{"id":10940,"date":"2023-06-13T07:00:10","date_gmt":"2023-06-13T05:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=capitalism&#038;p=10940"},"modified":"2023-06-13T19:15:52","modified_gmt":"2023-06-13T17:15:52","slug":"kapitalismuskritik-als-sprachmagie","status":"publish","type":"capitalism","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/researchingcapitalism\/kapitalismuskritik-als-sprachmagie\/","title":{"rendered":"Kapitalismuskritik als Sprachmagie"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism\/10940?pdf=10940\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism\/10940?pdf=10940\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Im August 2019 besuchte ich in Nairobi eine Veranstaltung mit dem klangvollen Titel <i>Why does nobody speak about capitalism in Kenya? <\/i>Die Veranstaltung war das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem Politikwissenschaftler J\u00f6rg Wiegratz, den ich kurz zuvor in Nairobi kennengelernt hatte, und der Nichtregierungsorganisation<i> <\/i><a href=\"https:\/\/www.matharesocialjustice.org\/\"><i>Mathare Social Justice Center<\/i><\/a>, die sich erfolgreich um die Belange kenianischer Slumbewohner*innen k\u00fcmmert, indem sie auf Polizeibrutalit\u00e4t und andere, h\u00e4ufig auch \u00f6konomische, Probleme aufmerksam macht. Zwischen Postern von afrikanischen B\u00fcrgerrechtlern, Widerstandsk\u00e4mpfern und Kapitalismuskritikern wie Thomas Sankara und Steve Biko sitzend erkl\u00e4rten uns zwei \u00e4ltere indisch-st\u00e4mmige Kenianer, die recht schnell die Diskussion an sich gerissen hatten, wie es um die kenianische Arbeiterklasse steht und warum in Kenia niemand \u00fcber Kapitalismus spricht. Nach mehreren Stunden, aber ohne gro\u00dfen Erkenntnisgewinn, verlie\u00df ich die Veranstaltung recht ern\u00fcchtert und kehrte nach Pipeline zur\u00fcck, eine Hochhaussiedlung im Osten Nairobis, in der es trotz vieler sozialer und \u00f6konomischer Probleme keine einzige NGO gibt, da es sich bei den endlosen Plattenbauten nicht um \u201eSlums\u201c im engeren Sinn handelt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Kurz bevor ich meine Wohnung in Pipeline erreichte, sah ich zuf\u00e4llig meine kenianischen Freunde Paul, Samuel und Patrick, die sich auf einer Bank sonnten. Sie fragten mich, woher ich kam und nachdem ich wahrheitsgem\u00e4\u00df geantwortet hatte, brachen alle drei in schallendes Gel\u00e4chter aus. Sie hatten nicht erwartet, dass Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen sich mit so etwas Banalem wie dem Kapitalismus besch\u00e4ftigen w\u00fcrden. F\u00fcr die drei Arbeitsmigranten aus Westkenia war die Frage, warum niemand \u00fcber Kapitalismus spricht, daher schnell beantwortet: Es spricht niemand \u00fcber Kapitalismus, weil es nichts zu sagen gibt. Der Kapitalismus sei, wie andere nat\u00fcrliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, nun einmal Realit\u00e4t. Nachdem ich zwischen 2019 und 2022 \u00fcber zwei Jahre in Pipeline damit verbracht hatte zu verstehen, warum m\u00e4nnliche Binnenmigranten in Nairobi ihre Probleme vorrangig als ausgel\u00f6st von den Erwartungen ihrer intimen Anderen \u2013 romantische Partnerinnen oder d\u00f6rfliche Verwandte \u2013 begreifen, und weniger als durch ein ungerechtes Wirtschaftssystem hervorgebracht, \u00fcberraschte mich ihr Desinteresse am Kapitalismus nicht. Nach erneuter Lekt\u00fcre des von Laura Bear, Karen Ho, Anna Tsing und Sylvia Yanagisako verfassten <i>Gens: A Feminist Manifesto for the Study of Capitalism<\/i> stellte ich mir jedoch die Frage, ob das Manifest Paul, Samuel und Patrick dabei helfen k\u00f6nnte, die Entstehung, Logik und Wirkm\u00e4chtigkeit des Kapitalismus zu verstehen beziehungsweise, ob das Manifest mich dabei unterst\u00fctzen k\u00f6nnte, das Interesse der drei Arbeitsmigranten am Kapitalismus zu wecken.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-10941\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1-690x920.png\" alt=\"\" width=\"690\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1-690x920.png 690w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1-1080x1440.png 1080w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1-1152x1536.png 1152w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1.png 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Schmidt-Illustration-1-690x920@2x.png 1380w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><figcaption>\n<p style=\"font-size: 80%; line-height: 125%;\"><em>Hochhausschlucht in Pipeline.<\/em><\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Antwort auf diese Fragen l\u00e4sst sich recht schnell geben. <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/researchingcapitalism\/gens\/\">Das Manifest<\/a> versucht in einer unzug\u00e4nglichen Sprache, eine Bestandsaufnahme des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus und der M\u00f6glichkeiten einer Kapitalismuskritik zu geben. Dies geschieht in einer f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Ethnologie \u00fcblichen Art, indem der Kapitalismus als heterogenes Ph\u00e4nomen portr\u00e4tiert wird. Er entziehe sich jeder Definition, fliehe jeder n\u00e4heren Bestimmung, und sei weder durch eine bestimmte Struktur oder Logik noch durch einen besonderen Entwicklungsmechanismus gekennzeichnet. Die pr\u00e4ziseste Ann\u00e4herung an den Kapitalismus, die das Manifest anbietet, ist die des Kapitalismus als \u201evielf\u00e4ltiges, intimes Netzwerk aus menschlichen und nicht-menschlichen Beziehungen\u201c. Eine derart offene Begriffsbestimmung, die bis auf einige Andeutungen, dass der Kapitalismus auch irgendwie etwas mit \u201aaccumulation\u2018, \u201aproduction\u2018 und \u201alabor\u2018 zu tun habe, nicht weiter pr\u00e4zisiert wird, hat den Vorteil, dass sie letztlich auf nahezu alles angewandt werden kann. Es ist hier nicht mehr der Kapitalismus, der totalisierend wirkt, sondern die Definitionsm\u00fcdigkeit seiner Kritiker*innen. Das Manifest scheint mir daher nicht aufgrund einer pr\u00e4zisen Programmatik wissenschaftlich anschlussf\u00e4hig, sondern aufgrund der Fokussierung auf \u201aflexible\u2018 und \u201agenerative\u2018 Begriffe und Konzepte. Diese Fokussierung erm\u00f6glicht es der Ethnologie als Disziplin, weiterhin vorrangig Artikel zu publizieren, die Begriffe zerlegen anstatt sich an tats\u00e4chlichen Fragestellungen und Problemen der Menschen, mit denen wir als Ethnologen oft jahrelang zusammenleben, abzuarbeiten, um im Anschluss daran, Begriffe zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also laut Paul, Samuel und Patrick niemand \u00fcber Kapitalismus spricht, weil es nichts zu sagen gibt, vermeidet die Ethnologie \u00fcber die Struktur und die innere Logik des Kapitalismus zu sprechen, damit sie weiterhin irgendetwas \u00fcber Kapitalismus zu sagen hat. W\u00e4re die Ethnologie ein Staat, so scheint es, w\u00e4re Kritik am Kapitalismus oberste Staatsr\u00e4son. Inspiriert von feministischer Theorie scheinen die Autorinnen gar nahezulegen, dass das Aufheben von begrifflicher Klarheit, die meiner Ansicht nach nur durch kategorische Unterscheidungen erreicht werden kann, dabei helfen k\u00f6nne, Ungleichheit abzubauen, die, so die Autorinnen \u201egerade durch die Schaffung solch kategorischer Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen menschlichen Handlungen und verschiedenen Akteur:innen generiert wird\u201c. Paul, Samuel und Patrick glauben, dass der Kapitalismus nicht verschwindet, nur weil man \u00fcber ihn spricht. Ethnolog*innen dagegen, als in der empirischen Wirklichkeit gefangene Sprachmagier*innen, glauben, dass der Kapitalismus verschwindet, weil man ihn sprachlich umkreist, immer wieder entwischen l\u00e4sst, und erneut und anders(wo) beschreibt. Wie Magier*innen nur selten wirklich aufzeigen k\u00f6nnen, wo sich denn nun die Zauberkr\u00e4fte befinden und was es mit ihnen wirklich auf sich hat, so sind die zeitgen\u00f6ssischen Kapitalismuskritiker*innen damit zufrieden, raunend und mit begrifflichen W\u00fcnschelruten bewaffnet, die Welt nach dem Kapitalismus abzusuchen. Man wird es schon in den Fingerspitzen f\u00fchlen, wenn man auf etwas Kapitalistisches st\u00f6\u00dft. Brutale Akzeptanz auf der Seite meiner kenianischen Freunde, ein Glaube in die Magie der Sprache auf der Seite ethnologischer Kapitalismuskritiker*innen. Was tun?<\/p>\n<p>Anstatt miteinander den Kapitalismus zu \u201azersprechen\u2018 oder Kapitalismuskritiker*innen aktivistisch zu unterst\u00fctzen, k\u00f6nnte die Ethnologie versuchen, ihren Gespr\u00e4chspartner*innen ein durch Bezug auf lokale Gegebenheiten empirisch ges\u00e4ttigtes Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Genese und Logik des Kapitalismus als historisch gewachsenes, ausbeuterisches System der Mehrwertproduktion und -aneignung zu vermitteln. Mit Bezug auf meine eigene Forschung bedeutete dies (1) <a href=\"https:\/\/developingeconomics.org\/2020\/08\/17\/blog-series-pressure-in-the-global-south-stress-worry-and-anxiety-in-times-of-economic-crisis\/\">lokale Diskurse \u00fcber \u201aStress\u2018 (<i>stress<\/i>) und \u201aDruck\u2018 (<i>pressure<\/i>) ernst zu nehmen<\/a> und analytisch als subjektive Verarbeitung objektiver kapitalistischer und patriarchaler Zwangszusammenh\u00e4nge zu verstehen. In meinem Fall gelang dies durch die Analyse von \u201aDruck\u2018 als Reaktion auf soziale Erwartungen, die m\u00e4nnliche Migranten als qualitativ gerechtfertigt, aber quantitativ ungerechtfertigt konzeptualisieren. Migranten betonten regelm\u00e4\u00dfig, dass sie nur noch etwas mehr Zeit f\u00fcr den eigenen Erfolg br\u00e4uchten und dass die Erwartungen der Partnerinnen und Familienmitglieder, wenn auch grunds\u00e4tzlich legitim, in ihrem Ausma\u00df nun wirklich unrealistisch seien. Durch diese Akzeptanz der Verkoppelung der objektiven Zw\u00e4nge existierender Verwandtschafts- und Geschlechternormen \u2013 der Mann als \u201abreadwinner\u2018 und \u201aprovider\u2018 \u2013 mit den Zw\u00e4ngen eines konsumorientierten Kapitalismus, in dem Akteure vor allem anhand ihres wirtschaftlichen Erfolgs moralisch beurteilt werden, konnten Arbeitsmigranten wie Samuel, Paul und Patrick vermeiden, die vorherrschenden kapitalistischen und patriarchalen Verh\u00e4ltnisse zu kritisieren. Statt Kritik beobachtete ich die Akzeptanz der eigenen Rolle als schlecht bezahlte Tagel\u00f6hner vermischt mit einer Prise Hoffnung, eines Tages doch noch erfolgreich zu sein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Im Anschluss an eine derartige Analyse gilt es (2) die Erkenntnisse in einer Form niederzuschreiben, die den Wechsel der Leserschaft weg von anderen Ethnolog*innen hin zu \u201anormalen\u2018 Menschen nicht nur mantraartig einfordert, sondern auch tats\u00e4chlich durch eine m\u00f6glichst einfache, jedoch klare Stellung beziehende Sprache auch aktiv unterst\u00fctzt. Die in der empirischen Wirklichkeit gefangenen Sprachmagier*innen und Begriffszerst\u00f6rer*innen m\u00fcssen wieder zu ethnographisch inspirierten Begriffshandwerker*innen werden. Da unser einziges Werkzeug tats\u00e4chlich die Sprache ist, sollten wir daher nicht aufgeben, deutliche und klare Begriffe zu finden, die uns und unsere Forschungspartner*innen in die Lage versetzen, die Wirklichkeit besser zu verstehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><em><b>Mario Schmidt<\/b> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung \u201cAnthropology of Economic Experimentation\u201d des Max Planck Instituts f\u00fcr ethnologische Forschung in Halle an der Saale. Dort besch\u00e4ftigt er sich mit den Auswirkungen evidenzbasierter Entwicklungshilfe auf die \u00f6konomischen Lebenswelten westkenianischer Dorfbewohner. Au\u00dferdem arbeitet er an einer Analyse sich ver\u00e4ndernder M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen unter kenianischen Binnenmigranten in Nairobi. Hierzu wird Ende 2023\/Anfang 2024 sein Buch \u201cMigrants and Masculinity in High-Rise Nairobi: The Pressure of Being a Man in an African City\u201d erscheinen (James Currey).<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[136],"class_list":["post-10940","capitalism","type-capitalism","status-publish","hentry","autor-mario-schmidt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism\/10940","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/capitalism"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism\/10940\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10944,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/capitalism\/10940\/revisions\/10944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=10940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}