen Tag sei sie damit besch\u00e4ftigt die deutschen Mitarbeiter*innen im Ausland \u00fcber den Sinn oder Unsinn einer R\u00fcckkehr zu beraten. Menschen, die seit Jahren im Ausland leben und arbeiten wollen pl\u00f6tzlich in den Schoss ihres Heimatlandes zur\u00fcckkehren, um hier die gute medizinische Versorgung genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Ich denke mir insgeheim, puh in sp\u00e4testens zwei Wochen ist es hier vorbei damit, wenn #flattenthecurve nicht angeschlagen hat\u2026 Sie ist guter Stimmung, nicht einmal die Tatsache, dass ihr Mann sich vor einer Woche einer schweren, aber geplanten OP unterzogen hat und nun auf der Intensivstation liegt, kann ihre gute Laune tr\u00fcben. Ich will schon ansetzen sie zu bemitleiden, aber sie meinte ganz beruhigend, seine Station sei jetzt von allen \u201eleichteren\u201c F\u00e4llen ger\u00e4umt worden \u2013 niemand k\u00f6nne mehr rein in die Station, geschweige denn Besuch empfangen! Er sei dort sicher! Stattdessen mache sie sich vielmehr Sorgen dar\u00fcber, dass sie jetzt f\u00fcr Wochen alleine zu Hause sein werde. Deshalb will sie sich weiterhin mit Freunden zum Essen treffen und Sport machen, sonst falle ihr ja die Decke auf den Kopf. Daraufhin bekomme ich ein schlechtes Gewissen gegen\u00fcber einer Freundin aus M\u00fcnchen mit der ich eigentlich heute im Caf\u00e9 verabredet war. Aber vorsorglich habe ich das Treffen zu Skype verlegt. \u00dcbertreibe ich zu sehr mit meinen Sorgen? Oder ist die Situation in M\u00fcnchen schon alarmierender als in Hamburg?<\/p>\n<p>Danach ist wieder Zeit f\u00fcr den Balkon. Nach den vielen Telefonanten habe ich ganz vergessen, dass meine Tochter immer noch vor dem Fernseher sitzt\u2026 Ich ergreife die Fernbedienung und schalte sofort aus. W\u00fctend und schreiend verl\u00e4sst meine Tochter das Zimmer.<\/p>\n<p>Jetzt ist Zeit f\u00fcr den Balkon. Es ist ein herrlicher Fr\u00fchlingstag; es ist fast schon zu hei\u00df und ich rei\u00dfe alte St\u00e4ngel aus der Erde, reinige T\u00f6pfe und Blumenk\u00e4sten. Ich mache meiner Tochter ein Friedensangebot und lade sie zu einem kleinen Picknick auf dem Balkon ein. Wir machen es uns auf einer Decke gem\u00fctlich, trinken Tee und plaudern als wieder das Telefon klingelt.<\/p>\n<p>Es ist mein Mann, er ist ganz aufgel\u00f6st und erz\u00e4hlt etwas von der Polizei und einem kleinen Kind, dass er gerettet h\u00e4tte. Er komme deswegen sp\u00e4ter aus der Arbeit. Ich verstehe nicht ganz was los ist, sage ihm aber, das sei doch kein Problem. Schlie\u00dflich habe ich ja gestern auch nach dem Einkaufen einem alten Mann geholfen, der ganz verwirrt und ohne Jacke auf einer gro\u00dfen Stra\u00dfe herumirrte und nach einem Taxi suchte. Es scheint mir als keimen pl\u00f6tzlich eine Solidarit\u00e4t und ein \u201eAufeinanderschauen\u201c in der \u00d6ffentlichkeit auf, wo vorher sich jeder nur um sich selbst gek\u00fcmmert hat, da man ja bereits zum n\u00e4chsten Termin musste.<\/p>\n<p>Meine Tochter und ich werkeln noch eine Weile auf dem Balkon, w\u00e4hrend wir auf meinen Mann warten. Denn wenn er kommt, so haben wir in dieser Ausnahmesituation beschlossen, \u00fcbernimmt er die Aufsicht unserer Tochter und ich kann Besorgungen und Erledigungen drau\u00dfen machen.<\/p>\n<p>Endlich konnte ich zu meiner t\u00e4glichen Rundfahrt mit dem Fahrrad aufbrechen. Einmal am Tage habe ich mir vorgenommen, drehe ich eine Runde in der \u201eAu\u00dfenwelt\u201c \u2013 sei es f\u00fcr den Gang zum Supermarkt, zur Bank, zur Post oder um einfach frische Luft zu schnappen und zu beobachten wie die Stadt und ihre Bewohner*innen sich ver\u00e4ndern. Kaum hatte ich mein Rad aus dem Schuppen geholt, traf ich auf eine der Nachbarinnen, die auch gerade eine Runde drehen wollte. Ich fragte sie wie es ihnen gehe. Sie meinte, sie seien alle gesund, aber trotzdem sah sie bek\u00fcmmert aus. Sie habe gerade einen neuen Raum f\u00fcr ihre Kindertagesst\u00e4tte angemietet, Handwerker f\u00fcr die Renovierung bestellt und neue Leute eingestellt. Ab April sollte es losgehen \u2013 aber nun? Sie wisse nicht wie sie die Miete und die Geh\u00e4lter zahlen solle, die Handwerker bek\u00e4men kein Material mehr und k\u00f6nnen nicht weiterarbeiten\u2026 Ich versuchte sie zu beruhigen und meinte daf\u00fcr gebe es doch sicherlich Hilfe von der Stadt\u2026 Sie meinte, sie wisse es nicht. Es sollte ein Online-Formular hochgeladen werden, aber die Seite ist seit Tagen \u00fcberlastet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir reden, gesellt sich ein anderer Nachbar mit seinem Fahrrad hinzu. Wir m\u00fcssen seltsam aussehen mit dem vorgeschriebenen 1,5 Meter Sicherheitsabstand zueinander. Der Nachbar fr\u00e4gt, ob wir denn alle gesund seien\u2026 Wir bejahen. Er erkundigt sich wie es mit meiner Tochter l\u00e4uft, ich meinte, der Lagerkoller stehe noch aus\u2026 Er vermisse ja besonders die Fu\u00dfballspiele; dass sogar die Fu\u00dfballspiele abgesagt wurden, das k\u00f6nne er gar nicht verstehen. Au\u00dferdem, meinte er, habe er im Internet gelesen, dass die Amerikaner das Virus erfunden h\u00e4tten, um uns zu schaden. Ich schaue ihn fragend an und denke mir: So ein Quatsch, ein Verschw\u00f6rungstheoretiker! Es geht noch weiter \u2013 au\u00dferdem seien \u00fcberall nach Deutschland amerikanische Panzer verlegt worden\u2026 Die Nachbarin schaut ihn ganz verunsichert an und meint: Ach wirklich ja? Ich sage zu ihm, das solle er sich mal keine Sorgen machen\u2026 Es wird mir zu bunt und ich will noch im Sonnenschein zu meiner Radtour aufbrechen. Ich gebe mich vers\u00f6hnlich und meine zum Abschied: Seien wir froh, dass wir nicht zur Risikogruppe geh\u00f6ren und jetzt muss ich dringend zur Bank!<\/p>\n<p>In der Bank reinigt gerade eine Putzkraft den Schalterraum. Ich beobachte sie genau, aber so eine richtige Hygieneausr\u00fcstung scheint sie nicht zu haben, obwohl ja extra ein Schild an der T\u00fcr h\u00e4ngt, dass hier t\u00e4glich desinfiziert w\u00fcrde\u2026 Ein anderes Schild weist darauf hin, beim Anstellen am Schalter bitte den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,5m einzuhalten und au\u00dferdem werde das H\u00e4ndesch\u00fctteln jetzt durch ein herzliches L\u00e4cheln ersetzt. Ich trete an den Geldautomaten heran und greife nach meinem Geldbeutel, anstelle dessen erwische ich nur meine Wollhandschuhe, die ich seit dem Ausbruch des Virus immer bei mir trage. Kurz \u00fcberlege ich sie anzuziehen, um den Geldautomaten zu bedienen, aber ich will mich nicht l\u00e4cherlich machen vor den anderen Kund*innen. Vor ein paar Wochen noch war es kalt drau\u00dfen, da fielen solche Handschuhe nicht weiter auf. Aber jetzt bei diesem fr\u00fchlingshaften Wetter\u2026Vielleicht sollte ich n\u00e4chstes Mal doch Gummihandschuhe mitnehmen? Ich checke schnell unseren Kontostand und \u00fcberlege mir wieviel Geld ich abhebe. Im Hinterkopf habe ich dabei die Stimme meines Mannes, die sagt, ich solle bitte mehr als sonst abheben, schlie\u00dflich sollten wir in dieser Situation immer mehr Bargeld zu Hause haben. Schlie\u00dflich wisse man ja nie, wann die Banken schlie\u00dfen w\u00fcrden. Dabei kommt mir die Finanzkrise in Griechenland in den Sinn\u2026<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es ist genug \u2013 auch Corona hat mal Feierabend!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erfrischt komme ich von meinem kleinen Ausflug zur\u00fcck und bringe mein Fahrrad in den Keller. Das ist umst\u00e4ndlich geworden \u2013 so viele Griffe, Schalter, Klinken und T\u00fcren m\u00fcssen ber\u00fchrt werden, und nicht alle kann man mit dem Ellenbogen bedienen. Ich komme an unserer allgemeinen Infotafel f\u00fcr die Hausbewohner*innen vorbei. Seit ich von den solidarischen Aktionen und Aush\u00e4ngen unter Nachbarn geh\u00f6rt habe, spiele ich mit dem Gedanken die extra erstellte Liste zur Nachbarschaftshilfe von nebenan.de aufzuh\u00e4ngen. Aber noch ziere ich mich\u2026 Am Ende muss ich dann f\u00fcr alle alten Leute im Haus Eink\u00e4ufe machen, da reicht mir schon meine eigene Familie\u2026 Ich warte auf den Aufzug und checke ob er leer ist\u2026 Ich lache \u00fcber mich selbst, will aber trotzdem momentan mit niemandem den Aufzug teilen. In unserer Wohnung angekommen, gehe ich wie gewohnt ins Bad, um das 30s Waschritual zu beginnen. Wir haben uns mit zahlreichen Seifen aller Art eingedeckt. Da ich mit dem Abendessenmachen dran bin, sch\u00fctte ich mir noch zus\u00e4tzlich einen Schwall Desinfektionsmittel \u00fcber die H\u00e4nde \u2013 sicher ist sicher! Ich wundere mich kurz wie voll die Flasche noch ist. Schlie\u00dflich ist es die einzige im Haus und die habe ich schon vor mehr als zwei Wochen gekauft\u2026<\/p>\n<p>Noch kurz tauschen wir uns beim Abendessen \u00fcber die neuesten Corona-Nachrichten aus. Den Rest des Abends verbringen wir spielend mit unserer Tochter. Es ist genug \u2013 auch Corona hat mal Feierabend!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 19.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Ich bringe meine Tochter wieder zu meinen Eltern. 9 Uhr war ausgemacht, aber wir schlagen ersch\u00f6pft und verheult erst um 9.30 Uhr auf. Es war ein Kampf; meine Tochter wehrte sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, sie habe so gro\u00dfe Angst die Wohnung zu verlassen und zu meinen Eltern zu gehen\u2026 Es tut mir in der Seele weh, aber ich wei\u00df auch, dass ich Zeit und Raum brauche, um die vielen momentanen Ver\u00e4nderungen zu verarbeiten. Und die Kinderg\u00e4rten momentan geschlossen sind, bleibt mir nichts anderes \u00fcber.<\/p>\n<p>Wieder zur\u00fcck an meinem Schreibtisch treffen sich eine befreundete Psychologin und ich zum Skypen \u2013 eigentlich hatten wir uns letzte Woche noch in einem gem\u00fctlichen kleinen Caf\u00e9 verabredet, aber das scheint uns jetzt nicht mehr angemessen. Kurz verschwende ich einen Gedanken an das Caf\u00e9, ob es wohl bald schlie\u00dfen muss und denke an die vielen Gutscheinaktionen, die gerade ins Leben gerufen werden, um Caf\u00e9s und Restaurants zu retten.<\/p>\n<p>Die Freundin erz\u00e4hlt mir, dass die als Therapeutin weiter arbeite und auch gerade versuche auf Online-Therapie umzustellen, aber das ja auch nicht jedem Patienten gelingt und die Krankenkassen das noch nicht voll zur Abrechnung anerkennen. Es aber so dringend notwendig w\u00e4re f\u00fcr viele Patienten, die gerade jetzt noch viel mehr \u00c4ngste und Probleme aufgrund des Virus haben und Unterst\u00fctzung brauchen. Ich erz\u00e4hle ihr von der angstvollen Reaktion meiner Tochter heute Morgen und sie meint, dass Kinder jetzt wieder ins Kleinkindalter verfallen, anh\u00e4nglich werden und eventuell sogar wieder einn\u00e4ssen. Man solle sich einen kindgerechten Umgang \u00fcberlegen, denn sie sp\u00fcren jetzt die unterschwelligen \u00c4ngste und Emotionen der ganzen Ver\u00e4nderungen viele st\u00e4rker als die Erwachsenen. Wir m\u00fcssen sie gerade jetzt noch viel mehr emotional sch\u00fctzen und begleiten! Denn die kleinen Kinder sind jetzt zur Hochrisikogruppe Nr. 1 auserkoren geworden als Haupt\u00fcbertr\u00e4ger des Virus. Denn diejenigen, die eigentlich sonst zu der verwundbarsten und sch\u00fctzenswertesten Gruppe geh\u00f6ren, sind jetzt die Gefahr. Welch\u2018 dramatische Wendung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Alle scheinen gerade in einem permanenten Krisenmodus zu sein und ordnen alles dem Notfall unter [&#8230;] wenn alle Kulturkritik verloren geht, oder in die Ecke der Verschw\u00f6rungstheorien geschoben wird, dann sind autorit\u00e4ren Tendenzen T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sprechen \u00fcber viele Dinge und kommen gar nicht hinterher alles zu besprechen, so viel hat sich in den letzten Tagen ver\u00e4ndert. Ich f\u00fchle mich schwebend, schwirrend, weil alles sich so schnell \u00e4ndert\u2026 Ich habe keine Zeit das gro\u00df zu analysieren, da die Dichte der Ereignisse so dicht und schnell ist. Wo kann ich mir da Raum zum Reflektieren und Einordnen als Forscherin nehmen? Es kommt zu einer Beschleunigung von Notma\u00dfnahmen und Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens, aber gleichzeitig zu einer Entschleunigung, weil weniger passiert als im Normalalltag. Alle scheinen gerade in einem permanenten Krisenmodus zu sein und ordnen alles dem Notfall unter. Aber wie kann man sich Zeit und Raum wieder aneignen und sich seiner Selbst wieder erm\u00e4chtigen und Verantwortung \u00fcbernehmen, um schon jetzt die Transformation der Gesellschaft mitzugestalten, die sich gerade in Echtzeit vor unserem Auge vollzieht. Denn wenn alle Kulturkritik verloren geht, oder in die Ecke der Verschw\u00f6rungstheorien geschoben wird, dann sind autorit\u00e4ren Tendenzen T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet. Wie also wieder handlungsm\u00e4chtig werden und aus dem pers\u00f6nlichen Krisenzustand rauskommen?<\/p>\n<p>Nach Gespr\u00e4ch mit ihr komme ich wieder in meine Kraft und kann besser aussteigen aus dem sich permanent ver\u00e4ndernden Kleinklein des Alltags und endlich wieder gr\u00f6\u00dfere, systemische Zusammenh\u00e4nge sehen. Ich f\u00fchle mich wieder handlungsm\u00e4chtig in meiner Rolle als Wissenschaftlerin und bereit den Wandel zu dokumentieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wie konnte es soweit kommen, dass meine Eltern pl\u00f6tzlich wieder mitbestimmen wen ich treffen darf und wen nicht?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute kam es dann in der Familie zum Konflikt: Ein lange geplanter Besuch bei einer befreundeten Familie im M\u00fcnchner Umland wird pl\u00f6tzlich zum gro\u00dfen Politikum. Meine Eltern, die zuf\u00e4llig meinen Plan mitbekommen haben, stellen mich vor die Wahl: Fahre ich, werden sie nicht mehr auf meine Tochter aufpassen damit ich arbeiten kann. Bleibe ich, werden sie weiterhin aufpassen. Aber wie lange noch? Ein Generationenkonflikt macht sich zusehends bemerkbar und die Panik unter den alten Leuten steigt von Tag zu Tag. Ich f\u00fchle mich fremdbestimmt und wieder zum Kind degradiert! Wie konnte es soweit kommen, dass meine Eltern pl\u00f6tzlich wieder mitbestimmen wen ich treffen darf und wen nicht? Dabei kommt mir auch die Angst in den Sinn, die mir meine Tochter derzeit spiegelt, wenn sie zu den Gro\u00dfeltern gehen soll. Vielleicht ist es gar nicht ihre, sondern die unbewusste der Gro\u00dfeltern vor einer m\u00f6glichen Ansteckung, die die Kleine sp\u00fcrt\u2026 Das Todesargument in Zusammenhang mit dem Virus hebelt alles aus. Grenzen verschwimmen und l\u00f6sen sich auf \u2013 Menschen mischen sich ein in die Leben anderer, weil deren eigene K\u00f6rper gef\u00e4hrdet sind. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich finde es gibt auch ein soziales Immunsystem neben dem Individuellen. Doch die Medikalisierung der Gesellschaft scheint mir in vollem Gange zu sein!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Diskurs erinnert mich an die Diskussion um das Rauchverbot in Bayern. Wie viele individuelle Bed\u00fcrfnisse muss der Einzelne opfern, um nicht von der Gesellschaft versto\u00dfen zu werden? Und das geht momentan leicht. Jedes Flanieren im Park, Posten von Freizeitbildern in den sozialen Medien und von Gruppenbildern mit Menschen, die nicht zum engen Familienkreis geh\u00f6ren, k\u00f6nnen einen Shitstorm nach sich ziehen. Doch es gibt auch Risikogruppen wie psychisch erkrankte Menschen, die weniger aufgrund des Virus gef\u00e4hrdet sind, sondern vielmehr weil die soziale Isolation sie vulnerabel macht. Ich finde es gibt auch ein soziales Immunsystem neben dem Individuellen. Doch die Medikalisierung der Gesellschaft scheint mir in vollem Gange zu sein!<\/p>\n<p>Au\u00dferdem werde ich w\u00fctend auf die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern \u2013 nur weil meine Arbeit f\u00fcr das Home-Office geeigneter ist, muss ich als Frau zur\u00fcckstecken und sehe mein Arbeiten \u00fcberhaupt in Gefahr? Was bleibt einem in solchen Situationen anders \u00fcbrig als das Kind vor den Fernseher zu setzen? Das mit dem eigenen Gewissen zu vereinbaren ist das eine, das andere sp\u00e4ter die Kritik der Gesellschaft zu erfahren wie unverantwortlich das doch war\u2026<\/p>\n<p>Aber nicht meine Eltern waren entr\u00fcstet \u00fcber den geplanten Besuch, auch mein Mann. War er sonst immer froh einen freien Nachmittag f\u00fcr sich zu haben, so warf er mir jetzt Verantwortungslosigkeit vor. F\u00fcr mich aber w\u00fcrde dieser Besuch aber viel mehr als das Treffen mit einer Freundin darstellen. Die Chance die Stadt (nat\u00fcrlich per Auto) zu verlassen, um mit einem forschenden Blick die Ver\u00e4nderungen am Land zu registrieren und mir ein gr\u00f6\u00dferes Bild der Lage zu machen, juckt mich sehr. Und au\u00dferdem die Ver\u00e4nderungen mit ihr zu reflektieren, denn der Face-to-Face-Kontakt fehlt mir sehr sowie der Blase der eigenen Wohnung zu entkommen. Doch die gesellschaftliche Verachtung f\u00fcr solche \u201eLuxust\u00e4tigkeiten\u201c steigt! Wurde nicht auch schon vor der Krise die Existenz von Kultur- und Sozialwissenschaften immer wieder in Frage gestellt \u2013 man solle lieber etwas Sinnvolles aus\u00fcben. Jetzt solle man lieber solche \u201egef\u00e4hrlichen\u201c T\u00e4tigkeiten einstellen, die sind schlie\u00dflich nicht systemrelevant.<\/p>\n<p>Die Arbeit auf dem Balkon kommt voran und meine Tochter kann sich hier stundenlang selbst besch\u00e4ftigen. Was f\u00fcr ein kostbares Gut so ein St\u00fcck Natur bei sich zu Hause zu haben! Wobei ein enger Reihenhausgarten momentan sicherlich auch nicht gerade stressfrei ist unter den Nachbar*innen. Kurz sichte ich meine Tante am gegen\u00fcberliegenden Balkon, die sonst immer den Kontakt sucht und sich zu einem Schw\u00e4tzchen hinrei\u00dfen l\u00e4sst. Jetzt aber zieht sich schnell wieder nach innen zur\u00fcckzieht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Nachmittag drehe ich wieder meine Runde mit dem Rad. Gerade in Richtung der Gesch\u00e4fte sind viel mehr Menschen als sonst zu Fu\u00df unterwegs oder mit dem Fahrrad \u2013 in erh\u00f6htem Tempo wohlgemerkt! Die Geschwindigkeit auf den Radwegen hat zugenommen \u2013 auch die geradezu martialische Ausr\u00fcstung vieler Radfahrer erinnert mich mehr an Abenteuer-Touren im Gro\u00dfstadtdschungel als gem\u00fctliche Einkaufsfahrten.<\/p>\n<p>Ich fahre an der Apotheke vorbei und sehe schon von weitem einen aus roten Absperrb\u00e4ndern, orangen Warnschildern und gelb markierten Hinweistafeln erstellten Parcours. Die Apotheke ist zur Hochsicherheitszone geworden. Einzeln sollen die Kunden eintreten, Abstand halten und bei Fieber oder anderen Corona-Symptomen erst gar nicht eintreten. Wo sonst kundennahe Atmosph\u00e4re und Beratung herrschen, sind jetzt gro\u00dfe Glasw\u00e4nde an den Kassen angebracht worden, die an alte Schalterhallen erinnern. Drau\u00dfen stehen Menschen, die gerade Schutzmasken auspacken, wobei unklar ist, ob sie diese extra anziehen, um sich in die Apotheke begeben, oder ob sie sich f\u00fcr drau\u00dfen r\u00fcsten\u2026<\/p>\n<p>Ich gehe \u00fcber das Zwischengeschoss der U-Bahn zu einem gro\u00dfen Einkaufszentrum. Es herrscht gespenstische Leere auf dem Bahnsteig wie an einem Sonntagnachmittag. \u00dcberall verweisen Hinweistafeln auf ausged\u00fcnnte Fahrpl\u00e4ne und Schienenersatzverkehr. Die Adern der Stadt scheinen zum Erliegen gekommen zu sein, obwohl doch gerade erst noch \u00fcber den Bau eines zweiten S-Bahntunnels diskutiert wurde, um den \u00f6ffentlichen Nahverkehr in M\u00fcnchen zu entlasten. Der B\u00e4cker mit Caf\u00e9 im Sperrgeschoss hat noch ge\u00f6ffnet und hat seine neuen Besuchsregeln in einem komplizierten Schrieb auf eine Schiefertafel angebracht. Drinnen herrscht ein sogenanntes \u201eSitzverbot\u201c und es gibt nur noch Essen to go.<\/p>\n<p>Ich gehe im Einkaufszentrum in einen Drogeriemarkt. Vereinzelt laufen Kunden durch die G\u00e4nge, die penibel genau das 1,5-Meter-Abstandsgebot einhalten. Es scheint alles zu geben: \u00fcberall stapeln sich unausgepackte Kisten und Palletten zwischen den Regalen. Nur in der Klopapierabteilung herrscht g\u00e4hnende Leere. Vorne an der Kasse gibt es ein neues Anstellprozedere. Absperrb\u00e4nder und Bodenmarkierungen wei\u00dfen auf den gebotenen Sicherheitsabstand von 1,5-Meter-Abstandsgebot hin. Die Frau vor mir m\u00f6chte zwei kleine P\u00e4ckchen mit desinfizierenden Handreinigungst\u00fccher kaufen. Die Kassiererin ausgestattet mit Gummihandschuhen sagt streng, dass sie nur eines ausgeben k\u00f6nne pro Person. Schnell eilt ein Freund der Kundin herbei, um sich als zweite berechtigte Person auszuweisen. Ich bin an der Reihe und komme kaum an das Flie\u00dfband heran, da eine eigenartige Konstruktion aus Plastikkisten eine k\u00fcnstliche Barriere zwischen der Kassiererin und mir aufbaut. Ein Schild bittet um kontaktloses Zahlen.<\/p>\n<p>Im ADIL sp\u00e4ter scheint alles wie immer zu sein \u2013 die Supermarktkette hat schnell reagiert und s\u00e4mtliche Pflanz-, Garten-, Heimsportartikel und Spielzeuge f\u00fcr Kinder in die Regale sortiert, die jetzt dringend ben\u00f6tigt werden. Da fast alle Gesch\u00e4fte zu haben, die nicht Teil der t\u00e4glichen Versorgung sind, frage ich mich doch, warum ausgerechnet noch Baum\u00e4rkte ge\u00f6ffnet haben? An der Kasse wird wieder um kontaktloses Zahlen gebeten. Die Kassiererin scherzt mit einem Bekannten, der auch ansteht und fragt warum er einen Fertigkuchen kaufe? Ob er denn nicht jetzt endlich Zeit zum Kuchenbacken habe?<\/p>\n<p>Ich kehre von meiner t\u00e4glichen Radrunde zur\u00fcck nach Hause und treffe im Hof den Hausmeister an, der mir vom Kampf gegen die Ratten berichtet. Eine Nachbarin habe Ratten unter dem Gartenhaus meiner Eltern entdeckt und Alarm geschlagen. Der Hausmeister und meine Eltern sind sofort ausger\u00fcckt, um die Ratten zu vergiften. Stolz berichten sie mir von ihrer Aktion. Ich frage mich, ob die Ratten erst im Zuge der Corona-Krise eingezogen sind, oder vorher einfach ein ungest\u00f6rtes Leben f\u00fchren konnten, da keiner ihre Anwesenheit bemerkt hatte. Morgen m\u00f6chte meine Mutter im Baumarkt noch mehr Rattengift kaufen. Erstaunt bemerke ich wie meine Eltern im Alleingang die Hochbeete im Garten aufgebaut haben. Eigentlich wollten wir es doch zusammen machen\u2026 Ich bin verwundert \u00fcber ihren Alleingang. Oder haben sie am Ende doch Angst sich bei uns \u201eJungen\u201c mit dem Virus anzustecken?<\/p>\n<p>Am Abend rolle ich meine Yogamatte aus, um mich zu endlich zu entspannen \u2013 wie viele Jahre nehme ich mir das schon vor? Meine Tochter gesellt sich dazu und wir \u00fcben still nebeneinander. Nachdem ich sie ins Bett gebracht habe, schalte ich doch nochmal das Handy an und es erreichen mich schlechte Nachrichten aus dem Land, wo ich f\u00fcr meine Doktorarbeit drei Jahre lang geforscht habe. Auch hier ist es also losgegangen. Es gibt schon 7 F\u00e4lle! Eben noch haben mir Freunde von dort Gottes Segen und viel Gesundheit gew\u00fcnscht. Jetzt spreche ich ihnen Mut zu und erz\u00e4hle von unseren Erfahrungen hier, schlie\u00dflich sind wir ihnen ein paar Wochen voraus. Ich trage mich noch schnell in die neue Covid-19-Landesgruppe bei Facebook ein und scrolle mich durch die Nachrichten. Das Land diskutiert, warum die infizierten Menschen in den Quarant\u00e4neeinrichtungen ohne Matratzen auf dem Boden schlafen m\u00fcssen. Und es geht um den Hamsterkauf von Klopapier, was mich an unsere Situation hier erinnert. Insgeheim mache ich mir ziemliche Sorgen um die dortige Gesundheitsversorgung.<\/p>\n<p>Sp\u00e4t am Abend erz\u00e4hlt mir mein Mann noch wie er und sein Modellbauverein einen Teil ihrer Vereinskasse an ihre Vereinsgastst\u00e4tte spenden wollen, um sie zu retten. Ich bin ger\u00fchrt von dieser Idee!<\/p>\n<p>Mir schwirrt immer noch die Diskussion mit meiner Mutter im Kopf herum, um den Besuch der Freundin. Ich habe noch nicht abgesagt. Es wird eine ungem\u00fctliche Nacht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 20.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen und die ganze Zeit \u00fcber das Gefahrenpotential des Besuches der Freundin gegr\u00fcbelt. Um 5 Uhr morgens stehe ich dann auf und sage das Treffen schlussendlich ab. Gemeinsam mit meinem Mann, der auch wach ist, beschlie\u00dfen wir ab sofort auch unsere Tochter nicht mehr zu den Gro\u00dfeltern bringen zu wollen, aus Gesundheitsgr\u00fcnden. Au\u00dferdem beschlie\u00dfen wir in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen zusammenzuhalten zu wollen, noch mehr als sonst!<\/p>\n<p>Nach unserem Gespr\u00e4ch beschlie\u00dft auch mein Mann eine wichtige Gesch\u00e4ftsfahrt nach W\u00fcrzburg nicht mehr zu unternehmen. Sp\u00e4ter informiere ich meine Mutter dar\u00fcber, dass wir nicht zu besagtem Besuch fahren werden, aber unsere Tochter sie nun ab sofort trotzdem nicht mehr besuchen wird. Es scheint sich mir ein Wertekonflikt zwischen k\u00f6rperlicher Unversehrtheit und sozialem Kontakt aufzutun. Kurz werde ich traurig; m\u00fcssen wir uns jetzt quasi schon verabschieden, um dann vielleicht in Wochen und Monaten, wenn wir Gl\u00fcck haben, uns wiederzutreffen? Ist das ein Abschied f\u00fcr immer? In Italien, so lese ich in den Nachrichten, m\u00fcssen die Menschen alleine sterben und k\u00f6nnen sich nicht mehr verabschieden. Es gibt nicht mal Beerdigungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Dieser letzte Tag \u201ein Freiheit\u201c f\u00fchlt sich stressig an.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages kommt die Nachricht, dass am morgigen Samstag in Bayern Ausgangsbeschr\u00e4nkungen verh\u00e4ngt werden sollen. Panisch schnappe ich mir meine Tochter und wir machen mit dem Auto einen letzten Ausflug in einen gro\u00dfen Park und holen meinen Mann von der Arbeit ab. Wir spazieren wie so viele andere in herrlichstem Fr\u00fchlingswetter durch den Park und beobachten die anderen Spazierg\u00e4nger*innen. Jeder achtet darauf niemanden zu nahe zu kommen und Eltern halten ihre Kinder auf Abstand zueinander. Ich bin froh, dass alle sensibilisiert scheinen und wir gemeinsam darauf achten. Kurz kommen mir kurz die Tr\u00e4nen \u2013 was f\u00fcr ein kostbares Gut doch die Bewegungsfreiheit ist! Ich beobachte eine Gruppe Jugendlicher, die sich im Park treffen, Musik h\u00f6ren und die Zeit totzuschlagen scheinen, dabei p\u00f6beln sie sich immer wieder gegenseitig an. Am Ende verlassen sie alle laut hustend den Park\u2026<\/p>\n<p>Dieser letzte Tag \u201ein Freiheit\u201c f\u00fchlt sich stressig an; wir \u00fcberlegen, was wir noch alles brauchen, welche Lebensmittel oder noch Dinge aus dem Baumarkt. Wir beschlie\u00dfen in einen Baumarkt zu fahren, um Blumen f\u00fcr den Balkon zu holen, drehen aber entsetzt um, als wir sehen, dass sich die Schlange einmal quer \u00fcber den Parkplatz zieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, derzeit gelten strenge Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Bleiben Sie zuhause. Der Gang zur Arbeit, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf ist weiterhin m\u00f6glich. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 21.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 1 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Wir werden am Morgen von einer Lautsprecherdurchsage der M\u00fcnchner Feuerwehr geweckt, die durch die Stra\u00dfen f\u00e4hrt und folgendes verk\u00fcndet:<\/p>\n<p>\u201e<em>Liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, derzeit gelten strenge Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Bleiben Sie zuhause. Der Gang zur Arbeit, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf ist weiterhin m\u00f6glich. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft!\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Wir sind \u00fcberrascht und kommen uns angesichts der Wortwahl ein bisschen wie in b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden vor\u2026 <\/em>Trotzdem ist f\u00fcr uns bereits der gr\u00f6\u00dfte Sturm vorbei und ich f\u00fchle mich in der neuen Lebenssituation angekommen. Ich bin entspannt. Die offizielle Ausgangssperre ist da und wir machen es uns gem\u00fctlich. Ich w\u00fcrde sagen, wir haben uns installiert und eingerichtet. Uns als Kernfamilie \u00fcberkam es jetzt auch nicht so pl\u00f6tzlich\u2026 Schon seit einigen Wochen sind wir mit dem Virusgeschehen in Kontakt und die fast t\u00e4glichen Einschr\u00e4nkungen der letzten Tage boten uns Zeit uns schrittweise darauf einzustellen.<\/p>\n<p>Am Fr\u00fchst\u00fcckstisch besprechen wir den Tag, was jeder von uns heute erledigen will und wie wir vorgehen wollen. Wir beschlie\u00dfen, dass jeder sich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck anziehen und Z\u00e4hne putzen soll, um nicht im Jogginghosen-Einerlei in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen zu versinken. Wir besprechen wann wir auf unseren Balkon gehen und was wir da tun k\u00f6nnen, denn heute regnet es leider.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter bei einem Telefonat mit einer Freundin bemerke ich, dass es scheinbar verschiedene Phasen der Realisierung der Krise gibt, die auch andere Menschen zu erleben scheinen.<\/p>\n<p>Die Freundin am Telefon redet hektisch und so schnell wie ich noch vor ein paar Tagen. Alles sprudelt aus hier heraus, sie springt von einem Thema zum n\u00e4chsten w\u00e4hrend ihr Baby im Arm qu\u00e4kt. W\u00e4hrenddessen stehe ich oben am Schlafzimmerfenster und beobachte die Stra\u00dfe und ich bin froh \u00fcber diesen Aussichtspunkt: Wer bewegt sich noch, ist wie und warum auf der Stra\u00dfe? Fr\u00fcher habe ich die alten Leute immer daf\u00fcr bel\u00e4chelt stundenlang am Fenster zu stehen und die Aktivit\u00e4ten anderer zu beobachten. Viele der angesprochen Themen der Freundin habe ich vorher schon mit anderen besprochen; es kommt mir vor wie eine Wiederholung der immer gleichen Aspekte, die wir alle derzeit gemeinsam gleichzeitig erleben. Auch ich trage meine Erkenntnisse vor. Meine Freundin scheint noch in der \u201eInstallationsphase\u201c zu stecken. Sie m\u00fcsse noch so viele Dinge organisieren und erledigen und habe \u00fcberhaupt keine freie Minute. So ging es mir vor ein paar Tagen auch noch \u2013 ich war ganz hin- und hergerissen zwischen all den Ver\u00e4nderungen. Jetzt aber bin ich entspannt.<\/p>\n<p>\u00dcber den Tag hinweg wursteln wir vor uns hin; ich komme zum Arbeiten, unsere Tochter besch\u00e4ftigt sich selber, mein Mann geht seinem Hobby nach. Wir kochen gemeinsam, schnappen frische Luft auf dem Balkon und genie\u00dfen die Ruhe. Warum f\u00fchle ich mich gerade so wohl? Ist das Abstellen der permanenten Unruhe des sonst st\u00e4ndigen t\u00e4glichen \u201eEntscheidenm\u00fcssens\u201c, wer wie was heute zu tun, zu besuchen, zu erledigen, an Wissen zu erlernen ist? Ich bin froh, dass alle jetzt im gleichen Zustand sind. Ich bin froh \u00fcber die \u00e4u\u00dfere Ruhe, die auch in meinem Inneren f\u00fcr Ruhe sorgt.<\/p>\n<p>Irgendwann kommen mir dann doch Zweifel an meiner Idylle\u2026 Eine \u00e4ltere Verwandte schickt mir eine Nachricht und fragt sich, ob unser letztes Treffen ein Abschied f\u00fcr immer gewesen sei? Und sie hofft, dass wir uns alle bald wieder sehen. Ich werde traurig und mir kommen die Berichte aus Italien in den Sinn, wo die Menschen alleine sterben m\u00fcssen und es keine Beerdigungen gibt. Langsam kommen mir Zweifel an der Strategie unsere \u00e4lteren Verwandten ab sofort nicht mehr besuchen zu wollen\u2026 Ist der Schutz der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit wirklich den Abbruch des physischen Kontakts wert? Vielleicht werden wir einige von ihnen nicht mehr wiedersehen, wenn sie sich infizieren und nicht mehr im Krankenhaus besucht werden k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird mir bewusst, was f\u00fcr ein Privileg meine Familie hat. Wir haben keine Geldnot, keine Existenz\u00e4ngste und sind k\u00f6rperlich fit und gesund. Deshalb will ich mich auch ehrenamtlich in den vielen gerade entstehenden Gruppen und Initiativen zur Corona-Hilfe einsetzen. Ich melde mich nach langer Zeit wieder mal bei nebenan.de an und scrolle durch die Gesuche in meiner Nachbarschaft. Statt Anfragen von Menschen, die Unterst\u00fctzung brauchen, finde ich haufenweise Hilfsangebote. Das erinnert mich an die Willkommenskultur im Rahmen der Fl\u00fcchtlingskrise 2015. Ich verlasse nebenan.de und finde noch einen Aushangzettel mit wichtigen Telefonnummern zur Corona-Krise, den ich morgen in unserem Wohnblock aufh\u00e4ngen will.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter klingelt es an der T\u00fcr. Einen kurzen Moment \u00fcberlege ich wie ich die T\u00fcr aufmachen und die Person in Empfang nehmen soll \u2013 mit Handschuhen, Mundschutz etc.? Es ist der Paketbote, der das Paket in einigen Meter Entfernung auf den Boden stellt, sein Ger\u00e4t selbst anklickt und schnell wieder verschwindet. Schnell danke ich ihm noch f\u00fcr seinen Einsatz und er schaut mich an, ich sehe einen kurzer Anflug von Angst in seinen Augen, dann zuckt er mit den Schultern und sag: \u201eEs geht\u201c. Warum hat er nicht Handschuhe und eine Schutzmaske an? Diejenigen, die eh schon immer unterbezahlt und ausgebeutet waren, m\u00fcssen sich jetzt auch noch einer doppelten Ansteckungsgefahr aussetzen! Und wir haben das Privileg zu Hause zu bleiben und uns alles auf die Couch liefern zu lassen\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag besuche ich meine Eltern. Sie sind entt\u00e4uscht, dass meine Tochter nicht dabei ist. Wir reden \u00fcber die Arbeit im Garten und die Arbeit meines Vaters, der von einer Krisensitzung zu anderen muss. Er erz\u00e4hlt mir wie bei ihrer Firma im Keller jetzt Mundschutzmasken selbst gen\u00e4ht und Desinfektionsmittel selbst hergestellt werden m\u00fcssen. Ich bin schockiert\u2026<\/p>\n<p>Am Abend gucken mein Mann und ich uns noch die Heute-Show an. Aber sie hat ihren Reiz total verloren \u2013 die Witze im leeren Fernsehstudio ohne Publikum und Applaus sind einfach nicht dasselbe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 22.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 2 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: \u00dcber Nacht hat es geschneit und es ist bitterkalt drau\u00dfen. In der Ferne h\u00f6ren wir wieder die Lautsprecheransagen der Feuerwehr, die jetzt in Deutsch und Englisch verk\u00fcndet werden. T\u00fcrkisch h\u00e4tte ich besser gefunden. Ansonsten ist es drau\u00dfen sehr still.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wer ist wie drau\u00dfen noch unterwegs?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich checke die Corona-Nachrichten \u2013 mehr Infizierte, mehr F\u00e4lle. Die Verdopplungszahl ist zu meinem morgendlichen \u201eAnker\u201c geworden. Es wird dauern, bis die Ausgangssperre Wirkung zeigt. Momentan erleben die Zeitungen und \u201ekonservativen\u201c Nachrichten eine Renaissance. Auch ich \u00fcberlege mir wieder ein Tageszeitungs-Abo zu bestellen.<\/p>\n<p>Ich checke die Stra\u00dfe vom Fenster aus \u2013 wer ist wie drau\u00dfen noch unterwegs? Die Sonne scheint herrlich und ich frage mich, ob wir auch rausgehen sollen oder aus Solidarit\u00e4t lieber drinnen bleiben.<\/p>\n<p>Wir planen die heutigen Telefonate und Skype-Gespr\u00e4che. Auch das Telefonieren erlebt eine Renaissance. WhatsApp-Nachrichten reichen einfach f\u00fcr die F\u00fclle an Gespr\u00e4chsbedarf nicht mehr aus\u2026 Mein Mann telefoniert mit einer \u00e4lteren Verwandten \u2013 sie ist ganz verzweifelt und schimpft auf diese \u201eChinesen-Krankheit\u201c. Er ist emp\u00f6rt und weist sie zurecht. Daraufhin f\u00e4ngt sie an zu weinen. Die Nerven bei den \u00c4lteren liegen blank. Ich biete ihr an die Eink\u00e4ufe per \u00d6kokisten-Lieferung vor das Haus liefern zu lassen. Aber sie winkt ab, sie und ihr Mann m\u00f6chten sich lieber ihre Sachen im Supermarkt selbst aussuchen. Dieses St\u00fcck Freiheit wollen sie sich nicht nehmen lassen.<\/p>\n<p>Unsere Haushaltsaufgabenverteilung gestaltet sich \u00fcberraschenderweise harmonisch zwischen mir und meinem Mann. Wir versuchen Streit so viel wie m\u00f6glich zu vermeiden. Zusammen an einem Strang ziehen ist jetzt wichtig, schlie\u00dflich k\u00f6nnen wir nicht raus und es gibt kein Ventil au\u00dferhalb der Wohnung mehr\u2026<\/p>\n<p>Ich arbeite weiter an meiner Doktorarbeit und bin kurz dar\u00fcber besorgt, dass ich keine B\u00fccher mehr in der Bibliothek ausleihen kann. Ich checke die Staatsbibliothek und bin \u00fcberw\u00e4ltigt von der F\u00fclle an erweiterten Online-Angeboten von s\u00e4mtlichen Verlagen und Publikationsdiensten! Am besten gef\u00e4llt mir der erweiterte Online-Zugang und jetzt m\u00f6gliche Lieferdienst der Bayerischen Staatsbibliothek.<\/p>\n<p>Der Kindergarten unserer Tochter schickt Bastelanleitungen, Videos von aufgenommen Liedern und Geschichten. Bis jetzt hatten wir noch keine Zeit das alles zu lesen. Wir sind auch so gut besch\u00e4ftigt. \u00dcberhaupt frage ich mich, wer wie das ganze Online-Angebot, was gerade zu Hauf neu aufgelegt wird, nutzen soll? F\u00fcr mich ist noch kein Freiraum entstanden. Ganz im Gegenteil \u2013 durch die st\u00e4ndige Kinderbetreuung habe ich viel weniger Zeit als vorher. Und es ist schon schwieriger auf einen \u201eOnline-Termin\u201c zu bestehen, als einfach weg zu sein, au\u00dfer Haus\u2026<\/p>\n<p>Meine Schwester ruft an und erkundigt sich wie man Pflanzen selber auf der Fensterbank ziehen kann. Sie m\u00f6chte dieses Jahr endlich mal ihren Garten nutzen und Gem\u00fcse anbauen. Au\u00dferdem erz\u00e4hlt sie mir, dass ihr unsere Eltern erz\u00e4hlt haben, dass sich unsere Eltern selbst nicht zur Risikogruppe z\u00e4hlen\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag wagen wir dann doch einen Spaziergang in einem Park und es ist einiges los. Jeder achtet penibelst auf Abstand und man geht sich aus dem Weg. Erstaunlich viele haben ihre Kapuzen und Schals dicht \u00fcber das Gesicht gezogen. Mit Mundschutz sehe ich keinen. Beim Thema Mundschutz f\u00e4llt mir der Post ein, den ich bei Facebook gesehen habe: Es werden N\u00e4her*innen gesucht, die f\u00fcr Krankenh\u00e4user in der N\u00e4he Atemschutzmasken aus Stoff nach N\u00e4hanleitung n\u00e4hen. Eine tolle solidarische Aktion, aber auch traurig\u2026 Soweit ist es schon gekommen, dass unsere Krankenh\u00e4user selbstgen\u00e4hten Mundschutz brauchen. Gruselig\u2026<\/p>\n<p>Bei unserem Spaziergang sehen wir keinen Laden, auch keinen Supermarkt, der heute am Sonntag ge\u00f6ffnet h\u00e4tte. Stattdessen sind die Schaufenster mit Zetteln und Hinweisschildern mit Infos \u00fcber die momentanen Einkaufsregeln und zul\u00e4ssigen Einkaufsmengen zugeklebt.<\/p>\n<p>Mein Mann widmet sich seinem Modellbau zusammen mit unserer Tochter \u2013 passenderweise bauen sie ein Modell der Stadt Tschernobyl nach der Atomkatastrophe nach. Mir kam der Tschernobyl-Vergleich auch schon. Schlie\u00dflich war es das letzte Ereignis dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung, dass halb Europa betroffen hat und es ging auch um eine gesundheitliche Bedrohung. Meine Eltern meinten dazu, dass damals auch eine beklemmende Atmosph\u00e4re geherrscht habe, es aber trotzdem anders war. Es kam alles viel pl\u00f6tzlicher, da die Sowjetunion die Informationen \u00fcber den radioaktiven Atomunfall sehr lange zur\u00fcckgehalten hatte. Au\u00dferdem gab es damals viel weniger Informationen \u00fcber die sch\u00e4dlichen Auswirkungen, als das heute in Zeiten des Internets der Fall sei. Damals seien gerade die Schwangeren betroffen gewesen, da man nicht wusste, ob man lieber abtreiben solle\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend folgen noch viele Telefonate mit Familie und Freunden. Alle haben Gespr\u00e4chsbedarf und berichten von den Ver\u00e4nderungen und Einschr\u00e4nkungen in ihren Leben. Ein Freund fragt sich wie er mit zwei kleinen Kindern seinen bevorstehenden Umzug organisieren soll, eine Freundin arbeitet in einem Museum und \u00fcberlegt welche Apps und Online-Angebote das Museum jetzt anbieten k\u00f6nne. Au\u00dferdem will sie sich ehrenamtlich engagieren. Uns wird klar wie privilegiert wir sind und die Corona-Krise zwar Ver\u00e4nderungen in unserem Alltag nach sich zieht, aber wir davon nicht in unserer Existenz bedroht sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 23.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 3 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern und der Beginn einer neuen Arbeitswoche, aber es f\u00fchlt sich an wie ein seltsamer Zwischenzustand \u2013 nicht wirklich wie Wochenende, aber auch nicht wirklich wie ein normaler Werktag. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Mann ungewohnt sp\u00e4t aufsteht und noch mit uns fr\u00fchst\u00fcckt, was er sonst nie macht, aber es ist momentan einfach nicht genug Arbeit im Betrieb vorhanden.<\/p>\n<p>Ab heute besteht das sogenannte \u201eKontaktverbot\u201c, d.h. dass sich nicht mehr als zwei Personen im \u00f6ffentlichen Raum treffen d\u00fcrfen. F\u00fcr uns als Familie ist das nicht wesentlich einschr\u00e4nkend, aber so allgemein ist es schon eine Art Versammlungsverbot ad absurdum. Dazu lese ich einige Artikel dar\u00fcber wie sehr damit unsere Grundrechte eingeschr\u00e4nkt wurden und wie wenig Menschen sich dagegen in der \u00d6ffentlichkeit gewehrt haben. Man stelle sich nur vor eine AfD w\u00e4re w\u00e4hrend einer solchen Pandemie an der Regierung gewesen\u2026<\/p>\n<p>Ich lese mich in meinem Home Office den ganzen Morgen viele weitere kritische Artikeln zur aktuellen Lage und schaue einen der zahlreichen Online-Summits \u00fcber Klima- und Systemwandel an. F\u00fcr was wird jetzt alles der Weg geebnet und was wird pl\u00f6tzlich zusammen gehen, was vorher undenkbar war? Was k\u00f6nnen neue (noch fast unvorstellbare) Visionen f\u00fcr eine Welt nach der Pandemie sein?<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen sitzt meine Tochter wieder eine Zeit lang vor dem Fernseher, was nicht sehr zukunftsweisend ist der Sendung mit der Maus zum Trotz, die gerade t\u00e4glich gezeigt wird.<\/p>\n<p>Ich lasse den PC jetzt immer im Stand-by-Modus, damit ich zwischendurch an meiner Forschung arbeiten kann. Jede freie Minute, wo sich das Kind selbst besch\u00e4ftigt ist kostbar und ich bin erstaunlich diszipliniert. Die Aufregung, um die Ver\u00e4nderung der letzten Tage hat sich gelegt\u2026 mir d\u00e4mmert, dass es bald ums Durchhalten gehen wird und um die bange Frage, ob die uns auferlegten Ma\u00dfnahmen reichen werden, um keine Katastrophe im Gesundheitswesen zu provozieren. Gibt es daf\u00fcr eigentlich keinen Begriff? So was wie \u201eSeuchen-GAU\u201c oder so \u00e4hnlich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Alle sind im Krisenmodus&#8230; Kein Lebensbereich ist davon nicht betroffen!<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem bekomme ich noch zahlreiche Mails mit Corona-Nachrichten von den ganzen Vereinen und Gruppen in welchen ich Mitglied bin. Mitgliedsbeitr\u00e4ge sollen jetzt bitte nicht storniert werden; es werden Sorgen \u00fcber fehlende Referentenhonorare geteilt; Online-Angebot erstellt und vage Pl\u00e4ne geschmiedet f\u00fcr die Zeit nach Corona. Alle sind im Krisenmodus&#8230; Kein Lebensbereich ist davon nicht betroffen!<\/p>\n<p>Mich erreichen auch Hilfegesuche von Initiativen, Online-Shops, kleinen L\u00e4den, die jetzt schon um ihre Existenz ringen \u2013 alle bitten um Unterst\u00fctzung, den Kauf von Gutscheinen oder Spenden. Aber es sind so viele, dass ich gar nicht wei\u00df, wen man letztendlich unterst\u00fctzen soll\u2026 Alle sind wichtig und gut und ich habe sie vor Corona gesch\u00e4tzt, aber was davon werden wir danach noch wirklich brauchen? Au\u00dferdem stellt sich auch in meiner Familie die Geldfrage \u2013 noch ist mein Mann nicht in Kurzarbeit. Aber werden wir auch mit Kurzarbeitergeld noch um die Runden kommen? Zumindest unsere Konsumausgaben haben sich seit dem Lockdown radikal verringert\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die Frage nach der Lage verkneife ich mir\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich entscheide mich f\u00fcr eine Spende f\u00fcr ein Corona-Buch f\u00fcr Kinder, dass gerade von einer freien Illustratorin online ver\u00f6ffentlich wurde. Jeden Tag gibt es eine neue Seite der fortlaufenden Geschichte und Vorlagen zum Ausmalen. Wir reden \u00fcber Corona und meine Tochter erkl\u00e4rt mir danach ganz besorgt, dass sie nicht m\u00f6chte, dass ich heute Einkaufen gehe.<\/p>\n<p>Am Nachmittag beobachten wir meine Eltern beim Arbeiten im Garten. Wir winken vom Balkon aus und reden kurz. Die Frage nach der Lage verkneife ich mir\u2026<\/p>\n<p>Am Abend diskutieren mein Mann und ich \u00fcber das neue, seltsame Gef\u00fchl sich jetzt im \u00f6ffentlichen Raum zu bewegen. Wir sind uns einig, dass drau\u00dfen eine eigenartige und sehr bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re herrscht. Eine Atmosph\u00e4re, die stresst und ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 24.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 4 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Heute Morgen stand ich am Balkon und es \u00fcberkam mich ein tiefes Gef\u00fchl von Einsamkeit und Isolation. Es herrschte eine gespenstische Stille wie an einem Sonntagmorgen, dabei war es erst Dienstag. Obwohl die ganze Nachbarschaft und das ganze Land ja irgendwie alle davon betroffen sind und in der gleichen Situation stecken, war es ein untr\u00f6stlich einsamer Zustand. Die Stadt schien an Lebenskraft verloren zu haben. Und das ist erst der Beginn\u2026 Nach der Aufregung und Verwirrung, kamen eine angenehme Ruhe und jetzt also das Gef\u00fchl von Einsamkeit.<\/p>\n<p>Heute setzte ich einige neue Ideen f\u00fcr das \u201edisziplinierte Home-Office\u201c um, warf mich in meine B\u00fcrokleidung und meine Tochter ins Kindergartenoutfit und erkl\u00e4rte ihr nochmal die Situation: Ich gehe zur Arbeit ins Schlafzimmer an meinen Schreibtisch und sie wie in den Kindergarten in ihr Spielzimmer. F\u00fcr eine Stunde klappte das gut.<\/p>\n<p>Ich habe seit Tagen R\u00fcckenschmerzen und \u00fcberlege, ob ich zum Orthop\u00e4den gehen soll. Ich stelle folgende \u00dcberlegungen an: Ich frage mich, ob meine Schmerzen wirklich so schlimm sind, als das ich es wagen k\u00f6nnte, da der Orthop\u00e4de sich einem gro\u00dfen \u00c4rztehaus mit HNO-, Allgemein- und Kinder\u00e4rzten befindet. Ist eine Arztpraxis neben der Notaufnahme im Krankenhaus nicht der Hauptinfektionsort schlechthin derzeit? Andererseits w\u00e4re es nicht besser lieber jetzt noch zum Arzt zu gehen, als n\u00e4chste Woche, wo die Lage aufgrund gestiegener Fallzahlen noch gef\u00e4hrlicher sein k\u00f6nnte?\u00a0 Ich entscheide mich dagegen \u2013 das Risiko ist mir zu gro\u00df und die Schmerzen sind nicht schlimm genug.<\/p>\n<p>Mein Mann ruft aus der Arbeit an und erz\u00e4hlt mir von dem Beschluss jetzt einen Lieferdienst f\u00fcr seine Produkte anzubieten, um nicht einen Totalausfall zu erleben. Im ersten Moment finde ich die Idee toll, im zweiten Moment mache ich mir Sorgen, dass er sich dadurch einem gr\u00f6\u00dferen Ansteckungsrisiko aussetzt\u2026 Bereits am Abend kann er sich nach der Bekanntgabe vor Online-Bestellungen nicht retten und wird morgen mit den Auslieferungen beginnen.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckterweise trudeln immer noch Geburtstagsgl\u00fcckw\u00fcnsche von lange verschwunden geglaubten Menschen ein, obwohl ich schon vor einer Woche Geburtstag hatte.<\/p>\n<p>Am Nachmittag besuchen meine Tochter und ich meine Mutter im Garten. Eigentlich wollte ich durch diese Ma\u00dfnahme besser Abstand halten k\u00f6nnen und unser t\u00e4gliches Bewegungspensum erf\u00fcllen. Wir unterhalten uns in mehreren Metern Entfernung im Garten. Irgendwann wird es meiner Mutter zu k\u00fchl und sie l\u00e4dt uns zu einer Tasse Tee ein. Ich z\u00f6gere\u2026 Wieder kommt mir der Wertekonflikt in den Sinn: K\u00f6rperliche Unversehrtheit gegen Social Distancing. Ich nehme die Einladung an. Wir sitzen weiter entfernt als \u00fcblich am Tisch und unterhalten uns \u00fcber unseren neuen Alltag. Es f\u00e4llt meiner Mutter schwer Abstand von ihrer Enkeltochter zu halten. Sie hat sogar extra Eis f\u00fcr sie gekauft. Immer wieder muss ich dazwischen gehen und einen zu engen Kontakt vermeiden. Sie erz\u00e4hlt mir, dass sie heute beim Arzt war und in der Apotheke. Bei mir klingen die Alarmglocken \u2013 ausgerechnet an den Orten, die ich f\u00fcr mich pers\u00f6nlich zu den Hochrisikozonen z\u00e4hle. Ich biete ihr wieder an f\u00fcr sie Medikamente zu kaufen und andere Dinge zu erledigen. Das will sie sich aber nicht nehmen lassen\u2026 Ich frage sie, wen sie noch so trifft und sie erz\u00e4hlt mir davon ihre Damen-Schach-Runde nun doch absagen zu wollen. Ich gucke sie mit gro\u00dfen Augen an \u2013 erst jetzt?! Sie scheint es erst langsam zu realisieren. Au\u00dferdem bemerkt sie noch nebenbei fast als Entschuldigung, dass Tschernobyl damals schlimmer gewesen sei\u2026<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend fahre ich noch mit dem Auto zur Apotheke an den Drive-In-Schalter, um unseren Medikamentenhaushalt aufzuf\u00fcllen. Alles verl\u00e4uft kontaktlos.<\/p>\n<p>Danach fahre ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen in einen der umliegenden Superm\u00e4rkte, um dem Umgang mit dem Virus zu vergleichen. Der EWE-Markt scheint v\u00f6llig unbeeindruckt zu sein \u2013 gut der Eingang und Ausgang wurden voneinander getrennt und ein Schild weist auf die 1,5-Meter-Abstandregel beim Anstellen an der Kasse hin. Sonst ist nichts von Hamsterk\u00e4ufen, Angst vor Ansteckung oder kontaktlosen Zahlen in diesem Laden zu sp\u00fcren\u2026 Ich bin irritiert. Auch sehe ich hier niemanden mit Handschuhen oder Atemschutzmaske. Nur ich lasse meine Wollhandschuhe an als ich nach dem Einkaufskorb greife, schlie\u00dflich ist es drau\u00dfen kalt\u2026 Hier drinnen scheint Corona noch nicht wirklich angekommen zu sein.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend rufen meine Eltern an, denn sie wollen uns einige Atemschutzmasken \u00fcbergeben. Ich schaue vorbei und lehne dankend ab. Vor mir liegen vier bunte selbstgen\u00e4hte Stoffmasken. In der Arbeit meines Vaters hat eine N\u00e4hwerkstatt f\u00fcr Atemschutzmasken aus Stoffresten er\u00f6ffnet. Ich sage nichts zu den Masken und denke mir meinen Teil \u00fcber die fragw\u00fcrdige Sicherheit. Dabei denke ich an unsere Masken, die wir schon vor vier Wochen bei einem Spezialh\u00e4ndler bestellt haben. Sie haben jeweils \u00fcber 50 Euro gekostet und entsprechen der FFP3-Norm! Aber ich will meinen Eltern ihre Stoffmasken als psychologische St\u00fctze nicht nehmen. Ernsthaft frage ich mich, ob sie diese Stoffmasken wirklich tragen wollen. Ich verabschiede mich, w\u00e4hrend mein Vater auf der Couch liegt und schl\u00e4ft. Blass sieht er aus \u2013 er hatte heute noch einen Arbeitstermin mit Kolleg*innen. Ich frage meine Mutter, ob er sich nur ausruhe oder krank sei?<\/p>\n<p>Mein Mann f\u00fchrt jetzt auch ein Tagebuch und stellt jeden Abend mathematische Berechnungen mit den neuen Corona-Fallzahlen an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 25.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 5 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Der Tagesrhythmus unserer Familie scheint sich einem Idealzustand anzun\u00e4hern. Wir sind eine Familie von Nachteulen \u2013 gehen sp\u00e4t ins Bett, aber schlafen daf\u00fcr l\u00e4nger. Zu normalen Zeiten stehen wir immer unter Zeitdruck und leiden an Schlafmangel. Aber nun ist es ideal! Wir k\u00f6nnen unserem eigenen Rhythmus folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es scheint alles in Ordnung zu sein auf den ersten Blick nach drau\u00dfen, aber der Eindruck t\u00e4uscht\u2026.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Fr\u00fchst\u00fcckstisch reden wir mit unserer Tochter \u00fcber die \u201eCorona-Ferien\u201c, wie sie bei uns hei\u00dfen. Offiziell haben wir ihr verk\u00fcndet, dass nach Ostern der Kindergarten wieder weitergeht. Insgeheim aber rechnen wir eher mit dem Sommerfest oder St. Martin, bis wieder alles normal l\u00e4uft. Aber wir wollen sie nicht noch mehr beunruhigen\u2026<\/p>\n<p>Es scheint heute tollstes Wetter zu sein, die Sonne scheint in den herrlichsten Farben \u2013 aber es ist bitterkalt und windig. Das Wetter erinnert mich an die derzeitige Krise \u2013 es scheint alles in Ordnung zu sein auf den ersten Blick nach drau\u00dfen, aber der Eindruck t\u00e4uscht\u2026.<\/p>\n<p>Heute ist mein Mann zu Hause und hat nur Telefondienst f\u00fcr seine Werkstatt. Seine Lieferdienst-Idee scheint zu fruchten und er erh\u00e4lt zahlreiche Anrufe und Bestellungen von Leuten, die gerne seine Produkte haben m\u00f6chten. Kurz haben sie dort \u00fcberlegt die Produktion auf Desinfektionsmittel umzustellen.<\/p>\n<p>Auch ich m\u00f6chte etwas beitragen und mich ehrenamtlich engagieren. Ich durchst\u00f6bere die Vorschl\u00e4ge einer gro\u00dfen Tageszeitung \u2013 von Telefonieren mit alleinstehenden Senior*innen, \u00fcber Erntehilfe, Nachbarschaftshilfe, im Krankenhaus aushelfen bis hin zu Maskenn\u00e4hen gibt es viele M\u00f6glichkeiten. Doch \u00fcber allem schwebt die Frage bzw. die Tatsache, dass ich mit vier Familienangeh\u00f6rigen \u00fcber 70 in einem Haus lebe. Wenn, dann muss ich ja f\u00fcr diese Einkaufen bzw. f\u00fcr sie sorgen\u2026 Momentan versorgen sie sich alle noch selbst, aber in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen kann immer noch mein Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Endlich habe ich heute l\u00e4nger Zeit mich meinem Home-Office zu widmen, da mein Mann auf unsere Tochter aufpasst. Er will mit ihr rausgehen, aber sie will partout nicht. Sie hat Angst rauszugehen, weil ja Corona auf sie h\u00fcpfen k\u00f6nnte. Der Preis, sie doch noch nach drau\u00dfen zu bekommen, ist hoch und kostet zwei Donuts! Weiter im Home-Office erstelle ich eine lose Liste mit Dingen, die ich schon immer mal ausprobieren wollte bzw. die wir in den n\u00e4chsten Wochen in der Wohnung erledigen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ruft ein Bruder meines Mannes aus dem gr\u00f6\u00dften Supermarkt in M\u00fcnchen an und fragt, ob wir noch Klopapier brauchen? Aber wir sind mit drei Packungen gut ausgestattet!<\/p>\n<p>Am Nachmittag telefoniere ich mit einer Freundin. Wir reden \u00fcber dies und das \u2013 Gem\u00fcseanbau auf dem Balkon und dass keiner bisher den Landwirt*innen und Lebensmittel-produzent*innen dankt f\u00fcr ihre Arbeit. Danach gehe ich auf den Balkon und arbeite weiter an unseren Hochbeeten. Ich versuche noch etwas Sonne abzubekommen, aber es ist bitterkalt. Ich \u00fcberlege ab morgen Vitamin D3 zu nehmen, damit der Lichtmangel mir nicht zu sehr zusetzt\u2026<\/p>\n<p>Am Abend r\u00e4tseln mein Mann und ich noch \u00fcber das Verhalten unserer Eltern in punkto Schutzmasken. Wir haben unsere Eltern schon fr\u00fch zu Beginn der Krise mit professionellen Atemschutzmasken ausgestattet. Stattdessen z\u00e4hlen meine Eltern lieber auf selbstgen\u00e4hte Stoffmasken und die Eltern meines Mannes lassen sich von einem anderen Sohn OP-Masken zuschicken. Unsere sind ihnen anscheinend peinlich oder zu martialisch\u2026 Jedenfalls erinnert mich ihr Verhalten an meine Gro\u00dfeltern zu Tschernobyl-Zeiten, als diese das im Garten angebaute Gem\u00fcse weiterhin ohne Bedenken a\u00dfen wie meine Eltern erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Danach streiten wir uns \u00fcber Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus. Ich erz\u00e4hle ihm wie ich jeden Tag das Ansteigen der Verdopplungszahl der Neuinfektionen in der Tabelle einer Tageszeitung checke\u2026 F\u00fcr mich ist diese Zahl ein positiver Anker und ein kleiner Erfolg \u2013 f\u00fcr meinen Mann der totale Quatsch, da diese Zahl keinerlei Entwarnung gebe\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 26.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 6 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Ich habe heute schlecht geschlafen und von Flederm\u00e4usen und gesichtslosen Menschen in wei\u00dfen Schutzanz\u00fcgen getr\u00e4umt. Vielleicht lag es daran, dass ich mir noch bis sp\u00e4t in die Nacht hinein eine tolle alte Doku von Arte zum Thema \u201eAnsteckungsgefahr! Epidemien auf dem Vormarsch (Wiederholung von 2014)\u201c<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> angeschaut habe. Dort hat man so eine Pandemie bereits vorhergesehen\u2026<\/p>\n<p>Am Fr\u00fchst\u00fcckstisch (wir sind zu zweit) spricht meine Tochter von sich aus \u201edie Corona\u201c an. Sie wei\u00df schon einiges dar\u00fcber, dass die Omas und Opas nicht besucht werden d\u00fcrfen, dass \u201edie Corona\u201c (eine Freundin von Karies und Baktus) von einem Mensch zum anderen h\u00fcpfen kann usw. Ich bin beeindruckt! Sp\u00e4ter stellt sie eine Gruppe an Playmobil-Pferden zusammen, von denen jeder von uns eines bekommt, damit wir von \u201eder Corona\u201c davongaloppieren k\u00f6nnen. Tolle Idee! Vorher hatten wir schon mit Schutzamuletten experimentiert, aber sie konnten ihre Angst nicht wirklich vertreiben\u2026<\/p>\n<p>Mein Home-Office mit Kind ist heute glorreich gescheitert zwischen Schreikr\u00e4mpfen, schlechtem Gewissen gegen\u00fcber dem Fernsehmarathon des Kindes und meiner zu geringen Selbstdisziplin auf Knopfdruck f\u00fcr eine Stunde produktiv zu sein! Es war schrecklich und wirklich zum Kotzen! Ich sah die Arbeit an meiner Forschung noch Jahrzehnte dauern, wenn es in diesem Tempo weitergehen sollte\u2026 Zum Gl\u00fcck hatte ich am Nachmittag nochmal einen Arbeitsslot, nachdem mein Mann nach der Arbeit die Betreuung \u00fcbernahm. Allerdings muss ich mir trotzdem eine andere Methode einfallen lassen zusammen mit der Tochter im Home-Office zu arbeiten\u2026<\/p>\n<p>F\u00fcr alle schien dieser Tag ein Durchh\u00e4nger zu sein\u2026 Ich war gestresst, mein Mann war geschafft von den vielen Lieferausfahrten (es boomt!) und unsere Tochter hangelte sich von einem Wutausbruch zum n\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Mir begegnete heute wieder das Thema Stoffmasken\u2026 Jetzt wei\u00df ich auch, warum pl\u00f6tzlich alle dar\u00fcber reden. Der Virologe Christian Drosten hatte in seinem Podcast<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> dazu aufgerufen, zumindest Stoffmasken zu tragen, um beim Aufenthalt drau\u00dfen andere vor einer m\u00f6glichen eignen Infektion zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Eine Gruppe von Freunden aus meinem Feldforschungsort hat eine Facebook-Seite eingerichtet, um die Infos und Schutzma\u00dfnahmen in der Bev\u00f6lkerung zu verbreiten. Wo bei uns vor allem die Regierung und Mediziner*innen die Bev\u00f6lkerung aufkl\u00e4ren, sind es in diesem Land vor allem die Zivilbev\u00f6lkerung und Menschen aus der Diaspora, die das \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag mache ich wieder eine Einkaufsfahrt mit dem Rad. Davor besuche ich meine Eltern und frage sie, ob ich ihnen etwas mitbringen kann, aber sie haben sich schon selbst versorgt. Wir reden \u00fcber den gut laufenden Lieferservice meines Mannes und \u00fcber meine Tante, die an vielen Vorerkrankungen leidet und, da sind wir uns einig, Corona nicht \u00fcberleben w\u00fcrde, w\u00fcrde sie es bekommen. Trotzdem geht ihr Mann immer noch jeden Tag raus zum Spazieren und Einkaufen. Was soll ich sagen? Irgendwo ist dann in unserem individualistischen Land doch jeder f\u00fcr sich und seine Gesundheit selbst verantwortlich\u2026<\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig habe ich mir die letzten zwei Tage \u00fcberlegt, was ich heute alles besorgen will. Eigentlich m\u00fcsste ich nicht einkaufen gehen, da wir unser Essen, wie schon seit einigen Jahren, per \u00d6kokiste vors Haus geliefert bekommen \u2013 also schon immer kontaktlos. Ein wahrer Segen in diesen Zeiten (sie nehmen wegen \u00dcberlastung auch keine Neukunden mehr auf\u2026), aber trotzdem will ich einkaufen gehen, um raus zu kommen und andere Menschen zu sehen. Schlie\u00dflich arbeite ich ja nicht mal \u201edrau\u00dfen\u201c\u2026<\/p>\n<p>Ich fahre mit dem Rad in ein kleines Einkaufszentrum in der N\u00e4he, nehme aber einen Umweg, um l\u00e4nger drau\u00dfen sein zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem werfe ich noch unsere Briefwahl-Umschl\u00e4ge f\u00fcr die Stichwahl der Oberb\u00fcrgermeisterin bzw. des Oberb\u00fcrgermeisters in M\u00fcnchen ein. Erstaunlich \u2013 zum ersten Mal haben 1,1 Millionen Stimmberechtiget automatisch per Post die Briefwahlunterlagen bekommen. Man kann in diesem Fall nur Briefwahl machen. Also auch in so schwerf\u00e4lligen deutschen Beh\u00f6rden kann sich was bewegen.<\/p>\n<p>Beim Einkaufen ist einiges los \u2013 der Biomarkt l\u00e4sst nur 20 Personen gleichzeitig in den Markt, was immer noch sehr viel ist. Es scheint alles zu geben. Der Buchladen macht jetzt kostenfreie Heimlieferdienste, die Pizzeria liefert nur noch Pizza nach Hause, die MD-Drogerie will kontaktloses Zahlen und verbietet Hamsterk\u00e4ufe usw. Sonst scheint alles normal zu sein, au\u00dfer dass die vielen anderen Gesch\u00e4fte geschlossen sind. \u00dcberall h\u00e4ngen Zettel mit Hilfsangeboten f\u00fcr Senior*innen und einsame Menschen. Aber trotzdem scheinen immer noch sehr viele alte Menschen drau\u00dfen unterwegs zu sein; auch augenscheinlich eingeschr\u00e4nkte Personen (wie mit Rollstuhl) sind unterwegs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 27.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 7 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Die Sonne scheint \u2013 wie herrlich und ich freue mich auf einen Tag auf dem Balkon.<\/p>\n<p>Nach reiflicher \u00dcberlegung gehe ich ein, schon lange bestehendes, pers\u00f6nliches Problem an und telefoniere mit einer Therapeutin in Bremen, die Telefontherapie anbietet. Ich habe das Gef\u00fchl, dass jetzt der richtige ruhige Augenblick daf\u00fcr ist, um dieses Thema anzugehen. Im Hintergrund meldet meine Tochter ihre Bed\u00fcrfnisse an, aber die Therapeutin hat Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr und meint, so gehe es im Moment gerade allen\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter im Home-Office kommen mir wahllos verschiedenste Nachrichten und Angebote unter, die jetzt neu sind. Die Krankenkasse schreibt, dass jetzt endlich alles nur noch per App erledigt werden kann. Ich bekomme Werbung f\u00fcr \u00c4rzte, die jetzt Online-Sprechstunden anbieten. ADIL-Talk schenkt einem zus\u00e4tzliches kostenloses Datenvolumen in Corona-Zeiten. Ich kaufe einen Gutschein f\u00fcr ein von Gefl\u00fcchteten betriebenes Caf\u00e9 um die Ecke, damit es nicht schlie\u00dfen muss. Au\u00dferdem schreibe ich meiner Physiotherapeutin wegen einer liegengebliebenen Rechnung und erkundige mich nebenbei, ob ihre Praxis noch ge\u00f6ffnet hat. Die Leitung des Kindergartens wiederum bedankt sich f\u00fcr das gro\u00dfe Engagement und den Austausch der Eltern auf der gemeinsamen Online-Plattform. Ich habe den Eindruck, hier entsteht ein neues Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Zus\u00e4tzlich lese ich \u00fcberall von Online-Kursen, Online-Veranstaltungen, Online-Auff\u00fchrungen und Online-Konzerten \u2013 aber ich hatte bisher noch keine Zeit das alles zu nutzen. Danach klicke ich mich durch zahlreiche Online-Shops, die mit extra Rabattaktionen und Gutscheinen locken \u2013 tats\u00e4chlich bestellen wir jetzt viel um uns die Wartezeit zu vertreiben. Ein letzter Rest unserer hedonistischen Freiheit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Gerade bei den alten Menschen kommen jetzt viele existentielle Fragen hoch.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehen meine Tochter und ich auf den Balkon und treffen am Zaun meine Tante. Mit einigen Metern Abstand reden wir \u00fcber die momentane Situation\u2026 Es ist ein schweres Gespr\u00e4ch \u00fcber das Altern, das gelebte Leben und den Tod. Ich kann ihr keine Hoffnung machen \u00fcber die Entwicklung der momentanen Lage, aber zuh\u00f6ren. Gerade bei den alten Menschen kommen jetzt viele existentielle Fragen hoch. Wie haben wir gelebt, was bleibt von uns \u00fcbrig, wer erinnert sich an uns, werden wir das \u00fcberleben? Aber bin ich die richtige Ansprechpartnerin f\u00fcr das Sterben? Ich bin auch geschockt, dass scheinbar erst dieses Ereignis die alten Menschen in unserer Gesellschaft zum Nachdenken \u00fcber den Tod bringt\u2026 Und ist nicht das Kontaktverbot eine letzte Konsequenz von einem eh schon andauernden Prozess der Verlagerung des Altwerdens ins Pflegeheim in unserer Gesellschaft? Jetzt wo so viele Unterst\u00fctzung und Gemeinschaft br\u00e4uchten, will man ihre es schon alten K\u00f6rper noch mehr sch\u00fctzen vor der Gemeinschaft? Aber was bleibt am Ende? Ein einsamer Tod\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ruft mich meine Mutter an und will wissen, wie es meiner Tante geht, da sie uns am Balkon gesehen hat. Ich berichte ihr wie sehr sie die Situation psychisch mitnimmt\u2026 Au\u00dferdem will meine Mutter wissen, ob mein Onkel immer noch zum Einkaufen das Haus verl\u00e4sst, obwohl sie doch schon so oft auf ihn eingeredet hat\u2026\u00a0 Dann fr\u00e4gt sie mich, wie es uns geht. Mir f\u00e4llt dazu nur die unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Seins ein&#8230; und dass die Tage so schnell vergehen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ob das die ersten Corona-Symptome sind?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 28.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 8 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Herrliches Wetter, aber ich wache mit Hals- und Kopfschmerzen auf. Eine Zeitlang bin ich besorgt, ob das die ersten Corona-Symptome sind? Dann aber gehe ich auf den Balkon und sehe, dass die Birken zum Bl\u00fchen angefangen haben und schiebe die Symptome auf meine Heuschnupfenallergie.<\/p>\n<p>Am Vormittag probieren wir ein extra \u201eKindergespr\u00e4ch\u201c auf Skype mit einer befreundeten Familie und deren Kindern aus. Die Kinder kommen nicht wirklich viel zum Reden, weil wir Erwachsene uns so viel zu erz\u00e4hlen haben\u2026 Irgendwie m\u00fcssen wir das trennen, damit die Kinder auch was davon haben. Ich bin erstaunt wie \u201emobil\u201c und unterwegs diese Freunde noch sind und frage mich insgeheim, ob wir es nicht mit der Ausgangssperre etwas \u00fcbertreiben?<\/p>\n<p>Das best\u00e4rkt mich darin nach dem Mittagessen einen kleinen Ausflug mit meinem Mann und meiner Tochter zu machen. Aber es kommt zum Streit\u2026 Meine Tochter will nicht rausgehen und mein Mann hat Angst, dass uns die Polizei kontrollieren k\u00f6nnte und wir doch auch aus Solidarit\u00e4t mit unseren Mitmenschen zu Hause bleiben sollten. Ich finde, ich habe die ganze Woche genug Solidarit\u00e4t geleistet und war nur zwei Mal mit dem Rade f\u00fcr eine Stunde beim Einkaufen \u2013 den Rest der Zeit haben wir in der Wohnung und auf dem Balkon verbracht\u2026 Mein Mann ist da anderer Ansicht, aber wir fahren trotzdem los. Ich habe einen versteckten Wald in unserer N\u00e4he ausgesucht. Allerdings sind wir tats\u00e4chlich nicht alleine \u2013 viele Familien, Radfahrer und Menschen mit Hund sind unterwegs \u2013 so voll war es hier noch nie\u2026 Trotzdem finden wir ein ruhiges Pl\u00e4tzchen im Wald und genie\u00dfen die Ruhe und den Geruch des Waldes im Fr\u00fchling. Unsere Tochter zieht uns mit in ihr Spiel und wir vergessen ganz in welcher Sondersituation wir uns eigentlich befinden. Erst als uns jemand auf einem schmalen Pfad begegnet und dabei augenblicklich zwei Meter ins Geb\u00fcsch springt, wird uns wieder bewusst das etwas anders ist als sonst. Erst bin ich schockiert, was der Mann zu bemerken scheint \u2013 schnell w\u00fcnscht er uns noch einen sch\u00f6nen Tag, als ob er sein Verhalten damit entschuldigen wollte.<\/p>\n<p>Am Nachmittag checke ich kurz die Nachrichten und streife eine Dokumentation \u00fcber die Lage in Italien, genauer gesagt in Bergamo. Die Bilder erscheinen mir wie aus einem schlechten Science-Fiction Film zu sein\u2026 Unfassbar! Ob es bei uns auch so weit kommen wird?<\/p>\n<p>Ich erfahre, dass eine alte Bekannte aus Bali nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt wieder zur\u00fcck nach M\u00fcnchen gekehrt ist, weil sie sich hier sicherer und medizinisch besser aufgehoben f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Am Abend erstelle ich eine Liste mit Dingen, die wir f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen \u00fcber Ostern brauchen werden und bestelle sie online. Ich lese von zahlreichen Promis, die mit dem Virus infiziert sind und klicke mich wahllos durch zahlreiche neuen Online-Kurse und Veranstaltungen\u2026 Ein Wirrwarr an Formaten und Angeboten\u2026 Alles erscheint mir \u00fcberst\u00fcrzt und irgendwie undurchdacht\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 29.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 9 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Die Zeitumstellung heute war seltsam, da sie ja normalerweise immer das \u201enormale\u201c Alltagsleben durcheinandergebracht hat, aber heute h\u00e4tten wir sie fast vergessen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die soziale Kontrolle in unserem Haus hat seit Covid-19 zugenommen und alle werden irgendwie beobachtet\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin heute Morgen wieder mit einem Kratzen im Hals aufgewacht\u2026 Es kamen bis jetzt keine weiteren Symptome hinzu. Ich denke es ist meine Allergie. Ich mache mir Sorgen, weil ich vorher einem Nachbarn zuf\u00e4llig im Hausgang davon erz\u00e4hlt habe und er ein ziemliches Plappermaul ist\u2026 Die soziale Kontrolle in unserem Haus hat seit Covid-19 zugenommen und alle werden irgendwie beobachtet\u2026<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages haben zahlreiche Verwandte und Freunde per Skype angerufen. Irgendwann war es mir dann zu viel, schlie\u00dflich hatten wir davor auch nicht jedes Wochenende Kontakt\u2026 Und es dreht sich gerade eh nur um ein Thema und das ist wie die st\u00e4ndige Nachrichtenberieselung auch anstrengend! Da braucht man auch wieder mal eine Pause davon. Unter der Woche ist viel weniger los; es scheinen also doch noch einige zu arbeiten bzw. im Werktag-Modus zu sein.<\/p>\n<p>Am Nachmittag rufen meine Eltern an und wollen uns zum Waffelessen einladen, aber ich meine verlegen, ich h\u00e4tte Halsschmerzen und schlage vor es einfach online zu machen. Spa\u00dfeshalber sage ich zu meiner Mutter, sie k\u00f6nne doch die Waffeln per Aufzug hochschicken. Und tats\u00e4chlich hat sie das dann auch gemacht und die Waffeln kamen per Aufzug. Auch meine Tante und mein Onkel nebenan bekamen einen Teller voll. Wir drei Parteien haben also dann versucht einen Gruppenchat bei Skype zu er\u00f6ffnen. Ich wei\u00df nicht wie viele elektronische Ger\u00e4te im Spiel waren \u2013 Laptops, Tablets, Handys und Telefone\u2026 Nach einer ungef\u00e4hr 45-min\u00fctigen Installationszeit hat es dann geklappt und da sa\u00dfen wir nun alle bei Waffeln und Kaffee zusammen und haben ein Kaffeekr\u00e4nzchen abgehalten. Es war k\u00f6stlich, bedenkt man, dass uns alle eigentlich nur einige W\u00e4nde trennen. Es ging recht wenig um Corona, mehr darum, was gerade im Haus alles noch repariert werden muss und welche Mieter*innen nicht der Hausordnung folgen. Da scheint mir ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach Ordnung und Struktur da zu sein! W\u00e4hrend dieses Skypetreffens rief unsere Tochter immer wieder im Hintergrund voller Freude \u201ecoronafrei\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Aus kulturtheoretischer Sicht w\u00fcrde ich sagen, wir sahen die Welt schon immer aus der VUCA-Perspektive, aber jetzt beginnt der Rest der Welt es auch mitzubekommen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nIch frage eine Freundin im Ausland wie es ihr gerade ergeht, da sie noch striktere Ausgangssperren haben als wir. Sie meint, sie habe sich total von au\u00dfen abgeschottet und lese keine Nachrichten mehr. Stattdessen genie\u00dfe sie die Ruhe und meditiere viel. Ich frage mich, was die richtige \u201ementale\u201c Strategie im Umgang mit der jetzigen Krise ist? Ist eine \u201eEntweder-oder\u201c-Haltung hilfreich, oder stirbt diese gerade und wir \u00fcben uns kollektiv im \u201eSowohl-als-auch\u201c-Zustand? Dabei f\u00e4llt mir der Hinweis einer Psychiaterin in einer der zahlreichen Corona-Mails ein: Wir sind in der VUCA-Welt<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> angekommen, wobei sich die Abk\u00fcrzung auf &#8222;volatility&#8220; (&#8222;Volatilit\u00e4t&#8220;), &#8222;uncertainty&#8220; (&#8222;Unsicherheit&#8220;), &#8222;complexity&#8220; (&#8222;Komplexit\u00e4t&#8220;) und &#8222;ambiguity&#8220; (&#8222;Mehrdeutigkeit&#8220;) bezieht. Unsere moderne Welt ist von diesen Merkmalen gekennzeichnet und momentan k\u00f6nnen wir das alle gleichzeitig und gemeinsam sp\u00fcren. Aus kulturtheoretischer Sicht w\u00fcrde ich sagen, wir sahen die Welt schon immer aus der VUCA-Perspektive, aber jetzt beginnt der Rest der Welt es auch mitzubekommen \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Am Abend mache ich mit meiner Tochter noch \u201eGute-Abend-Yoga\u201c und wir lassen den Tag entspannt ausklingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 30.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 10 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Ich bin heute weiterhin mit Halsschmerzen aufgewacht. Die Nacht war voller Tr\u00e4ume \u00fcber \u00e4ltere Menschen, die sich verabschieden, weil sie an dem Virus erkrankt sind\u2026<\/p>\n<p>Heute Morgen, hat uns mein Schwiegervater neue OP-Masken im Hausflur \u00fcbergeben, die ein Bruder, der bei einer Flugzeugfirma arbeitet, dort organisiert hat. Im Gegenzug hat er daf\u00fcr von meinem Schwiegervater Klopapier zugeschickt bekommen, weil in seiner Stadt alles aus war\u2026 Ich checke auch unseren Vorrat, aber bin irritiert, dass keiner dar\u00fcber redet, dass es keine Fl\u00fcssigseife mehr zu kaufen gibt. Das finde ich bedenklich und eigentlich viel wichtiger, weil Klopapier wohl nicht vor dem Virus sch\u00fctzt \u2013 H\u00e4ndewaschen aber schon!<\/p>\n<p>Meine Tochter schreibt jetzt auch ein Tagebuch, nachdem mein Mann und ich auch Tagebuch \u00fcber die Corona-Krise schreiben. Auf die Frage, was sie alles reinschreibt, erz\u00e4hlt sie auch von \u201ecoronafrei\u201c und dass wir momentan nicht rausgehen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Um 12.30 Uhr h\u00f6ren wir uns die Pressekonferenz<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> der Bayerischen Staatsregierung zur Lage des Bundeslandes an. Es wird also nichts gelockert bis nach den Osterferien\u2026Es wird berichtet, dass sogar Privatkontakte von Politiker*innen genutzt werden m\u00fcssen, um an Atemschutzmasken zu kommen, weil derzeit L\u00e4nder wie die USA so aggressiv und zu total \u00fcberh\u00f6hten Preisen die letzten Masken aufkaufen. Ansonsten geht es um einige Landgemeinden, die besonders betroffen sind und Unterst\u00fctzung bekommen sollen; das Rehakliniken dort notfalls auch die Pflege von Corona-Patienten \u00fcbernehmen sollen. Au\u00dferdem geht es um die Situation in den Bayerischen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte, wo einige schon unter Quarant\u00e4ne standen, weil Bewohner*innen infiziert waren. Ich bin w\u00fctend, dass keiner \u00fcber die vorher schon prek\u00e4ren Zust\u00e4nde in diesen Einrichtungen spricht, die die Ausbreitung des Virus beg\u00fcnstigten.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehen wir auf den Balkon, pflanzen Blumen und genie\u00dfen die wenigen Sonnenstrahlen in der K\u00e4lte, da es \u00fcber Nacht wieder geschneit hatte. Mein Mann meinte wir sollen lieber noch eine Runde Gem\u00fcsepflanzen ans\u00e4en f\u00fcr unseren Balkon, denn man wisse ja nie wie die Versorgungslage sich noch ver\u00e4ndern werde\u2026<\/p>\n<p>Danach telefoniere ich mit meiner Schwester, die in einer anderen deutschen Gro\u00dfstadt lebt. Sie k\u00e4mpft gerade mit dem Home-Office, da ihre Chefin nichts davon h\u00e4lt und auch keine Digitaloffensive starten will. Au\u00dferdem hatte sie \u00fcberlegt doch noch zu uns nach M\u00fcnchen zu fahren, da sie in ihrer Wohnung einsam sei und nicht wisse was sie die n\u00e4chsten Wochen \u00fcber machen solle. Ich rate ihr davon ab jetzt noch zu kommen und dass sie hier bei uns auch nicht mehr Bewegungsfreiheit habe und momentan gar nicht alle Familienmitglieder in unserem Haus besuchen k\u00f6nne. Ende April will sie sich noch einer Zahn-OP unterziehen, auch davon rate ich ihr ab, schlie\u00dflich haben die \u00c4rzte fast keine Schutzausr\u00fcstung mehr und so derart das eigene Immunsystem im Moment zu belasten, halte ich auch f\u00fcr keine gute Idee \u2013 auch wenn sie mit unter 30 noch nicht zur Risikogruppe geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Auf einem Bezahlsender sind einige neue Serien herausgekommen, die wir uns am Abend anschauen. \u00dcber Corona reden wir heute nicht mehr viel \u2013 au\u00dfer, dass die Zahlen steigen, gibt es nicht viel Neues. Abwarten eben\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 31.3.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 11 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Wieder Halsschmerzen am Morgen, aber keine weiteren Symptome. Ich denke, es sind meine \u201enormalen\u201c Halsschmerzen, die ich immer w\u00e4hrend der Heuschnupfenzeit morgens habe. Trotzdem besuchen wir meine Eltern lieber nicht. Stattdessen kommunizieren wir mit ihnen \u00fcber eine Holzkiste, die aussieht wie eine kleine Schatztruhe. Darin schicken wir Dinge \u00fcber den Aufzug nach unten, und meine Eltern Dinge, die wir brauchen nach oben. Meine Tochter findet dieses Spiel sehr aufregend.<\/p>\n<p>Am Vormittag ruft mich eine \u00e4ltere Verwandte aus einem anderen Teil M\u00fcnchens an. Wir vergleichen die Lage bei uns und bei ihnen, da auch sie zusammen mit ihren Kindern und Enkelkindern in einem Haus wohnen. Tats\u00e4chlich sind diese aber schon seit sechs Wochen im \u201eCorona-Modus\u201c, da die eine Enkelin in den Kindergarten mit der ersten coronaerkrankten Erzieherin in M\u00fcnchen ging. Der andere Enkel in die Schule mit dem ersten erkrankten Lehrer. F\u00fcr sie ist das ganze Prozedere also schon l\u00e4nger Normalit\u00e4t. Zus\u00e4tzlich ist auch noch einer der ersten erkrankten und jetzt gestorbenen Patienten in M\u00fcnchen ein Bekannter von ihnen gewesen und gestern w\u00e4re die Beerdigung gewesen\u2026 Seltsame Zuf\u00e4lle und wie anders doch die Lage in den anderen Stadtteilen so ist. Wir kennen bisher in M\u00fcnchen nur \u00fcber ein paar Ecken erkrankte Menschen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter telefoniere ich mit meiner Mutter dar\u00fcber wie es uns gerade geht. Als ich sie frage, ob sie und mein Vater gut zurechtkommen, erz\u00e4hlt sie ganz erfreut, wie gut die Stimmung bei ihnen sei \u2013 wie im Urlaub!<\/p>\n<p>Am Nachmittag bastle ich mit meiner Tochter ein Corona-Monster aus Wolle. Danach beschlie\u00dfen mein Mann, meine Tochter und ich nach drau\u00dfen zum Einkaufen zu gehen und um frische Luft zu schnappen. Da ich immer noch Halsweh habe, beschlie\u00dfe ich mit einer OP-Maske rauszugehen. Mein Mann und meine Tochter machen mit. Angesichts der \u201eSterilit\u00e4t\u201c dieser Masken, w\u00fcnsche ich mir nun doch die bunten Stoffmasken meiner Eltern\u2026 Es ist das erste Mal, dass wir die Masken benutzen und eine wirklich sonderbare Erfahrung\u2026 Wir gehen also mit den Masken nach drau\u00dfen und kommen uns vor wie von einem anderen Stern\u2026 Auf dem Weg zum Supermarkt machen die Menschen einen gro\u00dfen Bogen um uns, halten Abstand und wechseln die Stra\u00dfenseite\u2026 Es ist schon merkw\u00fcrdig, schlie\u00dflich sch\u00fctzen wir damit die anderen viel mehr als uns selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir f\u00fchlen uns wie Auss\u00e4tzige [&#8230;] Noch scheint das in der Bev\u00f6lkerung nicht angekommen zu sein \u2013 zu gro\u00df ist die Scham\u2026 <strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir f\u00fchlen uns wie Auss\u00e4tzige, auch wenn ich im Supermarkt, den ich sicherheitshalber lieber alleine betrete, auch andere mit Masken und Schutzhandschuhen treffe. Ich mache die Eink\u00e4ufe, aber kann schlecht sehen, weil mir die Maske immer \u00fcber die Augen rutscht. Ich beeile mich, weil mein Mann und mit unserer Tochter vor dem Supermarkt warten. An der Kasse ruft mich mein Mann nerv\u00f6s an, wo ich denn bleibe, denn der Mann von der Security vor dem Supermarkt, h\u00e4tte ihn schon mehrmals misstrauisch gemustert und angesprochen. Ich packe meine Eink\u00e4ufe schnell an der Kasse vor einer hohen Plexiglaswand ein. Ein Mann wartet umst\u00e4ndlich mit seinem vollgepackten Wagen schr\u00e4g hinter mir und will partout nicht an mir vorbei\u2026Wieder drau\u00dfen beeilen wir uns nach Hause zu kommen\u2026 Wir treffen unten am Eingang noch meinen Vater, der uns auch entsetzt anschaut\u2026 Wir f\u00fchlen uns wie Auss\u00e4tzige, obwohl wir doch mit den Masken gar nicht uns, sondern andere sch\u00fctzen wollen. Noch scheint das in der Bev\u00f6lkerung nicht angekommen zu sein \u2013 zu gro\u00df ist die Scham\u2026 Aber gerade heute Morgen noch habe ich gelesen, dass in Jena jetzt Maskenpflicht herrscht. Es dauert also noch bis dieses Verhalten sich \u00e4ndert. Aber ich bin \u00fcberzeugt, dass sp\u00e4testens in zwei Wochen Masken zum guten Ton geh\u00f6ren werden\u2026<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen passiert pl\u00f6tzlich etwas, was schon seit Monaten nicht mehr der Fall war: Es kommt zum spontanen Familien-Flow! Meine Tochter holt ihre Musikinstrumente und das Liederbuch und wir singen lauthals gemeinsam Kinderlieder. Danach jamme ich mit meiner Fl\u00f6te vor mich hin und mein Mann macht Sport\u00fcbungen mit unserer Tochter. Ein Moment tiefer Versunkenheit in dieser seltsamen Zeit\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend bringe ich meine Tochter ins Bett \u2013 sie bittet mich noch kurz zu warten, da sie gerade Telefonieren mit ihrer besten Kindergartenfreundin spiele und sie sagt zur ihr: \u201eIch habe jetzt coronafrei und deshalb k\u00f6nnen wir uns gerade leider nicht treffen!\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 1.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 12 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Ich bin wieder mit Halsschmerzen am Morgen aufgewacht \u2013 jetzt auch noch mit verstopften Nebenh\u00f6hlen und Kopfschmerzen\u2026 Jetzt wo die Sonne scheint, f\u00fchre ich es aber endg\u00fcltig auf die beginnende Allergiesaison zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich habe heute nicht wirklich die Nachrichten gelesen und f\u00fchle mich total uninformiert \u2013 es \u00e4ndert sich doch gerade st\u00e4ndig was! Jetzt werden Masken pl\u00f6tzlich doch f\u00fcr sehr sinnvoll erachtet und immer wieder andere und neue Strategien im Umgang mit dem Virus diskutiert.<\/p>\n<p>Nachdem der Tag mit wenig Telefonaten bzw. Online-Kontakten abl\u00e4uft, verst\u00e4rkt sich bei mir das Gef\u00fchl abgeschottet und allein in dieser Situation zu sein\u2026<\/p>\n<p>Daf\u00fcr habe ich viel meditiert und mich auf meine eigenen Themen konzentriert.<\/p>\n<p>Im Home-Office habe ich an einem Schreibprojekt-Treffen mit anderen Wissenschaftler*innen teilgenommen. Es nahmen bestimmt 20 Leute in Zoom daran teil. Los ging es mit einer Aufw\u00e4rmeinheit und wir stimmten uns gemeinsam tanzend zu einem Lied ein. Es war ein gutes Gef\u00fchl und eine Erleichterung so viele andere in der gleichen Situation zu sehen\u2026<\/p>\n<p>Ansonsten verschwimmen die Wochentage langsam\u2026 Ich versuchte mir vorzustellen wie es wohl werden wird, wenn die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen aufgehoben werden. Ich glaube nicht wirklich, dass es so sein wird wie zuvor\u2026 Aber wie wird es dann wohl sein? Nur ein bisschen anders, oder total anders\u2026?<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag gehen mein Mann und meine Tochter zum Toben in den Garten meiner Eltern.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter nach Ladenschluss stehe ich auf dem Balkon und gucke wo \u00fcberall das Licht in den anderen Wohnungen der umliegenden H\u00e4user an ist und frage mich, was die Bewohner*innen wohl gerade machen?\u00a0 Denn viel gibt es ja nicht zur Auswahl momentan \u2013 au\u00dfer systemrelevanter Arbeit oder wenigen Familienbesuchen\u2026<\/p>\n<p>Am Abend machen meine Tochter und ich noch zusammen Kinderyoga. W\u00e4hrend wir uns entspannen, erz\u00e4hlt mir meine Tochter, dass sie Angst hat, dass wir sterben k\u00f6nnten und deshalb bitte nicht alleine rausgehen sollen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 2.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 12 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Jetzt ist es eindeutig der Heuschnupfen mit dem ich morgens momentan aufwache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Aber uns scheinen die K\u00f6rper irgendwie seelenlos geworden zu sein [&#8230;] Dabei geht es uns doch nur darum die Facetten zwischen Leben und Tod sichtbar machen zu wollen.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich skype am Morgen mit einem Freund und wir tauschen uns \u00fcber die momentane Lage aus. Es geht um die K\u00f6rper und deren Gesundheit, die derzeit im Fokus stehen. Aber uns scheinen die K\u00f6rper irgendwie seelenlos geworden zu sein, da sie von allem sozialen, menschlichen Kontakt und Spirituellen abgeschnitten sind. Selbst die Kirchen und andere Gottesh\u00e4user haben geschlossen. Am Ende sterben die Menschen dann alleine im Krankenhaus ohne je wieder ein anderes menschliches Gesicht gesehen zu haben. Wir best\u00e4rken uns gegenseitig nicht im derzeitigen allgemeinen Notfallmodus agieren zu wollen, sondern lieber einen k\u00fchlen Kopf bewahren zu wollen, um kritisch die Ver\u00e4nderungen beobachten und begleiten zu k\u00f6nnen. Mit unserer Kritik f\u00fchlen wir uns von anderen vor die Wahl gestellt uns zwischen Leben und Tod zu entscheiden. Kritisieren wir die derzeitigen Ma\u00dfnahmen wird uns unterstellt den Tod billigend in Kauf zu nehmen. Dabei geht es uns doch nur darum die Facetten zwischen Leben und Tod sichtbar machen zu wollen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag telefoniere ich mit einer anderen Freundin und genie\u00dfe es mich w\u00e4hrend des Telefonierens frei bewegen und entspannen zu k\u00f6nnen. Sie erz\u00e4hlt mir wie sie und ihre Familie vor sich hinleben und in eine Art nat\u00fcrlichen kreativen Flow gekommen sind. Sie lassen sich von Tag zu Tag dahintreiben und genie\u00dfen die Tage. Trotzdem erinnere ich sie kurz an die Zust\u00e4nde in anderen L\u00e4ndern, die ein schlechteres Gesundheitssystem haben als wir\u2026<\/p>\n<p>Auf einmal klingelt es und pl\u00f6tzlich steht meine Mutter vor der T\u00fcr&#8230; Sie hat Blumen in der Hand und l\u00e4uft einfach in unsere Wohnung hinein und stellt sie auf den Balkon. Wir sind perplex und auch ein bisschen \u00fcberrumpelt angesichts der pl\u00f6tzlichen Missachtung der Schutzma\u00dfnahmen. Kurz darauf geht sie wieder.<\/p>\n<p>Die Sonne scheint herrlich und meine Tochter und ich machen eine Radtour mit dem Anh\u00e4nger in einen nahegelegenen Wald. Es sind f\u00fcr diese Uhrzeit und diesen Wochentag ungew\u00f6hnlich viele Leute am Spazieren gehen, Joggen und Radfahren. Auf unserer Tour entdecken wir auf einer Lichtung im Wald zwei junge M\u00e4nner, die ausgestattet mit Boxhandschuhen gegeneinander boxen. Im Vorhof eines Hauses machen zwei junge Frauen Aerobic zu lauter Musik. Ich fahre mit meiner Tochter zu einer Lichtung mit mehreren Teichen, wo ich selbst als Kind oft gespielt habe. Hier ist niemand zu sehen und wir erkunden die Natur. Wir sammeln St\u00f6cke, Muscheln und beobachten ein Heer an frisch geschl\u00fcpften Kaulquappen, die am Ufer um ihr Leben k\u00e4mpfen. Es erscheint mir wie eine Metapher f\u00fcr die derzeitige Lage zu sein. Ich erkl\u00e4re ihr: Einige werden es wohl leider nicht schaffen und sterben \u2013 aber viele werden \u00fcberleben und zu Fr\u00f6schen heranwachsen\u2026<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich nochmal auf den Balkon und dort herrscht eine angenehme Ruhe und Stille wie w\u00e4hrend der langen Sommerferien im August, wenn die Stadt wie ausgestorben erscheint\u2026 Obwohl es noch mild und warm ist, scheint keiner auf dem Balkon zu sitzen oder zu grillen. Die Luft ist rein und sauber. Ich erinnere mich das Eichh\u00f6rnchen, das uns heute am Balkon fast angegriffen h\u00e4tte und den Vogel, der beim Radfahren fast in uns hineingeflogen w\u00e4re. Es scheint mir, als w\u00fcrde die Natur sich wieder ihr Territorium zur\u00fcckholen und wir sind nun pl\u00f6tzlich die Eindringlinge\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 3.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 13 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Die morgendlichen Halsschmerzen geh\u00f6ren mittlerweile schon dazu und beunruhigen mit nicht mehr\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Solidarit\u00e4t bedeutet nicht nur den \u00e4lteren Nachbarn beim Einkaufen zu helfen, sondern ruhig, besonnen, offen und empathisch zu bleiben und nicht in Panik zu geraten.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Home-Office nehme ich wieder an einer Sitzung der Schreib-Community per Zoom teil. Was als Experiment begann, m\u00f6chten die Veranstalter*innen gerne auf Spendenbasis weiterf\u00fchren. Es f\u00fchlt sich gut an mit so vielen gemeinsam virtuell zu arbeiten.<\/p>\n<p>Ich lese die Rundmail des Pr\u00e4sidenten meiner Universit\u00e4t; er schreibt seit Beginn der Krise in kurzen Abst\u00e4nden zur Lage der Universit\u00e4t. Ich bin fasziniert \u2013 es soll eine Art kreatives \u201eProbesemester\u201c im kommenden Sommer geben, das auf digitale und kreative L\u00f6sungen setzt. Alle sind aufgerufen sich mit Ideen einzubringen, nachsichtig zu sein und gemeinsam an der Umsetzung zu arbeiten. Au\u00dferdem sichert die Uni zu in allen Bereichen Kulanz walten zu lassen zu wollen. Spannend wie ein zuvor so starrer und hierarchischer Apparat pl\u00f6tzlich viel flexibler und empathischer wird. Und jetzt verstehe ich auch den Solidarit\u00e4tsbegriff nochmal neu\u2026 Solidarit\u00e4t bedeutet nicht nur den \u00e4lteren Nachbarn beim Einkaufen zu helfen, sondern ruhig, besonnen, offen und empathisch zu bleiben und nicht in Panik zu geraten oder auszuflippen und gemeinsam an undogmatischen kreativen L\u00f6sungen zu arbeiten. So gesehen erscheint mir die deutsche Gesellschaft als bisher sehr ruhig (auch sich schon erste soziale Verwerfungen ank\u00fcndigen), folgsam, aber trotzdem kreativ und weiterhin h\u00f6flich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Was letzte Woche noch v\u00f6llig \u00fcbertrieben erschien, etabliert sich jetzt und ist nun Ausdruck von Solidarit\u00e4t\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute war ich einkaufen in einem kleinen Shoppingcenter in der N\u00e4he. Sorgf\u00e4ltig habe ich mir vorher meine Einkaufsliste auf einem Zettel zusammengestellt. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich das zwischen T\u00fcr und Angel gemacht. Ich fahre mit dem Rad zum Einkaufen und beobachte neugierig, ob sich in unserer Nachbarschaft wieder etwas ver\u00e4ndert hat. Auf den ersten Blick nichts\u2026 Bevor ich das Einkaufszentrum betrete lege ich meine OP-Maske an, die jetzt immer in meiner Jackentasche dabei habe. Ich bin beruhigt \u2013 es sind schon einige Leute mehr mit Atemschutzmasken unterwegs als noch beim letzten Mal\u2026 Es normalisiert sich langsam und man wird nicht mehr wie eine Auss\u00e4tzige behandelt. So schnell \u00e4ndert sich gerade der \u00f6ffentliche Diskurs: Was letzte Woche noch v\u00f6llig \u00fcbertrieben erschien, etabliert sich jetzt und ist nun Ausdruck von Solidarit\u00e4t\u2026 Nur mit den Einmalhandschuhen hadere ich noch\u2026<\/p>\n<p>Das Einkaufen bzw. das Shopping-Erlebnis und St\u00f6bern an sich hat auch an Genuss verloren; jetzt scheint es mir nur darum zu gehen die Grundversorgung zu besorgen und schnell wieder nach Hause zu eilen.<\/p>\n<p>Nach dem Einkauf bei den Fahrradst\u00e4ndern treffe ich ein \u00e4lteres Ehepaar \u2013 Freunde meiner Eltern. Ich habe immer noch die Maske auf und spreche sie direkt an. Sie erkennen mich nicht gleich und nehmen erstmal Abstand. Die erste Frage von ihrer Seite aus: \u201eNa seid ihr auch alle gesund?\u201c. Ich bejahe und sage unbeholfen, dass ich die Maske nur protektiv trage. Ich merke im Gespr\u00e4ch, dass dieses Paar krisenerprobt ist, denn es hat jahrzehntelang im Ausland gelebt und gearbeitet \u2013 immer unter gef\u00e4hrlichen Lebensbedingungen\u2026 Aber ich bemerke wie sie die Rollen getauscht haben \u2013 sie war immer diejenige, die Probleme hatte sich vor Ort anzupassen w\u00e4hrend ihr Mann immer wusste wo\u2019s lang geht. Jetzt scheint er nerv\u00f6s zu sein und t\u00e4nzelt von einem Bein auf das andere, w\u00e4hrend sie wie ein Fels in der Brandung steht und meint, dass sie das alles f\u00fcr total \u00fcbertrieben halte.<\/p>\n<p>Ich nehme meine Maske ab und fahre wieder nach Hause. Ich radle an der Post vorbei und bin entsetzt \u2013 die Warteschlange schl\u00e4ngelt sich einmal um das ganze Geb\u00e4ude herum; die Leute stehen dicht und keiner hat einen Mundschutz auf\u2026 W\u00e4re das nicht der ideale Zeitpunkt, um die Idee der autonomen Paketstationen wieder zu beleben?<\/p>\n<p>Irgendwann im Laufe des Tages sp\u00fcre ich pl\u00f6tzlich Zeitnot\u2026 nur noch bis 19. April habe ich Zeit neue Dinge in meinem Alltag auszuprobieren und zu \u00e4ndern, denn n\u00e4chste Woche ist schon Ostern und obwohl wir niemand besuchen k\u00f6nnen, ahne ich, dass viele \u201eErsatzrituale\u201c stattfinden werden \u2013 wie unendliche Skype-Gespr\u00e4che quer durch die Republik, Basteln f\u00fcr die Verwandtschaft, Briefe verschicken etc. Eigentlich wollte ich doch noch f\u00fcr meine Tochter endlich das Kinderfotoalbum erstellen, das ich schon seit mehr als einem Jahr f\u00fcr sie fertig machen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Mein Mann erz\u00e4hlt mir nach der Arbeit wie sehr sein Lieferdienst nun brummt und sie schon mehr Umsatz in einer Woche gemacht haben als noch vor dem Virus. Au\u00dferdem erz\u00e4hlt er, dass er mehr und mehr zum \u201eSeelsorger\u201c an der T\u00fcr wird und die Leute jetzt pl\u00f6tzlich Zeit zum Reden und Austausch haben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter \u00fcberlege ich mit meiner Tochter auch so einen Regenbogen f\u00fcr das Fenster zu basteln. Solche sieht man jetzt ganz oft an Fenstern in der Nachbarschaft h\u00e4ngen. Sie sind zu einem allgemeinen Zeichen daf\u00fcr geworden, dass diese Familien mit Kindern zu Hause bleiben.<\/p>\n<p>Heute ist die neue Matratze f\u00fcr unsere Tochter angekommen, die nun endlich alleine in ihrem Zimmer schlafen soll. Ich habe ein gutes Gef\u00fchl dabei, dass sie nun bereit daf\u00fcr ist. Mein Mann findet es total unverantwortlich sie gerade jetzt in diesen unsicheren Zeiten alleine schlafen zu lassen\u2026 Wir betten sie trotzdem um und es klappt erstaunlich gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Der Tod ist das Eine, das Abschiednehmen das Andere.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend telefoniere ich mit meiner Tante von nebenan. Sie ruft mich wegen irgendwelcher V\u00f6gel an, die jetzt immer zu ihr auf den Balkon kommen\u2026 Wir reden \u00fcber die Selbstreflexion, die diese Zeiten gerade bef\u00f6rdern und \u00fcber ihre \u00fcber die Jahrzehnte erworbene Erfahrung in diesen Dingen; davon sich in Krisenzeiten zu sp\u00fcren und treu zu bleiben. Weiter geht es um die Beerdigungen zahlreicher Menschen in ihrem Umkreis; wenige davon wegen Corona \u2013 aber allen ist gemeinsam, dass sie momentan nicht zu den Beerdigungen gehen kann, um sich zu verabschieden\u2026 Der Tod ist das Eine, das Abschiednehmen das Andere. Dann reden wir noch \u00fcber die Wichtigkeit von gutem Essen in diesen Zeiten und ich beschlie\u00dfe f\u00fcr den Geburtstag meines Onkels im April eine sch\u00f6ne gro\u00dfe Torte zu bestellen; zumindest da, denn richtig feiern und besuchen werden wir uns nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend beschlie\u00dfe ich das Corona-Tagebuch f\u00fcr heute nicht fertigzustellen. Ich verbringe den Abend lieber mit meinem Mann auf der Couch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 4.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 14 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Ich stehe am Morgen am Balkon und gucke in den Himmel. Pl\u00f6tzlich sehe ich ein Flugzeug! Ein sehr ungew\u00f6hnlicher Anblick in diesen Tagen\u2026Normalerweise wohnen wir in der Anflugschneise des M\u00fcnchner Flughafens, aber seit mehr als zwei Wochen war kein einziges Flugzeug mehr zu sehen. Wer wohl in diesem Flugzeug sa\u00df? Vielleicht eine R\u00fcckholaktion von Urlaubern aus dem Ausland? Oder der Krankenflieger der Bundeswehr, der einige italienische Patient*innen in deutsche Krankenh\u00e4user bringen soll?<\/p>\n<p>Am Morgen dann passt mein Mann auf unsere Tochter auf und ich kann mehrere Stunden am St\u00fcck an meiner Forschung arbeiten. W\u00e4hrend ich im Internet nach Literatur suche, bekomme ich Werbung von einer Hautcreme f\u00fcr M\u00e4nner, die zu Solidarit\u00e4t in der Corona-Krise aufruft. Eine Sport-Werbung ruft zu Zusammenhalt und Durchhalten auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Manchmal frage ich mich also, ob unsere Erfahrungen der Krise es \u00fcberhaupt wert sind beobachtet und beschrieben zu werden.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Vormittag ruft meine Mutter bei uns an und will uns zum Grillen in den Garten einladen\u2026 Wir sind irritiert und lehnen ab. Sie fr\u00e4gt, ob wir es immer noch so streng sehen und uns nicht treffen wollen? Ich sch\u00fcttle den Kopf und frage sie, ob denn mein Vater seine Face-to-Face Konferenzen schon eingestellt h\u00e4tte? Wir diskutieren \u00fcber die Gef\u00e4hrdung und ich rede ihr ins Gewissen, dass mein Vater sich besser sch\u00fctzen m\u00fcsse\u2026 Au\u00dferdem finden mein Mann und ich es unsolidarisch jetzt im Garten ein Grillfest zu veranstalten, wo doch alle anderen um uns herum in ihren kleinen engen Wohnungen sitzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt kommen mir die Privilegien meiner Familie in den Sinn. Wir haben sch\u00f6ne, helle und lichtdurchflutete gro\u00dfe Wohnungen mit Balkon, Terrasse und Garten. Wir sind nicht in unserer Existenz bedroht und k\u00f6nnen es uns leisten zu Hause zu bleiben\u2026 Hier bei uns tut sich kein soziales Schlachtfeld auf und es finden keine gro\u00dfen gesellschaftlichen Verwerfungen statt\u2026 Manchmal frage ich mich also, ob unsere Erfahrungen der Krise es \u00fcberhaupt wert sind beobachtet und beschrieben zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>So kann die Beobachtung meines famili\u00e4ren Mikrokosmos ein minimaler Ausschnitt der unterschiedlichsten Facetten der Covid-19-Krise sein.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber da \u00a0f\u00e4llt mir jemand ein, der zu den Mikrostrukturen von Machtsystemen geforscht hat. Und ja diese scheinbare Banalit\u00e4t der Krise in meiner Familie ist doch Ausdruck einer strukturellen Ungleichheit und sozialen Klassenfrage, die jetzt schon und nach der Krise noch viel mehr aufbrechen werden. Wer wird als Verlierer und wer als Gewinner aus dieser Krise herausgehen? Wer wird traumatisiert sein, existentiell am Boden und wer kann weitermachen wie bisher? Wen wird die Krise wie ver\u00e4ndern? So kann die Beobachtung meines famili\u00e4ren Mikrokosmos ein minimaler Ausschnitt der unterschiedlichsten Facetten der Covid-19-Krise sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich merke wie ich selbst auch schon eine Blockwart-Mentalit\u00e4t entwickle und anfange das Verhalten der anderen zu bewerten\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahre ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen. W\u00e4hrend ich durch den Hausgang gehe, stelle ich fest, dass meine Eltern Besuch haben! Drau\u00dfen im Innenhof sitzt auch eine Mutter aus dem Haus am Spielplatz mit ihrem Kind, w\u00e4hrend sie sich mit einem Nachbarn unterh\u00e4lt, der mit ihr auf der Bank sitzt\u2026 Habe ich da etwa was verpasst? Ich merke wie ich selbst auch schon eine Blockwart-Mentalit\u00e4t entwickle und anfange das Verhalten der anderen zu bewerten\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 5.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 15 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Schon mehr als zwei Wochen\u2026 Die Zeit verschwimmt und rast dahin\u2026 Ich verliere langsam das Zeitgef\u00fchl, ob nun Wochenende oder irgendein Werktag ist, scheint v\u00f6llig irrelevant geworden zu sein.<\/p>\n<p>Unsere Nacht war kurz und anstrengend, da wir uns vorgenommen haben den Schlafrhythmus unserer Tochter zu \u00e4ndern. Es scheint der passende Moment f\u00fcr solche Ver\u00e4nderungen zu sein, die immer den Rhythmus der ganzen Familie auf den Kopf stellen\u2026 Ich nutze das fr\u00fche Aufstehen, um eine Runde in einem nahegelegenen Park joggen zu gehen. Etwas, dass ich mir schon seit Jahren vornehme! Und jetzt scheint der richtige Zeitpunkt daf\u00fcr gekommen zu sein, neue Verhaltensweisen und Routinen einzuf\u00fchren\u2026 Es ist so ruhig und herrlich im Park! Eine Wohltat\u2026<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat der Heuschnupfen heute meinen ganzen Tag bestimmt. Die B\u00e4ume stehen nun in voller Bl\u00fcte und meine Nase l\u00e4uft ohne Ende. Normalerweise sind zu dieser Jahreszeit die Werbung und Medien voll mit Artikeln \u00fcber die Allergiesaison, aber bis jetzt habe ich davon noch nichts gelesen. Wo sind denn die ganzen anderen Heuschnupfenkranken? Es gibt doch einige Frage zu kl\u00e4ren wie ich finde. Zum Beispiel die Frage, ob Heuschnupfen-Symptome auch gleich eine Maskenpflicht nach sich ziehen?<\/p>\n<p>Am Nachmittag skypen wir mit meinen Schwiegereltern. Wir haben in ihrem Auftrag einen Liter Desinfektionsmittel f\u00fcr sie in unserer Apotheke gekauft \u2013 schlichtes Isopropanol, was jetzt ziemlich teuer geworden ist. Im Laufe der Woche m\u00fcssen wir daf\u00fcr eine \u00dcbergabe organisieren. Au\u00dferdem erz\u00e4hlen sie noch wie ein Nachbar in ihrer Wohnsiedlung die Polizei gerufen hatte, weil zwei Kinder auf einem Spielplatz gespielt haben, was ja derzeit verboten ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ist die k\u00f6rperliche Unversehrtheit oder die psychische Unversehrtheit wichtiger?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter treffen wir meine Eltern im Garten und sitzen weit voneinander entfernt zum Kuchenessen zusammen\u2026 Es f\u00fchlt sich gut an mal wieder andere Leute live zu treffen, aber ich habe auch ein schlechtes Gewissen, dass wir es uns hier gut gehen lassen und dabei die Gesundheit meiner Eltern aufs Spiel setzen. Und wieder stellt sich hier die Wertefrage: Ist die k\u00f6rperliche Unversehrtheit oder die psychische Unversehrtheit wichtiger? Und ist jetzt schon der Zeitpunkt gekommen, wo ich Verantwortung f\u00fcr meine Eltern \u00fcbernehmen muss?<\/p>\n<p>Der Tag geht zu Ende und ich habe heute noch nicht wirklich die Nachrichten gelesen, aber schlie\u00dflich ist heute Sonntag. Morgen st\u00fcrze ich mich dann wieder in die neuesten News\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 6.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Tag 16 der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen in Bayern: Mein Mann hat heute frei und mein Vorsatz eine neue Gewohnheit zu etablieren und t\u00e4glich joggen gehen zu wollen, klappt gut. Auch heute habe ich mit vielen anderen meine Runden im Park gedreht. Auf den Stra\u00dfen war in der Fr\u00fch schon wieder mehr los und es f\u00fchlte sich wie ein normaler Arbeitstag an. Die Stadt lebt also noch, was ich am Wochenende schon bezweifelt hatte. Ich habe auch das Gef\u00fchl, dass vier Wochen Ausgangssperre auch nicht ausreichen werden, um unsere Gesellschaft und Kultur zu einem wirklichen Umdenken zu bewegen\u2026 Wie lange dauert es bis man neue Gewohnheiten und Verhaltensweisen etabliert und implementiert hat? Ich glaube es waren drei Wochen f\u00fcr eine Einzelperson, aber f\u00fcr eine ganze Gesellschaft???<\/p>\n<p>Ich brauche dringend ein Buch von einer Freundin im Umland und frage sie, ob sie noch zur Post geht und es mir schicken kann? Aber sie verneint. Auch sie will sich nicht mehr in die langen Schlangen vor dem Postamt einreihen\u2026<\/p>\n<p>Ich habe schon lange niemand mehr im Hausgang getroffen. Nach der anf\u00e4nglichen Solidarit\u00e4t und neuen Offenheit scheinen sich jetzt alle aus dem Weg zu gehen und wollen sich nicht mehr begegnen. Das Paket einer Nachbarin, welches bei uns angekommen ist, legen wir vor unsere T\u00fcr. So kann sie es kontaktlos abholen.<\/p>\n<p>Am Abend kommt die Nachricht, dass Boris Johnson auf die Intensivstation verlegt wurde\u2026 Welche Ironie der Geschichte! Jetzt fehlt nur noch Trump\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahren wir mit dem Auto zu einer nahegelegenen Heidelandschaft. Es ist richtig hei\u00df \u2013 viele sind in Sommeroutfits unterwegs. In der nahegelengen Wohnsiedlung ist pl\u00f6tzlich laute Musik zu h\u00f6ren und ein Eiswagen f\u00e4hrt vor. Aus allen m\u00f6glichen Richtungen str\u00f6men pl\u00f6tzlich Kinder und Erwachsen herbei, um dort Eis zu kaufen. Und es scheint ein ganz normaler Sommertag ohne Corona zu sein, denn keiner h\u00e4lt sich an irgendwelche Abst\u00e4nde oder ist alleine unterwegs\u2026 H\u00e4, so ist das also hier. In diesem Stadtteil scheint es kein Coronavirus zu geben. Nur die Tatsache, dass unter der Woche zig Menschen ohne Eile und Hast in der Heidelandschaft spazieren gehen, l\u00e4sst auf besondere Umst\u00e4nde schlie\u00dfen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 7.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe aufgeh\u00f6rt die Tage der Ausgangsbeschr\u00e4nkung zu z\u00e4hlen\u2026 Heute war mein Mann wieder arbeiten und meine Tochter und ich auch wieder im \u201eHome Office\u201c-Modus. Allerdings konnte ich mich so gar nicht konzentrieren \u2013 es gab einfach zu viele neue Artikel \u00fcber die Corona-Krise zu lesen.<\/p>\n<p>Mein Mann trat heute eine Dienstfahrt nach Bamberg an und meinte, dort sei nichts zu merken gewesen von den Ver\u00e4nderungen durch den Lockdown\u2026 Au\u00dfer, dass die Autobahn total leer gewesen war und der Gesch\u00e4ftspartner sich entschuldigte, dass er ihn nicht zum Essen einladen konnte.\u00a0 Anscheinend ist es hier bei uns in M\u00fcnchen und im Umland schon besonders streng\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag entstand mal wieder der langersehnte Family-Flow. Jeder ging einfach so ohne gro\u00dfen Plan seinen intrinsischen T\u00e4tigkeiten nach und es kehrte eine gesch\u00e4ftige Ruhe in der Wohnung ein. Mein Mann bereitete seine Kamera auf die Aufnahme des anstehenden Vollmonds vor, ich lackierte meine N\u00e4gel und unsere Tochter spielte in ihrem Zauberinnenkost\u00fcm\u2026 Es war so ein Zustand kontemplativen Nichts-Tuns\u2026 Herrlich!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter rief ich spontan meine Schwester an, die gerade mit ihren Mitbewohner*innen im Garten grillte und die endlich die Zeit hatten sich als WG gegenseitig kennenzulernen, denn bisher war es eine reine Arbeits-Zweck-WG gewesen. Jetzt machen sie gemeinsam Fahrradtouren, grillen, backen Kuchen, bestellen den Garten, mixen Cocktails und gehen Eis essen\u2026 Fast wehm\u00fctig erinnere ich mich an meine eigene WG-Zeit, die genauso unbeschwert gewesen war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter planen mein Mann und ich die kommenden Ostertage und \u00fcberlegen uns leckere Gerichte, die wir gemeinsam kochen k\u00f6nnen. Einig sind wir uns, dass wir noch vor dem Gr\u00fcndonnerstag einkaufen gehen m\u00fcssen, damit wir nicht in den total \u00fcberf\u00fcllten Corona-Einkaufsstau geraten\u2026\u00a0 Das empfehle ich auch meiner Mutter mit der ich sp\u00e4ter telefoniere, aber ihr ist die Frische wichtiger\u2026 Au\u00dferdem fr\u00e4gt sie mich, wie wir gerade so die Zeit totschlagen? Ich berichte von unserer Kontemplation und dass unsere Generation normalerweise viel Geld f\u00fcr Retreats ausgibt und man das jetzt eben zu Hause haben k\u00f6nne\u2026 Sie sagt nichts und wechselt das Thema.<\/p>\n<p>Am Ende des Tages bleibt die Erkenntnis wie sich pl\u00f6tzlich aus sich selbst heraus Dinge entwickeln k\u00f6nnen und eine spontane Kreativit\u00e4t entstehen kann, wenn man nicht alles durchplant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 8.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Heute habe ich von der Au\u00dfenwelt nicht viel mitbekommen und bin in totaler Introspektion und Innenschau versunken. Diesen Zustand hat auch die Tatsache verst\u00e4rkt, dass wir aufgrund der hei\u00dfen Sonne den ganzen Tag die Jalousien unten hatten. Die Sonne ist einfach schon zu stark und zu intensiv\u2026\u00a0 Ich habe fast keine Nachrichten gelesen und deshalb kam Corona heute fast gar nicht in meinen Alltag vor\u2026<\/p>\n<p>Mir graut es vor den ganzen Skype-Gespr\u00e4chen und Telefonaten rund um Ostern und so genie\u00dfe ich die Ruhe vor dem Sturm.<\/p>\n<p>Im Verlauf des Tages haben meine Tochter und ich die Wohnung f\u00fcr das Osterfest dekoriert und mit meinen Eltern ein Spargelessen auf Abstand am Sonntag ausgemacht. Wir haben uns daf\u00fcr entschieden uns wieder zu treffen, denn wer wei\u00df wie viel gemeinsame Zeit uns noch bleibt?<\/p>\n<p>Manchmal denke ich an die Zeit, wenn die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen wieder gelockert werden. Wie wird dann alles sein? Wie wird unser Leben \u201edanach\u201c aussehen? Ich meine alle Geb\u00e4ude und Einrichtungen stehen ja noch; es gab ja keinen Krieg, aber die Beziehungen und Verhaltensweisen unter den Menschen werden anders sein\u2026 das sind sie ja jetzt schon! Alle hetzten auf der Stra\u00dfe aneinander vorbei, gehen sich mit gesenktem Kopf aus dem Weg und gucken sich wenn nur sehr misstrauisch ins Gesicht.<\/p>\n<p>Ich lese, dass interkontinentales Reisen erst wieder ab 2021 m\u00f6glich sein soll\u2026 Es ist einfach Wahnsinn und schlicht unvorstellbar\u2026<\/p>\n<p>Am Abend genie\u00dfe ich noch die Ruhe und Stille des Fr\u00fchlingsabends auf unserem Balkon\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 9.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Heute Morgen schickt der Kindergarten den Speiseplan f\u00fcr die n\u00e4chste Woche. Erst verstehe ich nicht so recht was das soll. Dann erst beginne ich zu verstehen, dass der Speiseplan f\u00fcr diejenigen Kinder ist, die weiterhin in den Kindergarten gehen d\u00fcrfen. Eben die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen.<\/p>\n<p>Wir f\u00e4rben Eier f\u00fcr Ostern: Meine Tochter erz\u00e4hlt mir, dass sie nachts immer von einem Skelett tr\u00e4umt, dass schon gestorben ist\u2026 Ich frage mich, ob das ihre Art der Verarbeitung der Corona-Krise ist? Schlie\u00dflich reden wir st\u00e4ndig \u00fcber Infektions- und Todeszahlen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter unterschreibe ich zahlreiche Petitionen \u2013 f\u00fcr das bedingungslose Grundeinkommen, den Verbleib von V\u00e4tern im Kreissaal w\u00e4hrend der Krise, die Aufnahme von Gefl\u00fcchteten\u00a0 aus Moria etc. Es scheint mir als w\u00e4ren noch nie so viele Petitionen gleichzeitig im Umlauf gewesen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>\u00dcbertreiben wir es, oder unterreiben die es?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag mache ich mich bereit f\u00fcr den Einkaufsmarathon vor Ostern. Erstaunlicherweise ist es in den L\u00e4den nicht besonders voll, aber viele Regale sind schon leergekauft\u2026 Die Stimmung in einer Drogerie ist angespannt\u2026 Trotz der Plexiglasfenster an den Kassen haben sie jetzt einen professionellen Platzanweiser, der die Leute darauf hinweist, bitte Abstand beim Anstehen an der Kasse zu halten\u2026 Der Security ist ganz entspannt, aber eine der Kassiererinnen ist sehr nerv\u00f6s und schreit die Menschen in der Schlange an, dass sie doch bitte Abstand halten und nur einzeln an die Kasse herantreten sollen. Danach schreit sie den Security an, dass er doch bitte besser auf die Einhaltung der Regeln aufpassen solle. Ich komme mir vor wie auf einem Milit\u00e4rgel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg fahre ich an meinem alten B\u00fcro vorbei und bin erstaunt, dass dort noch so viele Fahrr\u00e4der stehen\u2026 \u00dcbertreiben wir es, oder unterreiben die es?<\/p>\n<p>Ich treffe ein befreundetes Paar meiner Eltern und wir reden kurz: Die Frau ruft mir aus drei Metern Entfernung \u00fcbergl\u00fccklich zu, dass es so gut wie nie zuvor gehe und es einfach herrlich sei! Die Stadt sei so leer und sie k\u00f6nnen einfach \u00fcberall Fahrradfahren\u2026 Momentan treffe ich nur die Freunde meine Eltern, die fast alle im gleichen Stadtteil wohnen. Unsere Freunde dagegen wohnen \u00fcber die ganze Stadt verteilt\u2026 Wann werden wir die wiedersehen???<\/p>\n<p>Am Abend machen wir in der Abendd\u00e4mmerung mit unserer Tochter einen Spaziergang im Stadtviertel. Es ist herrlich ruhig und wir k\u00f6nnen uns ungezwungen bewegen\u2026 Wann sind wir das letzte Mal einfach so vor uns hin spaziert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 10.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Am Morgen gehe ich zum Joggen in den Park in aller Fr\u00fche. Am Ende der Runde wurde der Park merklich voller und pl\u00f6tzlich wurde es richtig schwierig sich in dem Wirrwarr an Joggern, Fu\u00dfg\u00e4ngern, Hunden und Kindern aus dem Weg zu gehen.<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages schicken mir mehrere Freunde Fotos von ihren heutigen Ausfl\u00fcgen. In der Zeit vor Corona w\u00e4ren sie nicht wirklich spektakul\u00e4r gewesen \u2013 fast schon langweilig\u2026 Aber jetzt erscheinen mir diese Ausflugsfotos als das H\u00f6chste der Gef\u00fchle! Wann k\u00f6nnen wir endlich wieder in den Bergen auf deine Alm wandern, ans Meer fahren, zum Campen fahren\u2026? Auch das erschien mir fr\u00fcher alles wenig aufregend und als Standard im Vergleich zu Reisen nach Indonesien oder S\u00fcdamerika\u2026 Jetzt plane ich stattdessen Radtouren im M\u00fcnchner Norden, der gerade von einer Lokalzeitung als besonders ruhig und wenig frequentiert beschrieben wurde\u2026<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages kommen bei unserer Tochter viele alte Dinge aus dem Kindergarten hoch, die sie bisher noch nicht erz\u00e4hlt hatte oder die wir im Alltagsstress vor dem Lockdown schlichtweg nicht mitbekommen hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Sitzen denn jetzt wirklich alle ab Punkt 20 Uhr vorm Fernseher zur Tagesschau?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nNach dem Abendessen machen wir wieder einen Spaziergang in der Abendd\u00e4mmerung. Die Luft riecht schwer nach Fr\u00fchlingsblumen. Um diese Uhrzeit ist immer noch einiges los und es sind Menschen unterwegs, die mir in der Nachbarschaft noch nie begegnet sind. Wer war denn sonst um diese Uhrzeit noch unterwegs, au\u00dfer den Hundebesitzern? Es sind auch einige Jugendliche unterwegs, die sich an versteckten Ecken im Wald treffen. Auch auff\u00e4llig viele Nachtradler sind unterwegs.<\/p>\n<p>Ich beobachte bei unserem Rundgang die Balkone der Nachbarschaft \u2013 fast niemand sitzt auf den Balkonen oder grillt in der Abendd\u00e4mmerung, obwohl schw\u00fcl und lau ist\u2026 Sitzen denn jetzt wirklich alle ab Punkt 20 Uhr vorm Fernseher zur Tagesschau? Am Ende entdecken wir einen Balkon gegen\u00fcber von unserem Haus. Hier wird es richtig zelebriert: Der ganze Balkon ist mit \u00fcber und \u00fcber mit Feuerfackeln beleuchtet, w\u00e4hrend die Bewohner gem\u00e4chlich in einer riesigen H\u00e4ngematte schaukeln!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 13.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Die Osterfeiertage lassen sich am besten als \u201etief im Wald\u201c zusammenfassen.<\/p>\n<p>Obwohl nur ein Besuch bei meinen Eltern auf der Agenda stand, waren die Tage vor dem Ostersonntag gesch\u00e4ftig und stressig. Das \u00dcberlegen von alternativen Osterritualen nahm viel Raum und Zeit ein. Allgemein war die Stimmung in bei unseren Eltern nicht gut, da jahrzehntelang zelebrierte Rituale und Festessen nicht abgehalten werden konnten. Uns Jungen dagegen fiel es viel leichter neue Rituale zu \u00fcberlegen. Wir f\u00e4rbten Eier, verschickten selbstgemachte Ostervideos und telefonierten viel. Aber insgesamt blieb die Stimmung auch bei uns getr\u00fcbt\u2026 Konnte sich doch keiner wirklich Hoffnung machen, dass bald alles wieder vorbei sein wird.<\/p>\n<p>Auch mit unseren Freund*innen in den anderen Stadtteilen telefonierten wir viel. Gemeinsam \u00fcberlegten wir uns \u201eExit-Strategien\u201c, um uns mit den Kindern bald wieder besuchen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber im Gro\u00dfen und Ganzen blieb Corona f\u00fcr uns an diesem Wochenende fern. Da wir nicht einkaufen mussten und viel Zeit zu Hause verbrachten, blieben die Presseartikel der einzige Kontakt zu Corona.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es kommt mir so vor wie ein wieder Zur\u00fcckfinden in ein \u201enat\u00fcrliches\u201c, inneres, individuelles Gleichgewicht an Tagesablauf, Interessen und T\u00e4tigkeiten.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bemerke au\u00dferdem wie das Virus unsere Mittelschichtsblase nur emotional betrifft. Lieb gewonnene Freiheiten k\u00f6nnen nicht mehr ausge\u00fcbt werden; wir d\u00fcrfen uns nicht treffen \u2013 das nimmt uns emotional mit. Aber nicht existentiell\u2026 Vielmehr bleibt f\u00fcr uns alle viel Raum f\u00fcr die Aufarbeitung und Neuausrichtung unserer Beziehungen und Wertesysteme\u2026 Damit, habe ich den Eindruck, ist unsere Blase besch\u00e4ftigt. Es kommt mir so vor wie ein wieder Zur\u00fcckfinden in ein \u201enat\u00fcrliches\u201c, inneres, individuelles Gleichgewicht an Tagesablauf, Interessen und T\u00e4tigkeiten. Jeder macht gerade einfach das, was er schon immer gerne mal machen und ausprobieren wollte. Werte werden hinterfragt, Vergangenheit und Erinnerungen bearbeitet und geteilt, neue Gewohnheiten und Vorlieben entdeckt\u2026 Das Virus scheint unserer Blase eine gro\u00dfe Innenschau zu erm\u00f6glichen. Einzig allein die Nachrichten durchbrechen manchmal diese Innenschau\u2026 Allerdings durchzieht diese Mittelschichtsblase eine Altersdifferenzierung\u2026 Die \u00c4lteren scheinen mir ziemlich mit dem eigenen Tod besch\u00e4ftigt zu sein.<\/p>\n<p>Passend zur Blase machten wir an einem der Nachmittage mit dem Rad einen Ausflug in einen gut situierten Nachbarstadtteil, um dort Eis essen zu gehen. Und auch dort war das Blasengef\u00fchl noch viel pr\u00e4senter. Kaum jemand war mit Mundschutz unterwegs im Vergleich zu unserem Stadtteil. Alles schien sich wie ein Sonntagnachmittag anzuf\u00fchlen. Viele fuhren Fahrrad und lie\u00dfen es sich in den zahlreichen Eisdielen gut gehen. Es war einiges los! Die Dichte der Menschen in diesem Stadtteil war faszinierend und be\u00e4ngstigend zu gleich. Es schien mir so als ob es die Menschen hier viel weniger ernst nahmen wie in unserem schlechter situierten Stadtteil. Es ist also doch so eine Frage, wenn man eine gro\u00dfz\u00fcgige Altbauwohnung hat im Vergleich zu einer engen stickigen Zweizimmerwohnung.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg fuhren wir in einen nahgelegenen Wald. Auch hier war viel los, aber wir zogen uns auf eine ruhige Lichtung zur\u00fcck, wo bereits zwei riesige selbstgebaute Tipis standen. Mit unserer Tochter bauten wir gemeinsam ein drittes Tipi und genossen die gemeinsame Zeit. Erst als eine andere Familie mit ihren Kindern auf die Lichtung kam und die Tipis anschauen wollte, wurde unsere Idylle zerst\u00f6rt. Sogleich wieselten die Kinder umher und erkundeten die Tipis w\u00e4hrend wir Eltern versuchten auf den n\u00f6tigen Abstand zwischen unseren Kindern zu achten. Wie soll das blo\u00df werden, wenn der Kindergarten wieder losgeht? Was macht das mit den Kleinsten, wenn wir sie st\u00e4ndig ermahnen den Abstand zu anderen einzuhalten. Da stehen wir jedenfalls noch tief im Wald\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 14.-15.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Gestern f\u00fchrte das Einkaufen wieder zu einem regelrechten \u201eMaskentheater\u201c im ADIL. Ich wollte ein Elektroger\u00e4t aus einer der Glasvitrinen kaufen, aber die Verk\u00e4uferin verstand mich nicht mit dem Mundschutz hinter der Plexiglasscheibe an der Kasse. Stattdessen musste ich meine Maske abnehmen und laut losbr\u00fcllen\u2026 Dabei mussten wir beide lachen angesichts der Absurdit\u00e4t der Situation. Als ich noch etwas vergessen hatte und schnell an einer Schlange an der Kasse vorbeiwollte, zuckten pl\u00f6tzlich alle zur\u00fcck und ich w\u00e4hlte doch den regul\u00e4ren Eingang.<\/p>\n<p>Mein Onkel im Haus hatte Geburtstag\u2026 Umst\u00e4ndlich wurde \u00fcberlegt wie er mit wem und auf welche Art und Weise feiern k\u00f6nnte. Am Ende feierte er mit meinen Eltern im Garten an einer langen Tischtafel mit der sich die 1,5 Meter-Abstand gut einhalten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Gestern rief nach langer Zeit eine alte Freundin aus Frankreich an. Wir hatten uns lange nicht mehr gesprochen\u2026 Sie erz\u00e4hlte mir von den Ma\u00dfnahmen in Frankreich, dass ihr Freund in Italien lebe und sie sich nicht rechtzeitig Gedanken gemacht hatten, um sich gemeinsam in eines der L\u00e4nder zu begeben. Es war sch\u00f6n und irgendwie verbindend von Menschen in anderen L\u00e4ndern zu h\u00f6ren, dass alle momentan die gleichen Probleme haben.<\/p>\n<p>Heute erz\u00e4hlte mir meine Mutter, dass es im Stadtteil nun eine \u00f6ffentliche Sammelaktion von Essen, Hygieneartikeln und Spielsachen gibt, um sie Hilfsbed\u00fcrftigen im Stadtteil zukommen zu lassen. Interessanterweise aber holt seit Tagen keiner diese Dinge ab\u2026 Jetzt frage ich mich was dahinter steckt? Liegt es an der mangelnden Kommunikation, oder an einem Stigma oder oder\u2026 Ich schlage ihr vor es an die Arbeit der Tafeln zu koppeln\u2026 Aber auch diese haben momentan geschlossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Hier bei uns ist alles so ruhig und der \u201eneue\u201c Alltag scheint schon irgendwie zur Normalit\u00e4t geworden zu sein.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter bekomme ich eine E-Mail von einem Co-Working Space der Ende April nun leider schlie\u00dfen muss. Sehr schade! Das Projekt gab es noch nicht lange und die Community etablierte sich gerade erst\u2026<\/p>\n<p>Ich stelle fest, dass ich schon lange keinen Artikel mehr von einem Mediziner oder Virologen gelesen habe\u2026 Auch \u00fcberhaupt, was ist denn derzeit in den Kliniken los? Hier bei uns ist alles so ruhig und der \u201eneue\u201c Alltag scheint schon irgendwie zur Normalit\u00e4t geworden zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona -Tagebuch vom 16.- 17.4.20<\/strong><\/p>\n<p>16.4.<\/p>\n<p>Ich telefoniere mit einer Freundin, die im M\u00fcnchner Umland lebt. Sie treibt die Frage umher wie sie endlich ihre Schwiegereltern wieder treffen kann. Deswegen wartet sie gespannt auf die f\u00fcr heute angesetzte Pressekonferenz<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> der Bayerischen Staatsregierung. Sie hat schon mehrere Schlachtpl\u00e4ne ausgearbeitet wie sie im \u201eGraubereich\u201c doch noch ein Treffen organisieren kann.<\/p>\n<p>Am Nachmittag misten wir unseren Keller aus, was wir schon seit Jahren vorhaben. Wir schwelgen in Erinnerungen und entledigen uns von altem Zeugs. Erstaunlicherweise sind auch viele Nachbar*innen aus dem Haus unterwegs, die auch altes Zeug loswerden wollen und pl\u00f6tzlich keine gro\u00dfe Scheu mehr haben sich wieder zu unterhalten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt unsere Tochter pl\u00f6tzlich mit dem Wunsch ihren Kindergartenfreund*innen Nachrichten schicken zu wollen. Die letzten Wochen war das gar kein Thema. Jetzt pl\u00f6tzlich, wo nun verk\u00fcndet wurde, dass die Kinderg\u00e4rten noch voraussichtlich bis Ende der Sommerferien geschlossen sein werden, m\u00f6chte sie Kontakt aufnehmen. Wir verschicken einige Videos und Sprachnachrichten. Bis nach den Sommerferien \u2013 das w\u00e4re in Bayern ja erst ab Mitte September\u2026 Krass! Ich bin w\u00fctend, dass die ganzen Kommissionen die Familien mit kleinen Kindern wohl vergessen zu scheinen haben. Weibliche Gleichberechtigung ade! Ich merke jetzt schon wie ich mich statt um das Home Office um den Haushalt k\u00fcmmere.<\/p>\n<p>Ab Montag aber soll es nun weitere Lockerungen geben. Ich bin hin und hergerissen. Einerseits ist es nat\u00fcrlich notwendig, dass alles sich wieder normalisiert \u2013 aber irgendwie genie\u00dfe ich die Stille und Ruhe auch\u2026 Es sind bis jetzt schon so viele neue Dinge entstanden\u2026 Was k\u00f6nnen wir davon beibehalten? Was wird zu neuen Routinen? Haben die Menschen sich ver\u00e4ndert? Fast trauere ich dieser Zeit des Innehaltens schon wieder hinterher\u2026 Ich bekomme auch etwas Panik sobald ich dar\u00fcber nachdenke was ich noch alles schaffen und erledigen wollte. Wen ich noch alles anrufen wollte in dieser stillen Zeit. Ich habe das Gef\u00fchl ab Montag schlie\u00dft sich wieder das Zeitfenster das Raum lies f\u00fcr diese neuen Erfahrungen\u2026<\/p>\n<p>Wir \u00fcberlegen f\u00fcr Ende August schon mal einen Urlaub innerhalb von Deutschland zu buchen\u2026 Sicher ist sicher\u2026 Wenn pl\u00f6tzlich 81 Mio. Menschen innerhalb von Deutschland Urlaub machen wollen, wird das eng!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>17.4.<\/p>\n<p>Ich telefoniere mit einer Freundin aus M\u00fcnchen. Sie arbeitet als Therapeutin nun den ganzen Tag im Home-Office und macht ihre Therapien per Telefon. Sie betreut v.a. Gefl\u00fcchtete. Die leiden gerade unter der Vollisolierung mancher Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte aufgrund von Infizierten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Irgendwie werden die Masken doch bald zu treuen Begleitern werden und vielleicht auch zu schicken Accessoires?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute haben wir mehrere Stunden damit verbracht Schutzmasken aus Stoff zu bestellen. Irgendwie werden diese doch bald zu treuen Begleitern werden und vielleicht auch zu schicken Accessoires?<\/p>\n<p>Am Abend machen wir einen Abendspaziergang in einen nahegelegenen Park. Es ist noch einiges los. Wir kommen uns vor wie im Urlaub, die Luft ist noch warm und riecht intensiv nach Bl\u00fcten. Pl\u00f6tzlich f\u00e4hrt eine Polizeistreife vor und biegt in einen abgesperrten Spielplatz ab. Wir erschrecken. Einige Jugendliche hatten sich dort getroffen. Die Beamten reden mit den Jugendlichen und sie verlassen das Gel\u00e4nde. Aber wo k\u00f6nnen sie sich dann treffen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 18.-21.4.20<\/strong><\/p>\n<p>Die Tage verschwimmen und es wird immer schwieriger die Ver\u00e4nderungen der neuen Corona-Lebensphase zu beschreiben. Das Befremden des Eigenen f\u00e4llt mir immer schwerer.<\/p>\n<p>Der neue Alltag hat sich etabliert und f\u00fchlt sich schon so normal an\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Ich habe diese \u201eIsolation\u201c nicht freiwillig gew\u00e4hlt, aber sie ergibt sich f\u00fcr mich ganz zwangsl\u00e4ufig\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl sich schon einige unserer fr\u00fcheren Aktivit\u00e4ten und Vereine wieder zur\u00fcck gemeldet haben, scheint eine Teilnahme noch so fern zu sein. Alleine die Vorstellung daf\u00fcr in einen anderen Stadtteil mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, erscheint mir gerade noch undenkbar, auch wenn ab n\u00e4chster Woche in Bayern in den \u00d6ffentlichen Schutzmasken getragen werden sollen. Die Aktivit\u00e4ten meiner ganzen Familie, die vorher \u00fcber das ganze Stadtgebiet verteilt waren, liegen derzeit auf Eis. Nur mein Mann f\u00e4hrt weiterhin in seine Arbeit mit dem Auto. Und da wir auch unsere Freunde nicht besuchen k\u00f6nnen, mein Coworking Space sich aufgel\u00f6st hat, der Kindergarten zu ist, die Vereine, Restaurants und Bars geschlossen haben, die Verwandtschaft entweder im Haus wohnt oder nicht besucht werden darf, gibt es momentan keinen Grund f\u00fcr uns in andere Stadtteile zu fahren. Nur f\u00fcr das Einkaufen und die Fahrt ins Gr\u00fcne gehen wir raus\u2026. Sonst machen wir unsere Bestellungen im Internet, gehen online zum Arzt, treffen unsere Kolleg*innen und Freund*innen online und belegen Online-Kurse. Dabei habe ich keine besondere Angst mich \u201edrau\u00dfen\u201c mit Corona anzustecken\u2026 Ich habe diese \u201eIsolation\u201c nicht freiwillig gew\u00e4hlt, aber sie ergibt sich f\u00fcr mich ganz zwangsl\u00e4ufig\u2026<\/p>\n<p>Es ist schon seltsam, der \u00f6ffentliche Raum scheint sich auf wenige Funktionen reduziert zu haben bzw. wird mir bewusst wie zweckfunktional ich diesen Stadtraum bisher genutzt habe. M\u00fcnchen an sich existiert f\u00fcr mich immer weniger als Einheit, denn das gemeinsame Erleben im \u00f6ffentlichen Raum, in \u00f6ffentlichen Einrichtungen\u2026 all das fehlt nun. Welchen Unterschied macht es also noch in dieser Stadt oder sonst wo zu leben? Ich frage mich, was die Stadt als solches noch ausmacht? Der r\u00e4umliche Radius ist zwar klein geworden und nicht mehr auf die Stadt als solches bezogen, aber trotzdem f\u00fchle ich mich an ein kollektives gemeinsames Erleben angeschlossen, dass in anderen R\u00e4umen jenseits des Urbanen stattfindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Werden sich dann Zeit und Raum noch mehr aufl\u00f6sen und verschwinden? Werden die Kinder ihre Freund*innen \u00fcberhaupt noch wiedererkennen?<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu dem alten Leben vor der Corona-Krise zur\u00fcckzukehren, erscheint mir gerade unm\u00f6glich zu sein. Das \u201edavor\u201c gibt es so nicht mehr! Wann wird das Neue fertig sein? Ich plane nicht mehr\u2026 Die Wiederer\u00f6ffnung der Kinderg\u00e4rten soll erst nach den Sommerferien stattfinden\u2026 Das w\u00e4ren jetzt noch f\u00fcnf Monate\u2026 Wah! Eine unfassbar lange Zeitspanne\u2026 Werden sich dann Zeit und Raum noch mehr aufl\u00f6sen und verschwinden? Werden die Kinder ihre Freund*innen \u00fcberhaupt noch wiedererkennen?<\/p>\n<p>Im Hintergrund l\u00e4uft das Lied \u201eWaves\u201c von Sekuoia<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>. Wie Wellen flie\u00dft die Zeit dahin, stetig, treibend, im Fluss, unaufh\u00f6rlich \u2013 ohne Anfang, ohne Ende. Alles verschwimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 22.-27.4.20<\/strong><\/p>\n<p>22.4.20<\/p>\n<p>Heute sind unsere bestellten selbstgemachten Stoffmasken angekommen. Wir haben sie auf einer Flohmarktseite bei einer Privatperson bestellt. Da kosteten sie noch vier Euro das St\u00fcck. Jetzt kosten sie schon 10 Euro\u2026 Die Gummib\u00e4nder der Masken waren leider kurz, daraufhin meinte die Verk\u00e4uferin, dass sie notgedrungen Haargummis nehmen musste, weil die normalen Gummib\u00e4nder schon l\u00e4ngst ausverkauft waren. Ganz Deutschland n\u00e4ht also jetzt zu Hause Mundschutzmasken \u2013 schlie\u00dflich geht es ab Montag los! Beim Einkaufen, beim Arzt, in Bus und Bahn muss dann eine Gesichtsbedeckung getragen werden\u2026<\/p>\n<p>Per Skype telefoniere ich mit einer Kollegin. Das Bild ist schlecht, weil ihre Tochter gerade parallel per Zoom Unterricht hat. Wir schalten das Bild aus. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass die Tochter gar nicht im Online-Unterricht war, sondern mit ihren Freundinnen eine private Zoomparty veranstaltet hat.<\/p>\n<p>Die Kollegin berichtet mir au\u00dferdem davon, dass sie gerade total abh\u00e4ngig von ihrem Mann ist, da sie mit der freien Bildungsarbeit momentan kein Geld verdient. Sie kann sich zwar jetzt um Familie und Haus k\u00fcmmern, aber f\u00fchlt sich wie in die 50er Jahre zur\u00fcck versetzt. Sie \u00fcberlegt nun fieberhaft wie sie sich jobtechnisch unabh\u00e4ngiger machen kann\u2026W\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs kommt immer wieder meine Tochter vorbei, die etwas braucht, fr\u00e4gt oder mitbringt\u2026 Es ist schwer gleichzeitig ihr und der Kollegin bei Skype gerecht zu werden\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>23.4.20<\/p>\n<p>Die Ballettstunde meiner Tochter fand heute zum ersten Mal per Zoom statt. Es war ein gro\u00dfer Spa\u00df! Die Kinder haben munter in die Mikrofone geplappert und die Eltern haben im Hintergrund mitgetanzt. Es war herrlich erfrischend anders und f\u00fcr jeden, sowohl f\u00fcr die Tanzlehrerin als auch f\u00fcr uns Familien eine neue Erfahrung!<\/p>\n<p>Beim Telefonat mit einem Kollegen klagte er mir sein Leid wie er und seine Frau im Home-Office mit ihrem kleinen Sohn langsam verr\u00fcckt werden und sie bald den Aufstand wagen wollen, indem sie die Gro\u00dfeltern wieder ins Boot holen. Ich gebe ihm den Tipp, dass gerade eine M\u00fcnchner Partei eine Initiative plant, um Kinderg\u00e4rten schrittweise mit einem speziellen Frischluftkonzept wieder zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist unserem Stadtteil ein Corona-Interview-Projekt geplant. Mich juckt es in den Fingern dort mitzumachen um die Ver\u00e4nderungen in der im gr\u00f6\u00dferen Stil zu untersuchen. Aber ich muss mich angesichts der wenigen verbleibenden Arbeitszeit meiner eigenen Forschung widmen.<\/p>\n<p>Ich gehe am Nachmittag einkaufen in einem gro\u00dfen Einkaufszentrum in der N\u00e4he und die Atmosph\u00e4re dort ist gespenstisch\u2026 In diesem riesigen Geb\u00e4ude haben nur etwa f\u00fcnf Gesch\u00e4fte auf von sonst mehr als vierzig. Das Licht ist gedimmt und nur vereinzelt huschen ein paar Gestalten mit Mundschutz durch die G\u00e4nge\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>24.4.20<\/p>\n<p>Meine Eltern laden uns am Nachmittag zum Grillen ein. Wir sagen zu, auch wenn immer noch ein seltsames Gef\u00fchl bleibt. Uns erreichen Nachrichten von einer Kindergartenbekannten, die ihre Tochter zu ihren Eltern nach Rum\u00e4nien bringen musste, weil sie alleinerziehend ist und sich nicht mehr alleine um das Kind k\u00fcmmern konnte. Unfassbar! Jetzt wei\u00df sie nicht, wann sie ihr Kind wieder sehen wird aufgrund der Reisebeschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir haben uns seit drei Monaten nicht gesehen. Und auch er scheint sich ver\u00e4ndert zu haben\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine andere Freundin ist kurzfristig wieder nach Deutschland zur\u00fcck gekommen, obwohl sie schon lange im Ausland lebte. Weil die Grenzen auf unbestimmte Zeit geschlossen sind, musste sie jetzt ihren Job und ihre Wohnung dort aufgeben. Ein anderes Paar was gerade in Trennung lebt, musste wieder zusammenziehen, da das Einkommen aufgrund von Kurzarbeit nicht f\u00fcr zwei Wohnungen reichte.<\/p>\n<p>Der Grillabend ist bedr\u00fcckend und wir h\u00e4ngen unseren Gedanken hinterher\u2026<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt noch kurz ein Freund vorbei, der etwas aus unserem Keller abholen will. Es herrscht ein merkw\u00fcrdiger Abstand zwischen uns. Nicht nur r\u00e4umlich, sondern auch emotional\u2026 Wir haben uns seit drei Monaten nicht gesehen. Und auch er scheint sich ver\u00e4ndert zu haben\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>25.4.20<\/p>\n<p>Meine Schwester m\u00f6chte demn\u00e4chst zu Besuch nach M\u00fcnchen kommen. Ihr f\u00e4llt zu Hause die Decke auf den Kopf. Wir \u00fcberlegen gemeinsam unter welchen \u201eAuflagen\u201c sie zu uns kommen k\u00f6nnte\u2026 Aber es scheint mir alles total unsicher zu sein. Bahnfahren mit Mundschutz, aber mit welchem triftigen Grund? Soll sie dann erstmal in Quarant\u00e4ne, wenn sie hier ankommt? Kann sie hier auch andere Leute treffen? Inwiefern m\u00fcssen unsere Eltern gesch\u00fctzt werden? Fragen \u00fcber Fragen und Entscheidungen, die man ins Blaue hineintreffen muss\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die Gegenwart aus der Zukunft herausdenken wie Otto Scharmer mit seiner Theorie U so sch\u00f6n sagt.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend telefoniere ich mit einer alten Freundin. Sie arbeitet in einer Initiative f\u00fcr Nachhaltigkeit und Klimawandel. Ihr diesj\u00e4hriges Aktionsmotto ist \u201eSystemwandel\u201c\u2026 wie passend! Wir spinnen gemeinsam an Ideen und L\u00f6sungen wie so ein neues \u201eSystem\u201c aussehen k\u00f6nnte in der Post-Corona-Zeit\u2026 Gleichzeitig versuchen wir uns auch selbst darin vorzustellen. Wir sind uns einig, dass wir jetzt gerade was auf die Beine stellen m\u00fcssen. Einfach ins Blaue hinein! Die Gegenwart aus der Zukunft herausdenken wie Otto Scharmer mit seiner Theorie U<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> so sch\u00f6n sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>26.4.20<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich beobachte ich wieder mehr Flugzeuge am Himmel und nehme mehr Autol\u00e4rm wahr. Das fr\u00fchere Leben kommt langsam zur\u00fcck\u2026 Aber ich wei\u00df noch nicht, was aus meinem fr\u00fcheren Leben wieder zur\u00fcckkommt\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag machen wir einen Ausflug mit dem Rad zu einem Krautgarten in der N\u00e4he. W\u00e4re nicht so ein Gemeinschaftsgarten das Projekt der Stunde? Im Freien, mit gen\u00fcgend Abstand an der frischen Luft, soziale Klassen und transkulturell verbindend? K\u00f6rperlich die Digitalisierung ausgleichend?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>27.4.20<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig treffe ich den Nachbarn mit seiner Tochter von nebenan. Ich frage wie es ihnen so geht. Er und seine Frau konnten bis jetzt nicht arbeiten \u2013 sie ist Verk\u00e4uferin und er hat eine Vorerkrankung\u2026 Ihm f\u00e4llt die Decke auf den Kopf und er wei\u00df nicht wann er jemals wieder arbeiten gehen kann. Er macht sie auch Sorgen um seine Tochter, die nicht in den Kindergarten kann und so ihr Deutsch wieder verlernt\u2026 Ich erz\u00e4hle ihm von unserer Situation. Aber ich kann ihm momentan auch nicht so wirklich anbieten, die Kinder zusammen spielen zu lassen\u2026Am Ende frage ich ihn noch, ob wir uns das Rad seiner Tochter mal zum Ausprobieren ausleihen d\u00fcrfen. Es ist ein guter Zeitpunkt, um jetzt das Fahrradfahren zu \u00fcben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Auch f\u00e4llt mir diese pl\u00f6tzliche physische N\u00e4he schwer\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ist vor der Garage im Hof gro\u00df was los! Mehrere Nachbar*innen mit ihren Kindern laufen spielend umher, es werden Dinge repariert, Sache \u00fcber Ebay Kleinanzeigen verkauft etc. Ich bin verwundert und verdutzt\u2026 Vor zwei Wochen noch sind alle voreinander im Hausgang geflohen\u2026 Jetzt scheinen alle nur noch wenig Ber\u00fchrungs\u00e4ngste zu haben\u2026 Einerseits sch\u00f6n, denn alle scheinen den Kontakt zu brauchen, aber mir schwant da \u00dcbles in naher Zukunft, wenn alle jetzt so lasch mit dem Abstand umgehen wie hier\u2026 Auch f\u00e4llt mir diese pl\u00f6tzliche physische N\u00e4he schwer\u2026 Es \u00fcberfrachtet meine Sinne. Mir fehlen diese physischen Kontakte nicht wirklich, da ich ja jeden Tag skype, telefoniere oder bei Zoom Leute treffe.<\/p>\n<p>Am Abend erfahre ich, dass meinem Mann jetzt auch Kurzarbeit droht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>28.4.20<\/p>\n<p>Heute fand die zweite Ballettstunde auf Zoom mit meiner Tochter statt. Letztes Mal war es noch eine lustige Erfahrung, jetzt war es nur noch nervig\u2026 Die Bildqualit\u00e4t war schlecht, die Tonqualit\u00e4t war schlecht, ein totales Durcheinander\u2026 Sehr schade \u2013 die Kompetenz der Tanzlehrerin ist das eine, die Qualit\u00e4t der digitalen Umsetzung das andere.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen war ich mit meiner Tochter im Stadtteil spazieren und habe w\u00e4hrenddessen und danach so eine tiefe Stille und Ruhe im Inneren empfunden. Herrlich!<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ja eine meiner Schwestern aus einem anderen Bundesland zum Geburtstag meiner Tochter nach M\u00fcnchen anreisen\u2026 Vor ein paar Wochen noch w\u00e4re das noch gar nicht zur Debatte gestanden. Jetzt war es ein Riesending\u2026 Wir haben hin und her \u00fcberlegt, aber da bis 10.5. in Bayern weiter die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen gelten, darf man ja auch nicht Verwandte besuchen. Und die Polizei kontrolliert in den Z\u00fcgen\u2026 Sie kommt jetzt wann anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Es scheint eine Ewigkeit zwischen unserem letzten Kontakt zu liegen und es kommt mir so vor als trennen uns pl\u00f6tzlich Welten.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter rufe eine alte Bekannte mit Kindern in einem anderen Stadtteil an\u2026 Es scheint eine Ewigkeit zwischen unserem letzten Kontakt zu liegen und es kommt mir so vor als trennen uns pl\u00f6tzlich Welten.<\/p>\n<p>Mein Mann traf sich am Abend mit seiner M\u00e4nnerrunde, die sich mittlerweile w\u00f6chentlich auf Zoom zum Feierabendbier trifft. Aber heute war die Luft dicke \u2013 mehrere haben Kurzarbeit bekommen und stritten sich \u00fcber das Thema Geld.<\/p>\n<p>Auch die Kolleg*innen von meinem Mann hat es getroffen\u2026 Er als Betriebsleiter ist noch nicht davon betroffen, aber seine Angestellten\u2026 Es sind harte Einschnitte und die Stimmung ist schlecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>So nehmen wir den \u201eBlockwarten\u201c den Wind aus den Segeln.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>29.4.20<\/p>\n<p>Heute haben meine Tochter und ich nach fast zwei Monaten wieder die U-Bahn benutzt. Masken, Absperrb\u00e4nder und Hinweistafeln \u00fcberall\u2026 Platz ohne Ende in der U-Bahn\u2026 Es war wie eine kleine R\u00fcckkehr in die alte Normalit\u00e4t. Meine Tochter tr\u00e4gt jetzt auch immer eine Stoffmaske \u2013 mit dem gleichen Bl\u00fcmchenmuster wie ich \u2013 und es entlastet mich ungemein. So kann keiner was Bl\u00f6des sagen, wenn sie umherspringt. So nehmen wir den \u201eBlockwarten\u201c den Wind aus den Segeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wie sehr doch auch dem \u00f6ffentlichen Raum das unbeschwerte Lachen der Kinder fehlt\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nIm B\u00e4cker trafen wir eine Nachbarin, die eine Tochter mit einer geistigen Behinderung hat, die in einer betreuten Wohngemeinschaft mit Studierenden zusammenwohnt. Seit der Corona-Krise darf sie nicht mehr besucht werden. Und auch die Studierenden d\u00fcrfen zum Schutz der Bewohner*innen nicht mehr raus\u2026<\/p>\n<p>Auf unserem R\u00fcckweg hat es sich meine Tochter nicht nehmen lassen an einem nahen Brunnen ausgiebig zu spielen. Die lange Spielplatzabstinenz macht ihr langsam zu schaffen\u2026 Wie sehr doch auch dem \u00f6ffentlichen Raum das unbeschwerte Lachen der Kinder fehlt\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>30.4.20<\/p>\n<p>Am Vormittag schreibe ich meiner betreuenden Person an der Universit\u00e4t eine Nachricht, dass sich meine Forschung verz\u00f6gert, weil ich mit Kind im Home-Office arbeite. Ich frage die Person wie die Lage bei ihr ist?<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich zu einem Supermarkt in der N\u00e4he, der in einer Ecke liegt, die weniger gut betucht ist. Alle gehen zwar mit Maske einkaufen, aber es scheint mir drinnen noch mehr Chaos zu herrschen als sonst. Die G\u00e4nge sind zugestellt und es ist furchtbar eng\u2026<\/p>\n<p>Mit einer Bekannten verabrede ich mich zum Telefonieren. Wir tauschen uns \u00fcber das Arbeiten mit Kind im Home-Office aus. Beide sind wir genervt davon, dass es bei all den Diskussionen nur um den Handel und die Wirtschaft geht. Aber wer denkt an die Eltern und die Rechte von Kindern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1.5.20<\/p>\n<p>Heute ist Tag der Arbeit, zum ersten Mal ohne Demos\u2026 Eigentlich ist dieser Tag ja wichtiger denn je und man sollte in f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre in \u201eTag der Kurzarbeit\u201c umbenennen.<\/p>\n<p>Am Vormittag treffen wir uns mit Freunden und deren Kindern zum Wei\u00dfwurstfr\u00fchst\u00fcck auf Zoom. Es ist lustig und wir genie\u00dfen das Beisammensein. Aber es ist auch anstrengend. Alle haben einen gro\u00dfen Mitteilungsbedarf und reden wild durcheinander, auch die Kinder. Zoom hat dabei die Angewohnheit immer die Person auf den Hauptbildschirm zu nehmen, die gerade redet. Uff\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die Krise, so scheint es mir, war auch vorher hier schon eine Krise.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang in unserer Stra\u00dfe und kommen an drei leerstehenden L\u00e4den vorbei. Alle drei haben w\u00e4hrend der Corona-Krise schlie\u00dfen m\u00fcssen\u2026 Es sieht gespenstisch aus\u2026 Sind das die ersten Vorboten? Aber wenn ich ehrlich bin, wer ist schon noch in diese L\u00e4den gegangen und hat dort eingekauft? Niemand wirklich mehr, au\u00dfer ein paar alten Menschen, die nicht mehr soweit laufen konnten. Es waren schon vor der Krise L\u00e4den (ein Schreibwarenladen, ein K\u00fcchenger\u00e4teh\u00e4ndler und ein Kiosk) die damals kein Gesch\u00e4ft mehr gemacht haben. Zu sehr hat das gro\u00dfe Shoppingcenter die Kund*innen abgezogen\u2026 Hier gab es keine Solidarit\u00e4tsaktionen mit den L\u00e4den oder \u00e4hnliches\u2026 Sie haben einfach still und klanglos geschlossen und keiner wird sie vermissen\u2026<\/p>\n<p>Mit diesen Eindr\u00fccken im Hinterkopf spaziere ich mit meiner Tochter weiter. Dieser Teil unseres Stadtteils wird mir immer fremder \u2013 wir entdecken einen kleinen Pfad durch ein nicht mehr gepflegtes Biotop\u2026 Fr\u00fcher waren hier mal Teiche und Fr\u00f6sche. Jetzt liegt hier Sperrm\u00fcll und Abfall. Wir folgen dem Pfad und kommen an einer unbekannten Stelle wieder heraus. Das Fremdheitsgef\u00fchl begleitet uns auf dem Nachhausweg\u2026 Die Krise, so scheint es mir, war auch vorher hier schon eine Krise. Was wird dann erst in ein paar Monaten sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.5.20<\/p>\n<p>Heute kam unser neues Bett an. Endlich ein qualitativ hochwertiges! Wir haben lange daf\u00fcr gespart und die Jahre des unbequemen Liegens sind hoffentlich vorbei.<\/p>\n<p>Ich habe das Angebot in einem neuen Zwischennutzungsraum im Stadtteil weiterzuarbeiten. Die Gruppe an K\u00fcnstler*innen, Wissenschaftler*innen und Kreativen trifft sich per Zoom zum gemeinsamen Gespr\u00e4ch. Viele sind in einer prek\u00e4ren Lage und haben keinerlei Auftr\u00e4ge mehr. Sie k\u00f6nnen sich gerade noch so dieses Zwischennutzungsb\u00fcro leisten. Viele wollen sich sogar einen Arbeitsplatz teilen\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Die Krise ist schon da \u2013 am unteren Ende unserer Stra\u00dfe.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe wieder bei NARMO einkaufen und es sind seltsame Szenen. Menschen mit Reisekoffern, die sich mit Essen eindecken, andere haben sich notd\u00fcrftig einen Schal um die Nase gebunden, viele sind mit kaputten Schuhen und zerrissenen Jacken unterwegs. Misstrauische Blicke, Tristesse, Misere\u2026 Die Lage scheint sich binnen weniger Tage verschlechtert zu haben. Wie geht es den Menschen in dem riesigen Arbeiterwohnheim nebenan? Die Krise ist schon da \u2013 am unteren Ende unserer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>3.5.20<\/p>\n<p>Nachmittags dreht meine Tochter jetzt \u00f6fters mit dem Fahrrad eine Runde. Und es ist immer einiges los im Innenhof vor der Garage. Es wird Ger\u00fcmpel entsorgt, M\u00f6bel gebaut, Pflanzen gepflanzt und und und&#8230; Ist das hier eine neue Art von Solidarit\u00e4t? Eine andere als in gehobenen Mittelschichtsvierteln? Herzst\u00fcck dieser ganzen Aktionen ist unser Hausmeister, der w\u00e4hrend der Krise seinen Job verloren hat und jetzt immer an Haus und Hof werkelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4.5.20<\/p>\n<p>Ich bin im Aufr\u00e4umfieber und nehme mir eine Ecke der Wohnung vor, die dringend aufger\u00e4umt und aussortiert werden muss. Ich bin wie im Flow und bald ist alles ordentlich.\u00a0 Kurz denke ich dar\u00fcber nach was ich alles in meinem und unseren Alltag ver\u00e4ndert habe\u2026 Es sind vor allem kleine und subtile Dinge\u2026 Aber ganz klar die neue Normalit\u00e4t ist schon zur allt\u00e4glichen f\u00fcr uns geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5.5.20<\/p>\n<p>Heute waren wir seit Monaten mal wieder beim Kinderarzt. Diese Vorsorgeuntersuchung wurde lange vorbereitet. Mit einem extra Telefonat mit Vorfeld. Dort angekommen gibt es keinen Wartebereich mehr, nur die Schlange vor dem Anmeldeschalter \u2013 alles nat\u00fcrlich mit Spuckschutz ausgestattet. \u00dcberall h\u00e4ngen Desinfektionsmittel herum. Allen Ernstes soll ich meiner vierj\u00e4hrigen Tochter eine Urinprobe abnehmen\u2026 Ich muss mit dem Becher in der Klosch\u00fcssel herumhantieren\u2026 Es ist grauenvoll und das zu Coronazeiten!<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck akzeptiert meine Tochter die Masken und so ist auch der Arzt mit Maske, der die Untersuchung vornimmt, kein Problem. W\u00e4hrend der Untersuchung erscheint mit der Umgang mit den Kindern unver\u00e4ndert zu sein. Wie sch\u00f6n, dass hier noch ganz unverkrampft mit den Kindern umgegangen wird. Der Arzt erz\u00e4hlt mir, dass er am Wochenende heiraten wird\u2026. Ich kommentiere, dass das ja dann etwas ganz Besonderes werden wird. So was bleibt noch mehr in Erinnerung\u2026 Ich wei\u00df nicht, ob er meinen Kommentar so toll findet\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir haben uns eingerichtet in der neuen Normalit\u00e4t.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Mittag schaue ich mir die Pressekonferenz<a style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\" href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> \u00fcber die sogenannten \u201eExit-Strategien\u201c in Bayern an. Es scheint mir alles viel zu schnell zu gehen\u2026 Klar verstehe ich, dass sonst noch viel mehr bankrottgehen wird. Aber f\u00fcr mich pers\u00f6nlich h\u00e4tte es so weiter gehen k\u00f6nnen. Wir haben uns eingerichtet in der neuen Normalit\u00e4t. Sp\u00e4ter diskutieren mein Mann und ich, was wir mitnehmen wollen von der neuen Realit\u00e4t in die Alte\u2026<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich mit meiner Tochter zum MD einkaufen. Sie hat schlechte Laune und tobt im Markt, weil sie etwas nicht bekommt. Als sie sich schlussendlich die Maske vom Gesicht rei\u00dft, rei\u00dft mir der Geduldsfaden und ich sehe mich nicht mehr in der Lage weiter mit ihr einzukaufen. Was mache ich denn mit einem Rotz und Wasser heulenden Kleinkind an der Kasse? Ich verlasse ohne Eink\u00e4ufe den Laden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Corona-Tagebuch vom 6.5.-15.5.20<\/strong><\/p>\n<p>6.5.20<\/p>\n<p>Langsam beginnen wieder Vereinssitzungen und andere Treffen stattzufinden. Meine Mutter berichtet von einem Treffen ihrer Partei. Alle sa\u00dfen bei der Diskussionsrunde alleine an einem Tisch mit jeweils zwei St\u00fchlen Abstand und zus\u00e4tzlich mit Mundschutz. Meine Mutter meinte, sie haben dadurch sehr wenig verstanden, weil alle so nuscheln hinter ihren Masken und einfach zu leise sprechen.<\/p>\n<p>Auch ich habe bemerkt wie schwer es mir f\u00e4llt, die Kassier*innen hinter den Plexiglasw\u00e4nden im Supermarkt zu verstehen. Au\u00dferdem kann ich die Reaktionen der Leute viel weniger gut einordnen, da ich ihre Mimik nicht sehe. Daf\u00fcr achte ich jetzt mehr auf die Augen der Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute haben die Spielpl\u00e4tze wieder er\u00f6ffnet und wir waren zum ersten Mal wieder dort. Ich war geschockt wie viele Kinder und Eltern sich gemeinsam dort tummelten\u2026 Wir haben lieber noch etwas gewartet bis weniger los war. Denn schlie\u00dflich wollten wir am Wochenende zum Geburtstag unserer Tochter die Eltern von meinem Mann sehen, denen es gesundheitlich nicht besonders gut geht. Wollen wir die wieder treffen so m\u00fcssen wir uns weiterhin sch\u00fctzen, um sie nicht zu gef\u00e4hrden\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wollen wir die wieder treffen so m\u00fcssen wir uns weiterhin sch\u00fctzen, um sie nicht zu gef\u00e4hrden\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>7.5.20<\/p>\n<p>Ich brauche unbedingt einen Friseurtermin, aber \u00fcberall wo ich anrufe muss ich mindestens zwei Wochen auf einen Termin warten. Ich \u00fcberlege eine unserer Nachbarinnen zu fragen, die auch Friseuse ist. Aber ihre Tochter erz\u00e4hlt mir, dass sie momentan 10-Stunden-Schichten schieben muss und nur einen Tag in der Woche frei hat\u2026 Da warte ich lieber noch ein bisschen und schneide meine Haare nochmal selbst\u2026<\/p>\n<p>Eine andere Nachbarin r\u00e4umt flei\u00dfig Dinge aus der Wohnung und stapelt sie vor dem Haus. Sie sieht geschafft aus und nervlich am Ende. Ich erinnere mich wie wir vor vier oder sechs Wochen geratscht hatten. Da war sie noch guter Dinge. Doch die zur\u00fcckliegenden Wochen scheinen an ihr gezehrt zu haben. Aber sie hat wieder Hoffnung, da sie jetzt endlich ihren Laden wieder aufmachen kann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Mittagspause h\u00f6ren wir pl\u00f6tzlich lautes Kindergeschrei von drau\u00dfen. Es ist seltsam, dass es drau\u00dfen wieder so laut ist nach Wochen der \u00f6ffentlichen Ruhe und Stille. Der Kindergarten von gegen\u00fcber hat offensichtlich drei Kinder in der Notbetreuung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>8.5.20<\/p>\n<p>Eine Freundin fr\u00e4gt mich, ob ich mit zur Demo am Tag der Befreiung gehen m\u00f6chte. Eine seltsame Frage in Corona-Zeiten\u2026 Die Demo soll mit 1,5 Meter Abstand und Mundschutz stattfinden. Die Leichtigkeit mal eben auf eine Demo zu gehen, scheint mir dahin zu sein. Jetzt bedarf es sorgf\u00e4ltiger Planung und Abw\u00e4gung. Man muss sich quasi richtig darauf vorbereiten. Aber ich bin an diesem Tag alleine mit meiner Tochter und kann sie nicht mitnehmen. Welches Kind achtet schon auf die 1,5 Meter Abstandsregelung?<\/p>\n<p>Heute erz\u00e4hlte mir unsere Tochter wie alleine und einsam sie sei\u2026 Das war die Wochen davor kein Thema. Damals wollte sie auch nie mehr in den Kindergarten zur\u00fcckgehen. Doch jetzt scheint sie pl\u00f6tzlich keine gro\u00dfe Freude mehr zu Hause zu haben\u2026 Alle Spielsachen sind durchgespielt, alle B\u00fccher ausgelesen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wie ungewohnt alles ist\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>9.5.20<\/p>\n<p>Wir laden das Nachbarsm\u00e4dchen zum Spielen am Nachmittag ein. Was auch eine Premiere ist, da wir sonst nicht viel miteinander zu tun hatten. Au\u00dferdem ist es unser erstes Treffen mit anderen Kindern seit zwei Monaten. Wie ungewohnt alles ist\u2026. Vorsichtshalber messen wir vor dem Treffen Fieber\u2026 sicher ist sicher\u2026 Kurz spielen die Kinder miteinander, dann streiten sie sich furchtbar und machen die Wohnung zum Schlachtfeld\u2026 Ob sich da die Spannung der letzten Monate abgebaut hat?<\/p>\n<p>Morgen hat unsere Tochter Geburtstag. Obwohl man jetzt bis zu drei andere Familien treffen darf, wollen wir keine Feier mit Kindern machen \u2013 zum Schutze der Gro\u00dfeltern, die sich angek\u00fcndigt haben. Daf\u00fcr schreibe ich allen Eltern von ihren Freund*innen, ob sie uns nicht ein sch\u00f6nes Geburtstagsvideos schicken wollen als Ersatz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Alles ist seltsam.<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>10.5.20<\/p>\n<p>Heute ist der Geburtstag unserer Tochter. Es ist ein sch\u00f6ner, aber gleichsam seltsamer\u2026 Keine Kinderfeier mit Topfschlagen und Gewusel\u2026 Unsere Tochter ist traurig\u2026 Da helfen auch die beiden Feiern mit den jeweiligen Gro\u00dfeltern nichts\u2026 Alles ist seltsam. Immerhin gr\u00fc\u00dfen die Kinder von den Videos. Denn wir mussten feststellen Videos sind besser als Videotelefonate\u2026 das klappt mit den Kleinen irgendwie noch nicht. Meine Schwiegereltern treffen wir auch nach langer Zeit wieder das erste Mal \u2013 die Stimmung ist freudig, aber auch bedr\u00fcckt\u2026 Denn es gibt, obwohl wir uns wiedersehen k\u00f6nnen leider keine Hoffnung auf ein baldiges Verschwinden des Virus\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: auto 0px; padding: 0px 50px; font-size: 24px; float: left; text-align: center; line-height: 1.5em;\"><strong style=\"font-size: 40px; float: left; font-weight: normal;\">&#8222;<\/strong>Wir haben uns ver\u00e4ndert. Nicht nur die Haare sind l\u00e4nger geworden\u2026<strong style=\"font-size: 40px; font-weight: normal;\">\u201d<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>11.5.20<\/p>\n<p>Heute treffen wir zum ersten Mal wieder eine befreundete Familie mit deren Kindern! Wir freuen uns sehr! Aber die neuen Umgangsregeln mit Abstand ohne Umarmungen sind noch nicht eingespielt. Der erste Satz der Familie, als wir gemeinsam unsere Wohnung betreten, ist \u201eAch, trautes Heim!\u201c. Es ist vertraut und anders zugleich. Wir haben uns ver\u00e4ndert. Nicht nur die Haare sind l\u00e4nger geworden\u2026 Wir tauschen uns dar\u00fcber aus, welche Priorit\u00e4ten wir jetzt setzen? Wir haben alle entschleunigt und festgestellt was wir wirklich brauchen, um gl\u00fccklich zu sein. Die Kinder tollen herum und sind die gl\u00fccklichsten Kinder der Welt! Zwei Stunden lang h\u00f6ren und sehen wir sie nicht. Sie sind ganz im Spiel versunken.<\/p>\n<p>Wir planen einen kleinen gemeinsamen Urlaub ins M\u00fcnchner Umland zu Pfingsten. Fr\u00fcher haben wir dabei immer \u00fcber die deutschen Grenzen hinweggedacht\u2026 Jetzt sind wir froh mal wieder unsere Stadtteile und M\u00fcnchen verlassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>12.5.20<\/p>\n<p>Ich habe im Stadtteil einen neuen Arbeitsplatz in einem neuen Zwischennutzungsprojekt bezogen. Eine Gruppe von K\u00fcnstler*innen, Theaterleuten und Wissenschaftler*innen ziehen zusammen in ein leerstehendes Geb\u00e4ude. Unser erstes Pr\u00e4senztreffen findet mit Masken statt im gro\u00dfen Kreis. Das Treffen wirkt unbeholfen und es wird nichts wirklich entschieden. Da treffen wir uns lieber weiter per Zoom. Das klappt gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>13.5.20<\/p>\n<p>Auch heute war ich wieder im neuen Zwischennutzungsb\u00fcro. Es tut einfach gut wieder unter Leuten zu sein und ein St\u00fcck \u201eArbeitsnormalit\u00e4t\u201c einkehren zu lassen\u2026 Das hat mir doch gefehlt \u2013 so gem\u00fctlich es zu Hause auch war\u2026 Ich unterhalte mich mit einer K\u00fcnstlerin, die auch kleine Kinder hat \u00fcber die psychischen Auswirkungen auf diese. Sie berichtet von Einsamkeit, \u00c4ngsten und Einn\u00e4ssen ihrer Kinder. Das kann ich nur best\u00e4tigen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>14.5.20<\/p>\n<p>Ich will in mehrere kleine Gesch\u00e4fte und Dienstleister im Umkreis gehen und stehe immer wieder vor verschlossenen T\u00fcren, weil die Inhaber*innen die \u00d6ffnungszeiten spontan ge\u00e4ndert haben\u2026 Da h\u00e4ngt dann zumeist einfach nur ein Zettel im Schaufenster\u2026<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich ein riesiges Schild im Fenster vom Elterntreff nebenan. \u201eWir vermissen euch!\u201c hei\u00dft es dort. Er darf immer noch nicht \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>15.5.20<\/p>\n<p>Jeden Tag war ich bis jetzt in meinem neuen B\u00fcro. Nach knapp einer Woche scheint es mir schon eine feste Routine zu sein. Dabei f\u00e4llt mir auf wie leicht es mir mittlerweile f\u00e4llt mich in k\u00fcrzester Zeit an eine neue Situation anzupassen. Wie oft haben wir das schon in den letzten Monaten machen m\u00fcssen\u2026 Alle ein bis zwei Wochen \u00e4nderte sich die Situation und wir passten uns an. Aber nicht allen f\u00e4llt das so leicht wie die angek\u00fcndigte Hygiene-Demonstration in M\u00fcnchen morgen mit mehr als 10.000 Menschen zeigt. Das Thema Verschw\u00f6rungstheorien ist gerade sehr pr\u00e4sent und virulent!<\/p>\n<p><em>Ende der Tagebuchaufzeichnungen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Footnotes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Arte (2019): Ansteckungsgefahr. Epidemien auf dem Vormarsch.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/050590-000-A\/ansteckungsgefahr-epidemien-auf-dem-vormarsch-wiederholung-von-2014\/\">https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/050590-000-A\/ansteckungsgefahr-epidemien-auf-dem-vormarsch-wiederholung-von-2014\/<\/a>\u00a0 [25.03.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> NDR (2019): Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten. Podcast.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4684.html\">https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4684.html<\/a> [30.7.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Gl\u00e4ser, Waldtraud (2020): Woher kommt der Begriff \u201eVUCA\u201c. In: VUCA Blog.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.vuca-welt.de\/woher-kommt-vuca-2\/\">https:\/\/www.vuca-welt.de\/woher-kommt-vuca-2\/<\/a>\u00a0 [31.07.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> BR24 Live (30.03.2020):\u00a0 Corona-Beschr\u00e4nkungen &#8211; S\u00f6der zieht Bilanz.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/mo-corona-beschraenkungen-soeder-informiert-ueber-naechste-schritte,RufPWzL\">https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/mo-corona-beschraenkungen-soeder-informiert-ueber-naechste-schritte,RufPWzL<\/a> [31.07.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> BR24Live (16.04.2020): Corona-Exit. S\u00f6der will langsamer vorgehen.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/corona-exit-ministerpraesident-soeder-will-langsamer-vorgehen,RwGB1OY\">https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/corona-exit-ministerpraesident-soeder-will-langsamer-vorgehen,RwGB1OY<\/a> [31.07.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Sekuoia (12.02.2015): Waves.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UqwZndiOatk&amp;list=RDKZbvC1ypubE&amp;index=7\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UqwZndiOatk&amp;list=RDKZbvC1ypubE&amp;index=7<\/a>\u00a0 [21.04.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Scharmer, Otto (2019): Essentials der Theorie U. Grundprinzipien und Anwendung. Auer-System-Verlag.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> BR (05.05.2020): Bayern beschlie\u00dft Lockerungen f\u00fcr Schulen, Kitas, Gastronomie.<\/p>\n<p>URL: <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/schulen-kitas-gastro-soeder-praesentiert-lockerungsplan,Ry5sQdJ\">https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/schulen-kitas-gastro-soeder-praesentiert-lockerungsplan,Ry5sQdJ<\/a> [31.07.2020]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false},"tags":[451,356,357,358,366,434,450],"autor":[449],"class_list":["post-6245","curarecoronadiaries","type-curarecoronadiaries","status-publish","hentry","tag-munich","tag-march","tag-april","tag-may","tag-germany","tag-deutsch","tag-munchen","autor-klara-perle"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare\/6245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/curare"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/curarecoronadiaries"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6245"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=6245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}