11/20/18

Mithilfe von Anthropologie Denk- und Verhaltensmuster hinterfragen

Wenn man nach dem „Warum studiert man Anthropologie?“ fragt, ist auch das „Was ist das eigentlich?“ nicht weit. Mit dieser Frage setzt man sich als Anthropologe oder Anthropologin wahrscheinlich sein ganzes Leben lang auseinander, denn einfach abzugrenzen, wie ich es von anderen Wissenschaften behaupten würde, ist dieses Fach nicht – und das verstärkt seinen Charakter. Bevor ich eine Universität je betreten hatte, dachte ich, dass sich Anthropologie vor allem mit indigenen Bevölkerungsgruppen beschäftigt. Doch während des Studiums habe ich festgestellt, dass sie viel mehr als nur das ist. Besonders bei einer Feldforschung in Berlin wurde mir bewusst, dass ethnologische Forschung an jedem Ort und nicht nur bei „den Anderen“ erfolgen kann und dass auch ich Teil verschiedenster Gruppen bin, die ethnologisch durchaus erforschbar wären.

Ich habe dieses Fach gewählt, weil ich mir oft dachte: „Es gibt unzählige Lebensrealitäten und jeder und jede wird in eine solche reingeboren und empfindet diese höchstwahrscheinlich als selbstverständlich und sinnvoll. Wir leben in einer dieser vielen Wirklichkeiten, doch wie sieht es außerhalb davon aus?“ Auf der anderen Seite gibt es viele Berührungspunkte zwischen Menschen unterschiedlichster Prägungen. Jene Neugier, der menschlichen Vielfalt auf den Grund zu gehen, gepaart mit Affinität für Fremdsprachen, macht die Essenz meines Interesses für diese Forschungsrichtung aus.

 

Ethnologische Perspektive heißt für mich vor allem, Muster zu hinterfragen ohne sie zu verurteilen und beim Hinterfragen auf neue Logiken zu stoßen, die für einen selbst nicht zwangsläufig plausibel sein müssen. Ethnologische Perspektive ist eine Art zu fragen und zu verstehen, sich in Kontexte reinversetzen zu können und sie zu reflektieren.

 

Mittlerweile lebe ich in Bolivien. Mich hat das südamerikanische Andenhochland gepackt und ich möchte als Anthropologin vor allem hier tätig werden. Meine Beziehung zu einem Bolivianer könnte schon Gegenstand einer anthropologischen Studie sein, denn bei vielen Konversationen stoßen wir auf die Frage: „Ist das ein kultureller Unterschied, ein persönlicher oder ist es doch beides? Lässt sich das überhaupt voneinander trennen?“ Jene Frage nach der Essenz des Menschen beschäftigt mich auch, wenn ich hier durch die Straßen gehe. Oft frage ich mich: Wie viel von jedem einzelnen ist DNA, wieviel ist Erziehung, wie viele andere äußere Einflüsse durch das Umfeld in Schule/Beruf oder durch Freunde machen uns zu dem, was wir sind.

 

Ich glaube, die Wichtigkeit von Anthropologie wird oft unterschätzt – vielleicht auch, weil sie nicht immer sichtbar ist. Dennoch bin ich mir sicher, dass der Einfluss dieses Fachs enorm sein kann, wenn man die richtigen Konsequenzen zieht. Ich finde den Ansatz von Engaged Anthropology grundlegend für anthropologische Arbeit: Also Wissenschaft nicht der Wissenschaft wegen, sondern fokussiert auf Anwendung, von Bildung bis hin zu Kritik, Provokation und Aktivismus. Hier betritt das Fach den Boden verwandter Disziplinen wie Politikwissenschaft und -praxis. Jene jetzt schon vorhandene Interdisziplinarität wird uns wohl in der Anthropologie verstärkt den Weg in die Zukunft weisen.

 

 

Eva Kirmes machte ihren Bachelor in Sozial- und Kulturanthropologie, Lateinamerikastudien und Portugiesisch an der Freien Universität Berlin und befindet sich im ersten Mastersemester des Studiengangs Interdisziplinäre Lateinamerikastudien derselben Universität. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über Empowermentstrategien und -erfahrungen von Frauen aus den Favelas Rio de Janeiros. Weitere Schwerpunkte sind Religion, Identitätskonstruktionen und Nationalismus. Seit einiger Zeit widmet sie sich bevorzugt dem andinen Raum rund um den Titicaca-See und möchte in ihrer Masterarbeit näher auf Praktiken und Vorstellungen der andinen Kosmovision eingehen.